Ohne MitLeid - Gudrun Lechmann - E-Book

Ohne MitLeid E-Book

Gudrun Lechmann

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Beschreibung

Idyllisch lag das kleine Dorf inmitten des Schwarzwalds.Auch das Leben in diesem Dorf und die Gemeinschaft schienen harmonisch und von gutem Miteinander.Doch Marie, ungewollt und ungeliebt, erlebte dort den Alptraum ihrer Kindheit.Für den strengen Vater trug sie die Schuld seines verkorksten Lebens - und dafür musste sie büßen.In der Mutter findet das Kind keinen Halt und keine Hilfe.Selbstverliebt und gefühlskalt übersieht sie die Qual in Maries Augen.In ihrer krankhaften Eitelkeit ist ihr Leben mehr Schein als Sein und so tut sie alles, die vermeintliche Familienidylle zu wahren.Und so gibt es keine Möglichkeit für das kleine Mädchen, der körperlichen Gewalt und den psychischen Grausamkeiten ihres Vaters zu entkommen.

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Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Buchbeschreibung
Prolog

Impressum

 

Erscheinungsjahr: 2019

 

Covergestaltung: Fiverr – Graphics & Design

 

Digitalvertrieb – Feiyr GmbH Traunstein, Deutschland

 

Gudrun Lenhard

Hermann-Schütz-Straße 20, 71263 Weil der Stadt

 

 

 

Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Buchbeschreibung

 

Idyllisch lag das kleine Dorf inmitten des Schwarzwalds.

Auch das Leben dort und die Gemeinschaft schienen harmonisch und von freundlichem, hilfsbereitem Miteinander.

Doch Marie, ungewollt und ungeliebt, erlebte dort den Alptraum ihrer Kindheit.

Für den strengen Vater trug sie die Schuld seines verkorksten Lebens und dafür musste sie büßen.

In der Mutter findet das Kind keinen Halt und keine Hilfe.

Selbstverliebt und gefühlskalt übersieht sie die Qual in Maries Augen.

In ihrer krankhaften Eitelkeit und übersteigerter Selbstwahrnehmung ist ihr Leben mehr Schein als Sein, doch sie setzt alles daran, nach außen die glückliche Familie zu präsentieren.

So ist das kleine Mädchen der körperlichen Gewalt und den psychischen Grausamkeiten ihres Vaters hilflos ausgesetzt.

Ihre Scham ist auch zu groß, als dass sie sich anderen Menschen anvertrauen kann.

 

Hat Marie eine Chance diesem Martyrium zu entkommen?

 

 

 

 

 

 

 

 

Prolog

 

 

 

Verbissen kämpfte sie gegen den eisigen Wind an, der an ihrer Kleidung zerrte und ihr Tränen in die Augen trieb.

Und dennoch, wäre es nicht so auffallend gewesen, hätte sie am liebsten vor sich hingesungen. Aber sie war auf der Hut. Diese kleinkarierte Dorfgemeinschaft, allesamt waren sie Bauern und in ihren Augen hochnäsig und eingebildet.

Nein, sie würde ihnen keinen Grund liefern, sich die Mäuler zu zerreißen.

Noch früh genug würden sie es erfahren. Diese ehrbaren Bürger, die nichts mit ihrer Familie zu tun haben wollten. Sie passten wohl nicht in deren Vorstellung, was Moral und Sitte anging. Sie gab ja zu, es war schon manchmal peinlich, dass die Liebhaber ihrer Mutter oft nicht sehr viel älter waren als sie selbst.

Sie waren laut und unangenehm im Umgang und so war es nicht verwunderlich, dass man sie mied.

Ohne fundierte Schulbildung war sie, ebenso wie ihre Geschwister, gezwungen, sich als Magd oder Fabrikarbeiterin ihr Geld zu verdienen.

Oh, wie sie diese anderen Mädchen hasste, die so wohlbehütet und fröhlich waren.

Und so wurde sie getrieben, von einem einzigen Gedanken, der sie ausfüllte und sie innerlich zu zerfressen begann.

Eines Tages gehöre ich zu euch, werde ich eine von euch sein.

Dann könnt ihr mich nicht länger ignorieren. Man wird mich freundlich grüßen, vielleicht noch ein kleines Schwätzchen auf der Straße halten und mich zum Sonntagskaffee einladen.

Und so folgte dann jener Samstag, das halbe Dorf vergnügte sich beim Maientanz.

Mit großer Sorgfalt machte sie sich zurecht. Sie war ausgesprochen hübsch und das wusste sie genau. Und er war auch da, der Schüchterne, der Auserwählte.

Ihre heißen Blicke versprachen den Himmel auf Erden.

Sie warf ihr Netz aus und er verfing sich darin.

Jetzt hatte auch noch Schneeregen eingesetzt und sie war froh, gleich am Ziel zu sein. Ein spöttisches Lächeln umspielte ihre Lippen. Wenn sie Glück hatte, würde er auch schon von der Arbeit zurück sein. Nur ungern hätte sie sich allein seinen Eltern gegenüber gesehen.

Sein Vater schien ein recht umgänglicher Mensch zu sein. Nur vor seiner Mutter hatte sie regelrecht Furcht. Sie würde es nicht einfach so hinnehmen und sie mit offenen Armen empfangen. Sie besaßen Haus und Hof, selbstverständlich hatte man seine Vorstellungen von der Zukunft des Sohnes.

Erstaunen stand in ihren Gesichtern als sie ihr die Türe öffneten. Gott sei Dank war auch Karl da. Eine dunkle Röte zog sich über sein Gesicht.

»Ich muss mit dir reden, es ist sehr dringend!«

» Nichts kann so wichtig sein, dass es nicht auch für unsere Ohren bestimmt ist«, antwortete seine Mutter, bevor er etwas sagen konnte.

»Ich bekomme ein Kind«. Unheilschwer hing diese Aussage im Raum.

Karl wurde blass und stotterte Unverständliches vor sich hin. Seine Mutter schlug die Hände vor das Gesicht: »Jesus Maria, das ist nicht wahr. Sag dass es nicht stimmt, du Flittchen.

Lass unseren Sohn in Ruhe und scher dich aus dem Haus.«

Ihr Mann nahm sie vorsichtig an den Schultern und führte sie zu einem Stuhl. Die folgende Stunde wurde damit verbracht, den Sohn anzuklagen und die Geschwängerte zu beschimpfen.

Jedoch war es nun einmal geschehen und schon so weit gediehen, dass nur noch sechs Monate bis zur Geburt vergehen sollten. Ohne Inge in das Gespräch mit einzubeziehen, besprachen sie weitere Schritte für die Zukunft. Zusammengesunken, fast demütig saß sie da, eine Schauspielerin, perfekt in ihrer Rolle.

Sie sah sich schon im spitzenbesetzten Kleid in die Kirche schreiten und den Menschen zuwinken, die alle gekommen waren, um das hübsche Brautpaar zu bejubeln. Das Rücken von Stühlen brachte sie in die Gegenwart zurück.

»Du hörst von uns«, sagte Karls Mutter und übersah die ausgestreckte Hand, die ihr zum Abschied geboten wurde.

Inge blickte zu Karl, »begleitest du mich noch ein Stück?«

»Er hat zu tun, und jetzt geh endlich.« Die Alte zeigte zur Tür und Karl sah auf den Boden, er kam nicht gegen seine Mutter an. Dieses elende Weib, dachte sie, als sie das Haus verließ.

Mittlerweile war es stockdunkel und hatte zu schneien begonnen.

Drei oder vier Schritte, mehr waren es nicht, die sie gegangen war.

Heimtückisch hatte sich eine leichte Schneedecke über gefrorene Nässe gelegt.

Es zog ihr die Beine weg und hart schlug sie rücklings auf. Im ersten Moment war sie wie gelähmt, dann schrie sie vor Schmerz. Karl und sein Vater eilten herbei, um nach ihr zu sehen. Seine Mutter schaute aus dem Fenster, legte eine Hand auf ihre Brust und flüsterte:

»Vielleicht wird ja doch noch alles gut!«

Doch der hinzugezogene Arzt nahm ihr diese Illusion.

Und so begann das Martyrium von Marie.

 

 

 

Jahre später

 

»Omi, der Mond scheint!«

»Mein Gott Kind, schlaf. Es ist mitten in der Nacht.«

»Aber ich will zu meiner Mama! Warum darf ich nicht heim?«

»Du weißt doch dass sie arbeitet und sie dich am Wochenende wieder abholen. Jetzt sei ein liebes Kind und schlaf weiter.

Morgen spielen wir mit deinen Schiffchen am Bach.«

 

Aus einer Baumrinde mit einem kleinen Stöckchen und Papiersegel, konnte sich die kleine Marie stundenlang verweilen.

Sie besaß nicht viel an Spielsachen, aber sie konnte sich an den einfachsten Dingen erfreuen, die sich ihr boten.

 

Kurz nach ihrer Geburt wurde entschieden, dass sie eine Zeit lang bei Inges Mutter verbringen sollte. Zuviel forderte dieser Säugling an Aufmerksamkeit und Pflege. Davon wollte Inge nichts wissen. Sie arbeitete den ganzen Tag und wollte abends ihre Ruhe. In der Dorfwirtschaft wurde abends auch manchmal zum Tanz aufgespielt und das traf eher ihre Vorstellungen vom Leben.

Karl war kein begnadeter Tänzer und es kam oft vor, dass sie in Streit gerieten. Sie ließ sich gerne von anderen jungen Männern auffordern und er reagierte mit Eifersucht.

Überhaupt war schon nach kurzer Zeit ihrer Ehe die Problematik der unterschiedlichen Charaktere erkennbar.

Inge mäkelte ständig an ihm herum; er war in ihren Augen zu ruhig und bodenständig. Sie wollte einen Partner der lustig und ausgelassen sein konnte. So litt sein Selbstbewusstsein unter ihrer Bevormundung und Aggressivität. Er schaffte es nicht, sich ihr entgegenzusetzen und fraß diese Ohnmacht und Wut in sich hinein.

Dort, tief im Inneren, begann es zu gären. Langsam, jedoch unaufhaltsam breitete sich das Gift aus und fraß sich durch die Eingeweide wie ein Wurm.

Marie liebte ihre Großmutter von ganzem Herzen, hatte jedoch auch manchmal Heimweh. Da waren Mama und Papa und dort war doch eigentlich der richtige Platz.

Marie riss sich von der Hand ihrer Mutter los.

»Hallo Papa, ich bin wieder da.«

Sie breitete die Arme aus und rannte auf ihn zu.

Wortlos wandte er sich ab, als habe er sie gar nicht wahrgenommen. » Mama, was hat der Papa denn?«

»Ach, gar nichts, er muss nur viel arbeiten.«

»Er hat mich aber lieb, oder?«

»Natürlich. Jetzt geh in dein Zimmer und spiel.«

Wie meistens verbrachte Marie das Wochenende mit ihrer Puppe, der sie die spannendsten Geschichten erzählte.

Da war von einer kleinen Prinzessin die Rede, die morgens immer im Bett mit ihren Eltern kuscheln durfte und viel geherzt und geküsst wurde. Manchmal spielten sie auch miteinander, oder liefen am See spazieren und sahen den Enten zu, die aufmerksam und laut schnatternd auf ihre Küken achteten.

Marie drückte ihre Puppe fest an sich.

»Weißt du, alle haben sich ganz doll lieb und wenn die Prinzessin abends in Bett geht, decken Papa und Mama sie zu und geben ihr einen Gute-Nacht-Kuss.«

 

Spätabends klopfte es heftig an der Tür.

Inges Mutter stand mit bleichem Gesicht und leicht gekrümmt draußen.

»Ich kann Marie morgen nicht zu mir nehmen, mir ist speiübel und ich habe Bauchkrämpfe. Vielleicht ist es in den nächsten Tagen besser, ich sag euch Bescheid.«

»Na prima, dann darf ich meine geliebte Schwiegermutter mal wieder bitten.«

»Tut mir wirklich leid, am meisten für die Kleine. Sag ihr, dass ich bestimmt bald wieder gesund bin und sie dann zu mir kommen kann.« Schnell wandte sie sich ab und Inge schloss zornig die Tür.

»Karl, du kannst noch einen Spaziergang zu deiner Mutter machen. Sie wird zwar nicht erfreut sein, wenn sie hört dass sie mal wieder Kindermädchen spielen soll, aber ich kann nicht von der Arbeit fernbleiben. Sag ihr einen Gruß und du bringst sie in der Früh.«

 

»Marie, steh endlich auf. Papa fährt dich mit dem Moped zu Oma Else. Trödel nicht herum, er muss sich beeilen um nicht zu spät zur Arbeit zu kommen.«

»Nein, nein bitte nicht zu Oma Else. Ich mag nicht zu ihr gehen, sie ist nicht lieb.« Tränen rannen über Maries Gesicht und Verzweiflung trat in ihre Augen.

»Nun schrei doch nicht so, ich komme doch mit.«

Ungläubig schaute Marie ihre Mutter an.

»Ist das ganz ehrlich, Mama?«

»Ja, ich setze mich hinter dich auf das Moped und wir fahren zusammen. Aber jetzt ziehen wir dich rasch an und du isst noch ein Brot.«

Kurz darauf saß Marie am Tisch und ließ ihre Puppe vom Tee probieren. »Du musst aufpassen, er ist noch etwas heiß. Ich nehme dich mit zu Oma Else. Aber dass du mir ja artig bist, du weißt doch dass sie schnell schimpft. Und dann müssen wir wieder ins Bett. Am besten sind wir ganz still und tun alles was sie sagt, damit sie sich nicht aufregen muss.«

Hart packte Karl seine Tochter am Arm.

»Was redest du da für einen Unsinn. Komm jetzt endlich und halte deinen Mund.«

Er packte ihre Hand und drückte kräftig zu.

Marie schrie auf und wollte sich aus dem Griff lösen.

Doch wie ein Schraubstock hielt er sie umklammert.

»Was ist denn jetzt schon wieder los?«

Inge kam frisiert aus dem Schlafzimmer und sah genervt von einem zum anderen.

»Nichts ist«, antwortete Karl. »Sie ist halt bockig.«

Marie schaute auf den Boden und weinte still.

»Lasst uns endlich gehen.« Inge lief die Treppen hinunter und Karl versetzte seiner kleinen Tochter einen Stoß. Die Puppe fiel auf den Boden und gab ein langgezogenes M a m a von sich.

»Halte dich gut an Papa fest, ich setze mich hinter dich.«

»Du fährst wirklich mit Mama? Sitzt du schon drauf? Bleibst du bei mir?« Marie wollte sich nach ihr umdrehen, doch da fuhr das Moped schon an und sie klammerte sich an die Jacke ihres Vaters. Nach kurzer Fahrt bogen sie in den Hof seines Elternhauses ein.

»Mama, wir sind da, Mama? Karl hob seine Tochter herunter und kniff sie in den Arm. »Mach jetzt keinen Ärger, verstanden?«

Seine Mutter kam ihnen, mit vor der Brust gekreuzten Armen, entgegen. Marie wimmerte.

»Ich muss gleich weiter Mutter. Danke dass du dir die Zeit nimmst. Könntest du sie nicht ausnahmsweise auch über Nacht bei dir lassen? Inge kommt abends spät von der Arbeit und hat danach noch viel im Garten zu tun.«

»Kommt überhaupt nicht in Frage. Hoffentlich überarbeitet sich deine Frau nicht eines Tages. Setzt ein Kind in die Welt und will dann nichts damit zu tun haben. Dass du dir das alles gefallen lässt. Die Leute reden. Sie bemitleiden und belächeln dich gleichermaßen. Ich schäme mich so.«

Karl presste die Lippen aufeinander. Heiß stieg es in ihm hoch und wortlos wandte er sich zum Gehen.

»Na dann komm ins Haus und hör endlich auf zu plärren.

Was ist eigentlich los mit dir?« Streng schaute Else auf das Kind nieder.

Marie blieb stumm. Das blieb sie auch noch die nächsten zwei Stunden, die sie mit einem Buch auf dem Sofa verbrachte. Sie kannte es schon in-und auswendig; es gab nur dieses Eine.

»Wenn ich nur meine Delia dabei hätte, dann könnte ich ihr etwas vorlese«, dachte sie und seufzte auf. Bestimmt ist sie traurig so alleine. Sie legte das Buch zur Seite und trat an das Fenster. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen, blauen Himmel. Die Hühner rannten gackernd über den Hof oder nahmen ein Bad im warmen, sandigen Boden des Gartens.

»Ach, wenn nur meine liebe Omi bald wieder gesund wird«, dachte Marie bei sich. Bestimmt wären wir jetzt draußen am Bach.

Plötzlich huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. In Gedanken sah sie sich auf der Wiese sitzen, inmitten einem Meer aus Tausenden von Blumen, die sich schillernd und leuchtend dem Himmel entgegenstreckten. Sie würde einen bunten Strauß pflücken, für ihre liebe Omi.

»Marie, was träumst du, komm endlich zu Tisch. Wie oft soll ich dich noch rufen?« Sie war so in sich versunken, dass sie verschreckt aufsah, als sie die zornige Stimme ihrer Oma hörte. Schuldbewusst setzte sie sich und sah auf ihren Teller.

»Jetzt iss und lass dir ja nicht einfallen, mir wieder zu sagen, dass du keinen Hunger hast.« Unter dem durchdringenden Blick von Else nahm sie langsam ihren Löffel. Eine grüne Pampe von Rosenkohl mit fettem Schweinefleisch ließ sie würgen. »Was ist los? Schmeckt es bei deiner anderen Oma besser? Du undankbares Ding, du wirst jetzt sofort essen.«

Marie war blass geworden, versuchte verzweifelt an etwas anderes zu denken und dann zu schlucken.

»Oma, kann ich bitte etwas zu trinken haben?«

»Wenn du gegessen hast.« Damit stand sie auf und ließ das Kind alleine sitzen. Nach einer Stunde hatte sie die Hälfte geschafft. Else stellte den Rest beiseite.

»Das wärme ich dir heute Abend auf, bevor du abgeholt wirst.

Du sollst ja nicht hungrig nach Hause gehen. Sonst kommt man womöglich noch auf den Gedanken, du würdest bei mir nicht satt werden.«

Peterle, die Katze, kam in die Küche und strich um Maries Beine. Sie kniete sich zu ihr hinunter und strich ihm zärtlich über das Fell. Grob wurde sie wieder hochgerissen.

»Du gehst jetzt auf den Topf, nicht dass noch ein Malheur passiert.« Else schubste sie vor sich her.

»Aber Oma, ich kann doch schon aufs richtige Klo gehen.

»Widersprich mir nicht ständig. Du setzt dich jetzt da drauf und bleibst solange sitzen, bis ich wiederkomme. Ich muss nur schnell zu meiner Nachbarin, bin gleich wieder da.«

Damit rauschte sie hinaus und ließ Marie alleine.

Nach einer Stunde hatten die getrockneten Tränen Spuren in ihr Gesicht gemeißelt und der festsitzende Topf hinterließ einen runden, dunkelroten Striemen am Po.

 

»Marie, du bist ein böses Kind. Oma Else tut alles für dich und du bist so schrecklich ungezogen. Du willst nicht essen und heulst nur herum. Was ist denn nur los mit dir?«

Inge war gereizt und sah nicht den gequälten Blick ihrer Tochter. »Mama, ich..« Sei bloß ruhig, ich habe keine Lust, mir irgendwelche Geschichten anzuhören. Papa und ich gehen noch ein bisschen weg. Du wirst in dein Bett gehen und keinen Unsinn machen. Wir bleiben nicht lange.«

Das entfernte Grollen eines herannahenden Gewitters ließ Marie zusammenzucken. »Bitte, geht nicht. Ich hab so schreckliche Angst wenn es blitzt und donnert.«

Inge sah auf die Uhr. »Das ist weit weg und überhaupt nicht schlimm. Willst du mich schon wieder ärgern? Wenn es näher kommt, sind wir schnell wieder daheim.«

Sie trank ihr Glas Wein leer und schnauzte Karl an, er möge sich gefälligst beeilen. Sie musste raus hier, tanzen und lachen, diesen Mief der Langeweile und Eintönigkeit wenigstens für ein paar Stunden hinter sich lassen. Beschwingt vom Wein eilte sie die Treppen hinunter.

Karl fasste Marie hart am Arm. »Aua Papa, du tust mir weh!«

Er drückte heftig zu und flüsterte: »sei sofort still und ich will auch nie mehr hören, dass du nicht gerne zu Oma Else gehst. Hast du mich verstanden?« Maries Augen waren vor Schmerz und Angst weit aufgerissen. Sie brachte keinen Ton heraus. Da kniff er mit einer Erbarmungslosigkeit zu, dass dem Kind die Luft wegblieb. Er eilte seiner Frau hinterher.

Marie setzte sich auf den Boden und wimmerte.

Die Dunkelheit war schon längst hereingebrochen, als sie in ihr Bett schlüpfte. Grelle Blitze zuckten am Himmel und der nachfolgende Donner ließ die Fensterscheiben erzittern. Marie zog sich ihr Deckbett über den Kopf und tröstete ihre Puppe.

»Komm kleine Delia, du musst dich nicht fürchten, ich bin doch bei dir und nehme dich ganz fest in meine Arme.«

Beim nächsten Donnerschlag sprang sie aus dem Bett und lief die Treppen hinunter. Die Vermieterin war eine ältere, nette Frau, die mit ihrer Tochter das Erdgeschoß bewohnte.

Zaghaft klopfte Marie an die Tür. »Hallo kleine Marie. Sind deine Eltern wieder unterwegs? Komm herein, du hast bestimmt Angst.« Marie lächelte dankbar. »Mama, wer ist da?« Helga, nur drei Jahre älter als Marie, freute sich als sie den nächtlichen Besucher erblickte. »Komm in mein Bett, wir erzählen uns Geschichten.« Sie alberten herum und lachten, waren fröhlich und ausgelassen. Eine Kissenschlacht wurde beendet, als Helgas Mutter hereinkam. »Marie, kommst du bitte, deine Eltern sind heimgekommen.« Aufmunternd schaute sie das Kind an. Die Kleine tat ihr von Herzen leid. Lieblos, ohne Nestwärme wuchs sie auf und wurde ständig herumgeschoben. Sie hörte auch manchmal das leise Weinen und konnte sich doch nicht dazu überwinden, die Kleine darauf anzusprechen. Marie stand mit gesengtem Kopf an der Tür.

»Marie mein Schatz«, säuselte ihre Mutter und nahm sie in den Arm. »Das tut mir aber leid, dass du dich geängstigt hast. Ich wollte ja gleich heimkommen, aber der Regen und Sturm war zu heftig. Nun komm aber schnell in dein Bett, bevor du ganz kalte Füße bekommst.« Sie entschuldigte sich nochmals für die nächtliche Störung durch ihre Tochter und ging, Marie am Arm packend, nach oben. »Musste das jetzt wieder sein? Mach dass du mir aus den Augen kommst«. Mit diesen Worten schubste Karl Marie den Flur entlang. Eine Etage tiefer schloss sich leise eine Tür.

 

Sonntagmorgen. Marie war schon längst wach und frisierte ihre Puppe. Es konnte noch dauern, bis ihre Eltern aufstanden und es Frühstück gab. »Heute ziehe ich dir dein schönstes Kleid an und dann gehen wir spazieren. Wir könnten auch belegte Brote und Saft mitnehmen und es auf der Wiese essen. Ja, das machen wir meine liebe Delia. Freust du dich?«

Eifrig packte Marie das Puppengeschirr – sie hatte es von ihrer lieben Omi zu Weihnachten bekommen – in ihren kleinen Rucksack. Sie hüpfte durch ihr Zimmer, lief auf und ab und rief: »Ist es nicht herrlich hier Delia? Schau nur, diese vielen Blumen und dort drüben ist ein kleiner Bach. Das ist bestimmt der schönste Platz der Welt, da setzen wir uns jetzt hin und essen etwas.« Mit diesen Worten setzte sie sich auf ihr Bett und packte ihren Rucksack wieder aus. Ein tiefer Seufzer entrang ihrer Brust.

 

»Ach du meine Güte, was sind das für blaue Flecken an deinem Arm?« Inge schaute missbilligend auf ihre Tochter. Maries Herz hämmerte, Tränen schossen ihr in die Augen. Doch bevor sie etwas antworten konnte, fuhr ihr Vater dazwischen. »Von was soll das schon kommen? Natürlich hat sie wieder mit Helga im Bett herumgetobt und sich überall angeschlagen.«

»So wird es wohl gewesen sein«, meinte Inge ohne wirkliches Interesse und übersah den gequälten Blick in Maries Augen.

Das Frühstück wurde beendet, wie immer ohne dieses Gefühl der Gemeinschaft, des Verstehens und der Liebe zueinander. Marie kannte es nicht anders, und dennoch wusste sie tief in ihrem Herzen, dass es dieses Glück gab. »Was träumst du schon wieder? Zieh deine Schuhe an, wir gehen spazieren und danach noch ins Gasthaus an meinen Stammtisch. Bis Mama gekocht hat sind wir wieder da.« Mit diesen Worten baute sich Karl vor Marie auf. Still und blass band sie ihre Schuhe.

»Du willst doch wohl nicht so schlampig auf die Straße. Schau dir nur deine Haare an, wie eine Hexe siehst du aus.« Inge griff nach einer Bürste. Grob fuhr sie durch die langen, blonden Locken und flocht sie zu einem Zopf. »Aua Mama, da ziept es so doll am Kopf, das ist zu fest.«

»Wunderschön siehst du jetzt aus, nun geh. Aber gib ja Acht auf deine weißen Strümpfe, ich will keine Flecken sehen.«

Der Vormittag war schon recht warm und ließ die kommende Hitze erahnen. Die Straßen waren menschenleer und Stille hatte sich wie ein Tuch über das Dorf gelegt. Der Sonntag war heilig. »Ich hab`s mir anders überlegt, wir gehen gleich in die Linde. So viel Zeit bleibt ja gar nicht und ich möchte mich mal wieder mit den Kameraden aus dem Musikverein treffen.« Karl beschleunigte seinen Schritt. Sein Verein, sein Zufluchtsort. Dort verstand man ihn. Schon beim Eintreten wurde er laut begrüßt. Manche Nase hatte sich schon gerötet und Augen schauten glasig. »So, du bringst heute mal wieder deine Kleine mit, das ist schön. Sie ist ja immer so artig, das nenn ich wohlerzogen. Wenn ich da in andere Familien so hineinschaue. Wirt, ein Bier für Karl und einen Apfelsaft für Marie, das geht auf meine Rechnung.« Das war Balsam auf Karls zerstückeltem Selbstbewusstsein. Man nickte sich in stiller Einigkeit zu und hob die Gläser.

Marie saß schüchtern auf ihrem Stuhl und starrte auf ihr Getränk. Die Hand ihres Vaters kniff blitzschnell zu und er flüsterte: »Du bleibst still hier sitzen bis wir gehen, verstanden?« Maries Atem ging heftig und sie nickte. Keiner bekam es mit, wie sie unter dem Tisch ihr Bein rieb. Es war ja so vorbildlich wie sie dasaß, artig und nett anzusehen. Ihr Rücken schmerzte, doch sie getraute sich nicht, sich in eine andere Position zu setzen. Ich darf mich nicht bewegen war alles was sie denken konnte. Der Wirt stellte eine Schale mit Salzstangen vor sie auf den Tisch.

»Hier Marie, greif nur ordentlich zu, geniere dich nicht.« Solche Köstlichkeiten gab es zuhause höchst selten, es musste schon ein besonderer Anlass sein. Trotzdem bezwang sie ihr Verlangen und langte nur zweimal zu. Schnell hatte sie lernen müssen, dass beherztes Zugreifen später hart bestraft wurde. Man wolle doch nicht den Anschein erwecken, als würde es dergleichen daheim nicht geben. Ihr Magen knurrte. Stühle wurden gerückt und man klopfte sich in gegenseitigem Einvernehmen auf die Schultern. Kein Wölkchen trübte den Himmel, als sie die aufgeheizte Straße betraten, auf der sich der Teer langsam verflüssigte. Die letzten Grüße und Wünsche und jeder trat seinen Heimweg an. Fensterläden wurden geschlossen, um die schlimmste Hitze abzuhalten und sich eine angenehme Kühle im Haus zu bewahren. Nur durch das Summen und Brummen der Mücken und Käfer kam das Gefühl von Leben auf. Marie mochte Sonntage nicht. Da war alles so still, kein Mensch war unterwegs zum Einkaufen, oder Kinder draußen zum Spielen. Und ihr Vater war den ganzen Tag zu Hause. Sie fürchtete sich vor diesen Tagen, die ihr auch immer länger schienen als andere.

Als sie zuhause ankamen, schlug ihnen der Dampf und Geruch vom sonntäglichen Essen entgegen. Karl war es von daheim gewohnt, dass an diesem Tag ein Stück Braten samt Kartoffelsalat und Spätzle auf den Tisch kam. Inge kam dieser, wie sie es nannte, langweiligen Angewohnheit, nur sehr ungern nach. Es bedeutete nämlich, dass sie den Vormittag in der Küche verbringen musste, da die Zubereitung viel an Zeit forderte. Kochen war nicht unbedingt ihre Lieblingsbeschäftigung und dementsprechend war ihre Laune. »Da seid ihr ja endlich. Soll ich das Essen etwa stundenlang warm halten? Marie, wasch deine Hände und setz dich endlich, ich will hier auch mal fertig werden!« Schweigend wurde gegessen und nach einer halben Stunde der Tisch abgeräumt. Marie fragte, ob sie zum Spielen in den Garten, der sich hinter dem Haus befand, gehen dürfe. »So siehst du aus. Du bist doch den halben Vormittag spazieren gewesen, während ich mich hier fast überschlagen habe vor Arbeit. Papa wird das Geschirr abspülen und du wirst abtrocknen. Ich lege mich für eine halbe Stunde auf das Sofa, das habe ich mir schließlich auch verdient.«

Karl ließ heißes Wasser einlaufen und reichte Marie ein Tuch. »Mach es ja ordentlich, ich will keinen Tropfen Wasser mehr am Geschirr sehen, verstanden?« Marie sah auf den Boden und flüsterte ein zitterndes Ja. Er packte sie am Handgelenk.

»Sieh mich an, wenn ich mit dir rede.« Marie schaute auf. Die Augen angstvoll geweitet begegnete sie dem Blick ihres Vaters. Furcht kroch ihr über den Rücken und ließ sie frösteln. »Ganz bestimmt mach ich alles richtig sauber, Papa.« Er stieß ihren Arm weg und beugte sich über das Spülbecken. Wenn er nur tot wäre. Marie fuhr zusammen.

Lieber Gott, das wollte ich nicht denken. Bitte sei nicht böse auf mich und lass mich später trotzdem zu den Englein in den Himmel kommen. Hinter ihrer Stirn schlugen Gedanken Purzelbäume. Marie nahm sich fest vor, in ihrem Abendgebet nochmals um Vergebung zu bitten. Die Mama hat gesagt, dass Gott nicht nur alles sieht und hört, sondern auch Gedanken lesen kann. Darum sollte man stets folgsam und ehrlich sein.

Aber warum darf Papa so böse sein? Sieht Gott das denn nicht?

Warum hilft er mir nicht? Wieder schweifte sie ab auf der Suche nach Antworten, deren Fragen sie noch nicht einmal zu formulieren vermochte. Der brennende Schmerz in ihrem Arm zerriss den Gedankenschleier und ließ sie aufschreien. Ihr Vater hielt ihr ein Glas vor die Augen. »Siehst du diesen Wasserfleck? Habe ich dich nicht gewarnt?« Er tauchte das Glas erneut ins Wasser und gab es dann Marie. »Keinen einzigen Tropfen will ich nachher sehen. Du wirst das schon noch lernen.«

»Was ist los bei euch, kann ich denn nicht mal `ne halbe Stunde ausruhen?« rief Inge gereizt aus dem Wohnzimmer herüber. »Was weiß ich«, antwortete Karl. »Du weißt doch dass sie eine Heulsuse ist.« Für Inge war es damit erledigt.

Schluchzend und blind vor Tränen polierte Marie das Glas. Immer wenn sie es beiseite stellen wollte, prüfte sie vorsichtshalber doch noch einmal nach, ob auch wirklich alles blank und sauber war. Ihr Vater tauchte einige, schon abgetrocknete Schüsseln und das Besteck nochmals ins Wasser.

»Nun kannst du noch ein bisschen üben.«

 

»Ich habe gehört, dass sie endlich die schon lange ausgeschriebene Stelle einer Erzieherin besetzen konnten. So könnte Marie in den Kindergarten gehen, bevor sie nächstes Jahr in die Schule kommt. Sie kann dann zusammen mit den Nachbarskindern hinunter ins Dorf laufen«, meinte Inge gähnend. Karl war es recht, denn diese Fahrerei morgens ging ihm schon lange auf die Nerven. Die ewig anklagenden Blicke seiner Mutter, wenn er ihr Marie brachte. Gleich einem Spießrutenlaufen empfand er es jedoch, wenn er bei seiner Schwiegermutter vorbei musste. Es widerstrebte ihm zutiefst, mit dieser Person zusammenzutreffen.

»Wohin geht sie, wenn der Kindergarten aus ist?«

»Zu deiner oder meiner Mutter?« meinte Inge, »oder sollen sie sich abwechseln.« Für sie war alles ziemlich einfach, solange sie selbst nichts damit zu tun hatte.

Sie verschwieg auch, dass ihre Mutter um etwas Kostgeld gebeten hatte, sollte Marie weiterhin bei ihr zu Mittag essen.

»Was glaubst du wohl, was Karl dazu sagen würde, da gießen wir doch wieder Öl ins Feuer. Seine Mutter würde nie auch nur einen Pfennig verlangen«, hatte sie ihr hitzig vorgeworfen.

Natürlich kam sie durch ihre egoistische und selbstsüchtige Wesensart nicht zu der Überlegung, dass ihre Mutter sehr sparsam leben musste.

»Wenn sich Marie dann so um fünf Uhr auf den Heimweg macht, sind es gerade mal knappe vier Stunden, die sie beaufsichtigt werden muss. Also das muss doch zu machen sein.« Damit war das Thema für Inge erledigt, gelangweilt blätterte sie in einer Zeitschrift.

Im Halbdunkel ihres Zimmers saß Marie und träumte sich in ein Reich von Elfen und Zauberern. So tröpfelten die Stunden eines herrlichen Sonntagnachmittags langsam in einen schwül-heißen Abend. Inge klagte über Kopfweh, nahm eine Tablette und ging früh zu Bett. Karl nahm dies zum Anlass, einen Spaziergang durchs Dorf zu machen, in der Hoffnung, in der Gartenwirtschaft auf ein bekanntes Gesicht zu treffen.

Er verfing sich in Grübeleien.

Es hätte alles anders sein können. Die Tochter der Nachbarn hatte sich früher sehr für ihn interessiert.

Sie besuchten damals beide die Tanzschule und sie war auch seine Tanzpartnerin beim Abschlussball. Schon damals war es offensichtlich, dass er zwei linke Füße hatte und auf dem Parkett keine grandiose Figur abgab. Jedoch war dies nebensächlich, kam es doch mehr auf die Gesellschaft an und Luise schien mit seiner puren Anwesenheit schon überglücklich zu sein. Sie war ein Mädchen, das mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand, das Leben anpackte und von einer natürlichen Wesensart war. Keine Schönheit im herkömmlichen Sinne, jedoch von einem herben Charme, der ihr einen Hauch von Sinnlichkeit verlieh. So humorvoll und fröhlich wie sie war, schätzte man ihre Gesellschaft. Der Besitz ihrer Eltern zählte mehrere Äcker und Wiesen, einen Stall mit über zwanzig Milchkühen und etlichen Hühnern und Gänsen. Dies erforderte einen hohen Arbeitseinsatz. Man arbeitete an sieben Tagen, von morgens bis abends und kannte das Wort Urlaub nicht. Doch Luise konnte sich nicht vorstellen, jemals etwas anderes als genau dies zu tun. Der würzige Duft von Heu, der Geruch von frisch gestochener Erdscholle, das frische Hühner-Ei und die noch lauwarme Milch, all dies war für Luise Leben in seiner reinsten Form.

Karl seufzte tief. Was habe ich aufgegeben? Dort wäre meine Zukunft gewesen, mit ihr an meiner Seite hätte ich das Glück gefunden. Alles leichtfertig verspielt. Letztes Frühjahr war es, da hatte Inge spöttisch ihre Mundwinkel nach unten gezogen und ihn mit der Bemerkung – dein Bauerntrampel von früher hat übrigens geheiratet – herausfordernd angeschaut.

Er sagte nichts dazu. Er ließ es hinabsinken in den Tümpel, in dem sich sein verkorkstes Leben zu zähem, giftigen Morast zersetzte. Eine gefährliche, dunkle Tiefe.

Hatte er es vergessen, oder war es ihm noch nie bewusst, dass er sich selbst in diese Situation gebracht hatte. Wen konnte er verantwortlich dafür machen? Hatte sie ihm nicht gesagt, für Verhütung hätte sie gesorgt? Er fühlte sich betrogen, hintergangen. Er hatte schon ihren schwangeren Bauch gehasst.

Er verspürte auf einmal keine rechte Lust mehr, sich mit anderen zu treffen, er nahm noch einen größeren Umweg und ging dann nach Hause.

Marie war Feuer und Flamme als sie hörte, dass sie von nun an vormittags im Kindergarten sein sollte. Dadurch, dass sie ihr Leben bis jetzt mal bei der einen, mal bei der anderen Oma verbrachte, hatte sich kein Kontakt zu Kindern aufbauen können. Diese Normalität, in der jene Kinder aufwuchsen, kannte Marie nicht. Zusammensein, draußen spielen, mit Kreide auf die Straße malen, sich verstecken, lachen und fröhlich nach Hause laufen, wenn die Mutter zum Abendbrot rief.

So war Marie außer sich vor Freude und sie überlegte sich, mit welchen Kindern aus der Nachbarschaft sie sich treffen konnte, um dass man sich gemeinsam auf den Weg machte.

Aufgeregt stopfte sie ihr Vesperbrot in die kleine Tasche.

»Auf Wiedersehen Mama, bis heute Nachmittag. Ich muss mich beeilen, sonst sind die anderen schon weg.«

»Ja, geh schon«, ich wünsch dir viel Spaß.« Inge sah ihrer Tochter nach.« Eigentlich ganz nett, die Kleine. Wenn sie nur nicht so eine Heulsuse wäre. Ständig am Flennen und dann so bockig. Aber was soll`s, wäre irgendwas Wichtiges, würde sie es schon erzählen. Jedoch, welche Probleme sollten Kinder in diesem Alter schon haben? Es gab ja nichts, denn um was mussten sich die lieben Kleinen kümmern? Sie wurden versorgt, verhätschelt und kannten noch keine Pflichten. Nun, das wird sich spätestens dann ändern, wenn sie in die Schule kommt. Ich werde ihr gleich zu Anfang klar machen, was wir von ihr erwarten. Sie muss alles geben und wird zu den Klassenbesten gehören. In ihrem Zeugnis wird keine Note schlechter als eine Zwei sein, das werde ich ihr so schon beibringen. Die wird uns nicht blamieren. Sie muss mit eine der Besten sein um später auch auf eine höhere Schule zu kommen. Zufrieden mit ihren Zukunftsvisionen die ihre Tochter betrafen, machte sie sich auf den Weg zur Arbeit

 

Marie wusste, dass einige Kinder in unmittelbarer Nähe wohnten und so lief sie eilig vor zur Dorfstraße, die man nehmen musste, um zum Kindergarten zu gelangen. Am besten war ihr Amalie, gleich von nebenan, bekannt und dann Heidelinde die sie öfters mit ihrer Schwester im Garten sah, welcher an ihren grenzte.

Ihre Zöpfe flogen nach links und rechts. »Wo bleiben sie denn nur? Die können doch nicht so früh los gelaufen sein?«