One Drop of Love - Blerina Markaj - E-Book

One Drop of Love E-Book

Blerina Markaj

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Beschreibung

Weihnachten 1994. Ein kleines Mädchen verlässt mit der Mutter ihr Zuhause. Der Weg führt über Italien in die Schweiz. Sie sind auf der Flucht vor einem Krieg, dem die ganze Welt wie ohnmächtig zusieht. Hilfreiches Eingreifen scheint selten und kommt viel zu spät. Mit sich nimmt sie Erinnerungen, die den Alltag in der neuen Fremde wie einen wirren Traum erscheinen lassen. Das Reale wird unwirklich und verblasst neben der rohen Wunde, die vergangene Ereignisse in die Seele gerissen haben. Willkommen sind die Überlebenden nicht. Täglich sieht sich das Mädchen Anfeindungen ausgesetzt und bleibt auch über Jahre hinweg 'die Fremde'. Emotionen, die aus unzähligen Verletzungen geboren werden, sind unberechenbar und wenden sich oft gegen den Fühlenden. Doch sie gibt nicht auf und lernt, dass Schmerz ertragen, Stärke schenkt. Eine poetische, kraftvolle Erzählung, deren Schönheit und Mut tief unter die Haut geht.

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Seitenzahl: 65

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Wenn Träume fliegen lernen

Der kalte November

Das kalte Eisen

Eisiger Asphalt

Der kalte Februar

Engelsflügel

Wenn Träume fliegen lernen

07:35 Uhr. Die Sonne leuchtet orangefarben, draußen weht eine kühle Brise, Wolken am Horizont, das Dröhnen der Gleise. Wie jeden Morgen, seit mehreren Wochen, sitze ich in der Bahn von Luzern nach Zürich Hauptbahnhof. Eine Frau mit zerzausten blonden Haaren, einem rosa Strickpullover, verwaschenen Jeans, zerkauten Fingernägeln. Im Gesicht diese Traurigkeit und diese leeren Augen. Als hätte sie keine Erwartungen, nichts zu sagen. Nichts, wofür es sich zu leben lohnt. Nebenan dieser junge Mann, Mitte zwanzig, mit einem düsteren, grauen Anzug. Einen Flachmann in seiner linken Anzugstasche. Die Bahn ist überfüllt mit Menschen, Menschen jeglicher Art. Alle scheinen mit sich selbst beschäftigt zu sein. Ein kleines Kribbeln in meinen Händen. Die Bäume ziehen an mir vorbei, die Häuser und die Schilder verschwinden im Hintergrund. Und dann diese große Wiese, Apfelbäume. In diesem Moment falle ich zwanzig Jahre zurück in die Vergangenheit. Mein rosa Kleidchen, goldene Locken, auf den Schultern meiner Mutter. »Die grünen Äpfel sind noch nicht reif mein Kleines«, sagt Mama. Dahinter unser Haus, das Haus meiner Träume und Wünsche. Die Kühe liegen ruhig auf der Wiese, die Vögel zwitschern, und dann diese raue Stimme: »Ihre Fahrkarte bitte.« Und plötzlich sitze ich wieder in der Bahn. »Ihre Fahrkarte bitte«, höre ich nochmals, diesmal etwas lauter. Noch zwei Minuten bis zur Endstation. Die Schienen quietschen, die Sonne verschwindet hinter den Wänden des Hauptbahnhofes.

Mein Weg führt mich durch die Stadt. All diese hetzenden Leute, laut, einer schneller als der andere, ohne Rücksicht auf die anderen Passanten. Und dann diese harte Schulter an meiner. Ich drehe mich kurz um und versuche das Geschehene zu realisieren. Dieser Mann mit schwarzen Hosen, schwarzem Rollkragenpullover und einer schwarzen Aktentasche. Es scheint, als würde er die Welt nicht wahrnehmen. Ich verstehe nicht, wieso er so dunkel gekleidet ist. Die Sonne lächelt auf die Straßen, doch keiner scheint das zu genießen, als wäre es selbstverständlich. Ich stehe an der Bahnhofstraße und schaue zum Himmel hinauf. Die Sonnenstrahlen auf meiner Haut, für einen kurzen Moment kehre ich in mich und genieße einige Sekunden der Stille. Das Läuten einer Fahrradklingel. »Geh aus dem Weg«, höre ich eine zierliche Stimme schreien. Bevor ich mich versehe und einen Schritt zurücktrete, bemerke ich, dass ich wieder in der Realität bin. Ich gehe weiter. Die Schule ist direkt um die Ecke. Ich sitze auf der Schulbank. Alle hören aufmerksam zu, der Lehrer erklärt einige Dinge über verschiedene Textsorten. Ich höre nicht zu. Immer mehr merke ich, wie ich in den Tag hinein lebe und mich frage, wie ich mein Leben zu bewältigen habe. Ich hatte Träume, Wünsche und ein Leben. Es waren die kleinen Dinge, an denen ich mich erfreute. Und nun ist alles anders. Viele Dinge waren nicht geplant, vieles geschah völlig unerwartet. Ich verzieh Fehler, die beinahe unverzeihbar sind. Ich versuchte Menschen zu ersetzen, die unersetzbar sind und ich vergaß Menschen, die unvergesslich sind. Ich wurde von Menschen enttäuscht, von denen ich nie gedacht hätte, enttäuscht zu werden. Und, ich habe überlebt. Und, ich lebe noch. Es ist großartig, mit Überzeugung zu versuchen das Leben zu umarmen und mit Leidenschaft zu leben. Mit Klasse zu verlieren und mit Mut zu gewinnen. Das ist die Kunst des Lebens, dachte ich. Aber ich werde nie verstehen, wie es so weit kommen konnte. Ich werde viele Dinge nie verstehen.

»Komm, wir haben Pause«, höre ich leise von einer Mitschülerin. Ich sehe, wie schnell die Zeit vergeht. All diese Gedanken in meinem Kopf. Meine Mutter hat immer gesagt: »Du bist, was du tust, nicht was du sagst.« Ich hole tief Luft und verstehe zum ersten Mal die Bedeutung dieser Worte. All meine Träume, wie vom Winde verweht. Ich verlasse das Schulgebäude und laufe. Ich laufe einfach weiter, ganz ohne Ziel. Ich weiß nicht, ob es Minuten oder Stunden sind.

Plötzlich dieses Funkeln, dieser frische Wind, die singenden Vögel. All diese Farben, goldgelb, braun und grün. Einige Blätter liegen bereits am Boden. Ich setze mich unter diesen wunderschönen Baum. Und plötzlich erinnere ich mich. Es war Heiligabend, der 24. Dezember 1994, als alles begann. Draußen ist es dunkel und kalt, das ganze Land leuchtet weiß. Die Schneeflocken funkeln wie Sterne und der Himmel ist glasklar. Meine Mutter zieht mir die Handschuhe an und sagt: »Wir besuchen jetzt deinen großen Bruder.« Damals verstand ich nicht, wieso mein Bruder weg war. Ich sehe, wie Großvater seine letzten tausend Mark in Mamas Tasche steckt. Sie lächelt mit Tränen in den Augen und verabschiedet sich.

»Wir kommen bald wieder nach Hause«, sage ich zu Großpapa. Er hält mich fest in seinen Armen und ich spüre die Träne, welche an seiner Wange runterkullert. »Du darfst nicht weinen, du musst stark sein. Ich habe den Engeln gesagt, sie sollen auf dich aufpassen«, flüstere ich.

Mama nimmt mich bei der linken Hand, einen Koffer an der rechten. Ich blicke zurück und sehe, wie sich die Tür hinter mir schließt und unser Haus im Nebel verschwindet. Der Weg ist matschig und die Straßen sind nass. Im Dunkeln zwei gelbe Lichter, sie werden immer heller und kommen näher. Mama und ich steigen in den Bus. Zehn Menschen im Wagen, umgeben von tiefer Stille. Wir setzen uns in die hinterste Reihe. Vor uns eine junge Frau mit ihren zwei kleinen Kindern, umgeben von Angst. Auch der Mann auf der linken Seite sieht traurig aus. Ich verstehe nicht genau, warum die Leute an diesem Heiligabend nicht bei ihren Familien sind. Ich verstehe nicht, warum sie in dieser trüben Nacht allein unterwegs sind. Mama nimmt mich in die Arme und sagt, dass ich keine Angst zu haben brauche. Ich nehme ihre Hand, lächle und erwidere: »Ich habe keine Angst. Die Engel werden uns beschützen.« Ich beginne zu singen und alle sehen mich skeptisch an. Nach einer Weile lächelt der ein oder andere und die Kinder singen mit mir mit. Die traurige und trübe Stimmung schwindet und alles scheint wieder gut zu sein.

Es vergehen einige Stunden, ich weiß nicht genau wie viele. Ich öffne meine Augen und sehe bereits die ersten Sonnenstrahlen. »Mama, Mama es ist Weihnachten«, schreie ich und wecke somit alle im Wagen auf. Sie drückt mir eine Schokoladentafel in die Hand, streichelt mir übers Gesicht und küsst mich auf die Wange. Dieser kleine Moment der Freude hält jedoch nicht lange an. Alle brechen in Panik aus und verstecken sich hinter den Sitzen. Passkontrolle an der Grenze zu Italien. Niemand hat einen Pass. Der Busfahrer läuft langsam nach hinten. Alle Mitfahrer drücken ihm einige Mark in die Hand, ich weiß nicht genau, wie viel es ist, aber es sieht nach sehr viel aus. Ich liege auf der Brust meiner Mutter. Als wir über die Grenze fahren, spüre ich wie ihre Hände zittern und wie schnell ihr Herz schlägt. Es sind Minuten, die mir wie Stunden vorkommen. »Wir sind über der Grenze«, sagt ein Mann. Die Hände meiner Mutter lockern sich und die anderen im Wagen fangen an zu jubeln. In Italien ist es nicht so weiß wie bei uns zu Hause. Der Schnee ist kaum noch erkennbar und die Häuser sind viel größer als bei uns. Draußen die spielenden Kinder, Erwachsene, die zur Arbeit gehen. Die ganze Stadt geschmückt mit leuchtender Weihnachtsdekoration. Wieder vergehen einige Stunden und die Dämmerung umschließt den Horizont.