Ostara und die Osterlämmchen - Rega Kerner - E-Book

Ostara und die Osterlämmchen E-Book

Rega Kerner

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Beschreibung

Wenn das Licht auf Erden wandelt, aber keiner guckt hin. Die Morgenröte vermisst im digitalen Zeitalter ihre gewohnte Anerkennung, klettert vom Nordseehorizont und macht sich auf den Weg nach Bremen. Neben der alleinerziehenden Mutter Maria sind in der der alten Hansestadt noch ältere Götter gestrandet. Ein Ausflug zu den Salzwiesenlämmchen soll Stadtkind Tomke echte Osterlämmer näher bringen. Während Maria auf dem Nordseedeich mit einem jungen Schäfer flirtet, diskutieren ihre Tochter und das Lamm Gottes, alias Christkind, im abgeholzten Weihnachtsbaumwald. Beide haben so ihre Sorgen mit Vätern. Beim Zeitsprung zur Jugendlichen explodieren Social Media und Smart Home aus einem Nikolausstiefel. Kann Sinterklaas seinem Lieblingskind rechtzeitig zu Hilfe eilen? Rettet Tomke aus Versehen die Menschheit? Gespickt mit fantastischen Fakten unserer Festtraditionen, die niemand wissen muss, aber es kann hilfreich sein: Kinderfragen entlarven unsere Rituale - und fügen neue Magie hinzu. (Dieser Sammelband enthält die eigenständigen Novellen Nr. 5, 7 und 8 der Reihe 'Magische Elternrealität'. Alle Folgen sind in sich geschlossen und prima für sich allein oder kreuz- und quer zu lesen - also beginne gleich mit diesen!)

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Rega Kerner

Ostara und die Osterlämmchen

Fantasy für Eltern

Magische Elternrealität 5, 7, 8

©2026

Texte & E-Book: medienschiff.de

Illustrationen: Nicole Fabert

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß §44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.

2. Auflage ISBN 9783819427862© 1.Auflage Einzelfolgen 5: 2020, 7: 2021, 8: 2024

Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt

Sammelband der eigenständigen Novellen

Nr. 5, 7 und 8

aus der Reihe ›Magische Elternrealität‹

Titelseite

Das Osterlamm hat Schuld (5)

Ostara in Bremen (7)

Wer stellt den Stiefel vor die Tür? (8)

Leseproben:

Die Maskenpflicht des Weihnachtsmannes (6)

Glaubenskrieg der Nikoläuse (1)

Impressum, Vita & Werke

Das Osterlamm hat Schuld

»Bitte … zeichne mir ein Schaf«, las Maria vor und fand das eine gute Idee. »Hey, willst du nicht auch ein Schaf zeichnen, bevor wir weiterlesen?«

»Ich kann keine Tiere zeichnen, die sehen immer voll krank aus. Das weißt du doch«, widersprach Tomke.

Die Mutter seufzte. Warum musste ihre Kleine sie an diesem schulfreien Karsamstag auch unbedingt so früh wecken. Sie hatte sich schon gähnend zusammenreißen müssen, um etwas Essbares auf den Tisch zu werfen. Gemeinsam zurück ins Bett gekuschelt, wollte sie eine ruhige Lesestunde verbringen, um langsam richtig wach zu werden. Noch besser wäre natürlich eine Zeichenstunde, während der sie sich ins Wohnzimmer zurückziehen könnte. Diese Hoffnung schwand mit dem frustrierten Tonfall des Kindes. Widersprechen musste sie trotzdem, in Erinnerung an jenes ›kann-ich-nicht-gibt-es-nicht‹, mit dem ihre eigene Mutter sie ebenso nervte: »Doch, mit ein wenig Übung kannst du alles lernen.«

»Nein. Kann ich nicht. Lies weiter.«

Stattdessen klappte Maria das Buch zu und erzählte: »Das denkst nicht nur du. Das denkt der Erwachsene in der Geschichte auch! Er zeichnet dem kleinen Prinzen ein paar kranke Schafe, die findet der ebenso doof, wie du deine eigenen. Aber dann malt er eine simple Kiste und sagt, das Schaf sei darin.«

»Coole Idee! Schaf in der Kiste! Mäh!«

Tomke wühlte sich aus der Decke und krabbelte blökend auf allen Vieren über das Bett, ohne Rücksicht auf Marias Beine und Bauch unter der Decke. Das war es dann mit der Gemütlichkeit, resignierte die Getretene.

Sie tobten miteinander herum, bis das durchgekitzelte Kind um Gnade flehte. Das nutzte die Mutter für einen erneuten Versuch:

»Zeichne doch auch so ein Kistenschaf. Das hat keine Beine. Dann hör ich auch auf zu kitzeln.«

»Okay, überredet«, keuchte die Kleine und floh aus dem Bett direkt an ihren Schreibtisch. »Das kann ich. Das ist nicht so schwer.«

Tomke zeichnete konzentriert, während ihre Mutter die Reste des Frühstücks aufräumte. Für eine Weile erfüllte nur leises Geschirrklappern die kleine Wohnung.

Dann kam Tomke in die Küche gesprungen und präsentierte stolz ihr Werk.

Maria starrte verwirrt auf die Zeichnung. Die Kiste hatte einen Bug wie ein Schiff, Wellen waren auch drumherum. Die Seiten der Schiffskiste zierte ein Netz von dicken, tiefschwarzen Gitterstäben. Außer des blauen Wassers war alles grau und schwarz, es wirkte recht bedrohlich. Da würde sich keiner gern vorstellen, dass Schafe darin sind.

»Das sieht aber nach einer komplizierten Kiste aus. Was ist denn das?«

»Es kommt ein Schiff geladen. Mit Schafen«, erklärte Tomke.

»Wie kommst du darauf?«

»Wie in der Zeitung«, meinte das Kind. »Schafe kommen doch mit Schiffen?«

»Ich denke bei Schafen eher an grüne Wiesen, wärmende Wolle im Winter und angeknabberte Gänseblümchen im Frühling«, erwiderte Maria und fragte sich, welche Zeitung das Kind in die Finger bekommen haben mochte.

»Die kommen eingesperrt auf Schiffen und ganz viele sterben«, beharrte Tomke.

Dies war nicht die Botschaft, die eine gute Mutter mit dem Buch vom kleinen Prinzen vermitteln wollte. Irgendetwas ist hier gründlich schief gelaufen, dachte Maria und beschloss, ihrem Stadtkind echte Schafe zu zeigen. Das war bei dem schönen Wetter sowieso viel besser, als den Tag vor dem Osterfest hier drinnen zu vertrödeln. Wenn sie von Bremen an der Weser entlang Richtung Nordsee führen, würden sie früher oder später schon Schafe auf dem Deich oder den Salzwiesen entdecken, hoffte sie und packte eine Picknicktasche.

»Schuhe, Jacke, los. Wir machen einen Ausflug!«

Die Sonne krabbelte über den Horizont der Nordsee, ihre Strahlen wanderten den hohen, grünen Deich hinauf und verscheuchten den kühlen Morgennebel. Der Hütehund rollte sich genießerisch auf die Seite, um seinen Bauch wärmen zu lassen. Sein Herr stand neben ihm, zog seine Schirmmütze etwas tiefer, um die Augen vor der Sonne zu schützen, und blickte zufrieden über seine ruhig grasende Schafherde. Direkt neben ihm kreiselten fröhliche Schwänzchen auf beiden Seiten unter dicker Wolle hervor.

»Was hast du mir da wieder zwei süße Osterlämmchen geboren!«, lobte der Schäfer sein bestes Mutterschaf. Er kraulte es hinter den Ohren und rechnete nach, was die beiden ihm nächstes Jahr zum Fest einbringen würden.

»Wo fahren wir eigentlich hin?«, fragte Tomke, als Maria das Auto auf eine ihr unbekannte Straße lenkte.

»Erstmal Richtung Nordsee, aber über Land.«

»Ist es nicht ein wenig kalt zum Schwimmen?«

»Ja, wir wollen nur gucken.«

»Das ist langweilig.«

»Ich dachte mir, wir suchen mal ein paar echte Schafe. Das passt auch zu Ostern.«

»Weil da alle Osterlamm essen?«, fragte Tomke.

»Nein. Weil es heißt, Jesus sei das Lamm Gottes.«

»Quatsch. Er kann doch nicht sein Sohn und zugleich sein Tier gewesen sein.«

»Das ist doch symbolisch gemeint. Ich glaube, weil man früher ständig Schafe geopfert hat. Und Gott seinen Sohn auch wie ein Schaf opferte.«

»Wurden die Schafe auch gekreuzigt?«

»Aber nein.« Bei der bildlichen Vorstellung, wie man rein technisch so ein vierbeiniges Schaf ans Kreuz nageln könnte, musste Maria kichern und schämte sich sofort dafür. Schnell erklärte sie: »Tieropfer machten im Grunde alle alten Völker. Meist waren es Schafe oder Ziegen und oft wurden sie auf einem Altar geopfert. Manche verbrannten sie, oder aßen sie gemeinsam auf. Das war so ein Ritual, um die Götter zu bestechen. Und zum Verbinden der Gemeinschaft.«

»Das ist doch total sinnlos und bescheuert! Die armen Tiere! Was für ein fieser Gott soll das denn gut finden?«, empörte sich die Kleine.

Maria schluckte und knabberte an ihrer Unterlippe, um sich die nächste spontane Antwort zu verkneifen. Ihre Tochter war sicher noch zu klein, um zu erfahren, dass Abraham die Tieropfer quasi promotet hatte, damit wenigstens die bis dahin üblichen Menschenopfer ein Ende fanden. Verbrannte Schafe waren schon genug Stoff für kindliche Alpträume.

Da sie schwieg, versuchte das Kind selbst, sich zu beruhigen: »Aber zum Glück gibt es das heute ja nicht mehr.«

»Nicht wirklich. Bei manchen Religionen ist es allerdings immer noch üblich, Schafe zu schlachten und Teile zu verschenken oder gemeinsam zu essen. Zum Beispiel im Islam beim Opferfest, das heißt sogar noch so. Und unsere Lammkeule zu Ostern ist exakt dieselbe übriggebliebene Tradition. Auch wenn von den Christen dabei kaum noch einer ans Opfertier denkt, für das Schaf ist das Ergebnis gleich.«

»Hat Jesus auch Lamm gegessen?«

Maria witterte instinktiv das drohende Paradox des sich selbst essenden Lammes, inklusive des dahinter verborgenen Menschenopferthemas. »Ich weiß nicht. Ich glaube, er wollte dem Töten eher ein Ende machen und hat sich auch dafür geopfert. Manche behaupten sogar, Jesus sei Vegetarier gewesen.«

»Ich dachte, Jesus war Fischer? Dann hat er doch Tiere gegessen?«

»Menschenfischer«, knirschte Maria. »Die wird er wohl kaum gegessen haben, oder? Petrus war der Fischer und den holte Jesus weg von seinen Netzen. Oder so.«

»Steht in der Bibel, dass er Vegetarier war?«

»Na ja, nee, in dieser so nicht. Oder doch. Keine Ahnung, woher soll ich das wissen! Was in den heiligen Schriften steht, da streiten die Religionen seit Urzeiten drüber. Nichtmal die Theologen derselben Religion sind sich einig.«

»Doch! Meine Religionslehrerin weiß genau, was in der Bibel steht. Sogar mit Zahl dabei und die müssen wir dann raussuchen. Und genau da steht das dann auch!«

»Was da steht, erklärt nicht, was es bedeutet. Soviel Menschen, soviel Bibelinterpretationen. Hinzu kommt, Jesus hat kein Wort davon selbst notiert. Aufgeschrieben wurde das alles erst viel später, von anderen. Erinnerung und Überlieferung unterliegt bekanntlich dem Wandel der Zeit und der Gedanken.«

Die mütterlichen, vermutlich nicht ganz altersgerechten Überlegungen hatten ihr Ziel nicht verfehlt. Für eine Weile erklang nichts als der Automotor und gelegentliches Ticken des Blinkers. Die Tochter versank mit wandelnden Gedanken in ihrem Kindersitz.

Das Christkind saß grübelnd auf einem Baumstumpf im Weihnachtsbaumwald. Beziehungsweise in dem, was vom einstigen Wald in diesem Abschnitt nach Weihnachten noch übrig war: Eine trostlose, graubraune Baumstumpffläche, soweit das Auge reichte. Vereinzelte Osterglöckchen konnten den Anblick kaum aufheitern.

Wie alle Kinder, hatte auch das Christkind manchmal keine Lust mehr, brav zu sein. Als Lamm Gottes war das aber nicht so einfach. Man hatte schließlich Verpflichtungen. Es überlegte seit wann Weihnachtsbäume fällen dazu gehörte. Das war definitiv neu, der Weihnachtsmann hatte es ihm aufgebrummt. Es überlegte auch, wann es geschlachtet würde, das war uralt. Wie die meisten Lämmer muss bekanntermaßen auch das Lamm Gottes jährlich immer wieder sterben. Kurz vor Ostern. Das ewig gleiche Spiel machte ihm nun langsam echt keinen Spaß mehr. Genaugenommen war es noch nie witzig gewesen. Verärgert kickte das Christkind einen Tannenzapfen weg und sah sofort schuldbewusst zum Himmel.

»Sorry! Ich war das nicht!«

Denn der Zapfen hatte zielsicher eine der, ohnehin wenigen, Osterglocken geköpft.

Tomke war das Grübeln darüber, ob Gedanken sich wandeln, inzwischen satt. Sie freute sich lautstark über ein Grüppchen Osterglocken am Straßenrand, dann zeigte sie auf die Heckklappe des Autos vor ihnen: »Was ist das für ein Aufkleber? Fährt da ein Angler?«

»Nein, die sind gläubig«, erklärte Maria und fügte hinzu: »Oder haben das Auto so gekauft und hatten keine Lust, den Fischaufkleber abzukratzen.«

Tomke gluckste: »Woran glauben die denn, den heiligen Butt?«

»Nein. Der Fisch repräsentiert Jesus.«

»Ich dachte, das sei das Lamm? Das hast du gerade noch gesagt!«

»Ja, auch. Und in manchen Darstellungen wird er als Hase abgebildet. Wobei ich auch schon hörte, der Hase sei eine falsch verstandene Umdeutung vom Lamm.«

»Hase! Ich hab den Osterhasen zuhause vergessen!«, schrie Tomke entsetzt.

»Du meinst deinen Stoffhasen mit der grünen Hose?«

»Grün-kariert bitte, da legt er Wert drauf. Wir müssen ihn holen!«

»Nein.«

»Aber jetzt kann er alles heimlich vorbereiten und ich erwische ihn wieder nicht, ob er echt der echte Osterhase ist!«

»Dafür suchen wir heute echte Osterlämmer. Ist doch fast dasselbe.«

Tomke schmollte einen Moment. Dann fand sie sich damit ab, dass es völlig zwecklos war, ihre Mutter zum Umkehren zu drängeln. Der Fischaufkleber fuhr weiter vor ihnen her, das Kind bekam die ganzen Tiere nicht unter einen Hut: »Jesus war also Fisch und Lamm und Hase und Mensch und Gottheit? Und wir trinken sein Blut?«

»Wieso Blut?«

»Na, beim Abendmahl, sagte der Pastor doch, das sei Jesu Blut.«

»Symbolisch.« Maria klammerte sich haltsuchend ans Lenkrad. Sie hatte sich auf einen entspannten Ausflug mit blühenden Wiesen und fröhlichen Lämmern gefreut. Einfach genießen, ohne komplizierte Themen.

Doch Tomke ließ nicht locker: »Symbolisch für das Lamm? Und trotzdem ist der Fisch sein Symbol? Warum nicht das Lamm, wie auf dem Kirchenbild? Ich meine, das Lamm mit der Fahne, weiß du noch, als wir die Kirche besichtigt haben? Wäre doch ein viel cooleres Wappen!«

»Geht nicht, das Lamm Gottes ist schon das Wappen der Fleischer-Vereinigung«, sagte Maria und hätte sich für diese unbedachte Bemerkung sofort selbst mit Ohrfeigen kasteit, hätte sie nicht das Auto steuern müssen.

Tomke schwieg einen Moment. Dann folgerte sie schlachtmesserscharf: »Ja klar. Hätte ich mir denken können. Die Schlachter schlachten ja heutzutage die Opfertiere. Das sind also die neuen Priester.«

Maria bremste hart, um ihren Vordermann nicht zu rammen, was den Fisch auf der Heckklappe geopfert hätte.

»Beinahe Plattfisch. Ich muss mich auf den Verkehr konzentrieren«, brummelte sie vorwurfsvoll. Als hätte das Kind Schuld, wenn sie nicht aufpasste.

Die Straße wand sich an den Kurven des Deiches entlang. Sie schwiegen. Ein paar Kilometer weiter grasten drei Schafe auf der Schräge.

Leider hatte Tomke das Thema noch lange nicht vergessen, sie warf einen Blick auf die Schafe und bohrte weiter: »Warum stehen so viele verschiedene Symbole für dasselbe in der Bibel? Eines hätte doch gereicht?«

»War am Anfang vielleicht auch so. Kann ich mir vorstellen. Da ist viel herumgeschrieben und übersetzt worden. Und – wie alle Autoren und Journalisten aller Zeiten – würzte jeder es bestimmt noch mit seinem eigenen, subjektiven Senf.«

»Die würzten das Schaf mit Senf?«

»Nee, also ja, kann natürlich auch sein. Ich meinte aber, die würzten die Geschichte. Mit Symbolen. Das ist ein wenig wie stille Post, am Ende ist alles anders.«

»Wenn wir in der Pause stille Post spielen, schummelt Patricia immer. Du weißt schon, die blöde Angeberin. Die sagt das extra falsch weiter, irgendwas voll Doofes, nur damit am Ende alle lachen.«

»Ja, das gab es damals sicher auch. Weißt du, die Kirche wuchs von einer lockeren Gemeinschaft zur Institution heran, dadurch änderten sich die Ziele und entsprechend wurde umformuliert. Aber auch ohne absichtliches Schummeln versteht beim Weitersagen jeder nur, was er verstehen kann. Und gibt folglich seinen Blickwinkel weiter.«

»Weil die stille Post gespielt haben, ist Jesus jetzt so viele Tiere?«

»Symbolisch, das ist alles symbolisch«, seufzte Maria.

»Aber die Schafe, die in der Bibel geopfert wurden, das war doch echt?«

»Äh, ja, die wurden schon echt geopfert. Aber das war symbolisch gemeint.«

»Symbolisch echt tot? Erwachsene sind total bescheuert!« Wütend starrte Tomke auf die Schafe am Deich. Sie kamen nun an einer ganzen Herde vorbei und Tomke sah etwas, das ihre Erregung urplötzlich in Begeisterung umschlagen ließ: »Mama anhalten! Sofort anhalten!«

Maria hatte den Stimmungswechsel noch nicht ganz mitbekommen und fürchtete, dem Kind würde schlecht, oder sie hätte sich wehgetan. Erschrocken fuhr sie rechts ran, mit zwei Rädern auf die Deichschräge.

»Tomke, sag schon, was ist passiert?«, fragte sie besorgt.

»Guck doch! Bist du blind! Die ganz Kleinen! Da sind ganz kleine Lämmer!«

Tomke kurbelte ihr Fenster runter und streckte den Kopf raus, um besser sehen zu können. Die große Herde besprenkelte den grünen Deichhang wie verspritzte Wandfarbe auf Kunstrasenteppich. Ein paar der Schafe waren ganz nah und vom so plötzlich neben ihnen gestoppten Auto wenig beeindruckt. Nur die Lämmer hüpften sicherheitshalber auf der sicheren Seite ihrer Mütter herum. Und wie sie hüpften! So etwas Drolliges hatte auch Maria selten gesehen. Tomke kicherte ganz außer sich, sie zeigte hierhin und dorthin.

»Der da springt am höchsten! Und das da ist noch viel kleiner, das ist sicher das Kleinste! Und sieh, eines mit schwarzem Kopf! Wie süüüüüß!«

Maria überwand ihren Schreck und lächelte froh. Sie hatten also gefunden, wofür sie losgefahren waren. Nur der spontan gewählte Parkplatz schien ihr suboptimal, der Deich stand sicher unter Schutz und Autoreifen waren am Hang wahrscheinlich nicht gerne gesehen. Sie sah sich nach einer Alternative um, doch auf der anderen Seite verlief ein Graben, dicht an der Straße.

Das Christkind streunte von den Baumstümpfen durch ein kleines Wäldchen verbliebener Tannen, die den ehemaligen Weihnachtsbaumwald vor der Straße verbargen. Als es hervortrat, bemerkte es erschrocken das parkende Auto auf der anderen Seite. Die Frau auf dem Fahrersitz drehte just in diesem Moment ihren Kopf in seine Richtung. Gerade noch rechtzeitig, rutschte das Christkind in den Graben. Die Nässe bis zum Knie machten ihm nichts aus, der Waldboden war ja auch nicht wirklich trocken und warm.

»Danke, lieber Graben, dass wenigstens du mir hier die Füße wäschst«, flüsterte es. Verstohlen schielten die hellen Augen unter dem blonden Schopf zwischen langen Grashalmen hindurch auf Deich und Schafe, dann sah das Christkind lange zum Himmel. Als ob es dort etwas erwartete. Nichts als blau. Zwar ein schönes Frühlingshimmelblau, aber sonst nichts.

Ach, ich bin sicher zu früh dran, dachte es, krabbelte blitzschnell aus dem Graben in den Schutz des Wäldchens und kehrte auf seinen Baumstumpf zurück.

Halb im Graben parken und steckenbleiben war keine Alternative, fand Maria. Schon gar nicht, wenn wie hier das Gras wackelte, da lebten eindeutig Wildtiere drin.

»Sonst überfahre ich noch den Osterhasen«, kicherte sie. Dann erregte eine Bewegung auf der anderen Seite ihre Aufmerksamkeit:

Über dem Deichkamm ging die Sonne auf.

Quatsch, die Sonne ist schon längst aufgegangen, das ist eine Schirmmütze mit Kopf, korrigierte Maria ihre kurze Verblendung, was, beziehungsweise wer, da hinter dem Deich hervorkam. Unter dem Kopf wurden breite Schultern in einem verschlissenen Ledermantel sichtbar, dann stapfte der ganze Kerl mit zwei energischen Schritten komplett auf den Deich. Dort verweilte er kurz mit wehendem Mantel, eine Hand auf den Stock gestützt, einen Fuß im hohen Stiefel lässig vorgestellt.

Maria starrte fasziniert hinauf. Als ob Tomke den aus einem Bilderbuch ausgeschnitten hätte, gibt es solche traditionellen Schäfer wirklich noch? Ich dachte, die laufen heute auch in Jeans?, wunderte sie sich.

Um das Bild perfekt zu machen, erschien neben ihm auch noch ein Hund, umkreiste ihn ein paarmal und legte sich dann, auf ein Fingerschnippen, neben den Mann. Tier und Mensch wandten den Kopf zum Meer und sahen in dieselbe Ferne.

Dann fand der Schäfer wohl, es sei genug des filmreifen Auftritts und er setzte sich wieder in Bewegung.

Als Maria ihn auf sich zukommen sah, grinste sie über sich selbst. Denn unter dem flatternden Heldenmantel trug er tatsächlich Jeans. Auch das Gesicht passte so gar nicht in ihre gerade aufgebaute Bilderbuchvorstellung vom uralten Schäfer. Das war nämlich jung. Ziemlich jung sogar, dachte die Mitvierzigerin. Sie schätze ihn auf unter bis höchstens um die dreißig.

»Moin«, grüßte der Schäfer, bei ihnen angekommen.

»Hallo, moin, Entschuldigung, ich musste plötzlich anhalten, ich fahr gleich wieder weg.«

»Nein, wir bleiben, ich will die Schafe angucken!«, mischte sich Tomke sofort trotzig ein.

»Tomke! Wir dürfen hier doch nicht so auf dem Deichrand parken! Verzeihen Sie, das Kind hat mich ganz verrückt gemacht. Ich musste stoppen.«

»Das war ich nicht!«

»Tomke, das ist jetzt doch egal.«

»Nein! Ist es nicht!«

»Doch. Wir fahren.« Maria startete den Motor.

Der Schäfer sah während des Gesprächs amüsiert zwischen Mutter und Tochter hin und her. Dabei war er ums Auto herum gegangen, nun griff er dreist durchs offene Fenster, dicht an Maria vorbei, und drehte den Schlüssel zurück. Der Wagen verstummte, Tomke und Maria ebenso.

»Gut, jetzt darf ich auch was sagen, okay?«

Beide nickten.

»Du wolltest Schafe gucken?«

Tomke nickte.

»Ja, eigentlich waren wir dafür hergefahren«, murmelte Maria.

»Dann würde ich vorschlagen, ihr steigt aus dem Auto und schaut euch die Schafe an. Wäre irgendwie logischer als wegfahren, oder?«

»Ja, nee, darf ich denn hier parken?«

»Nö«, meinte der Schäfer. Leicht vorwurfsvoll musterte er die braune Spur im Gras, neben dem Vorderreifen. »Aber jetzt ist es schon passiert, da macht es für den Deich keinen Unterschied, ob ihr noch etwas länger da steht.«

»Ich möchte aber keinen Strafzettel.«

»Wer außer mir soll das heute kontrollieren?«

»Na, wenn ein Polizeiwagen vorbeikommt?«

Der Schäfer lachte, als hätte sie einen unglaublich guten Witz erzählt. Dann schwang er seinen Schäferstab im Kreis über dem Kopf, öffnete mit fortgesetzt galanter Geste ihre Autotür und erklärte dabei: »Unser Dorfpolizist hilft gerade den Jungs vom Schützenverein, die Osterfeier vorzubereiten. Keine Bange. Danach darf der kein Auto mehr fahren.«

Die Erwachsenen wechselten einen wissenden Blick. Als Maria ausstieg, stieß auch Tomke ihre Tür auf und sprang heraus. Einige Schafe hoben den Kopf wegen dieser hektischen Bewegung und starrten sie an. Verunsichert drückte sich das Kind an das Auto.

»Möchtest du mal ein echtes Salzwiesenschaf streicheln?«, fragte der Schäfer, ging ein paar Schritte zu seinem besten Mutterschaf und winkte Tomke, ihm zu folgen.

Sie zögerte, doch als sie sah, wie zutraulich das Schaf sich kraulen ließ, trat sie hinzu und wühlte begeistert ihre kleine Hand in die dicke Wolle.

Eines der beiden Lämmer war sofort auf sicheren Abstand gesprungen, doch das andere schnupperte vorwitzig an Tomkes Bein.

»Wie süß! Wie heißt das Lämmchen?«

Der Schäfer überlegte blitzschnell. Normalerweise gab er den kleinen Osterlämmchen keine Namen. Denn Namen schaffen innere Bindung und sie gingen so schnell vorüber, was ihre Anwesenheit auf dieser Erde betraf. Kleine Böcke wie dieser, von denen er sicher wusste, dass sie keine Karriere als mütterliche Wollgeberinnen vor sich hatten, sprach er manchmal scherzhaft als »Pascha« an. Denn vorüber gehen war auch die Wortbedeutung von Passah oder Pessach, dem jüdischen Fest, bei dem der Engel des Todes vorüber ging.

»Es heißt Pascha«, antwortete er in der Hoffnung, dass sie nicht nach den Namen weiterer Lämmer fragen würde.

»Oh, schöner Name. Wie in tausend und einer Nacht. Soll er ein Herrscher werden? Später die Herde leiten?«

»Nee, das bedeutet in diesem Fall bockig«, wich der Schäfer zu einer dritten Worterklärung aus, die ebenfalls stimmte. »Guck doch, wie bockig der kleine Bock springt!«

---ENDE DER LESEPROBE---

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Inhaltsverzeichnis

Das Osterlamm hat Schuld

Ostara in Bremen

Wer stellt den Stiefel vor die Tür?

Anhang: Mehr zu Algorithmen und KI?

Mehr von Tomke & Maria?

Leseprobe: Glaubenskrieg der Nikoläuse

Leseprobe: Die Maskenpflicht des Weihnachtsmannes

Impressum, Vita & Werke

Orientierungsmarken

Inhaltsverzeichnis

Cover