Otto Pankok - Hans-Werner Kiefer - E-Book

Otto Pankok E-Book

Hans-Werner Kiefer

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Beschreibung

Otto Pankok "Menschlich bleiben in unmenschlicher Zeit." Otto Pankok gilt als einer der bedeutendsten deutschen Maler, Grafiker und Bildhauer des 20. Jahrhunderts und als der wichtigste künstlerische Chronist des Verfolgungsschicksals der Zigeuner im Nationalsozialismus. Sein Einsatz galt neben den Zigeunern auch den Juden. Ihnen widmete er unter anderem den Zyklus -Jüdisches Schicksal-, beginnend im Jahre 1937. Er zeichnete deren Schicksal nicht nur, er half auch, gemeinsam mit seiner Ehefrau Hulda, konkret. Für seine Hilfe verlieh die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem Otto Pankok gemeinsam mit seiner Frau Hulda am 15.12.2014 posthum den Ehrentitel -Gerechte unter den Völkern-. Sein Leben und sein Lebenswerk haben Spuren hinterlassen, die noch heute zu erkennen sind. Durch das Bewahren seiner Bilder und Schriften ist er einer der festen Bezugspunkte in der deutschen Kunstgeschichte. Otto Pankoks Werk während der zwölf Jahre des -Dritten Reichs- ist das nach Umfang und Rang bedeutendste Zeugnis des Widerstandes der Bildkunst in Deutschland.

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Inhalt

Vorwort von Thomas Geisel Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Düsseldorf von 2014 bis 2020

Prolog Otto Pankok gilt als der wichtigste künstlerische Chronist des Verfolgungsschicksals der Zigeuner im Nationalsozialismus. Der Inhalt des Prologs befasst sich daher mit Anmerkungen des Autors über die Angehörigen der Sinti, Roma und anderen Zigeunergruppen.

Leben und Werk von Otto Pankok

„Dschiben" (Leben) Mischtechnik auf Papier, 65 x 50 cm, 2017, Hans-Werner Kiefer

Vorwort

Thomas Geisel Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Düsseldorf von 2014 bis 2020

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Du sollst nur Deinen Träumen trauen", war eines der von Otto Pankok selbst aufgestellten Gebote. Dass er sich oftmals davon leiten ließ und nach dieser Maxime Großes schuf, erfahren wir in diesem Buch von Hans-Werner Kiefer. Wir erhalten einen Einblick in die Biographie und Persönlichkeit eines beeindruckenden Künstlers, der lange in Düsseldorf lebte und wirkte, und dessen Name bis heute mit unserer Stadt verbunden bleibt.

Otto Pankok war Teil der Kunststadt Düsseldorf, trug zu ihrem guten Ruf bei und trieb die Entwicklung der rheinischen Kunstszene voran.

Mit vielen seiner Künstlerfreunde aus dem Umfeld der Düsseldorfer Kunstakademie gehörte er dem Kreis um Johanna „Mutter" Ey an. 2019 erinnert mit der Ausstellung zum „Jungen Rheinland" der Düsseldorfer Kunstpalast an diese Zeit.

Otto Pankok war nach dem Zweiten Weltkrieg selbst Professor an der Akademie und Lehrer unter anderem von Günter Grass.

Bereits der Titel „Menschlich bleiben in unmenschlicher Zeit" deutet es an: Otto Pankok bewies auch während der furchtbaren nationalsozialistischen Terrorherrschaft Haltung. So hielt er etwa als „Maler der Unterdrückten" viele Szenen aus dem Leben der Düsseldorfer Sinti und Roma fest und setzte sich künstlerisch mit ihrer Verfolgung und dem nationalsozialistischen Völkermord an ihnen auseinander.

Die von ihm geschaffene Skulptur „Ehra" im Düsseldorfer Alten Hafen dient heute als Mahnmal, an dem sich in jedem Jahr Vertreter der Stadtgesellschaft versammeln, um der ermordeten Sinti und Roma zu gedenken.

Ein anderes Werk, sein Holzschnitt „Christus zerbricht das Gewehr", wurde zu einem viel gezeigten Symbol der Friedensbewegung und damit zu seiner wohl bekanntesten Arbeit.

Als Pazifist und Menschenfreund und als großer Maler, Grafiker und Bildhauer bleibt Otto Pankok in Düsseldorf auch mehr als fünf Jahrzehnte nach seinem Tod in Erinnerung.

Ich freue mich sehr, dass Hans-Werner Kiefer in diesem Buch Otto Pankok würdigt und damit einen bedeutenden Düsseldorfer ehrt, der in vielem noch heute als Vorbild dienen kann.

Ihr

Thomas Geisel

Denkmal „Ehra" Skulptur von Otto Pankok im Düsseldorfer Alten Hafen Fotos: Hans-Werner Kiefer

Otto PankokDeutscher Maler, Grafiker und Bildhauer 06.06.1893 - 20.10.1966

Otto Pankok gilt als einer der bedeutendsten deutschen Maler, Grafiker und Bildhauer des 20. Jahrhunderts und als der wichtigste künstlerische Chronist des Verfolgungsschicksals der Zigeuner im Nationalsozialismus.

Wer sich mit dem Völkermord an den europäischen Zigeunern, das heißt mit den vielzähligen eigenständigen und uneinheitlichen Stämmen, Familien- und Sippenverbänden der Sinti, Roma und anderen Zigeunergruppen beschäftigt, wird sehr schnell auf das Leben und Werk von Otto Pankok aufmerksam.

Sein Einsatz galt neben den Zigeunern auch den Juden. Ihnen widmete er unter anderem den Zyklus „Jüdisches Schicksal", beginnend im Jahre 1937. Er zeichnete deren Schicksal nicht nur, er half auch, gemeinsam mit seiner Ehefrau Hulda, konkret.

Für seine Hilfe verlieh die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem Otto Pankok gemeinsam mit seiner Frau Hulda am 15.12.2014 posthum den Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern".

Der Erste Weltkrieg hatte ihn traumatisiert und verstärkte seine humanistische Einstellung. Dies führte zu einem lebenslangen Pazifismus. In seinem Leben sowie in seiner Kunst ging es ihm um Wahrhaftigkeit. Dies fand auch in seinen Werken Ausdruck.

Mit seiner humanitären Grundhaltung war er stets ein aktiver Streiter für die Freiheit des Einzelnen und für die Achtung der Menschenwürde. Sein Denken, seine Kunst und sein Handeln waren erfüllt vom Bewusstsein der Würde eines jeden einzelnen Menschen.

Er ist bis heute ein Vorbild, der seine Kunst in einzigartiger Weise zum Wohle der Gemeinschaft eingesetzt hat. Viele seiner Freunde kamen in deutschen Konzentrationslagern um, diese Barbarei machte ihn politisch. Seine Botschaft

„Menschlich bleiben in unmenschlicher Zeit"

ist heute aktueller denn je.

Otto Pankoks Blick galt neben dem Menschen auch den Landschaften und Tieren. Seine Landschaftsbilder brachte er zumeist bei widrigen und stürmischen Witterungsverhältnissen auf die Leinwand. Hier vor allem auf seinen vielen Reisen unter anderem nach Frankreich und Jugoslawien. Die pure Idylle einer Landschaft war Otto Pankoks Sache nicht. In seinen Tierbildern rückte er, neben heiteren Bildern, zumeist geschundene und ausgemergelte Tiere wie Kühe oder Esel in den Vordergrund.

Sein Lebenswerk umfasst über 6000 Kohlezeichnungen, 800 Holzschnitte, 200 Plastiken, 800 Radierungen, 500 Lithographien, Steinschnitte und Monotypien, sowie etliche Zeichnungen für die Düsseldorfer Zeitung „Der Mittag".

Im Mittelpunkt seiner Werke stehen Darstellungen von

Verachteten und unterdrückten Menschen am Rand der Gesellschaft (Zigeuner- 1931/1932),

Leidende

(Zigeuner - Zyklus „Die Passion" - 1933/1934), sowie

Verfolgte

(Zyklus „Jüdisches Schicksal" - 1938/1945).

Sein Leben und sein Lebenswerk haben Spuren hinterlassen, die noch heute zu erkennen sind. Durch das Bewahren seiner Bilder und Schriften ist er einer der festen Bezugspunkte in der deutschen Kunstgeschichte. Otto Pankoks künstlerische Stilrichtung stand unter dem Einfluss seines großen Vorbildes Vincent van Gogh und wird dem expressiven Realismus zugeordnet. Dies heißt, dass er durch ausdrucksstarke Werke ohne Schönung die gegenständliche Welt aufdeckte, wie sie wirklich war.

Durch seine malerische, expressionistische Arbeitsweise, die das Lebensgefühl einer jungen Generation ausdrückt, angefangen bei Vincent van Gogh und Edvard Munch, passte auch er ab 1933 nicht in die nationalsozialistische Kunstauffassung. Seine Werke wurden von den Nationalsozialisten als entartete Kunst gebrandmarkt. In der Folge erhielt er Arbeitsverbot, wurde diffamiert und von der Geheimen Staatspolizei verfolgt. Ein Fluchtversuch in die Schweiz scheiterte. Aus Angst vor seiner Verhaftung und in Sorge um seine Familie zog er sich in verschiedene ländliche Gebiete in Deutschland und im Ausland zurück.

Otto Pankok:

„Ich habe möglichst nicht mehr in Düsseldorf gearbeitet, sondern ich habe, so wie ein Hase, Haken geschlagen. Einmal war ich im Emsland, dann für einige Monate verschwunden in einem Wald an der polnischen Grenze, in der Eifel und so weiter..."

Der Journalist, Kunsthistoriker und Autor Rainer Zimmermann schreibt im Jahre 1990 in seinem Buch „Otto Pankok - Kunst im Widerstand" über Otto Pankok:

„Otto Pankoks Werk während der zwölf Jahre des ,Dritten Reichs' ist das nach Umfang und Rang bedeutendste Zeugnis des Widerstandes der Bildkunst in Deutschland.

Ein halbes Jahrhundert nach der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten kennt die Öffentlichkeit noch immer nicht die ganze Tragweite und leidenschaftliche Kühnheit dieses Bekenntnisses eines unerschrockenen Mannes zur Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit.

Was Otto Pankok unter dem Druck seines Gewissens als Deutscher in Deutschland mit seinem Kohlestift zu Papier gebracht hat, das ist - weit über den Begriff der ,entarteten Kunst' hinaus - eine beispiellose Folge von Widerstandsakten im Medium der Bildkunst... In einer Zeit extremer Lebensgefährdung - wie sie für die Unbotmäßigen auf allen Lebensgebieten, in der Politik, in der Kirche, in der Kunst, während des ,Dritten Reiches' tagtäglich bestand - erheben sich nur selten Menschen, die der Stimme des Gewissens rücksichtslos folgen. Und niemand hat das Recht, denen einen Vorwurf zu machen, die zum Martyrium nicht bereit waren. ,Es gehört zur Geschichte des deutschen Widerstandes, daß es nur wenige waren'...

Welche Überlegungen wir aber auch anstellen mögen, um die Besonderheit und Wirkung der Pankokschen Kohlegemälde zu begreifen, es bleibt ein geheimnisvoller Vorgang, dass sich dieser Künstler schon als Jüngling eine bildnerische Sprache aneignete, die ihn wie keinen anderen befähigen sollte, in einer großen malerischen Konfession Rechenschaft zu geben von einer lichtlosen Epoche.

Otto Pankoks dokumentarische Zyklen legen über die Zeit hinweg Zeugnis ab für das ,andere Deutschland'.

Seine Zigeuner-Bilder, in denen er ein Gedächtnis stiftete für das ,kindlichste und unschuldigste Volk Europas', seine ,Passion', diese Anklage gegen eine Herrschaft der Unmenschlichkeit, und seine Visionen vom Leidensweg des jüdischen Volkes sind schlechthin undenkbar in Farben."

Otto Pankoks wertfreie Bezeichnung Zigeuner war geprägt von Achtung und Respekt.

Die Bezeichnung Zigeuner ist seit Jahrhunderten sowohl eine Fremd- als auch Eigenbezeichnung der Sinti, Roma und anderen Zigeunergruppen.

Teile der deutschen Sinti und Roma lehnen die Bezeichnung Zigeuner ab und bevorzugen die Bezeichnung-Sinti und Roma-.

In dem Nachschlagewerk Wikipedia stand, dass „der Begriff Zigeuner eine Fremdbezeichnung ist, der aus dem deutschen Sprachgebrauch inzwischen verschwunden ist. Er wird auch in den Medien kaum noch gebraucht, mit Ausnahme von rechtsextremen Publikationen und ihnen nahe stehenden Organisationen".

Dieser Eintrag war dumm und unverantwortlich. Neben den inhaltlichen Fehlern ignorierte er vor allem, dass wir die große Mehrheit der deutschen und europäischen Angehörigen der Volksgruppen zu achten haben, die sich selbst mit Stolz Zigeuner nennen:

„Soy gitano" - „Ich bin Zigeuner".

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma e.V. in Heidelberg mit seinem Vorsitzenden Romani Rose äußert sich in der bis heute aktuellen Stellungnahme vom 9. Oktober 2015 wie folgt:

„... ,Zigeuner' ist eine von Klischees überlagerte Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die von den meisten Angehörigen der Minderheit als diskriminierend abgelehnt wird – so haben sich die Sinti und Roma nämlich niemals selbst genannt. Die Durchsetzung der Eigenbezeichnung Sinti und Roma im öffentlichen Diskurs war von Anfang an ein zentrales Anliegen der Bürgerrechtsbewegung, die sich vor allem seit Ende der Siebzigerjahre in der Bundesrepublik formierte. Dadurch sollte zugleich ein Bewusstsein für jene Vorurteilsstrukturen und Ausgrenzungsmechanismen geschaffen werden, die im Stereotyp vom ,Zigeuner' ihre Wurzeln haben... Die Eigenbezeichnung Sinti und Roma ist wesentlicher Teil unserer Identität als Minderheit. In unserer pluralistischen Gesellschaft sollte dieses ureigenste Recht auf Selbstbestimmung respektiert werden."

Die Stellungnahme des Zentralrats ist irritierend und in Teilen unwahr.

Die Verantwortlichen sollten verstehen, dass weitgehend fehlendes Wissen, Halbwissen oder falsche bzw. unwahre Informationen eine wesentliche Ursache der Diskriminierungen und Ausgrenzungen von Angehörigen der Volksgruppen ist.

Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun, so der französische Dramatiker Jean-Baptiste Poquelin, alias Moliére.

Der Spiegel hält uns unser Arsenal an Mythen, Klischees, Vorurteilen und Diskriminierungen immer vor Augen. Kein negatives Attribut und Vorurteil, kein negatives Denken im Herzen und kein negatives Bild im Kopf kann in diesem Prozess durch eine Namensänderung wie zum Beispiel -Sinti und Roma- verstummen.

Originaleinladung (Kopie) der Konferenz an Melanie Spitta (Deutsche Sinteza, Bürgerrechtlerin und Filmemacherin) zum 1. „Welttreffen der verantwortlichen Rom" vom 5. -10. April 1971 in London

Sinti-Demonstration Mai 1972, Heidelberg

Einladung zu einer Informationsveranstaltung Gesellschaft für bedrohte Völker 30. Juni 1979 ( 8 Jahre nach der Konferenz in London )

Bei fast jeder Diskussion mit und über die Angehörigen der Sinti, Roma und anderen Zigeunergruppen setzen wir uns in eine Achterbahn der Emotionen, großartigen Begegnungen, sehr aufwühlenden Nachdenklichkeiten, Schamgefühlen, aber auch Ärgernissen, Widersprüchen und Frustrationen. Vielleicht liegt in dieser sehr rasant abwechselnden Gefühlswelt der Reiz und die Motivation, sich über die Geschichte der Angehörigen zu informieren.

Hierbei ist es wichtig, dass wir das Jahrtausende alte Lebensgefühl der Angehörigen beachten müssen, welches sie oft zum Ausdruck bringen: „wir fühlen anders, wir sind anders, wir wollen frei sein, leben wie wir wollen, leben in unseren Kreisen und Gemeinschaften, leben in unsere prägende Herrschaftslosigkeit, leben mit unserer Kultur, leben ohne Verweis auf Schranken, leben ohne Anpassung, leben ohne Bevormundung, leben in der Ungebundenheit, und leben mit unserem Freiheitsbedürfnis".

Mit dem Überbegriff oder der Sammelbezeichnung Zigeuner meine ich sehr viele ethnische Volksgruppen, Stämme sowie Familien- und Sippenverbände mit sehr unterschiedlichen Identitäten, Kulturen, Sprachen, Religionen, Fremd- und Eigenbezeichnungen, Traditionen, Wertvorstellungen, Eigenheiten, Tabus, Lebensbedingungen, Verfolgungsgeschichten, Reinheits-, Meidungs-, und Umgangsvorschriften, Rechtsordnungen mit eigenen Rechtssprechern und einem vorhandenen Patriarchalismus.

Sinti, Roma und andere Zigeunergruppen sind eigenständige und uneinheitliche ethnische Volksgruppen. Sie haben so gut wie keine Gemeinsamkeiten. Die Sinti und die Roma stellen lediglich einen großen Anteil der vielen eigenständigen ethnischen Volksgruppen.

Einige Gruppen wie die Irish Travellers (Pavee) sowie die Jenischen zählen nicht zu den vorgenannten ethnischen Minderheiten.

Eine zigane Identität zu einer Nation gab und gibt es nicht. Ebenfalls hat es niemals eine Einheit der Volksgruppen, geschweige ein Volk gegeben. Bis heute ist es noch nicht einmal eine Einheit in der Vielfalt.

Um nur annähernd die Angehörigen der Volksgruppen verstehen zu können, ist daher der Hinweis auf die vielen unterschiedlichen und eigenständigen Volksgruppen zwingend notwendig. Wir müssen uns immer die Frage stellen, von wem, von welcher Volksgruppe, welchem Stamm, welchem Familien- und Sippenverband und welchem Land wir reden.

Der im rumänischen Timisoara (Temeswar-Region Banat) geborene deutsche Buchautor, Publizist, Schriftsteller und Historiker Carl Jakob Gibson schreibt in seinem Buch „Allein in der Revolte":

„Wer etwas über das Wesen der Zigeuner wissen wollte, wer etwas von ihren tieferen Geheimnissen ergründen wollte, der durfte nicht direkt fragen. Denn auf neugierig unverhohlenes Fragen bekam er als Fremder nur ausweichende, ja verkehrte Antworten. Das diente dem Selbstschutz, den das verfolgte Volk in Jahrhunderten entwickelt hatte.

Auch die Logik stand nicht hoch im Kurs - dafür aber die labyrinthisch-sybillinische Struktur, die den Irrweg und das Verbergen von Wahrheit mit einschließt.

Wer sie besser verstehen wollte, musste auf ihre Lebensart eingehen, sie achten und auf die Botschaft, die aus ihren Liedern sprach. An jener Quelle wurde alles verkündet, unmittelbar und unverfälscht wie das Wasser aus einem tiefen Brunnen. Im Lied sprachen sie über sich selbst, für sich und für andere. Nur zuhören musste man, aufmerksam zuhören...

Wer ihrem Liedgut lauscht, jenen Zigeunerweisen, die so viele Musiker inspirierten, von Liszt, Brahms, Bizet, Ravel bis hin zu Rachmaninow, Sarasate und Bartok, wird dort die Definition ihrer Identität' vorfinden in Verknüpfung mit ihrer Lebensart und ihren Werten, die dort mitschwingen. Ihr nationales Selbstverständnis liegt in ihrem eigenen Liedgut, nicht in der selbst oft genialen Stilisierung anderer Künstler.

Vor allem eine wesentliche Eigenschaft hatten diese Menschen, die mich mehr als andere beeindruckte. Sie widerstanden dem konventionellen Leben, dem Joch, dem Laufrad und der Tretmühle, Formen der Angepasstheit, des Gegängeltseins und der Unfreiheit, zu denen man uns Kinder von mehreren Seiten her und auf unterschiedlichen Ebenen zu erziehen versuchte; sie waren im Grunde ihres Wesens wirklich ,frei'... Die Freiheit dieser eigenwilligen Individuen hatte für mich eine bewundernswerte Vorbildfunktion. Denn sie richtete sich nicht nur gegen die gesellschaftliche Konvention', gegen nationale und bürgerliche Werte; sie richtete sich in vielen Formen gegen den Staat selbst, der allen diktieren wollte, wie sie zu leben hatten... Das trotzige Aufbegehren gegen Gleichmacherei und Assimilation, das vorgelebte ,Andersseinwollen', wurde damit immer mehr ein eigener Wesenszug, zu einem Charakteristikum des Selbst..."

Die Bezeichnung Zigeuner sollte neben den individuellen Eigenbezeichnungen der vielzähligen Volksgruppen positiv vertreten werden. Dies gilt vor allem, wo dies in zeitgeschichtlichen und inhaltlichen Zusammenhängen zwingend notwendig ist. Sie sollte daher am „Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas" in Berlin nicht durch die Anwendung von Anführungszeichen distanziert am Rande auf Chronologietafeln stehen.

Die Anführungszeichen garantieren, so der Ethnologe Rüdiger Benninghaus, die Zugehörigkeit zur Kaste der Gutmenschen; ohne diese könnte man in die Gefahr geraten, einer „falschen" Seite zugeordnet zu werden.

Ein Beispiel fehlender Sachkenntnis dokumentiert der Politikwissenschaftler Dr. Michael Lausberg in seiner Rezension zum Buch „Zigeuner. Begegnungen mit einem ungeliebten Volk"von Rolf Bauerdick:

„Schon der Gebrauch des Wortes ,Zigeuner' ist eine Provokation und eine Hommage an diejenigen Leser, die aus den jahrhundertelangen Verfolgungen von Sinti und Roma in Deutschland nichts gelernt haben oder lernen wollen."

Nicht die Bezeichnung Zigeuner sollte geändert werden, vielmehr muss sich die jahrhundertelange negative Einstellung gegenüber den Angehörigen der Sinti, Roma und anderen Zigeunergruppen positiv ändern.

In vielen Gesprächen mit Volksgruppenangehörigen habe ich immer wieder erfahren, dass gerade die Opfer sehr sensibel darauf achten, wer die Bezeichnung Zigeuner verwendet und vor allem mit welchem Duktus. Sie lehnen zumeist nicht die Bezeichnung Zigeuner ab, sondern vielmehr die oft negative Begriffsverwendung durch Fremde (Gadsche oder Chale).

Um nur annähernd das Schicksal der Angehörigen begreifen und verstehen zu können, habe ich mehrere Jahre zahlreiche intensive und emotionale Gespräche mit Zeitzeugen führen dürfen.

Eine von ihnen war die 2019 verstorbene Krimhilde Malinowski.

Ente, wie ich sie nennen durfte, war eine deutsche Sinteza aus der Gruppe der Praistike Sinte (preußische Sinte) und Überlebende des Völkermords. Fast alle ihre Familienangehörigen wurden durch die Nationalsozialisten ermordet.

Viele Jahre engagierte sie sich in besonderem Maße für die Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord und stellte sich in Schulen und Gedenkstätten oftmals für Zeitzeugengespräche zur Verfügung. Für ihren Einsatz erhielt sie das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Für sie war die Bezeichnung Zigeuner eine stolze und ehrbare Eigenbezeichnung.

Sehr bewegend erzählte sie mir in den vielen Jahren unserer gemeinsamen Arbeit ihre Lebensgeschichte. Nachfolgend einige Auszüge unserer Gespräche. Über die Bezeichnung Zigeuner:

„Da wo der Name Zigeuner steht, da steht auch unser Kopf. Wir sind eingefürchtet vor Angst. Es ist traurig, dass man um seinen Stamm und sein Zigeunervolk fürchten muss. Trotz aller Gefahren bin ich als Sinteza stolz, eine Zigeunerin zu sein. Wenn unsere Alten aufstehen würden, würden sie nie verstehen, was mit unserem Namen passiert ist."

Über ihre Erlebnisse in den Bombennächten:

„Gotteskinder haben sie uns in den Bombennächten immer gerufen. Da stehen die Gotteskinder, sagten sie zu uns Zigeunern.

Die Bombenangriffe wurden mit der Zeit immer schlimmer. Jede Nacht mussten wir raus, wir haben gezittert und gebibbert, weil wir Kinder nicht viele Kleider anhatten und ungeschützt draußen stehen mussten. Wir dachten: Jetzt sind wir dran.

Immer wieder kamen die Flieger. Wir hatten Angst. Immer wieder kamen sie und ließen die Bomben über uns fallen. Überall brannte es. Wir hörten bei jedem Angriff in den Bombennächten furchtbare Schreie von Menschen.

Wir rannten beim ersten mal alle zu dem Luftschutzkeller, aber die haben uns nicht hineingelassen. Die haben uns einfach draußen gelassen. Es war Nacht, es war kalt, wir schrien vor Angst. Die Luftschutzwarte, oder was das für Kerle mit ihren weißen Armbinden waren, die sehe ich heute noch. Mit einer schwarzen Schrift im weißen Armband. Das werde ich in meinem Leben nicht vergessen: Ihr Zigeuner kommt hier nicht rein!

Die Bomben kamen immer näher. Durch den Lärm und unsere Angst wurden wir fast ohnmächtig. Wir mussten draußen bleiben und haben geschrien, in den Himmel geschaut und nach Gott gerufen. Gotteskinder haben sie uns immer gerufen. Da stehen die Gotteskinder. Wir haben im Krieg immer nach Gott gerufen, wir haben uns auf dem Friedhof bei unseren Alten versteckt und gebetet. Und später erfahren wir, dass die Kirchen uns Zigeuner und deutsche Christen verraten und in die Gasöfen geschickt haben."

Über ihre Begegnungen mit den Rassenforschern Dr. Dr. Robert Ritter und Eva Justin:

„Ritter und die Lolitschai sollen ja nach dem Krieg noch gelebt haben, die sollen sogar noch einen guten Posten gehabt haben. Waren die Deutschen nicht alle ein Hitlervolk? Nach dem ganzen Ärger mit Hitler war Mama seelisch am Ende. Sie weinte nur noch und dachte an ihre ermordeten Kinder und an die ganz kleinen unschuldigen Enkelkinder, die in den Gaskammern vergast und verbrannt wurden.

Als sie mit meinem Vater ihren toten Sohn, meinen Bruder Berthold, mit 14 Jahren auf dem Sterbebett sah, brach sie zusammen. Sie sah plötzlich seine veränderten Haare... Man hatte ihm das Gehirn rausgenommen. Er wurde als Versuchskind von den Nazis missbraucht und ermordet. Meine Mutter sah am Sterbebett, wie Sägespäne neben den Haaren herauskamen. Sie hatten Sägespäne hineingestopft. Es zerriss ihr und meinem Vater das Herz.

Wie kann man so etwas jemals verkraften und vergessen? Sie war bis sie starb seelisch kaputt. Sie hat es nicht verkraftet und ist daran zerbrochen. Mein Vater litt immer still und alleine. Lebenslänglich, er konnte das einfach nicht verstehen. Immer wieder fragte er: Warum wir?

Nachdem Ritter und seine Lolitschai aus unserem Haus waren, kam einige Tage später die Gestapo in unsere Wohnung. Wir dachten, jetzt nehmen die uns mit. Sie sagten zur Mutter: ihr müsst euch jetzt zwangssterilisieren lassen oder ihr kommt ins Konzentrationslager. Wenn ihr euch sterilisieren lasst, habt ihr eine Chance zu überleben.

Meine Schwester Agathe weigerte sich und wurde mit ihren fünf kleinen Kindern von ihrer Wohnung aus, wie wir später hörten, nach Auschwitz gebracht. Sie wusste ja nicht, was ein Konzentrationslager ist und dass dies das Todesurteil für sie und ihre Kinder war. Später hörten wir, dass sie auch Kinder ohne zu vergasen bei lebendigem Leib einfach in die Öfen geworfen haben.

Nun traf es auch mich und meine Schwester. Ich war erst 13 Jahre alt. Es war Mitte April 1944, kurz vor Ostern, kurz vor meinem Geburtstag.

Was machen wir? Die Mutter hat nur geweint. Jetzt wussten wir, wenn die Mutter weint, dann muss es für uns was schlimmes sein. Dann haben sie uns gepackt und in das Krankenhaus reingeschleppt. Sie haben uns einfach gepackt und mit den anderen Sinti-Mädels und Sinti-Jungs in die Krankenhäuser gebracht.

Mein Krankenhaus hieß: Frauenklinik an der Roonstraße. Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Ich habe das erste Mal einen Arzt gesehen. Ich habe geschrien wie am Spieß, so, dass meine Schwester draußen vor der Türe schlimmer geschrien hat wie ich in dem Raum. Die hat gedacht, jetzt bringen die mich um. Die konnten uns gar nicht mehr beruhigen.

Nach zwei Tagen konnten wir abhauen. Weil wir in Parterre untergebracht waren, haben wir das Fenster aufgemacht und weg waren wir. Wir sind einfach weggelaufen und hatten unglaubliche Angst. Wir waren weg.

Die Roonstraße war von unserer Heinrichstraße fast 20 Minuten entfernt. Aber sie haben uns gesucht und wieder gefangen. Und wieder rein mit uns. Was wir da mitgemacht haben, das kann sich keiner vorstellen. Wir waren ja noch Kinder. Aber wir sind wieder durch das Fenster, und weg waren wir. Aber sie haben uns immer wieder eingefangen. Aber dann waren wir dran.....

Da waren auch schwangere Frauen noch dabei, denen wollten sie die Kinder wegnehmen. Wie wir im Krankenhaus waren, da haben sie den polnischen Frauen die Kinder abgenommen. Die Judenfrauen durften die Kinder nicht austragen.

Eine andere hat immer geschrien: Oi moi bosche, moi bosche - Oh lieber Gott - oh lieber Gott. Sie hat immer die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, war auch noch ein junges Ding gewesen. Das war eine Polin aus Lodz. Der haben sie ihr kleines Kind weggenommen und dann auch so operiert, wie sie uns operiert haben. Das kann man nicht vergessen. Nie..... Die Schreie....

Unsere anderen Sinti-Frauen haben sich mit ihren Kindern auf den Friedhof versteckt. Jeden Morgen in der Früh sind sie mit den Kindern auf die Friedhöfe gelaufen, wo unsere Toten waren, da haben sie sich versteckt. Sie wussten, wann die Gestapo kam, da waren sie schon weg. Und die kleinen Kinder, halb nackt.

Es war immer sehr kalt draußen, viele Kinder sind später an Lungenentzündung gestorben. Wir hatten ja nie Hilfe und Medikamente bekommen. Ein Kind von meinem Bruder Eichwald war auch dabei, und das Kleine von meinem anderen Bruder Oskar ist schwer krank geworden und auch gestorben.

Mit der Zeit konnten die Leute nicht mehr und sind zu Hause geblieben. Sie waren am Ende ihrer Kräfte. Da hat die Gestapo sie gepackt, rein in die Krankenhäuser mit ihnen und sie haben sie auch...... Sie hatten auch die Wahl: Entweder da rein oder ab nach Auschwitz.

Die ganze Wahrheit kann ich nicht erzählen, die kann ich nicht erzählen. Das nehme ich mit ins Grab. Ich war doch erst 13 Jahre alt. Gott wird sie bestrafen.

Als wir nach Hause gehen konnten, hat meine Mutter es der Krankenschwester da drinnen gleich gegeben. Rechts und links und einen Tritt. Zu Fuß mussten wir nach Hause gehen. Wir sind völlig verkrümmt gegangen. Die Mama hat uns beiden Kinder unterm Arm genommen. Vom Krankenhaus bis nach Hause haben wir drei Stunden gebraucht. Für sein Leben lang ist man geschändet worden. Bis zum heutigen Tag. Wisst Ihr, was das bedeutet? Wenn ich gewusst hätte, was nach dem Krieg auf mich zukommt, wäre ich lieber mit meiner Schwester nach Auschwitz gegangen und hätte mich vergasen lassen.

Wir Sinti leben in der Familientradition. Die Familie ist unsere Sicherheit und unser Leben. Ohne Familien sind wir verloren. Und ohne Kinder gibt es keine Familien mehr. Aus und vorbei. Alles vorbei. Ich bin ja geschändet und kann wie die anderen keine Kinder bekommen. Ich habe meine Ehre verloren, meine Ehre ist weg. Ich bin geschändet.

Mein erster Mann hat mich deshalb sitzen lassen und mit einer anderen Frau sechs oder sieben Kinder bekommen. Ein Baby von denen hätte ich bald haarscharf ermordet, so verzweifelt war ich. Zum Glück ist es gerade noch gut gegangen.

Meinen zweiten Mann habe ich unter ständiger Angst beobachtet. Ich hatte immer Angst. Jeden Tag hatte ich Angst, dass er eine andere Frau für eine Familiengründung nimmt und mich verlässt. Wir haben ja unsere Traditionen und Sitten.

Die anderen Frauen, die zum Glück Auschwitz entkommen konnten und überlebten, konnten wenigstens Kinder bekommen. Sie konnten durch ihre Kinder und ihre Familie das Grauen ein wenig vergessen. Ich kann das nie vergessen, ich kann kein Kind und kein Enkelkind in die Arme nehmen. Ich kann ohne Kinder in keiner eigenen Familie Sicherheit für die Zukunft finden. Unsere Kultur, Tradition und unser Stammesieben als Familie geht verloren. Keiner kann sich vorstellen, was das für mich als Sinteza bedeutet.

Nachdem wir aus dem Krankenhaus waren, musste ich mit meiner Schwester Zwangsarbeit leisten. Mit noch ein paar Mädels haben sie uns zur Firma Granum in der Altdammer Straße gebracht. Da haben die für die Front gepresstes Pferdefutter gemacht. Wir haben einmal in Tagschicht und einmal in Nachtschicht gearbeitet. Es war für mich eine schwere Arbeit mit großen gefährlichen Sägen, die breit und schwer waren. Wie konnte ich denn das? Und müde war ich doch auch, es war in der Nacht um drei, es war die Nachtschicht. Angeschrien haben sie mich, warum ich nicht besser aufpassen würde. Oh je, habe ich gedacht, jetzt bringen sie mich weg. Wir haben doch immer damit rechnen müssen, dass alle Minuten die Gestapo kommt und uns holt.

Nach der Operation war ich noch immer sehr schwach. Ich hatte den Bauch aufgeschnitten bekommen. Meine großen Wunden waren noch nicht verheilt. Ich hatte Angst und noch große, große Schmerzen. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass man das alles geschafft hat. Ohne unseren Herrn Jesus hätte ich das nicht geschafft. Ich war ja ein Gotteskind.

Wir sind über so viele Hürden gegangen, haben oft unseren Tod vor den Augen gehabt. Es musste irgendwie gehen, es musste irgendwie weitergehen. Und dann kamen sie......

Nachts hielten auf einmal mehrere Militärfahrzeuge vor der Fabrik an. Immer mehr Soldaten stiegen aus und liefen in die Fabrik. Wir waren doch noch Kinder. Wir hatten doch noch die große Wunde am Bauch. Wir...... Ab jetzt und jeden Abend kamen sie immer wieder.

Wenn ich das alles aufschreibe, habe ich kein Ehrgefühl mehr. Ich stehe in der Sinti-Tradition. Ich kann das nicht aufschreiben. Wir Frauen schweigen und sind seelisch kaputt, weil wir das nicht sagen können. Ich muss das alles mit ins Grab nehmen.

Die Nazis haben uns dreimal bestraft, vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg, bis heute. Und die schlimmste Zeit war die Nachkriegszeit. Ich leide bis heute. Sie haben meine Seele kaputt gemacht. Ich habe als stolze Sinti-Frau durch die Nazis meine Ehre verloren. Und die Richter und die Menschen haben mich nach dem Krieg noch einmal beleidigt und geschändet, als sie die Taten an uns Zigeuner verschwiegen und verharmlosten.

Der Krieg ist vorbei, doch die Leiden bleiben für immer. Nichts ist vorbei. Heute sitze ich hier alleine in meiner Wohnung und bin krank. Kein Kind reicht mir ein Glas Wasser oder kümmert sich um mich. Solange ich meine Augen aufhalte, solange werde ich leiden müssen auf dieser Erde."

„Öffnet Eure Augen, bevor ich meine schließe."

Auch diese mit Wehmut getragenen Aussagen einer sehr stolzen deutschen Sinteza und Zigeunerin sollten, neben dem Erinnern an die Verbrechen der Nationalsozialisten, den nachfolgenden Generationen in Erinnerung bleiben.

Eine weitere sehr beeindruckende Persönlichkeit ist die heute 98jährige deutsche Sinteza und Auschwitz-Überlebende Philomena Franz. Ihre Eltern, fünf Ihrer sieben Geschwister, ihr Onkel, Neffen und Nichten wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

„Ich selber bin durch die Hölle der Unmenschlichkeit gegangen, durch die Schreckenslager des nationalsozialistischen Systems. Die meisten von uns haben nicht überlebt. Wir Überlebenden sind gezeichnet. Aber eines hat mich mein Leben gelehrt: Wenn wir hassen, verlieren wir. Wenn wir lieben, werden wir reich."

In ihrem Buch „Zwischen Liebe und Haß - Ein Zigeunerleben" schreibt sie:

„Die Wahrheit ist schmerzlich, aber nur mit ihr können wir unser Glück aufbauen... Ich habe dieses Buch als Zigeunerin geschrieben. Als Zigeunerin vom Stamm der Sinti... Wir Zigeuner sind nicht rachsüchtig. Doch auch wir haben das Recht, daß unsere Leiden einen Platz in der Geschichte finden..."

Der sehr raue Wind, der alle Angehörigen der Volksgruppen über Jahrhunderte von Südasien (Indien und Teile des heutigen Pakistans) kommend nach Europa und Deutschland trieb, war und ist ein eiskalter Wind der Ablehnung und Diskriminierung. Das Leid war und ist für jeden einzelnen betroffenen Menschen, jede einzelne Seele, so unbegreiflich groß, dass wir auch jedem einzelnen Angehörigen gegenüber Verantwortung übernehmen müssen.

Jeder Angehörige der vielfältigen Volksgruppen lebt bis heute im Schatten von Auschwitz und wird den Völkermord niemals vergessen. Wir Deutschen und Europäer stehen in der Verantwortung für eine zeitlose Erinnerungskultur.