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Dieser Erfahrungsbericht ist nicht einfach ein weiteres Buch übers Lastwagenfahren. Es streift tiefer gehende Themen, zum Beispiel die soziale Diskriminierung oder die spannende Frage: Wo ist Gott?
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Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Prolog
1. Ab Platz
2. Der erste Tag
3. Die erste Nacht
4. Dialog mit der Legalität
5. Lonely Winter
6. Auftrag Nummer 190150
7. 30 Tonnen ungebremst
8. Tausend und eine Rampe
9. Dosieren und Tropfen zählen
10. Mascarpone
11. Jugo
12. Gott und die Welt
13. Ende
Ob ich die Kündigung gleich gegenzeichnen wolle oder sie lieber nach Hause geschickt bekommen möchte? – Unkompliziert wie immer unterschreibe ich sofort. Mein vis à vis ist kein böser Chef. Er hat nur die Aufgabe, eine unangenehme Nachricht möglichst schmerzlos zu platzieren. Und das tut er korrekt. Kein Grund, ihm etwas übel zu nehmen, im Gegenteil. Trotzdem: Das ist kein gutes Gefühl – nicht mehr der Jüngste zu sein und bald schon ohne regelmässiges Einkommen.
Ich hatte immer schon eine Vorliebe für Lkws. Jetzt Trucker werden? – Wieso nicht! Aber wenn möglich mit eigenem Wagen. Vertragsfahrer oder wie die Italiener sagen: Padroncino. Das ist die Verkleinerungsform von »Padrone«, Patron auf Französisch, also Boss. Dass die Verkleinerungsform gute Gründe hat, sollte ich noch erfahren.
Nicht umsonst schreibt sich der Nutzfahrzeughersteller Scania den Slogan »King of the Road« auf die Fahne. Seine LKWs sind motivierende Werkzeuge, auf die jeder Fahrer und jeder Unternehmer stolz sein darf. Wenn schon, denn schon, dachte ich mir. Also habe ich eine gebrauchte Zugmaschine mit dem 580-PS-V8-Motor gekauft; ein tolles Gefährt, allerdings schon 10-jährig mit über einer Million Kilometern auf dem Zähler. Der 16-Liter-Motor sei alles andere als anfällig, vielleicht müsse mal eine Zylinderkopfdichtung gewechselt werden. Aber sonst laufen die ewig und noch ein paar Tage mehr ... So hat man mich zum Entscheid ermuntert.
Jeder Padroncino hat einen mehr oder weniger grosszügigen Padrone. Meiner sagte zu mir, dass ca. 1700 neue Dinge auf mich zu kämen, wenn ich als Vertragsfahrer bei ihm arbeiten würde. Ich habe die neuen Dinge nicht gezählt. Aber ich glaube, dass er damit schon recht hatte.
Mein Padrone hat alle Hochachtung vor Fahrern, die tagtäglich einen guten Job machen: »Das sind Kaderleute. Sie wissen Bescheid über Nutzfahrzeugtechnik, Arbeits- und Ruhezeitbestimmungen, Strassenverkehrsrecht, Geographie, Sprachen und so weiter.« Am Zoll in Chiasso angetroffen, sagt einer seiner Fahrer: »Für uns ist das selbstverständlich, und es gibt viele, die das können.« Möglicherweise ist die Bescheidenheit ein signifikantes Merkmal dieser Spezies von Arbeitnehmern. Die selbständig erbrachte Leistung kommt vor den grossen Sprüchen. Indirekt ist die Hochachtung des Padrone bestätigt.
Dass die Trucker ihre überdurchschnittliche Leistung zu unterdurchschnittlichen Sozialleistungen erbringen, muss seinen Grund haben. Immer spielt der Markt die entscheidende Rolle, wenigstens in dieser Sparte, die keine Subventionen erhält; jedenfalls nicht in der Schweiz, wo andere Verkehrsträger wie der Schienenverkehr massiv unterstützt werden. Die Zahlen der zuständigen Bundesbehörden bestätigen dies, auch wenn es kaum jemand in diesem Land interessiert.
Manchmal spielt Begeisterung dem betriebswirtschaftlichen Markt eben einen Streich. Wieso ist Strassentransport so billig? Manche sagen sogar: zu billig. Gibt es überhaupt etwas, das zu billig ist? – Billig ist recht und günstig.
Es ist die Leidenschaft, die diese Branche prägt, die über ökonomische Regeln hinweggeht. Hätte das Lastwagenfahren keinen Reiz, so wären die Chauffeure der Führerausweiskategorie C/E noch rarer gesät, ihre Löhne höher und die Transportkosten teuer. Ganz einfach nach der alten Regel von Angebot und Nachfrage.
An der Volksabstimmung im Herbst 1998 hat die Schweiz die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe gut geheissen. Danach bezahlt der Halter eines 40-Tonners pro Kilometer rund einen Franken, eher mehr, je nach Schadstoff-Kategorie der Maschine. Ein Franken tönt nicht nach viel Geld, 100 Franken auf 100 Kilometer schon. Ein 40-Tonnen-Zug verbraucht auf 100 Kilometer so um die 30 Liter Diesel. Wenn er friedlich durchs Land rollt, sind die anfallenden LSVA-Gebühren somit deutlich höher als die Treibstoffkosten. Bei vielen Einsätzen übersteigen die steuerlichen Ausgaben sogar die Lohnkosten des Fahrers.
Noch ein kleiner Strassenkosten-Exkurs: Gemäss offizieller Strassenrechnung der schweizerischen Bundesverwaltung deckt der LKW die von ihm verursachten Strassenkosten mehr als füglich. Wenn ich mit dem PKW unterwegs bin und in eine Spurrinne gerate, sage ich manchmal zum Spass: »Da haben doch diese Velofahrerinnen und Velofahrer mit ihren schmalen Reifen wieder den ganzen Strassenoberbau kaputt gemacht.« Druck gleich Kraft durch Fläche. Nein, natürlich sind es die Achslasten der Nutzfahrzeuge, welche die Strassen zerschleissen. Aber die Kosten werden mehr als gedeckt. Das Bundesamt für Statistik bestätigt dies. Es ist übrigens auch eine gesetzliche Tatsache, dass die vom Strassentransport erhobenen LSVA-Einnahmen zu zwei Dritteln für Eisenbahn-Grossprojekte verwendet werden, auch für Lärmschutzmassnahmen entlang der Schiene. Ich habe damit kein Problem, sondern selber eine MärklinModelleisenbahn - allerdings in Schachteln verpackt und im Moment leider keine Zeit, um damit zu spielen.
Diese paar einleitenden Bemerkungen sollen für den Moment genügen. Mal sehen, was in der Realität des ganz normalen Lastwagenfahrens in internationaler Logistik so alles passiert! Und ausserdem: Die Gedanken sind frei. Wer neun Stunden am Lenkrad sitzt, dem geht so einiges durch den Kopf. Was ist Gerechtigkeit? Wer gehört wohin? – Dieses Buch ist deshalb nicht einfach eines übers Lastwagenfahren. Es streift weitere Themen, zum Beispiel die soziale Diskriminierung oder die Frage: Wo ist Gott?
Fast hätte ich’s vergessen: Egoistisch ist jeder. Für mich komme zuerst immer ich. Aber ich möchte nicht versäumen, allen zu danken, die mir ermöglicht haben, dieses Buch zu schreiben: meiner Frau Maya, meinen Hund Candy, meinem Padrone und last but not least all meinen Kollegen, die tagtäglich mit wenig eigenem Anspruch diesen verantwortungsvollen Job für die Gesellschaft tun, zum Beispiel Jakob.
»Ach, Jakob, Du möchtest ja gar nicht, dass ich mich bei Dir bedanke, Du willst vielmehr, dass ich Gas gebe, Unterhalt am Wagen spare und viel Umsatz mache. Danke trotzdem, Jakob!«
Freundlich grüsst Ihr Padroncino.
Da steht er, der stolze Schlepper. »Wir haben dir eine der besseren Occasionen ausgesucht. Vor allem auch, was Ölverluste und so angeht. Denn das kostet Geld, bis alles okay ist für die Motorfahrzeugkontrolle.« Mein Scania ist mir auf Anhieb sympathisch. Zwischen Fahrer beziehungsweise Unternehmer und Fahrzeug gibt es so was wie eine Beziehung. So wie früher zwischen Fuhrhalter und Ross. Jeden Rostfrass und jeden Karosserieschaden betrachte ich einzeln. Einzeln betrachtet scheint der Aufwand nicht weiter schlimm zu sein. Das Dumme ist nur, dass alles zusammen ziemlich viel Arbeit gibt. Doch wie es scheint, kann ich das Meiste selbst erledigen. Und da ist noch dieser Steinschlag in der Windschutzscheibe. Aber der Kratzer liegt nicht im zentralen Sichtfeld. Ich denke, dass ich mir das Wechseln der Scheibe sparen kann.
Denken, hoffen. Wer Zuversicht und ein Ziel hat, denkt positiv. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Das dürfte überhaupt die Grundlage des Systems »Vertragsfahrer« oder eben »Padroncino« sein. Jeder glaubt, es werde schon kein Unfall passieren, er werde schon keinen Getriebeschaden haben, es werden ihn schon keine gesundheitlichen Probleme treffen und so weiter. Sonst, bei realistischer Einschätzung der Risiken, würde es wahrscheinlich gar keine Vertragsfahrer geben. Da rechnet es sich vernünftigerweise besser, sich anstellen zu lassen. Dann ist das kaputte Fahrzeug Sache des Chefs. Und wer eine Grippe einfängt, bleibt im Bett.
Dass der Dieseltank durchgerostet ist, merke ich erst, als ich ihn ausbaue, um ihn neu zu lackieren und gegen Rost zu behandeln. »Zu spät, du rettest den Freund nicht mehr.« (Zitat Schiller, »Die Bürgschaft«). Wenn schon, denn schon. Bei allem, was ich anfasse, versuche ich saubere Arbeit zu leisten. Zum Glück kann ich den Wagen in einer Scania-Vertretung herrichten. Da hat man für jedes Kleinteil den richtigen Ersatz griffbereit im Regal. Das kostet nicht viel und ergibt im Ergebnis eine sorgfältige Restauration. Schliesslich war dieser Truck der Star, der King seiner Zeit.