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Hermann Welp, Bäckermeister, geb. 1954, verheiratet, 5 Kinder, lebt in Essen und ist Inhaber einer Bäckerei mit italienischer Ausrichtung. Das Unternehmen führt nur ein Ladengeschäft und ist im Bio-Großhandel vertreten. Außerdem bedient er große, namhafte Label, die dafür sorgten, dass die Marke "Pane & Dolci" auch über die Grenzen Deutschlands bekannt wurde. Welp beschreibt die schlaue Positionierung seiner Bäckerei im Haifischbecken der Filialisten und Industriebäcker. Darüber hinaus beschreibt er in anschaulicher Form sein großes Hobby, den Wochenmarkt. Auch da spielt Marketing eine große Rolle. Von Märkten in Essen, Bochum, Düsseldorf, Krefeld und Moers erzählt er authentisch Anekdoten mit witzigen bis hinzu ernsten Inhalten, die den Leser manchmal staunend zurücklassen.
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2019
Hermann Welp
Auf den Zufall vorbereitet sein und ihm eine Chance geben.
Schlaue Positionierung einer kleinen Bäckerei in Essen im Haifischbecken der großen Filialisten und Industriebackshops.
© 2019 Hermann Welp
Umschlag, Illustration: Doro Ostgathe
Lektorat, Korrektorat: Ulrich Ross
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7482-6946-5
Hardcover
978-3-7482-6947-2
e-Book
978-3-7482-6948-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
„Mama arbeitet bei der Stadt und Papa ist Bäcker und Erfinder“ ist die Antwort meiner jüngsten Tochter beim Vorstellungstermin zum Maschinenbaustudium in Köln.
Bemerkt sei dabei, dass ihre Mutter Manuela Wirtschaft und Verwaltung studiert hat, einen hohen Position in der Stadtverwaltung bekleidet und keine Knöllchen an Falschparker verteilt – das ließ sie gänzlich unerwähnt.
Mit einem Vorwort vom Prinzipal des Mondpalastes in Wanne-Eickel und RevuePalast Ruhr in Herten, Christian Stratmann.
Widmung
Dieses Buch ist gewidmet meiner Familie, insbesondere meinen Kindern und Enkeln, die einen Vater oder Großvater erlebten, der nur wenig Zeit für sie aufbringen konnte.
Familiengeschichten leben vom Erzählten und Geerbten. Im Ruhrgebiet gibt es viele Geschichten von einfachen Leuten unter schwarzem Himmel, vom Zusammenhalt und Ehrlichkeit. Von Kumpeln, Metzgern, Bäckern und auch Wirten und vielen anderen. Die Einfachheit des Lebens nach dem Krieg und die Schwere der Arbeit. Bilder an den Wänden der Adligen zeugen von Geschichten, von Familien und Zeiten. In diesem Buch wird Geschichte erzählt, wie sie in meiner Erinnerung ist. Ich würde mich freuen, wenn meine Geschichten Teil dieses Familiengedächtnisses werden.
Hermann Welp, Mai 2019
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Das Leben
Opa
Opa und ich
Studium der Lebensmitteltechnologie
Besuch in der DDR
Rückkehr in den heimischen Betrieb
Italien
Sorgfalt schafft das Besondere
Meine Türken
Erdbeerzeit – gute Zeit
Auszeichnungen
Laudatio
Auf dem Lippenshof
Besuch bei Dr. Hermann Bühlbecker
Brogsitter
Auf den Märkten
Kettwig
Rüttenscheid, ein Markt und viele Freunde
Moers
Markterlebnis in Heiligenhaus
Die Jugend holt mich ein
Dame mit Hund
Alte Dame
Begegnung mit Geheimnis
Von einer Chinesin lernen
Amtsärztin
Wochenmarkt und Marketing
Marketing
Otto Rehagel
Ministerpräsident Laschet
Stefan Stoppok
Rudi Löffelsend
Vorlesen
Nachmittagsmärkte
Nachfolge
Projekte
Gebäck der grünen Hauptstadt
Rot Weiss Essen und die Essener Chancen
Besuch im Hotel Handelshof
Weltkulturerbe Zeche Zollverein
Wehmut
Konstanten im Leben
Kirche und Glaube
Ende
Steigerlied
Der Autor
Vorwort
Ist es normal, dass mich die Einladung, zu Hermann Welps autobiografischem Buch ein Vorwort zu schreiben, mit Wehmut erfüllt? Sind wir beide wirklich schon so alt, dass es für einen Lebensrückblick reicht? Das Foto auf dem Personalausweis beweist: Die Fassade bröckelt, doch innerlich fühlen wir uns so jung wie früher.
Früher – das war in den 1960ern. Damals haben wir gemeinsam die Schulbank gedrückt. Heute sind wir der Bäcker und der Prinzipal. Und hecken nach wie vor am liebsten verrückte Ideen aus. Hermann Welp und mich verbindet eine Freundschaft, die seit Jahrzehnten hält. Dabei haben wir uns zwischendurch lange Zeit gar nicht gesehen. Doch als wir uns wiedertrafen, da war es so als hätten wir uns erst gestern voneinander verabschiedet.
So unterschiedlich unsere Berufswelten auch sein mögen: In dem Wunsch, Neues zu erschaffen und Menschen zu begeistern, sind wir uns sehr ähnlich. In die Wiege gelegt war es uns nicht, als Hermann und ich die damalige Fachoberschule für sozialpädagogische Berufe in Essen besuchten. Danach verloren wir uns aus den Augen. Ich ging zum Jahreszeiten-Verlag nach Hamburg, Hermann in die Backstube des elterlichen Betriebes.
Viele Jahre später entdeckte er mein Bild in der Zeitung – sie porträtierte mich als Initiator und Mitgründer des Europahauses. Hermann griff sofort zum Hörer, und mein Herz machte einen Sprung: Endlich ein normaler Mensch in diesem Tollhaus! Wir trafen uns zum Kaffee, fühlten uns jung wie nie. Am Nebentisch lächelte der Travestie-Star Mary. Diese Momente werden mir für immer unvergesslich sein.
Seitdem halten wir Kontakt. Hermann ist Ehrengast in meinen Palästen, und ich bin Kunde an seinem Stand auf dem Rüttenscheider Wochenmarkt, wo ich auch wohne. Vor kurzem erst hatten wir großen Spaß, den Gästen etwas zu kredenzen, was es nur in Hermanns Backstube und meinem Volkstheater Mondpalast gibt: die „Mond-Palätzchen“. Für diesen Theaterspaß zum Aufessen hat Hermann mir sein Spezialrezept zur Verfügung gestellt, „Pasta di Mandorla“, eine Gebäckspezialität aus Mandeln und anderen wertvollen Zutaten, die er 2004 auf einer Reise nach Sizilien entdeckte.
Das sagt viel über Hermann aus. Mit offenem Herzen bereist er die Welt und bringt ins Ruhrgebiet mit, was ihn begeistert. Dabei ist er großzügig und teilt seine Ideen gern. Das nötige Quäntchen Glück gehört auch zum Erfolgsrezept. Mit „Pasta di Mandorla“ legte er schließlich den Grundstein für seine italienische Backstube. Dort entstehen die „Dolci Welpino“, für die die Essener Marketing-Gesellschaft Hermann den „Tacken“ verlieh, einen Ehrenpreis für pfiffige Erfolgsideen. Auch ich darf mich für den Mondpalast mit einem „Tacken“ schmücken. Noch etwas, das uns verbindet.
Auch deshalb reicht unser Gesprächsstoff noch für die nächsten 50 Jahre. Mit seinem inhabergeführten Handwerksbetrieb und seiner unerschöpflichen Kreativität ist Hermann Welp einer, der meine Wahlheimat Essen lebenswert macht, der uns süße Verführungen serviert und immer wieder überrascht. Hermann, lieber Freund, das sind richtig gute Zutaten für ein schönes Leben. Ich wünsche uns, dass wir es noch lange gemeinsam genießen können, und deinem Buch viele vergnügte Leser.
Christian Stratmann
Prinzipal des Mondpalasts von Wanne-Eickel und des RevuePalasts Ruhr
Christian Stratmann
Das Leben
Das Leben ist so lang wie ein Metermaßband. Schneidet man an der für einen selbst bestimmten Stelle ab, so sieht man schnell, wieviel Zeit noch bleibt. Um diese Zeit geht es. Sie ist mit buntem Leben zu füllen. Dafür kann jeder etwas tun. Die zurückliegende Zeit kann man nicht mehr verändern. Sie dient der Betrachtung und der Erinnerung an Geschichten und Begegnungen, die wertvoll und lehrreich waren. Im Leben gibt es vereinfacht vier Begriffe die gemeinsam verbunden zum Erfolg führen. Es sind die Begriffe Neugier, Ernüchterung, Ausdauer und Erfolg.
Man wird als Kind mit einer großen Portion Neugier in diese Welt geboren. Wenn man sich diese Neugier bis ins hohe Alter erhält, so hat man eine wichtige Voraussetzung für ein spannendes Leben erfüllt. Aber es reicht eben nicht der Eine.
Der zweite Begriff ist die Ernüchterung. Aktionen, aus Neugier und Begeisterung geboren, kommen im Umfeld nicht so an, wie man es sich wünscht. Schnell macht sich Ernüchterung und Enttäuschung breit. Viele Menschen verfallen an diesem Punkt in Traurigkeit, manche gar in Schockstarre. Sie richten sich in eine Opferrolle regelrecht ein. Immer sind die Anderen schuld. Man sucht immer nach irgendwelchen Ausreden.
Der dritte Begriff ist die Ausdauer. Sie beschreibt die Geduld, das Kämpferherz und die Überzeugung in der Sache richtig zu liegen, trotz der Ernüchterung. Neugier und Überzeugung gepaart mit der Ausdauer ist das Geheimnis jedes Erfolges. Menschen, die diese drei letzten Begriffe zusammenführen können, haben im Leben Erfolg. Das ist mein vierter Begriff. Der Erfolg drückt sich nicht zwangsweise in Euro aus, sondern durchaus auch in vielen Fällen in positiven Tugenden wie Selbstwert, Selbstbewusstsein, Sympathie, bei manchen eben auch in Euro. Im Leben durchläuft ein Mensch durchaus mehrfach diese Phasen von Neugier, Ernüchterung, Ausdauer und Erfolg.
Nach dem ersten Mal weiß er wie es geht und ist zuversichtlich es wieder zu schaffen. Es gibt Menschen, die verharren zwischen den ersten beiden Begriffen. Sie führen ein unglückliches Leben. Noch schlimmer wird es, wenn man im zweiten Begriff der Ernüchterung verharrt. Hier können nur noch Profis beratend eingreifen. Solche Menschen sind oft seelisch krank. Anhand der Betrachtung habe ich alle Begriffe für mich eingesammelt. Das war nicht immer einfach, nein, oftmals war es steinig und schwierig, aber ich habe es geschafft. Heute wirft mich so schnell nichts um. Gelassen umschiffe ich Schwierigkeiten, die sich vor mir aufbauen. Krisen und Niederlagen sind für mich nicht mehr existent. Alles sind vielmehr Ansporn und ein Angebot von sich stellenden Chancen. Diese Chancen möchte ich beim Schopf fassen. Meine Geschichte erzählt davon an vielen Stellen. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen. Vielleicht gefällt Euch die eine oder andere Geschichte besonders gut. Verratet es mir bitte.
Opa
Man schreibt das Jahr 1911, als zwei Brüder Hermann und Wilhelm Welp aus Nortrup im Kreis Bersenbrück sich aufmachten, um im Ruhrgebiet, das durch die Zechen immer mehr Menschen eine Heimat bot, zwei Bäckereien zu gründen. Nur drei Kilometer entfernt, der eine in Bergerhausen in der Nähe der Zeche Ludwig, auf der Rellinghauser Straße. Der andere in der Oberstraße, in der Nähe der Zeche Langenbrahm in Rellinghausen. Mein Opa Hermann senior ist am 30. 12. 1882 geboren. Es war also zu einer Zeit, als die Familien noch mit dem Vieh unter einem Dach wohnten. Sie schliefen nicht in Schlafzimmern, sondern im Stall, wo die Kühe die Luft wärmten und wo über einer offenen Feuerstelle gekocht wurde. Schinken hingen von der Decke im Rauch und wurden so haltbar gemacht. Es war eine bewegte Zeit. In Rom regierte Papst Leo XII.
Robert Koch entdeckte den Erreger der Tuberkulose. Der erste Standkorb wurde in Warnemünde an der Ostsee gefertigt, und Werner Siemens erfand das „Elektomote“, ein Gefährt wie ein Auto, an einer Überlandleitung geführt. Alles Dinge, die noch gar nicht so lange her sind.
Das Ruhrgebiet und insbesondere Essen stand für Industrialisierung und Aufbruch in der damaligen Zeit, in der noch Kaiser Wilhelm II regierte. Nortrup war eine Dorfgemeinde, geprägt durch Landwirtschaft, aber auch durch Mangel an Arbeit für die vielen Kinder, die damals in der Familie lebten. Die Vorfahren waren Torfstecher oder Heuerleute in Diensten der Großgrundbesitzer. Sie bekamen ein kleines Häuschen und etwas Land für die eigene Nutzung. Die Arbeit war schwer und das Leben trostlos.
Vorwiegend wurden in Handwerk oder Landwirtschaft gelernt. Schreiner, Klempner, Bäcker, Müller und so weiter waren die vorherrschenden Berufe. Arbeit war jedoch nicht für alle da. Hermann und Wilhelm hatten noch sechs weitere Geschwister. So wurde der Raum eng und sie zogen ins Ruhrgebiet.
Das Haus in der Rellinghauser Straße 284-286 kaufte mein Opa Hermann Welp und richtete einen kleinen Laden und eine kleine Backstube ein (Bild auf Seite 14). Doch wie sah diese Backstube zu dieser Zeit aus? Ein Raum mit 55 Quadratmetern. Ein gemauerter Ofen war das Herzstück. Das Mehl wurde in 100-Kilogramm-Jutesäcken angeliefert. Es gab damals noch viele Mühlen in der Region. Die Küppersmühle aus Duisburg gehörte zu den größten. Zwei Herrichtungstische mit Holzauflage, damit die Teige nicht auskühlten, gehörten zum Standard. Eine Teigmaschine, Hubkneter genannt, ersparte den Bäckern das mühsame Kneten des Teiges mit der Hand. Eine Waage und einige Kleinigkeiten, mehr brauchte es nicht. Alles andere war Handarbeit. Der 8-Stunden-Tag war Utopie. Die Arbeitsabläufe bestimmten den Rhythmus. Der Bäcker brauchte nicht um Kunden zu buhlen. Wenn Brot und Brötchen gut waren, florierte der Laden.
Schade, dass der heutige Kunde die handgemachten Brötchen nicht mehr kennt. Wir sind heute wahrscheinlich eine der letzten Bäckereien, die das so praktizieren. Unsere Brötchen kann man am nächsten Tag auch noch aufbacken. Was heutzutage bei Backshops hergestellt wird, hat mit Qualitätsbackwaren nichts mehr zu tun. Die Chemiecocktails befeuern allerhöchstens nur die Allergieanfälligkeit der Bevölkerung. Opas Geschäft wurde gut frequentiert und bald danach drohte der erste Weltkrieg 1914 bis 1918, geprägt von Hunger und Arbeitslosigkeit. Es war auch der Nährboden für den zweiten Weltkrieg und Nationalsozialismus. Im ersten Weltkrieg war Opa Hermann eingesetzt. Er kam zurück und konnte den Betrieb wieder führen. Auf alten Fotos kann man noch erahnen, wie Bäckerei damals ging. In einem Hühnerstall im Hof wurden Hühner gehalten. Die sorgten täglich für die zum Backen benötigten Eier.
Rellinghauser Straße 286, im Jahre 1919
In einem Schweinestall wurden immer sechs Schweine gehalten, die mit den Resten aus Backstube und Laden gefüttert wurden. Ein großes Fest war das Schlachtfest im November oder Dezember. Es kam immer ein Metzger, der die Tiere schlachtete und auch zu Wurst verarbeitete. Es gab keine Transporte, die die Tiere stressten. Nachdem die Ställe leer waren, wurden sie gekälkt. Erst danach wurden neue Ferkel eingestallt. Für die Kinder war das immer eine besondere Gaudi mit den kleinen Schweinchen. Es wurde so etwas wie ein Kreislauf geschaffen.
Abfälle aus der Bäckerei wurden wertig umgesetzt. Das Fleisch und die Wurst, die nicht in der Familie benötigt wurde, bekam der Metzger nebenan. Die Mitarbeiter meines Opas wohnten immer im Haus. Kost und Logis wurde mit dem Lohn verrechnet. Die Arbeit war nicht leichter, aber stessfreier. Gearbeitet wurde solange bis alles getan war. Die Uhr spielte eine untergeordnete Rolle. Der Zusammenhalt war stark und die Firma eine große Familie.
Alte Backstube, die geradezu nach Handarbeit schreit
Der Lehrling Hans Scheele wohnte in Burgaltendorf, ungefähr acht Kilometer entfernt. Schon damals eine Entfernung, die zu Fuß nur zum Wochenende bewältigt werden konnte. Da auch oft Sonntagsdienste angesagt waren, sah Hans seine Familie nicht sehr oft im Jahr. Er hatte jetzt die Familie Welp und war Teil der Gemeinschaft. Später hat er einen Schuhgroßhandel in Coburg erfolgreich geleitet, kam aber immer bis zu seinem Lebensende die Firma Welp besuchen. Von ihm hörte ich den Satz Jacob Venedeys: „Schaffen und Streben ist Gottes Gebot, nur Arbeit heißt Leben und Nichtstun den Tod“. Viel Wahres auf den Punkt gebracht. Man wusste wo seine Wurzeln waren.
So ging es vielen unserer ehemaligen Auszubildenden. Otto Brenci, ein italienischer Junge, dessen Familie auch in Bergerhausen in einfachsten Verhältnissen wohnte, war ein ganz lieber Lehrling meines Opas. Er freundete sich mit meinem Vater schnell an. Otto war der ältere von Beiden und brachte meinem Vater viel erlerntes bei. Sicher war auch viel Schabernack dabei. Da der Lebensmittelpunkt der Arbeitsplatz war, verbrachten die Beiden viel Zeit miteinander und legten den Grundstein für eine lebenslange Freundschaft. Oftmals besuchte uns Onkel Otto in Essen und manchmal waren meine Eltern auch in Bozen, wo Otto seine Heimat gefunden hat. Seine Frau, eine Südtirolerin, führte dort eine Frühstücksbar, wie man sie in Italien an jeder Ecke findet. Er war Gebietsleiter für Thommys Mayonnaise in Norditalien. Ich habe ihn immer bewundert. Er fuhr immer den neuesten Alfa Romeo, war chic gekleidet und hatte 1-a-Manieren. Er wollte mich immer gern nach Juventus Turin holen, nachdem er von meinen Qualitäten im Fußball gehört hatte.
Da übertrieb er natürlich, aber gerade das gefiel mir gut. Auch ich besuchte ihn in Bozen mit meiner Familie. Seine Herzlichkeit und Gastfreundschaft werde ich nie vergessen. Er zeigte uns die Schönheiten seiner Heimat und zeigte sich immer sehr großzügig. Leider ist er vor einigen Jahren verstorben und in Bozen beerdigt. Sein Grab zu besuchen ist ein großer Wunsch, den ich mir in nächster Zeit erfüllen möchte.
Während des Zweiten Weltkrieges war mein Opa bemüht, ein Grundstück der Geschwister Schley zu kaufen. Dieses Grundstück lag direkt hinter unserem Betrieb. Für uns wäre es zum großen sehr vorteilhaft gewesen, denn man hätte von hinten eine Zufahrt zur Backstube gehabt. Das hätte für Lieferungen einiges erleichtert. Wir hätten mit dem Auto vor die Bäckerei fahren können. Die Geschwister Schley bildeten eine Erbengemeinschaft, von denen ein Bruder in Amerika lebte. Alle in Deutschland lebenden Geschwister waren sich einig und wollten verkaufen. Der Bruder in Amerika blieb stur. Er stimmte nicht zu und war gegen den Verkauf. Später durfte das Gelände bebaut werden und die Familie Welp wäre wohl aus dem Schneider gewesen. So wurde aus dem Traum nichts.
Drei Kinder gingen aus der Ehe mit meiner Oma Maria hervor: Maria, Hermann und Heinz wurden im Geschäftshaushalt groß. Hermann und Heinz erlernten das Bäckerhandwerk. Maria wurde Verkäuferin, später in ihrem eigenen Geschäft in der Weserstraße. Heinz, der jüngste Sohn, bezog eine Wohnung mit Backstube und Geschäft in Duisburg-Neudorf und gründete mit seiner Frau Päule eine große Familie. Sohn Hermann übernahm das Regiment in der Rellinghauser Straße 286 im Jahre 1961.
Heute ist der erste Weltkrieg 100 Jahre her. Die Republik wurde in Berlin ausgerufen und die Weimarer Republik entstand. Wo sie endete, wissen wir auch. Der verheerende 2. Weltkrieg hinterließ die Städte in Schutt und Asche. Die Bevölkerung hungerte und erst nach dem Krieg, als der Wiederaufbau die vordringlichste Aufgabe war, hatten die Menschen auch wieder Lust, die Feste zu feiern. Zunächst in der Familie. Namenstage, Geburtstage und Jubiläen, Hochzeiten, Taufen und auch Beerdigungen. Alles lebte wieder auf.
Dazu wurde natürlich der Bäcker benötigt. In den Wohnungen standen Kohleöfen mit Platten, auf denen man kochen konnte. Viele dieser Öfen besaßen keine Backröhren und so war man beim Backen auf den Bäcker angewiesen. Einen Kuchen zu kaufen war viel zu teuer. Aus einer Rezeptur wurde also ein Teig erstellt, in eine Form gegeben und mit einem Tuch abgedeckt, mit einem Zettel mit Namen und Anschrift versehen und ab ging es zum Bäcker an der Ecke. Der verfügte über einen großen, meist noch gemauerten Ofen. Diese Öfen waren für die Ewigkeit gebaut und noch sehr lange im Betrieb. Der Bäcker buk den Kuchen gegen ein kleines Entgelt.
Oft jedoch war das Ergebnis nicht nach den Vorstellungen des Kunden. Das lag meistens an den fehlerhaften Rezepten oder Zusammenstellungen. Diesen ganzen Vorgang nannte man Lohnbäckerei. Was nach dem ersten Weltkrieg funktionierte, sollte auch nach dem zweiten Weltkrieg funktionieren. Ich weiß noch wie oft mein Opa schimpfte, wenn Kunden Backpulver vergaßen oder zuviel Zucker in den Teig gegeben wurde. Der Kuchen ging entweder nicht auf oder wurde schwarz, weil oft in den Haushalten keine vernünftige Waage zur Verfügung stand. Ein undankbares Geschäft, was schließlich endete, als wieder Backöfen in den private Küchen zur Verfügung standen.
Das war Backromantik pur und ist heute unvorstellbar. Übrigens funktionierte das im Osten Deutschlands bis zur Wende ganz genau so, wie mir meine Verkäuferin bestätigte.
Opa hatte alle Errungenschaften der Zivilisation sehr früh. Fernseher, Telefon und das Auto waren zu der Zeit längst nicht selbstverständlich. Er dachte nach vorn.
Meine Oma mütterlicherseits hatte eine Gastwirtschaft. Auch hier gab es einen „Schalter“, an dem die Kunden ihren Haustrunk abholen konnten. Reiche Leute besaßen einen verzierten Tonkrug, wo ein oder zwei Liter hineingingen. Meistens wurde von der Mutter die älteste Tochter, wenn vorhanden, damit beauftragt, das Bier für den Vater abzuholen. Warum die Tochter? Die Mutter hatte Angst, dass der Vater erst sehr spät oder gar nicht wiederkam. Am „Schalter“ war eine Klingel angebracht. Über den Tresen ging alles, was die Kneipe bot. Bier, Zigaretten, Zigarren (damals noch sehr begehrt) und natürlich Schnaps. Bei meiner Oma war der über Kupferdrehs Grenzen hinaus bekannter Quellpüter der Renner. Es war ein Kräuterschnaps, den, wenn man der Legende glaubt, sogar vom Hausarzt gegen Magenkneifen empfohlen wurde. Der Quellpüter wurde nach einer geheimen Rezeptur von meiner Oma zusammengestellt und sogar Pferden bei einem aufgeblähtem Bauch verabreicht. Auch über die Gastwirtschaft meiner Oma könnte ich sicher ein Buch schreiben, und ich bleibe lieber bei der Bäckerei.
Man darf sich die Jahre nach dem Krieg nicht so vorstellen wie in den heutigen Zeiten. Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau gab es nicht. Gleichstellung von Lesben und Schwulen war undenkbar. Wenn die Frau arbeiten wollte, musste der Mann das vorher genehmigen. Man wurde noch schuldig geschieden. Eine schuldig geschiedene Frau war praktisch mittellos. Die Menschen waren noch verstört vom Krieg. Viele waren traumatisiert, körperlich und geistig verstümmelt. Es gab viele Menschen mit Prothesen, Krücken und fehlenden Gliedmaßen. Frauen, deren Männer mit ungewissem Schicksal in Russland verschollen waren. Eine solche Frau war Tante Lilli. Eigentlich keine richtige Tante, und doch weitläufig mit uns verwandt. Sie war in unserem Haushalt Mädchen für alles. Sie kochte für uns und die Angestellten und war unser Kindermädchen. Sie gedieh uns eine sehr katholische Erziehung an und kümmerte sich um unser Seelenheil. Maiandacht und Rosenkranzgebete waren Pflicht. Sie achtete sehr darauf, dass wir zur Kirche gingen. So wuchsen wir drei Geschwister mit den Prägungen dieser Zeit heran.
Meine Eltern sind in den 20er Jahren geboren. Sie gehören zu einer traumatisierten Generation, von deren Einfluss wir nicht ganz verschont blieben. Sie konnten sich nicht gegen das Gefühl wehren, einen Krieg verloren zu haben, wurde ihnen doch immer suggeriert, zur auserwählten Rasse zu gehören. Es existierten auch noch Lehrbücher aus dieser Zeit, die die einzelnen Rassen benennen. Die arische wurde dort hervorgehoben. Es galt diese hervorragenden Merkmale nicht durch Mischung zu verwässern. Mein Vater war in amerikanischer Gefangenschaft. Dort brauchte man sich nicht von „Negern“ das Essen bringen zu lassen, wenn man das nicht wollte. Der Rassismus in den USA war allgegenwärtig. Als Kinder sahen wir einen schwarzen Mann höchstens mal im Fernseher. Billy Mo mit seiner Trompete und Tirolerhut war für mich der erste.
Bis Cassius Clay mein Leben bereicherte. Morgens um vier Uhr weckte mich mein Vater. Im Wohnzimmer stand ein Schwarz-Weiß-Fernseher, der ein flimmerndes Bildmaterial aus den USA, dem Madison Square Garden, lieferte. Der Kampf des Jahrhunderts wurde angekündigt. Der athletische, geschmeidige und gutaussehende Cassius Clay, der gerade zum Islam konvertiert war und nun Muhammad Ali hieß, kämpfte gegen den für unbezwingbar gehaltenen Sonny Liston. Ganz großes Kino für mich damals. Der erste Gong ertönte und es dauerte nicht lange, da lag der „Black Bear“ Sonny Liston im Ringstaub wie ein Maikäfer am Boden. Ich hatte gerade in Opas gemütlichen Bürostuhl Platz genommen und freute mich auf einen schönen, spannenden Kampf, da war er schon zu Ende und ich konnte wieder ins Bett kriechen, was noch schön warm war.
Das hielt mich jedoch nicht davon ab, auch in Zukunft nachts aufzustehen, um die Kämpfe von Muhammad Ali anzuschauen. An den erleuchteten Wohnzimmern sah man, dass ich wohl nicht der einzige war, der den Fernseher zu dem Anlass eingeschaltet hatte. Muhammad Ali wurde später zum Sportler des Jahrhunderts gewählt und hat sich Zeit seines Lebens, trotz seiner schweren Krankheit, für Gerechtigkeit unter den Völkern eingesetzt. Er war Vorbild für Generationen und natürlich auch für mich. Ich habe meinen Tränen freien Lauf gelassen, als dieser Mann, schwer krank und zitternd durch die Parkinsonsche Krankheit, im Jahre 1996 in Atlanta die Flamme der Olympischen Spiele anzündete. Ein so bewegender Moment der Zeitgeschichte, den ich nie vergessen werde. 3,5 Milliarden Menschen wurden Zeuge dieser Szenen.
Es hat lange gedauert, bis auch ich Vorurteile beiseite schob und mich mit fremd aussehenden Menschen beschäftigte. Meine Kinder haben Vorurteile fast ganz abgelegt, was ich natürlich begrüße. Sehr früh stellte mein Vater ein türkisches Mädchen als Verkaufslehrling ein. Damals noch ein völliges Novum. Da er ihren Namen nur schwer aussprechen konnte nannte er sie kurzerhand Maria. Sie hörte darauf und alles war gut. Sie blieb ganze dreißig Jahre in unserem Betrieb beschäftigt. Ich war zu Beschneidungsfeiern und Hochzeiten eingeladen und lernte diese für mich fremde Kultur von innen kennen. Heute haben wir eine vollkommen andere Situation.
Seit der Industrialisierung kamen immer mehr ausländische Menschen zu uns. Zuerst um zu arbeiten und jetzt um vor Elend und Krieg zu fliehen. Die zweite und dritte Generation von Gastarbeitern lebt mittlerweile mit uns. Der Schritt für meine Generation, Toleranz dem Fremden gegenüber zu entwickeln, ist sicher schwerer als für die junge Generation, die nach uns kommt.
Wir sind durch viele Vorurteile geprägt. Es geht nur durch Bildung und ehrliche Toleranz. Das Mittelalter hat bei uns nichts verloren. Unsere Gesellschaft muss achtgeben, nicht unter rechte Räder zu geraten.
Ebenso gefährlich sind rechtsfreie Räume und allzu romantische Vorstellungen, die bei vielen fest verwurzelt zu sein scheinen. Wer etwas über unser Grundgesetz stellt, hat hier nichts verloren. Wir müssen die Balance erhalten. Das wünsche ich meinen Kindern und Enkeln und allen Generationen danach.
Wir gehören zur Generation, die den Wechsel zur Partygesellschaft unserer Kinder begleiten mussten und hatten davon doch so gar keine Ahnung. Das war nicht immer leicht. Meine Kinder wissen nur aus Schulbüchern vom ersten und zweiten Weltkrieg. Von Hunger, Wohnungsnot und strengem Frost zu erleiden, hatten sie keine Ahnung. Vieles hat auch mit der Schnelllebigkeit in der heutigen Gesellschaft zu tun. Gerne gebe ich zu, nicht immer mithalten zu können. Das einfache zu erkennen und zu leben war meine Sache. Morgens Kohlen bei strengem Frost von Draußen zu holen, den Ofen zu befeuern und in der Küche die wohlige Wärme zu genießen, das war etwas, was mir gut gefiel, meinen Kindern aber völlig abging. Noch heute träume ich manchmal von diesem einfachen Leben ohne Luxus und Technikkram, der einem die Zeit raubt. Der Luxus unserer Kinder ist manch mal auch ein Fluch. Meine Kindheit möchte ich nicht mit der Heutigen eintauschen. Der Erfahrungsschatz kam nicht aus dem Computer.
