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Paul Ehrlich gilt als einer der bedeutendsten Lebenswissenschaftler des 19. und 20. Jahrhunderts. Seine Forschungen berührten Aspekte der Histologie und Farbenchemie, Hämatologie, Pharmakologie, Immunologie und Krebsforschung. 1908 erhielt er für seine immunologischen Arbeiten den Nobelpreis für Medizin. Mit der Chemotherapie entwarf er basierend auf seiner Seitenkettentheorie ein eigenes Forschungsfeld an der Schnittstelle zwischen Medizin, Chemie und Biologie. Sein Ruhm als "Wohltäter der Menschheit" wurde mit der Entwicklung des Salvarsans verewigt - dem ersten systematisch entwickelten Chemotherapeutikum gegen Syphilis. Axel C. Hüntelmann verfolgt Ehrlichs wissenschaftlichen Werdegang, seinen verschlungenen Lebensweg. Er zeigt, wie Ehrlich durch die Knüpfung eines umfassenden Netzwerks und eine rationale Arbeitsorganisation sein beeindruckendes Lebenswerk vollbringen konnte.
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Seitenzahl: 633
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Axel C. Hüntelmann
Paul Ehrlich
Paul Ehrlich, 1909. Photopostkarte. Paul Ehrlich sendet
»Herzliche grüße – A revoir« (Wellcome Library, London)
Axel C. Hüntelmann
Paul Ehrlich
Leben, Forschung, Ökonomien, Netzwerke
WALLSTEIN VERLAG
In memoriam
Margret Hüntelmann
(8. Juni 1936 – 14. März 2009)
Meiner Familie gewidmet:
Astrid, Burkhard, Roland und Wilhelm
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Wallstein Verlag, Göttingen 2011
www.wallstein-verlag.de
vom Verlag gesetzt aus der Adobe Garamond
Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf,
unter Verwendung einer Photographie von Paul Ehrlich,
»Das Illustrierte Blatt«, Titelbild, 29.8.1915
ISBN (Print) 978-3-8353-2119-9
ISBN (eBook, pdf) 978-3-8353-2120-5
ISBN (eBook, epub) 978-3-8353-2119-9
Inhalt
Teil I
Paul Ehrlich
1854 – 1915
Einleitung
Eltern, Kindheit, Schule, Studium (bis 1878)
Paul Ehrlich als Assistenzarzt an der Charité (1878-1885)
Krise, Krankheit, Umbruch – von der Klinik zum Labor (1885-1891)
Mitarbeiter am Institut für Infektionskrankheiten (1891-1896)
Direktor des Instituts für Serumforschung und Serumprüfung (1896-1899)
Direktor des Instituts für experimentelle Therapie (1899-1906)
Zauberkugeln – Höhepunkte eines Forscher-Lebens (1906-1913)
Bilanz eines Lebens
Teil II
Ökonomien und Netzwerke
Forschungspraxis, Arbeitsalltag, Arbeitsorganisation
Veränderungen der Arbeitsorganisation
Arbeitsrhythmen – Jahresrhythmus und Tagesablauf
Korrespondenz und Sonderdrucke
Administratives Organisationssystem – Kopierbücher und Blöcke
Die Bedeutung der Protokollbücher, dargestellt am Beispiel der Auseinandersetzung mit Wilhelm Röhl
Organisierte Forschungspraxis
Forschungspraxis und Ökonomien
Institutionelle Arbeitsteilung
Netzwerke und Ökonomien – Beziehungen zwischen Industrie, Staat und Wissenschaft
Das Netzwerk – eine Metapher, ein Konstrukt
Medizinalverwaltung und Ministerialbürokratie – Friedrich Althoff
Kollegen und Konkurrenten, Freunde und Feinde: Emil von Behring und Ludwig Brieger
Förderer und Mäzen – Ludwig Darmstaedter
Wirtschaft und Wissenschaft – Arthur von Weinberg
Mitarbeiter und Assistenten.
Familie – Freunde – Verwandte.
Internationale Verbindungen.
Multiplexe persönliche Netzwerke
Paul Ehrlich – Netzwerke und Stammbäume in einer ambivalenten Moderne
Widersprüche, Konflikte, Ambivalenzen – Gleichzeitigkeiten von Ungleichzeitigem
Dank
Abbildungen
Archivalien
Quellen
Literatur
Daß es mir gelungen ist, zu einem günstigen Resultat zu gelangen, ist nicht allein mein Verdienst. Wie es im Fischereibetrieb dem, der die Fische eines breiten Flusses abfangen will, nur gelingt, einen Erfolg zu erzielen, wenn Netz an Netz gereiht und die letzte Ausgangspforte versperrt wird, so ist für den Experimentator eines weiten Gebietes das Gelingen von dem harmonischen Ineinandergreifen der Arbeit vieler abhängig (PE 1910, Vorwort).
Auf den ersten Seiten der Veröffentlichung »Die experimentelle Chemotherapie der Spirillosen« konkretisierte Paul Ehrlich die Bedeutung der von ihm angeführten Netzmetapher. Die Kooperation Ehrlichs mit seinen Mitarbeitern, die Vorstudien von Kollegen im In- und Ausland sowie die Förderung durch industrielle Partner habe den Erfolg der experimentellen Chemotherapie erst ermöglicht.
Die Netzmetapher wirft ein Schlaglicht auf die Arbeit von Paul Ehrlich. Das Netz ist ein Gefüge, eine Struktur oder eine Formation, »die zusammenhält, verbindet, ordnet und strukturiert« (Fangerau/Halling 2009a: 7). Das von Ehrlich skizzierte Bild des Netzwerkes verweist auf die Struktur seiner Forschung. Die lückenlose Aneinanderreihung von Netzen versinnbildlicht Ehrlichs systematische Vorgehensweise und die rationale Arbeitsteilung. Ferner nennt Ehrlich mit seinen Mitarbeitern, Kollegen, Förderern und industriellen Partnern die Gruppen in dem Netzwerk, die maßgeblich zum Gelingen der Arbeit beigetragen haben.
Netze und Netzwerke bezeichnet Hartmut Böhme als eine »Leitmetapher der Moderne« (Böhme 2004: 17). Die Metapher und deren Verwendung verweisen auf die Modernität der Ehrlich’schen Forschung und darauf, dass Ehrlich ein Wissenschaftler der Moderne par excellence war. Zur Veranschaulichung seiner Ideen und seiner Arbeit bediente sich Ehrlich zahlreicher Bilder und Metaphern: auf Parasiten zielende chemische Zauberkugeln, Seitenketten und Zellen mit Fangarmen, Krankheitserreger, die wie ein Schmetterling mit Nadeln fixiert wurden, und Arbeitsstrukturen wie engmaschige Netze, mittels derer man therapeutisch wirksame Präparate fischen konnte. Das in dem von Ehrlich geleiteten Institut entwickelte Präparat erwies sich als ›Jahrhundertfang‹ – um in der Metapher zu bleiben.
Die Veröffentlichung des Bandes »Die experimentelle Chemotherapie der Spirillosen« im Herbst 1910 erfolgte auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Ende Oktober 1910 erklärte Ehrlich die Phase der experimentellen Erprobung des Präparates »606« als abgeschlossen (Zirkular PE 25.10.1910, PEC 57/16), und im Dezember 1910 gab er das Heilmittel nach tausendfacher Erprobung für die Öffentlichkeit frei, damit es sich in der praktischen Anwendung bewähren könne (GA III Nr. 23: 319). Rechtzeitig war es den Farbwerken Höchst gelungen, das bislang als »Ehrlich-Hata-606« bekannte Präparat im industriellen Maßstab herzustellen und als »Salvarsan« erfolgreich zu vermarkten.
Mit dem Salvarsan hatte Ehrlich ein im Vergleich zu den langwierigen Quecksilber-Kuren relativ einfach zu verabreichendes Arzneimittel entwickelt, das nach Meinung der Zeitgenossen äußerst wirksam Syphilis heilte. Ehrlich hatte bereits 1908 den Nobelpreis für Medizin für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Immunologie erhalten, doch öffentliche Bekanntheit und internationale Berühmtheit erlangte er mit der Entwicklung des Salvarsans. Bereits 1910 wurde Ehrlich auf der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte als »Wohltäter der Menschheit« gefeiert (Neisser 1910).
Ehrlich war es mit der Entwicklung des Salvarsans gelungen, die praktische Relevanz der von ihm postulierten Seitenkettentheorie zu beweisen. Salvarsan gilt als das erste auf theoretischen Vorüberlegungen beruhende, systematisch entwickelte, spezifisch wirksame Therapeutikum. Dem Salvarsan sind bis heute zahllose Arzneimittel gefolgt. Insofern markiert das Salvarsan den Anfang der modernen Chemotherapie (Schadewaldt 2001) und einen Meilenstein bei der erfolgreichen Bekämpfung von Krankheiten (Mochmann/Köhler 1984; Müller-Jahncke u. a. 2005).
Bis zur Entwicklung des Salvarsans hatte Ehrlich auf verschiedensten lebenswissenschaftlichen Gebieten gearbeitet. Schon früh galt er als Kapazität auf dem Gebiet der Histologie und Farbenchemie. Bis zur Mitte der 1880er Jahre hatte er zahlreiche methodische und technische Neuerungen bei Verfahren zur Färbung von Bakterien und Gewebe eingeführt, um die Diagnose von Krankheiten sicherer zu gestalten. Darüber hinaus hatte Ehrlich zur Histologie und Pathologie des Blutes geforscht und hierzu ein maßgebliches Handbuch veröffentlicht (Ehrlich/Lazarus 1898). Überdies war er seit den 1890er Jahren an der Entwicklung, Wertbemessung und Standardisierung von Seren und Impfstoffen beteiligt, und mit der Seitenkettentheorie hatte er eine theoretische Diskussionsgrundlage zur Erklärung immunologischer Prozesse konzipiert. Nach der Jahrhundertwende engagierte sich Ehrlich einige Jahre in der experimentellen Krebsforschung. Zuletzt ist Ehrlichs Name untrennbar verbunden mit seinen Arbeiten zur Chemotherapie. Ehrlich gilt als ›Entdecker‹ der Mastzellen, als ›Mitbegründer‹ der Serumtherapie und als ›Schöpfer‹ der Chemotherapie (Löwe 1950; Satter 1963). Ehrlichs interdisziplinäre Arbeit veranlasste Fritz Sörgel zu der berechtigten Frage: »Welche Berufsbezeichnung wird Ehrlichs Wirken gerecht?« (Sörgel u. a. 2004a)
Die Liste der grob skizzierten Arbeiten mag hinreichend erklären, warum die preußische Ministerialbürokratie Ehrlich bereits Ende des 19. Jahrhunderts als »Zierde der Deutschen Wissenschaft« pries (Institutsakten 22/1) und warum Ehrlichs Bedeutung für die medizinische Wissenschaft mit derjenigen von Rudolf Virchow (1821-1902), Louis Pasteur (1822-1895) oder Robert Koch (1843-1910) verglichen wird.
Schon zu Ehrlichs Lebzeiten existierte die Idee, eine Biographie über ihn zu verfassen. In der Medizin wurde wie in nur wenigen Disziplinen der Habitus gepflegt, die eigenen Leistungen am Lebensabend biographisch zu verewigen (Gradmann 1998; 2003). Literarische Vorbilder gab es für Ehrlich zuhauf: Beispielsweise waren die Jugenderinnerungen seines früheren Freiburger Professors Adolf Kußmaul (1822-1902) 1899 erschienen, und der von Ehrlich hochverehrte ›Lehrer‹ Heinrich Wilhelm G. von Waldeyer-Hartz (1836-1921) schrieb bezugnehmend auf Kußmaul in den 1910er Jahren an seiner eigenen Biographie (Waldeyer 1921). Biographien fanden sich auch in Ehrlichs Bibliothek (Bibliotheksverzeichnis, PEC 2/5), wie diejenige von Svante Arrhenius (1859-1927) (Arrhenius 1913). Viele seiner Kollegen verfassten später ihre Memoiren wie Friedrich von Müller (1858-1941) (Müller 1953), Bernhard Naunyn (1839-1925) (Naunyn 1925) oder Carl Ludwig Schleich 1859-1919 (Schleich 1920). Geschrieben wurde die eigene Biographie am Ende des Lebens als Erinnerung, Rückblende, Selbstvergewisserung, um Rechenschaft über das eigene Leben und vor der Nachwelt abzulegen und vor allem um den Stolz auf die eigenen Leistungen den nachfolgenden Generationen in Erinnerung zu rufen. Zudem galt es, den eigenen Anteil am ›Fortschritt‹ und am Modernisierungsprozess darzustellen. Schrieb man nicht selbst, so schrieben andere: Schüler, Nachfolger, Angehörige, berufene Zeitgenossen (Klein 2009, Fetz 2009). Ehrlich selbst hatte an der Biographie seines Freundes und Cousins Carl Weigert (1845-1904) mitgewirkt und dessen Publika tionen für die »Gesammelten Werke« geordnet, ausgewählt und redigiert (Rieder 1906; GA III Nr. 47; Schriftwechsel zwischen PE und Robert Rieder sowie PE und Ludwig Weigert, 1905, PEC 24 Kopierbuch XVII).
Obwohl Ehrlichs Freunde wie Christian A. Herter (1865-1910) immer wieder Interesse an Ehrlichs biographischem Werdegang äußerten und ihn zur Abfassung seiner Memoiren ermunterten, verfolgte Ehrlich den Plan nur halbherzig. Um das Interesse der amerikanischen medizinischen Öffentlichkeit an der Person Ehrlichs zu stillen, hatten Christian A. Herter und Marguerite Marks, die Ehefrau von Ehrlichs Mitarbeiter Lewis Hart Marks, einen kurzen Aufsatz über Ehrlich verfasst (Herter 1910; Marks 1910). Arthur von Weinberg (1860-1943) verfasste zu Ehrlichs sechzigstem Geburtstag eine biographische Skizze über ihn.
Nach dem Tod von Paul Ehrlich nahm seine Witwe die Idee wieder auf, eine Biographie über ihren Ehemann schreiben zu lassen. Im Oktober 1915 kontaktierte sie Mitglieder der Familie Ehrlich, frühere Mitschüler, Jugend- und Studienfreunde, Kollegen und Assistenten ihres Mannes. In den Briefen bat sie um Informationen über Paul Ehrlich. Die von Hedwig Ehrlich (1864-1948) in Auftrag gegebene Biographie wurde allerdings nie geschrieben. Mehrere Familienmitglieder haben das Projekt, eine Biographie über Ehrlich und seine »Ahnen« zu schreiben, immer wieder neu aufgegriffen. Bis in die 1930er Jahre arbeitete sein Neffe Gerd Knoche an einer mehrere Generationen übergreifenden Familien-Biographie (Knoche 1936), und ebenso hat Felix Pinkus (1868-1947), ein Neffe von Hedwig Ehrlich, seine Erinnerungen an Paul Ehrlich verfasst (Erinnerungen Pinkus). Einen letzten Versuch, eine Biographie über ihren Großvater zu schreiben, unternahmen in den 1940er und 1950er Jahren Ehrlichs Enkel Hans-Wolfgang (1908-1987) und Günther (1910-1997) Schwerin (Notes on a biography on Paul Ehrlich PEC 59/1). Die gesammelten Erinnerungen, Erzählungen und Anekdoten bildeten neben spärlichen autobiographischen Aussagen Ehrlichs die Quellen, aus der die späteren Biographien über Paul Ehrlich schöpften.
Die ersten Biographien über Ehrlich wurden von Zeitzeugen verfasst, die ihn noch persönlich gekannt hatten. Als Erstes erschien 1922 in der Reihe »Meister der Heilkunde« die Biographie von Adolf Lazarus (1867-1925), einem früheren Assistenten Ehrlichs (Lazarus 1922). Zum siebzigsten Geburtstag von Paul Ehrlich erschien zwei Jahre später eine Bio-Ergographie, die von seiner Sekretärin Martha Marquardt verfasst worden war (Marquardt 1924), sowie eine biographische Würdigung von Wilhelm Kolle (1868-1935) und Hans Sachs (1877-1945) (Kolle/Sachs 1924), Ehrlichs Mitarbeiter und Nachfolger als Institutsdirektor. Zehn Jahre später hat Gerhard Venzmer (1893-1986) eine weitere Biographie über Paul Ehrlich geschrieben, der größtenteils Gespräche mit Hedwig Ehrlich zugrunde lagen und die auf dem privaten Quellenfundus basiert. Im nationalsozialistischen Deutschland fand die Publikation keinen Verlag, sie erschien erst 1948 auf dem deutschen Nachkriegsbuchmarkt (Venzmer 1948). In Japan hatte derweil Kiyoshi Shiga (1871-1951), ein früherer Assistent Ehrlichs, 1940 eine Biographie über ihn publiziert (Inhaltsverzeichnis, deutsche Übersetzung, Typoskript, PEC 59/1).
Die frühen Biographien, die neben dem Quellenfundus auf persönlichen Erinnerungen beruhten, und ebenso die späteren Biographien von Hans Löwe (1950), Walter Greiling (1954), Heinrich Satter (1963) und Ernst Bäumler (1979) reflektieren nicht oder nur ungenügend ihren eigenen Standpunkt und den Status der konstruierten Quellen.
Das Dilemma der unzureichenden Quellenkritik soll an der letzten von Ernst Bäumler verfassten Biographie verdeutlicht werden. Die Darstellung der persönlichen Wesenszüge von Paul Ehrlich, seiner Kindheit, Jugend und Studienzeit basiert auf den Biographien von Martha Marquardt oder Gerhard Venzmer. Die auf persönlichen Erinnerungen beruhenden Biographien von Adolf Lazarus und Martha Marquardt enthalten zahlreiche Fehler und Ungenauigkeiten, die von späteren Biographen fortgeschrieben wurden. Mitder Übernahme von Informationen wurde auch deren Tendenz übernommen. Alle späteren Autoren schreiben eine retrospektive Biographie, d. h., ihr Ausgangspunkt ist der Nobelpreisträger und »Schöpfer der Chemotherapie« Paul Ehrlich, verzerrt durch die subjektivpersönliche Perspektive seiner Sekretärin Marquardt, seines Schülers Lazarus und nicht zuletzt seiner Ehefrau Hedwig. Alle Informationen werden auf den Ausgangs- bzw. Endpunkt des erfolgreichen Forschers hin zugeschrieben: Konflikte und Krisen umgedeutet sowie Um- und Irrwege begradigt.
Die überbordende Fülle seiner Tätigkeiten und die Einzigartigkeit der Forschungsleistung haben Zeitgenossen Ehrlichs und seine Biographen dazu veranlasst, das Bild eines genialen Übermenschen, eines Heroen und Heiligen der Wissenschaft zu zeichnen, dessen Genius sich schon früh abzuzeichnen begann und seiner Entfaltung und Vollendung harrte. Ein weiterer Topos in den bisherigen Biographien ist die Charakterisierung Ehrlichs als selbstvergessener, kindlicher Professor, der fern irdischer Interessen in seinem Laboratorium zahllose Experimente ausführt, um die wissenschaftliche Wahrheit zu ergründen und der leidenden Menschheit Heilung zu bringen.
Beide Narrative sind eher Fiktion, als dass sie das Leben und den Alltag von Paul Ehrlich spiegeln, der wesentlich in der Organisation von Wissen und Literatur bestand sowie der Verwaltung einer arbeitsteilig organisierten wissenschaftlichen Kooperation. Im zweiten Teil der vorliegenden Biographie werde ich der Frage nachgehen, wie es Ehrlich überhaupt möglich war, zwei Institute zu leiten, kontinuierlich mit Vertretern der chemischen Industrie und wissenschaftlichen Kollegen zu kommunizieren und in unterschiedlichsten lebenswissenschaftlichen Bereichen wie der Histologie, Hämatologie, Immunologie und Serologie zu forschen, mit der Chemotherapie einen neuen Forschungszweig zu begründen und sich in der Krebsforschung zu engagieren. In der vorliegenden Biographie werden erstens der Lebenweg von Paul Ehrlich und seine wissenschaftliche Arbeit dargestellt. Zweitens konzentriert sich die Biographie auf die institutionellen und strukturellen Rahmenbedingung seiner Arbeit unter der Annahme, dass das umfangreiche und transdisziplinäre Werk von Ehrlich die Installation eines Netzwerkes und standardisierte Verfahren der Kommunikation, Kooperation und Organisation bedingte, wobei Ehrlich den zentralen Verknüpfungspunkt darstellte.
Die Biographie basiert auf umfangreichen Archivrecherchen und den wissenschaftlichen Publikationen Ehrlichs. Zu seinem sechzigsten Geburtstag hatten Schüler, Mitarbeiter und Freunde eine Festschrift herausgegeben, die einen Überblick über Ehrlichs wissenschaftliches Schaffenswerk gibt. Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre erschienen in mehreren Bänden die »Gesammelten Arbeiten« (GA I-III) von Paul Ehrlich. Ein geplanter vierter Band mit seiner Korrespondenz ist allerdings nie erschienen (Silverstein 2002b). Das von Hedwig Ehrlich zusammengetragene Material über Ehrlichs Kindheit und Jugend und andere persönliche Informationen werden unter der Annahme herangezogen, dass es sich um Quellen handelt, die aus der Erinnerung lange nach dem jeweiligen Ereignis verfasst wurden.
Die Grundlage der Biographie bildet der persönliche Nachlass Ehrlichs im Rockefeller Archive Center in Tarrytown, der erstmals in toto für eine Ehrlich-Biographie ausgewertet wurde. Die Paul Ehrlich Collection enthält Briefe von unterschiedlichen Absendern an Ehrlich sowie die Kopierbücher der ausgehenden Institutsbriefe (ausführlich S. 238-246). Darüber hinaus wurden Schriftwechsel und Akten aus dem Emil-von-Behring-Archiv (Marburg), dem Bundesarchiv (Berlin-Lichterfelde), dem Geheimen Staatsarchiv (Berlin-Dahlem), dem Paul-Ehrlich-Institut (Langen), dem Stadtarchiv Frankfurt, dem Institut Pasteur (Paris) und der »Sammlung Darmstaedter« und dem Nachlass Erich Wernickes in der Berliner Staatsbibliothek ausgewertet. Darüber hinaus konnte ich den Nachlass von Ernst Bäumler im Medizinhistorischen Museum in Berlin sichten, der in Kopie den Schriftwechsel zwischen Paul Ehrlich und seinem Neffen Franz Sachs enthält, der sich im Original im Leo Baeck Institute in New York befindet. Weiterhin enthält der Nachlass Bäumlers zahlreiche Schriftwechsel zwischen Ehrlich und den Farbwerken vorm. Meister Lucius & Brüning AG in Höchst (Firmenname seit 1880, zu Höchst siehe Bäumler 1989, nachfolgend bezeichnet als Farbwerke Höchst). Die Korrespondenz zwischen Ehrlich und den Farbwerken Höchst liegt auszugsweise in einer Quellenedition vor (Dokumente aus Höchster Archiven), so dass mittelbar auch Archivbestände der Farbwerke Höchst berücksichtigt wurden.
Das Spektrum von Ehrlichs Arbeiten umfasst verschiedene Aspekte zur Geschichte der Chemie und der Pharmazie, der Lebenswissenschaften wie der Bakteriologie, Histologie, Krebsforschung, Immunologie, Serologie sowie zur Geschichte der Juden im deutschen Kaiserreich oder zur Geschichte des Bürgertums. Die Biographie Ehrlichs bildet auch einen Aspekt deutscher (Wissenschafts-)Geschichte ab (Szöllösi-Janze 2000). Aufgrund der Themenvielfalt können nicht alle Facetten seiner Arbeit gleichgewichtig dargestellt werden. Zur besseren Lesbarkeit wurde auf Fußnoten und die Diskussion der Forschungsliteratur verzichtet, da die Biographie sonst wesentlich umfangreicher geworden wäre. Die Literaturangaben im Text verstehen sich, soweit es sich nicht um Belegstellen handelt, um Hinweise zu weitergehender und ergänzender Literatur. Die Kurztitel und Quellenangaben werden in den entsprechenden Verzeichnissen im Anhang ausführlich aufgelöst. Bei Zitaten aus den Briefen Ehrlichs wurde auf eine Angleichung an die moderne Rechtschreibung verzichtet, vor allem um die Besonderheit von Ehrlichs Orthographie zu würdigen und auch um die Authenzität zu wahren. Fehlerhafte Hinweise wurden nur dann kenntlich gemacht, wenn es sich m. E. um sachliche Fehler oder um Flüchtigkeitsfehler handelt.
Die Abbildungen zeigen überwiegend Photographien von Paul Ehrlich, seiner Familie und seiner Wohn- und Arbeitsumgebung. Auf die bekannten Abbildungen von Ehrlichs Zeitgenossen, wie sie in den Biographien von Martha Marquardt und Ernst Bäumler zu finden sind, wurde verzichtet. Die Abbildungen sollen Ehrlichs Lebensweg illustrieren und die körperlichen Veränderungen im Laufe seines arbeitsreichen Lebens zeigen. Im zweiten Teil wurden solche Bilder ausgewählt, die die beschriebenen Prozesse veranschaulichen.
Diese Biographie gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil wird chronologisch Ehrlichs Leben dargestellt. Sein Leben beinhaltete nicht nur Arbeit und Wissenschaft, sondern auch privates Leid und Glück. Um deutlich zu machen, dass der Ehemann, Vater, Verwandte und Freund Paul Ehrlich die gleiche Person ist wie der Wissenschaftler und Institutsdirektor; und dass berufliche Schwierigkeiten sich ebenso auf das Privatleben auswirkten, wie der private Alltag Konsequenzen für das Berufsleben hatte, wurde versucht, beide Aspekte zu schildern und die Perspektive dort zu wechseln, wo sich in den Quellen die Gelegenheit hierzu eröffnet. Dieser Perspektivenwechsel findet sich auch in Ehrlichs Briefen wieder: In Briefen an den Ministerialdirektor im Kultusministerium, Friedrich Althoff (1839-1908), oder an wissenschaftliche Kollegen wechselte Ehrlich übergangslos von fachlichen Themen und institutionellen Problemen zu privaten Anekdoten und Berichten über seinen Gesundheitszustand. Privatleben, wissenschaftliche Arbeit und institutionelle Organisation waren untrennbar miteinander verbunden und an strukturelle Rahmenbedingungen geknüpft. Weiterhin werden die verschiedenen Arbeiten nicht getrennt voneinander dargestellt, sondern deren Verwobenheit und wechselseitige Bezugnahme nachgezeichnet. Die Parallelität, die Gleichzeitigkeit verschiedener Arbeiten, die sich gegenseitig bedingen und voneinander ableiten, wird deutlich bei den Untersuchungen zur Pathologie des Blutes, zur klinischen Erprobung des Tuberkulins, zur Farbtherapie des Methylenblaus und zur Entwicklung des Diphtherieserums zu Beginn der 1890er Jahre.
In dem auf die Einleitung folgenden Kapitel werden Ehrlichs Elternhaus, seine Kindheit und Schulzeit in Schlesien, sein Medizinstudium in Breslau, Straßburg, Freiburg und seine Promotion 1878 in Leipzig geschildert. Nach seinem Studium arbeitete Paul Ehrlich als Assistent und Oberarzt an der Charité in Berlin. In diesem annähernd zehn Jahre währenden Zeitraum lag der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit – neben der klinischen Tätigkeit – auf dem Gebiet der Histologie, Hämatologie und Farbenchemie. Nach beruflicher Krise, Krankheit und einem längeren Erholungsaufenthalt in Ägypten Ende der 1880er Jahre fand Paul Ehrlich im neu gegründeten Institut für Infektionskrankheiten Unterkunft, wo er sich besonders immunologischen Fragestellungen zuwandte. Institutionell manifestierte sich das neue Arbeitsfeld der Immunologie und Serumtherapie 1896 mit der Gründung des Instituts für Serumforschung und Serumprüfung, dessen Direktor Ehrlich wurde. Eine neue Wendung erfuhr sein Arbeitsgebiet Ende des Jahrhunderts mit der Verlegung des Instituts nach Frankfurt am Main. Im umbenannten Institut für experimentelle Therapie bildete die Serumforschung und -regulation nur einen Aspekt des Aufgabenfeldes. Seit der Jahrhundertwende beschäftigte sich Ehrlich zunehmend mit Fragen der experimentellen Therapie, der therapeutischen Verwendung von Farbstoffen und chemischen Substanzen. Mit der Entwicklung des Salvarsans feierte Ehrlich seinen größten Erfolg. Im letzten Kapitel des ersten Teils werden die letzten Jahre seines Lebens geschildert.
Im zweiten Teil der Biographie soll nach der Forschungsorganisation und -praxis Ehrlichs gefragt und losgelöst von der chronologischen Entwicklung sollen bestimmte Charakteristika seiner wissenschaftlichen Arbeit und seiner Forschungsorganisation analysiert und aufgezeigt werden. Weitestgehend wurde versucht, auf Wiederholungen zu verzichten, doch ließen sich Redundanzen nicht immer vermeiden.
In je einem Kapitel werden die Forschungspraxis, der Arbeitsalltag und die Arbeitsorganisation rekonstruiert, um die Bedingungen zu benennen, unter denen es Ehrlich möglich war, zwei Institute zu leiten und gleichzeitig auf dem Gebiet der Chemotherapie, der Bekämpfung der Krebserkrankung und der Immunologie zu forschen. Eine Voraussetzung waren die eng miteinander verwobenen Beziehungsnetze. Die zahlreichen Verbindungen zur Ministerialbürokratie, zur Industrie und zu Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen aus dem In- und Ausland und die Zusammenarbeit mit seinen Mitarbeitern werden in einem weiteren Kapitel untersucht. Abschließend soll die Bedeutung der Netzwerke für Ehrlich beurteilt werden. Im Resüme werden die Faktoren seines Erfolges kurz zusammengefasst. Es sollen die Lebensleistung gewürdigt, die Widersprüche und Paradoxien in Ehrlichs Leben skizziert und als Ambivalenzen der Moderne interpretiert werden.
In zahlreichen Biographien bekannter Persönlichkeiten werden Kindheit und Jugend meist nur vage beschrieben und sind gekennzeichnet von Mythen und ungenauen Mutmaßungen. Dies mag aus der Schwierigkeit resultieren, dass Biographien ex post geschrieben werden. Sofern die zu untersuchende Person nicht aus einer besonderen Familien stammt, wo die Dokumentation dieser frühen Lebensphase üblich ist, bleibt man auf Beschreibungen angewiesen, die retrospektiv Charaktereigenschaften der erwachsenen Person auf die Kindheit übertragen. Dies ist bei Paul Ehrlich nicht viel anders. Die Beschreibungen von Paul Ehrlichs Kindheit und Jugend beziehen sich in den vorhandenen Biographien nur auf wenige Daten, größtenteils auf Anekdoten und teilweise auf Ego-Dokumente, die von Paul Ehrlich nach 1900 selbst verfasst wurden, beispielsweise anlässlich der Feier zur Nobelpreis-Verleihung oder zu seinem sechzigsten Geburtstag. Zudem hat seine Witwe Hedwig Ehrlich und der von ihr autorisierte unbekannte Biograph nach dem Tod ihres Mannes Anfragen an frühere Freunde, Schulkameraden und Weggefährten aus der Jugendzeit bezüglich Erinnerungen über Paul Ehrlich gerichtet, die darauf abzielten, inwieweit Ehrlich nicht bereits in seiner Kindheit und Jugend eine besondere Affinität zu chemischen Experimenten gehabt habe (PEC 51/10 und PEC 60/11; Hüntelmann 2011). Die Quellen, die diese frühe Lebensphase dokumentieren, bedürfen daher einer besonders vorsichtigen Interpretation und Kontextualisierung.
Paul Ehrlich wurde am 14. März 1854 in Strehlen als zweites Kind von Ismar und Rosa Ehrlich geboren. Die an der Ohle, einem Nebenfluss der Oder, gelegene Kreisstadt in Niederschlesien zählte Mitte des Jahrhunderts ungefähr fünftausend Einwohner. Die Gegend um Strehlen mit ihrem fruchtbaren Boden, der hügeligen Landschaft und ausgedehnten Wäldern war ländlich und landwirtschaftlich geprägt trotz der Nähe zum vierzig Kilometer weiter nördlich gelegenen Breslau, der Hauptstadt der preußischen Provinz Schlesien. In Strehlen residierten Behörden der Kreisverwaltung und das Amts gericht, außerdem hatten sich in der Stadt einige größere Gewerbebetriebe wie eine Zuckerfabrik und eine Ziegelbrennerei angesiedelt. Weithin bekannt war Strehlen für die größten Granitsteinbrüche in Europa, in denen zahlreiche Menschen Beschäftigung fanden (Hoffmann 1965; Bäumler 1979). Die Ehrlichs wohnten in der zweiten Generation in Strehlen. Heymann Ehrlich (1784-1875), Pauls Großvater väterlicherseits, war zwar in Michelwitz bei Brieg geboren, jedoch zog er in frühen Jahren nach Strehlen, wo er mit Caroline Leubuscher (1793-1862) verheirat war. Die Familie von Pauls Mutter Rosa Ehrlich (1826-1909), die Tochter von Abraham Weigert (1785-1868) und Rosa Cohn (1791-1866), kam aus Rosenberg, einer weiter östlich gelegenen Kleinstadt in Oberschlesien. Alle Vorfahren mütterlicher- und väter licherseits hatten seit mehreren Generationen in Schlesien gelebt: in Zülz bei Neustadt, Bischdorf in der Nähe von Rosenberg, Münsterberg oder Brieg (Stammbaum PFC 2/28; Knoche 1936).
Paul entstammte einer Familie von Destillateuren und Schankwirten. Sein Vater Ismar Ehrlich (1818-1898) betrieb eine kleine Likörfabrik in Strehlen. Absatz fanden die Getränke in der Gaststätte »Krug zum Rautenkranz«, die vornehmlich von der Mutter geführt wurde (Marquardt 1951: 2). Des Weiteren erzielte der Vater Einkünfte als Lotterie-Einnehmer (Zeugnis PEC 2/1). Bereits Pauls Großväter waren Gastwirte, Bierbrauer und Destillateure gewesen. Darüber hinaus waren sie zeitweise auch als Getreidehändler tätig, und Abraham Weigert hatte seinen Lebensunterhalt zuweilen als Pottasche-Sieder und Tuchmacher bestritten (Knoche 1936; Bäumler 1979: 29).
Die Familie Ehrlich war jüdischen Glaubens. Der Beruf des Branntweinbrenners und Schankpächters wurden von Juden im osteuropäischen Raum und den östlichen Teilen Schlesiens oft ergriffen (Lowenstein 2003: 171), weil ihnen viele andere berufliche Tätigkeiten verschlossen geblieben waren (Knoche 1936). So vergegenwärtigte Abraham Weigert am Ende seines Lebens die Schwierigkeiten, denen seine Familie im Laufe der Zeit ausgesetzt war (Erinnerungen Abraham Weigert PEC 51/16). Der Rückblick dokumentiert skizzenhaft die Geschichte der Familie Weigert. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war das Leben der jüdischen Familie überschattet von existentiellen Nöten, allgemeiner Unsicherheit, Schicksalsschlägen, beengten Wohnverhältnissen sowie Berufs- und Wohnortwechsel.
Seit Ende des 18. Jahrhunderts verbesserte sich die Situation der schlesischen bzw. der preußischen Juden allmählich. Diese Veränderungen sind einzubetten in den soziokul turellen Kontext der Aufklärung und den Aufstieg des Bürgertums, der wirtschaftlichen Liberalisierung und Industrialisierung, der demographischen Umwälzung und der Auflösung der Ständeordnung. Die Transformation der preußischen Juden ereignete sich im Rahmen des einsetzenden Modernisierungsprozesses. Die Verbesserung der politischen Lage der preußischen Juden wurde eingeleitet durch die schrittweise staatsrechtliche Gleichstellung. Mit der unter napoleonischer Besatzung erlassenen Städteordnung von 1808 erhielten die in einer Ortschaft ansässigen Juden die gleichen Bürgerrechte und -pflichten zugesprochen wie ihre christlichen Nachbarn, und vier Jahre später wurden mit dem sogenannten Emanzipationsedikt alle im Landesterritorium lebenden Juden zu preußischen Staatsbürgern erklärt. Die Juden waren nunmehr im Wesentlichen allen anderen preußischen Bürgern gleichgestellt. Allerdings war von den staatsbürgerlichen Privilegien die Möglichkeit ausgenommen, eine akademische Karriere oder die Beamten- und Offizierslaufbahn einzuschlagen. Folglich blieb den jüdischen Bürgern als gesellschaftliche Aufstiegsmöglichkeit in erster Linie die Betätigung in der Wirtschaft (Sorkin 1987; Volkov 1994b; Maser 1999; Reinke 2007; Lässig 2004).
Die Bedeutung des Begriffs der Emanzipation beschränkte sich nicht nur auf formale Aspekte wie die rechtliche Gleichstellung der Juden, sondern sie beinhaltete überdies die soziale Integration der Juden in die nichtjüdische Gesellschaft. Die Diskussion, wie die Eingliederung der Juden in die deutsche Gesellschaft verwirklicht werden könne, wurde jahrzehntelang von Juden und Andersgläubigen öffentlich kontrovers geführt und prägte das sogenannte Zeitalter der Emanzipation zwischen 1780 und 1870. Die de jure Gleichstellung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Benachteiligung und Ausgrenzung jüdischer Mitbürger bis Mitte des 19. Jahrhunderts vorherrschende Praxis blieb. Die Gleichstellung der Juden erfolgte nicht auf einem geraden Pfad, sondern über Umwege und Rückschritte. Shulamit Volkov spricht von einem Zickzackkurs der rechtlichen Gleichstellung (Volkov 1994a: 17; 1994b).
In der Diskussion über die gesellschaftliche Integration der Juden war der Begriff der Emanzipation eng verbunden mit dem zeitgenössischen Terminus »Assimilation«. Hierunter wurde die Öffnung der Juden gegenüber der deutschen Gesellschaft verstanden sowie ihr Bemühen, dieser Gesellschaft anzugehören. Die Adaption soziokultureller Werte außerhalb der jüdischen Gemeinschaft und die Übernahme von Normen der bürgerlichen Lebensführung wird heute als Akkulturation bezeichnet, um die aktive Herausbildung entsprechender Lebensformen und die aus diesen Adaptionsprozessen resultierenden Rückwirkungen auf die deutsche Gesellschaft hervorzuheben. Andererseits warf die Akkulturation innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland auch Fragen nach dem jüdischen Selbstverständnis auf, und die gesellschaftliche Integration konnte zum Aufgeben jüdischer Tradition und zur Auflösung religiössozialer Gemeinschaften führen (Vol kov 1994a; Brenner u. a. 2000; Reinke 2007: 3; Lässig 2004).
Die unter den Begriffen Emanzipation und Akkulturation zusammengefassten gesellschaftlichen Entwicklungen bildeten den Hintergrund, vor dem die Weigerts aus bescheidenen Verhältnissen zur schlesischen Oberschicht aufstiegen und zu Wohlstand und Ansehen gelangten. Die von Till van Rahden in seiner Untersuchung über die Breslauer Juden getroffene Aussage gilt exemplarisch für die Familie Weigert. »Am Anfang steht eine eindrucksvolle Aufstiegsgeschichte aus Armut und Randständigkeit« (Rahden 2000: 42). Die sich mit der rechtlichen Gleichstellung bietenden Chancen und Vorteile wusste die Familie Weigert auszunutzen. In seinen Erinnerungen resümierte Abraham Weigert stolz, dass seine Familie sich in der feindlich gesinnten Umwelt dank ihrer weitverzweigten Netzwerke und aufgrund ihres kaufmännischen Geschicks erfolgreich behaupten konnte (Erinnerungen Abraham Weigert PEC 51/16). Eine Generation später setzte Abrahams Sohn Hermann Elias Weigert (1819-1908) die Familiensaga fort. Trotz materieller Nöte und bescheidener Lebensverhältnisse wurde ihm und seinem älteren Bruder Salomon in den 1820er und 1830er Jahren der Besuch des Gymnasiums ermöglicht. Hermann Elias Weigert reiste 1830 noch mit einem Leiterwagen – der billigsten Fahrgelegenheit – von Rosenberg in das 14 Meilen entfernte Breslau. Die unerquickliche Reise zwischen Fässern und Säcken dauerte in der Regel vier Tage. In Breslau wurde er als Schüler des evangelischen Elisabeth-Gymnasiums an wechselnden »Tischen« der Verwandtschaft verköstigt, die Familie schickte gelegentlich Pakete mit Brot und Butter, und im Herbst ernährte sich Hermann Elias Weigert von Feldfrüchten und Rüben, die er auf den vor der Stadt liegenden Feldern sammelte. Zudem erhielt er ein kleines monatliches Stipendium von wohltätigen Glaubensgenossen. Nach Abschluss der Schule waren Salomon und Hermann Elias Weigert in Berlin und in ihrer schlesischen Heimat im Textilge-werbe tätig (Weigert 1895/1976). Die Brüder waren Neuerungen gegenüber auf geschlossen und sozial mobil (Richarz 1975). Hermann Elias Weigert arbeitete in Frankreich und England, um sich dort technische Kenntnisse und besondere Fertigkeiten bei der automatisierten Herstellung von Stoffen anzueignen und seine Sprachkenntnisse fortzubilden. Die Unternehmen, an denen die Brüder Weigert beteiligt waren, stiegen nach anfänglichen Schwierigkeiten in den 1840er Jahren zu führenden Herstellern von Textilien auf. Salomon Weigert wurde 1851 zum Kommerzienrat und zum preu-ßischen Ausstellungskommissar für die Weltausstellung in London ernannt. Sein Bruder Hermann Elias Weigert löste im Alter von fünfzig Jahren 1869 sein Unternehmen auf, um in Berlin von den Zinsen seines erwirtschafteten Vermögens zu leben (Weigert 1895/1976). In den Lebenserinnerungen zeichnen Vater und Sohn das Bild ihres sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegs. Der Erfolg gründete auf Erfahrungen im Handel, regionale Familiennetze, eine hohe Risikobereitschaft und die Fähigkeit, auf ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen flexibel zu reagieren; Eigenschaften, die sich die jüdische Bevölkerung als gesellschaftlich ausgegrenzte Minderheit aneignen musste, um unter eingeschränkten Bedingungen ihre Subsistenz zu sichern. Während des Modernisierungsprozesses erwiesen sich diese Erfahrungen als Vorteil. Die Familiengeschichten von Abraham und Hermann Elias Weigert können implizit auch als Selbstvergewisserung und als stolze Lebensbilanz sowie als Rückblick auf eine gelungene Akkulturation interpretiert werden, denn die Weigerts gehörten Mitte des 19. Jahrhunderts nach den Erinnerungen von Felix Pinkus, einem Neffen von Paul Ehrlich, zu den angesehensten jüdischen Familien Norddeutschlands (Erinnerung Felix Pinkus: 8). Abraham Weigerts Tochter Rosa wird Anfang der 1850er Jahre eine »gute Partie« und die Mitgift für den Bräutigam beträchtlich gewesen sein. Ihr Bruder Hermann Elias hatte bei seiner Vermählung 1853 eine Mitgift von achttausend Talern erhalten (Weigert 1895/1976: 331; Lowenstein 2003: 186).
Einen ähnlichen sozialen Aufstieg und Verbürgerlichungsprozess wird die Familie Ehrlich erlebt haben. Mit dem Emanzipationsedikt hatte 1812 auch der in Strehlen lebende Heymann Ehrlich die bürgerlichen Rechte erworben (Moses 1995: 67). Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte es seine Familie zu einem beachtlichen Wohlstand gebracht. Im März 1916 erinnerte sich Alfred Neumann (1865-1920, in seiner Kindheit lebte die verwandte Familie Neumann in unmittelbarer Nachbarschaft zur Familie Ehrlich), dass diese zu den wohlhabendsten des Ortes gehörte (Neumann PEC 51/7). Sowohl das kommerzielle Brennen von Alkohol als auch die Vergabe von Lotterie-Konzessionen wurde nur vertrauenswürdigen Personen übertragen, denn beide Tätigkeiten waren mit der Verwaltung und Abführung staatlicher Gelder verbunden. Für die Konzession zur Produktion von Alkohol waren bedingt durch das staatliche Brannt weinmonopol entsprechende Taxen zu entrichten, und Juden waren geschätzt wegen ihrer Bereitschaft, als Pächter von Zöllen, Ak zisen, Brauereien und Brennereien zukünftig zu entrichtende Abgaben vorzustrecken (Moses 1995: 64). Die treuhänderische Verwaltung staatlicher Gelder mag einer der Gründe gewesen sein, dass die angesehene Familie Ehrlich in Strehlen, »wo ein eigentliches Bankgeschäft nicht vorhanden war, in Geldangelegenheiten die Berater, nicht nur der Bürger Strehlen’s, sondern auch der Gutsbesitzer des Kreises und der weiteren Umgebung waren« (Neumann PEC 51/7).
Die Familie Ehrlich pflegte gute Kontakte zu dem geistig gebildeten Landadel (Neumann PEC 51/7). Die Anekdoten über Heymann Ehrlichs geistes- und naturwissenschaftliche Neigungen, seine populärwissenschaftlichen Vorträge und die umfangreiche Hausbibliothek (Venzmer 1948; Marquardt 1951) verweisen im Kontext der Akkulturation auf den Verbürgerlichungsprozess der Familie und die Aneignung von sozialem und kulturellem Kapital (Lässig 2004). Man kann darüber spekulieren, inwieweit die Wahl des Vornamens die Integrationsbestrebungen der Familie Ehrlich belegen: Hatten die Eltern, Großeltern und frühere Generationen noch traditionell jüdische Namen wie Leib, Simon (Ehrlich 1750-1853) und Itzig (Brüder von Heymann, Familienstammbaum PFC B 2/28), Abraham (Weigert), Heymann oder Ismar, so wählten Rosa und Ismar Ehrlich für ihren Sohn den christlichrömischen und in den deutschen Gebieten gebräuchlichen Vornamen »Paul«.
Die Ehrlichs wohnte in einem weitläufigen Haus mit Hof und Ställen nahe der alten Stadtmauer am »Ring« in der »besten Lage« der Stadt (Venzmer 1948: 7, 11). In dieser bürgerlich behüteten und wirtschaftlich abgesicherten Umgebung verbrachte Paul Ehrlich seine Kindheit, als einziger Sohn von der Mutter abgöttisch geliebt und vom Großvater verwöhnt und gefördert. »Für die Entwicklung eines jungen Menschen von der Veranlagung und dem Temperament« von Paul Ehrlich war das familiäre Umfeld denkbar günstig (Neumann PEC 51/7). Im Abstand weniger Jahre folgten auf Bertha (1852-1911, verheiratete Sachs) und den Knaben Paul weitere Schwestern: 1857 wurde Anna († 1941, verheiratete Knoche), 1861 Elise († 1925, verheiratete Lobethal) und 1864 die jüngste Schwester Clara (verheiratete Redlich) geboren.
Das Ansehen, das die Familie Ehrlich in Strehlen genoss, lässt sich auch daraus ableiten, dass Ismar Ehrlich Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde war, die ungefähr 130 Mitglieder zählte (Bäumler 1979: 29). Es kann daher angenommen werden, dass der Sabbat und die jüdischen Festtage im Hause Ehrlich gefeiert und Paul und seine Schwestern religiös erzogen wurden.
In Strehlen besuchte Paul Ehrlich die Volksschule, und da es in der Kleinstadt keine höhere Bildungsanstalt gab, wurde er im Oktober 1864 im Alter von zehn Jahren in Breslau im angesehenen Maria-Magdalenen-Gymnasium eingeschult. Wie bei Pauls Onkel Hermann Elias und seinem Vetter Carl Weigert sollte eine höhere Schulbildung die besten Voraussetzungen für seine Zukunft schaffen. Im Rahmen der Akkulturationsbestrebungen war der Anteil jüdischer Schüler an höheren Schulen überproportional hoch. 1866 waren in Schlesien 14 Prozent der Gymnasiasten jüdischen Glaubens (Schatzker 1988: 77 f.). Im Unterschied hierzu betrug der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung ungefähr ein Prozent (Kaplan 2003: 227). In Breslau kamen Anfang der 1870er Jahre mehr als ein Viertel aller Gymna siasten aus jüdischen Familien und an den Breslauer »Eliteschulen«, insbesondere dem Maria-Mag dalenen-Gymnasium, war der jüdische Schüleranteil besonders hoch. Die Breslauer Gymnasien waren sozial exklusiv, und die Schüler stammten wie Paul überwiegend aus einem bürgerlichen Elternhaus (Rahden 2000: 179-193). Paul wurde in einer Pension untergebracht – was nicht unüblich war für Kinder aus der Provinz, wenn sie in der nächstgrößeren Stadt eine höhere Schule besuchten (Lowenstein 2003: 164 f.; Schatzker 1988: 75-82). Paul Ehrlich war der erste und zeitweilig einzige Pensionsgast, den der Privatgelehrte Professor Munck in seinem Haus aufnahm. Dort erhielt Paul neben dem Stiefsohn Heinrich Rosin (1855-1927) Nachhilfeunterricht, wurde verköstigt und auch erzogen (Rosin PEC 51/10).
Zusammen mit Heinrich Rosin besuchte Paul das Magdalenaeum. Als Kind war Paul Ehrlich in sich gekehrt und von ernstem Charakter. Ehemalige Klassenkameraden erinnerten sich an Paul Ehrlich nach dessen Tod übereinstimmend als stillen, zurückhaltenden und umgänglichen Mitschüler, der fleißig war und meist in den vordersten Reihen saß. Der Direktor des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg Max Grube (1854-1934) hatte 1917 beim Schreiben seiner Erinnerungen an Ehrlich ein lebhaftes Bild im Gedächtnis (Noack, Grube PEC 60/11): Das Bild eines kleinen, schmächtigen Jungen mit rot gewelltem Haar entspricht auch der Photographie, die Heinrich Rosin seinen Erinnerungen an Hedwig Ehrlich zum Andenken beigefügt hatte (Heinrich Rosin an HE, 4.12.1915, PEC 51/10).
Paul Ehrlich mit seiner älteren Schwester Bertha (RAC)
Paul Ehrlich als Schüler. Wahrscheinlich handelt es sich um das »Knabenbildnis von Paul«, das Heinrich Rosin im Dezember 1915 an Hedwig Ehrlich gesandt hat (RAC).
Ismar und Rosa Ehrlich, vermutlich das Hochzeitsbild, Anfang 1850er Jahre (RAC)
Heymann Ehrlich, vermutlich anlässlich der Hochzeit von Ismar und Rosa Ehrlich, Anfang 1850er Jahre (RAC)
Das Wohnzimmer der Familie Ehrlich, ca. 1870er bzw. 1880er Jahre. Rechts über dem Sessel hängt das in Marquardt 1951 und Bäumler 1979 abgedruckte Bild des hochbetagten Heymann Ehrlich (RAC).
Der Unterricht war für Schüler aller Konfessionen, abgesehen vom Religionsunterricht, gleich. Paul selbst hat rückblickend die »Schule immer als drückende Last empfunden« (PE an Christian Herter, 10.7.1909, PEC 1/17). Jüdische Schüler mussten an öffentlichen bzw. allgemeinen Schulen oftmals Demütigungen, antisemitische Beleidigungen und Zurückweisung seitens der Lehrer oder ihrer Mitschüler erdulden, von denen zahlreiche biographische Äußerungen aus dem Leo Baeck Institut zeugen (Schatzker 1988: 39-49, 71-89; Lowenstein 2003: 164 f.). Ehrlich hat sich über solche Schmähungen nie geäußert oder beklagt. Sein angepasstes, vorbildliches Verhalten entspricht jedoch dem Verhalten, das ähnlich von anderen jüdischen Biographen über ihre Schulzeit geschildert wird. Um Spott seitens der Mitschüler oder Tadel seitens der Lehrer zu entgehen, habe man sich möglichst unauffällig verhalten. Solche negativen Erfahrungen und die konservative, autoritäre Erziehung könnten eine Erklärung liefern, warum Ehrlich die Schule als drückende Last empfand.
Auf dem Gymnasium schloss Ehrlich allerdings auch zahlreiche Freundschaften, unter anderem mit Oscar Langendorff (1853-1908) und Albert Neisser (1855-1916), mit denen er bis ans Lebensende eng verbunden blieb. Über Paul Ehrlichs Schul- und Pensionszeit in Breslau berichtet Gerhard Venzmer anekdotisch, aber wenig valide (Venzmer 1948: 12-16). Die Schule und der Privatunterricht wurden unterbrochen durch regelmäßige Ferienaufenthalte bei der Familie. Der sogenannte Müller, ein zwischen Breslau und dem Umland verkehrender Omnibus, legte die Strecke in fünf Stunden zurück. In der Ferienzeit sind auch Besuche bei den Verwandten mütter licherseits überliefert. Bei der Familie Weigert im nahe gelegenen Rosenberg wird Paul gelegentlich den acht Jahre älteren Vetter Carl getroffen haben, der ihm später als Vorbild und oftmals als Ansprechpartner diente. Die Zeit jenseits der Schule wird der Junge Paul weniger mit der Erledigung der Ferienaufgaben zugebracht haben als vielmehr mit dem Lesen von Büchern aus der großväterlichen Bibliothek und mit Dingen, die man als Junge so unternimmt – jedenfalls erinnerte sich Hedwig Ehrlich an Erzählungen ihres Mannes, dass er nach Breslau stets mit einem schlechten Gewissen zurückgefahren sei, weil er die Hausaufgaben nicht erledigt habe und diese in der Nacht vor Schulanfang fertigstellen musste (HE an NN, 25.2.1917, PEC 60/11; Rosin PEC 51/10).
In Paul Ehrlichs Schulzeit ereigneten sich zwei Kriege, die seine Familie unmittelbar tangierten. Im Jahr 1866 bedrohte der Preußisch-Österreichische Krieg die Bewohner von Breslau und Strehlen. Über Paul Ehrlich berichtet eine Anekdote, er habe angesichts eines möglichen Einfalls österreichischer Truppen in Strehlen 1866 seine Münzsammlung vergraben (Knoche, Schuljahre PEC 51/4). Wenige Jahre später wird der Deutsch-Französische Krieg und die Gründung des deutschen Kaiserreiches 1871 die Familie Ehrlich und den Schüler Paul vermutlich in gleichem Maß begeistert haben wie die meisten Einwohner des neu geschaffenen Reiches (Lowenstein 2003: 222 f.). Pauls Cousin Carl Weigert hatte auch als Soldat mitgekämpft. Wenngleich keine Informationen darüber bekannt sind, wie die Familie Ehrlich die Reichsgründung aufgenommen hat, so werden sie als Juden die uneingeschränkte staatsbürgerliche Gleichstellung begrüßt haben, die bereits 1869 vom Nordeutschen Bund beschlossen und 1871 in der Verfassung des Deutschen Reiches ver ankert worden war (Kaplan 2003: 226, 510). Trotz eines möglichen reichsdeutschen Patriotismus werden die Ehrlichs und deren Verwandte sich vor allem als Schlesier empfunden haben. Wie Thomas Nipperdey betont, war das wesentliche Charakteristikum des neuen Staates, dass es sich um einen Bundesstaat handelte (Nipperdey 1998: 85), und das Zugehörigkeitsgefühl der Bewohner war an den Einzelstaat oder die geographische Region gebunden.
Anlässlich des sechzigsten Geburtstages von Paul Ehrlich erinnerte sich sein früherer Lehrer, Professor Rudolf Tardy, dass Ehrlich seine Mitschüler an Fleiß, Aufmerksamkeit und Wissen überragt habe (Tardy 1914). Das Urteil von Tardy überrascht insofern, als Ehrlich in dem von Tardy unterrichteten Fach Deutsch meist nur ein hinreichendes oder befriedigendes Ergebnis auf den Zeugnissen erzielte. Auf dem Abiturzeugnis wird abschließend zwar bemerkt, dass die Leistungen von Paul in der deutschen Sprache befriedigend seien, jedoch ließen seine Arbeiten eine logische Klarheit vermissen. Der Prüfungsaufsatz war sogar als unzureichend bewertet worden. Gute Leistungen erreichte Paul Ehrlich dagegen in Latein, Griechisch, Mathematik und in »Physik und Naturbeschreibung«. Ebenso wurde im Abgangszeugnis sein »sittliches Verhalten« als tadellos beurteilt – über all die Jahre seien Fleiß und Betragen in allen unterrichteten Gegenständen gleichmäßig gut gewesen (Zeugnisse PEC 2/1). Nach Ehrlichs eigener Beurteilung war er nur ein mittelmäßiger Schüler (Ehrlich Kommers 1909 PEC 3/8; PE an Christian Herter, 10.7.1909, PEC 1/17; Marquardt 1951: 96). Wohlabgewogen bemerkte Heinrich Rosin gegenüber Hedwig Ehrlich, dass ihr Mann zwar auf der Schule gut vorwärtsgekommen sei, man aber nicht sagen könne, »dass er so Grosses erwarten liess« (Rosin PEC 51/10).
In das Reich historischer Fabeln verbannt gehört die retrospektive Zuschreibung, dass Ehrlich bereits in seiner Kindheit und Jugend eine besondere Neigung zur chemischen Wissenschaft gezeigt habe. Auf Anfragen von Hedwig Ehrlich und Rudolf Tardy antworteten sowohl die früheren Mitschüler Seidelmann und Noack als auch Heinrich Rosin, dass sie sich nicht an chemische Studien während der Gymnasialzeit erinnern könnten (Seidelmann an Tardy 12.12.1916 PEC 60/11; Noack an Tardy 1.11.1917 PEC 60/11; Rosin PEC 51/10). Ebenso tauchte die als »nicht befriedigend« bewertete schriftliche Abschlussarbeit im Fach »Deutsch« zu dem Thema »Das Leben als Traum« trotz intensiver Suche nicht auf (PEC 60/11). Ehrlich scherzte später mehrfach, er habe in dem Aufsatz den Traum, in der Annahme, dass das Leben auf Oxydation beruhe, als Oxydation interpretiert, als eine »Phosphoreszenz des Gehirns«. Ob der Aufsatz in dieser Form geschrieben wurde, ist ungewiss. Vermutlich wurden spätere theoretische Überlegungen retrospektiv in die Schulzeit vorverlegt, um dieses unerquickliche Erlebnis zu einer lustigen Anekdote umzudeuten. Trotz der nach Meinung der Prüfungskommission ungenügenden schriftlichen Leistung bestand Ehrlich das Abitur. Am 22. März 1872 erteilte die Prüfungskommission Paul Ehrlich das Zeugnis der Reife, »da er jetzt das Magdalenen-Gymnasium verläßt, um Medizin zu studiren« (Zeugnis PEC 2/1).
Direkt nach der Schule nahm Paul Ehrlich im Sommer 1872 das Medizinstudium in Breslau auf. In seiner Alterskohorte gehörte Paul als Abiturient zu einer kleinen, ein bis zwei Prozent zählenden Elite. Die große Mehrzahl der Schulabgänger strebte ein Universitätsstudium an. Dabei war der Anteil jüdischer Studenten im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil in den Jahrzehnten nach der Reichsgründung relativ hoch, wogegen ihre Zahl bis zum Ersten Weltkrieg kontinierlich sank, was auch daran lag, dass der Anteil der jüdischen Bevölkerung im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung abnahm (Kaplan 2003: 269-270; Schatzker 1988: 189-191). Die Hälfte der jüdischen Studenten schrieb sich im Fach Medizin ein, weil der Beruf des Arztes hohes Ansehen genoss und die Möglichkeit, eine Privatpraxis zu eröffnen, Unabhängigkeit und ein gutes Einkommen versprach. Alternativ wurde Jura als Studienfach in Erwägung gezogen, um später als Anwalt arbeiten zu können. Die juristische Fakultät, »die exklusivste von allen«, diskriminierte allerdings in den Jahrzehnten nach der Reichsgründung jüdische Studenten in besonderem Maße, und da ihnen de facto eine akademische Laufbahn oder die Beamtenlaufbahn verschlossen blieb, war der Anteil jüdischer Jurastudenten bis zur Jahrhundertwende gering (Kaplan 2003: 271 f.; Schatzker 1988: 189-191). Ursprünglich hatte Ismar Ehrlich für seinen Sohn eine Karriere als Anwalt vorgesehen, doch verspürte Paul nur geringe Neigungen zu einem Studium der Jurisprudenz. Zum Medizinstudium war er wahrscheinlich durch seinen Vetter Carl Weigert inspiriert worden, der nach dem Besuch des Maria-Magdalenen-Gymnasiums in Breslau, Wien und Berlin Medizin studiert und als Assistenzarzt im Allerheiligen-Hospital in Breslau gearbeitet hatte. Anschließend wurde Weigert Assistent bei Heinrich Wilhelm G. Waldeyer. Unterstützung in seinem Vorhaben fand Paul bei seiner Mutter (Knoche PEC 51/4; Waldeyer 1921: 138, 288). Dem Lebensweg seines Vetters folgend, studierte Ehrlich in Breslau unter anderem bei dem Anatomen Heinrich Wilhelm G. Waldeyer, an dessen mikroskopischen Übungen er teilnahm. In Breslau besuchte Paul Ehrlich verschiedene Seminare und Vorlesungen, allerdings wechselte er bereits nach einem Semester im September 1872 an die nach dem Deutsch-Französischen Krieg wieder eröffnete bzw. nach deutscher Lesart neu gegründete »Reichsuniversität Straßburg« und folgte Waldeyer, der hier einen Lehrstuhl erhalten hatte. Noch in Breslau hatte der Vater Ismar Ehrlich mehr zufällig Waldeyer eine Amme vermittelt. Nachdem auch Paul Ehrlich nach Straßburg zu gehen beabsichtigte, aktivierte Ismar Ehrlich die Bekanntschaft mit Waldeyer und bat diesen in einem Brief, er möge sich dort um seinen Sohn kümmern (Erinnerungen Felix Pinkus). Waldeyer sagte zu und führte ihn auch in sein Haus ein. Waldeyer brachte Paul Ehrlich auch in einer französischen Familie unter und berichtete dessen Eltern über seinen Schützling. Freundliche Aufnahme habe Paul Ehrlich auch bei der Familie des Professors für Staatsrecht Paul Laband (1838-1918) gefunden, der mit der Familie Ehrlich weitläufig verwandt war (Familienstammbaum PFC B 2/28; Knoche PEC 51/4). Im von Breslau weit entfernten Straßburg blieb somit die soziale Kontrolle gewahrt, und gleichzeitig boten universitäre und familiäre Verbindungen Orientierung, um sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden.
In den medizinischen Kursen und praktischen Übungen entwickelte Ehrlich früh ein Interesse an biologischen Fragestellungen, der Farbstoffchemie und dem Einfärben von Gewebe. Waldeyer erinnerte sich später an Paul Ehrlich als einen schüchternen jungen Mann von angenehmem Wesen, der außerordentlich fleißig war. Neben den Vorlesungen und histologischen Kursen machte Ehrlich häufig von dem Angebot Gebrauch, den Arbeitsplatz auch nach den Kursen für private Studien zu verwenden. Dort begann er bereits mit der Einfärbung von Gewebe. Eines Abends habe Waldeyer ihn noch spät an seinem Arbeitsplatz, der voller Farbflecken war, vorgefunden. Auf die Frage, was Ehrlich denn mache, habe dieser geantwortet: »Ich probiere!« Ehrlich habe nicht nur die angegebenen Färbemethoden geübt, sondern darüber hinaus auch andere Färbungen versucht und dabei schöne Präparate erzielt. So habe Waldeyer ihn trotz des wüsten Aussehens des Arbeitstisches weiter gewähren lassen und erwidert: »Na, dann probieren Sie nur weiter!« (Waldeyer 1921: 158) Waldeyer machte sich die prak tischen Fertigkeiten seines Studenten zunutze und ernannte Paul Ehrlich zum Demonstrator in den anatomischen Seminaren (Venzmer 1948: 27).
Außer den von Waldeyer gehaltenen Vorlesungen in Physiologie und Anatomie und dessen histologischen Kurse besuchte Paul Ehrlich in Straßburg Seminare und Vorlesungen in Chemie bei Adolf von Baeyer (1935-1917), in Physiologie bei dem Mediziner und Botaniker Anton de Bary (1831-1888), bei Friedrich Leopold Goltz (1834-1902), dem Anatomen Johann Georg Joessel (1838-1892), und auf dem Gebiet der physiologischen Chemie bzw. der Biochemie hörte Ehrlich Vorlesungen von Felix Hoppe-Seyler (1825-1895). Paul Ehrlich wird in Straßburg vermutlich auch die Bekanntschaft von Ernst Viktor von Leyden (1832-1910) und Friedrich Daniel von Recklinghausen (1833-1910) gemacht haben (CV PE GA I: 30; PE Kommers PEC 3/8). In Straßburg befreundete sich Ehrlich mit Wilhelm Nahmmacher (1853-1897), Ludwig Brieger (1849-1919) und Albrecht Kossel (1853-1927), der dort sein Studium 1872 begonnen und bei den gleichen Professoren studiert hatte (Knoche PEC 51/4; Venzmer 1948: 27; Walter 1980). Nach vier Semestern legte Paul Ehrlich in Straßburg im März 1874 noch vor seinem zwanzigsten Geburtstag das Physikum ab, das er in Physik, Anatomie und Zoologie mit den Noten »gut« sowie in Chemie und Physiologie mit »vorzüglich gut« abschloss. Das Gesamtergebnis der Prüfung wurde mit »sehr gut« bewertet (PEC 2/1). Nach erfolgreichem Abschluss des Physikums kehrte Paul Ehrlich nach anderthalb Jahren nach Breslau zurück und setzte dort sein Studium fort.
Dort besuchte er in den folgenden drei Semestern Vorlesungen und Kurse unter anderem bei Oskar B. Berger (1844-1885), an der Poliklinik bei Anton Biermer (1827-1892) und Ludwig Lichtheim (1845-1928), bei O. A. Mayer, bei den Chirurgen Hermann Eberhard Fischer (1831-1919) und Hermann Maas (1842-1886), dem Ophthalmologen Richard Förster (1825-1902), dem Zoologen Adolf Eduard Grube (1812-1880) und dem Gynäkologen Otto Spiegelberg (1830-1881) (CV PE GA I S. 30). Besonders prägend waren für Ehrlich die Seminare von Ferdinand Julius Cohn (1828-1898), Rudolf Heidenhain (1834-1897) und Julius Friedrich Cohnheim (1839-1884). Im pflanzenphysiologischen Institut Ferdinand Julius Cohns wurde Paul Ehrlich über die Entwicklungsgeschichte und den Aufbau der Mikroorganismen unterrichtet, im Institut für Pathologie lehrte Julius Friedrich Cohnheim pathologische Anatomie, und in den Seminaren von Rudolf Heidenhain beschäftigte sich Ehrlich mit der Physiologie von Zellen. Über Ehrlichs Studienzeit in Breslau resümiert Ernst Jokl, dass er von herausragenden Wissenschaftlern unterrichtet wurde, die den Grundstein zu Ehrlichs späteren wissenschaftlichen Arbeiten gelegt hätten. »From Ferdinand Cohn he learned how to formulate lively scientific hypotheses and to think in terms of models; from Heidenheim he learned how to measure quantities in biology; and Cohnheim convinced him that in its adaptive reactions to pathological impacts nature is unreliable« (Jokl 1954: 972).
Den Besuch der Vorlesungen habe Ehrlich eigenen Angaben zufolge auf ein notwendiges Maß beschränkt, denn er habe sich »den Verlockungen von Klinik, innerer Medizin und Dermatologie möglichst fern« gehalten, um weiter an seinen Farbexperimenten zu arbeiten (PE Kommers PEC 3/8). Im physiologischen Institut von Heidenhain war Ehrlich ein Arbeitsplatz eingerichtet worden, den er zu Übungszwecken nutzen konnte. Später erhielt Ehrlich einen Arbeitsplatz bei dem Pathologen Julius Cohnheim, der ihm ausgedehntere Experimente ermöglichte. Bei Cohnheim arbeitete auch Ehrlichs Vetter Carl Weigert als Assistent. Weigert hatte sich 1874 bei Cohnheim habilitiert.
Von Ehrlichs Experimenten zeugten zahllose Farbflecken auf den Arbeitsplatten, die nicht nur für Begeisterung sorgten. Der Freiburger Physiologe Otto Funke (1828-1879) habe sich in einem Brief an Heidenhain beschwert, dass die »Spuren von Ehrlichs Fleiss« unverwüstlich seien (PE Kommers PEC 3/8). Georg Venzmer zufolge habe Ehrlich die von ihm genutzte Arbeitsplatte in Straßburg abhobeln lassen müssen, damit diese für nachfolgende Studenten wieder nutzbar war (Venzmer 1948: 27). Außer den Farbflecken hinterließ Ehrlich jedoch keine unmittelbaren Informationen wie Kurshefte, Testierbücher oder Aufzeichnungen über seine Studien (HE an NN, 25.2.1917, PEC 60/11).
Über die Arbeitsbedingungen und -atmosphäre am Pathologischen Institut in Breslau erfahren wir in den »Erinnerungen« der beiden damaligen ausländischen Gaststudenten, des Dänen Carl Julius Salomonsen (1847-1927) und des Amerikaners William Henry Welch (1850-1934), mehr. Die Leichen, die täglich im Institut seziert wurden, kamen aus dem städtischen Krankenhaus zu Allerheiligen. Die im Rahmen des Studiums abgehaltenen Obduktionen wurden gewöhnlich von dem Ersten Assistenten Carl Weigert ausgeführt, der auch die mikroskopischen Untersuchungen und die Anleitung der Studenten vornahm. Cohnheim sei meist erst nach der Leichenöffnung im Sektionssaal erschienen und habe sich interessante Organe oder Gewebeteile für seine Kurse oder eigene Studien herausgesucht (Salomonsen in Bäumler 1979: 41-45). In den praktischen mikroskopischen Kursen wurden die sezierten Organe konserviert, gefärbt und zu Schnittpräparaten verarbeitet.
Nach einer allgemeinen Einführung wurde den im Institut tätigen Studenten von Heidenhain oder Cohnheim im Rahmen ihres Forschungsgebietes eine spezielle Aufgabe zugewiesen. In Cohnheims Institut sollte William Henry Welch beispielsweise zur Klärung der Frage, warum flüssige Bestandteile des Blutes in das die Blutbahnen umgebende Gewebe diffundierten, die Veränderungen im Gewebe bei der Entstehung eines Lungenödems untersuchen. Welch hebt die offene Arbeitsatmosphäre im Institut hervor. Jeder könne die Arbeiten der Kollegen verfolgen. Die gestellten Aufgaben wurden von den Studenten selbständig bearbeitet, die Ergebnisse im Institut vorgestellt oder in den medizinischen Vereinen diskutiert und in den übergeordneten Forschungskontext eingeordnet (Flexner 1948: 78-82). Bei der Bearbeitung der Aufgaben genossen die Studenten augenscheinlich individuelle Freiheiten, was Ehrlich für sich zu nutzen verstand. »Das eigentliche Thema das Heidenhain mir gestellt hatte, habe ich überhaupt nicht bearbeitet, sondern ging ganz meine eigenen Wege« (PE Kommers PEC 3/8).
Der Alltag war nicht in Studium und Privatleben getrennt. Einen großen Teil ihrer »Freizeit«, d. h. der privaten Zeit außerhalb universitärer Veranstaltungen oder am Wochenende, verbrachten die Angehörigen der Medizinischen Fakultät miteinander: Studierende und Lehrende begegneten sich auf den Abendveranstaltungen der medizinischen Vereine und Gesellschaften oder in den bürgerlichen Vereinen, Studenten wurden zu Diners der Professoren eingeladen, man besuchte die gleichen kulturellen Veranstaltungen und unternahm gemeinsame Ausflüge in das Breslauer Umland (Bäumler 1979: 41-45; Rahden 2004: 125-128), und dann gab es noch gesellige Bierabende und Veranstaltungen der zahlreichen Verbindungen und Burschenschaften.
In den Semesterferien besuchte Paul Ehrlich seine Familie in Strehlen. Ein Wermutstropfen wird dem jungen Paul der Tod des Großvaters Heymann Ehrlich 1875 gewesen sein. Im Sommer verbrachte der Student seine Zeit mit vertiefenden physiologischen und histologischen Studien. Die in der Stadt schwer zu beschaffenden und teuer zu erstehenden Versuchstiere gab es auf dem Land in reichlicher Zahl, zumal Ehrlich Helfer hatte. Rückblickend erinnert sich Alfred Neumann, dass sich nach Ankunft des »Studente« eine Schar von Jungen vor dessen Elternhaus traf, um für ihn Frösche, Mäuse oder andere Tiere zu sammeln (Neumann PEC 51/7). Die armen Kreaturen wurden von Ehrlich in einer ungenutzten Küche, die zu einem provisorischen »Laboratorium« umfunktioniert worden war, seziert oder für physiologische Versuche verwendet. Von einem solchen Experiment berichtete seine Schwester Anne Knoche später. Aus dem eigenen Taubenschlag habe Ehrlich einige Tauben entwendet und ihnen Farbe ins Gehirn injiziert, woraufhin sich die Köpfe blau gefärbt haben sollen. Ehrlich habe in diesem Küchen-Laboratorium nicht nur die praktischen Aspekte des Medizinstudiums geübt und vertieft, sondern auch Haarpomaden, Cremes und Hustenbonbons hergestellt (Knoche PEC 51/4).
Es gibt zahlreiche Anekdoten, die über chemische Versuche aus der Kindheit, Jugend und Studienzeit von Paul Ehrlich kolportiert werden. Georg Venzmer macht aus der ungenutzten Küche ein »Alchimisten-Laboratorium« (Venzmer 1948: 17), und bei Martha Marquardt handelt es sich um eine »Waschküche«, in der Ehrlich »allerlei Mixtürchen zusammenbraute« (Marquardt 1951: 5). In beiden Biographien werden die Versuche auf Ehrlichs Schulzeit zurückverlegt, als der junge Paul die vermutlich auf dem Gymnasium begonnenen chemischen Versuche in den Ferien fortsetzte. Gemäß den retrospektiven Berichten von Alfred Neumann und Ehrlichs Schwester Anna Knoche lassen sich die »Experimente« auf die frühe Studienzeit datieren (Knoche PEC 51/4; Neumann PEC 51/7). Die zeitliche Verschiebung der Experimente auf die Schulzeit zeigt exemplarisch, wie Ehrlich Charaktermerkmale zugeschrieben werden. Bei Venzmer und Marquardt stehen die Experimente stellvertretend für die (geniale) naturwissenschaftliche Veranlagung Ehrlichs, die sich später nur habe entfalten müssen. Dies wird umso deutlicher, wenn man bedenkt, dass die von Neumann oder von früheren Schulkameraden verfassten Berichte entstanden sind, weil Hedwig Ehrlich nach dem Tod ihres Mannes eine Biographie verfassen lassen wollte und explizit Informationen über frühe chemische Experimente in der Kindheit oder Schulzeit abgefragt hat (Rosin an HE 4.12.1915, PEC 51/10; Seidelmann an Tardy 12.12.1916, PEC 60/11). Die im Laufe von Ehrlichs Leben erworbenen Kenntnisse in der Chemie bzw. den Naturwissenschaften werden auf den jungen Paul Ehrlich zurückprojiziert, und die »Entwicklung« zum Nobelpreisträger erklärt sich quasi naturnotwendig aus der frühen Veranlagung.
Das Wohnhaus der Familie Ehrlich in Strehlen (Bäumler 1979)
Eine ähnliche Re-Konstruktion des jungen Ehrlich lässt sich am Beispiel seiner von Marquardt beschriebenen »Führerrolle« nachzeichnen. In dem Kapitel zur Breslauer Gymnasialzeit beschreibt sie, dass Ehrlich in der Ferienzeit die »ganze männliche Schuljugend von Strehlen« im Alter zwischen sieben und 16 Jahren »um sich geschart habe« und mit dem »ganzen Schwarm von Jungens« herumgezogen sei. Sie hätten »allerlei Allotria« getrieben, Mäuse und Frösche gesammelt und Ehrlich sei stets die Führerrolle zugefallen. Bei »Räuberspielen« in den Steinbrüchen kam es schon mal zu Streitigkeiten, bei denen Ehrlich »einmal gehörig verhauen wurde«. »Das war wohl nur eine kleine ›Auseinandersetzung‹ der körperlich stärkeren ›Untertanen‹ mit dem geistig überlegenen Oberhaupt […], für seine größere Geistigkeit, die aber der Liebe und Verehrung aller seiner ›Anhänger‹ nicht im mindesten Abbruch tat. […] Sein ganzes Leben war ja Kampf. Er ließ sich nichts gefallen, vertrug kein Unrecht. Er war stets bereit, sich zu verteidigen, und wenn es nötig war, anzugreifen.« Mit der »militanten« Einstellung sei Ehrlich ein Kind seiner Zeit gewesen – und des historischen Raumes. Vom militanten Ehrlich – der im Vergleich zu Emil Behring (1854-1917) keinen Militärdienst geleistet oder nie wie Robert Koch Kriegsdienst geleistet hat – leitet Marquardt unversehens über zum schwer umkämpften Schicksal der schlesischen Heimat (Marquardt 1951: 6 f.). Wohl im Rahmen der schriftstellerischen Freiheit werden die unterschiedlichen Anekdoten bei Georg Venzmer bis zur Unkenntlichkeit vermischt und mit einer Prise Vorstellungskraft gewürzt. Der junge Paul sei nicht nur ein »kleiner Naturforscher« gewesen, der schon als »Tertianer beim Apotheker Hustenbonbons nach eigenem Rezept anfertigen läßt: er ist auch ein rechter Junge, der wohl zu spielen und herumzutollen weiß und der bei aller Bescheidenheit sogar glänzend versteht, in der Rotte seiner Kameraden die Führerrolle zu spielen« (Venzmer 1948: 18).
Der Rückblick von Alfred Neumann zeichnete ein schärfer konturiertes Bild von Ehrlich. Die Erinnerung des damals siebenjährigen Neumann setzte ein, als Ehrlich 18 Jahre alt war und bereits studierte. Während der Ferien in Strehlen habe Ehrlich »im Verein mit einem Lehrer der dortigen Bürgerschule« die Anregung zu regelmäßigen Spielen in der Natur gegeben. Als Initiator habe Ehrlich die »Führerrolle« bei den Ritter- und Räuberspielen eingenommen. »Sonst lebte Paul während seiner Ferien ziemlich zurückgezogen. Man sah ihn selten, dafür wurden über ihn allerhand Mordsgeschichten erzählt […].« Neumann schildert die gleichen Spiele und Raufereien wie Marquardt und Venzmer, denen die »Erinnerung« von Neumann als Quelle gedient haben muss. Bei Marquardt und Venzmer finden sich die Erinnerungen an verschiedenen Stellen, die Spiele und Raufereien werden fälschlicherweise in die Jugendzeit zurückverlegt und Ehrlich zum jugendlichen Anführer stilisiert. In der Originalquelle wird allerdings deutlich, dass Ehrlich die eingenommene »Führerrolle« aufgrund seines fortgeschrittenen Alters, der Adoleszenzphase zwischen Jugendlich- und Erwachsensein, seinem entrückten Status als Student und der Verbindung zu einem Lehrer der »Bürgerschule« und nicht zuletzt aufgrund seiner bürgerlichen Stellung, die ihn von der sogenannten Strehlener Dorfjugend abhob, eingenommen haben wird. Ansonsten wird Ehrlich übereinstimmend in zahlreichen weiteren Erinnerungen als ruhig, zurückhaltend und zurückgezogen beschrieben (Neumann PEC 51/7; weitere Erinnerungen an PE in PEC 51 und B 60).
Zurückhaltung bedeutet indes nicht, dass der heranwachsende Ehrlich allen Freizeitvergnügungen entsagte. In Strehlen habe Paul mit seinen Schwestern und deren Freundinnen Theaterstücke geprobt und aufgeführt, und in Breslau nahm er im Studentenzirkel von Herrn Reif Tanzstunden. In der Tanzschule wurden zudem Umgangsformen und Anstandsregeln eingeübt, und man konnte potentielle Ehepartner kennenlernen. Die Tanzschule Reif galt in Breslau als besonders vornehm: »zu Reif gingen diejenigen, die sich zu den ›besseren‹ Kreisen rechnen wollten« (Adolf Riesenfeld zit. in Kaplan 2003: 325). Obwohl Paul ein schlechter Tänzer gewesen sein soll, habe er ein Faible für leichte Melodien gehabt. Im Haus der Familie Ehrlich habe Anna nach dem Essen oft Klavier gespielt, man trank schwarzen Kaffee mit Cognac und Paul sei gedankenverloren im Zimmer auf und ab gewandert und habe Zigarren geraucht. Wie schon in der Schulzeit verbrachte Paul einige Wochen der Ferien bei der verwandten Familie Weigart in Rosenberg (Neumann PEC 51/7; Knoche PEC 51/4).
Nur ein kurzes Intermezzo stellte der Aufenthalt in Freiburg im Breisgau dar. Dort verbrachte Paul Ehrlich im Wintersemester 1875/1876 sein achtes Semester, bevor er wieder nach Breslau zurückkehrte, um sein Examen als Mediziner abzuschließen. Ehrlich war einer von 114 Medizinstudenten in diesem Semester, die annähernd die Hälfte der Freiburger Studentenschaft repräsentierten (274 Studenten insgesamt). In Freiburg besuchte Paul Ehrlich einen Verbandskurs, einen Augenspiegelkurs sowie weitere Kurse und Vorlesungen über Kopfwunden, zur physikalischen Diagnostik, zur Diagnostik der Geschwülste, zur Diagnostik der Augenkrankheiten, zur allgemeinen Chirurgie und zur Gynäkologie (Siefert/Stöckl 1983; PEC 63/2). Als Freiburger Lehrer nannte Ehrlich in seinem Lebenslauf den 1874 auf den Lehrstuhl für Arzneimittellehre berufenen Christian Bäumler (1836-1933), einen Schüler von Adolf Kußmaul (Bäumler 1979: 338), sowie Adolf Kußmaul selbst im Bereich »Innere Medizin« und dessen Schwiegersohn Vincenz Czerny (1842-1916) im Bereich Chirurgie, den bereits oben erwähnten Physiologen Otto Funke, den Gynäkologen Alfred Hegar (1830-1914), den Ophthalmologen Wilhelm Manz (1833-1911) und Anton Wilhelm C. Berns.
Neben den Vorlesungen und Seminaren setzte Paul Ehrlich seine färbe-technischen Arbeiten fort. Er verfügte über einen Arbeitsplatz im Physiologischen Institut von Otto Funke. Seine private Unterkunft in der Albertstraße 32 war nur wenige Meter vom in der Anatomie untergebrachten Physiologischen Institut entfernt, so dass Ehrlich rasch seiner Arbeit nachgehen konnte (Siefert/Stöckl 1983). Erste Ergebnisse seiner Arbeit veröffentlichte Paul Ehrlich 1877 im »Archiv für mikroskopische Anatomie« über die Anilinfärbung verschiedener Zellgewebe (GA I Nr. 1). Der Aufsatz vermittelt einen Einblick, womit sich Paul Ehrlich während seines Studiums beschäftigt hat. In aufwendigen Versuchsreihen kombinierte er verschiedene Farbstoffe, Gewebe- und Organpräparate zahlreicher Tierspezies miteinander. Die Untersuchung war den von Waldeyer »unter dem Namen ›Plasmazellen‹ beschriebenen Gebilden« gewidmet und differenzierte diese weiter aus (GA I S. 19). Aus einer Reihe verwandter Phenylrosanilin-Farbstoffe färbte das wasserlösliche Dahlia (Monophenylrosanilin) am intensivsten und die meisten tierischen Zellgewebe. Schritt für Schritt beschrieb Ehrlich den Farbstoff, die Mischung der Farbstoff-Lösung, die Gewinnung und Färbung der Organpräparate sowie die anschließend notwendige Entfärbung und die Konservierung der Schnitte mit verharztem Terpentin, damit die nuancierte Färbung auch langfristig erhalten bleibt. Mit dieser genauen Beschreibung belegte der Student nicht nur die wissenschaftliche Herangehensweise, sondern er gab eine genaue Anleitung zur Wiederholung und Bestätigung seiner Versuche. Die über mehrere Semester gesammelten Erfahrungen werden deutlich, wenn er darauf hinweist, dass die Farblösung bzw. die Lösung zur Entfärbung auf den jeweiligen Gewebe- und Organtyp abgestimmt werden müsse, um die Plasmazellen deutlich identifizieren zu können. Ein möglichst eindeutiges Färberesultat war wichtig, denn dies diente als Kriterium, welches die gefärbten Gebilde als Plasmazellen identifizieren sollte (GA I Nr. 1).
Erst nach der eindeutigen Identifikation konnte Ehrlich Angaben über die Größe und das Aussehen der Plasmazellen, die Häufigkeit des Auftretens und die Anordnung der Zellen zu größeren Einheiten machen. Die äußere Charakterisierung der Plasmazellen und die Häufigkeit ihres Auftretens hänge stark von der jeweiligen Tierspezies und der Gewebeart ab. Im Laufe der Untersuchung kristallisierte sich eine Versuchsmatrix heraus, in der einerseits verschiedene (Tier-)Spezies: Frosch, Ratte, Meerschweinchen, Kaninchen, Hund, Ziege, Kalb, Taube und Mensch, und andererseits verschiedene Gewebesorten: Haut und subkutanes Gewebe, Muskeln, Knorpel und Knochen, Bindegewebe der größeren Gefäße, lamelläres Bindegewebe der Dura und des Mesenteriums, Gewebe des Darms, Gewebe von Organen des lymphatischen Systems sowie drüsiger Organe wie Pankreas, Parotis und Mamma, miteinander kombiniert wurden (GA I Nr. 1).
Die gefärbten, als Plasmazellen bezeichneten Gebilde variierten stark im Hinblick auf ihre Größe und ihre Anordnung. Ehrlich beobachtete sowohl kolossale Riesenzellen als auch kleinste zellige Elemente, die man zahlreich im Gewebe antraf und die in der Regel in wurstförmigen Strängen, in Haufen und in mehrzelligen Verbänden angeordnet waren. Überhaupt sei, so Ehrlich, weniger das zahlreiche Auftreten bemerkenswert als vielmehr die Abwesenheit der Plasmazellen im Gewebe. Die dichte Überlagerung der Zellen und Unregelmäßigkeiten des Zellkerns deutet Ehrlich als einen Hinweis auf die häufige Teilung der Zellen. Obwohl Waldeyer Plasmazellen als körnchenlose Zellen beschrieben hatte, zählte Ehrlich auch Zellen mit gefärbten Körnchen zur Gruppe der Plasmazellen (Bäumler 1979: 40). Wenn er anders als Waldeyer auch »Elemente, die in Bezug auf Grösse, Aussehen und Vertheilung grosse Differenzen aufweisen« als Plasmazellen bezeichne, so geschehe dies mit »Rücksicht auf die so scharf charakterisierte Färbung (Farbnüance, ungefärbter Kern)« (GA I Nr. 1: 25). Die eindeutige Färbung durch Dahlia und die Beobachtung unter dem Mikroskop wird zum bestimmenden Merkmal, das die Gebilde als Plasmazelle kennzeichnet.
