Plötzlich Rassist - Benjamin von Thaysens - E-Book

Plötzlich Rassist E-Book

Benjamin von Thaysens

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Beschreibung

Benjamin von Thaysens ist ein Top-Manager in den besten Jahren. Nach dem erfolgreichen Erklimmen der Karriereleiter entschließt er sich, mit seiner Frau sesshaft zu werden, und nimmt einen langfristigen Job in Augsburg an, wohin ihm seine Frau bald folgen soll. Die Aufgabe, seinen mittelständischen Arbeitgeber wieder auf Kurs zu bringen, bekommt er problemlos in den Griff, kommt mit den Mitarbeitern gut zurecht. Als er jedoch die Avancen der von ihm persönlich eingestellten Mitarbeiterin zurückweist, nimmt die Sache für ihn einen niederschmetternden Verlauf, als diese ihn des Rassismus bezichtigt. Angesichts eines solchen Vorwurfs verliert er den Boden unter den Füßen und bekommt die Sache nicht mehr in den Griff. Er wird fristlos gefeuert und verklagt, was ihn in eine tiefe Depression stürzt, denn als vorurteilsfreier Demokrat, der mit allen Menschen offen umgeht, trifft ihn die Unterstellung schwer. Der ehemalige Manager verliert den Glauben an die Menschheit und die Kontrolle über sich und sein Leben. Statt sich einer Therapie zu unterziehen, versinkt er im Alkoholrausch und irrt durch die Straßen Berlins. Es dauert Wochen, bis er von der Polizei aufgegriffen wird. Nun erst ist er in der Lage, sich einer Therapie zu unterziehen und der Auswirkung der Vorwürfe auf den Grund zu gehen. Stück für Stück erlangt er die Kontrolle über sein Leben zurück und kann sich anschließend sogar seinen Gegnern stellen. Er dreht den Spieß um und erstreitet Schadenersatz, Wiedergutmachung, Schmerzensgeld und Unterlassungserklärungen. Ein Sieg auf ganzer Linie … Doch der Glaube an das Gute im Menschen hat Schaden genommen …

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EPUB
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Seitenzahl: 167

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Benjamin von Thaysens

PlötzlichRassist

Eine Intrige nach einerwahren Begebenheit

Copyright: © 2020 Benjamin von ThaysensLektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.netSatz: Erik Kinting

Titelbild: George Hodan, Lizenz: CCO Publik Domain

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

978-3-347-04926-0 (Paperback)

978-3-347-04927-7 (Hardcover)

978-3-347-04928-4 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Prolog

Mein Name ist Benjamin von Thaysens, ich bin 52 Jahre alt und komme aus einem kleinen Dorf in Westfalen. Ich war ein Karrierist und Arbeitsnomade, legte eine steile Karriere in der Wirtschaft hin, bis ich bei meinem letzten Arbeitgeber einer schmierigen Intrige zum Opfer fiel und gefeuert wurde. Der Name ist natürlich ein Pseudonym, ebenso wie alle anderen Namen – um mich zu schützen, weil ich mich für meine Erlebnisse immer noch schäme, und weil es natürlich gegen die Persönlichkeitsrechte der anderen Beteiligten verstoßen würde. Hinter all diesen Pseudonymen stecken jedoch reale Menschen, wie mein früherer Chef, den ich hier Carsten Otterpohl nenne, der mich beruflich weit vorangebracht hat, aber auch hinterhältige Kreaturen wie Amihan Gellela und Karl Huber, die mir eine schwere Depression sowie sozialen und mentalen Abstieg eingebrockten. Und natürlich so wunderbare feinfühlige Persönlichkeiten wie meine Ehefrau Carola, Frauke Michel und Schwester Anja, die mich mit all ihrer Kraft aus einer tiefen Depression befreiten und mich von meinem Absturz auf den Straßen Berlins erlösten. Sie bauten mich behutsam wieder auf. Ihnen werde ich mein Leben lang dankbar sein.

Kapitel 1 – Tiefer Fall

Mein Untergang begann am 7. August 2018, dem Tag, an dem meine berufliche Karriere zerfetzt wurde wie ein abgestürzter Kletterer aus 1000 Meter Höhe, an dem aus mir, einem Topmanager, ein Wrack wurde. Ein obdachloser Penner.

Obwohl ich am Vortag von meinem Chef angezählt worden war, begann dieser brütend heiße Augusttag für mich wie jeder andere. Ich hatte während meiner beruflichen Karriere bereits eine Vielzahl kritischer Situation überstanden, warum dann nicht auch diese? Ich empfand zwar eine gewisse Anspannung, aber nicht so stark, dass es mich beunruhigte. Meine morgendliche Routine lief ab wie immer, so präzise wie ein Schweizer Uhrwerk: 50 Minuten benötigte ich von der Rasur über die Dusche bis zum Frühstück, pünktlich um 7.00 Uhr saß ich dann in meinem nagelneuen Firmenwagen, einem überdimensionierten AUDI und fuhr zur Arbeit. Am Vorabend gegen 19.00 Uhr hatte ich mir, wie jeden Abend um diese Zeit, via Smartphone einen Überblick über den heutigen Tag verschafft. Ein Meeting reihte sich an das nächste. Mir machte das nichts aus; ich war es gewohnt, straight durch den beruflichen Tag zu cruisen, wie man es in Managerkreisen vorzugsweise anglistisch angehaucht und total easy ausdrückt.

Trotz des gestrigen Ereignisses mit Karl Huber war ich voll motiviert. Erst letzten Samstag war ich mit Carola aus dem Urlaub zurückgekehrt, wir hatten unsere Hochzeitsreise auf einer italienischen Insel verbracht, es war traumhaft schön, mit feinsandigen schneeweißen Stränden und türkisfarbenem Wasser wie in der Karibik. Meine Stressresistenz war also noch ausgeprägter als sonst, weil ich ausgeruht war und drei Wochen am Stück mit Carola verbracht hatte, was sonst selten vorkam.

Während der Fahrt ins Büro hörte ich einen Song von Klaus Lage: So lacht nur sie. Ich dachte dabei beschwingt an Carola, gleichzeitig überlegte ich, was ich am Abend unternehmen könnte. Ich brauchte auch noch ein paar neue Oberhemden – Krawatten trug ich nicht, die waren out. Ich achtete sehr auf meine Kleidung und mein Äußeres. Mein Erscheinungsbild war mir wichtig. Mich inspirierte seit vielen Jahren der italienische Businesslook, ich kombinierte blaue Hemden mit blauen Anzügen von Cinque oder Boggi Milano – alles im Slim-fit-Schnitt –, dazu trug ich braune Gürtel und braune Schuhe. Natürlich musste der wahlweise hell- oder dunkelbraune Gürtel farblich präzise zu den Schuhen passen. Ach was, entschied ich dann, ich lasse mich treiben. Ich nahm mir also erst mal nichts weiter für den Abend vor.

Auf dem Firmengelände angekommen, parkte ich mein Auto, wie immer am selben Platz. Der war zwar nicht markiert, ich besaß aber ein Gewohnheitsrecht. Ich parkte direkt neben Karl Huber, dem Inhaber und Geschäftsführer des Unternehmens. Bei mir lief immer alles nach einem festen Muster ab.

Ich schnappte mir meine braune Ledertasche, die mir Carola vor vielen Jahren geschenkt hatte, und ging die wenigen Meter in mein Büro. Zu meiner Überraschung wurde ich bereits von Greta Vogl und einem Betriebsrat in meinem Büro erwartet, der offenbar als Zeuge für das fungierte, was dann folgte. Greta Vogl war die Personalleiterin im Unternehmen. Trotz meiner Verblüffung streckte ich Greta Vogl zur Begrüßung die Hand entgegen.

Sie verweigerte mir den Handschlag jedoch und kam sofort zur Sache: »Herr von Thaysens, ich muss Ihnen mitteilen, dass wir Ihnen fristlos kündigen. Bitte packen Sie Ihre persönlichen Sachen zusammen, übergeben Sie mir Ihren Firmenwagen und Ihr Firmenhandy und verlassen Sie dann sofort das Firmengelände. Aber bitte durch den Hinterausgang, sodass Sie niemand sieht. Sie dürfen sich auch nicht von Kollegen und Mitarbeitern verabschieden. Ich begleite Sie raus.«

Das hatte gesessen! Ich war wie gelähmt, brachte keinen Ton raus.

Etwas Schriftliches bekam ich nicht. Ich folgte traumatisiert den Anweisungen von Greta Vogl und wankte nur wenige Minuten später wie ein angeschlagener Boxer zu Fuß Richtung Bahnhof. Dort nahm ich den nächsten Zug in die Innenstadt zu meinem Apartment.

Kapitel 2 – Wie alles begann

Ich wollte immer sein wie Karl Siebrecht, der Hauptakteur in Hans Falladas Roman Ein Mann will nach oben. Er handelt vom Aufstieg Karl Siebrechts, der nach dem Tod seines Vaters zum Vollwaisen wurde, sein Heimatdorf verließ und nach Berlin zog, um Karriere zu machen. Ich fühlte mich lange in meinem Leben wie Karl Siebrecht. Diese Geschichte von der Rohheit der alten Wirtschaftswelt in der Vor- und Nachkriegszeit Deutschlands, der der Feingeist Karl Siebrecht gegenüberstand und erfolgreich meisterte, faszinierte mich und hatte zudem ein Happy End. Ich beschloss daher, meinen Weg zu gehen – wie Karl Siebrecht.

Ich wollte ein Manager werden, ein richtig guter Manager. Kein selbstgefälliger Schaumschläger und Sprücheklopfer im Maßanzug, wie die, die ich oft Austern schlürfend auf Empfängen sah. Meine Ziele waren viel größer, viel ehrgeiziger: Mein Anspruch war es, die gesamte Klaviatur aus Fachwissen, Führungskompetenz, Empathie und fein klingender Kommunikation zu beherrschen, aufzusteigen und trotzdem bescheiden zu bleiben. Das wollte ich. Ich konnte nur gewinnen, ich kam ja aus einfachen Verhältnissen.

Meine Mutter verließ unsere Familie, als ich 18 Jahre alt war, zwei Jahre nach der Silberhochzeit meiner Eltern. Mein Vater starb ein Jahr, nachdem sie weg war. Meine beiden Brüder und ich lebten uns nach dem Tod des Vaters auseinander. Es gab keinen Streit zwischen uns, wir hatten uns einfach nur nicht mehr viel zu sagen. Jeder kümmerte sich ums sich selbst.

Ich konnte mich also ganz auf meinen Weg konzentrieren, war ehrgeizig und wissbegierig, ungebunden und mobil. Die Reise konnte beginnen.

Zuerst verschlug es mich nach meiner kaufmännischen Ausbildung und Bundeswehrzeit nach Bayern, wo Fachkräfte gesucht wurden. Wo Fachkräfte Mangelware sind und das wirtschaftliche Wachstum scheinbar grenzenlos ist, würden früher oder später Führungskräfte gesucht, urteilte ich. Ich lag richtig, wie sich herausstellte, es war meine erste gute Managerentscheidung.

Ich startete durch und arbeitete oft doppelt so viel wie meine Kollegen. Nicht weil ich es musste, sondern weil es mir Spaß machte. Ich war schier grenzenlos motiviert, hatte Kraft wie ein Gewichtheber und Ausdauer wie ein Triathlet. Wenn Arbeitskollegen nach Hause gingen, arbeitete ich weiter, manchmal die ganze Nacht, analysierte Daten und Fakten und traf darauf basierend präzise Entscheidungen.

Ich absolvierte nebenbei drei Jahre lang eine fachspezifische Weiterbildung zum Logistiker. Direkt im Anschluss, wieder nebenbei, absolvierte ich ein Studium und war fortan Diplomökonom, ein Akademiker. Ich bekomme heute noch Gänsehaut vor Stolz, wenn ich daran denke, wie ich die Diplomurkunde das erste Mal in Händen hielt.

Aber ich wollte noch mehr. Immer hatte ich Karl Siebrecht vor Augen, diesen Wirtschaftsakteur und sprachlichen Feingeist. Ich recherchierte wochenlang, bis ich das richtige für mich fand: ein Sozialkompetenz- und Kommunikationsstudium an einer Fachhochschule. Das war es, was ich suchte, um meine Sprache und mein Verständnis für Menschen weiter zu perfektionieren. Ich meldete mich an, nahm neben dem Selbststudium die Seminare wahr, die einmal im Monat stattfanden, und schloss das Studium nach drei Semestern erfolgreich ab.

Ich war jetzt für alle Aufgaben gewappnet: Aus dem Industriekaufmann wurde ein Logistiker und aus dem Logistiker schließlich ein Ökonom und Kostenexperte, wie diejenigen bezeichnet werden, die in Unternehmen einen besonderen Fokus auf Kostenreduzierung legen. Ich wurde eine Kapazität auf meinem Gebiet, ein Manager, der scheinbar aussichtslose Geschäftsbereiche zum Florieren brachte. Ich stieg vom Projektassistenten zum Seniorberater auf und stemmte schließlich erfolgreich Großprojekte.

Dann folgte der nächste große Schritt in meiner Karriere: Ich bekam einen Anruf von einem Headhunter, der mich im Auftrag eines Unternehmens aus Niedersachsen anwerben wollte. Ich war stolz, meine Leistungen hatten sich herumgesprochen.

Schon eine Woche später saß ich im Zug auf dem Weg zu der Firma, für die mich der Headhunter aufgespürt hatte. Diese Reise entwickelte sich für mich wie eine spannende Expedition ins Paradies: Ich lernte Karsten Otterpohl kennen, eine Begegnung wie ein Lottogewinn – beruflich und intellektuell. Carsten Otterpohl war der Geschäftsführer eines großen mittelständischen Dienstleistungsunternehmens mit 5.000 Beschäftigten. Er zeigte mir in unserem Gespräch eine schlüssige Perspektive auf. Ich überlegte ein paar Tage und nahm sein Angebot dann an. Drei Monate später zog ich von Bayern nach Niedersachsen.

In einer Art Traineeprogramm leitete ich zunächst in einer Stabsfunktion von Carsten Otterpohl das Projektmanagement: eine Aufgabe, die im Kern das Ziel verfolgte, Kostenfaktoren zu ermitteln und zu eliminieren; meine Lieblingsdisziplin. Dieses Gebiet beherrschte ich aus dem Effeff. Ich war nicht nur zielorientiert, ehrgeizig und wissbegierig, sondern auch mutig; kein Projekt schien mir zu groß. Ich arbeitete manchmal drei Tage durch, bis ich die beste Lösung für Carsten Otterpohl parat hatte.

Ich absolvierte während dieser Zeit Führungsseminare auf Kosten des Unternehmens und wurde so vom Rohdiamanten zum Edelstein geschliffen, wie Carsten Otterpohl später meinte.

Nach zwei Jahren erhielt ich eine Beförderung und übernahm eine Position als Bereichsleiter. Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag: Ich bezog ein riesiges und komfortabel ausgestattetes Büro auf der sogenannten Teppichetage im obersten Stockwerk, da, wo jeder Karrierist landen möchte; mit einem atemberaubenden Ausblick über die ganze Stadt. Mein erster Firmenwagen glänzte vor dem Haupteingang wie ein frisch polierter Kristall, mein Girokonto füllte sich kräftig. Selbstverständlich erhielt ich eine Assistentin – meine erste persönliche Assistentin! Wow, dachte ich! War ich jetzt am Ziel meiner Träume angelangt?

Carsten Otterpohl verließ drei Jahre später das Unternehmen und wurde CEO in einer Kölner Aktiengesellschaft mit Tochterunternehmen in ganz Deutschland. Ein Jahr später folgte ich ihm. Ich hätte das nicht gemusst, bei mir meldeten sich nämlich oft Headhunter, um mich für andere Unternehmen abzuwerben. Manchmal testete ich meinen Marktwert, indem ich Gespräche mit anderen Unternehmen führte. Ich hätte tatsächlich woanders viel mehr Geld verdienen können als bei Carsten Otterpohl. Es gab aber etwas anderes als Geld, was mich an der Zusammenarbeit mit ihm faszinierte: seine totale Erfolgsorientierung verbunden mit seiner menschlichen, authentischen und ehrlichen Art. Wäre das Unternehmen in Flammen aufgegangen, hätte er jeden einzelnen Mitarbeiter persönlich gerettet. In hitzigen Situationen bewahrte er immer die Ruhe und das strahlte auf das ganze Umfeld aus. Kein Mitarbeiter empfand Druck bei ihm, obwohl er geschäftliche Vorgänge extrem beschleunigte und gehörig aufs Tempo drückte. Er ließ seinen Führungskräften Freiraum für die Umsetzung von Ideen und forderte Kreativität ein. Mangelte es an Kreativität, reizte er sie geschickt an. Er sprach nie über Kollegen und Mitarbeiter, die nicht im Raum waren. Er redete mit den Menschen. Man hörte ihn nie klagen oder sich beschweren. Jeder Mitarbeiter wurde von ihm gleich wertgeschätzt, egal ob Arbeiter an der Maschine oder Bereichsleiter im Maßanzug – er machte keine Unterschiede. Carsten Otterpohl hatte ein Gespür für gute Geschäfte. Er war ausgeglichen und ruhte in sich. Diese Aspekte waren es, die herausragende Ergebnisse produzierten. Ich war nie ein Schleimer, ich biederte mich bei niemandem an, auch nicht bei ihm. Wir waren manchmal unterschiedlicher Auffassung, das durfte man bei ihm sein, er forderte geradezu andere Meinungen und Standpunkte von seinen Führungskräften ein. Ich hatte trotzdem nie das Gefühl, mit ihm zu streiten. Sachliche Diskussionen, harte Fakten und stichhaltige Argumente prägten unseren Diskurs. Diesen Stil mochte ich. So war ich auch – und ganz sicher auch Karl Siebrecht.

Jetzt war ich also wieder bei Carsten Otterpohl und leitete einen Betrieb in Rheinland-Pfalz. Selbstverständlich bekam ich einen größeren Firmenwagen, mehr Gehalt und einen riesigen Kompetenzspielraum, ich war ja jetzt ein Firmenlenker. Ich hatte meine Ziele erreicht und dank meiner Mobilität viele Teile Deutschlands gesehen. Ich kam aus einem kleinen Dorf in Westfalen, zog nach Bayern, weiter nach Niedersachsen und von dort nach Rheinland-Pfalz innerhalb von nur wenigen Jahren.

***

Zwischenzeitlich hatte ich Carola kennengelernt. Sie hatte wie ich das Sozialkompetenz- und Kommunikationsstudium absolviert; wir waren im selben Seminar. Carola ist Berlinerin, aber ohne die berüchtigte freche Schnauze, sie ist eher eine leise Person. – Im Gegensatz zu mir, ich bin mehr der extrovertierte Typ.

Ich erinnere mich noch genau an unser erstes gemeinsames Studienwochenende: Sie saß mir gegenüber, trug ein dunkelblaues langärmliges Sweatshirt, Bluejeans, Sneaker und hatte einen niedlichen Kurzhaarschnitt. Ich mochte sie sofort, ohne sie zu kennen.

Schnell bildete sich unter den Kommilitonen eine Fünfergruppe heraus. Wir verabredeten uns, welches Hotel wir buchten, und trafen uns freitagabends. Carola gehörte dazu. Alle anderen Studierenden reisten samstags morgens direkt vor den Seminaren an. Ich freute mich vorher tagelang auf diese Treffen. Besonders weil Carola dabei war. Wir unterhielten uns an diesen beschwingten Freitagabenden über Sport, Mode, Kunst, Musik … über alles Mögliche, nur nicht über unsere Arbeit. Nicht über die Arbeit zu reden war für mich neu, jedoch überraschend erholsam. Wir aßen gemeinsam zu Abend, tranken zur Verdauung einen Ramazotti, danach Bier, Wasser, Apfelschorle … Carola trank Rotwein, meistens einen tiefroten Merlot. Die Abende verliefen kurzweilig, oft bis weit nach Mitternacht.

Am nächsten Abend, nach den Seminaren, ging der gesamte Kurs mit den Professoren zum Essen. Carola war immer an meiner Seite. Ich achtete darauf, sie in meiner Nähe zu haben, möglichst viel Zeit mit ihr zu verbringen. Wir unterhielten uns pausenlos, fanden immer interessante Themen, tauschten Standpunkte aus, scherzten miteinander, foppten uns und lachten viel. Wir hatten einen tollen Draht zueinander, so unterschiedlich wir auch waren.

Wir gingen indes kein Verhältnis ein. Es lief nichts zwischen uns. Nicht mal ein Kuss. Als das Studium endete, tauschten Carola und ich unsere Handynummern aus und schrieben uns von Zeit zu Zeit eine SMS. Nicht oft, vielleicht einmal im Vierteljahr. Wir versicherten uns nur, dass es uns gut ginge. Wir wohnten weit auseinander: sie in Berlin, ich in Bayern.

Das änderte sich, als Carola mich eines Abends anrief. Sie war verzweifelt, weinte und schluchzte wie ein kleines Mädchen, das bei Ikea seine Mutter verloren hatte. Wahnsinn, dachte ich; so kannte ich sie nicht. Trotz ihrer Verzweiflung war sie noch höflich, fragte mich, ob ich Zeit für sie hätte, ihr ein bisschen zuhören könne.

»Natürlich!«, schoss es aus mir heraus.

Sie erzählte mir dann von der schweren Erkrankung ihres Vaters, dass es verdammt ernst sei und er um sein Leben kämpfe. Dass ihre Mutter und sie keine Kraft mehr hätten, jeden Tag das Krankenbett zu hüten. Geschwister hat Carola nicht.

Ich hörte ihr zu, einfach nur geduldig zu. Wir telefonierten stundenlang. Ich erzählte ihr von meinen eigenen Erfahrungen, als mein Vater schwer erkrankte, machte ihr Hoffnung, sprach ihr Mut zu.

In der nächsten Zeit rief ich Carola täglich an, wollte wissen, wie es ihr ging, machte mir Sorgen um sie. Ich interessierte mich dafür, wie es um ihren Vater stand. Von da an riss unser Kontakt nicht mehr ab. Wir schrieben uns täglich SMS, E-Mails und telefonierten abends stundenlang. Wir wurden uns Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat vertrauter, ohne uns nur einmal zu treffen. Ich hatte nie zuvor so ein Vertrauensverhältnis zu einem anderen Menschen aufgebaut. Ich hatte mich immer nur um meine Karriere gekümmert, da war kein Raum für so was. Ich hatte zwar die ganze Zeit eine Partnerin, es war aber nicht so, dass ich mir eine tiefere Beziehung oder sogar Ehe vorstellen konnte. Ich war distanziert, ließ andere nicht an mich heran. Ich baute um mich eine Schutzzone auf, wie die Firewall eines Computers, die Alarm schlägt, wenn sich jemand unbefugt Zutritt verschaffen will. Meine Partnerin sah ich nicht häufig; im Nachhinein frage ich mich, was das eigentlich für eine Beziehung war.

Ich war eindeutig auf der Erfolgsspur: beruflich aufgestiegen wie ein Fahrstuhl direkt vom Keller in die zehnte Etage. Ohne Zwischenstopp. Dazu knallte Carola in mein Leben wie ein riesiges rosarotes Überraschungspaket mit Schleifchen drum. Zudem stand zu jener Zeit gerade mein beruflicher Wechsel von Bayern nach Hannover an. Meine Recherchen ergaben eine Reisedauer von anderthalb Stunden für die Strecke Hannover-Berlin, was fantastisch war. Meine bayerische Partnerin und ich trennten uns. Sie hatte mir ohnehin immer klar gemacht, aus Bayern nicht wegziehen zu wollen, sie war nun mal sehr heimatverbunden. Die Trennung verlief klar und sauber, ohne Groll und Nachtreten. Wir wünschten uns alles Gute, was wirklich von Herzen kam. Mir war dieser Einklang wichtig, denn ich bin nicht der Typ, der andere einfach so sitzen lässt, abhaut, austauscht. Da bin ich wohl durch meine Mutter geprägt, die unsere Familie damals sitzen ließ. Trotz meiner distanzierten Art legte ich immer großen Wert auf Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Kontinuität; privat und beruflich.

Ich zog also nach Hannover und arbeitete mich zunächst intensiv in meine neue Aufgabe ein. Zugleich hielt ich es für sinnvoll, nach der Trennung von meiner Ex-Partnerin etwas abzuwarten, um mich perfekt und ohne Altlasten auf Carola einlassen zu können.

Etwa drei Monate danach, Carola und ich standen immer noch im Dauerkontakt, meldete ich meinen Besuch bei ihr in Berlin an. Ich buchte Bahnticket und Hotel direkt am Ku’damm und freute mich tierisch, sie wiederzusehen. Ich hatte ein Kribbeln im Bauch, wie ein kleiner Junge vor der Weihnachtsbescherung! So was kannte ich bis dahin nicht.

Carola holte mich freitagnachmittags vom Bahnhof ab. Seitdem sind wir ein Paar, mittlerweile 14 Jahre, davon drei verheiratet.

Ich möchte keinen Tag mit Carola gegen einen Tag ohne sie eintauschen. Sie ist das Beste, was mir je passiert ist: Meine große Liebe, mein Lebensanker, mein Ruhepol! Man hört sie kaum, wenn sie zu Hause ist und durch die Wohnung schreitet, wie eine Katze auf ihren Samtpfoten. Ich mag das, es verleiht mir Ruhe und Geborgenheit. Sie ist in meiner Nähe. Sie ist immer für mich da, fühle ich tief in mir. Und ich bin für sie da. Ich würde Carola einen Arm von mir transplantieren lassen, wenn sie einen bräuchte, so sehr liebe ich sie!

Als die Standesbeamtin bei unserer Hochzeit den Standardspruch: In guten wie in schlechten Zeiten aufsagte, hatte ich keine Vorstellung davon, was schlechte Zeiten sein könnten. Jetzt weiß ich es! Und verstehe es!

Wir hatten eine wunderschöne Hochzeitsfeier, gediegen, alle waren festlich gekleidet. Später wurde es rauschende Party. Meine ganze Familie war da, meine guten alten Freunde aus der Heimat. Ich erinnere mich jeden Tag voller positiver Emotionen daran.

Wir verbrachten jedes Wochenende miteinander. Sie zeigte mir Berlin, brachte mir Kunst und Kultur näher. Ich entwickelt großes Interesse für die Kunst, Marc Chagall wurde zu meinem Lieblingsmaler. Wir gingen Tanzen, erlebten ausgelassene Abende und besuchten Theatervorstellungen im Schlossparktheater gleich um die Ecke. Durch Carola lernte ich ganz andere Seiten im Leben kennen, die mir bis dahin verborgen geblieben waren.

Aber auch ich brachte Einflüsse in Carolas Leben, die sie vorher nicht kannte. Neben meiner Arbeit war mir Sport wichtig: Wir gingen zum Fußball. Immer wenn mein Lieblingsverein, der HSV in Berlin spielte, machten wir uns auf ins Olympiastadion. Wir besuchten auch die Handballspiele der Füchse Berlin, jubelten, schrien, feuerten an, waren ausgelassen wie tobende kleine Kinder. Wir gingen gemeinsam Joggen. Carola trainierte unter meiner Anleitung Atemtechniken und wurde eine gute Ausdauersportlerin. Sie mag es jetzt, sich auszupowern, wenn sie erschöpft vom Job nach Hause kommt.