Plötzlich tief im Wald - Amos Oz - E-Book

Plötzlich tief im Wald E-Book

Amos Oz

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Beschreibung

Nach seinem Welterfolg Eine Geschichte von Liebe und Finsternis legt der Bestsellerautor Amos Oz nun eine Geschichte für Kinder und Erwachsene vor. Plötzlich tief im Wald erzählt von Maja und ihrem Freund Matti, die beschließen, das dunkle Geheimnis ihres Heimatdorfs zu ergründen. Wie kam es, daß in einer Winternacht vor vielen Jahren alle Tiere aus dem Dorf verschwanden? Und warum liegt eine so seltsame Traurigkeit über den Bewohnern?

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Seitenzahl: 110

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Amos OzPlötzlich tief im Wald

Ein Märchen

Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler

Suhrkamp

eBook Suhrkamp Verlag 2026

Der vorliegende Text folgt der 5. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 3892

© Amos Oz 2005

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2006

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Umschlaggestaltung: hißmann, heilmann, hamburg

eISBN 978-3-518-78717-5

www.suhrkamp.de

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Für Dean, Nadav, Alon und Yael, die mir geholfen haben, diese Geschichte zu erzählen, und sie mit eigenen überraschenden Ideen und Vorschlägen bereicherten.

1

Die Lehrerin Emanuela erklärte der Klasse, wie ein Bär aussieht, wie die Fische atmen und welche Laute eine Hyäne nachts von sich gibt. Sie hängte auch Bilder von Tieren im Klassenzimmer auf. Die meisten Kinder verspotteten sie, weil sie noch nie im Leben ein Tier gesehen hatten. Die meisten Kinder glaubten ihr nicht, daß es überhaupt solche Geschöpfe auf der Welt gibt. Zumindest nicht in dieser Gegend. Und außerdem, sagten sie, habe diese Lehrerin es nicht geschafft, im ganzen Dorf irgend jemanden zu finden, der bereit gewesen sei, sie zu heiraten, und deshalb, sagten sie, sei ihr Kopf voller Füchse und Spatzen und anderer Wesen, die sich einsame Leute aus lauter Einsamkeit ausdenken.

Nur der kleine Nimi fing wegen Lehrerin Emanuelas Erklärungen an, nachts von Tieren zu träumen. Fast die ganze Klasse lachte ihn aus, als er am Morgen ankam und erzählte, wie seine warmen Schuhe vor seinem Bett sich im Dunkeln in zwei Igel verwandelt hätten und durch sein Zimmer gekrabbelt seien, aber morgens, als er die Augen aufgemacht habe, seien sie plötzlich wieder einfach ein Paar Schuhe vor seinem Bett gewesen. Ein andermal seien, so erzählte er, mitten in der Nacht schwarze Fledermäuse zu ihm gekommen, sie hätten ihn auf ihre Flügel genommen und seien mit ihm durch die Hauswand geflogen, über das Dorf und über die Berge und die Wälder hinweg, bis zu einem verzauberten Schloß.

Nimi war ein etwas zerstreuter Junge, mit einer fast immer laufenden Nase. Noch dazu hatte er einen breiten Spalt zwischen seinen vorstehenden Schneidezähnen. Diesen Spalt nannten die Kinder Müllgrube.

Jeden Morgen, wenn Nimi in die Klasse kam, erzählte er einen neuen Traum, und jeden Morgen sagten die Kinder zu ihm, genug, hör auf damit, halt endlich deine Müllgrube. Und wenn er nicht aufhörte, fingen sie an, ihn zu ärgern. Doch Nimi war nicht beleidigt, im Gegenteil, er spottete mit. Er zog die Rotze hoch und schluckte sie und nannte sich, überschäumend vor Freude, plötzlich selbst mit den schlimmsten Spottnamen, die die Kinder für ihn hatten: Müllgrube, Träumer, Igelschuh.

Maja, die Tochter von Lilja, der Bäckerin, die in der Klasse hinter ihm saß, flüsterte ihm zu: Nimi, du kannst ja träumen, was du willst, von Tieren, von Mädchen, aber bitte halt den Mund. Erzähl es nicht. Davon hast du doch nichts.

Mati sagte zu Maja: Verstehst du denn nicht? Nimi träumt seine Träume doch nur, um sie zu erzählen. Und auch wenn er morgens aufwacht, hört er nicht auf zu träumen.

Alles begeisterte Nimi, alles erheiterte ihn: die gesprungene Tasse in der Küche und der Vollmond am Himmel, die Kette der Lehrerin Emanuela und seine vorstehenden Zähne, die Knöpfe, die er vergessen hatte, zuzuknöpfen, und das Heulen des Windes im Wald, alles, was es gab, und alles, was geschah, fand Nimi lustig, über alles konnte er lachen.

Bis er dann einmal aus der Klasse und aus dem Dorf weglief und im Wald verschwand. Zwei, drei Tage lang suchten alle nach ihm. Eine Woche oder zehn Tage länger suchten ihn die Wachleute. Danach suchten ihn nur noch seine Eltern und seine Schwester.

Nach drei Wochen kam er zurück, mager und verdreckt und voller Kratzer und Wunden, aber jubelnd vor Begeisterung und Fröhlichkeit, ausgelassen wie ein junges Fohlen. Und von da an hörte der kleine Nimi nicht mehr auf zu wiehern, und er sprach auch nicht mehr. Kein einziges Wort sprach er mehr nach seiner Rückkehr aus dem Wald, rannte nur barfuß und zerlumpt durch die Gassen des Dorfes und zeigte seine Schneidezähne mit dem Spalt dazwischen, seine Nase lief, und sein rechtes Auge tränte, er streunte durch die Hinterhöfe, kletterte auf Bäume und auf Pfosten und wieherte die ganze Zeit. In die Schule konnte man ihn auf keinen Fall zurückschicken, seiner Wieherei wegen. Wenn die anderen Kinder ihn sahen, begannen auch sie zu wiehern, nur um ihn zum Wiehern zu bringen. Sie nannten ihn Nimi, das Fohlen. Der Arzt hoffte, Nimi würde mit der Zeit wieder normal werden, vielleicht habe ihn etwas im Wald sehr verstört, jetzt jedenfalls leide er an Wieheritis.

Maja sagte zu Mati: Vielleicht sollten wir, du und ich, etwas tun? Vielleicht sollten wir versuchen, ihm zu helfen? Und Mati antwortete: Laß es, Maja, bald werden sie genug davon haben. Bald werden sie Nimi und sein Wiehern vergessen.

Wenn die anderen Kinder ihn verspotteten und verjagten, wenn sie ihn mit Tannenzapfen und Nußschalen bewarfen, rannte der kleine Nimi wiehernd davon. Er kletterte auf den nächsten Baum und wieherte von oben, zwischen den Zweigen, zu ihnen hinunter, mit seinem tränenden Auge und seinen vorstehenden Schneidezähnen. Und manchmal hörte man auch mitten in der Nacht von weither das Echo seines Wieherns durch die Dunkelheit.

2

Das Dorf war grau und traurig. Um es herum waren nur Berge und Wälder, Wolken und Wind. Es gab keine anderen Dörfer in der näheren Umgebung. Gäste kamen fast nie in das Dorf, auch Durchreisende nicht. Dreißig, vierzig kleine Häuser lagen an den Hängen des Tals verstreut, das von steilen Bergen umschlossen war. Nur im Westen gab es eine schmale Öffnung, und durch diese führte der einzige Weg, der im Dorf endete und nicht weiterging, denn es gab kein Weiter: Hier hörte die Welt auf.

Ganz selten kam ein wandernder Handwerker oder Hausierer vorbei, und ab und an verirrte sich auch ein Bettler dorthin. Doch keiner blieb länger als zwei Nächte, denn das Dorf war verflucht: Eine seltsame Stille hing immer über ihm, keine Kuh muhte, kein Esel schrie, kein Vogel zwitscherte, nie flog eine Schar Wildgänse über den leeren Himmel, und auch die Menschen dort sprachen wenig miteinander, nur das Allernötigste. Allein das Rauschen des Flusses war immer zu hören, Tag und Nacht. Der Fluß stürzte wild aus den Bergwäldern herab und trennte weißschäumend das Dorf der Länge nach, er sprudelte und brodelte, sein Rauschen klang wie Schluchzen, er kam aus den Bergen und verschwand wieder in den Windungen der Täler.

3

In der Nacht war die Stille noch dumpfer und dichter als am Tag. Kein Hund hob den Kopf und bellte den Mond an, kein Fuchs heulte im Wald, kein Nachtvogel schrie, keine Grille zirpte, kein Frosch quakte, und im Morgengrauen krähte kein Hahn. Vor vielen Jahren schon waren alle Tiere aus dem Dorf und seiner Umgebung verschwunden, Kühe und Pferde und Schafe, Gänse und Katzen und Vögel, Hunde, Spinnen und Hasen. Nicht ein einziger kleiner Stieglitz war geblieben, nicht ein Fisch im Fluß. Störche und Kraniche flogen einen Umweg um das enge Tal. Auch Bienen, Fliegen, Ameisen, Würmer, Mücken und Motten hatte man dort seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Die Erwachsenen, die sich noch erinnerten, zogen es vor zu schweigen. Zu leugnen. So zu tun, als hätten sie vergessen.

Vor vielen Jahren lebten im Dorf sieben Jäger und vier Fischer. Doch als der Fluß keine Fische mehr hatte und als die wilden Tiere alle verschwunden waren, zogen auch die Fischer und die Jäger an andere Orte. Nur ein Fischer namens Almon, ein alter Mann, der zurückgezogen lebte, war im Dorf geblieben. Er wohnte in einer kleinen Hütte am Fluß und sprach zornig mit sich selbst, wenn er sich aus Kartoffeln eine Suppe kochte. Die Dorfbewohner nannten ihn noch immer Almon, den Fischer, obwohl er längst von einem Fischer zu einem Ackerbauern geworden war. Tagsüber zog Almon Gemüse und eßbare Wurzeln in sandigen Beeten. Er hatte sogar eine kleine Vogelscheuche zwischen seinen Beeten aufgestellt, denn er glaubte daran, daß eines Nachts alle Vögel zurückkehren würden und mit ihnen alle anderen verschwundenen Tiere. Auch mit dieser Vogelscheuche sprach Almon manchmal lange und zornig, beschimpfte sie, schrie sie an, ließ sie enttäuscht stehen, kam wieder zurück, mit einem alten Stuhl, setzte sich zu ihr und versuchte mit unendlicher Geduld, sie von seinen Ansichten zu überzeugen oder wenigstens ihre sturen Standpunkte ein bißchen zu ändern.

An schönen Tagen brachte Almon, der Fischer, gegen Abend oft seinen Stuhl zum Flußufer, setzte seine Brille auf, die ihm über die Nase fast bis zu seinem dichten weißen Schnurrbart rutschte, und las Bücher. Oder er saß da und schrieb in sein Heft, schrieb und radierte Zeile um Zeile, und dabei murmelte er vor sich hin, begründete und widerlegte, stritt mit sich selbst. Mit den Jahren hatte er gelernt, nachts, beim Licht der Lampe, Tiere aus Holz zu schnitzen, auch alle möglichen Geschöpfe, die seiner Phantasie oder seinen Träumen entsprangen. Er verschenkte sie an die Kinder im Dorf: Mati bekam eine Katze aus Tannenzapfen mit kleinen, aus Nußbaumrinde geschnitzten Kätzchen, der kleine Nimi ein Eichhörnchen und Maja zwei Kraniche mit gestreckten Hälsen und ausgebreiteten Flügeln.

Wegen dieser Figuren und wegen der Bilder, die die Lehrerin Emanuela auf die Tafel malte, wußten die Kinder, wie ein Hund aussieht, eine Katze, ein Schmetterling, ein Fisch, ein Küken, ein Zicklein, ein Kalb. Die Lehrerin Emanuela brachte ihnen auch bei, Tierstimmen nachzumachen, Stimmen, an die sich die Erwachsenen im Dorf noch aus ihrer Kindheit erinnerten, aus der Zeit, bevor die Tiere verschwunden waren, die die Kinder aber noch nie gehört hatten.

Maja und Mati wußten etwas, was sie nicht wissen durften, oder sie wußten es fast. Und beide sahen sich sehr vor, damit niemand Verdacht schöpfte, daß sie vielleicht etwas wußten oder fast wußten. Manchmal trafen sie sich heimlich hinter einem verlassenen Stall, flüsterten eine Viertelstunde miteinander und gingen auf verschiedenen Wegen wieder nach Hause. Unter all den Erwachsenen im Dorf gab es nur einen, den sie vielleicht ins Vertrauen ziehen konnten. Oder auch nicht. Mati und Maja hatten sich schon ein paarmal vorgenommen, ihr Geheimnis Danir zu erzählen, dem jungen Dachdecker, der manchmal, wenn er sich mit seinen Freunden gegen Abend auf dem Dorfplatz traf, laut über Dinge lachte, von denen die Kinder nichts wissen durften. Und wenn er mit seinen Freunden Wein trank, sprach er auch zuweilen im Scherz davon, daß er ein Pferd, eine Ziege oder einen Hund aus einem der Dörfer weit unten im Tal holen wolle.

Was würde geschehen, wenn sie ihr Geheimnis Danir, dem Dachdecker, offenbaren würden? Oder sollten sie es doch lieber dem alten Almon erzählen? Und was wäre, wenn sie beide es eines Tages wagen würden, in den dunklen Wald zu gehen, um herauszufinden, ob ihr Geheimnis wahr war oder vielleicht doch nur Einbildung, ein Traum, der vielleicht zu Nimi, dem Fohlen, paßte, aber nicht zu ihnen?

Inzwischen warteten sie, ohne zu wissen, worauf sie eigentlich warteten. Eines Abends faßte sich Mati ein Herz und fragte seinen Vater, warum alle Tiere aus dem Dorf verschwunden seien. Der Vater antwortete nicht gleich. Er stand von der Küchenbank auf, ging ein paar Minuten lang hin und her, dann blieb er stehen und faßte Mati an den Schultern. Doch er schaute seinen Sohn nicht an, sondern richtete seinen Blick auf eine dunkle Stelle über der Tür, wo der Verputz feucht geworden war. Dann sagte er: Also, Mati, es ist so. Hier sind einmal alle möglichen Dinge geschehen. Dinge, auf die wir nicht stolz sein können. Aber nicht jeder ist schuldig. Und bestimmt sind wir nicht alle gleichermaßen schuldig. Außerdem, wer bist du, daß du über uns richten könntest? Du bist noch klein. Du hast kein Recht, über uns Erwachsene zu richten. Und wer hat dir überhaupt erzählt, daß es hier einmal Tiere gab? Vielleicht gab es sie. Vielleicht aber gab es sie nie. Es ist so viel Zeit vergangen. Wir haben es vergessen, Mati. Wir haben es vergessen, das ist alles. Laß es. Wer hat schon die Kraft, sich zu erinnern? Jetzt geh und hole ein paar Kartoffeln aus dem Keller, und hör auf zu fragen.

Und bevor Matis Vater plötzlich die Küche verließ, fügte er noch hinzu: Hör mal, wir treffen jetzt ein Abkommen, du und ich, nämlich daß es dieses Gespräch nie gegeben hat, ja? Daß wir überhaupt nie darüber gesprochen haben, ja?