Sumchi - Amos Oz - E-Book

Sumchi E-Book

Amos Oz

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Beschreibung

Diese Geschichte über »Liebe und Abenteuer« ist Amos Oz' eigene. Sie spielt an einem Sommertag in Jerusalem im Jahr 1947. Alles beginnt damit, daß Sumchi, der elfjährige Held und Ich-Erzähler, ein Fahrrad geschenkt bekommt. »Einmal bekam ich ein Fahrrad geschenkt und tauschte es gegen eine Eisenbahn, für die ich einen Hund bekam, an dessen Stelle ich dann einen Spitzer fand, den ich gegen Liebe hergab. Doch auch das ist nicht die volle Wahrheit, denn die Liebe gab es die ganze Zeit, schon bevor ich meinen Spitzer herschenkte ...« Eine Hans-im-Glück-Geschichte also und eine Liebesgeschichte erzählt Oz, eine Geschichte von der Sehnsucht und vom Erwachsenwerden, von Veränderungen und vom Leben, das weitergeht – auch nach dem Ende der Liebe zwischen Sumchi und Sumchis Klassenkameradin Esthi.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 76

Veröffentlichungsjahr: 2026

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SV

Band 1347 der Bibliothek Suhrkamp

Amos Oz Sumchi

Eine wahre Geschichte über Liebe und Abenteuer Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler

Suhrkamp Verlag

Titel der 1978 in Tel Aviv erschienenen Originalausgabe: Sumchi

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2026

Der vorliegende Text folgt der 2. Auflage der Ausgabe des Bandes Bibliothek Suhrkamp 1347

© Amos Oz 1978

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2001, 2025

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Umschlaggestaltung: Willy Fleckhaus

eISBN 978-3-518-78726-7

www.suhrkamp.de

Inhalt

Einleitung Über Veränderungen

1 So erblühte die Liebe

2 Ein große, edle Seele

3 »Wer wird zum Berg Gottes hinaufsteigen?«

4 Geld oder Leben

5 Zur Hölle mit allem

6 Jetzt ist alles aus

7 Eine Nacht der Liebe

Schlußwort Ende gut, alles gut

Sumchi

Für Fania, Galia und Daniel

Einleitung Über Veränderungen

In dieser Einleitung stehen ein paar Dinge, die ich für nicht ganz uninteressant halte: ein paar Erinnerungen, Vergleiche und Schlußfolgerungen. Man kann sie aber auch überspringen und sofort zum ersten Kapitel weiterblättern, wo meine Geschichte dann wirklich beginnt.

Alles wechselt. Die meisten meiner Freunde und die meisten meiner Bekannten wechseln zum Beispiel in gewissen Abständen die Wohnung, wechseln einen freundlichen Gruß, wechseln vom Fahrrad zum Motorrad und vom Motorrad zum Auto, wechseln Vorhänge und Arbeitsplätze, wechseln Briefe, Ansichten und Ideen, und manchmal wechseln sie sogar ein Lächeln. In Scha’arei Chesed, einem Viertel von Jerusalem, lebte einmal ein Kassierer, der in einem Monat das Haus und die Frau wechselte, dazu wechselte er sein Aussehen (er ließ sich einen roten Bart wachsen und lange Koteletten, die waren ebenfalls rot), er wechselte den Vor- und den Familiennamen sowie seine Eß- und Schlafgewohnheiten; kurz gesagt, er wechselte alles. Eines schönen Tages wechselte dieser Kassierer sogar den Beruf und wurde Trommler in einem Nachtklub. (Genaugenommen handelte es sich dabei nicht um ein wirkliches Wechseln, sondern es war eher so, wie wenn man die Hand in einen Strumpf schiebt und ihn von innen nach außen wendet: ein Wenden und kein Wechseln.)

Übrigens, während wir hier noch reden und philosophieren, wechselt die Welt um uns herum ihr Aussehen:

Noch ist blauer, durchsichtiger Sommer, noch ist es heiß, und der Himmel brennt über uns, und doch kann man abends schon eine gewisse Kühle spüren. In der Nacht kommt Wind auf und bringt den Duft von Wolken. Und siehe da, die Blätter werden langsam rot oder dunkelbraun, das Meer ist etwas blauer als vorher, die Erde ein bißchen brauner, und sogar die fernen Berge sehen noch ferner aus.

Es wechselt eben einfach alles.

Als ich, sagen wir, elf Jahre und zwei Monate alt war, passierten mir einmal vier oder fünf Wechselfälle an einem einzigen Tag.

Man könnte die Geschichte, die nun folgt, mit Onkel Zemach oder mit Esthi anfangen. Ich fange sie mit Esthi an.

1 So erblühte die Liebe

In diesem Kapitel werden endlich ein paar private Dinge offenbart, die bis heute ein gut gehütetes Geheimnis waren. Es geht um Liebe und andere Gefühle.

Bei uns in der Secharjastraße wohnte ein Mädchen mit Namen Esthi. Ich liebte sie. Morgens am Frühstückstisch, mit einem Bissen Brot im Mund, sagte ich leise zu mir: »Esthi.«

Daraufhin sagte mein Vater laut: »Man kaut nicht mit offenem Mund.«

Und abends sagten sie über mich: »Dieser verrückte Junge hat sich schon wieder im Badezimmer eingeschlossen und spielt mit dem Wasser.«

Dabei spielte ich gar nicht mit dem Wasser. Ich ließ nur das Waschbecken vollaufen und schrieb mit dem Finger ihren Namen in die Wellen. Manchmal träumte ich nachts, daß Esthi plötzlich auf der Straße mit dem Finger auf mich deutet und »Dieb! Dieb!« schreit. Ich erschrecke und renne weg, und sie rennt mir nach, alle rennen mir nach, Bar-Kochba Sochobolski und Go’el Germanski und Aldo und Eli Weingarten, alle. Die Verfolgungsjagd geht über leere Grundstücke und Höfe, über Zäune und Schrottplätze, durch Ruinen und enge Gassen. Meine Verfolger werden müde und geben allmählich auf, nur Esthi rennt weiter hinter mir her. Schließlich rennen nur noch wir beide und kommen fast gleichzeitig zu irgendeinem abgelegenen Platz, zu einem Schuppen voller Bretter oder zu einer Waschküche auf einem Dach oder zu einem dunklen, dreieckigen Verschlag unter einer Treppe in einem fremden Haus. An dieser Stelle wurde der Traum zugleich süß und schrecklich – dann wachte ich auf und weinte manchmal fast vor Scham. Zwei Liebesgedichte hatte ich schon in das schwarze Notizbuch geschrieben, das mir dann im Wald von Tel-Arsa abhanden kam, und vielleicht ist es gut, daß das passierte.

Und was wußte Esthi?

Esthi wußte gar nichts. Oder sie wußte es und wunderte sich.

Zum Beispiel: Einmal meldete ich mich in der Geographiestunde, und als ich aufgerufen wurde, erklärte ich laut und deutlich: »Der Chula-See wird auch Sumchi genannt.«

Aus irgendeinem Grund brach die ganze Klasse in brüllendes Gelächter aus. Laut Lexikon hatte ich die Wahrheit gesagt, die reine Wahrheit, und trotzdem geriet unser Lehrer, Herr Schitrit, für einen Moment in Verwirrung und fuhr mich ungeduldig an: »Und kannst du bitte auch erklären, warum?«

Die Klasse war schon außer Rand und Band, und von allen Seiten wurde gerufen und geschrien: »Sumchi, erkläre Sumchi, Sumchi, erkläre Sumchi!«

Herr Schitrit schwoll an, wurde rot und brüllte, wie es seine Art war: »Still! Alles ruhig!«

Er brüllte auch: »Das Fleisch möge schweigen!«

Und dann: »Die Hunde sollen aufhören zu hecheln!«

Nach fünf Minuten hatte sich die Klasse wieder beruhigt, aber ich blieb von da an Sumchi, fast bis zum Ende der achten Klasse. Das habe ich jetzt ohne Hintergedanken erzählt, nur um auf einen wichtigen Punkt zu kommen: auf den Zettel, den Esthi mir damals am Ende der Stunde schickte. Auf dem Zettel stand:

»Spinner! Warum mußt du immer Sachen sagen, die dir Schwierigkeiten machen? Hör doch auf damit!«

Der Zettel war zusammengefaltet, und unten war ein Rand umgeknickt, darunter stand in viel kleineren Buchstaben: »Aber das macht nichts. E.«

Also, was wußte Esthi?

Esthi wußte nichts; oder sie wußte es und wunderte sich. Mir kam es jedenfalls nicht in den Sinn, einen Brief in ihrem Ranzen zu verstecken, wie es Eli Weingarten bei Nurit getan hatte; oder Ra’anana, die Heiratsvermittlerin in unserer Klasse, zu Esthi zu schicken, wie es Tarzan Bamberger getan hatte, übrigens ebenfalls bei Nurit.

Im Gegenteil: Ich zog Esthi bei jeder Gelegenheit an den Zöpfen. Und den wunderbaren weißen Pullover, den sie in jenem Frühling trug, klebte ich immer wieder mit einem gut durchgekauten Kaugummi an ihrer Stuhllehne fest.

Warum machte ich solche Sachen?

Nur so. Um es ihr zu zeigen. Warum auch nicht?

Und ihre dünnen Arme bog ich ihr hinter den Rükken, fast so fest, wie ich konnte, bis sie anfing, mich zu kratzen und zu beschimpfen.

Um Gnade bettelte sie aber nie. Das alles tat ich

Esthi an, und noch Schlimmeres: Ich war es, der für sie den Spitznamen »Clementine« erfand. (Es gab damals ein englisches Lied, das in Jerusalem viel gesungen wurde, von den Soldaten der englischen Garnison jedenfalls, und das ging so: »Oh my darling, oh my darling, oh my daaar-ling Clementine!«) Besonders die Mädchen aus unserer Klasse waren begeistert, und sogar nach dem halben Jahr, als alles vorbei war, an Chanukka, wurde Esthi bei uns noch Tina genannt, und Tina kam von Clementina, und das wiederum von meinem Clementine.

Und Esthi?

Sie fand für mich nur ein Wort, und das rief sie mir schon morgens zu, als allererstes, noch bevor ich überhaupt Gelegenheit hatte, sie zu ärgern:

»Ekel!«

Oder auch: »Ekelhafter Kerl!«

Zwei-, dreimal tat ich Esthi in der großen Pause weh, bis sie weinte. Dafür wurde ich von Chemda, unserer Lehrerin, empfindlich bestraft, was ich mit zusammengepreßten Lippen ertrug, wie ein Mann.

Und so erblühte diese Liebe ganz ohne äußere Anzeichen, bis nach Schawu’ot. Esthi weinte meinetwegen in der großen Pause, und ich ihretwegen am Abend.

2 Eine große, edle Seele

Onkel Zemach geht diesmal zu weit, und ich mache mich auf zu einer Expedition zu den Quellen des Flusses Sambesi (auf dem afrikanischen Kontinent).

An Schawu’ot kam mein Onkel Zemach aus Tel-Aviv und brachte mir als Geschenk ein Fahrrad mit.

Mein Geburtstag war zwar schon zwischen Pessach und Lag ba-Omer gewesen, aber für Onkel Zemach waren sowieso alle Feste gleich viel wert, außer Tu be-Schwat, ein Fest, zu dem er eine außerordentlich respektvolle Beziehung hatte. Er sagte immer: »An Chanukka lernen alle Kinder Israels, die bösen Griechen zu hassen, und an Purim hassen sie die Perser. An Pessach hassen wir die Ägypter und an Lag ba-Omer die Römer. Am 1. Mai finden Demonstrationen gegen die Engländer statt, am 9. Aw fasten wir gegen Babylon, und am 11. Adar müssen wir uns in alle Ewigkeit daran erinnern, was die Araber Trumpeldor und seinen Freunden am Tel-Chai angetan haben. Nur an Tu be-Schwat haben wir mit niemandem gekämpft und nichts erlitten.