Porträt der Psychopathin als junge Frau - Edward Lee - E-Book

Porträt der Psychopathin als junge Frau E-Book

Edward Lee

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Beschreibung

Eine Journalistin und eine Serienmörderin auf Kollisionskurs – von ihrer erschreckenden Verbindung ahnen die beiden nichts. Sie fesselt ihre Opfer ans Bett, klebt ihnen die Augen zu, zersticht ihre Trommelfelle und näht die Lippen zusammen. Dann trennt sie ihnen die Glieder ab. Nun hören und sehen sie nichts mehr. Sie können nicht mehr schreien oder sich bewegen. Aber sie sind noch fähig zu fühlen. Und mit ihren Skalpellen, den Nadeln und der Knochensäge, gibt die junge Frau ihnen eine Menge zu fühlen … Solche Folterungen kann sich niemand vorstellen – außer der berüchtigte Kultautor Edward Lee. Mitautorin Elizabeth Steffen verrät nicht viel über sich: Sie arbeitet im Polizeidienst der USA und ist Expertin in der Analyse von Serienkillern. Andrew Harper: 'So hätte American Psycho sein sollen.' Richard Laymon: 'Edward Lee – das ist literarische Körperverletzung!' Edward Lee ist der führende Autor des Extreme Horror. Seine Werke enthalten überzogene Darstellungen von sexueller Gewalt. Wer so etwas nicht mag, sollte die Finger davon lassen. Für Fans dagegen ist Edward Lee ein literarisches Genie. Er schreibt originell, verstörend und gewagt – seine Bücher sind ein echtes, aber schmutziges Erlebnis.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 529

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Aus dem Amerikanischen von Jochen Herlitz

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe Portrait of the Psychopath as a Young Woman erschien 1998 im Verlag Necro Publications.

Copyright © 1998 by Edward Lee und Elizabeth Steffen

1. Auflage Februar 2016

Copyright © dieser Ausgabe 2016 by Festa Verlag, Leipzig

Titelbild: Arndt Drechsler

Lektorat: Simona Turini

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-417-1

www.Festa-Verlag.de

DANKSAGUNGEN

Obwohl sie vielen etwas schulden, möchten die Autoren den Folgenden ausdrücklich danken: Tony Arismendi, Police Chief Lawrence Donahoe, Officer Bob Elliot, Steve Emmett, Dr. Ronald T. Greene, Jr., Eugene Kaili, R. K., Dr. Harold Lerhman, Tim McGinnis, John Pelan, Officer Ed Snydicker und dem 19. März 1983.

WIDMUNG

Für LS – für genutzte Chancen und

verpasste Möglichkeiten.

Und für Matt Schwartz.

Kapitel 1

(I)

Ein Bild blitzte auf. Die Katzenuhr.

tick-tick-tick-tick

Und ungebetene Worte in ihrem Kopf: Es ist Schlafenszeit, Kathy.

Sie runzelte die Stirn, blinzelte die Gedanken fort und zündete ihre stündliche Zigarette an …

Der Gedanke kam völlig automatisch. Wie immer. Die Post ist da, dachte Kathleen Shade. Jeden Tag schien sie die Ankunft des plumpen, unförmigen, weißen Wagens zu spüren. War es eine Vorahnung? Mir juckt der Daumen schon, dachte sie, Shakespeare zitierend. Normalerweise hätte sie gelacht, aber über die Post lachte sie niemals. Die Post war für sie das einzige Drehkreuz zu der Welt, der terra incognita da draußen.

Die Welt schien ihr weit entfernt. Sie stählte ihr Einssein, hob sie in leuchtende, brüchige Dunkelheit. Das Postauto und sein einzigartiger Klang – die Art, wie seine Bremsen quietschten, das Grollen seines Auspuffs – sprachen sie auf eine lüsterne Weise an. Das ehrliche Verlangen, sich selbst zu berühren, zur wohltuenden und doch falschen Sinnesempfindung. Niemals bis zum Höhepunkt. Nur des Gefühls wegen.

Das Verlangen hatte sich ihr in diesen Tagen entzogen. Seltsame Gegenüberstellung, befand sie. Die Post und vorausgehende Masturbation.

Sie hatte an ihrer Kolumne Urteil gearbeitet.

Liebe Kathleen,

mein Freund, mit dem ich seit drei Jahren zusammenlebe, hat vor Kurzem vorgeschlagen, dass wir »tauschen« sollten. Es war bei einer Betriebsfeier. Ich wusste nicht, was er meinte, bis es mir ein Bekannter erklärt hat. Er wollte, dass wir einen Partnertausch mit meinem Boss und seiner Frau machen! Als ich mich geweigert habe, hat er (mein Freund) mich zur Seite genommen und gemeint, es wäre gut für meine Karriere! Ist das zu fassen? Ich liebe meinen Freund wirklich, aber dieser Vorschlag hat mich geschockt. Was soll ich tun?

Kathleen tippte ihre Antwort:

Liebe Geschockte,

jeder Mann, der meint, »tauschen« zu müssen, beweist einfach wieder einmal seine männliche sexuelle Mangelhaftigkeit. Er beleidigt nicht nur deine Liebe zu ihm, sondern er beleidigt sich selbst, da er keinerlei Sinn für Prioritäten beweist. Und mit der weiteren Nötigung, d. h., mit seiner Idee, dass ein Partnertausch deine Karriere befördern würde, äußert er eine noch unverzeihlichere Geringschätzung – die traditionelle männliche, hinterlistige Rechtfertigung: das Streben nach seinem eigenen Lustgewinn als Ausrede. Somit beweist dein Freund seine äußerste Unwürdigkeit. Er ist selbstsüchtig, unreif, und er verdreht die Wahrheit.

Schmeiß ihn raus.

So. Kurz und knackig. Kathleens Urteil-Kolumne war ein Hit. Sie hatte sich bei der Bewerbung kaum angestrengt, nur ihr Soziologie-Diplom und ein paar Proben veröffentlichter Arbeiten vorgelegt. »Uns gefällt Ihr Biss«, hatte ihr der leitende Redakteur gesagt. Außerdem hatte das Unterrichten sie gelangweilt. Obwohl sie mit den 600 Dollar, die sie monatlich bei ’90s Woman verdiente, nicht alle Rechnungen bezahlen konnte, gab es ihr das Gefühl, dass sie etwas tat. Zudem fühlte sie sich … wie?

Mit etwas verbunden.

Einen Moment später wandte sie sich dem nächsten Brief zu (sie erhielt Dutzende jede Woche), als der Gedanke sich meldete: Die Post. Sie könnte sogar ein Nickerchen halten und würde aufwachen, sobald die Post da war. Ein Mann, mit dem sie sich vor Jahren mal getroffen hatte, hatte ihr gesagt: »Alle Frauen sind übersinnlich.« Ich glaube, darum wusste ich, dass du ein Arsch bist, bevor wir uns überhaupt getroffen haben, dachte sie nun. Als sie ihn erwischt hatte, wie er anderweitig herumvögelte, hatte er sich gerechtfertigt: »Du hast mir keine Wahl gelassen.«

Sie verdrängte diese Erinnerung. Die Post, die Post, dachte sie. In einer abgeschnittenen Jeans, einem Bud-Burma-Herren-Longsleeve und barfüßig ging sie los, um die hoch wichtige Post zu empfangen. Kein Scheck diese Woche, weiß Gott konnte sie das Geld gebrauchen. Zumindest sprang ihr Vater ein. Weil er mich liebt? Oder wegen der Schuld? Es war kaum von Bedeutung. »Ich bin sehr stolz auf dich«, hatte er gesagt, als sie Urteil bekommen hatte. »Deine Mutter wäre es auch.« Was ist mit Onkel Sammy?, wollte sie fragen. Glaubst du, dass er auch stolz auf mich wäre? Soll ich ihm das Magazin ins Gefängnis schicken?

Sie öffnete die Vordertür und spähte hinaus. Washington, D.C., hatte einen bestimmten Geruch, egal wo man wohnte. Er wehte das Treppenhaus hinauf. Der Flur war leer. Ich hatte seit einem Jahr keinen Sex, dachte sie. Aber warum dachte sie das? Und warum jetzt? Sex gab ihr oft das Gefühl völliger Einsamkeit, ließ sie sich ungewollt fühlen, was für sie nie Sinn ergab. Was konnte ihr mehr beweisen, dass sie begehrt wurde, als ein erigierter Penis? Manchmal grinste sie, wenn sie sah, wie im Georgetownpark Verliebte Händchen hielten oder wie sich ein Pärchen in der Öffentlichkeit küsste. Ihre Nachbarn machten sie wütend, ihre Leidenschaft dröhnte durch die Wand. Mr. und Mrs. Bettfeder. Hört auf zu ficken!, hätte sie am liebsten jede Nacht die Wand angebrüllt.

Die Post. Warum kam sie ihr heute so wichtig vor? Sie wisperte ihr falsche Versprechen zu, so wie Onkel Sammy, und so wie viele der Männer, mit denen sie geschlafen hatte. »Ich steige hinauf zu dem gleißenden Licht«, flüsterte sie und ging die Treppe hinunter. Ein Stiefel hob sich in den sonnendurchfluteten Eingang – der Postbote. Vor der Grelle und den in der Hitze flirrenden Autos sah es aus wie ein Fuß, der die Hölle betrat.

Durch die Feuchtigkeit im August fühlte sie sich blass und trocken. Sie nahm ihre Post aus der Reihe grauer Kästen und ging zurück nach oben. Als sie die Treppe hinaufging, hatte sie den Eindruck, hinabzusteigen. Seit sie vor drei Jahren 30 geworden war, fühlte sie sich von einem Netz aus Widersprüchlichkeiten erstickt: Sie fühlte sich kühl in der Hitze, sie fühlte sich hell in äußerster Dunkelheit. Ich bin sonderbar, dachte sie.

Und manchmal tat sie sonderbare Dinge. So aß sie tagelang nur Erdnussbutter oder betrachtete den Spiegel-Katalog verkehrtherum, um zu sehen, wie lustig die Gesichter dann aussahen. In der Wohnung trug sie selten Kleidung. Die Nacktheit bot ihr eine alles umfassende Realität. Sie schaute nackt fern. Sie las, putzte, aß und machte die Wäsche – und schrieb selbst ihre Kolumne – nackt. Warum sollte man drinnen Kleidung tragen?, überlegte sie. Niemand sieht es.

Wer will das denn sehen, Dickerchen?, bohrte eine dunkle Stimme. Sie beharrte darauf, fett zu sein, obwohl sie das tatsächlich nicht war. Sie könnte es vertragen, zehn Pfund abzunehmen (15 wären vielleicht noch besser), aber richtig dick war sie nicht. Der Psychiaterin zufolge, die abends im Radio kam, befand sich Kathleen in einem »Kontinuum negativen Selbstkonzepts«. Sie hatte eine schlechte Meinung von sich. Laut der Seelenklempnerin lag alles an ihrer Kindheit. Konstanz-Hypothese seit Gebärmutteraustritt. Reaktivität auf das Geschlechtsbewusstsein. Angeborene Impressionen während der Entwicklungsjahre. Onkel Sammy hatte damit wahrscheinlich auch viel zu tun.

Sie trug ihre Selbsttäuschungen wie einen Wintermantel, der sie in Widersprüche einhüllte. Ich bin eine unsozialisierte Soziologin. Gelegentlich kam sie sich verlogen vor. Urteil forderte von ihr geschickte soziologische Interpretationen und Lösungen für die Liebeszwickmühlen ihrer Leserinnen. Die Kolumne beförderte sie zu einer Liebesexpertin, obwohl sie niemals verliebt gewesen war. Sie nahm an, dass sie Männer geliebt hatte, aber das war nicht dasselbe. Wenn die nur wüssten!, dachte sie. Gott. Die Weiblichkeit, die ihre Kolumne verherrlichte, fühlte sich für sie oft wie ein Fluch an. Sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Sie wusste noch nicht einmal, was das war …

Sie verschloss die Tür. Sie trug die Post in die Küche. Rechnung von AT & T, Rechnung von WG & E, eine Rechnung von MasterCard. Abonnementverlängerung für Cosmopolitan. Abonnementverlängerung für Allure. Und die wöchentliche Sammelsendung von ihrem Herausgeber. Die Leser schickten ihre Probleme ans Magazin und das Magazin sendete sie an sie weiter. Mehrere Dutzend Umschläge quollen heraus, die meisten im Standardformat. Einer der Umschläge war etwas größer …

Der Krampf schoss in ihre Lenden. Scheiße!, dachte sie. Ihre Periode erwischte sie stets wie der Schuss eines Scharfschützen. Die Menstruation kotzte sie an, es war nicht gerecht. Wenn Frauen aus ihren Vaginen bluten mussten, sollten Männer aus ihren Penissen bluten. Das Blut tröpfelte. Als sie sich jedoch auf den Weg ins Bad machen wollte, blieb sie unbeweglich stehen.

Sie starrte den großen Umschlag an. Es war ein Manila-Umschlag. Ihr Name und die Adresse des Magazins waren fein säuberlich auf einen weißen Adressaufkleber getippt. Kathleen öffnete ihn, zuckte unter dem anhaltenden Krampf zusammen.

Als Erstes fand sie eine Karteikarte, auf der getippt stand:

LIEBE MS. SHADE,

SIE SIND EINE GROSSARTIGE FRAU. DEMNÄCHST WERDE ICH IHNEN MEINE GESCHICHTE ZUSENDEN. BETRACHTEN SIE ES ALS EIN ANGEBOT. ES IST EINE SEHR WICHTIGE GESCHICHTE.

MÖCHTEN SIE MEINE GESCHICHTE BRINGEN?

Kathleen legte die Stirn in Falten. Auf dem Umschlag war keine Rücksendeadresse angegeben. Welche Geschichte?, fragte sie sich.

Ihre Finger forschten weiter.

Es war noch etwas darin.

Ein in Plastikfolie eingewickeltes Päckchen. Unwillkürlich dachte sie an Drogen. Man wickelte Drogen in Folie ein, oder? Kathleen hatte selbst nie Drogen probiert. Zu gruselig. Sie hatte auch nie Gras geraucht, weil sie gehört hatte, dass es den Appetit steigerte. Sie dachte an ihre Tage auf dem College, wo die Kids in Folie verpacktes Haschisch und LSD-Tabletten mit ins Wohnheim gebracht hatten.

Die Neugier pulsierte wie der Krampf. Sie öffnete das Päckchen auf der Arbeitsplatte in der Küche und zog die Folie ab.

Zunächst schien es nicht das zu sein, was es eindeutig war. Es sah flachgedrückt aus, wie ein Stück rohe Hühnerhaut. Kathleen hätte schwören können, dass ihr Herz eine volle Minute aussetzte. Dann rief sie die Polizei.

(II)

Fleisch – wunderschön, glänzend – umhüllt von Blut.

Es ist das Bild, nach dem sie giert.

Es ist die Wahrheit hinter dem Bild.

Und Das Kreuz.

Sie erinnert sich an die anderen und seufzt.

Sie erinnert sich an Das Kreuz.

Es ist eine Vorahnung, die Haut vor Blut glänzen zu sehen.

Durch das Amobarbital sind sie stets ohnmächtig.

Ich hoffe, du mochtest die Rückenmassage, denkt sie. Ich kann gut Rücken massieren, oder?

In dieser schwerfälligen Bewusstlosigkeit sieht sein Gesicht kindlich aus.

Es ist ein Wunder. Sein Schädel scheint unter dem Gesicht zu glühen.

Schädel bedeuten Tod, sagt ihre Mutter.

Sie klebt seine Augen mit Sekundenkleber zu.

Anmutig zerreißt sie seine Trommelfelle mit einer Skeele-1,75-Millimeter-Biopsie-Kürette.

Mit einem hübschen, violettfarbenen Faden und einer Ethicon-FS-3-Radialnadel näht sie seine Lippen zusammen.

Ihr gefällt das.

Fragen küssen sie, sie lecken sie.

Es sind sehr erotische Fragen.

Was denken sie, wenn sie aufwachen?

Was geht in ihren Köpfen vor?

Sie können nichts sehen, sie können nichts hören. Sie können nicht sprechen. Sie können sich noch nicht einmal bewegen.

Doch sie können spüren.

Sie gibt ihnen stets eine Menge zu spüren.

Da ist er.

»Du bist wieder da«, sagt sie.

Sie liebkost seinen Penis.

»Ich kann gut Rücken massieren, oder?«, fragt sie. Nicht dass er die Frage hören könnte, oh nein, nicht mit den durchstoßenen Trommelfellen.

»Ich lüge nie. Ich habe dir gesagt, dass ich gut massieren kann.«

Sie stellt sich seinen Horror vor: taub, stumm, blind, unbeweglich. Diese Vorstellung macht sie an, lässt sie voller Vorfreude lächeln, lässt ihre perfekten Nippel anschwellen und es zwischen ihren Beinen glühen. Bald rütteln seine Handgelenke und Knöchel an den Manschetten, Peerless Modell 26. Ein lieblicher, erfrischender Klang, dieses scharfe metallische Klack Klack Klack!

Und noch entzückender: die Art, wie sich sein Gesicht in die Länge verzerrt; der Versuch, die Augen zu öffnen; der Versuch, den Mund zu öffnen, und die verzweifelten, gurgelnden Geräusche aus seiner Kehle. »Was meinst du?« Sie reibt seinen zitternden Bauch. »Was geht in deinem Kopf vor?«

Sie bearbeitet ihn für eine lange, lange Zeit.

Er entgleitet ihr immer wieder, aber die Injektionen bringen ihn zurück.

»Schädel bedeuten Tod«, sagt sie sachlich.

Die gezackte Bruns-Gipsschere. Genau genommen ist es eine etwa 23 Zentimeter lange, abgewinkelte, rostfreie Schere, wie man sie zum Aufschneiden von Gipsverbänden verwendet. Die Version von Miltex kostet 52,50 Dollar pro Paar, aber es ist nicht so, dass sie sie hatte kaufen müssen. »Kein Gips heute«, sagt sie.

Die Schere öffnet sich.

Er ist noch am Leben.

Die Schere schließt sich.

»Jetzt.«

Seine Hüften beben.

Das eingesperrte Gebrüll wütet in seiner Kehle.

»Hat sich das gut angefühlt?«

Zu ihrer Linken ist Das Seelenkästchen.

Zu ihrer Rechten ist Das Fenster.

Im Fenster sieht sie Das Kreuz, in weißem Licht.

Sie lächelt.

Ihre OP-Handschuhe sind nun wunderschön rot.

Sein Blut ist auf ihr, es fühlt sich reizend, heiß, exotisch an.

Und da ist das Bild, auf das sie gewartet hat: ihn zu sehen, wie er in seiner eigenen zähflüssigen, nassen Schönheit erstrahlt.

Sie lässt ihn sich etwas beruhigen.

Sie betrachtet, was sie getan hat.

Sie betrachtet ihre glitschigen, roten Hände.

Sie hofft, dass Kathleen Shade ihre Geschichte bringen wird.

Die Clay-Adams-Präpariernadel ist ein etwa 45 Zentimeter langer, rostfreier Metallstab, mit dem man bei einer Autopsie die Organe beiseiteschieben kann.

Er zuckt benommen.

Er lebt immer noch.

Sie führt die Clay-Adams-Präpariernadel in sein linkes Nasenloch ein und mit der Handfläche drückt sie die abgerundete Stahlspitze tief in sein …

Mutter! Mutter!, denkt sie.

… sein Gehirn.

Kapitel 2

(I)

»Schwuchtel.«

Spence stand vor dem Spiegel in der Toilette der Zentrale. Er zog seine Krawatte zurecht, als er den Blick zu der Person wandte, die soeben eintrat.

Irgendein Lieutenant aus der Abteilung Vier, Betäubungsmittel; Spence konnte ihm keinen Namen zuordnen.

»Was hast du gesagt?«, fragte Spence.

»Ich sagte, du bist ’ne Schwuchtel. Mach die Krawatte schön gerade. Willst dich wohl für die Jungs hübsch machen.«

Spence war mit dem Schlips fertig. »Was ist dein Problem, Mann? Was ist los? Du kennst mich doch nicht mal.«

D4 starrte zurück. »Ein Police Department ist kein Ort für Homos.«

Ruhig und entschlossen rammte Spence dem LT die Faust so hart gegen den Mund, dass es in dem gekachelten Raum widerhallte und es klang, als klatschten fünf Pfund rohes Filet auf den Boden. Ebenfalls zu Boden ging der D4-Lieutenant. Mit verdrehten Augen schlug er hart auf.

Spence beugte sich über ihn, um die Sache abzuschließen, als sein Beeper losging. Er packte D4 am Kragen und schüttelte ihn ordentlich.

»Hör zu, Arschloch. Der einzige Grund, warum ich dich nicht die Toilette runterspüle, ist, dass ich angepiept wurde. Aber lauf mir nicht noch mal über den Weg, kapiert? Wage es noch nicht mal, denselben Flur wie ich zu benutzen, es sei denn, du willst, dass ich dir richtig die Luft rauslasse.«

Benommen fokussierte sich D4s Blick, seine Lippen waren voller Blut. »I… ich werde das melden.«

»Nur zu«, sagte Spence. »Du hast dich mit dem falschen Homo angelegt. Mal sehen, wie weit du mit deiner Meldung gegen einen MCS-Officer kommst und wie lange es dann dauert, bis du für den Rest deiner Karriere Parkuhren ausleeren darfst.«

Dann ließ Spence ihn los, richtete ein letztes Mal seine Krawatte und verließ die Toilette. Er war weder beleidigt noch aufgewühlt, auch nicht angepisst.

Es war ihm völlig egal.

(II)

»Sie sind also die feministische Autorin.«

Die Stimme: monoton, dunkel. Er stellte sich als Lieutenant Jeffrey Spence vor. Er hatte ein attraktives Gesicht von gesunder Farbe, machte einen fitten Eindruck und trug ein nettes hellblaues Hemd, Hosenträger und eine dunkle Seidenkrawatte. Breite Schultern und ordentlich gekämmtes, dunkelblondes Haar. Kathleen schätzte ihn auf etwa 30. Und sie hatte augenblicklich den Eindruck, dass er sie nicht mochte.

»Ich arbeite für eine Zeitschrift«, korrigierte sie ihn, »ich schreibe monatlich eine Kolumne.«

»Für eine militant-feministische Zeitschrift«, fügte Spence hinzu. »Können Sie davon leben? Von dieser Feministen-Kolumne?«

»Es ist keine Feministen-Kolumne, sondern eine Kolumne zur Selbsthilfe.«

»Ach so. Na ja, können Sie davon leben?«

»Nein«, sagte Kathleen.

Das D.C.-Polizei-Hauptquartier nahm einen ganzen Block der Indiana Avenue ein, es erinnerte sie an eine gewaltige oberirdische Krypta. Am Empfang stand ein alter Sergeant – mit einem Muttermal auf dem Kinn, das einem Tumor ähnelte –, der sie einen langen Flur mit den Ausmaßen einer Flughafenhalle entlangschickte. Ist das ein Geheimgang?, dachte sie. Es war verlassen und still.

Sie runzelte die Stirn und wippte mit dem Fuß. Sie trug ein geblümtes, wallendes Kleid und hatte nun die Befürchtung, dass ihr Hintern darin zu groß aussah. Pummelchen, tadelte sie sich selbst. Mach weiter mit Slim Fast.

›HQ MAJOR CASE SECTION‹ stand in klaren, schwarzen Buchstaben auf der hellen Holztür. Es erinnerte Kathleen an andere Buchstaben, die jetzt vor ihrem inneren Auge auftauchten: ›MÖCHTEN SIE MEINE GESCHICHTE BRINGEN?‹

Spence saß hinter dem Schreibtisch wie eine verärgerte Statue. Zu seiner Rechten blinkte auf einem Computerbildschirm in hübschem Gelb ›SYSTEM DOWN‹. »Kennen Sie einen Mann namens Stephen W. Calabrice?«, fragte Spence.

»Nein«, sagte Kathleen. »Ist er das Opfer?«

»Ganz genau. Spitzenanwalt im Markenrecht. Ober-Oberklasse im Gerichtssaal. Die Getränkerechnungen dieses Kerls waren höher als das, was die meisten Leute in einem Jahr verdienen.«

»Er ist tot?«

»Was? Haben Sie gedacht, dass er sich wieder erholt? Dass er zwei Aspirin nimmt und mich morgens anruft?«

Arschloch, dachte Kathleen. »Darf ich hier rauchen?«

»Nein«, sagte Spence. »Sie wohnen in …« Er blickte auf ein unscheinbares Blatt. »3660 Leiber Street, Nummer 307?«

»Jap.«

»Schöne Gegend?«

Bezweckte Spence etwas mit seinen Abschweifungen und Bemerkungen? Oder war er einfach ein Spinner? »Ist schon in Ordnung«, sagte Kathleen, »ist wohl eine der sichereren Wohngegenden.«

Spence neigte den Kopf. »Soll das eine Anspielung sein?«

»Wie bitte?«

»Spielen Sie darauf an, dass die anderen Gegenden nicht sicher sind, weil die Polizei zu nachlässig ist?«

»Ich habe eine ganz sachliche Aussage gemacht.«

»Oh. Ja. Selbstverständlich.« Spence ließ sich in den Sitz zurückfallen. Ja, er war sehr muskulös, Kathleen bemerkte den Umfang seines Oberkörpers und seiner Schultern und sie konnte sich unter der hochwertigen, maßgeschneiderten Kleidung gut den Körperbau eines Bodybuilders vorstellen. Scharfe Falten, harte Linien und null Körperfett. »Wussten Sie, dass Stephen W. Calabrice«, sagte Spence weiter, »über einen sehr langen Zeitraum hinweg gefoltert wurde?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Seine Leiche wurde vor drei Tagen in einer Tiefgarage gefunden, in der Nähe Ecke M Street und 19th. Er lebte in Georgetown. Er wurde an einem unbekannten Ort ermordet. Wir vermuten, dass er sich mit jemandem in einer Bar namens Jonah and the Whale getroffen hat, mit zu dem Mörder nach Hause gegangen ist, dort gefoltert und ermordet und anschließend abgelegt wurde. Der Killer hat sein Auto gestohlen, einen braunen Audi Quattro.«

Kathleen dachte an einen Witz, der sich nur zu oft bewahrheitete: Was ist der Unterschied zwischen einer Jeans und einem Audi?

Die Jeans hat die Nieten außen.

»Haben Sie medizinische Kenntnisse?«

»Nein«, sagte Kathleen.

Spence räusperte sich. »Wir glauben, dass ein hochwertiges Schneidwerkzeug benutzt wurde, um … äh … Sie wissen schon. Ein scherenähnliches Gerät mit einer flachen und einer gezackten Klinge. Er hatte Medikamente im Blutkreislauf, keine Drogen, sondern fachkundig verabreichte Pharmazeutika.«

»Denken Sie, dass der Killer ein Arzt ist?«

»Vielleicht«, antwortete Spence. Er starrte vor sich hin. »Glauben Sie das?«

Alles klar, dachte Kathleen. »Meinen Sie, ich kannte sie?«

»Sie?«

»Die Mörderin.«

Spence setzte die Ellbogen auf den Schreibtisch. »Warum haben Sie sie gesagt?«

»Ich … nun ja …« Kathleen betrachtete ihre Füße. »Glauben Sie, dass der Killer ein Mann ist?«

»Ich will wissen, warum Sie der Meinung sind, dass der Killer eine Frau ist.«

»Ich habe es vermutet …« Was vermutet?, fragte sie sich. »Sie haben gerade gesagt, dass er in einer Bar aufgerissen wurde.«

»Vielleicht war Calabrice schwul. Haben Sie an die Möglichkeit gedacht? Schwule gehen auch in Bars, oder nicht?«

Spence behandelte sie wie ein begriffsstutziges Kind. Kathleen wünschte sich einen Drink, den sie über ihm auskippen konnte. Dann dachte sie: Drinks.

»Aber Jonah and the Whale ist keine Schwulenkneipe. Das ist ein Club für Hetero-Singles.«

»Ach, also hängen Sie da auch rum.«

Meine Güte! »Nein«, sagte sie. »Ich hänge dort nicht rum.«

»Aber offenbar waren Sie schon mal da. Woher wollen Sie sonst wissen, dass es eine Bar für Singles ist?«

»Schon recht. Ich war ein paar Mal dort.«

»Um Männer abzuschleppen?«

»Um etwas zu trinken.«

»Trinken Sie viel? Schreiberlinge trinken viel, oder?«

»Das ist ein Stereotyp …«

»Ach ja, ist es? Ich habe gerade einen Artikel im Regardie’s oder sonstwo über die berufliche Disposition von klinischem Alkoholismus gelesen. Raten Sie mal, welche Berufsgruppe den höchsten Anteil an Alkoholikern hat.«

»Polizeibeamte?«, scherzte Kathleen.

Spence reagierte nicht. »Schriftsteller. Allgemein kreative Menschen, aber ganz besonders Autoren. Faulkner, Hemingway, Poe, Thomas, Fitzgerald …«

»Alles Männer.«

»Klar. Aber auch alles Schriftsteller. Es war ein interessanter Artikel. Man vermutet sogar, dass der genetische Hang zum Alkoholismus die tatsächliche Ursache für die Neigung zum Schreiben ist, nicht andersherum. Die meisten, die später Schriftsteller wurden, kamen auf die Welt, als ihre Mütter schon älter waren, jenseits der 30. Es ist erstaunlich … die Gemeinsamkeiten in den Erbanlagen und dem Verhalten bei denen, die geboren wurden, als ihre Mütter schon über 30 waren. Wie Tag und Nacht.«

»Na ja«, sagte Kathleen, »ich habe jüngst einen Artikel im Discover oder sonst wo gelesen, wo es um die unbewussten Beweggründe von Männern ging, die sich zum Polizeiberuf hingezogen fühlen. Es dreht sich alles um die Waffe, ein Phallussymbol, das genau genommen auf tief verwurzelte sexuelle Unzulänglichkeiten hinweist.«

»Was hat das damit zu tun, dass Sie hier sind?«, fragte Spence.

»Nichts«, sagte Kathleen.

»Ich verstehe. Mit anderen Worten wollen Sie dezent andeuten, dass meine Beobachtungen bezüglich der genetischen Veranlagung zum Alkoholismus ebenfalls nichts damit zu tun haben, dass Sie hier sind.«

»Genau das möchte ich andeuten, Lieutenant.«

»Und dass ich diese Beobachtungen in Wahrheit angestellt habe, damit ich Sie belästigen kann.«

»Ja«, sagte Kathleen.

Spence nickte. Der Ausdruck seines Gesichts änderte sich nie. Es schien einfach an seinem Schädel zu kleben. Eingefroren. »Dann haben Sie mich vollkommen missverstanden«, fuhr er fort. »Ich bin nicht auf das Thema gekommen, weil ich Sie belästigen oder Ihnen unterstellen wollte, Alkoholikerin zu sein, sondern um eine Vermutung zu äußern, die bei fast jedem sexuell motivierten Tötungsdelikt auftaucht.«

Kathleen hatte keine Ahnung, wovon er redete. »Okay, also wollen Sie wissen, ob ich viel trinke?«

»Ja«, sagte Spence.

»Nein«, antwortete Kathleen.

Als Spence das Kinn in die Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger legte, spannte sich sein Oberarm dermaßen, dass er fast das Hemd zerriss. »Haben Sie weibliche Bekannte, die in Singlebars gehen oder Alkoholiker sind?«

»Nein«, sagte Kathleen.

»Ist das Ihre natürliche Haarfarbe? Braun?«

Bei der Frage gaffte Kathleen ihn an. »Was?«

»Oder haben Sie irgendwelche guten Freundinnen mit roten Haaren?«

»Ja zur ersten dämlichen Frage, nein zur zweiten.«

»Der Grund, weshalb ich frage …«, Spence verlagerte sein Kinn von einer aufgestellten Hand in die andere, »… ist, dass unsere Techniker mehrere rote Haare an der Leiche gefunden haben. Haarverlust kommt bei Sexualverbrechen häufig vor.«

»Anders gesagt: Sie ist ein Rotschopf«, sagte Kathleen.

»Wer?«

Kathleen verdrehte die Augen. »Die Killerin.«

»Sie schon wieder. Mit Ihrer absoluten Gewissheit, dass der Killer eine Frau ist.«

Soll ich einfach gehen?, fragte sich Kathleen. Gibt es irgendeinen Grund, warum ich mir das noch länger gefallen lassen soll? »Es ist keine absolute Gewissheit. Ich habe Ihnen gesagt, dass es eine Vermutung ist, und zwar eine ziemlich logische, wie ich finde.«

Spence nickte ausdruckslos. »Sicher. Oh, und wir haben vor ein paar Tagen festgestellt, dass Calabrice nicht schwul war. Ich bin nur neugierig, worauf Sie Ihre … Vermutung stützen. Aber jetzt ist es mir klar …« Er machte eine Pause und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Ziemlich blöde Eigenart von mir. Natürlich nehmen Sie an, dass der Killer eine Frau ist. Sie sind eine militante Feministin.«

»Ich bin keine militante Fem…«

»Das sieht mir sehr militant aus.« Spence holte die Maiausgabe von ’90s Woman aus dem Schreibtisch hervor und las das Inhaltsverzeichnis. »Die Männer-Falle: Treten Sie nicht hinein; Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß; Wann er lügt: Die verräterischen Zeichen; Ausbeutung am Arbeitsplatz: Wie man in einer Männerwelt überlebt.«

»Das sind seriöse Artikel über einige sehr wichtige Themen unserer Gesellschaft«, sagte Kathleen.

»Ah, da haben wir es. Urteil.« Spence blickte auf. »In vier von fünf Abschnitten Ihrer Kolumne empfehlen Sie, dass die Beziehung beendet werden soll, und zwar in, das muss ich schon sagen, sehr gewählten Formulierungen. ›Daumen runter‹, ›Säg ihn ab‹, ›Bestrafe dich nicht selbst, sein Päckchen ist nicht dein Problem‹.« Spence lächelte kaum merklich. »Das gefällt mir am besten: ›Schmeiß ihn raus‹.«

Hirni, dachte Kathleen. »Es ist ein Prozess, Lieutenant, dass man eine Kombination aus Stilformen und Umgangssprache anbringt, mit der die Leser sich als Antwort auf ihre Beziehungsprobleme identifizieren können.«

»Oh, ist das so? Stilformen und Umgangssprache, ja?« Spence legte die Zeitschrift hin. »Ich verstehe nur nicht, warum Sie sich weigern, zuzugeben, eine militante Feministin zu sein.«

Kathleen beugte sich angespannt nach vorne. »Hören Sie mir zu. Ich bin keine militante Feministin. Lieber Himmel, der Begriff ist schon seit zehn Jahren aus der Mode. Ich bin Autorin bei einer Zeitschrift. Ich bin Soziologin. Und das ist alles.«

»Aha. Ich verstehe. Eine Soziologin. Tut mir leid.« Spence sprach betont ruhig, um den offensichtlichen Sarkasmus noch zu verstärken. »Und diese Formulierungen, diese Formulierungen hier … ›Daumen runter‹, ›Säg ihn ab‹, ›Schmeiß ihn raus‹ … sind das anerkannte soziologische Bezeichnungen?«

»Sie sind ein Arschloch, Lieutenant«, sagte Kathleen.

»Das nehme ich Ihnen übel. Aber ich sehe ein, dass Ihre Meinung über mich irrelevant ist. Sind Sie Linkshänderin?«

»Wa…« Kathleen musste plötzlich blinzeln. Die Wolken hatten sich verzogen und die Sonne schien ihr ins Gesicht. »Würden Sie bitte die Jalousien zuziehen?«

»Sorry, ich fürchte, die sind kaputt«, sagte Spence. »Sind Sie Linkshänderin?«

Sie konnte außer einem aufragenden Schemen vor dem Fenster nichts erkennen. Sie versuchte, die Augen abzuschirmen. »Ja«, antwortete sie schließlich. »Warum?«

»Der Killer ist ebenfalls Linkshänder. Unser Schriftexperte hat es anhand der Mittelung herausgefunden.«

»Aber die war getippt, nicht handgeschrieben.«

»Wir nennen es Treffer-Einstauchung. Die grafologische Abteilung hat spezielle Mikroskope, mit denen man die Tiefe jeder flächigen Stauchung mikrometergenau messen kann. Bei der Schreibmaschine handelt es sich übrigens um eine Smith-Corona Coronet. Und wir wissen, dass der Killer Linkshänder ist, weil die Buchstaben, die auf der linken Seite der Tastatur sind, tiefere Eindrücke hinterlassen haben. Natürlich hatten wir vorher schon vermutet, dass der Killer Linkshänder ist, und zwar aus zwei Gründen. Erstens der Winkel des … Schnittes.«

Jetzt erst kam die Bildsprache hervor, die unkeusche Tatsache drang in Kathleens Psyche wie ein Nagel, der in frisches Holz geschlagen wurde: Genau das, was irgendwer jemand anderem angetan hatte …

»Und zweitens?«

»Die meisten Sexkiller sind Linkshänder.«

Kathleen konnte nicht ausloten, worauf er hinauswollte. Er kann unmöglich so dumm und so unverschämt sein, dachte sie. Nein.Auf keinen Fall.

»Ich habe eine Frage«, sagte Kathleen. »Warum denken Sie, der Killer sei ein Mann?«

Spence schaute sie verwirrt an. »Das tun wir nicht. Wir sind ziemlich sicher, dass der Killer eine Frau ist. Die auf der Leiche gefundenen Haare weisen eine Spindelform in einer typisch weiblichen Größenordnung auf.«

»Aber dann …« Kathleen schwieg und dachte nach, um den nun aufwallenden Ärger im Zaum zu halten. Etwas ruhiger fuhr sie fort: »Aber wie kommt es dann, dass Sie so gegen meine Vermutung sind, der Killer sei eine Frau?«

»Ich habe lediglich die Gründe für die Vermutung abgeschätzt.« Spence legte die geöffneten Hände flach auf den Tisch. Es waren große, kräftige Hände. »Das meiste, was ich tue«, sagte er, »dreht sich um das einfache Erkennen von zwischenmenschlichen Gemeinsamkeiten bei Tötungsdelikten. Da gibt es immer etwas, wissen Sie?«

»Nein, weiß ich nicht.«

»Welches Textverarbeitungsprogramm benutzen Sie?«

»Keins. Ich habe eine Schreibmaschine.«

Eine Augenbraue zuckte in dem ausdruckslosen Gesicht. »Ich dachte, alle Schriftsteller würden Textprogramme oder Computer benutzen.«

»Manche ja, manche nein.« Im Augenwinkel sah sie, wie der Computerbildschirm immer noch gelb blinkte: ›SYSTEM DOWN‹. »Ich nicht«, sagte sie. »Ich benutze eine Schreibmaschine. Und, nein, es ist keine Smith-Corona, sondern eine Xerox MemoryWriter.«

»Hmm. Noch eine … Lassen Sie mich das richtige Wort finden.« Spence schien hinter der steinernen Fassade abzudriften, ein großer, harter Finger klopfte auf die Schreibtischunterlage. »Übereinstimmung«, sagte er.

»Was?«

»Noch eine interessante Übereinstimmung. Schauen Sie, der Mörder ist eine Frau, Sie sind eine Frau. Der Mörder ist Linkshänder, Sie sind Linkshänder. Der Mörder benutzt eine Schreibmaschine, Sie benutzen eine Schreibmaschine …«

»Das ist das Lächerlichste …«

»Der Mörder wurde als Kind missbraucht, Sie wurden als Kind missbraucht«, beendete Spence den Satz.

Der Schock ließ Kathleen wie zu einer Salzsäule erstarren.

Spence starrte sie an. »Soweit es den Killer betrifft, stelle ich nur eine, um es mit Ihren Worten zu sagen, Vermutung auf Grundlage bekannter, typischer soziopsychologischer Wahrscheinlichkeiten an. Es ist ein sehr zuverlässiges Merkmal, dass die meisten Sexkiller als Kind missbraucht wurden.«

»Was ist mit mir?« Kathleens Stimme krächzte.

»Ich habe Ihren Namen durch den Computer gejagt.«

»Bullshit. Ihr Computer ist aus.«

»Wir haben hier mehr als einen Computer.«

Nein, dachte sie. Irgendwie wusste er es. »Sie haben geraten, nicht wahr?«

Spence lächelte zum zweiten Mal, aber es war ein verlegenes Lächeln, wie das eines Kindes, das bei etwas Verbotenem erwischt worden war. »Na gut«, gab er zu, »Sie haben recht. Ich habe geraten. Oder vielmehr hergeleitet.« Er deutete hinter sich auf das Psychologie-Diplom. »Immerhin bin ich ausgebildeter Psychologe.«

»Wenn Sie eine Ausbildung in Psychologie haben, warum sind Sie dann Polizist?«

»Es hat sich unaufrichtig angefühlt. Ich wollte handeln, anstatt zu beraten.«

Noch ein Schlag unter die Gürtellinie. Es war seine Art, zu sagen, dass sie, die als ausgebildete Psychologin für eine Frauenzeitschrift schrieb, unaufrichtig war. Aber worauf zur Hölle willst du hinaus? Es baute alles aufeinander auf: der unbegründete Widerwille des Polizisten gegen sie, seine Beleidigungen, seine Vorverurteilungen und seine lächerlichen Schlussfolgerungen …

Kathleens Fäuste verkrampften sich in ihrem Schoß.

»Was für ein Auto fahren Sie?«, fragte Spence als Nächstes.

Kathleen konnte sich nicht zurückhalten. »Einen Audi Quattro, braun. Hab ich erst vor drei Tagen bekommen.«

»Lustig. Aber an der Sache ist überhaupt nichts Lustiges, finden Sie nicht?«

»Was Sie nicht sagen. Scheint Ihnen aber Spaß zu machen.«

»Ich war nie ernster«, sagte Spence. »Meinen Sie, dass Calabrice lacht? Also, was für ein Auto haben Sie?«

»Warum schauen Sie nicht in Ihrem Computer nach?«

»Der Computer ist aus.« Auf dem Bildschirm blinkte es nach wie vor: ›SYSTEM DOWN‹. »Wie Sie bereits bemerkt haben.«

»Ich fahre einen 1997er Ford Thunderbird.«

»Schwarz vermutlich. Richtig?«

Kathleen biss die Zähne zusammen. »Ja.«

»Und haben Sie mir nicht, gerade als Sie hereingekommen sind, erzählt, dass Sie von Ihrer Autorentätigkeit nicht leben können?«

»Ihr Gedächtnis ist ja phänomenal.«

»97er Ford T-Bird. Das ist ein teurer Wagen, oder? 20.000 Dollar, 25?«

»Ich weiß nicht, wie viel er kostet. Er war ein Geschenk.«

»Von wem?«

»Von meinem Vater. Gelegentlich unterstützt er mich finanziell.«

Spence blieb so ausdruckslos wie eine Steinbüste von Cäsar. »Ist Ihr Vater der, der Sie als Kind missbraucht hat?«

Kathleen atmete tief ein. »Nein.«

Spence wirkte enttäuscht. »Wer war es dann?«

Ihre Fingernägel drückten sich durch den Stoff in die Oberschenkel. Lass ihn … dir das … nicht antun.

»Das geht Sie nichts an.«

»Streng genommen geht keine dieser Fragen mich etwas an, aber warum haben Sie so viele davon beantwortet?«

»Weil Sie ein Polizeibeamter sind, oder ein Faksimile von einem. Mir wurde beigebracht, mit der Polizei zusammenzuarbeiten.«

»Also hatten Sie früher schon mit der Polizei zu tun?«

»Ja.«

»Könnten Sie das etwas genauer sagen?«

»Das geht Sie nichts an!«

Spence reagierte nicht auf Kathleens Ausruf. Er sah sie einen Moment lang an und sagte dann ruhig: »Werden Sie nicht feindselig … oder militant. Ich stelle ganz sachliche Fragen.«

»Nein, das tun Sie nicht«, entgegnete Kathleen. Sie fühlte Schweiß an ihren Seiten und ihren Achseln. »Daran ist überhaupt nichts sachlich. Das war absolut inakzeptabel. Ich bin hergekommen, weil ich dazu aufgefordert wurde; ich versuche, Ihnen zu helfen. Und im Gegenzug werde ich verhört. Praktisch klagen Sie mich an, dass ich einem Mann den Penis abgeschnitten und mir selbst zugeschickt habe.«

»Da liegen Sie aber falsch«, sagte Spence.

»Und Sie können Ihren Arsch drauf verwetten, dass ich eine Beschwerde an den Commissioner schreiben werde.«

»Chief«, sagte Spence.

»Was?«

»Wir haben keinen Commissioner, wir haben einen Chief. Schicken Sie Ihr Schreiben an das Büro des Chief of Police, Metropolitan Police Headquarters, 300 Indiana Avenue, Northwest, 20010.«

»Sie konnten mich nicht leiden, seit ich in Ihr schmieriges, kleines Büro gekommen bin. Warum?«

Spence setzte die Fingerspitzen auf die Tischplatte. »Das kann ich Ihnen sagen. Sie wollen, dass ich offen mit Ihnen spreche, oder? Das ist nicht schwer zu erraten. Sie sind eine unerfüllte Kolumnistin bei einer militanten Feministinnenzeitschrift, die damit noch nicht einmal über die Runden kommt. Wir haben eine Psychokillerin an der Backe und aus irgendeinem Grund ist die von Ihnen beeindruckt, und zwar dermaßen beeindruckt, dass sie Ihnen sogar schreibt und Ihnen einen physischen Beweis für ein höchst abscheuliches Verbrechen zusendet. Die Mitteilung der Mörderin lässt vermuten, dass sie mit Ihnen zusammenarbeiten will; sie will, dass Sie ihre Story veröffentlichen. Ich bin sicher, dass Sie dieser Idee nicht abgeneigt sind … die einzige Chance für Sie, jemals wirklich zu Ruhm zu gelangen. Sie wollen aus dem Leben dieser kranken Person ein reißerisches Buch machen, damit Sie reich und berühmt werden.«

»Sie sind ein Arschloch«, bekräftigte Kathleen.

»Aber das ist noch nicht mal die Hauptsache. Das ist nicht der einzige Grund, warum ich Sie nicht leiden kann.«

Kathleen stand auf und starrte zornig hinunter. »Was dann?«

»Ich glaube, dass Ihre selbstsüchtige, gekünstelte und höchst militante Schreiberei jemanden unmittelbar zu einem schrecklichen Mord angestiftet hat und dass diese Person wegen Ihrer schriftlich geäußerten Ansichten weiterhin Menschen ermorden wird.«

»Ich gehe«, sagte Kathleen.

»Das können Sie gerne tun. Wäre mir genau genommen sogar ganz recht, denn um ehrlich zu sein beunruhigt mich Ihre Anwesenheit. Aber bevor Sie gehen, hätte ich gern Ihre Erlaubnis, dass wir Ihr Telefon anzapfen und dass unsere Techniker Ihre E-Mails nachverfolgen dürfen.«

»Wenn Sie irgendwas davon machen, verklage ich Sie. Ich werde auch einen Leitartikel über Sie und Ihr unverzeihliches Benehmen mir gegenüber verfassen. ’90s Woman hat eine Auflage von 750.000. Ich werde Sie in Druckbuchstaben an die Wand nageln, Lieutenant. Wenn ich mit Ihnen fertig bin, können Sie in Alaska auf Streife gehen.«

Spence nickte. »Und kommen Sie ja nicht auf die Idee, Beweise zurückzuhalten.«

Kathleen hätte ihm am liebsten eine gescheuert. Sie fragte sich, was dann passieren würde. Würde man sie ins Gefängnis stecken? »Wie üblich habe ich keine Ahnung, wovon Sie reden.«

»Doch, haben Sie. Sie stecken in diesem Fall mit drin, ob es Ihnen gefällt oder nicht. Alles, was die Mörderin Ihnen zuschickt, ist ein eindeutiger Beweis, und wenn Sie uns über den Erhalt eines solchen Beweises nicht in Kenntnis setzen, werde ich Sie wegen Nichtanzeige eines Schwerverbrechens, der Behinderung polizeilicher Untersuchungen, unterlassener Meldung einer zur Kenntnis gelangten Straftat sowie der Manipulation von Beweisen verhaften lassen.« Er gab ihr seine Karte und blickte sie mit ausdruckslosem Gesicht an. »Wenn Sie vermuten, irgendetwas von der Täterin zu bekommen, werden Sie es nicht öffnen, noch nicht einmal anfassen. Sie rufen mich an und ich werde einen Kriminaltechniker zu Ihnen schicken, der es abholt. Ich meine es ernst. Pfuschen Sie nicht an Beweisen herum.«

Ja, dachte sie, ich sollte ihm tatsächlich eine reinhauen.

»Denn«, schloss Spence, »auf eines können Sie sich verlassen. Die Killerin, diese kranke, verrückte, soziopathische Irre, wird Sie sehr bald wieder kontaktieren.«

Kapitel 4

(I)

Sie beißt fest in das Handtuch.

Sie muss vorsichtig sein.

Ihre Schönheit ist ihre Stärke.

Ihre Zähne sind schön und sie möchte sie nicht zerbrechen.

Der Schmerz ist grauenvoll.

Die Nadel senkt sich erneut.

Sie denkt an Das Seelenkästchen.

Der traurige kleine Stapel, der zusammenfällt.

Zeitungsausschnitte, die vergilben wie die gelbsüchtigen alten Leute im Krankenhaus.

Sie denkt an ihre Mutter.

Sie denkt an Daddy.

Sie denkt an Daddys Zimmer.

Nur zu, Rocco. Besorg es beiden,

Es tut so weh.

Doch der Schmerz erlöst sie.

Im Schmerz liegt Wahrheit.

Der Schmerz macht sie schön.

Wieder senkt sich die Nadel.

Sie hat immer noch das Buch. Es heißt Bizarre Welt. Mit dem Warnhinweis: ›KEIN VERKAUF AN MINDERJÄHRIGE‹. Sie hat es in Daddys Zimmer gefunden. Es ist schwarz, Hardcover. Es macht ein leises, knirschendes Geräusch, wann immer sie es öffnet, ähnlich dem Knirschen, mit dem sie die Yale-13er-Biopsienadel in den Hirnstamm eines Kerls aus der U Street gesteckt hat, um zu sehen, wie lange er mit einer subduralen Membran voller Motoröl überleben würde. Er hatte nicht mehr lange gelebt. Spaßig war es trotzdem gewesen.

Vieles flüstert das Buch.

Geheimnisse.

›INITIATIONSRITEN‹ ist ihr Lieblingskapitel.

Auch heute noch ist die Gesellschaft ein Stamm, der nicht anders funktioniert als die Uru-Wau-Waus, die Nubier oder die Druiden vergangener Zeitalter …

Die Qual drückt ihr Tränen aus den Augen.

Sie blickt zum Spiegel auf. Die Füße hat sie gegen das warme Glas gedrückt.

Sie sieht dort ihr Gesicht zurückschauen, zwischen ihren hübschen Beinen.

Ihr Gesicht ist vor Schmerzen so rot, dass es fast violett wird.

In dem Spiegel sieht sie ihre ruhigen Finger.

In dem Spiegel sieht sie ihr Geschlecht.

In ihren Augen sieht sie Das Kreuz.

Natürlich! Ihre Geschichte!

Dies wird der erste Teil ihrer Geschichte!

Sie wird heute Abend beginnen.

Sie wird ihre Geheimnisse teilen. Schließlich sind sie beide Frauen.

Sie sind beide vom selben Stamm.

Sie wird ihre Geheimnisse mit Kathleen Shade teilen.

Aber zuerst …

Die Nadel senkt sich wieder.

Sie hält für eine Weile inne. Minuten oder Stunden. Zeit bedeutet ihr nichts.

Sie schaut auf ihre hübschen, nackten Füße, die gegen den Spiegel gedrückt sind, und wackelt mit den hübschen, lackierten Zehen.

Sie ist sehr schlau.

Sie weiß sehr viel.

Sie mag die Stämme. Sie wissen auch viele Dinge … Geheimnisse. Doch wer hat ihnen die Geheimnisse erzählt?

Gott?

»Es ist einfach unglaublich, dass deine Noten so schlecht sind«, hatte der schlaksige Berufsberater gesagt. Vor Jahren. Sie hatte gerade so den Abschluss geschafft. Sie konnte sich nicht konzentrieren. »Du hast einen IQ von 177. Ist dir klar, was das bedeutet?«

»Das bedeutet, dass ich ein Genie bin.«

»Ja, ganz genau.«

Sie denkt, dass sie ihm gerne einen Bleistift ins Auge stechen möchte.

»Du hast ein fotografisches Gedächtnis. Das ist wie ein Freifahrtschein für dich, wenn du ein bisschen was tun würdest.«

Sie will, dass er ein bisschen was tut, und zwar in Fesseln. Sie würde ihm seinen Freifahrtschein ausstellen. Sie will seine ganze Rückenmarksflüssigkeit absaugen. Sie will ihm mit einem Red-Devil-Rasierer das Gesicht abziehen. Reine Fantasie. »Schädel bedeuten Tod«, flüstert sie.

Manchmal schlafwandelt sie.

Manchmal sieht sie ihre Mutter.

Sie ist die Mitternachtsputze im Krankenhaus. Sie hat keine Abneigung gegen den Job, vielmehr mag sie ihn. Wenn Patienten in ihre Betten defäkieren, putzt sie das gerne auf. Wenn Patienten sich auf sich selbst übergeben, putzt sie das gerne auf und schaut es sich später an.

Am liebsten putzt sie das Blut vom Boden der Notaufnahme. Sieht das gequälte Fleisch der Schusswunde zittern oder von Messerschnitten zerfetzt. Pulsierende Gedärme in den offenen Bäuchen. Gesichter, die von Baseballschlägern zertrümmert wurden. Sie schaut den Ärzten gern bei der Arbeit zu. Sie sieht es gern, wenn die Ärzte Menschen aufschneiden.

Es muss toll sein, für das Aufschneiden von Menschen bezahlt zu werden.

Ab und zu huscht sie auf die Toilette, um zu masturbieren.

Sie lebt in einer kleinen Kiste Erinnerungen, einer kleinen Kiste voller Albträume.

Daddys Haus. Obwohl es eigentlich ihrer Mutter gehört.

Daddys Haus steht in einer kleinen Stadt namens Cottage City, kurz hinter der Bezirksgrenze.

Das alte Haus liegt abgelegen in der Dunkelheit.

Niemand stört sie. Niemand kann etwas hören.

Manchmal vergisst sie etwas. Manchmal geht das Licht aus, weil sie vergessen hat, die Stromrechnung zu bezahlen. Manchmal vergisst sie das Gras zu mähen und die Nachbarn beschweren sich.

Einmal hat sie die ganze Nacht das Garagentor aufgelassen. Das Auto, einen hellgrünen Ford Pinto, konnte man bis zum Einbruch der Dämmerung von der Straße aus sehen. Aber niemand hatte etwas gesagt. Ein anderes Mal hatte sie vergessen, das Fenster in Daddys Zimmer zu schließen. Sie hatte einem Mann den Bauch aufgeschnitten, um die Gedärme zu fühlen, und er hatte angefangen zu schreien. Als sie die Innereien herauszog, hatte er noch mehr geschrien. Wie hatte sie nur etwas so Wichtiges vergessen können? Trotzdem hatte es niemand gehört.

Inzwischen näht sie ihnen die Münder zu, damit sie nicht mehr schreien können.

Die Prostituierte hält sie unten im Keller. Außerhalb des Lichts. Mutter hatte sie auf die Idee gebracht. Sie muss sehr vorsichtig sein. Sie muss schlau sein, so schlau, wie der Berufsberater es ihr gesagt hatte.

Die Prostituierte ist an Daddys alter Werkbank festgebunden. Die Handgelenke sind an dem Haken in der Wand angekettet. Die Hüfte fixiert. Die Knöchel an die Tischbeine gefesselt. Sie hat einen Spalt in die Tischplatte gesägt, sodass die Prostituierte in einen Eimer defäkieren kann. Sie hat alles darüber in den Büchern gelesen, die sie bei Thomas und Elsevier bestellt hat. RIA. SEM-Radiografie. Kutikular-Mikroskopie. Es gibt keine andere Möglichkeit.

»Es tut mir leid«, sagt sie zu der Prostituierten. »Es geht nicht anders. Versteh das, bitte. Du musst es verstehen.«

Die Prostituierte kann natürlich nicht antworten. Auch ihre Lippen sind mit hochwertigen chirurgischen Vicrylfäden zugenäht. Die Naht ist von hübscher, violetter Farbe. Sie ist steril verpackt, wie Kondome.

»Vanille?«, fragt sie.

Der Spalt zwischen zwei Stichen lässt genug Platz, um die Prostituierte mit einer Trinkflasche zu füttern. Sie füttert sie mit einer Nährlösung namens SEGO. Es gibt Vanille, Erdbeere, Schokolade und Bitterschokolade.

Was denkst du?, denkt sie. Was geht in deinem Kopf vor?

Die grünen Augen der Prostituierten sind ohne Glanz. Rücklings hingestreckt, die Rippen sind deutlich sichtbar. Nippel, so blass, dass sie kaum erkennbar sind. Fast unsichtbare Abdrücke an den Innenseiten ihrer Schenkel, wo Männer sie mit Zigaretten verbrannt haben. Ihre Kehle macht gedämpfte, animalische Schluckgeräusche, als sie das SEGO durch den biegsamen Trinkhalm der Flasche saugt.

»Ich rette dich. Weißt du das? Ich errette dich vor dir selbst. Du verleihst ihnen Macht über uns alle, wenn du sie dich für ihren Teufel benutzen lässt. Mutter nannte es Des Teufels Horn.«

Der Hals der Prostituierten zittert, während sie schluckt.

»Ich weiß. Du kannst nichts dafür. Auch Mutter nicht. Manchmal müssen wir Dinge tun, die uns nicht gefallen.«

Sie lächelt.

»Jetzt machen wir dich hübsch.«

Sie kämmt das üppige Haar der Prostituierten. Sie wäscht sie mit einem Schwamm und leert den Eimer. Sie schneidet die Nägel. Sie rasiert ihre Beine und die Achseln.

»So. Besser?«

Der Kopf der Prostituierten liegt kraftlos auf dem Holz.

Sie ist wieder oben und trinkt gekühlten Wein, Mouton-Cadet.

Es fühlt sich gut an. Es rundet die scharfen Kanten der Schmerzen ab.

Durch das Küchenfenster dringen die Geräusche der Grillen.

Es ist heiß draußen.

Sie mag heiße Nächte.

Als sie im Bett ist, kann sie Das Kreuz im Fenster sehen. Ab und zu geht sie die ganze Bladensburg Road hinab, um es aus der Nähe zu betrachten. Groß und schön steht das Kreuz in der Mitte der Straße, in einem Ring aus weißem Licht, und es erinnert sie an etwas, aber sie weiß nie, an was.

Es erinnert sie an etwas, aber sie weiß nie, an was.

Es erinnert sie an etwas, aber sie weiß nie, an was. Einmal wurde sie Zeuge, wie die Polizei einen geistig zurückgebliebenen Mann in dem Imbiss auf der anderen Straßenseite erschoss. Der Mann sabberte. Der Mann hatte einen Anfall, einen Krampf oder Epilepsie, und aus seiner Tasche fiel ein Messer, und als er danach griff und geifernd sein Messer aufnehmen wollte, erschoss ihn die Polizei.

Die Juli-Ausgabe von ’90s Woman liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. ›Zehn Pfund in 14 Tagen dauerhaft abnehmen‹, so heißt der Artikel vor Urteil. Daneben liegt The Washington Post BookWorld.

Wenn sie die Augen schließt, sieht sie wunderschönes Blut. Zuckendes Fleisch. Ihre erstickten Schreie sind der Vorbote.

Für sie? Für ihre Mutter? Für Das Kreuz?

Später wird sie schreiben.

›LITERARISCHER KALENDER‹, steht im Titel von BookWorld.

Die Writers Association of Washington, American University, Pickman Fine Arts Center, 19:30 Uhr, Lesung mit dem expressionistischen Dichter Maxwell Platt und der feministischen Kolumnistin Kathleen Shade.

Morgen wird sie Kathleen Shade treffen.

(II)

Gelb war die Mitternacht der Stadt, von unzähligen Natriumlampen in ein endloses, blasses Totenhemd gehüllt. Spence dachte an untergegangene Welten. Die Verkehrsabteilung der Metropolitan Police besetzte einen Keil auf dem einhundert Jahre alten Asphalt, wo die New York Avenue die L Street kreuzte; ein hoher, schäbiger Ziegelbau, an dem das Alter nagte. Der Sergeant am Empfang, ein junger Schwarzer, schien fröhlich und aufgeweckt, aber doch angespannt. Dieser Anblick war Spence nicht fremd. Jeder in der Major Case Section hatte es: das Funkeln in den Augen wie ein hintergründiger Schrecken. Sie waren Gespenster. Die Tätigkeitsbezeichnung im Department war geheim. Niemand wusste genau, wer sie waren oder was sie taten. Selbst wenn man sich nur einen unbedeutenden Fehler vor einem Angehörigen der Major Case Section erlaubte, wurde man woandershin versetzt.

Armer Junge, dachte Spence. Scheiß dir wegen mir nicht in die Hose.

»Im System war es als dringend markiert«, sagte der Sergeant. »Ich hoffe, ich habe Sie nicht gestört, Sir.«

Der Sergeant hatte Spence zu Hause angerufen. »Falls Sie mich nicht gestört hätten, wären Sie morgen früh ins Materiallager versetzt worden«, sagte Spence, bemüht, einen Witz zu machen.

Der Sergeant lachte nicht. »Ich habe Sie abgefangen, als Sie zu einer Beschlagnahmung unterwegs waren. Um was geht es?«

»GTA, also schwerer Autodiebstahl«, sagte Spence. Er las den Ausdruck: ›AUDI 4DR, GR. WT. -3700, TYPE: A, STEPHEN WILLARD CALABRICE‹.

»GTA? Warum ist es dann nicht zur Fahndung ausgeschrieben?«

»Sie stellen zu viele Fragen, Sergeant. Es ist ein GTA.«

»Jawohl, Sir.«

Durch das verschmierte Fenster konnte er sehen, wie der Abschleppwagen das Auto auf dem Hof abstellte.

Die Verkehrsabteilung hatte den Dringlichkeitscode von Spence im Computer gesehen, als das Kennzeichen des Wagens überprüft wurde. Sie hatten ihn entdeckt, weil er im Nordwesten vor einem ausgebrannten Stadthaus einen Hydranten blockiert hatte. Die Verkehrsüberwachung kam, den Budgetkürzungen sei Dank, bis zum Einbruch der Dunkelheit noch nicht einmal in die Nähe dieser Gegend und – eine Prostituierte würde das wissen, überlegte Spence. Viele der Prostituierten zogen sich in die nach hinten gelegenen Wohnblöcke zurück. Und niemand würde es wagen, mit dem Auto – einem Audi Quattro – Unfug zu treiben, aus Angst, dass er einem Zuhälter gehörte. Hmm, dachte Spence. Hatte man das Auto absichtlich dort geparkt oder aus Bequemlichkeit?

»Wann habt ihr es abgeschleppt?«

»Vor etwa vierzig Minuten«, sagte der Sergeant. Er verbarg seine offensichtliche Neugier. Warum war das eine große Sache? Es kam nicht selten vor, dass in der Stadt Autos vor Hydranten parkten.

»Die Verkehrsüberwachung ist zurzeit nächtelang unterwegs und schleppt ab.«

»Danke, dass Sie da dranbleiben. Wären Sie so freundlich, die mobile CES zu verständigen?«

»Ja, Sir.«

Spence ging nach draußen. Er trug ein maßgefertigtes Hemd von einem koreanischen Schneider aus der Connecticut Avenue, 80 Mäuse das Stück. Er hatte breite Schultern und gut trainierte Arme. Sich fit zu halten und gut gekleidet zu sein ließ ihn sich lebendig fühlen im Vergleich zu der Stadt, die in sich selbst zusammenfiel. Vor zwei Jahren, er war jetzt 36, war er vom 2. Morddezernat befördert worden, nachdem er eine Reihe von Morden aufgeklärt hatte, die mit Crack in Verbindung standen.

»Die Major Case Unit braucht Männer wie Sie, Spence«, hatte sein Deputy Chief ihm gesagt. »Und ich nehme an, dass Sie lieber alleine arbeiten, weil … hm … weil …«

»Weil ich schwul bin, Sir?«

»Na ja, äh, ja.«

»Ich arbeite nicht lieber alleine, weil ich schwul bin, Sir«, erklärte Spence. »Sondern einfach deshalb, weil ich alleine mehr Arbeit erledigen kann.«

»Ausgezeichnet. Und ich will Ihnen was sagen … nun ja, Sie werden hier rein nach Leistung beurteilt, nicht nach, Sie wissen schon, irgendwelchen sexuellen … äh, Präferenzen.«

Spence ließ sich nicht gerne bevormunden. Er wollte bloß verschwinden und bedankte sich für die Beförderung.

Die Versetzung gefiel ihm, weil sie ihm in seinem Beruf Einsamkeit bot. Im Grunde erledigte er die Arbeit alleine.