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Das Buch ist eine gelungene Verschmelzung von Erlebnisbericht und Autobiografie. In zahlreichen Geschichten wird hier spannend, kurzweilig und zum Teil emotionsgeladen geschrieben, immer wieder gespickt mit persönlichen Einblicken. Stets stehen die Begegnungen mit den Tieren im Vordergrund. Unter dem Motto: Tierkontakte gesucht und gefunden, reichen die Begegnungen von der zahmen Hauskatze bis hin zur ausgewachsenen Großkatze bei den Urlaubsaufenthalten in Afrika. Ein Buch für Tierfreunde und Tierschützer!
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2014
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© 2013 Angelika Marquis-Servos Alle Rechte liegen bei der Autorin Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de Foto Titelseite und Foto Halsbandmangabe: Erich Jöckel Fotos: Angelika Marquis-Servos und Rolf Servos Printed in Germany Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Dieses Buch ist gewidmet meinem lieben Mann Rolf, auf den ich mich immer verlassen kann, der stets für mich da ist und der gemeinsam mit mir meine Träume lebt.
Die hier festgehaltenen Erlebnisse sind Erinnerungen aus den Jahren, in denen ich atemlos durchs Leben rannte, stets bemüht, den Tieren zu helfen und es den Menschen recht zu machen. Die Aufzeichnungen sollen interessierten Tierfreunden einen Blick hinter die Kulissen eines Tierheimes ermöglichen und sie teilhaben lassen an dem aufregenden Tierheimalltag, dem organisierten und lebhaften Vereinsleben und dem Traumberuf des Tierpflegers.
Um ein präziseres Bild über die ständigen Entwicklungen im Laufe der Jahre und die sich dadurch oftmals überschneidenden Ereignisse wie Ziele, Planungen, Veränderungen oder Erfolge verständlich wiedergeben zu können, wurden gelegentliche Gedankensprünge geradezu herausgefordert. Oft waren sie wegen der Vielfalt der unterschiedlichsten Situationen im Laufe eines Tages, der Wochen, Monate oder gar Jahre unvermeidlich und manchmal sogar beabsichtigt.
Viele Tierschicksale, menschliche und tierische Tragödien und kleine Wunder habe ich erlebt. Unglaubliche Vorkommnisse, die manchmal zum Weinen und oft zum Lachen waren, gehörten ebenso dazu wie private Schicksalsschläge und Enttäuschungen.
Fast zwei Jahrzehnte bestimmte meine Arbeit in einem der größten Tierheime Baden-Württembergs mein Leben. Als ich begann, mich für den Tierschutz einzusetzen, war mir in keiner Weise bewusst, dass es ein so ruheloses und von Entbehrungen geprägtes Leben werden würde.
Mein Einsatz brachte mich oft an den Rand meiner Belastungsfähigkeit, denn stets wollte ich nur mein Bestes geben.
Was ich allerdings an Begegnungen mit Tieren erleben durfte, hat mich immer wieder großzügig für die Mühen und Strapazen entlohnt. Tiere haben für mich schon immer eine große Rolle gespielt und werden dies auch weiterhin tun. Meine eigenen Haustiere sind mir sehr wichtig, allen voran meine sensible, traumatisierte Hündin, die mich immer wieder aufs Neue vor die Frage stellt: Was hat man ihr nur angetan?
Mit Leib und Seele engagierte nicht nur ich mich über viele Jahre, sondern noch in viel größerem Maße mein lieber Mann Rolf. Mit enormen Einsatz, Ausdauer und Weitblick lenkte er lange Zeit die Geschicke des Tierheimes als Vorsitzender des Vereines.
Unseren beiden inzwischen erwachsenen Söhnen André und Marc, die Jahre ihrer Kindheit und Jugend damit verbrachten, uns bei der Pflege und Versorgung der Tiere treu zur Seite zu stehen, sei hier ganz herzlich gedankt. Sie teilten mit uns das unruhige, aber interessante Leben und wurden für ihren künftigen Lebensweg in positiver Weise geprägt. Ich bin stolz auf sie.
In all den Jahren der intensiven Tierschutzarbeit schöpften mein Mann und ich aus unserem Garten sowie aus gelegentlichen Reisen in das südliche Afrika die Kraft, die wir für unser weiteres Tun dringend benötigten. Eine wohlverdiente Atempause für meist nur kurze Zeit. Mehrmalige private Schicksalsschläge mussten ertragen und eines Tages ein neuer Weg gegangen werden.
Der silbergraue Kater lief interessiert im Gehege am Außenzaun entlang und wir waren sofort von ihm angetan. Er schien uns auch zu mögen und unsere zwei Kinder waren natürlich hellauf begeistert. Leider war das Tierheim zu diesem Zeitpunkt noch nicht für Besucher geöffnet und bis zur regulären Besuchszeit vergingen noch einige Stunden. Wir nutzten die Zeit und besorgten uns schon einmal das, was man als verantwortungsbewusste Katzenbesitzer unbedingt haben sollte: eine Transportbox. Als es dann endlich soweit war und die Pforte des Tierheimes geöffnet wurde, hatten wir allerdings das komplette Einsteigersortiment für Katzen im Kofferraum. Die Vorfreude war riesig und die Angst, dass es mit dem kleinen grauen Kater nicht klappen könnte, war groß.
Die damalige Tierheimleiterin hatte wohl keinen allzu schlechten Eindruck von unserer jungen Familie und gab uns das „Wunschkind“ mit nach Hause. Als kleines Dankeschön unsererseits wurden wir spontan Mitglied in dem hiesigen Tierschutzverein und unterschrieben noch an Ort und Stelle den Aufnahmeantrag. Somit waren wir also förderndes Mitglied ohne jede weitere aktive Verpflichtung! Praktisch, sollten sich doch andere um die großen und kleinen Probleme des Tierschutzes kümmern. Wir hatten ja schließlich ein armes Kätzchen zu uns genommen, und das war doch auch schon etwas.
Unsere Familie bestand nun aus uns Vieren, einem Hund und jetzt noch „Silver“. So hatten wir unser neues Familienmitglied genannt. Er lebte sich sehr schnell bei uns ein und Hund und Kater vertrugen sich gut. Alle waren glücklich und zufrieden, genossen das harmonische Zusammenleben und dachten, wir seien nun komplett.
Aber, total begeistert von Hund und Katze im neuen Zuhause – wir waren erst kürzlich an den Bodensee gezogen – holten wir unserem ersten Hund einen Spielkameraden. Wir hatten sehr viel Spaß mit den zwei Windhunden, besuchten jedes Wochenende die Windhund-Rennbahn, die nur 10 km von unserer Wohnung entfernt war und erkundeten mit unseren zwei kleinen Buben und den Afghanen die Gegend im Alpenvorland. Ausgedehnte Wanderungen wurden im Allgäu und auf der Schwäbischen Alb unternommen und immer waren unsere Hunde mit von der Partie.
Es war eine gute Entscheidung gewesen von Rheinland-Pfalz in das südliche Baden-Württemberg zu ziehen. Auch wenn es damals beruflich bedingt gewesen war, die schöne Landschaft hatte uns die Wahl nicht schwer gemacht und so wollten wir möglichst viel von der wunderbaren Gegend erkunden.
Schon oft liebäugelten wir mit einem Wohnmobil. Ein großes musste es schon sein bei vier Personen und zwei Hunden. Eines Tages sah ich einen älteren amerikanischen Ford zum Kauf irgendwo am Stadtrand stehen und machte ihn meinem Mann die Nase lang. Ohne Probefahrt und voller Begeisterung ließen wir uns auf das Abenteuer ein. Wir wollten unsere Reiseziele endlich angehen und jetzt konnte uns nichts mehr davon zurückhalten. Oder doch?
Ein Brief flatterte ins Haus: „Einladung zur außerordentlichen Mitgliederversammlung des Tierschutzvereines. Liebes Mitglied …“. Da muss mein Mann doch hin. Mal sehen, was da so läuft oder auch nicht läuft. Schon in früheren Jahren sehr engagiert im Vereinsleben, nahm mein geliebter Mann als „Neuzugang“ die Sache sehr ernst. Er nahm an der sehr emotional geführten Versammlung teil und nach ein, zwei Wortmeldungen seinerseits ging er als Beisitzer des neugewählten Vorstandes nach Hause. Na ja, Beisitzer, dachte ich noch so naiv, das geht ja noch. So oft werden sie ihn nicht brauchen. Aber auch jetzt kam mal wieder alles anders als erwartet.
Der krisengeschüttelte Verein kam auch mit dem neugewählten Vorsitzenden nicht zur Ruhe und noch bevor ein weiteres Jahr vergangen war, standen erneut Wahlen an. Mein tierlieber, vereinserprobter Ehemann will nun die Rettung des Tierheimes übernehmen. Er verspricht in einer programmatischen Rede einen neuen Aufschwung, hängt sich mit all seiner Kraft hinein und tatsächlich geht es kontinuierlich aufwärts. Die finanziellen Probleme werden als erstes in Angriff genommen, Verhandlungen mit der Stadt geführt, Mitglieder geworben und um Spenden gebeten. Die Folgezeit war durch rege Pressearbeit und handfeste Maßnahmen im Tierheim selbst gekennzeichnet.
Ich bekomme meinen Mann immer seltener zu Gesicht. Schließlich war er ja in erster Linie berufstätig, ging morgens früh aus dem Haus und nach Feierabend kam dann der Einsatz im Tierheim. Und das kostete enorm viel Zeit. Jede freie Minute, natürlich auch an den Wochenenden, zog es ihn in das 20 km entfernte Tierasyl und zurück blieben die Kinder und ich. Die beiden Jungs sahen ihren Vater kaum noch, denn er wurde ja im Tierheim gebraucht. Der Neubau war noch immer nicht ganz fertiggestellt, Zwingerwände mussten eingezogen werden und auch das Katzengehege war noch unvollendet. Die Außenanlage eine Wildnis, auch sie rief nach dem Gärtner. Der aber kostete Geld, also macht „Mann“ es doch selbst.
So verstrichen die ersten Wochen und Monate und die Zeiten, in denen wir ein Privatleben hatten, waren begrenzt. Wenn sich mal ein Wochenendausflug ergab, zog es meinen Mann in eines der benachbarten Tierheime, um sich ein Bild über die dortigen Räumlichkeiten zu machen. Bald kannten wir jedes Tierasyl im Umkreis von 100 Kilometern und mehr.
Irgendwann, unsere Kinder durften zu den Großeltern, nutzten wir eine freie Woche und brachen mit dem Auto und unseren 2 Windhunden auf nach Berlin. Damals noch ein geteiltes Deutschland und mit den üblichen Hindernissen an der Grenze, erreichten wir nach vielen Stunden unsere tierfreundliche Unterkunft am Wannsee. Wir schauten uns die Stadt an, machten Ausflüge ins Umland und genossen die gemeinsame Zeit. Was ich nicht wusste war, dass mein Mann natürlich auch das Tierheim in Berlin, damals noch im Stadtteil Lankwitz, zu besichtigen gedachte.
Das Heim stand mitten in einem Wohngebiet, umbaut von kleinen Siedlungshäusern. Platz für einen benötigten Hundeauslauf gab es keinen. Selbst in einem zweiten Stockwerk waren kleine Zwingeranlagen errichtet worden. Dort konnten sich die Hunde nur auf ca. 6 qm aufhalten. Eine Möglichkeit in ein Außengehege zu kommen, gab es verständlicherweise nicht. Und gerade dort im 2. Stockwerk des Tierheimes entdeckte ich auf den zweiten Blick eine erbärmlich dreinschauende Afghanenhündin. Grau, zum Teil geschoren und mit starkem Nickhautvorfall. Ich war geschockt. Dieser arme Hund, eine extrem bewegungsfreudige Rasse, sollte hier dahinvegetieren? Das darf nicht sein. Wir fanden an Hand der Tätowierungsnummer über die Zuchtbuchführerin in Westdeutschland den Züchter in Berlin heraus. Diesen suchten wir prompt auf, in der Hoffnung, dass er doch in kürzester Zeit seinen ehemaligen Hund aus dieser traurigen Umgebung herausholen würde. Das Gespräch im Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses war leider sehr enttäuschend. Er hatte keinerlei Interesse, den einmal verkauften Hund wieder in seine Obhut zu nehmen. Wir waren entrüstet. Was nun? Allmählich kamen meinem Mann und auch mir die absurden Gedanken, den armen, traurigen Hund mit in den verheißungsvollen Westen zu nehmen. Irgendein Windhundfreund aus unserem Bekanntenkreis würde sicher die Hündin in seine Familie aufnehmen.
Nach längeren „Verhören“ im Büro der damaligen Tierheimleiterin durften wir, als wohl erste Tierübernehmer, einen Hund aus dem geteilten Berlin mit in den Westen nehmen. Es war bisher nicht üblich, die Tiere außerhalb von Berlin zu vermitteln. So fuhren wir also nach einer Woche Urlaub in Berlin mit drei Afghanen zurück an den Bodensee.
Als erstes besuchten wir einen Tag später die Windhundrennbahn, in der Hoffnung, für „Berlina“ einen neuen Besitzer zu finden. Aber leider hatte sich niemand erbarmt, die viel zu kleine, unscheinbare und durch einen früheren Unfall leicht gehbehinderte Hündin zu übernehmen. Es fanden sich, trotz vieler Bemühungen unsererseits, einfach keine Interessenten ein. Offen blieb nur eine Option: Wir fragen unsere beiden Rüden, ob sie sich ein Leben an der Seite einer Hundedame vorstellen können. Sie konnten! Fortan lebten also drei Hunde und eine Katze in dem angemieteten Haus in Markdorf. Unser Vermieter meinte, jetzt sei die Schmerzgrenze eindeutig überschritten und wir sollten uns doch allmählich nach einer neuen Bleibe umschauen.
Wir hatten Berlina, wie wir sie inzwischen genannt hatten, natürlich sehr schnell in unser Herz geschlossen. Sie war einfach nur lieb, freute sich über jeden Mülleimer am Straßenrand, vermutlich auch weil sie so schlechte Augen hatte. Der sichtbare Nickhautvorfall war also nicht die Folge eines eventuellen Wurmbefalls, wie es oft der Fall ist, sondern war angeboren. Die Gehbehinderung wurde durch eine Röntgenaufnahme als alter, unbehandelter Beinbruch des Vorderlaufs erklärt. Bei unserem Vermittlungsgespräch mit der Tierheimleiterin in Berlin erfuhren wir, dass die Hündin damals als gefundenes Tier ins Heim gebracht wurde. Was aber wirklich geschehen war, sollten wir vier Monate später schmerzlich erfahren.
Eines Tages nämlich klingelte das Telefon und es meldete sich eine Frauenstimme. Sie wollte wissen, ob bei uns eine graue Afghanenhündin lebe. Wir bestätigten ihr dies, nichtsahnend über die Konsequenzen, die darauf folgen sollten. Es war die ehemalige Besitzerin der Hündin, die behauptete, ihr sei das Tier vor 4 Monaten entlaufen, als es zur Pflege bei einer Freundin gewesen sei, während sie sich selbst mit ihrem Freund in Spanien aufgehalten habe. Sie wolle ihren Hund wiederhaben sagte sie uns unverblümt, und das war ja auch durchaus nachvollziehbar. Zwischenzeitlich hatten wir uns aber so sehr an die Hundedame gewöhnt und sie sehr lieb gewonnen. Sie vertrug sich sehr gut mit den beiden Hunden und den inzwischen zwei Katzen und irgendwie war uns die Geschichte nicht ganz geheuer. Noch ziemlich neu in dem ganzen tierschutzrechtlichen Sachverhalt, gingen wir zu einem Anwalt, um uns zu informieren. „Wie stehen unsere Chancen, dass wir Berlina behalten dürfen?“ Das war unsere erste Frage, welche wir dem Juristen stellten. „Sie haben keine Wahl, die Besitzerin hat das Recht auf ihrer Seite“, war die ernüchternde Antwort.
Tatsächlich ist es so, dass jeder Tierbesitzer sechs Monate lang das Recht hat, sein Eigentum, welches er verloren hat, zurückzufordern. Es wird mit Tieren genauso verfahren wie mit jeder anderen Fundsache auch. Nun hatten wir nur noch die Möglichkeit, die gute Frau davon zu überzeugen, dass Berlina bei uns ein schönes Leben in Gesellschaft von Artgenossen hat und einen großen Garten noch dazu. Vielleicht lässt sie sich erweichen. Nein, natürlich nicht, auch nachvollziehbar. Nun der letzte Versuch: Wir lassen das neue Familienmitglied selbst entscheiden. Kaum zu glauben, aber die uns nur vom Telefon her bekannte Dame willigte spontan ein. Sie kündigte ihren Besuch für den darauffolgenden Sonntag an.
Wir waren alle voller Hoffnung, entwickelten Strategien und fieberten diesem Tag mit den unterschiedlichsten Gefühlen entgegen. Gegen 14 Uhr war es dann so weit, ein Taxi fuhr vor und wir sahen die Frau, die extra aus Berlin für ihren Hund angereist war, zum ersten Mal.
Die Hündin Berlina freute sich mäßig über den Besuch und wir boten erst mal Kaffee und Gebäck an. Danach wollten wir zu dritt mit der Hündin zu einem Spaziergang aufbrechen. Wir gingen einen gewohnten Weg in Richtung Wald, machten die Windhündin los und gingen weiter. Frau S. ging den Weg wieder zurück und rief nach ihrem Hund. Es vergingen lange Minuten oder waren es vielleicht nur Sekunden? Ich kann es nicht mehr sagen. Andere Dinge haben sich in meinem Gedächtnis eingegraben. Zum Beispiel der fragende Blick Berlinas. Sie schaute in beide Richtungen abwechselnd, bewegte nur den Kopf und stand da wie angewachsen. Wie wird sie sich entscheiden? Kann sie das überhaupt oder ist sie damit überfordert? Diese Fragen schossen meinem Mann und auch mir durch den Kopf. Wir standen wohl ebenso versteinert auf dem einsamen Waldweg, bis mir plötzlich eine innere Stimme sagte: „renn davon in Richtung Wald“.
Jetzt war Berlina plötzlich klar, zu wem sie gehörte und wo sie in diesem Moment sein wollte. In einigen wenigen Augenblicken war sie schon neben uns und ihre Freude war nicht zu übersehen. Wir nahmen sie an die Leine und kehrten zu der Frau, die am anderen Ende des Waldweges auf uns wartete, zurück. Sie war überzeugt, so sah es zu diesem Zeitpunkt aus, uns die Hündin zu überlassen. Sichtlich erleichtert begaben wir uns auf den Heimweg, wo unsere zwei Buben uns schon mit fragendem Blick erwarteten. Entspannt nahmen wir im Wohnzimmer Platz und Berlinas frühere Besitzerin bat als erstes um einen Cognac, danach einen zweiten und nachdem sie auch dieses Glas ziemlich schnell geleert hatte, sah alles wieder anders aus. Plötzlich war sie aggressiv und drohte uns mit allem, was ihr so einfiel. Aufgebracht verließ sie das Haus und enttäuscht sowie traurig blieben wir zurück. Was sollte nun geschehen?
An diesem Tag war in der Kleinstadt, in der wir lebten, ein Vergnügungspark und es gab einen verkaufsoffenen Sonntag. Mein Mann nahm die Kinder, um sie etwas von der Tragik dieses Tages abzulenken, und ging mit ihnen über den Rummelplatz. Der jüngste Sohn, ein sensibles Menschenkind, durfte sich Lose kaufen und zog prompt den Hauptgewinn. Er hatte die freie Auswahl zwischen riesigen Tigerkatzen, Bären und anderen Stofftieren. Als ich meiner kleinen Familie nach zwei Stunden die Tür öffnete, stand Sohnemann mit einem grauen Stofftier im Arm vor mir. Es war ein Hund mit längeren, grauen Haaren und einem breiten roten Halsband. Auch Berlina trug ein breites, rotes Halsband. Was sollte man da noch sagen!
Wir glaubten die Frau schon lange im Zug nach Berlin, als plötzlich am späten Abend das Telefon klingelte. Am Apparat war eine deutlich aufgelöst wirkende Frau, die uns folgendes anbot. Wir sollten in ein Lokal kommen, in dem sie sich jetzt befand, sie würde uns ihre wahre Geschichte erzählen und uns Berlina überlassen. Gerne sollten wir ein Schreiben vorbereiten, denn sie sei bereit, alles schriftlich mit uns zu regeln.
Blitzschnell saßen wir im Auto und fuhren zu dem vereinbarten Treffen. Unter Tränen und dem Alkoholeinfluss erzählte sie uns tatsächlich die wahre Geschichte. Sie hatte das Liebste, was sie damals besaß, nämlich ihre Hündin, selbst in das Tierheim gebracht unter dem Vorwand, sie habe sie gefunden. Sie stand unter Druck ihres damaligen Freundes und hatte eine schwere Zeit hinter sich. Suchtprobleme und einen Schwangerschaftsabbruch waren nur zwei der vielen Sorgen, die sie hatte. Sie tat uns echt leid.
Wir erfuhren auch die Vorgeschichte von dem gebrochenen Vorderlauf: Als Welpe hatte die kleine Hündin sich damals beim Springen über die Couch das Bein gebrochen. Aus finanziellen Gründen ging die Besitzerin nicht zum Tierarzt und der Bruch wuchs nicht richtig zusammen.
Sie unterschrieb uns tatsächlich die Übereignung der Hündin, sagte, sie habe es endlich mal schön in ihrem Leben und das, was sie bei uns hätte, könne sie ihr niemals bieten. Wir luden sie noch zum Essen ein und wünschten ihr eine gute Heimreise. Berlina lebte bis zu ihrem Lebensende bei uns und wurde 12 Jahre alt.
Als dann zwei Jahre später die Tierheimmitarbeiterin kündigte und mit ihrer Familie aus der Wohnung im Tierheimgebäude auszog, stand eine Entscheidung an.
Wir verließen das angemietete Haus in Markdorf, in dem genügend Platz vorhanden war für uns alle und von dem aus wir einen herrlichen Blick auf die Schweizer Berge und den Bodensee hatten, und zogen mit „Mann und Maus“ in das Tierheim ein. Von da an musste mein Mann zwar die gleiche Strecke in die andere Richtung zu seinem Arbeitsplatz fahren, aber die Familie hatte wieder mehr gemeinsame Zeit zur Verfügung. Unser jüngster Sohn wurde eingeschult und der zwei Jahre ältere Bruder wechselte an eine andere Schule.
Es kam, wie es kommen musste. Noch ehe ich mich versah, stand ich mit Gummistiefeln und Wasserschlauch in den Hundezwingern und hatte ein neues „Hobby“. Als gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau war das alles erst einmal ziemlich gewöhnungsbedürftig. Die Geruchsbelästigung, der Lärm, die Arbeit an sich, womit hatte ich das verdient? Kleine Kätzchen bürsten oder mal etwas schmusen vielleicht, ja, das konnte ich mir noch vorstellen. Aber was da auf einmal von mir verlangt wurde, das war schon heftig. Aber man gewöhnt sich an alles. Es musste ja schließlich schön sauber sein. Also ran an den Dreck. Irgendwann war es was völlig Normales, erst mal mit dem Schaufelchen durch die Zwinger zu marschieren und dann mit Wasser und Neutralseife für einen besseren Duft zu sorgen.
Mein Mann kam am späteren Nachmittag von der Arbeit nach Hause, Anzug und Schlips flogen in die Ecke und freudestrahlend machte er sich an die Arbeit. Diesmal zwischen Hundegebell und Katzenklo. Er war glücklich.
Schon als kleiner Bub war er eng mit den Tieren verbunden. Er hielt Kaninchen und züchtete später erfolgreich in einer großen Voliere Kanarienvögel und Zwergwachteln. Als er dann im Alter von 21 Jahren zur Bundeswehr musste, löste er schweren Herzens seine geliebte Voliere auf. Als einziges Tier behielt er damals seinen handaufgezogenen Kanarienvogel. Ihn brachte er Jahre später mit in unsere Ehe. Es war überhaupt ein Wunder, dass er eine Voliere an das Elternhaus anbauen durfte, denn er hatte einen strengen Vater. Sein geliebtes Kaninchen musste er als kleiner Junge selbst zum Nachbarn tragen und dabei zuschauen, wie es getötet wurde. Er hatte diese unmenschliche Aktion seinem Vater ein Leben lang nie verzeihen können.
Jetzt konnte er Tiere versorgen und pflegen so viel er wollte. Er blühte richtig auf. Verwaltungsarbeit, Gartengestaltung, Verschönerungsarbeiten an den Gehegen und Tierchen, Tierchen und nochmals Tierchen.
Für mich waren die ersten Wochen ziemlich anstrengend. Es gab keinerlei Einarbeitung und ich wurde sozusagen ins kalte Wasser geworfen. Ich fragte mich schon recht bald, nachdem ich merkte, auf was ich mich da eingelassen hatte: „Warum habe ich mir das nur angetan?“ Die Antwort lautete: aus Liebe zu meinem Mann.
Natürlich war auch ich ein sehr tierliebender Mensch, mochte Katzen schon immer und fand Hunde ganz toll. Schließlich hatten wir ja auch selbst zwei Katzen und drei Hunde in der Familie. Woher aber sollte ich z. B. wissen, wie man eine gerade eingelieferte verwilderte Katze, die fauchend und schon mit blutiger Nase in einer Katzenfalle sitzt, heil und unbeschadet in eine Box in die Aufnahmestation bekommt. Sie sollte natürlich nicht bei dieser Aktion das Weite suchen oder sich in meinen Lederhandschuhen vor lauter Angst einen Zahn ausbeißen.
Oder wie bringt man einen des Nachts an den Zaun angebundenen, sichtbar verstörten und deutlich hörbar knurrenden Doggenmischling in das Hundehaus, ohne gebissen zu werden? All das war Neuland für mich. Da war es im Büro schon etwas entspannter. Die unterschiedlichen Verträge, die man mit den Tierbesitzern abzuschließen hatte, waren die ersten Tage zwar etwas verwirrend, aber das war alles nichts gegenüber dem, was mich hier an der Front erwartete.
Eines war mir schnell klar: Ich brauchte Hilfe, und zwar bald. Aus diesem Grunde suchten und fanden wir eine gelernte Kraft. Es war eine Tierpflegerin, die schon viel Erfahrung im Umgang mit Tieren mitbrachte. Sie wusste auch, welche große Rolle die Hygiene in einem solchen Tierasyl spielte und deshalb machte sie erst mal Ordnung. Alle Teppiche, die noch aus früheren Zeiten des Tierheimes stammten, flogen als erstes vor die Tür. Wir wollten ja keinen Flohzirkus eröffnen. Alles was nicht in der Maschine gewaschen werden konnte, hatte bei ihr keine Überlebenschance. Desinfektionsmittel, Desinfektionswannen, Antiflohpuder und Antiflohspray, Milbenmittel usw. mussten nun her. In jedes Katzenzimmer kamen Besen, Schaufeln und Wannen in den gleichen Farben. Es sah nicht nur nett aus, es hatte einen tieferen Sinn. Alles blieb dort, wo es hingehörte, und als eventuelle Krankheitsüberträger schieden diese Teile somit aus. Es wurde geschrubbt, gewischt, geräumt und verändert. Am Ende des Einsatzes waren wir zufrieden und erschöpft, aber der Grundstein für ein sauberes und gepflegtes Tierheim war gelegt.
Nun waren wir also zu zweit und hatten ca. 60 – 80 Katzen und je nachdem zwischen 20 und 30 Hunde zu betreuen. Dazu kamen noch diverse Kleintiere wie Kaninchen, Meerschweinchen, Farbratten oder Igel im Winter. Im Frühjahr waren es statt der Igel dann eher die aus den Nestern gefallenen Jungvögel wie Amseln, Grünfinken, Rabenvögel und Co.
Anfangs wechselten wir noch wöchentlich die Bereiche Hunde und Katzen, was sich aber als nicht so sinnvoll erwies. Es war einfach besser, wenn jeder für seinen Bereich die Verantwortung übernahm, man kannte seine Tiere und wusste, was getan werde musste. Ab sofort war ich also Hundepflegerin und hatte täglich viele bellende Mäuler zu stopfen und ein Hundehaus mit zwölf Innen- und Außenzwinger auf Hochglanz zu bringen.
In den Sommermonaten war recht gut schaffen. Mit Wasserschlauch, Schrubber und Neutralseife ging es dem täglichen Schmutz an den Kragen. Im Winter allerdings, wenn alles zu Eis gefroren war, ging das natürlich in den Außenzwingern nicht. An den frostfreien Tagen musste man dann alles nachholen, was vorher liegengeblieben war. Aber auch diese Zeit ging wieder vorbei.
Es war Anfang Juni, als meine ersten Welpen eintrafen. Es erreichte uns ein Hilferuf aus der 20 km entfernten Kleinstadt Markdorf. Ich kannte mich schon recht gut dort aus, weil wir ja die ersten 3 Jahre dort gewohnt hatten. Also wurde das Tierheim-Auto für den Transport der Hunde hergerichtet und los ging es. Zu zweit machten wir uns auf den Weg und die Vorfreude auf die ersten Hundekinder war groß. Lange suchten wir nach der uns genannten Adresse und fanden erst nach fast 20 Minuten das einsam gelegene kleine Holzhaus in der Nähe eines Wasserschutzgebietes. Idyllisch gelegen, ein kleines Paradies für Natur- und Tierfreunde.
Es empfingen uns freundlich eine stark übergewichtige Frau und die Mutterhündin, sichtlich von der Aufzucht ihrer Jungen gezeichnet. Ihr Gesäuge war durch das lange Säugen der Kleinen stark angeschwollen und hing tief herunter. Sie hatte zehn süße Welpen geworfen und alle hatten es überlebt. Die Besitzerin hatte die Junghunde, die nun seit einigen Wochen entwöhnt waren, recht gut ernährt und alle kamen sie optisch zu 100 % auf ihre Mutter.
Vermutlich war es nicht nur eine finanzielle Überlegung, die Hunde ins Tierheim zu geben, sondern es war ihr auch sichtlich zu viel geworden. Das ständige sich bücken müssen, um die Hinterlassenschaften der Kleinen aufzuwischen, war ihr zu beschwerlich geworden. Ihre etwa zehnjährige Tochter stand weinend daneben, denn ihre ganze Zuneigung galt der Hündin und ihren Jungen. Sie sollten alle nur an gute Plätze vermittelt werden versprach ich ihr, beinahe auch den Tränen nah. Dieses Versprechen konnte ich auch in den darauffolgenden Jahren jedem Tierbesitzer, der sich von seinem Liebling aus welchen Gründen auch immer trennen musste, gerne geben. Es wurde zu meinem festen Vorsatz, jedes auch noch so kleine, alte oder auch mal nicht ganz so hübsche Tierchen nur an gute Plätze zu vermitteln.
Unter einem guten Platz versteht man Menschen, die sich ihrer großen Verantwortung bewusst sind, wenn sie sich für ein Tier entscheiden. Menschen, die sich gut auf das neue Familienmitglied vorbereiten, sei es durch einschlägige Literatur, durch die Schaffung gewisser Bedingungen oder räumlicher Voraussetzungen. Es sind Menschen, die sich Zeit nehmen für das erworbene Tier und auch noch zu ihm stehen, wenn es krank oder alt ist.
Fast immer konnte ich das Versprechen einhalten. Aber auch bei noch so viel gutem Willen und nach gewisser Zeit auch einigem Fingerspitzengefühl kam es vor, dass ich gelegentlich mit meiner Einstellung daneben lag. Zum Glück gab es da ja noch die Verträge, mit denen man das Tier im Zweifelsfalle wieder zurücknehmen konnte. Dies aber durfte immer nur die Ausnahme bleiben.
Man musste bedenken, dass viele der eingelieferten Tiere schon eine Vorgeschichte hatten. Manche waren bereits durch mehrere Hände gegangen, andere wiederum hatten es vielleicht gut bei ihren Besitzern getroffen, mussten aber womöglich aus gesundheitlichen Gründen ihres Frauchens oder Herrchens schweren Herzens abgegeben werden. Das Ziel musste deshalb sein, einen neuen Platz fürs Leben zu finden. Das erforderte nicht nur etwas Menschenkenntnis, sondern manchmal auch viel Geduld, bis die passenden Interessenten gefunden waren. Auch das war für mich wieder Neuland. Es dauerte eine Weile, aber bald war klar, auf was ich zu achten hatte. In den manchmal langen Gesprächen erfuhr ich viel über die Lebensweise und Umstände der potenziellen Kunden. Nicht immer war die Sache eindeutig und ich musste nachhaken, hörte manchmal Dinge, die mich nicht immer erfreuten. Auf die Frage zum Beispiel, ob denn schon einmal ein Tier im Haus gehalten wurde, kam oft eine ellenlange Aufzählung und schon wurde man stutzig. Wie konnte es sein, dass ein Bewerber mit vielleicht gerade mal 30 Jahren schon an die 4 Hunde hatte? Schon möglich, aber was war aus ihnen geworden?
Auf vorsichtiges Nachfragen erfuhr man dann, das man den ersten durch einen tragischen Verkehrsunfall verloren hatte, der zweite eingeschläfert worden war, weil er so aggressiv wurde und die zwei letzten Hunde im Urlaub in Südfrankreich entlaufen waren. Sollte das nun ein guter Platz für einen meiner Schützlinge sein?
In der meisten Zeit hatte ich aber mit sehr verantwortungsbewussten Menschen zu tun, die mit viel Herz und Verstand ein neues Tier ins Haus holen wollten. Nicht selten kam der Anstoß zur Anschaffung eines Hundes von dem Kind der Familie. Aus Sicht der Kinder gehört ein Hund einfach zu einer heilen Familie dazu. Lässt man ein kleines Kind ein Bild von einer Familie malen, so besteht es fast immer aus einem Vater, einer Mutter, einem oder mehreren Kindern und einem Hund. Unverkennbar findet man in der Mitte des Bildes den kleinen oder manchmal auch großen Familienhund, den alle lieb haben. Durch einen Hund ist in den Augen der Kinder die Familie erst komplett.
Auch wenn es nach der Anschaffung des langersehnten Hundes nach einigen Wochen darauf hinausläuft, dass die Versorgung und Betreuung des neuen Familienmitgliedes nicht von dem Kind übernommen wird, sondern in der Regel an der Mutter hängen bleibt, so sind doch Kind und Hund schnell ein eingespieltes Team. Die beiden haben vieles gemeinsam und das Kind fühlt sich mit seinen kleinen und großen Kindersorgen stets von dem Hund verstanden und bedingungslos geliebt. Seine Liebe zu ihm ist ohne Vorbehalte.
Kinder, deren Wunsch nach einem Hund oder einer Katze erhört wird, können sich glücklich schätzen. Sie dürfen ein Leben lang davon profitieren, mit ihnen gemeinsam aufgewachsen zu sein. Schon früh können sie lernen, wie wichtig es ist, Verantwortung zu übernehmen. Sie können erkennen, dass das Haustier auf die Hilfe der Familie angewiesen ist. Das Tier muss regelmäßig gefüttert werden, der Hund mehrmals am Tag ausgeführt oder zum Tierarzt gebracht werden, wenn er sich eine Verletzung zugezogen hat. Ohne die Fürsorge der Familie wäre das Haustier hilflos und verloren.
Selbst kleinste Aufgaben, die das Kind zum Beispiel bei der Betreuung des Hundes übernehmen kann, wie füttern, ausführen oder bürsten, fördern sein Einfühlungsvermögen, bringen es dazu, für Pünktlichkeit und Ordnung zu sorgen. Wissenschaftler, Ärzte oder auch Lehrer bestätigen immer wieder, dass Kinder, die einen Hund in der Familie haben, weniger problematisch sind. Sie sollen selbstbewusster, mutiger und durchweg gesunde, fröhliche Kinder sein.
Zahlreiche Briefe von glücklichen Hundebesitzern mit beigelegten Fotos von Hund und Kind haben es immer wieder gezeigt. Die Familien hatten es nur in den seltensten Fällen jemals bereut, einen Hund ins Haus geholt zu haben. In der Regel war er stets ein geduldiger Spielgefährte für das Kind.
Schon das Baby fühlte sich hingezogen zu dem warmen, wuscheligen Lebewesen, das seinerseits gerne die Nähe des Säuglings suchte. Der Vierbeiner sah in dem kleinen Menschenkind das Jungtier seiner Familie, also seines Rudels, und seine Liebe und seine Treue waren ihm sicher.
Menschen, welche als Kinder mit einem Hund aufgewachsen waren, hatten oft auch im Laufe ihres Erwachsenenlebens Hunde. Davon abgesehen, dass ein Hund seinen Besitzer zu mehr Bewegung ermuntert, ihn fit hält und zu vermehrten Sozialkontakten führt, bringt er alleine durch seine Anwesenheit viel Wärme und Liebe in das Haus. Man könnte sagen: „einmal Hund, immer Hund“, auch das bewiesen die zahlreichen „Stammkunden“, die über Jahrzehnte hinaus sich immer wieder einen neuen Vierbeiner heimholten.
Die erwachsenen Kinder endlich aus dem Haus, die Ehefrau vielleicht schon nicht mehr berufstätig, spätestens jetzt wagte sich auch die zögerlichste Familie an das Abenteuer Hund. Nun musste nur noch das passende Tier für die Interessenten gefunden werden.
Sportliche, lauffreudige Hundefreunde fanden schnell den einen oder anderen lebhaften Gesellen, mit dem sie sich athletisch betätigen konnten. Eher ruhigen Zeitgenossen empfahl ich dann natürlich den gemütlichen, entspannten Sofahund aus unserer Kuschelecke in der Futterküche. Waren beide Parteien erst einmal zusammengeführt und der Funke war übergesprungen, konnten es die neuen Besitzer kaum erwarten, den neuerworbenen Familienhund endlich mit nach Hause nehmen zu können.
Auch begeisterte junge Paare standen gelegentlich vor den Hundezwingern und wollten sich einen Vierbeiner zulegen. Leider waren in diesem Falle die Prognosen selten günstig. Selbst mit den allerbesten Absichten wurden gelegentlich die Hunde bereits innerhalb der ersten 12 Monate wieder weitergereicht. Entweder hatte sich beruflich etwas geändert, ein Umzug in eine neue Mietwohnung mit einem anderen Vermieter veränderte die Situation oder das gerade noch frisch verliebte Paar trennte sich wieder. Keiner konnte das Tier alleine betreuen und versorgen, und so blieb der Hund oft auf der Strecke.
Mich brachten die gemachten Erfahrungen der ersten Zeit schnell dazu, besonders kritisch bei der Tiervermittlung zu sein. Manche hatten Verständnis für meine Bedenken oder konnten mich vielleicht umstimmen, andere wollten meine Überlegungen nicht akzeptieren, dann gab es nur eins: Ehrlich und konsequent die Lage ansprechen und nein sagen. Natürlich hielt dieses ausgesprochene „Nein“ niemand davon ab, sein Glück woanders zu versuchen. Man bekam überall ein Tier, wenn man nur lange genug suchte. Es gab noch andere Tierheime, Privatleute, die ihr Tier in der örtlichen Tageszeitung anboten, und es gab sogar Tiermärkte, auf denen junge Hunde jeden Samstag aus den Kofferräumen der Händler heraus verkauft wurden. Trotzdem sollte mich dies nicht dazu bringen, meine Entscheidung zu ändern. Ich wollte auch in Zukunft noch ruhig schlafen können.
Allmählich wurde jeder Handgriff in meinem Hundebereich zur Routine. Es hatte sich alles eingespielt, meine Kollegin werkelte stattdessen in den Katzenzimmern, fütterte, putzte und betreute die schnurrenden Vierbeiner. Ich hatte es in den Sommermonaten richtig schön, war viel an der frischen Luft, packte regelmäßig kleine Hunderudel auf die Spielwiese und fand immer mehr Gefallen an meiner Arbeit. Unsere zwei Söhne waren in einer Tagesschule untergebracht. Nur an einem Tag in der Woche waren sie schon zur Mittagszeit zu Hause. Das war der offizielle Ruhetag unseres Tierheimes. So konnte ich mich also ganz intensiv meiner neuen Aufgabe widmen und ging voll darin auf. Unsere zwei Jungs fanden es natürlich auch spannend, mit so vielen Tieren unter einem Dach zu leben. Fast täglich kamen neue Findlinge dazu. Es hatte sich doch schnell herumgesprochen, dass man in diesem Tierheim getrost alles abladen konnte, was einem lästig geworden war. Aber natürlich nicht nur diese Problemfälle, sondern auch die ganz normalen Findelkinder. Von der kleinsten Zwergfledermaus angefangen, über einen bei uns selten gehaltenen Fennek, einen Wüstenfuchs, bis hin zum Affen kam so ziemlich alles im Laufe der Jahre zu uns.
Die Anzahl der Fundtiere stieg von Jahr zu Jahr immer mehr an. Es war nicht nur ein finanzielles Problem, immer mehr Tiere versorgen zu müssen, sondern es wurde auch immer mehr zu einem großen Platzproblem. Es war abzusehen, dass wir um bauliche Veränderungen auf Dauer nicht herumkommen würden. Da war natürlich mein Mann als Vereinsvorsitzender gefragt.
Die ersten Planungen für den Anbau eines weiteren Katzenzimmers und eines Kleintierhausanbaues begannen. Die Finanzierung musste gesichert werden. An erster Stelle stand nun wieder die Mitgliederwerbung. Der Verein zählte bei der Übernahme des Vorsitzes durch meinen Mann 670 zahlende Mitglieder. Ein starker Mitgliederzuwachs innerhalb der kommenden zwei Jahre verdeutlichte das neue Vertrauen in den Verein. Mittlerweile hatten wir fast 1000 Mitglieder! Diese Mitglieder stellten mit ihren Jahresbeiträgen eine erste Grundlage für die Finanzierung der geplanten Baumaßnahmen. Mein Mann führte zusätzlich Verhandlungen mit Stadt und Kreis, um Zuschüsse zu erhalten. Es war nicht einfach, aber irgendwann war die Planung abgeschlossen und es konnte mit dem Bau begonnen werden. Es wurde allerhöchste Zeit, denn die Katzenzimmer platzten bereits aus allen Nähten. Ganz besonders problematisch war es in der Auffangstation, in die erst einmal jede neuangekommene Katze aufgenommen werden musste. Die Stubentiger wurden dort zuerst einzeln in Boxen untergebracht, entwurmt, von Ektoparasiten befreit und geimpft. Erst wenn der Impfschutz aufgebaut war, durften sie im Zimmer mit ihren Artgenossen herumtoben und spielen. Da erwachsene Tiere auch noch kastriert werden mussten, konnte eine Box auch schon mal über vierzehn Tage belegt sein. Da die Tierzahlen auch bei den Katzen immer mehr anstiegen, wurde es mehr als eng. Überall standen Boxen mit jungen Katzenbabys, selbst in der Futterküche und im Heizungskeller musste man sie einquartieren.
Von meiner Kollegin im Katzenbereich musste ich erst mal wieder über das Wesentliche bei der Jungkatzenaufzucht informiert werden. Die vielen Katzenkinder, die mutterlos hier abgegeben wurden, durften nämlich auf keinen Fall mit herkömmlicher Milch gefüttert werden. Immer wieder wurden welche eingeliefert, bei denen der Versuch, mit Kuhmilch die Kleinen großzuziehen, schon begonnen hatte. Stark abgemagerte Welpen mit fast nicht zu stillendem Durchfall waren die Folge. Es ist der Milchzucker, auf den die Katzen so gravierend reagieren. Da nützt es auch nichts, die angebotene Milch mit Wasser zu verdünnen. Schnell musste also eine spezielle Katzenaufzuchtsmilch besorgt werden. Es war ein Pulver, welches man im heißen Wasser auflöst. Die kleinste Dose kostete schon mehr als 12 Liter Vollmilch aus dem Supermarkt. Kein Wunder, dass jeder gut meinende Katzenfreund es erst einmal mit der herkömmlichen Milch versuchte. Aber die Folgen für die Katzenbabys waren fatal.
Die winzigen Katzen mussten fortan alle drei Stunden gefüttert werden. Dazu kam noch das Bäuchlein zu massieren und von Zeit zu Zeit noch zu baden und wieder trocken zu föhnen. Nach Feierabend meiner Kollegin war es also meine neue Aufgabe, die kleinen Wollknäule am Abend und über die Nacht satt zu bekommen. Gut, dass ich im gleichen Gebäude wohnte und in einer Minute bei meinen Katzenbabys sein konnte. Wärmflaschen wurden gefüllt, die Katzenboxen mit kuscheligen Decken ausgelegt, alles, damit sich die Kleinen auch wohl fühlten. Am besten war es natürlich für die Jungkätzchen, wenn sie mit ihren Geschwistern eingeliefert wurden. Sie konnten sich aneinander kuscheln und hatten den so wichtigen Hautkontakt.
Für uns Pfleger bedeutete es eine gewaltige zusätzliche Arbeit, denn es kostete enorm viel Zeit, die Babys mit der Flasche großzuziehen. Alles, was die nicht vorhandene Katzenmutter getan hätte, musste nun von uns übernommen werden. Bei einem mittelgroßen Wurf von vier bis sechs Kätzchen dauerte es mindestens 20 - 30 Minuten, bis alle satt waren und wieder entleert und gesäubert in ihren Quartieren lagen. Dann hatte man gute zwei Stunden „Luft“, bis die Ersten wieder unruhig wurden und nach ihrer Milch verlangten. Erst als sie anfingen, feste Nahrung zu sich zu nehmen, hatte sich dann die Lage wieder etwas entspannt. Das tägliche Baden war dann unumgänglich, weil die kleinen Wollknäule meistens mit zwei Pfoten im Futter standen und rein hauten wie kleine Löwen. Dementsprechend sahen sie danach auch aus.
