Reise zu einer Pferdeseele - Vera Malissa - E-Book

Reise zu einer Pferdeseele E-Book

Vera Malissa

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Beschreibung

Kann ein Pferd das Leben seiner Besitzer von Grund auf verändern? Als die Autorin von ihrem Mann einen Gutschein für Anfängerstunden in der nahen Reitschule erhält, trifft sie dort auf das schwer traumatisierte Schulpferd Sanchez, dessen Schicksal sie nicht mehr loslässt. Gegen alle Vernunft kauft sie das Pferd und lernt, auf sein Wesen und seine Bedürfnisse einzugehen. Doch Sanchez leidet an einer heimtückischen Krankheit, die beide vor neue Herausforderungen stellt. Die gemeinsame Entwicklung verändert nicht nur Sanchez, sondern prägt auch Vera Malissa, die zu einem Menschen wird, für den das Wohl der Pferde im Mittelpunkt steht. Ein Buch über Zweifel, Angst und Liebe, wie es nur das Leben schreiben kann. Mit 12 farbigen Abbildungen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Vera Malissa

Reise zu einer Pferdeseele

Mit einem Vorwort vonHelmut Dillmann

Inhalt

Cover

Titelblatt

Widmung

Vorwort

Die Reise beginnt

Traum

Ich habe ein Pferd.com

Erste Schritte ins Pferd-Sein

Für Sanchez zum ersten Jahrestag

Du und ich

Träume

Gegen alle Zwänge

Für Sanchez zum 6. Jahrestag

Die Wende

Freie Pferde

Für Sanchez zum 8. Jahrestag

Stunden und Tage der Angst

Liebe ist nicht nur ein Wort

Traum

Danke …

Glossar

Über die Autorin

Urheberrechte

Reise zu einer Pferdeseele

Cover

Titelblatt

Widmung

Vorwort

Über die Autorin

Urheberrechte

Reise zu einer Pferdeseele

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Für alle Pferde,

die an DSLD leiden,

die physisch oder psychisch misshandelt werden,

die krank sind,

oder einfach nur alt

Vorwort

Wie reist man zu einer Pferdeseele?

Ich kann versichern, es ist keine Pauschalreise. Sie ist vielmehr vergleichbar mit einem Unterfangen, wie man es in früheren Zeiten, vielleicht im Mittelalter erlebt haben mag. Das Ziel ist zunächst ebenso unklar, wie ungewiss der Ausgang sein mag. Es ist eine beschwerliche Fahrt, mühselig und voller Strapazen, doch ebenso beglückend.

Letztlich handelt es sich um ein Abenteuer voller Gefahren mit unsagbaren Momenten des Schmerzes und des Glücks. Vielleicht hat man am Anfang noch geglaubt, man wolle lediglich einmal Paris sehen, doch dann hat einen die Reise unerwartet über die Pyrenäen geführt und im Süden Spaniens setzt man mit dem Schiff über und bereist schließlich einen anderen Kontinent.

Doch was für eine Magie! Wieder zuhause weiß man nicht, ob man geträumt hat. Ist man wirklich zu einer Pferdeseele gereist, oder hat sich diese Pferdeseele nicht selbst auf den Weg gemacht, um die eigene Seele derart eindrucksvoll zu berühren, dass nichts im Leben mehr so ist, wie es war.

Die Autorin beschreibt ebenso berührend wie eindrucksvoll authentisch, wie sie zum Pferd gekommen ist. Es ist eine Reisebeschreibung, die nicht nur die Highlights und Sehenswürdigkeiten offenbart, sondern ebenso schonungslos alle Zweifel, Nöte, Unpässlichkeiten und verzweiflungsvolle Momente, die eine solche Reise mit sich bringt. Letztlich hat es etwas von einer spirituellen Pilgerreise, einer Art Jakobsweg, die innerlich tief bewegt.

Helmut Dillmann, im Mai 2023

Die Reise beginnt

Als ich dich das erste Mal getroffen habe, wusste ich nichts. Nichts vom Reiten, und schon gar nichts von Pferden. Sie sagten, dein Name wäre Sanchez, und du trugst eine exotisch gemusterte Decke unter deinem Sattel. Dazu kam dein kupferrotes Fell, und so dachte ich, du wärst sicher ein mexikanisches Pferd. Erst viel später erkannte ich, dass man dir ein Westernpad unter den Springsattel gelegt hatte, um zu verhindern, dass dir der Sattel, der dir überhaupt nicht passte, den Rücken wundscheuern würde. Es hat nicht geholfen.

Ich war damals schon in einem Alter, das man gemeinhin als »fortgeschritten« bezeichnet, denn ich ging auf die fünfzig zu, und dass ich vor einiger Zeit zu reiten begonnen hatte, war einer reinen Verlegenheit geschuldet. Mein Mann Wolfgang hatte mir zum Geburtstag einen Gutschein für einen Zehnerblock Reitstunden geschenkt – offensichtlich war ihm kein anderes Geschenk eingefallen. Nachdem wir uns telefonisch versichert hatten, dass der Gutschein länger als ein Jahr und also auch im darauffolgenden Frühling noch gültig war, schafften wir es vierzehn Monate später endlich, die paar Kilometer zur Reitschule im Nachbardorf zu fahren. Zuvor hatte ich allerdings meinen Mann überredet, ebenfalls mitzumachen, denn allein traute ich mich nicht.

Als wir den Stall betraten, war kein menschliches Wesen in Sicht, nur im Dunkel der Boxen erahnten wir unruhige Bewegungen, und manchmal hörten wir ein Schnauben und Scharren. Wir schlenderten durch die Stallgebäude, auf der Suche nach irgendjemandem, den wir nach Reitstunden fragen konnten. Mir war ein wenig mulmig zumute, und ich hielt mich immer schön in der Mitte der Gänge. Denn die Pferde streckten ihre große Köpfe nach mir aus, sie wollten mich doch nicht etwa beißen? So seltsame Wesen! Doch wenn Wolfgang stehenblieb, um eines zu streicheln, wagte ich mich vorsichtig näher heran.

Als wir eine halbe Stunde lang niemanden trafen (bis auf ein paar junge Damen hoch zu Ross, die uns keines Blickes würdigten), zogen wir wieder ab und beschlossen, telefonisch einen Termin zu vereinbaren. Einige Wochen später las ich in der Lokalzeitung, dass der Reitstall einen Tag der offenen Tür veranstalten würde. Sehr gut, wenn wir da hingingen, würde sicherlich jemand da sein, der uns wegen der Einlösung des Gutscheins Auskunft geben konnte!

Es wurde ein netter Nachmittag mit Brötchen, Getränken und Reitvorführungen. So selbstsicher gingen die Kinder mit diesen großen und starken Geschöpfen um! Wie alle kleinen Mädchen hatte auch ich als Kind den Wunsch gehabt, reiten zu lernen, doch damals war der Unterricht noch sehr elitär, und meinen Eltern schlicht zu teuer. Interessiert beobachteten wir das Treiben und erfuhren, dass es sich um einen Reitverein handelte, der sich auf den Springsport konzentrierte, und das Besitzerehepaar und noch einige andere recht erfolgreich Turniere bestritten. Neben diesen speziell ausgebildeten Pferden gab es dort noch die Freizeitpferde »normaler« Einsteller und vier Schulpferde für den Unterricht.

Schließlich fanden wir den Stallbesitzer, erzählten ihm von unserem Gutschein und fragten vorsichtig nach, ob Reitunterricht in unserem fortgeschrittenen Alter denn schwierig wäre und ob er es sich zutrauen würde, uns Reitstunden zu geben. Aber Max, so hieß er, dachte wohl auch an seinen Verdienst, als er meinte, unser Alter wäre überhaupt kein Problem, und in ein kleines Büchlein unsere erste Reitstunde eintrug.

Locker in Jeans und Turnschuhe gekleidet – aber doch ziemlich nervös – fanden wir uns ein paar Tage später pünktlich zur vereinbarten Zeit im Reitstall ein. Auf die nette Begrüßung: »Jetzt kommt’s erst daher???«, fiel uns so lange nichts ein, bis wir erfuhren, dass ein Pferd vor dem Beginn der Stunde von den Reitschülern geputzt, aufgetrenst und gesattelt werden musste. Aber weil es unsere erste Stunde war, wurde das vor unseren staunenden Augen von Max selbst erledigt, begleitet von den mahnenden Worten: »Das nächste Mal macht ihr es aber allein!«

Mit geübten Griffen führte er das Zaumzeug über den Kopf des Pferdes und schob die metallene Trense in sein bereitwillig geöffnetes Maul. Konnte man dabei nicht in den Finger gebissen werden? Die vielen herabhängenden Riemen verband er geschickt mit Schnallen, und ich versuchte mir die richtige Reihenfolge zu merken. Dann beugte er sich zu den Hufen des Pferdes hinunter, nahm sie sogar in die Hand und kratzte mit einem kleinen Werkzeug an ihrer Unterseite herum. War das nicht gefährlich? Was, wenn das Pferd plötzlich ausschlug? Doch nichts geschah, auch nicht, als er um jedes der Pferdebeine eine Bandage wickelte. Wofür das alles gut war und welchen Zweck es erfüllen sollte, erfuhren wir allerdings nicht. Ebensowenig wie etwas über das Lebewesen Pferd an sich, seinen Körper oder seine Bedürfnisse.

Wir bekamen Ginger zugeteilt, einen Schimmel. Wie wir später erfuhren, war er ein erfahrenes und gewitztes Schulpferd, das jedem Anfänger das Gefühl gab, es innerhalb kürzester Zeit zu beherrschen. Kein Wunder, reagierte er doch perfekt auf die Befehle des Reitlehrers, ohne sich groß darum zu kümmern, was die armen Reitschüler auf seinem Rücken da oben alles aufführten. Nach einem beherzten Schubs von Max saß ich oben, mehr schlecht als recht, und los ging es an der Longe. Zwei Runden Sitz- und Balanceübungen, und ab ins Leichttraben. Nach einer halben Stunde stieg ich ab, mit zittrigen Knien und einem Gang wie John Wayne in seinen besten Zeiten, aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Nachdem dann auch Wolfgang seine halbe Stunde absolviert hatte, entdeckten wir gemeinsam, dass auch bisher unbekannte Muskeln in unseren Körpern ziemlich schmerzen konnten. Und bei zwei Dingen waren wir uns einig: Wir hatten null, absolut null Kondition, und es hatte Spaß gemacht.

Bei der zweiten Stunde waren wir dann schon schlauer. Wir erschienen fünfzehn Minuten früher, versuchten uns zu erinnern, wo die Sattelkammer war, und wo sich dort Zaumzeug und Sattel für Ginger befanden. Zum Glück war alles ordentlich beschriftet und bald machten wir uns zu zweit voller Eifer an die Arbeit. Als unsere Stunde dann anfangen sollte und wir noch nicht in der Reithalle erschienen waren, kam Max in den Schulstall, um zu sehen, was dort vor sich ging.

Es ist wirklich schade, dass ich damals keine Kamera dabei hatte! Der arme Ginger muss einen mitleiderregenden Anblick geboten haben. Die Bandagen waren verdreht, viel zu locker und zu hoch am Pferdebein angelegt, sodass sie bereits begonnen hatten, wieder herunterzurutschen. Der Sattel hing schief und mehr schlecht als recht auf dem Pferderücken, und zwei Menschen versuchten, ein hoffnungslos verwickeltes Zaumzeug irgendwie über den geplagten Pferdekopf zu stülpen. Also mussten wir unter Aufsicht wieder von vorn anfangen – bis zum Aufzäumen, was dann Max selbst erledigte, mit irgendwelchen gemurmelten Worten, die so klangen wie »da kann i ned zuschaun …«

Noch heute bin ich dankbar für die endlose Geduld dieser Schulpferde. Uns war es nur wichtig, reiten zu lernen, das ganze Drumherum empfanden wir als lästige Pflicht und erledigten es so schnell wie möglich. Wenn das Pferd, das uns zugeteilt war, bereits vor uns eine Stunde mit einem Reitschüler hatte, und wir es fix und fertig gesattelt und aufgezäumt übernehmen konnten, war das für uns wie ein Gewinn im Lotto. Du warst zu diesem Zeitpunkt noch nicht da.

In der Folge kam es zu einem mustergültigen ehelichen Teamwork. Da ich immer als erstes mit meiner halben Stunde dran war, und angeblich als Frau geschickter, übernahm Wolfgang das Satteln, und ich das Bandagieren und Aufzäumen. Dann führte ich das Pferd in die Halle oder zum Reitplatz und absolvierte meine halbe Stunde an der Longe. Danach wechselten wir, und am Ende seiner halben Stunde befestigte Wolfgang die Steigbügel ordnungsgemäß unter dem Sattel und führte das Pferd wieder in die Box. Absatteln und Wegräumen aller Utensilien war seine Aufgabe, für das Auskratzen der Hufe und das Füttern (wir hatten meist die letzte Stunde und mussten daher auch das vorbereitete Futter in den Futtertrog geben) war wiederum ich zuständig.

Nach den zehn Stunden an der Longe fand Max, dass wir nun bereit wären, frei zu reiten und er uns von der Leine lassen könne. Was für ein Gefühl, ich sollte nun allein dafür sorgen, dass das Pferd machte, was ich von ihm wollte! Ich würde ein so großes und starkes Wesen beherrschen lernen, ohne die zusätzliche Sicherheit der Longe! Brav tat ich alles, was mir befohlen wurde.

»Fersen tief!«

»Sitz gerade!«

»Knie zusammen!«, schallten die Kommandos durch die Halle.

»Gib ihm eins mit der Gerte! Der Gaul verarscht dich doch nur!«

Das allerdings wollte ich nicht. Warum sollte ich das Pferd schlagen? Ich wollte doch keinem Tier weh tun!

»Du musst dich durchsetzen, pack ihn an!«, hallte es in meinen Ohren. Schon, aber ging das nicht anders? Ein kleiner Wehmutstropfen schlich sich in meine Freude an der neu gefundenen Sportart, und meistens tat ich nur so, als ob. Doch was an der Longe so einfach gewesen war, funktionierte nun überhaupt nicht mehr. Also mussten wir lernen, uns durchzusetzen, so glaubten wir zumindest. Und der Reitlehrer sollte es doch wissen! Irgendwann wurde der Gebrauch der Gerte als »Hilfe« selbstverständlich, und ich begann das Gefühl zu genießen, über das Pferd zu bestimmen und reiterlich weiterzukommen. Der Reitsport machte mir wieder Spaß, ich würde wohl dabei bleiben.

Konsequenterweise beschloss ich, ein neu eröffnetes Reitsportgeschäft aufzusuchen und mir eine Reithose zu kaufen. Mit dem neuen Outfit fühlte ich mich viel wohler im Sattel und ich meinte, die Bewegungen des Pferdes intensiver zu spüren und besser darauf eingehen zu können. Ich machte recht gute Fortschritte, nur Wolfgang schien nicht ganz glücklich. Erst, als er zum wiederholten Male darüber klagte, durch die Jeansnaht Schmerzen und blaue Flecken an den Oberschenkeln zu haben, konnte ich ihn überreden, sich ebenfalls eine Reithose zu kaufen. Und auch bei ihm stellte sich der Effekt ein, dass er damit viel lockerer auf dem Pferd saß. Kleider machen also nicht nur Leute, sondern offensichtlich auch Reiter, und wir waren wohl auf dem besten Weg, welche zu werden.

Unsere Reitstunde jeden Mittwochabend entwickelte sich zu einem festen Bestandteil unseres Alltags. Es tat gut, das tägliche Einerlei hinter sich zu lassen und beschwichtigte das schlechte Gewissen, ansonsten überhaupt keinen Sport zu betreiben. Allerdings hatten wir manchmal das Gefühl, nicht so recht voranzukommen. Also sagte Wolfgang zu Max, dass wir nun endlich auch frei galoppieren lernen wollten. Und bei ihm klappte es auch auf Anhieb, nur bei mir wollte Ginger einfach nicht »anspringen«. An der Longe und mit der Hilfe des Reitlehrers war das nie ein Problem gewesen, doch wenn ich nun die Galopphilfe gab, wurde der Trab zwar schneller, doch wie sehr ich mich auch bemühte, Galopp wurde keiner daraus. Wieder und wieder probierte ich es, aber obwohl ich alle Ratschläge und Tipps befolgte, endeten meine Versuche stets damit, dass ich mit Ginger im Renntrab durch die Halle oder über den Reitplatz jagte. Galoppieren zu können wurde zu einer fixen Idee, und meine Anstrengungen wurden immer verbissener. Sollte ich den Traum vom Reiten deswegen begraben müssen?

Wenn Max auf Turnieren unterwegs war, standen immer andere Ersatzreitlehrerinnen parat, um sich um die Reitschüler zu kümmern. Eine davon kam auf die Idee, Ginger von hinten eine »Starthilfe« zu geben, während ich aus einer Kreislinie heraus angaloppieren sollte. Das half auch, denn als die Gerte Ginger berührte, machte er einen Satz, sprintete los und legte sich in die nächste Kurve. Die Schwerkraft traf mich völlig unvorbereitet und zog mich seitlich abwärts, da half auch der Versuch nicht, mich an Gingers Hals festzuklammern. Ich fand mich auf dem Boden wieder, und der arme Ginger, der mindestens ebenso erschrocken war wie ich, galoppierte aus dem Reitplatz und in den Hof hinaus. Zum Glück blieb ich unverletzt, und nachdem wir Ginger wieder eingefangen hatten, stieg ich mit wackeligen Knien wieder auf, um noch ein paar Runden zu traben. Vom Galoppieren hatte ich allerdings erstmal die Nase voll!

So plätscherten die Monate dahin, und nach etwas über einem Jahr wussten wir: Die halbe Stunde Reitunterricht war uns zu wenig. Immer, wenn es anfing, Spaß zu machen, wir richtig locker wurden und Ginger gut lief, war es vorbei. Wir hatten das Gefühl, einfach nicht weiterzukommen, und schoben das zum Teil auch auf unseren Reitlehrer, den wir im Verdacht hatten, uns als brave und sichere Einkommensquelle zu betrachten. Und weil gerade auch die Urlaubsplanung im Gespräch war, begann ich im Netz zu surfen, und bald stapelten sich zu Hause die Kataloge über Reiturlaube. Nur war die Auswahl gar nicht so einfach, denn meist stand da, man solle sicher in allen Gangarten sein. Nun, es musste also wohl etwas sein, wo man auch Reitunterricht nehmen konnte.

Schließlich fanden wir, was wir suchten, und fuhren an einem Freitag nach der Arbeit im Dunkel der Nacht die kurvigen Straßen zu einem Reiterhof empor. Unsere späte Ankunft hatten wir angekündigt, und wir wurden in der angeschlossenen Pension herzlich empfangen und kulinarisch verwöhnt.

Am nächsten Morgen entdeckten wir dann vom Balkon aus, wo wir eigentlich gelandet waren: So weit das Auge sehen konnte, nur Wiesen, Wälder, und Pferde. Es war ein wunderschöner Anblick, und sofort fühlten wir uns wie zu Hause. Die Pferde standen in kleinen Gruppen zusammen, die großen Köpfe im grünen Gras vergraben. Ganz langsam bewegten sie sich vorwärts, einzig ihre Schweife schlugen rhythmisch nach der einen und anderen Seite. In das Tirilieren der Vögel mischte sich leise das Summen von Insekten. Erste Sonnenstrahlen wärmten meine Haut, doch die Morgenluft roch noch frisch, und tief atmete ich den Frieden ein, den der Anblick dieser Pferdeherde verströmte.

Wir hatten uns für drei Reitstunden eingetragen, an jedem Tag eine, und waren gespannt, wie es uns ergehen würde, wenn wir eine ganze Stunde auf einem Pferd aushalten müssten. Und dann kam die Stunde der Wahrheit – das erste Mal auf einem »fremden« Pferd, und das erste Mal eine Gruppenstunde!