Reiseziel Selbsterfahrung - Pramesh Gerhard Kunz - E-Book

Reiseziel Selbsterfahrung E-Book

Pramesh Gerhard Kunz

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Beschreibung

Der Wunsch, das eigene Leben zu bestimmen, durchzieht die Biographie des Autors wie ein roter Faden. In den 1980er Jahren führt die Sehnsucht nach dem wahren ICH geradewegs in die Szene experimenteller Selbsterfahrung, deren Einladung der Autor als junger Mann wissbegierig folgt. Die eigene Welt erschaffen, Veränderungen im Außen durch die therapeutisch-spirituelle Transformation im Inneren herbeiführen - was für eine Verlockung! Geradezu süchtig nach Selbsterfahrung zwischen Osho, Veeresh und dem ominösen Meister H. schlägt der Autor mit leidenschaftlichem Ernst auf Matratzen und sonstige Projektionsflächen, hasst und liebt die Eltern, lässt sich mit Haut und Haaren auf Frauen ein, verneigt sich vor Meistern und wird schließlich zu Pramesh. Was haben diese Jahre der Arbeit an sich selbst am Ende gebracht? Die Erkenntnis, dass die wirkliche Befreiung erst dadurch erfolgt, sich auch vom Wahn nach Selbst-Verbesserung zu befreien. Nicht mehr davonlaufen, sondern bleiben, vollkommene Freude und Zufriedenheit spüren, die Gegenwart erleben, endlich auch ohne äußeren Meister. Es ist der Leserin oder dem Leser überlassen, ob Nachahmung daheim oder auf einem der immer zahlreicher angebotenen Seminare und Gruppen in diesem immer mehr kapitalistisch ausgerichtetem Wirtschaftsfaktor gewünscht ist oder ob man es lieber nur beim Lesen dieses Buches belässt. Achtung - manches kann zu extremem Kopfschütteln führen, manchmal auch durch Lachen. Der Erzähler kann dabei ganz gut über sich und seine Wege schmunzeln, auch wenn manches davon zum Heulen war. Wie hat alles begonnen und wie wird es weitergehen?

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Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Subhash

Intro – Nur einer kann dein Leben ändern, Du!

Vorneweg – der Weg zum Ziel

In den blauen Augen von Meister H.

Körpertypen & Typenkörper – Was in aller Welt ist ein Psychopath?

Der Händedruck der alten Inderin

Körpertypen & Typenkörper – weiter geht es – bin ich masochistisch oder völlig schizoid, dabei auch noch rigid?

Das erste Intermezzo – zurück bei Kunstmausoleum und Badeteich

Stuart Wilde – Die mystische Lebensweise – oder wie die Suche begann (ja nach was denn eigentlich?)

Humaniversity – Schule für Meister – Glückseligkeit jenseits der Furcht

Ein Tag ohne Risiko ist ein nicht gelebter Tag

Vom Fuchs zum Zwerg – mit weißem langen Bart und Umhang

Das zweite Intermezzo – wieder einmal zurück mit fünf Fingern und mehr

Schau Dich doch einmal um, alles nette Leute hier, oder?

Mit der Schwebebahn zum Supernova

Das dritte Intermezzo – was ist eigentlich wirklich lebenswert?

Gruppenfeedback & Mann und Frau & Projektionsspiegelungen aller Art

Willkommen im Club der weißen Wolken

Das vierte Intermezzo – zurück am Weg und weiter geht der Weg – doch wohin?

Tanz der Geschlechter, zum Sterben schön und sexy

Erleuchtet in einer Höhle, das reicht nicht

Die vertiefende Wiederholung – und täglich grüßt das Murmeltier

Keine Rückblende mehr – leuchte weiter Du verrückter Diamant

Nachtrag

Thank You!

Vorwort von Subhash

Hier liegt ein Buch über Selbsterfahrung in vielerlei Sinn vor.

Sich selbst zu suchen ist für die meisten Leute im Westen ein absurdes Unterfangen. Und doch gibt es einige wenige, denen der Verdacht gekommen ist, dass sie vielleicht gar nicht die sind, für die sie sich halten. Möglicherweise sind sie im Großen und Ganzen recht zufrieden, aber irgendetwas fehlt in ihrem Leben, und sie wollen der Sache auf die Spur kommen. Ein Mensch der westlichen Welt, der meint, sich selbst erfahren zu wollen, begibt sich oft zu allerlei Lehrer*innen und Meister*innen um Rat einzuholen. Wie man an Prameshs „Reisebericht” sehen kann, stellen diese ihre Schüler*innen in ungewöhnliche bis extreme Situationen hinein, um sie aus dem gewohnten und nicht mehr bewusst wahrgenommenen Alltag heraus zu holen oder um ihnen Bereiche ihres Seins zu zeigen, die sie nicht kennen.

Außergewöhnliche Erfahrungen kann man auf zwei Arten machen: durch Minderung oder durch Überfülle. Ich selbst habe im Gegensatz zu Pramesh immer die freiwillige materielle Minderung vorgezogen, weil ich davon überzeugt bin, dass es irgendwo erzwungenen Mangel geben muss, wenn anderswo Fülle herrscht (auch er hat diesen Umstand in seiner Erzählung kurz angedeutet): „Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.”

Ja, es stimmt schon, man kann monatelang von Freude überwältigt sein, sich vor Angst ins Hemd machen, die persönlichen Grenzen überwinden, dutzende Tabus brechen, sich als Meister des Universums fühlen und dabei auf all die armen Würmchen herabsehen, von denen man früher selbst eines war. Für die Tradition, der ich mich verbunden fühle, ist dies alles Maya, Täuschung, nicht echt, nicht wahr und schon gar nicht „das Selbst”. Es hat mit Selbsterfahrung nichts zu tun. Das bedeutet allerdings nicht, das das alles unnütz ist, kann es doch deutlich machen, was jenseits des geschäftigen Getriebes bleibt, was beständig ist – wenn man Glück hat. Wenn man „Gnade erfährt”, wie es in spirituellen Kreisen genannt wird. Das Dumme an Gnade ist allerdings, dass man sie nicht herstellen kann: Sie wird einem geschenkt. Sie ist genauso wenig zu erreichen, wie ein „Selbst” zu erreichen ist, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Für den indischen Heiligen Ramana Maharshi war die einzige zielführende Frage, wenn man aufs Wesentliche aus war: „Wer bin ich?” Stellt man sie mit Beharrlichkeit und erforscht man sie ernsthaft, eröffnet sich das, was ohnehin nie verborgen war: das, was man in seinem tiefsten Grund ist. Hier im Westen aber, wo alles zur Ware wird, hat sich mit der Zeit ein Selbsterfahrungsmarkt aufgebaut. Was unter diesem Titel angeboten wird ist sehr unterschiedlich, hat aber mit Ramana Maharshi meist sehr wenig zu tun, denn ihm ging es nicht um wechselnde Zustände, nicht um wunderbare Erlebnisse, Äußerlichkeiten oder psychologische Aspekte einer Person, sondern um das absolute Subjekt. Um „den”, der alles wahrnimmt. „Kümmere dich nicht um das, was kommt und geht, sondern um das, was bleibt!”, war sein Rat an einen Besucher, der mit seinen (spirituellen) Erlebnissen prahlte und später mein Guru wurde.

Wenn die Zwiebel nämlich ganz zu Ende geschält wird, bleibt gar keine Perle, sondern … – gar nichts, und das war immer schon hier. (Nicht dort!) Das Selbst, das, was ich in Wahrheit bin, ist nicht von dieser Welt. Es ist nicht erfahrbar. So lange irgendetwas gefunden wird, würde Ramana fragen: „Wer findet; wer erfährt?” Jede Erfahrung, jede Wahrnehmung, die mir geschieht, nehme ich wahr, erfahre ich. Wer aber ist dieses Ich? Kann sich ein Zahn beißen, sich ein Auge sehen? Das erste Subjekt ist nicht existent, nicht hervorgegangen, sondern der unerkennbare, aber erkennende Urgrund allen Seins.

Was also tun? – Im Grunde ist es ganz einfach: Nichts, was jemand tun oder vermeiden kann, wird die Essenz enthüllen. Gar nichts. All die Seminare, Workshops, Kurse, Übungen und Methoden führen immer nur weg von dir. (Dieser Satz ist zwar auch nicht die Wahrheit, aber ein hilfreiches Konzept.)

Das hören wir hier in dieser christlichen Kultur nicht gerne, wo die Idee eines individuellen unsterblichen Wesenskerns verbreitet ist. Seele hat man ihn früher genannt, heute spricht man vom Wahren Ich, von der Essenz, dem Neuen Menschen. Und so suchen ein paar Zehntausend (so viele sind’s ja nicht) nach ihrer Authentizität, nach dem, was sie wirklich wollen, was Bestand haben soll, was alles Leiden beendet. Denn sind wir uns ehrlich: Wen interessiert schon Wahrheit?! Wir wollen nicht leiden; immerwährendes Glück ist es, was wir tatsächlich suchen. Ist es denn aber nicht offensichtlich, dass nichts, was vergänglich ist, immerwährendes Glück bringen kann? Schwingt nicht bei jeder neuen Errungenschaft (materiell, geistig oder spirituell) die Angst mit, dass sie verloren, zugrunde gehen wird? Alles, was gekommen ist, nicht immer anwesend war, wird wohl auch wieder gehen. Wenn mein Glück davon abhängig ist …

Dann hat man ein Problem. Scheinbar. Nur scheinbar, denn der Weg ins Innerste steht immer offen. Man muss weder glücklich, noch enttäuscht, weder heilig, noch erfolgreich sein, nicht rein oder erfahren, nicht alt oder jung. Man muss nicht üben, keine Disziplin einhalten (schadet aber auch nichts), man braucht keinen Guru und schon gar keine*n Lehrer*in. Das alles bewegt sich an der Oberfläche und ist nicht das ominöse Selbst.

Manche Menschen müssen anscheinend erst einmal von all dem Glanz und Reichtum, der ihnen gewährt wurde, übersättigt werden. (Sie selbst glauben meist, er stünde ihnen zu. – Oh, weh!) Sie müssen merken, dass jeder Wunsch, sobald er erfüllt wird, Junge bekommt, die einen im Hamsterrad am Laufen halten. In meinen Augen, ein aussichtsloses Unterfangen für 98% der Menschheit: Sie werden nie alle Wünsche erfüllen können und Zeit ihres Lebens glauben, wenn doch nur … dann! Glücklich ist, wer (wie Pramesh) mit der Zeit erkennt, dass alle diese sozialen Rollen „nur” Masken sind. Dass alles ich sein kann, aber nichts wirklich und dauerhaft.

Als die Wahrheitssucher im Film „Montana sacra” endlich den Berg bezwungen haben und den am Gipfel versammelten Weisen die Kapuzen vom Kopf reißen, finden sie … – nichts. Das ist Erleuchtung, das ist Glück, das ist die Erfüllung, die kein Geschehnis auf der Welt stören kann.

Seltsam nicht? Die absolute Enttäuschung ist der absolute Erfolg. Wie hört sich das an für einen Karrieremenschen im kapitalistischen Wettlauf? Das wollte er nicht, das war nicht das Glück, wie er es sich vorgestellt hatte. Das ist nicht der „Meister des Lebens”, nicht „In der Fülle leben”, nicht „Endlose Party”. Oder doch?

„Wen kümmert’s?”, würde Ramana fragen.

… und so ließ ich nochmal tiefer los und gab mir einen Stoß, alles brauste hoch und wurde riesengroß. ich löste mich auf, wurde leer und bloß und verstand, mein Gott, ich bin der Fluss nicht das Floß.

(Käptn Peng: „Oha”)

www.subhash.at

1 Intro

Nur einer kann dein Leben ändern, Du!

(Meister H.)

Irgendwann tauchte der Wunsch nach Veränderung in meinem Leben oder besser gesagt gewisser Aspekte davon auf. Manchen Menschen geschieht das mehr, anderen weniger, vielleicht gibt es auch welche, denen so ein Wunsch unbekannt ist. Vielleicht haben es die am Besten? Besonders in Phasen, wo ich mich eher als Opfer der Umstände gefühlt habe, wollte ich durch Bücher, Kurse und Seminare mehr „der Schöpfer meines Lebens“ werden, was ja manchmal regelrecht versprochen wurde. „Lass dir das zeigen … probiere es aus …“ ist ein Motto der Selbsterfahrungsszene. Was ist real möglich und was ist Illusion beim therapeutisch spirituellen Wachstum?

Einmal eingestiegen in das oft auf gegenseitige Illusion aufgebaute Meister-Schüler-Spiel, bekommen dann solche Sätze einen sehnsüchtigen Beigeschmack:

„Alles, was in deinem Leben bisher aufgetaucht ist, deine Umgebung, deine Freunde, deine Familie, das Verhalten deiner Kunden … alles das hat mit dir zu tun. Es ist ein Ausdruck deines Inneren. Was drinnen ist, zeigt sich im Außen. Du wirst glauben, das Opfer von Umständen zu sein. Und du wirst versuchen, das Außen so zu verändern, dass es dich nicht mehr trifft. Das ist der Kapitalfehler. Die kreierende Kraft bleibt erhalten. Du wirst wieder das gleiche oder etwas ähnliches erfahren …, weil du es so gewählt hast.“

Klarerweise möchte man dann die Lösung hier und dort finden, besonders wenn sie einem fast schon garantiert wird.

„Du würdest Verantwortung für dein Leben übernehmen, jetzt und immer. Damit hättest du ein Werkzeug in der Hand, dessen Wert du im Moment noch nicht abschätzen kannst. Du würdest damit alle deine Verhaltensmuster auflösen können. Und du würdest ein unglaubliches Potential entdecken, dein Potential.“

Wie verhält es sich aber bei all diesem Suchen mit der ganz normalen Entwicklung, die das Leben eventuell selbst hervorbringt?

Dieses Buch ist all meinen Selbst-Erfahrungen gewidmet, die mich 35 Jahre lang stetig auf meinem Weg begleitet, mich vor- und zurück und wieder in die Mitte und immer wieder auch ganz hinaus katapultiert haben. Die Ereignisse spielen in verschieden Ländern und Kontinenten, denn auch im Außen bin ich viel herumgekommen.

Das Buch handelt vor allem aber auch vom schillernden Meister H., mit dem ich den für mich vorerst letzten längeren Weg der Selbsterfahrung gegangen bin. Von ihm stammen auch die in diesem Intro erwähnten Zitate. Genau so wichtig, wie aus verschiedenen Illusionen des Lebens auszusteigen, ist es letztendlich auch, die sich wiederholenden Schleifen des Suchens zu verlassen. Dass dabei oft Einiges demontiert wird oder sich selbst zerlegt, ist klar.

Das Buch beginnt mit meiner ersten Reise zu Meister H., beschreibt dann die Erfahrungen bei mehreren Seminaren mit und bei ihm, bis zur Loslösung davon. Dabei lasse ich nicht aus, meine anfängliche Skepsis zu beschreiben, die weitere (Selbst) Hypnose, die Faszination, sowie die oft tiefgreifenden Veränderungen zu beschreiben und schlussendlich auch die Hinterfragung zu eröffnen.

Zwischendurch wird der Leser oder die Leserin immer wieder durch Rückblicke zu anderen Stationen meines Lebens geführt. Die dabei entstehende Verwirrung ist zufällig gewollt. Und ganz wichtig, wie auch Manuela Marchal schon sagte:

Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig, ebenso die Ähnlichkeit mit Fischen.

2 Vorneweg – der Weg zum Ziel

Es gibt keinen Anfang und kein Ende, nur die Reise dazwischen.

(Marshall N. Lever)

Sommer 2012 – Atlantikinsel

Ja, es stimmt, „Über den Wolken scheint immer die Sonne“, dachte ich im Flugzeug am Fensterplatz vor dem Flügel. Das Europäische Festland war schon länger verlassen und so in dieser Höhe, wo es auch schon gar keine Wolken mehr gab, sah ich hinunter auf das endlose Meer. Eine scheinbar endlose Reise durch mein Leben, eine Reise in mich hinein und wieder hinaus. Die sogenannte Spiritualität mit dem Trubel des Marktplatzes gepaart – auch eine Reise durch das Spiel des Lebens, in stiller oder auch schon mal lauter Freude – mit allem Hin und Her. Immer wieder mal den Wunsch, das Spielbrett wegzuwerfen. Es ist so viel Denkzeit während eines langen Fluges zu der Insel.

Eine leichte Aufregung ist da, wie wird das sein? Eine Gruppe von TeilnehmerInnen auf einer Insel im Ozean. Ein Transformationsprozess über neun Wochen auf zwei Jahre verteilt. Allein schon das Wort „Transformation“ kann leichte Angst machen. Na ja, mir doch eigentlich nicht, schließlich bin ich ein alter Hase oder besser gesagt Löwe in solchen Sachen. Und doch tauchen in Erinnerung Ängste auf, die schon da waren, als ich vor über zehn Jahren zum ersten Mal einen Prospekt über diese Gruppe in meinen Händen hielt. In diesem Seminarhaus am Waldesrand bei einem Festival in sommerlicher Heiterkeit. „Meister des Lebens“ stand da unter anderem drauf, ja, das wäre ein Traum, Meister des Lebens oder wenigstens meines eigenen Lebens zu sein! Wie bin ich damals dorthin gekommen?

Alles war ein Zufall, scheinbar – wie das meiste in meinem bisherigen Leben. Soll jetzt nicht heißen, dass ich mich einfach so treiben ließ – wie der Tautropfen zum Ozean, und dass ich nicht auch etwas erschaffen und kreieren konnte, wenn auch nicht immer als gottgleicher Schöpfer. Aber ja, schöpfend schon, mal besser, mal schlechter, mal auch völlig daneben. Und dann sind da ja auch immer diese Schöpfungen, die sich aus Erschöpfungen und allerlei ähnlichen Gedanken und Gefühlen ergeben. „Señoras y señores, en unos pocos minutos comenzamos nuestro descenso a los …“ tönte es aus dem Irgendwo im Flugzeug. Jetzt wird es bald ernster, der Landeanflug steht an. Und meine Gedanken purzelten tiefer, „Deeper into the Heart of Love“ (Tiefer hinein in das Herz der Liebe), dieses Lied kam mir in den Sinn, und ich wunderte mich warum … und Gedanken tauchten in mir auf...

Wieso wollte ich das alles tun? Mein Leben war an und für sich völlig in Ordnung, ein Seminar wie dieses, wozu das? Na ja, neun Wochen in der Wärme im Austausch für meine doch recht gut entwickelten Fotografen-Fähigkeiten – das habe ich auch schon einige Jahre in Holland und anderswo gemacht. Das fühlte sich immer sehr sicher an, in Gruppen – und mochten sie noch so wild und tief sein – zu fotografieren, und ja, so auch daran teilzunehmen. Ein für mich doch recht vertrautes Terrain, also was sollte dieses Mal großartig anders sein? Das Flugzeug sank und sank und eine kleine Mulmigkeit stellte sich in mir ein – wegen des Hinuntersinkens versteht sich … “Letting go to the Mystery, rising in Love …“ (Loslassen in das Mysterium, aufsteigen in Liebe) Mit dem Lied tauchten auf einmal Bilder von Meister H. auf, der Blick in seine Augen nach der letzten Umarmung, ja, da war ganz viel Liebe da gewesen. Dabei hatte ich ihn ursprünglich als komischen Kauz empfunden, damals bei diesem Festival in diesem wunderschönen Seminarhaus am Waldesrand, am Fluss des Überflusses schlechthin.

Wie hat nun diese Episode meines Lebens – und Episoden gab es recht viele – begonnen? Vor etwas über zehn Jahren war ich mit meiner damaligen Familie, also mit Frau und Kind, von Deutschland nach Österreich umgezogen. Nach einer recht bewegten Zeit auf einem Schloss in der Nähe von Göttingen mit einem finanziell erfolgreichen Business. Eingebettet in eine Osho-Kommune und dem darauf folgenden Niedergang des Geschäftes und einiger meiner Visionen. Da gab es dann in Österreich eine neue Vision, ein Buch zu machen über eine legendäre Gegend, die ich seit meiner Teenagerzeit doch sehr gern mochte. Das Buch war als eine kulinarische Entdeckungsreise durch diese ganz besondere Waldgegend gedacht. Ich genoss die zahlreichen Erkundungsfahrten, Termine mit vielen interessanten Menschen und ihren Unternehmen und meine Leidenschaft – die Fotografie.

Plötzlich tauchte damals dieses Gebäude auf meinem Weg auf – in einem sonnigen Tal am Waldesrand, einfach so. Leuchtend weiß mit sehr schönen architektonischen Verzierungen und Details, goldenen Buddhagesichtern überdimensional auf den Wänden, auch Überwachungskameras. Ich hielt mit meinem grauen Twingo, der mir immer ein wenig peinlich war – Autos hätte ich immer gerne größer gehabt – und ich las die zahlreichen Aufschriften neben dem großen Eingangstor. Da stand sehr viel Text: Seminarzentrum, Bioenergetik, Psychosomatik, Forschungszentrum, Dr. (USA) usw. Recht beeindruckend in dieser einsamen, aber doch sehr schönen Landschaft. Irgendetwas in Richtung „Ernährung“ stand dort auch geschrieben. Das könnte doch, so dachte ich, in mein kulinarisches Buch passen, und wenn nicht, dann würde ich wenigstens einen Blick darauf bekommen, was sich hinter diesen imposanten Toren so alles verbarg. Die Klingel gedrückt, aha, ein Telefonsystem mit Anrufbeantworter: „Wir sind bis …auf der Insel!“ Was für ein mysteriöses Unternehmen!

Rüttel, wackel, ping … zurück in der Gegenwart, gelandet auf der Insel inmitten des Ozeans. Gleich würde dieser Engel, dieses Wesen von einer Art anderem Stern namens Anna mich persönlich abholen, jedenfalls hatte sich das so in ihrer Mail angelesen. Es durchzuckelte mich eine Art spirituell angehauchte Freude, die nicht ganz das Wurzelchakra erreichte, aber sehr nah dran war. Anna war – mehr noch als der kauzige Meister dieser ganzen Veranstaltungen und Seminarhäuser – Grund genug, mehrmals noch auf solch ein Sommer-Festival an den Waldesrand zum Überfluss zu fahren.

Da war sie dann auch nach all dem langen Weg, den ein Flughafen einfordert. Nein, man steigt nicht einfach aus, man geht und geht durch Schranken, Verbote und Einschränkungen, wo darauf hingewiesen wird, dass man diesen Weg nicht mehr zurückgehen kann. Dann steht man vor einem Endlosband, wo man sein Gepäck herunternimmt und weiter geht durch Tore und Türen ohne Ende – fast wie im richtigen Leben. Wow, diese Augen … “Willkommen, mein Lieber, auf der Insel“, Umarmung, Küsschen auf die Wange, gerade so, als wäre man einzig und allein ganz und gar persönlich gemeint … Aber da kommen schon die anderen, die ganz genauso begrüßt werden, genauso persönlich gemeint. Nun standen wir da, eine kleine Gruppe von Transformationswilligen unterschiedlichster Art. Mit einigen davon hätte ich im echten Leben wahrscheinlich keine gemeinsamen Berührungspunkte gehabt, die hätte ich niemals irgendwo getroffen, dachte ich mit meinem spirituell geübt freundlichen Lächeln.

Eine Stunde Autofahrt, die Insel ist wirklich sehr karg, passend zum Thema, wenn man das Leben ebenso karg empfindet und es transformieren will. Aber nein, ich hatte eigentlich durchaus ein fülliges Leben, besser gesagt ein Leben in einer Art Fülle und ja, auch eine Beziehung und ein wunderbares Kind, den zauberhaften kleinen Tim. Da war auch die füllige Frau und Partnerin, die wunderbar weiche und offen in alle Richtungen fließende Brigitte. Allein schon, weil sie Psychotherapeutin war, gehörte das zu ihrem Beruf, diese Offenheit, dieses Fließen. Noch dazu hatte sie meist Recht in allen komplizierteren Fragen des Warum und Woher kommt’s und Ähnlichem.

Wahnsinn, wie graubraun hier alles war, links und rechts der Autobahn. Eine Autobahn hätte ich mir so nicht erwartet auf dieser Insel. Aber ja, schnell durch das Leben, und links und rechts blüht fast nichts. Haha, dachte ich, irgendwie ist es doch so ähnlich auch in meinem Leben. Als Fahrer hatte ich im Auto alles unter Kontrolle. Den Beruf, ja, und vor allem meine Beziehung. Der absolute Traum, eine Beziehung, wo nie gestritten wird, wo jeder absolut sein eigenes Ding macht, wo Teilung aller möglichen Bereiche und Aufgaben stattfindet, wo Kooperationen und Getrenntheit klar definiert sind, wie ebenso das Finanzielle und die Kinderbetreuung. Wo andere einen bewundern, wie harmonisch das alles ist, eine echte gleichberechtigte Partnerschaft, fast wie ein gut funktionierendes Business.

Ab und zu dann tiefe Gespräche, zartes Nebeneinandersitzen, bevor man in seinen eigenen Bereich geht. Und wenn es mal gemeinsam ins Bett ging, dann hatte ich auch so ein mulmiges Gefühl wie beim Landeanflug vorhin, nur gelandet wurde eigentlich nie. Da tut selbst ein gemeinsames Kind nichts zur verzwickten Sache. Weil es nie wirklich klar ausgesprochen wird, ob und wie man nun wirklich miteinander oder auch nicht miteinander sein möchte. Was die gemeinsame Verwirklichung wäre und welche Visionen man teilt. Ist sie auch wirklich die Richtige, ist sie nicht zu dick, zu fremd, zu schlau, zu ab und zu? Ja, diese wunderbaren Augen – jedes bei sich. Sie folgte ihrem Fluss, gerade zog es sie wieder einmal zu irgendeinem Mann. Der passte auch irgendwie, war auch so ein Coach, also einer, der es beruflich besser weiß als sein Klient, und diesem dann gegen Honorar sein Leben zum Positiven verändern kann. Sehen solche Menschen auch ihre privaten Beziehungen und Freundschaften in einem ganz anderen Licht, als ihre jeweiligen Gegenüber.?

Was sollte ich klagen, wenn es weniger Paar-Zusammensein gab? Das erschien mir die Erfüllung schlechthin, alles ohne Streit, Diskussionen, nicht zum Thema passenden Gefühlen, fast wie im Paradies. Nie mehr Eifersucht, Angst, Schmerz, Verletzung spüren. Außer wenn man sich mal beim Kochen für an die zwanzig gut abgegrenzte Freunde in den Finger schnitt – aua, das tat weh, aber sonst war alles ziemlich schmerzfrei, endlich!

Als Fahrer in meinem Auto hatte ich also alles bestens im Griff, aber was war der Preis? Wo waren die wild blühenden Blumen geblieben, die Leidenschaftlichkeit, die Verletzlichkeit zweier Herzen? Wow, ich schreckte auf! Meine Gedanken hatten sich während der langen Fahrt verlaufen. Wir hielten vor einem paradiesisch anmutendem Haus. Es sah wie aus einem Märchen der 60-er Jahre aus, vor allem die Innenräume erschienen im Glanz eines wahr gewordenen James Bond-Films aus dieser Zeit. Selbst von den umfangreichen Terrassen sah man nur das Meer, gar nicht die Autobahn, aber man hörte sie, was mich noch mehr an mein eigenes Zuhause erinnerte, wo das Rauschen der Autobahn Tag und Nacht wie ein Hinweis brummte: „Fahr weiter, fahr weiter, deinem wirklichen Ziel entgegen …“

„Krah Krah Kräh …!“ Ein Papagei war auch da, er konnte kreischen, aber nicht fliegen, und ähnlich wie HundehalterInnen zu ihren Haustieren immer wieder „Schluss jetzt, Waldi“ sagen, wenn diese bellen, wurde auch vom Papagei immer wieder ein Ende seines „Gesangs” eingefordert. Willkommen in der Wachstumsgruppe, dachte ich mir insgeheim kurz, als ich merkte, dass der Papagei nicht mehr fliegen konnte. Was Linda, die ihn auf dem Arm hielt, bestätigte. Linda war mir schon bei den Festivals und auch später immer wieder aufgefallen. Sie sah aus wie eine Rockerbraut in einer Art Verkleidung. Graues Seidenkleid zu ebensolchem Gesicht, an den Füßen statt Lederstiefeln mit Nieten, Stöckelschuhe, mit denen sie kaum gehen konnte. Vielleicht war sie ja nicht nur in den falschen Schuhen unterwegs. Daneben gab es aber auch die fast zwei Meter große Magdalena, die wie eine Schönheit aus dem Film Avatar wirkte, statt blau allerdings immer in der Vielfalt eines ganzen Vogue-Magazins gekleidet.

Mehr zu denken war mir jetzt nicht möglich, die Koffer mussten ins Zimmer geschleppt werden. Blöd, dass ich die Hilfe eines fast unsichtbaren Jünglings mit kaum hörbarer Stimme ausgeschlagen hatte. Weil ich männlich sein wollte, so wie der Ex-Kauz, der mich an der Tür mit kosmisch tiefer Umarmung begrüßte. Plötzlich stand er da, Meister H., der Hausherr der Häuser, da und dort – der Mann über und neben zwei Frauen und fünfzehn Autos – sommerlichst gekleidet, braungebrannt. Das schüttere Haar wehte im Durchzug, die leuchtenden Augen strahlten mich an und luden mich ein, ja, zu was? Seltsam, diese Verwandlung vom Kauz zum geliebten Freund und Meister H. Wiederum setzte das Denken aus. Das Meer wollte immer wieder angeblickt werden, es ging gar nicht anders, überall waren Fenster genau in diese Richtung, fast als würden sie sagen:

„Schau hin, schau hin da, das ist der Ozean, zu dem du immer wolltest!“

3 In den blauen Augen von Meister H.

Offenheit ist nicht etwas, das du machen kannst, sondern etwas, was du erlaubst.

(Meister H.)

Österreich 2002

Nachdem ich etwa im Jahr 2002 an diesem Zauberpalast am Fluss vorbei gefahren war, fand ich heraus, dass es dort ein paar Monate später ein Sommer-Festival geben würde. Mit Musikern, die ich aus Indien, dem Osho-Ashram in Poona kannte. Ich fuhr also dort hin und endlich waren nun die Tore offen. Eine wahre Zauberwelt tat sich vor meinen Augen auf, eine Art Mini-Poona am Waldesrand. Wer waren diese österreichischen, überaus eigenartigen Spirituellen? Es gab eine Unmenge an Prospekten, die Titel in goldener Prägeschrift geschrieben dieses verlockende „Meister-des-Lebens-Seminar“. Mit Themen wie Verletzungen, Schmerz, Tod, Angst und Panik, Abschied, Schuld, Schwierigkeiten, Verhaltensmuster, Täter und Opfer. Das klang nach „Heavy Stuff“, ich hatte ja schon einiges an Seminaren und Gruppen mit diesen und ähnlichen Themen hinter mich gebracht, gebrüllt, geheult, geatmet bis zum Wahnsinn. Dann war auch von meditativer Präsenz, Herzchakra, sexueller Energie und Ganz-Sein die Rede.

Auch darin hatte ich jede Menge an Erfahrungen, auch immer wieder dieses „Ganz knapp vor einer Art Tür zu stehen“- Gefühl. Verbunden mit der Angst, dass, wenn ich jetzt noch einen großen oder selbst nur einen kleinen Schritt weitergehen würde, die Realität meines Lebens nicht mehr die Gleiche wie vorher wäre. „Satori“ sagen manche dazu. Was wie ein japanischer Cocktail klingt, der, wenn man ihn trinkt, fast die Wirkung eines falsch zubereiteten Kugelfisches hat. Es ist wie eine Art Tod, der aber auch wie eine ewig andauernde glückselige Umarmung erscheint. Mit dem Nebeneffekt, dass man nicht mehr ganz genau weiß, wer man eigentlich ist, geschweige denn vorher einmal war. Die in den ausliegenden Prospekten angebotenen Ganzkörper-, Geist- und Seele-Veranstaltung sollte neun lange Wochen dauern und würde gut an die Fünfzehntausend Euro kosten mit Unterkunft und Flügen auf eine Insel. Viel zu teuer, so blendete ich ein latent aufkommendes Vorhaben, so etwas mitzumachen, leicht fasziniert, aber doch sehr rasch wieder aus.

Da kam dann diese wahrhaft schön strahlende österreichische Spirituelle auf mich zu, um mich spirituell korrekt zu umarmen. Ja, das war meine vertraute Welt, ich konnte jeden und jede umarmen, auch wenn es Stunden dauern sollte. Ich wusste, wie ich stehen, wie ich dabei atmen soll, tausendfach erprobt. Aber ab und zu kam ich doch dabei ins Wanken, wenn mein Gegenüber tatsächlich etwas Fließendes mit einbrachte. Ich wankte jetzt auch ganz schön und beim Blick in ihre Augen noch mehr: „Herzlich willkommen, ich bin die Anna und wer bist du?“, sang es förmlich aus ihr heraus. Im Klang eines fernen weiblichen Kosmos, der gleich eine Bereitschaft auslöste, dorthin ein Ticket oder was auch immer dazu nötig sein würde, fix zu buchen.

„Hallo, ich bin Yakiz“, sagte ich und gab ihr eine Art spiritueller Kurzbiographie zum Besten. „Aha, einige Berührungspunkte mit unserem Meister hier“, lächelte sie und bestand darauf, dass ich ihn auch begrüßen sollte, weil er ja auch mal bei Osho gewesen sei. Das freute mich gleich noch mehr neben all diesen Normalos hier. Doch zugegeben, sie waren anders normal, manche zumindest. Da stand er schon da, ein seltsamer Kauz, wie ich fand. Besonders auch deshalb, weil ihn meine spirituelle Kurzbiographie nicht sonderlich beeindruckte, er mich nur flüchtig umarmte und sich schenkelklopfend vor Lachen mit einer Runde angelichteter Normalos weiter und lieber unterhielt als mit mir. Später beim Gespräch mit meinem Musikerfreund Prem Joe war uns beiden klar, dass es sich wirklich um einen Kauz handelte, der hier für uns etwas weitgehend Unverständliches machte. Was auch immer es genau war, es war aber auf keinen Fall etwas, was in die vertraute Sannyas–Norm passte (Begriffserklärung zum Thema Sannyas* am Ende dieses Kapitels).

Was war es, das mich so „störte“? Auf der Homepage des Hauses, später daheim, meinte ich Antworten zu finden und interpretierte alles auf meine Weise. Und gleich vorneweg störte mich, dass sie nicht bereit waren Antworten zu geben. Okay, das fand ich zwar blöd, aber ehrlich:

„Die Antworten liegen in dir – verborgen. Wir geben dir keine Antworten. Du selbst weißt die Antwort … Wir haben das Leben beobachtet und seine Gesetzmäßigkeiten studiert. Dadurch haben wir uns das Recht erworben Seminare abzuhalten. Und das tun wir jetzt, seit 35 Jahren.“

Das fand ich damals ziemlich überheblich, arrogant, oben drüber irgendwie. Besonders weil ich es im Kopf auseinander pflückte und mit all meinen bisherigen Meistern und Schulen verglich. Was denn, wenn eh alles in mir ist, warum soll ich dann so etwas machen, noch dazu für so viel Geld? Nur damit die in ihrer Überheblichkeit noch reicher werden? Wieso haben sie ein Recht erworben, von wem denn? Diese Überheblichkeit … Woher kannte ich das? War ich denn nicht auch selbst so speziell mit meinem speziellen Namen, meiner sehr speziellen Mala-Halskette vom ganz oberspeziellen Meister?

Am Schluss konnte ich mich wieder damit beruhigen, dass es ihnen Freude macht, wenigstens das! Ich wurde versöhnlicher. Beruhigung erfuhr ich auch durch vertraute Worte wie „Satsang“. Ja, das kannte ich, das war schön und durchaus angenehm, aber da brauchte es ja einen Meister, mit dem man sitzt und nicht diesen Kauz! Na gut, wenn die Mädels - so nannte er sie -, die um ihn herum sind, auch dort sitzen … Aber konnte ich denen vertrauen, waren sie nicht in irgendeiner Art wie ein Versicherungskonzern oder gar eine gehirnwaschende Sekte. Davor hatte ich ja eigentlich nicht viele Ängste, ich habe Scientology in jungen Jahren gut und entspannt überlebt. Später auch Osho, der ja immer betonte, dass er nicht nur das Gehirn wäscht, sondern besser gleich das ganze Wesen. Also widmete ich mich weiter den Texten:

„Unser Ziel ist Qualität – in jeder Hinsicht – vor allem Lebensqualität … Alle Seminare führen dich zum Satsang … Du möchtest wissen, was auf den Kursen passiert? Zuerst einmal eine grundsätzliche Wahrheit: du musst die Mango kosten, wenn du wissen willst, wie sie schmeckt … Dein Potential, mit dem du auf diese Welt gekommen bist, will gelebt werden. Wir helfen dir es zu finden.“

Ich war hin und her gerissen – Sekte, Konzern, Dummheit, Weisheit, Berechnung, Liebe? Und wer sind „die“ überhaupt? Da ist der Kauz, da sind diverse schöne, wunderschöne Frauen. Hat er die gekauft, sind die betäubt? Dann noch so ein paar – wie ich es in meiner Arroganz sah – „Bauern“ und dazwischen irgendwelche MitarbeiterInnen. Völlig undefinierbare Wesen, weibliche, die auf Frauen tun, und männliche, die auf Männer tun, aber sind sie das, was sie gerne sein wollen, wirklich und echt? Keine Gemeinschaft, keine Kommune, keine Bescheidenheit eines Vereins für persönliches Wachstum, auch kein Wachsfiguren-Kabinett, aber auch keine Star-Allüren. Trotzdem, das liebe Geld ... Sie sind doch Gangster! Es ist mir alles zu teuer. Wiederum fühlte ich mich von dem, was ich auf der Homepage las, persönlich angesprochen:

„Manche sprechen es aus, manche denken es … Denn so haben sie es gelernt. Für ein neues Auto, einen Urlaub, für alles Mögliche ist Geld da. Es ist ungewohnt ins Leben zu investieren. Unzählige TeilnehmerInnen unserer Seminare bestätigen, Unbezahlbares für ihr Leben erhalten zu haben, Urlaub inklusive. Natürlich musst du erst da gewesen sein, um dies zu wissen … Dein Einsatz lohnt sich immer. Vielleicht ist “Geld” ein hoher Einsatz für dich …“

Was mir in meiner damaligen Vernunft zu denken gab: Wenn jemand so viel über das Thema Geld schreibt, hat er dann nicht auch ein Thema damit? Wenn ich sowieso Geld habe, was ist daran dann mühselig, wenn ich keine Zeit habe, dann … Ach was, Verwirrung pur – gibt’s denn nicht auch Glück und Frieden und Harmonie ganz ohne Geld – hä? Damals empfand ich alles dort so völlig voller Widersprüche. Da waren engelhafte Frauen, mit denen der Kauz wohl zusammen war, bei drei hörte ich auf zu zählen. Dann gab es die aus Poona vertraute Rolls Royce Energie, sogar ein Originaler von Osho stand in einer der vielen Garagen. Es waren über hundert Menschen da, auch die üblichen farb- und kraftlos schwebenden. Mit ihren Einhorn-Augen, die denen von heiligen Kühen ähnelten. Dann gab’s eine kleine Horde Schriller, die alles und jeden kannten und quasi die Erleuchtung zu Hause im Regal stehen hatten. Was aber so besonders war an diesem Ort, dass es so auffallend viele ländliche und ein wenig städtische NormalbürgerInnen gab, die man sonst nie auf solchen Events traf. Dass sie sich an den Klängen der Musik erfreuen konnten, erschien mir wie ein Rätsel. Aber sie taten es ganz offensichtlich, und was noch viel erstaunlicher war, sie begegneten mir in Gesprächen mit fast noch mehr Offenheit, als ich es mir mit meinen mir vertrauten Vorurteilen hätte vorstellen können.

Noch Jahre später war mir das alles in lebendiger Erinnerung, als Viola, die Telefonkontakterin meines eigenen kleinen Verlages, mir eine E-Mail von genau diesem Ort vorlegte. Mittlerweile waren über zehn Jahre vergangen und ich arbeitete an einem neuen Buch-Projekt mit dem Titel „Lebenswert – Impulse für ein erfülltes Leben“. Seit meinem ersten Buch, das mich damals zu eben diesem Palast am Waldesrand geführt hatte, war viel Wasser den dort angrenzenden Fluss und auch den Fluss meines Lebens hinunter geflossen. Inzwischen hatte ich zwölf solcher und ähnlicher Bücher gemacht, hatte meinen eigenen Verlag gegründet und stand nun erneut mit meinem mir überhaupt nicht peinlichen roten BMW vor den großen Toren und den goldenen Buddhagesichtern.

Viola war zufällig beim Kontaktieren potentieller TeilnehmerInnen für das Buchprojekt auf dieses Seminarhaus gestoßen. Die Überraschung war groß, als ich feststellte, dass genau diese Anna, bei deren Umarmung bei diesem Festival damals der Boden unter meinen Füßen zum Wanken begonnen hatte, positiv auf das Anschreiben reagiert hatte. Sie würden gerne in dem neuen Buch von mir mit dabei sein und wären auch sehr an Fotos von mir vor Ort gemacht interessiert. Nun war ich also wieder da in dieser schönen Region Österreichs, der Kauz auch, den ich jetzt aber mit viel mehr Offenheit wahrnahm – seltsam. Wiederum blätterte ich durch die Prospekte mit den goldenen Lettern und begann langsam diese Texte mit anderen Augen zu sehen. Was wäre, wenn sie wirklich Recht haben? Ich erinnerte mich an einen Textpassage eines Werbeflyers des Hauses:

„Wachstum hat immer mit Veränderung zu tun. Wir wollen uns oder bestimmte Umstände verändern, scheuen uns aber letztlich davor.

Denn das Neue, Unbekannte birgt immer ein Risiko in sich. So schielt unser Verstand nach Ausreden … Eine davon heißt “keine Zeit”. Ein Rat: Wenn du spürst, dass ein Seminarangebot für dich richtig und wichtig ist, dann lass Ausreden nicht gelten. [ …] Ein Seminar könnte helfen, aber dafür ist kein Geld da. So kann dieser Mensch das nicht tun, was für sein Leben wichtig wäre. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Und es wird so weitergehen, wenn die Strategie nicht erkannt wird. Wird die Strategie gelöst, kann die Katze den Schweif loslassen. Neue Möglichkeiten tauchen auf.“