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Der Feind in ihrem Bett … Sie wuchs als eine der Ärmsten auf – für die Zukunft ihres Jungen würde sie alles opfern … Zwölf Jahre ist es her, dass Maggy ihre Jugendliebe Nick zurückließ und den reichen Lyle Forrest heiratete. Seitdem ist ihr Leben die Hölle: ihr Mann hat sich als grausamer Sadist entpuppt, der sie unablässig misshandelt und damit droht, sie von ihrem Sohn zu trennen. Nun ist Nick zurück in der Stadt – und Maggy muss um jeden Preis verhindern, dass Lyle dahinterkommt, wie stark ihre Gefühle für ihren Exfreund noch immer sind. Denn sie weiß: Lyle wird nicht zögern, ihr alles zu nehmen – und dann gäbe es niemanden mehr, der ihr Kind vor ihm beschützen kann … »Karen Robards ist eine grandiose Geschichtenerzählerin!« Chicago TribuneRomantic Thrill für Fans von J. D. Robb
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Seitenzahl: 604
Veröffentlichungsjahr: 2025
Über dieses Buch:
Sie wuchs als eine der Ärmsten auf – für die Zukunft ihres Jungen würde sie alles opfern … Zwölf Jahre ist es her, dass Maggy ihre Jugendliebe Nick zurückließ und den reichen Lyle Forrest heiratete. Seitdem ist ihr Leben die Hölle: ihr Mann hat sich als grausamer Sadist entpuppt, der sie unablässig misshandelt und damit droht, sie von ihrem Sohn zu trennen. Nun ist Nick zurück in der Stadt – und Maggy muss um jeden Preis verhindern, dass Lyle dahinterkommt, wie stark ihre Gefühle für ihren Exfreund noch immer sind. Denn sie weiß: Lyle wird nicht zögern, ihr alles zu nehmen – und dann gäbe es niemanden mehr, der ihr Kind vor ihm beschützen kann …
Über die Autorin:
Karen Robards ist die New York Times-, USA Today- und Publishers Weekly-Bestsellerautorin von mehr als fünfzig Büchern. Sie veröffentlichte ihren ersten Roman im Alter von 24 Jahren und wurde im Laufe ihrer Karriere mit zahlreichen Preisen bedacht, unter anderem mit sechs Silver Pens, die sie als beliebteste Autorin auszeichnen. Sie brilliert in der Spannung ebenso sehr wie im Liebesroman.
Die Website der Autorin: karenrobards.com/
Die Autorin bei Facebook: facebook.com/AuthorKarenRobards/
Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die Thriller »Keiner wird dir helfen«, »Und niemand hört dein Rufen«, die historischen Liebesromane »Die Rose von Irland«, »Die Liebe der englischen Rose«, »Die Gefangene des Piraten« und »Die Geliebte des Piraten« sowie die Exotikromane »Im Land der Zimtbäume« und »Unter der heißen Sonne Afrikas«.
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eBook-Neuausgabe Mai 2025
Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1994 unter dem Originaltitel »Maggy's Child«. Die deutsche Erstausgabe erschien 1996 unter dem Titel »Trügerisches Glück« bei Heyne, München
Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1994 by Karen Robards
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1996 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (vh)
ISBN 978-3-98952-948-9
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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected].
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Karen Robards
Rette mich vor dem Dunkel
Roman
Aus dem Amerikanischen von Karin Diemerling
dotbooks.
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Epilog
Lesetipps
Ich widme dieses Buch:
Meinem neuesten Neffen, Stuart Blake;
den drei Männern in meinem Leben –
Doug, Peter und Chris; und Saint Jude
»Weißt du noch, wie Tía Gloria sagte, daß die Sünden des Fleisches immer wieder auf einen zurückfallen? Nun, sie hatte recht: Hier bin ich.«
Die Stimme an ihrem Ohr klang heiser, amüsiert – und überwältigend vertraut. Einen Augenblick lang kam es Maggy Forrest vor, als ob die Welt plötzlich stillstünde. Das solide Eichenholz der Bar, gegen die sie lehnte, das eingängige Gefiedel der Country-Band und die dunkle, verräucherte Atmosphäre des Nachtclubs verschwanden im Nichts.
Übrig blieb nur Nicks Stimme an ihrem Ohr.
Mit einer Hand umklammerte sie das kühle Messinggeländer der Bar, während sie sich langsam umdrehte, um ihn anzusehen. Es gab – keinen Zweifel: ihre Fantasie hatte ihr keinen Streich gespielt. Sie hatte schon gespürt, daß er es war, noch bevor sie sich umwandte, noch bevor sie die dichte Masse ungezähmter schwarzer Locken und den breitschultrigen Körperbau eines Footballspielers wirklich in sich aufnahm.
»Nick.«
Er war genauso groß, wie sie ihn in Erinnerung hatte, und genauso gutaussehend. Sündhaft gutaussehend, wie sie immer gefunden hatte, obwohl er das mit seinem harten Boxergesicht eigentlich nicht hätte sein sollen. Seine Züge waren zu kantig und herausfordernd, sein Kiefer und seine Wangenknochen zu breit und seine Lippen zu schmal, um dem gängigen Ideal männlicher Schönheit zu entsprechen. Seine Nase war immer noch leicht nach links gebogen, eine Folge zu vieler Straßenkämpfe in seinen Jugendjahren. Über der schiefen Nase funkelten seine grünbraunen Augen zu ihr herab. Zusammen mit den schweren Lidern, die ihn gewöhnlich fast schläfrig aussehen ließen, waren sie der Schlüssel zu seiner verheerenden Wirkung auf das andere Geschlecht, wie sie bereits vor langer Zeit festgestellt hatte. Nick hatte schon immer so ausgesehen, als ob er alles wisse, was es über Frauen zu wissen gab, und dagegen war Maggy früher genausowenig immun gewesen wie jede andere Angehörige des weiblichen Geschlechts.
»Hallo, Magdalena.«
Sogar sein Lächeln war unverändert, sexy und teuflisch und zärtlich zugleich. Diesem Lächeln war sie einmal total verfallen gewesen.
Ach, Nick. Die vergangenen zwölf Jahre schienen sich in Luft aufzulösen, als sie zu ihm hinaufstarrte. Sie vergaß, daß er jetzt zweiunddreißig war und sie selbst beinahe dreißig, während eine Flut von Erinnerungen über sie hereinbrach: Nick, der mit einer Tüte voll Lebensmitteln auftauchte, wenn es in der winzigen Wohnung, die sie mit ihrem Vater geteilt hatte, wieder einmal nichts zu essen gab; Nick, der ihr half, ihren betrunkenen Vater nach Hause zu schleppen, wenn er wie so oft auf der Straße zusammengebrochen war; Nick, der Benzin aus einem fremden Auto abzapfte, damit sie in dem alten Wrack, das er für sie zum Laufen gebracht hatte, als sie sechzehn geworden war, zur Arbeit fahren konnte; Nick, der auf sie wartete, wenn sie sich abends hinausschlich, und die aufdringlichen Kerle fernhielt, die ständig um sie herumschwirrten. Nick, der sie immer beschützte. Er war das einzig Verläßliche in ihrem Leben gewesen, als sie heranwuchs. Sie hatte Nick schon immer, so lang sie denken konnte, am meisten geliebt.
Nick. Als ihr klarwurde, daß wirklich er es war, der da vor ihr stand, leuchteten ihre Augen vor Freude auf, und ein strahlendes Lächeln erhellte ihr Gesicht. Doch dann traf die Bedeutung der Situation sie mit voller Wucht und brachte eine eisige Welle des Schreckens mit sich: Nick war zurück. Ihre Arme, im Begriff, ihn zu umarmen, fielen wieder herab. Ihr Lächeln wurde zögerlich und formte sich dann neu. Aber es war jetzt ein anderes Lächeln.
Er hatte sich noch nie in seinem Leben etwas vormachen lassen und tat es auch jetzt nicht.
»Und, nicht froh mich zu sehen?« Er grinste breit und erinnerte sie an eine Katze, die mit einer Maus spielt. »Aber Magdalena! Du verletzt meine Gefühle.«
»Natürlich freue ich mich, dich zu sehen. Es ist – sehr lange her.« Das war ihre Konversationsstimme, die, die ihr von einem Sprechtrainer in den Monaten nach ihrer Heirat mit Lyle eingetrichtert worden war und die nun bewirkte, daß Nicks Augen sich verengten.
»Zwölf Jahre. Und die ganze Zeit hast du es geschafft, mit Lyle Forrest verheiratet zu bleiben. Frauchen Nummer drei wurde zum Volltreffer! Ich habe gehört, daß du ihm einen Sohn geboren hast.«
O Gott. Maggy hatte das Gefühl, daß die Hand eines Riesen ihren Brustkorb umschlossen hielt und ihn langsam zusammenpreßte, so daß sie keine Luft mehr bekam. Grimmig kämpfte sie die Empfindung nieder.
»Wir haben einen Sohn, ja.«
»Ich habe ihn gesehen.«
»Du hast ihn gesehen?« Ein Schlag mit einem Baseballschläger auf den Kopf hätte Maggy nicht mehr schockieren können.
»Heute nachmittag. Auf Windermere. Ich wollte dich besuchen, aber du warst nicht zu Hause.«
Sie war beim Friseur gewesen. Die Hand um ihren Brustkorb drückte fester zu, als sie sich Nick auf Windermere vorstellte, ohne daß sie dort war. Dafür aber David – und vielleicht sogar Lyle.
»Du wolltest mich besuchen?« Seine Worte wie ein Papagei nachzuplappern, war lächerlich, aber sie konnte anscheinend nicht anders. Ihr war klar, daß sie ihn anstarrte, aber auch daran konnte sie nichts ändern. Tief im Innern hatte sie stets gewußt, daß sie Nick wiedersehen würde. Aber sie war noch nicht bereit. Noch nicht, jetzt noch nicht! Er hatte sie völlig überrumpelt. Sie war noch nicht stark genug, um sich gegen ihn zu wehren.
»Glaubst du etwa, ich komme nach Louisville, ohne dich zu besuchen?« Sein Blick war spöttisch. »Wo wir doch so gute, alte Freunde sind und all das? Der Junge – David, nicht wahr? – sieht dir sehr ähnlich. Du mußt den alten Lyle furchtbar stolz gemacht haben.«
»Ja. Ich – wir beide, Lyle und ich – wir sind sehr stolz auf David.« Mütterliche Zärtlichkeit durchwärmte sie einen Moment lang, als sie an ihren elfjährigen Sohn dachte. Wie sie war er groß und schlank, hatte einen feingliedrigen Körperbau, kastanienbraunes Haar, schokoladenbraune Augen, dunkle geschwungene Brauen und einen breiten, beweglichen Mund, den zur Zeit eine fast unsichtbare Zahnspange verunzierte, die David schrecklich befangen machte. In weißer Tenniskleidung oder in seinen Golfsachen sah er so unfaßbar aristokratisch aus, daß man kaum glauben konnte, daß er ihre durchaus nicht aristokratische Abstammung mit ihr teilte.
Natürlich beanspruchte Lyle allein den Verdienst dafür, daß David so geworden war.
»Du hast es zu etwas gebracht, Magdalena. Das muß ich dir lassen.«
Maggy sah sich plötzlich selbst vor sich in ihren schwarzen Wildlederjeans für neunhundert Dollar, darüber eine elfenbeinfarbene Seidenbluse, Gürtel und Stiefel aus Kroko, am Finger einen sechskarätigen Diamanten und am Handgelenk eine Armbanduhr aus massivem Gold. Ihre Aufmachung wirkte täuschend schlicht, aber auch ohne den Schmuck hatte sie mehr gekostet, als sie früher in einem Jahr verdient hatte. Als sie noch Magdalena Garcia war. Bevor sie Lyle geheiratet hatte.
Natürlich konnte Nick nicht wissen, wie kostspielig ihre Kleidung war, obwohl er kaum den Ring übersehen konnte, der selbst im Halbdunkeln winzige, glitzernde Lichtpunkte versprühte. Maggy hätte sich wegen des materiellen Überflusses, in dem Nick sie ertappte, schuldig gefühlt, wenn ihr das Gefühl der Panik noch Raum für eine zweite Empfindung gelassen hätte.
»Was machst du hier?« Das war die Frage.
Maggys Hände preßten sich zusammen, und ihr Mund wurde trocken, während sie auf die Antwort wartete.
Nick lächelte dieses überwältigende Lächeln. »Rate mal.«
Maggys Blick tauchte in seinen, ihr Atem stockte. Es gab reichlich Möglichkeiten – und sie waren reichlich beängstigend.
»Da bist du ja. Wir haben dich überall gesucht.« Die helle, mädchenhafte Stimme gehörte Lyles Nichte Sarah Bates, die sich mit ihrer besten Freundin Buffy McDermott gerade durch die Menge drängte, um an die Bar zu Maggy zu gelangen. Maggy blickte mit einer Mischung aus Erleichterung und Angst auf ihre Freundinnen. Insgesamt war sie eher froh, daß ihr Tête-à-tête mit Nick unterbrochen wurde – aber was würden Sarah und Buffy über Nick denken? Was würde Nick sagen? Doch bestimmt nichts Persönliches, nun, da sie nicht mehr allein waren.
Sarah war mit ihren siebenundzwanzig Jahren zwei Jahre jünger als Maggy, obwohl sie im Moment trotz der jugendlichen Kombination aus gefranster Jeansweste und Jeansrock älter wirkte. Sie steckte mitten in einer häßlichen Scheidung. Als Folge davon war sie erschreckend dünn und auffallend rothaarig geworden, was ihr beides nicht stand. Ihr fast verzweifeltes Bedürfnis, sich zu amüsieren, war es gewesen, was die drei in diese kaum bekannte Country- und Western-Bar auf der im Staat Indiana gelegenen Seite des Hafenbezirks geführt hatte.
»Ooh, wie nett!« Buffy sprach die Worte sehr gedehnt, als sie sich neben Sarah drängte und Nick von oben bis unten betrachtete. Ihr lippenstiftroter Mund schmollte provozierend, während sie von Nick zu Maggy und zurück blickte. »Ich will Ihnen nur sagen, mein Hübscher, daß Sie Ihre Zeit mit der guten Maggy hier vergeuden. Sie ist eine fest verheiratete Dame. Aber ich bin noch zu haben.«
»Ich werd’s mir merken.« Nick lächelte Buffy an, aber sein Lächeln unterschied sich sehr von dem, das er Maggy geschenkt hatte. Dieses war sein geübtes Tausend-Watt-Lächeln, das die Mädchen früher atemlos gemacht hatte. Maggy hatte die Wirkung dieses Lächelns auf unvorbereitete Empfängerinnen vergessen, aber der Anblick von Buffys verzückter Reaktion ließ die Erinnerungen wieder wach werden. Schließlich hatte sie es nicht wirklich vergessen. Sie hatte Nick und alles, was mit ihm zusammenhing, vorsätzlich aus ihren Gedanken verbannt.
Nur so hatte sie überleben können.
»Ich bin Buffy McDermott«, sagte Buffy und streckte ihm eine schlanke, perfekt manikürte Hand mit leuchtendroten Fingernägeln entgegen. »Und Sie sind neu in der Stadt.« Schlank und attraktiv, mit milchweißer Haut, kinnlangem, schwarzem Haar und feinen Gesichtszügen, die sie durch geschickt aufgetragenes Make-up betonte, war Buffy daran gewöhnt, von Männern bewundert zu werden. An diesem Abend war sie in ihrem roten Seidenmieder unter einer schwarzen Motorradlederjacke, einem schwarzen Ledermini und den hohen Absätzen ganz der Vamp.
Nick nahm ihre Hand, lachte und schüttelte verneinend den Kopf. »Ich bin Nick King. Und ein waschechter Louisviller. Ich war nur eine Weile weg.«
»Sind Sie irgendwie mit den Kings verwandt, die draußen im Mockingbird Valley gewohnt haben?«
Während Buffy sprach, ließ Nick ihre Hand los. Ohne ihren Blick auch nur einmal von Nicks Augen abzuwenden, hob Buffy ihre eben befreiten Finger, um sich knapp über dem Ausschnitt ihres Mieders leicht über die zarte, weiße Haut zu streichen. Maggy hätte Buffys Technik einfach bewundern müssen – wenn die Frau mit ihren Bemühungen nicht ausgerechnet auf Nick gezielt hätte. Wie die Dinge lagen, konnte sie jedoch nur die Zähne zusammenbeißen und sich in Erinnerung rufen, daß Nick ihr nicht mehr gehörte.
»Nee. Ich bin in Portland aufgewachsen. In den Wohnsilos«
»Oh.« Buffy war für einen Moment aus dem Konzept gebracht, und ihre Hand fiel an ihrer Seite herab. Portland war die schlechteste Gegend von Louisville. Sie wurde von einer bitterarmen, unbeständigen Mischung aus schwarzer und weißer Bevölkerung bewohnt, und niemand, der auch nur im Geringsten zu den vornehmeren Kreisen gehören wollte, würde zugeben, dort aufgewachsen zu sein. Unwillkürlich erschien ein leichtes Lächeln auf Maggys Gesicht. Das sah Nick ähnlich, einfach die Wahrheit zu sagen und die anderen mit ihren Vorurteilen zu beschämen!
»Dann müssen Sie ein Selfmademan sein. Wie aufregend!«
Buffy nahm den Faden nach einem schnellen, flüchtigen Blick auf die Qualität von Nicks Kleidung geschickt wieder auf. Er trug Jeans und einen olivgrünen Pullover mit rundem Halsausschnitt unter einer Bomberjacke aus braunem Leder. Die typische Kleidung für einen Barbummel, die jedoch keine Rückschlüsse auf den Nettowert ihres Trägers zuließ. Buffy hatte sich offenbar entschieden, optimistisch zu sein.
»Nicht wahr?« Sein träges Lächeln zielte darauf ab, Buffy zu entflammen, und soweit Maggy es beurteilen konnte, hatte er damit Erfolg. Buffy strömte eindeutig sexuelles Begehren aus. Maggy biß die Zähne fester aufeinander.
»Mr. King, Mr. Casey ist gerade zur Hintertür hereingekommen.« Ein nervös klingender Mann mittleren Alters in einem dunklen Anzug trat hinter Nick und berührte ihn leicht an der Schulter. »Er ist im Büro des Geschäftsführers. Es tut mir leid, wenn ich unterbreche, aber ich dachte, Sie wollten es wissen.«
»Ganz recht, Craig. Ich will es tatsächlich wissen. Meine Damen, wenn Sie mich entschuldigen wollen.« Sein Blick war kalt geworden, aber er lächelte Buffy und Sarah zu, bevor seine Augen wieder auf Maggy trafen.
»Magdalena. Bleib in der Nähe. Ich komme zurück«
Bevor Maggy entscheiden konnte, ob das eine Drohung oder ein Versprechen war, hatte Nick sich umgedreht und bahnte sich hinter dem kleineren Mann einen Weg durch die Menge zu einer Tür im hintersten Teil des Raums. Unfähig, ihre Blicke von seinem breiten Rücken abzuwenden, merkte Maggy, wie sie gegen ein aufkommendes Schwindelgefühl ankämpfen mußte. Als sie sich beinahe blind umsah, entdeckte sie, daß Sarahs und Buffys Augen neugierig auf sie gerichtet waren. Sie wußte, wie wichtig es war, sich wieder in den Griff zu bekommen und ihren Begleiterinnen gegenüber ein normales Verhalten zu zeigen. Aber eine solch gelassene Haltung aufzubringen, überstieg im Moment ihre Kräfte.
Die Tür schloß sich hinter Nick und entzog ihn ihrem Blick. Urplötzlich kehrte ihre Umgebung in ihr Bewußtsein zurück. Der Lärm von Gelächter und klingenden Gläsern, das Brummen einer männlichen Stimme, die » ... ruf jemand an, der dich liebt ...« zu einer dumpf klingenden Gitarre sang, der Zigarettenrauch und die Wärme dichtgedrängter Körper um sie herum brachen ohne Vorwarnung über Maggy herein. In Nicks Gegenwart war alles um sie herum völlig verblaßt, doch nun, da er fort war, stürmte wie eine Woge das Außen wieder auf ihre Sinne ein, und sie hatte das Gefühl, darin zu ertrinken.
»›Magdalena‹?« fragte Sarah prüfend. »Wer ist das denn?« japste Buffy.
»Niemand Besonderes. Ich hatte früher mit ihm zu tun, bevor ich Lyle heiratete.« Maggy versuchte, was an innerer Stärke noch übriggeblieben war, aus sich herauszuholen, um nach Außen gleichgültig zu wirken. Mehr als alles andere auf der Welt wollte sie sich in diesem Augenblick umdrehen und weglaufen – so schnell sie konnte. Aber die sicherste Methode, die Aufmerksamkeit auf sich selbst und Nick zu lenken, wäre, ihre Begleiterinnen merken zu lassen, wie sehr die Begegnung sie erschüttert hatte.
»Und du hast trotzdem Lyle geheiratet?« Buffy kicherte, schlug sich mit der Hand auf den Mund und verdrehte die Augen zu einer übertriebenen Entschuldigung, ohne dabei das kleinste bißchen zerknirscht auszusehen. Sie nahm die Hand wieder vom Mund und fügte mit einem hinterhältigen Grinsen hinzu: »Natürlich kapiere sogar ich, daß all das Geld eine Menge zu Lyles Sex-Appeal beiträgt.«
»Buffy! Das ist nicht sehr nett«, tadelte Sarah mit einem schnellen Blick auf Maggy.
»Ich weiß. Ein Glück für mich, daß ihr beide schon wißt, daß ich kein sehr netter Mensch bin.« Buffy sah rasch auf Maggys immer noch blasses Gesicht. »Tut mir leid, Maggy. Ich hab’s nicht böse gemeint, weißt du.«
»Ich weiß.« Buffys echte Betretenheit durchdrang den eisigen Schock, der Maggy im Bann hielt, und sie brachte ein Lächeln zustande. »Schon in Ordnung. Ich bin nicht beleidigt.«
»Er sieht aus wie ein Gangster. Ein himmlisch attraktiver Gangster. Sein Anblick allein hat mir schon Schauder über den Körper gejagt.« Beruhigt kehrte Buffy mit neuem Elan zum Thema Nick zurück. Sie hievte sich auf den hinter ihr stehenden Barhocker, schlug ihre schlanken Beine übereinander und beugte sich begierig zu Maggy. »Komm, erzähl mir alles über ihn. Ist er wirklich in den Wohnsilos aufgewachsen?«
Die Worte genau wie ich kamen Maggy automatisch auf die Zunge, aber glücklicherweise verhinderte eine Störung, daß sie je geäußert wurden.
Mit einem nervenzerreißenden Akkordgewimmer verließ die Band die winzige Bühne, ein Ansager sprang hinauf und griff sich das Mikrofon.
»Meine Damen und Herren, oder wie immer ihr euch nennen wollt, heute ist Talentabend im Little Brown Cow. Alle Mädels im Publikum aufgepaßt! Das ist eure Chance, zu zeigen, was ihr habt, und euch gleichzeitig ein wenig Geld zu verdienen. Unsere Stammgäste wissen, wie das abläuft. Wir brauchen ein paar Mädels als Freiwillige, die hier raufkommen und tanzen. Wenn ihr euch ausziehen wollt, ein bißchen mit Hintern und Hüften wackelt, haben wir nichts dagegen. Stimmt’s, Jungs?«
Die Mehrzahl der Männer in der Kneipe klatschte und brüllte johlend ihre Zustimmung heraus.
Der Ansager fuhr fort. »Alle paar Minuten sondern wir ein Mädchen aus, indem das Publikum für seine Lieblingstänzerinnen klatscht. Diejenige, die zum Schluß noch hier oben herumwackelt, gewinnt zweihundert Dollar! Na, wie klingt das? Wo sind unsere Freiwilligen?«
Frauen lachten und quietschten, während sie auf die Bühne zugingen oder auch protestierend hinaufgestoßen wurden.
Maggy, die immer noch völlig durcheinander war, ergriff die Gelegenheit in stiller Dankbarkeit und warf Sarah einen Blick zu. »Ich kann das nicht ertragen. Ich muß hier raus.«
»Ich bin ganz deiner Meinung«, stimmte Sarah von Herzen zu und wandte sich von dem Spektakel ab, um auf den Ausgang zuzusteuern.
»Aber was ist mit deinem sexy Freund? Wenn wir gehen, werden wir ihn verpassen«, jammerte Buffy, als die anderen beiden begannen, sich durch das Gedränge der in Richtung Bühne strömenden Körper zu schlängeln.
Maggy hörte sie, reagierte aber nicht. Dröhnende Musik, die den Beginn des Tanz Wettbewerbs ankündigte, übertönte jeglichen Protest, den Buffy noch von sich gegeben haben mochte, während sie vom Barhocker glitt und ihnen folgte.
Draußen angekommen, sog Maggy die kühle Nachtluft in tiefen Zügen ein. Für Anfang April hatten sie eine ungewöhnlich warme Wetterperiode, aber jetzt war es fast Mitternacht, und die Temperatur war seit Sonnenuntergang um beinahe zehn Grad gefallen. Hinter ihr schwoll der Lärm zotigen Trubels an und wurde dann abrupt abgeschnitten, als Sarah und Buffy auf den rissigen Gehweg traten und die Flügel der Doppeltür hinter ihnen zuschwangen.
Tipton wartete im Rolls unter einer einsamen Straßenlampe. Kaum hatte Maggy ihn entdeckt, rollte das glänzende, dunkelblaue Gefährt auch schon leise surrend auf sie zu.
»Sie brauchen nicht auszusteigen, Tipton«, sagte Maggy, als der Wagen hielt und die Fahrertür sich zu öffnen begann. Sie ging dennoch auf, als ob Maggy nichts gesagt hätte. Tipton stieg aus und öffnete wortlos die Tür zum Rücksitz, sein blasses Gesicht war reglos. Er war ein kleiner, sorgfältig gekleideter Mann Ende Vierzig, kahl wie ein Ei unter seiner Uniformmütze. Ein ungepflegter, grau werdender Schnurrbart zierte seine Oberlippe. Er war durch und durch Lyles Mann, und als solcher zählte Maggy ihn zu ihren Feinden. Tipton war Lyles Spion, und der Grund, weshalb er sie chauffierte, wenn sie ausging, lag auf der Hand: Auf diese Weise konnte er seinem Boß berichten, wo sie gewesen war. Maggy gab vor, davon nichts zu wissen – zuzugeben, daß sie es wußte, aber unfähig war, etwas dagegen zu unternehmen, würde ihr auch noch das letzte bißchen Stolz rauben –, genauso, wie sie vorgab zu glauben, daß Tipton ihre Aufforderung, nicht auszusteigen, überhört hatte. Sie wußte, daß sie bei jeder Auseinandersetzung mit Tipton oder einem anderen von Lyles Vertrauten den Kürzeren ziehen würde. Dafür würde Lyle schon sorgen.
Sarah und Buffy merkten jedoch in seliger Ahnungslosigkeit nichts von den unterschwelligen Spannungen, als sie in das mit weichem Leder überzogene Innere kletterten. Maggy glitt ohne einen weiteren Blick auf Tipton hinter ihnen in den Wagen und schnallte sich an, während Tipton sacht die Tür schloß.
»Jetzt erzähl uns aber alles über deinen Freund«, sagte Buffy, als sie es sich bequem gemacht hatten. Der Rolls war schwungvoll um einen großen Kreisel gekurvt und fädelte sich gerade auf die sechsspurige Brücke ein, die sich über den dunklen Wassern des Ohio spannte. Mit einem schnellen Blick nach vorn auf Tipton – auch wenn es eine Trennscheibe zwischen Fahrerbereich und Rücksitz gab und der Chauffeur sich taub, stumm und blind stellte und sich nur auf den Straßenverkehr zu konzentrieren schien, hatte sie gelernt, daß sie nicht vorsichtig genug sein konnte – verfluchte Maggy im stillen Buffy, wobei sie sich gleichzeitig um einen heiter-gelassenen Gesichtsausdruck und eine ebensolche Stimme bemühte.
»Da gibt es wirklich nicht viel zu erzählen.«
»Ja, das hat man gesehen. Zumal du erst jetzt wieder etwas Farbe ins Gesicht bekommst. Du warst weiß wie eine Leinwand, als du mit ihm gesprochen hast, und als er ging, konntest du deine Augen nicht von ihm abwenden. Also was steckt dahinter? Ist er eine alte Flamme? Du kannst es uns ruhig sagen. Wir werden Lyle nichts verraten.«
Von wegen. Buffy war eine unverbesserliche Klatschtante, wie Maggy wußte. Selbst wenn sie persönlich Lyle nichts verriet, würde sie es doch so vielen Leuten erzählen, daß es ihm schließlich zu Ohren kommen würde. Sie mußte den Tatsachen ins Auge sehen: Es gab keine Möglichkeit, Nicks Anwesenheit in Louisville geheimzuhalten. Zweifellos wußte Lyle sowieso schon, daß Nick in der Stadt war. Nick hatte gesagt, daß er beim Haus gewesen sei und irgendwo David gesehen habe. Auf Windermere gab es nichts, das Lyle verborgen blieb, noch nicht einmal ein ungejätetes Blumenbeet oder eine zu hohe Lebensmittelrechnung. Die Ankunft von jemandem wie Nick würde ihm ganz sicher im Handumdrehen zugetragen werden. Doch Nicks Gegenwart allein, auch wenn sie Lyle ärgert und ihm enorm mißfällt, würde nicht ausreichen, um eine Krise auszulösen. Nicht die Krise, vor der Maggy sich seit Jahren fürchtete.
Mit sinkendem Mut erkannte sie, daß zu viele Menschen – zwei zuviel, um genau zu sein – von ihrer Begegnung mit Nick im Little Brown Cow wußten, um sie vor Lyle geheimzuhalten. Ihre beste Strategie würde es sein, Lyle selbst auf ganz unbefangene Art von dem zufälligen Zusammentreffen mit Nick zu erzählen, bevor er auf anderem Wege davon erfuhr.
Die Vorstellung ließ ihre Handflächen feucht werden. »Maggy!« Buffy klang ungeduldig. Maggy holte tief und geräuschlos Luft. »Er ist ein Gesicht aus der Vergangenheit, das ist alles.«
»Stimmt ja, du bist auch in den Wohnsilos aufgewachsen, nicht wahr? Ich erinnere mich, daß Sarah es mir vor Jahren einmal erzählt hat. Das war vielleicht ein Getratsche damals, weil Lyle jemand mit dieser Herkunft heiratete! Nicht daß man es dir jetzt noch ansähe, natürlich«, fügte Buffy hastig hinzu.
»Das ist wirklich unhöflich, Buff«, schalt Sarah sie. Ihre Stimme klang resigniert. Direktheit war einer von Buffys angeborenen Charakterzügen, und ihre Freunde hatten es längst aufgegeben, daran etwas zu ändern.
»Gar nicht unhöflich. Ich habe doch gesagt, daß man es ihr nicht ansieht, oder? Genauso, wie man nicht sieht, daß dieser Sexbolzen aus den Silos stammt.«
»Vielleicht liegt es daran, daß du ein paar Vorurteile über die Silos hast, die nicht notwendigerweise der Wahrheit entsprechen.« Maggys Tadel war mild. Weitaus lieber sprach sie über die Wohnsilos als über Nick.
»Ich bin also ein Snob, stimmt’s?« sagte Buffy mit diesem erfrischend ehrlichen Grinsen, das der Grund war, weshalb die anderen sie tolerierten. »Ich kann nichts dafür, ich bin das Produkt meiner Umgebung. Aber egal, erzähl mir von dem Sexbolzen.«
Maggy unterdrückte ein Stöhnen. Buffy war wie eine Bulldogge. Man konnte sie unmöglich von etwas abbringen, wenn sie sich einmal festgebissen hatte. »Es gibt wirklich nichts zu erzählen. Wir kannten uns, als Kinder. Aber das ist sehr lange her.«
»›Kannten uns‹? Ist das alles, was du dazu zu sagen hast? Wenn er dich auf diese erotische Art und Weise ›Magdalena‹ nennt?«
»Das ist mein Taufname«, entgegnete Maggy mit einer schneidenden Schärfe in ihrer Stimme, die sie sofort wieder bereute. Wenn Buffy erst einmal vermutete, daß sie etwas verbarg, würde sie nicht mehr aufzuhalten sein. Alle Klatschbasen in Louisville – oder zumindest alle, die zählten – würden sich die Mäuler zerreißen. Angriff war die beste Verteidigung, hatte sie einmal gehört. Also versuchte sie es damit: »Außerdem glaube ich, daß du alles, was er von sich gibt, erotisch finden würdest.«
»Die Art, wie du ihn angeschmachtet hast, war wirklich peinlich, Buff«, pflichtete Sarah bei.
»Ich habe ihn nicht angeschmachtet.« Buffy klang entrüstet. Dann grinste sie wieder. »Na ja, er ist schon ein Sahnestück. Wenn er sich bei dir meldet, Maggy, könntest du ihm dann vielleicht meine Nummer geben?«
»Ich bezweifle, daß er sich bei mir meldet. Aber wenn, werde ich es gerne tun.«
Zu ihrer großen Erleichterung stellte Maggy fest, daß sie die Tore von Windermere erreicht hatten. Sie hatte noch nicht einmal mitbekommen, wie sie die Schnellstraße auf der Kentucky-Seite verlassen und die etwa sechzehn Kilometer auf der River Road zu der gut versteckten Einfahrt des Anwesens zurückgelegt hatten, so sehr war sie in ihren inneren Aufruhr verstrickt. Der Wagen verlangsamte sein Tempo und wandte sich an dem alten, verlassenen Torwächterhäuschen nach rechts, wo er hielt, während sich das elektrisch betriebene Tor öffnete. Dann schob er sich zwischen den Steinsäulen und eisernen Torflügeln hindurch, die den Beginn der langen Auffahrt markierten, und fuhr mit quietschenden Reifen hinauf. Die Auffahrt war steil und schmal und verlief in Serpentinen. Bei den ersten dutzend Malen, die Maggy dort selbst entlanggefahren war, hatte ihr das Herz bis zum Hals geschlagen, weil sie fürchtete, sich zu verschätzen und hundert Meter tief hinunter in den Willow Creek zu stürzen. Mit der Zeit hatte sie sich an die haarsträubende Strecke zum Haus gewöhnt und beachtete sie jetzt kaum, außer um im Vorbeifahren zu registrieren, daß die Lampe, die normalerweise die tückischste Kurve beleuchtete, nicht brannte. Aber Tipton war mit dem Weg so gut vertraut, daß er noch nicht einmal vom Gas ging. Wenige Augenblicke später erreichte der Rolls die ebene Fläche auf der Kuppe des Hügels, die den vorderen Park bildete. Sekunden danach schlich er auf einem bogenförmig verlaufenden, gepflasterten Straßenstück zu der breiten Steintreppe, dem Zugang zu der von sechs Säulen getragenen Vorhalle und der Eingangstür aus schwerem Eichenholz.
Die Außenbeleuchtung war angeschaltet und bestrahlte den Springbrunnen, der das Herzstück des noch im Winterschlaf befindlichen Rosengartens bildete, um den dieser Teil der Auffahrt herumführte, sowie die glatte, weiße Steinfassade des dreistöckigen Hauses. Aber außer dem Kronleuchter in der Eingangshalle, der durch das bleigefaßte Oberlicht der Tür zu sehen war, schien innen kein Licht mehr zu brennen.
Schon als Tipton die Tür an ihrer Seite öffnete, spürte sie, wie die Anspannung, die sie gefangengehalten hatte, allmählich nachließ. Dem Eindruck des Hauses nach zu urteilen, war Lyle schon zu Bett gegangen. Sie würde ihm erst am Morgen gegenübertreten müssen.
Sie lächelte matt vor Erleichterung, als sie aus dem Wagen stieg.
Sarah und Buffy blieben sitzen. Sie waren während des Festmonats vor dem Derby Hausgäste auf Windermere. Das Derby in Louisville war ein großes gesellschaftliches Ereignis, in dessen Mittelpunkt ein Pferderennen am ersten Samstag im Mai stand, welches hinsichtlich Parties und Vorbereitungen sogar Weihnachten ausstach. Sie wohnten für die Dauer der Festlichkeiten bei Sarahs Mutter, Lucy Drummond. Lucy, Lyles einzige lebende Verwandte, hatte während der vergangenen sechs Monate im Gästehaus des Anwesens residiert, einem hübschen, zweistöckigen, hölzernen Farmhaus, das nicht weit vom Haupthaus entfernt lag. Sie war auf Windermere, weil ihre und Lyles gemeinsame Mutter, Virginia, die das ganze Jahr über in ihrer eigenen luxuriösen Wohnung in einem Flügel des Haupthauses wohnte, schwer erkrankt war. Virginias Arzt prophezeite, daß sie den Sommer nicht überleben werde.
»Gute Nacht!« Buffy ließ das Fenster herunter, um zu winken. Sarah wiederholte die Worte und die Geste.
Maggy, die auf der kopfsteingepflasterten Auffahrt stand, winkte mit falscher Munterkeit zurück, als Tipton wieder ins Auto stieg. Sie winkte, bis der Rolls langsam um die Kurve bog und sich nach Osten wandte. Das Gästehaus befand sich in dieser Richtung, hinter dem Swimmingpool, dem Tennisplatz und dem Hundezwinger, wo es, verdeckt von einer schützenden Reihe zerzauster Schierlingstannen, vom Haupthaus aus nicht gesehen werden konnte. Endlich konnte sie das Lächeln aus ihren Zügen verschwinden lassen, während sie dem Wagen nachblickte, bis nur noch die roten Rücklichter in der Dunkelheit leuchteten. Ihre Wangen waren von dem angestrengten Lächeln wie eingefroren, und sie versuchte sie mit festem Reiben zu lockern.
Ein einzelner Tropfen eiskalten Wassers traf ihre linke Hand, spritzte genau unterhalb des riesigen Diamanten, der Lyles Brandzeichen war. Sie sah nach oben, nur um von einem zweiten und dann einem dritten Tropfen getroffen zu werden, und merkte, daß es anfing zu regnen. Sie drehte sich um und rannte mit dem Hausschlüssel in der Hand die glattgetretenen Steinstufen hinauf, als der Regen auch schon mit voller Kraft niederzuprasseln begann. Obwohl sie die schützende Säulenhalle innerhalb weniger Sekunden erreicht hatte, war sie bereits völlig durchnäßt. Es war ein regelrechtes Kunststück, die massive Tür aufzuschließen, hinter sich zuzumachen, wieder abzuschließen und über den rutschigen Holzfußboden zu der in einem Wandschrank im Eßzimmer versteckten Alarmanlage zu hasten, bevor diese der Polizei einen Eindringling melden konnte. Aber sie schaffte es, gab den Code, der das verdammte Ding ruhigstellen würde, sogar mit einem Vorsprung von ein oder zwei Sekunden ein.
Als das erledigt war, lehnte Maggy sich gegen die exquisite, handbemalte Tapete, die die Wände des Eßzimmers bedeckte, ohne sich darum zu kümmern, daß ihre nassen Kleider einen Fleck hinterlassen könnten, den Lyle mit finsterem Blick bemerken würde, und holte tief Luft.
Zitternd schlang sie beide Arme um sich, als ihr Körper die durchdringende Kälte wahrnahm, und schloß die Augen.
Sofort erschien ein dunkles, gutaussehendes Gesicht hinter ihren geschlossenen Lidern: Nick. Nick war zurückgekehrt.
Was um alles in der Welt sollte sie jetzt tun?
Als Maggy schließlich in ihrem Schlafzimmer angekommen war – einer luxuriösen Suite im Hauptflügel, von der aus man auf die ausladende Terrasse blickte, die sich um die Hinterfront des Hauses zog –, hatte sie sich ein klein wenig beruhigt. Nick würde nie etwas tun, das sie verletzen könnte. Egal, wie wütend er immer noch sein mochte.
Wenigstens der Nick, den sie gekannt hatte, würde das nicht tun.
Aber jedes Mal, wenn sie an die Bitterkeit bei ihrem Abschied dachte und an die zwölf Jahre des Schweigens, die seitdem vergangen waren, überkam sie ein ungutes Gefühl.
Nick war nie der Typ gewesen, der vergab und vergaß.
»Rate mal«, hatte er gesagt, als sie ihn fragte, was er hier mache.
Der Gedanke an die vielfältigen Möglichkeiten drehte ihr den Magen um.
Ihr Schlafzimmer lag im Dunkeln, als sie über den antiken Täbris auf dem polierten Parkettboden zu der kleinen weißen Onyxlampe auf ihrem Nachttisch ging. Sie knöpfte mit einer Hand ihr Hemd auf und drückte mit der anderen auf den Lichtschalter – als sie plötzlich zurückfuhr und vor Schreck nach Luft schnappte. Die Lampe beschien einen Mann, der in dem chintzbezogenen Sessel in der Ecke auf sie wartete.
»Hattest du einen schönen Abend, Liebling?« Lyle lächelte sie an und weidete sich an ihrem Schrecken. Sein ausgedünntes blondes Haar schimmerte im Lampenlicht. Sein Gesicht war langgestreckt, schmal und knochig – er sah gut aus mit seinen zweiundfünfzig Jahren, trotz der deutlich hervorstehenden Nase und des eckigen Kinns. Sein Körper war ebenfalls lang und schmal, und selbst jetzt in seinem seidenen Pyjama und Morgenmantel besaß er eine stilvolle Eleganz, die er mit großem Stolz von David nachgeahmt sah. Ihrem Sohn. Ihrem gemeinsamen Sohn.
Ein Schauder der Vorahnung lief über Maggys Rücken.
Sie blickte hinunter in seine Augen, die, da er immer noch saß, sich etwa auf der Höhe ihrer Brust befanden. Sie waren von einem hellen Blau, kalt wie Eis und funkelnd vor Bosheit.
»Es war ganz nett.«
»Hast du jemanden getroffen?«
Wie hatte er es nur so schnell erfahren können? Es war ihr schon immer unheimlich gewesen, über was Lyle alles Bescheid wußte. Manchmal, wenn sie ihrer Fantasie freien Lauf ließ, stellte sie sich vor, daß er ein Hexenmeister war oder ein Zauberer. Er schien stets zu wissen, was sie sagte oder tat oder sogar dachte. Es war beängstigend.
Sie holte tief Luft, um sich in den Griff zu bekommen. »Nick King ist in der Stadt. Ich – wir – sind ihm zufällig in einem Nachtclub in Indiana begegnet.«
Gelassenheit vortäuschend, wandte Maggy sich um und ging auf ihr Ankleidezimmer zu, wobei sie ihre Bluse vollständig aufknöpfte. Der Gedanke, sich vor Lyle auszuziehen, verursachte ihr eine Gänsehaut, aber sie hatte nun schon einmal damit begonnen, und jetzt aufzuhören wäre ein Fehler. Furcht und Abscheu bei ihr zu erregen war Lyles Lebenselixier, und sie hatte mit großer Mühe gelernt, sich weder das eine noch das andere anmerken zu lassen. Aber sie konnte nicht verhindern, daß sie zitterte, und hoffte bloß, daß Lyle das leichte Beben ihres Körpers nicht bemerken würde. Ihre nassen Kleider waren immerhin ein Grund, der erklärte, weshalb ihr eiskalt war.
»Ah.«
Er hatte es also gewußt und erwartet, daß sie lügen würde. Dieser einzige, langgezogene Laut verriet ihr das. Sie zitterte stärker.
»Was hat er gesagt?«
»Einen Augenblick.« Maggy brauchte die paar Minuten, die es dauern würde, sich umzuziehen, um ihr Gleichgewicht wiederherzustellen. Froh darüber, daß Lyle ihr nicht gefolgt war, wagte sie dennoch nicht, die halb offenstehende Tür zu schließen, damit er sich nicht provoziert fühlte, ihr nachzugehen und mit böswilliger Freude ihre Demütigung zu genießen, während er ihr beim Ausziehen zusah. Maggy schlüpfte schnell aus ihren Kleidern und zog den weinroten Hausmantel über, der an einem Haken hinter der Tür hing. Sie band die dazugehörige Satinschärpe fest um ihre Taille, ging ins Schlafzimmer zurück und umfaßte einen der Mahagonipfosten am unteren Ende ihres riesigen Himmelbettes, als sie ihrem Mann gegenübertrat.
»Ich habe dich gefragt, was er gesagt hat.«
Maggys Hand umklammerte den Pfosten wie einen Rettungsanker.
»Nichts Besonderes. Nur Hallo.«
»Hat er erwähnt, daß er heute nachmittag hier beim Haus war? Ich war gerade beim Tennisspielen, aber er hat David gesehen.«
»Er hat es erwähnt, ja. Er – er gratulierte mir zu David.«
Lyle stieß einen Fluch aus und stand so plötzlich auf, daß Maggy den Pfosten losließ und einen Schritt zurückwich. Er kam mit schnellen, ärgerlichen Schritten um das Bett herum auf sie zu. Sie konnte nichts weiter tun, als tapfer ihren Platz zu behaupten. Sie zuckte noch nicht einmal zusammen, als seine langfingrige Hand auf ihr Kinn zuschoß, es mit brutalem Griff umfaßte und dabei ihren Kopf zurückbog, damit sie ihm in die Augen sehen mußte.
»Was hast du ihm gesagt, verdammt noch mal?«
»N-nichts. Ich habe ihm nichts gesagt! Du weißt, daß ich das nicht tun würde!« Sie hatte Angst, aber sie war auch furchtbar wütend, heilsam wütend, nach langer, langer Zeit wieder einmal. Die Begegnung mit Nick hatte etwas von dem Mädchen wiedererweckt, das sie früher einmal gewesen war. Die temperamentvolle Magdalena Garcia, die weder Mensch noch Gott, noch Teufel fürchtete. Bis Lyle sie in die Hände bekommen und sie gelehrt hatte, was Furcht bedeutet.
Lyle sagte nichts, er erforschte nur ihr Gesicht mit einem Ausdruck, der sie normalerweise dazu brachte, sich innerlich zu krümmen. Auch wenn sie mittlerweile wußte, daß es besser war, ihn ihre Angst und ihren Ekel nicht sehen zu lassen.
»Ich will ihn nicht hier haben. Sieh zu, daß du ihn loswirst.«
Doch diesmal wollte Maggy sich nicht einschüchtern lassen. Sie brachte sogar ein kurzes, sarkastisches Lachen zustande. »Ich habe ihn nicht hergebracht. Ich kann ihn auch nicht zwingen, wieder zu verschwinden. Dies ist ein freies Land.«
Lyles Finger gruben sich schmerzhaft in ihre Haut. Maggy mußte sich beherrschen, nicht laut aufzuschreien, doch diese Befriedigung wollte sie ihm nicht geben. Einen kurzen Augenblick lang trafen ihre Blicke wütend aufeinander.
»Wenn du ihn nicht loswirst, werde ich es tun.«
Lyle gab endlich ihr Kinn frei und stieß sie dabei heftig von sich, so daß sie gegen das Fußende des Bettes taumelte. Er ging mit zornigen Schritten auf die Tür zu. Sie hatte sich noch nicht wieder aufrichten können, als er noch einmal herumfuhr, um sie anzusehen.
»Ich werde es nicht zulassen, daß dieses Stück Dreck aus deiner widerlichen Vergangenheit unser Leben durcheinanderbringt. Weder deines noch meines, noch Davids.«
Maggy stand nun aufrecht und lehnte sich Halt suchend gegen das Bett. Nach Lyles Miene zu schließen, war Nick einer ernsthaften Bedrohung ausgesetzt. Viele Jahre lang hatte sich ihr Beschützerinstinkt nur auf David gerichtet. Doch auf einmal empfand sie ihn auch wieder für Nick, wie schon früher, obwohl sie sich nur noch vage daran erinnern konnte.
»Er weiß es nicht, Lyle.« Ihre Wut war in eine Art erschöpfte Furcht übergegangen. Bei einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen Nick und Lyle stand für Maggy außer Frage, wer gewinnen würde. Nick war zwanzig Jahre jünger, durchtrainiert und kampferfahren. Aber Lyle würde ihm nie persönlich gegenübertreten. Das war nicht sein Stil. Er würde irgendwelche Schläger anheuern, die das für ihn erledigten.
»Und er sollte es besser auch nie herausfinden.« Drohung lag in seinen Worten und in seinen Augen, als er ihren Blick einen bedeutungsvollen Moment lang festhielt. Dann drehte er sich auf dem Absatz um, öffnete die Tür, ging hinaus und zog die schwere Holztäfelung mit einer Sachtheit hinter sich zu, die zermürbender war als jedes Zuknallen.
Aus Erfahrung vorsichtig geworden, beobachtete Maggy die geschlossene Tür. Nach einer Weile, in der Lyle nicht zurückgekommen war, ging sie hin, drehte leise den Schlüssel um und sank dann auf der Bettkante nieder. Ihre Finger waren eiskalt und zitterten, als sie sie gegen ihr schmerzendes Kinn preßte.
Der kurz aufgetauchte Schatten der jungen Magdalena Garcia verschwand wieder in den entfernten Winkel von Maggys Erinnerung, in den er schon so lange verbannt gewesen war. Jetzt war sie wieder ganz Maggy Forrest, vielbeneidete Gattin des bekannten Multimillionärs. Ironischerweise hatte sie tatsächlich den kühnsten Traum ihrer Jugend verwirklicht: Sie war so reich, daß sie sich nie wieder um Geld zu sorgen brauchte, sie konnte für sich und ihren Sohn alles kaufen, was sie wollte. Essen war immer noch ein Problem, aber anders als früher: Statt sich jeden Tag zu sorgen, ob es etwas zum Abendessen geben würde, mußte sie darauf achten, nicht zuviel zu essen, um nicht dick zu werden. Sie hatte alles: Kleider, Schmuck, Autos, Ansehen. Alles, wonach sie sich je gesehnt hatte.
Und sie war verzweifelt unglücklich. Die Schicksalsgötter mußten sich totlachen über sie.
Nicks Ankunft hatte nichts verändert. Gar nichts. Um ihrer selbst und um Davids willen durfte sie das nicht vergessen.
Jemand rüttelte am Türknauf.
Maggy fuhr erschreckt auf und starrte zur Tür. Einen schrecklichen Moment lang war sie wie gelähmt, überzeugt, daß Lyle zurückgekommen war.
»Mom, bist du da drin?«
David. Maggy seufzte erleichtert auf. Gott sei Dank. Was auch geschah, sie durfte David nicht merken lassen, daß sie Sorgen hatte. Sie strich ihr Haar und ihren Hausmantel glatt, um einen normalen, ruhigen Anblick zu bieten, und ließ ihren Sohn herein.
»Was machst du so spät noch?« fragte Maggy, als sie die Tür hinter ihm schloß und sich dagegen lehnte, wobei sie ihn mit fast schmerzlicher Zärtlichkeit anlächelte. Er war so hübsch mit seinem zerzausten Haar, der hellen, klaren Haut und der hochaufgeschossenen, geraden Statur, daß es ihr Freude bereitete, ihn einfach nur zu betrachten. Mit einer seltsamen Mischung aus Schrecken, Entzücken und Bedauern stellte sie fest, daß sie in dem Jungen schon allmählich den Mann erkennen konnte, der er einmal sein würde.
David trug einen kindlichen Batman-Schlafanzug, doch sein Kopf reichte ihr, obwohl sie selbst großgewachsen war, schon bis zum Kinn, und seine Füße und Hände waren genauso groß wie ihre eigenen. Die braunen Augen mit den dichten Wimpern, die den ihren so ähnlich waren, daß sie manchmal glaubte, in einen Spiegel zu sehen, bargen Geheimnisse, über die sie nur Vermutungen anstellen konnte. Sie liebte dieses Kind, ihr eigenes Fleisch und Blut, so sehr, daß es beinahe weh tat, es anzusehen. Dennoch zögerte sie, ihn wie früher spontan in den Arm zu nehmen. In letzter Zeit war er in seiner ganzen Art mehr Lyles Sohn als ihrer, er bewunderte seinen Vater und war ihm sklavisch ergeben. Sein Verhalten ihr gegenüber wurde immer mehr zu einem schwächeren Abbild von Lyles verachtungsvoller Feindseligkeit.
Sie begnügte sich damit, ihm übers Haar zu streichen.
»Nicht«, sagte er, genau wie sie erwartet hatte, warf seinen Kopf zur Seite und sah sie finster an. »Was hat Dad hier drin gemacht? Hast du dich wieder mit ihm gestritten?«
»Nein, wir haben uns nicht gestritten. Wir – haben etwas besprochen.«
Es war ein merkwürdiges Gefühl, von ihrem eigenen Kind zur Rechenschaft gezogen zu werden. Aber Maggy antwortete ihm ruhig und ohne Ärger, weil sie nicht wußte, wie sie anders mit dem reizbaren und empfindlichen Fremden umgehen sollte, zu dem ihr Sohn immer mehr wurde.
»Ging es um den Mann, der heute hier war?«
»Welcher Mann?« Maggy war erschrocken, was sich in ihrer Stimme niederschlug. Aber sie wußte sofort, um welchen Mann es sich handelte, sich handeln mußte: Nick.
»Ein Mann kam vorbei, um dich zu besuchen. Er sagte mir seinen Namen, aber ich habe ihn vergessen. Er sagte, er sei ein alter Freund von dir. Dad sagt, er ist dein Freund.«
»Dein Vater meint, er ist mein früherer Freund, David. Weißt du, jemand, mit dem ich gegangen bin, bevor ich Dad geheiratet habe.«
»Bist du mit vielen gegangen?« Die Vorstellung von seiner Mutter als jungem Mädchen, das mit Jungen geht, war David offensichtlich fremd. Er sah sie neugierig an.
»Nicht mit sehr vielen. Ich war ziemlich jung, als dein Vater und ich geheiratet haben. Erst achtzehn.«
»Aber du bist mit diesem Typ gegangen.« Eine Spur von Eifersucht, die er sowohl selbst als auch stellvertretend für seinen Vater empfand, lag in seiner Stimme.
»Ja«, gab Maggy zu und atmete tief durch. »Ich bin mit ihm gegangen.«
»Ich wette, Dad glaubt, daß du das immer noch tust.«
»Nein, bestimmt nicht.«
»Ich wette, daß er das glaubt. Er glaubt bestimmt, daß du zu ihm gehst, wenn du nachts aus dem Haus rennst.«
»David, ich renne nachts nirgendwohin. Ich bin fast immer zu Hause, das weißt du.«
»Dad sagt, du schleichst dich weg, wenn ich im Bett bin. Er mag es nicht, wenn du abends weggehst. Er sagt, es sei billig, wie du abends immer in Bars und auf Partys und so Sachen gehst und mich hier allein läßt.«
»David, das stimmt überhaupt nicht!« Maggy mußte sich zur Ruhe zwingen, bevor sie weitersprach. Sein ganzes Leben lang hatte sie David vor ihren Problemen abgeschottet und ihr Bestes getan, damit er nicht vom Kreuzfeuer des Privatkriegs, den sie und Lyle miteinander führten, getroffen wurde. Lyle dagegen benutzte David schamlos als Waffe gegen sie. Das hatte er schon immer getan, weil David die Verbindung war, die Maggy an ihn kettete, und zugleich das einzige, mit dem er sie wirklich im Herzen treffen konnte.
»Du bist heute abend ausgegangen!« Seine Stimme klang vorwurfsvoll.
»Du warst aber wohl kaum allein, mein Schatz. Dad war hier und Großmutter und Louella und Herd.«
»Aber du bist in eine Bar gegangen.« Sein Tonfall machte dem eines Staatsanwalts Ehre.
Maggy bemühte sich um Geduld. »David, ich bin mit Sarah und einer ihrer Freundinnen ausgegangen, um sie ein wenig aufzumuntern. Du weißt doch, wie traurig sie ist, seit Tony und sie sich getrennt haben.«
»Werdet Dad und du euch auch scheiden lassen? Er sagt, das könnte passieren, wenn du dich weiter nachts herumtreibst. Er sagt, er weiß nicht, wieviel von deinen Mätzchen er noch ertragen kann.«
Die Angst in seiner Stimme, die seine Aufsässigkeit nicht ganz verbergen konnte, löste eine langsam brennende Wut in Maggys Bauch aus. Wenn es irgendwo eine Gerechtigkeit gab, würde Lyle Forrest eines Tages die Qualen der Verdammten erleiden für das, was er David antat.
»Dad hat das nicht ernst gemeint, David. Wir werden uns nicht scheiden lassen. Ich verspreche es dir. Und jetzt solltest du wieder ins Bett gehen, Schatz. Du mußt morgen früh aufstehen.«
»Warum? Es ist doch Samstag.«
»Du hast morgen ein Golfturnier. Hast du das vergessen?«
David stöhnte. »Ich wünschte, ich könnte es vergessen. Ich hasse Golf! Ich verstehe nicht, warum ich bei diesem blöden Turnier mitspielen soll. Außerdem bin ich sowieso verdammt schlecht.«
»Achte auf deine Ausdrucksweise, junger Mann.« Maggy runzelte die Stirn und hob tadelnd den Zeigefinger, um ihre Worte zu unterstreichen. David zuckte schweigend und trotzig mit den Achseln zur Entschuldigung. »Und du bist nicht schlecht, du bist gut.«
David schüttelte düster den Kopf. »Dad sagt, daß ich nur mehr trainieren muß, um besser zu werden. Er sagt, daß in jedem Forrest ein Golfprofi steckt. Aber nicht in mir. Er sollte sagen, in jedem Forrest, außer in mir.«
Der Schmerz in seinen Augen vertrieb ihre Ungehaltenheit. Maggy seufzte und verschränkte die Arme über der Brust, um sich davon abzuhalten, sie auszustrecken und ihn an sich zu ziehen.
»Du mußt nicht wie Dad oder irgendein anderer Forrest sein, David. Du bist du. Ein einzigartiger Mensch. Du mußt keinen Golfprofi in dir haben. Vielleicht kannst du einfach so gut sein, wie es geht, und spielen, weil es dir Spaß macht.«
»Ja, toll. Erzähl das einmal Dad.« Er sah niedergeschlagen aus und tastete um sie herum nach dem Türknauf.
»Das werde ich, wenn du willst. Mit ihm über deine Einstellung zu Golf sprechen, meine ich.« David warf ihr einen Seitenblick zu, als sie ihm ruhig dieses Angebot machte und gleichzeitig aus seinem Weg trat.
»Nein, das will ich nicht. Ich will nicht, daß Dad und du euch noch mehr streitet. Ihr streitet dauernd.«
Wut lag in seinem Blick und in seiner Stimme. Maggy fühlte einen schmerzlichen Stich.
»Kommt dir das wirklich so vor? Das tut mir leid.«
»Nein, tut es dir nicht. Es ist ja deine Schuld.«
Maggy versuchte, sich von den Worten ihres Sohnes nicht zu sehr treffen zu lassen, aber sie kam nicht dagegen an. Als der Mensch, den sie am meisten auf der Welt liebte, besaß David wie kein anderer die Macht, sie zu verletzen.
Einen Augenblick lang schwiegen sie beide, während Davids Anklage zwischen ihnen nachhallte.
»Mom.« Ohne sich umzudrehen, die Hand noch am Türknauf, sprach David zu der weißgestrichenen Holztäfelung vor ihm.
»Ja?« Maggy blickte mutlos auf seinen Hinterkopf, weil sie wußte, daß sie wieder einmal geschlagen worden war. Wie fast immer hatte Lyle den Kampf um Davids Loyalität gewonnen. Doch statt etwas zu sagen, drehte David sich plötzlich um und schlang seine Arme fest um ihre Taille, wobei er sein Gesicht zwischen ihren Brüsten vergrub. Überrascht drückte Maggy ihn an sich. Sie murmelte beruhigende Laute, hielt ihn fest und preßte ihre Lippen auf seine wirr abstehenden Locken.
»Ich hab’ dich lieb, Mom.« Die Worte klangen erstickt und wurden in einer Art grimmigem Trotz geäußert, der Maggy weh tat. Ein Kind sollte seiner Mutter nicht in diesem Ton sagen müssen, daß es sie liebhatte. Was hatte sie sich und David angetan in jener elenden, regnerischen Nacht vor zwölf Jahren, als sie ihrer beider Zukunft mit der von Lyle Forrest verbunden hatte? David gehörte ihr, ihr, und doch stand Lyle für immer zwischen ihnen. Lyle, den sie haßte und den David anbetete.
»Ich weiß, mein Schatz. Ich hab’ dich auch lieb.« Sie konnte ihre Stimme kaum unter Kontrolle halten. Aber für David schaffte sie es. Er war erst elf Jahre alt, und sie würde ihn nicht mit dem Schmerz und den Problemen belasten, für die sie allein verantwortlich war.
David umarmte sie noch einmal kurz und fest, bevor er sich mit einem Ruck befreite. Dann riß er die Tür auf und rannte beinahe aus dem Zimmer.
Noch ganz benommen von seinem Ausbruch taumelte Maggy einen Schritt zurück. Als sie ihr Gleichgewicht wiedererlangt hatte, trat Sie hinaus auf den Flur und sah ihm nach, wie er in seinem Zimmer verschwand, das zwei Türen weiter von ihrem entfernt lag. Zwei kleine, zusammenhängende Zimmer, die einst dem Kindermädchen gehört hatten, auf dem Lyle bestanden hatte, als David noch klein war, lagen dazwischen. Seit Miss Hadley vor zwei Jahren in Rente gegangen war, waren sie in Spielzimmer für David umgewandelt worden.
David hatte seine Tür offengelassen. Er eilte in sein Zimmer, ohne sich noch einmal umzudrehen, und die Tür schlug hinter ihm zu. Maggy blieb einen Moment wie festgewachsen stehen, die Hände vor die Augen gelegt. Dann ging sie zurück in ihr Schlafzimmer und schloß mit einer im Laufe der Jahre automatisch gewordenen Bewegung die Tür hinter sich ab.
David hatte gesagt, daß er sie liebte. Und sie liebte ihn auch. Genug, um alles für ihn zu tun. Um alles Mögliche für ihn aufzugeben.
Genug, um alles für ihn aufzugeben. Was sie, wie sie manchmal dachte, auch getan hatte.
Der nächste Tag, Samstag, der elfte April, war Maggys dreißigster Geburtstag. Sie stand wie gewöhnlich um sechs Uhr auf, verbrachte wie üblich zwanzig Minuten lang auf dem Hometrainer in ihrem Badezimmer, putzte sich die Zähne, wusch sich das Gesicht und verteilte etwas von der Sonnenschutzcreme darauf, mit der sie ihre helle Haut schützte, sobald sie auch nur die Nase zur Tür hinausstreckte. Später würde sie duschen, ihre Haare waschen und frisieren und sich für den Tag ankleiden, aber diese frühen Morgenstunden gehörten ihr allein, und sie dachte nicht daran, auch nur eine einzige Minute mit so etwas Überflüssigem wie einer ausgiebigen Toilette zu verschwenden. Sie fuhr sich rasch mit der Bürste durch die dichten, ineinander verschlungenen Strähnen, die ihr bis zu den Schulterblättern reichten, bändigte die schwere Mähne mit einer Schildpattspange im Nacken und ging in ihr Ankleidezimmer. Schnell zog sie ein Paar alte Jeans an, die so abgetragen waren, daß sie an Knien und Sitzfläche fast weiß schienen, darüber ein Männer-T-Shirt, einen weiten, weißen Baumwollpullover und einen olivgrünen Anorak mit Kapuze und schlüpfte aus dem Haus. Wadenhohe Gummistiefel schützten ihre Füße vor dem durchweichten Untergrund, als sie auf die Hundezwinger zuging, wo ihre beiden Irischen Wolfshunde, Seamus und Bridey, schon erwartungsvoll bellten.
Es war jetzt ein paar Minuten nach halb sieben. Die gerade aufgegangene Sonne hing als frostiger Ball im Osten am langsam heller werdenden Himmel, genau dort, wo die dichtbewaldeten Hügel der Kentucky- und der Indianaseite durch den Ohio geteilt wurden. Der Regen hatte irgendwann in der Nacht aufgehört, aber die Luft war kalt, und Maggy’s Atem stieg in kleinen, grauen Wölkchen auf, als sie an dem Riegel des über zwei Meter hohen Zwingers zog, in dem sich die Hunde befanden. Endlich gab er nach, und die Hunde stürzten heraus und sprangen in ihrer Begeisterung, daß sie endlich für den Morgenspaziergang herausgelassen wurden, wie wild über Maggys Füße.
»Ruhig, Jungs«, sagte sie und kraulte erst einen zudringlichen grauen Kopf und dann den anderen, ehe sie sich mit einem schrillen Pfiff, der die Hunde bei Fuß gehen ließ, der Auffahrt zuwandte. Ihr war nicht besonders nach Spazierengehen zumute an diesem Morgen, aber der frühmorgendliche Ausflug war der Höhepunkt des Tages für die Tiere, und sie hatte es nicht über sich bringen können, sie zu enttäuschen. Sie war müde, todmüde, und das nicht nur, weil sie in der Nacht zuvor so wenig Schlaf bekommen hatte. Sie litt weniger unter körperlicher als unter seelischer Erschöpfung. Sie war ihres Lebens überdrüssig, verzweifelt überdrüssig, und sie konnte keinen Ausweg sehen. Sie saß in der Falle, sie war eine Gefangene ohne Hoffnung auf Hafturlaub. Dieses Wissen raubte ihr jegliche Energie.
Dünne Streifen feinen, weißen Nebels stiegen träge vom Boden auf, als sie sich von der Auffahrt abwandte und hinunter auf den bewaldeten Berghang zuging, aus dem der größte Teil des Anwesens bestand. Der Wald war dicht und verwuchert, ausgenommen dort, wo ein Pfad hindurch getreten oder geschlagen worden war, und sie beschränkte ihren Spaziergang gewöhnlich auf einen Lieblingspfad, der sich bis zum Torwärterhäuschen wand, bevor er in Serpentinen wieder hinauf zum Herrenhaus führte. Als sie auf dem Pfad angelangt war und ihm bergab folgte, zog sie die Kapuze ihres Anoraks über den Kopf. Es war deutlich dunkler und kälter hier unten, wo die Sonne noch nicht hinkam. Doch trotz der dichten Baumwipfel schafften es ein paar vereinzelte Strahlen, die Düsternis mit schrägen Streifen sanften, goldenen Lichts zu durchdringen. Der Effekt war von überirdischer Schönheit und einer der Gründe, weshalb Maggy den Wald für ihre morgendlichen Streifzüge gewählt hatte. Wie finster es auch in ihrem Leben aussah, die unglaubliche Schönheit der Natur verfehlte nie die Wirkung auf ihr Gemüt. Auch an diesem Morgen spürte sie das Wunder, als ihre Hoffnungslosigkeit allmählich weniger drückend wurde.
Bridey und Seamus verschmähten den Pfad und sprangen fröhlich bellend voraus durch das Unterholz, wo sie Eichhörnchen, Blätter, Schatten und alles jagten, was auf die dumme Idee kam, sich zu bewegen. Die Hunde kannten die Morgenroutine genausogut wie sie, daher hatte Maggy keine Angst, daß sie verlorengehen könnten. Der größte Teil der dreißig Hektar des Anwesens war von einer etwa einen Meter hohen Steinmauer umgeben, in die zusätzlich ein Eisengitter von sechzig Zentimeter Höhe eingelassen war. Als der in der Öffentlichkeit stehende Eigentümer und Herausgeber von Kentucky Today, dem altehrwürdigen Blatt, das die Einwohner von Kentucky seit beinahe hundert Jahren mit Klatsch und Nachrichten versorgte, achtete Lyle auf seine Sicherheit. Der Zaun und die durch das Tor gesicherte Einfahrt stellten einen Teil seiner Vorsichtsmaßnahmen dar. Drohungen waren an der Tagesordnung, besonders wenn Lyle persönlich Leitartikel verfaßte und darin unpopuläre Ansichten äußerte. Aber in letzter Zeit hatte er keinen eigenen Artikel veröffentlicht, so daß nur der normale Grad an Haß in den Köpfen und Herzen von Lyles Feinden schwelte, und Maggy sah keinen Grund für die Befürchtung, auf ihrem eigenen Besitz angegriffen zu werden.
Deshalb ging sie zunächst auch sorglos weiter auf die im Schatten neben dem Pfad glühende Zigarettenspitze zu, bevor sie merkte, daß dort tatsächlich ein Mann gegen den Stamm eines riesigen Ginkgobaums gelehnt stand und langsam an einer Zigarette zog, während er ihr Näherkommen beobachtete.
Maggy blieb abrupt stehen. In der Entfernung bellten die Hunde, weil sie anscheinend ein Kaninchen gerochen hatten und sich auf die wilde Verfolgungsjagd machten. Wo sie stand, schien der Wald auf einmal ganz still geworden zu sein. Noch nicht einmal das Rascheln eines Blattes war zu hören.
»Guten Morgen, Magdalena.«
Sie hatte schon gewußt, wer es war, noch bevor er sich von dem Baumstamm gelöst und sie angesprochen hatte: Nick. Ihr Herz, das aus Angst vor dem Unbekannten schneller zu schlagen begonnen hatte, raste weiter mit neuer Angst, als Nick seine Zigarette auf dem feuchten Pfad austrat und sich auf sie zubewegte.
Feine Nebeltröpfchen schimmerten in seinen schwarzen Haaren, als er durch die schleierartigen Sonnenstrahlen, die zwischen ihnen durch die Bäume fielen, auf sie zukam. Wassertropfen glitzerten auch auf den Schultern seiner beigen Jacke. Wie sie trug er abgewetzte Jeans, nur daß seine eng wie ein Handschuh um seine muskulösen Oberschenkel saßen. Die nicht mehr neuen Leinenturnschuhe an seinen Füßen waren gründlich durchnäßt, was Maggy darauf schließen ließ, daß er schon eine Weile durch den Wald gestrichen war.
»Was machst du hier?« fragte sie.
Obwohl sie zuerst kehrtmachen und weglaufen wollte, blieb Maggy stehen, als er näherkam und nur zwei Schritte entfernt von ihr an einer kühlen, dunklen Stelle des Pfades anhielt. Ein Specht begann plötzlich irgendwo über ihnen mit seinem charakteristischen Klopfen, aber außer einem flüchtigen Blick nach oben schenkten sie ihm beide keine Beachtung.
»Das ist schon das zweite Mal, daß du mich das fragst. Wenn du gestern abend dageblieben wärst, hätte ich dir vielleicht eine Antwort gegeben. Aber jetzt glaube ich, daß ich es dich lieber selbst herausfinden lasse.« Er lächelte, aber es war kein freundliches Lächeln.
»Nick ...«, begann sie verzweifelt, wurde aber sogleich abgelenkt, weil er in seine Jackentasche griff und ein rechteckiges Päckchen in schlichtem braunem Papier herauszog, das er ihr reichte.
»Alles Gute zum Geburtstag, Magdalena.« Sein Tonfall war nüchtern.
»Was ist das?« Maggy nahm das Päckchen unsicher in die Hand und drehte es hin und her, während sie darauf starrte. Es wog sehr wenig, aber etwas in seinem Gesicht warnte sie, auf der Hut zu sein. Die Anzeichen waren kaum wahrnehmbar, nur ein ganz leichtes Stirnrunzeln und ein gewisses Glitzern seinen Augen, aber sie kannte ihn immer noch zu gut: Was auch in dem Päckchen sein mochte, es war etwas, das ihr nicht gefallen würde.
»Ein Geschenk zum dreißigsten Geburtstag von mir für dich.« Er griff in seine Jacke, angelte in der Innentasche nach etwas und brachte ein Päckchen Winston und Streichhölzer zum Vorschein. Er klopfte eine Zigarette heraus, steckte das Päckchen wieder weg und zündete sie an.
