Robert de Niro - Shawn Levy - E-Book

Robert de Niro E-Book

Shawn Levy

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Beschreibung

***Die fulminante Biographie des großen Filmidols*** Robert De Niro gehört zu den besten und erfolgreichsten Schauspielern der Welt (»Taxi Driver«,»Der Pate«, »Es war einmal in Amerika«). Der New-York-Times-Bestseller-Autor Shawn Levy hat bislang unveröffentlichtes Material und private Aufzeichnungen De Niros zusammengetragen, darunter Gespräche mit Scorsese, Coppola und Pacino. Er eröffnet ein neues faszinierendes Bild der grandiosen Arbeit des zweifachen Oscar-Preisträgers mit seltenen Einblicken in das private Leben des öffentlichkeitsscheuen Schauspielers. Mit großem Bildteil

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Seitenzahl: 1019

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Levy Shawn

Robert de Niro

Ein Leben

 

Aus dem Amerikanischen von Tobias Schumacher-Hernández

 

Impressum

 

 

Covergestaltung: buxdesign / München

Coverfoto: Corbis

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2014

unter dem Titel »De Niro. A Life«

Copyright © 2014 by Shawn Levy

All rights reserved.

Published in the United States by Crown Archetype, an imprint of the

Crown Publishing Group, a division of Random House LLC,

a Penguin Random House Company, New York.

www.crownpublishing.com

Crown Archetype and colophon is a registered trademark of

Random House LLC.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

 

This translation published by arrangement with Crown Archetype, an imprint of

the Crown Publishing Group. a division of Random House LLC.

www.crownpublishing.com

 

Deutsche Ausgabe

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015

Lektorat:Tobias Schumacher-Hernández

Umschlagfoto: Steve Schapiro/© Corbis

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403477-5

 

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Inhalt

Für meine Schwester Jennifer [...]

Einführung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

Dank

Bildteil

Literatur

Biographien von De Niro

Robert De Niro senior und Virginia Admiral – Leben, künstlerisches Werk und Zeit

Filmgeschichte und Biographien, die sich mit De Niro, seinen Filmen, seiner Karriere und seinem Milieu beschäftigen

Wichtige Interviews mit De Niro

Für meine Schwester Jennifer und ihre wunderbare Familie

Einführung

Das Filmfestival in Cannes gehört zu den renommiertesten und wichtigsten Kulturereignissen des Jahres. Auch im Frühjahr 2012 richtet sich die Aufmerksamkeit der Filmliebhaber weltweit auf das ehemalige Fischerdorf an der französischen Mittelmeerküste.

An einem Freitagabend dringt vor dem berühmten Palais des Festivals eine getragene Melodie durch die schwüle Luft, die dreißig Jahre zuvor für einen Film über Hunger, Sehnsucht, Unschuld, Gewalt, Verbrechen, Betrug und die Macht der Erinnerungen geschrieben wurde.

Es war einmal in Amerika ist ein Epos – sowohl was seine Entstehungsgeschichte angeht (es dauerte zwölf Jahre, das Skript zu schreiben, und die Dreharbeiten zogen sich über elf Monate hin), als auch was die Vision des Regisseurs betrifft. Sergio Leones Lieblingsversion war fast viereinhalb Stunden lang. Der Film hatte 1984 mit einer leicht gekürzten Fassung in Cannes Premiere und verzückte das Publikum – ein Gast erinnerte sich an fünfzehnminütige Standing Ovations. Aber das Schicksal, das den Film nach dem Festival ereilte, war ebenso legendär wie katastrophal. Die Verleiher zerhackten den Film auf die halbe Länge und verliehen der Erzählung eine andere Struktur, was fast zwangsläufig zu negativen Kritiken und lauen Verkaufszahlen führte. Leone geriet schnell in Vergessenheit und starb fünf Jahre später, ohne noch einen einzigen Film gemacht zu haben.

Mit der Zeit jedoch kam der Film zu Ehren – was zum einen daran lag, dass sein Regisseur posthum Ruhm erlangte, zum anderen wurden immer neue Versionen veröffentlicht, die sich Schritt für Schritt dem Originalschnitt annäherten. Darüber hinaus bewerteten einige seiner Verfechter ihn als Meilenstein seines Genres, als Inbegriff des amerikanischen Gangsterfilms.

Und so wird an diesem Abend im Mai 2012, achtundzwanzig Jahre nach seiner Premiere, eine restaurierte Version von Es war einmal in Amerika in just dem Filmtheater in Cannes gezeigt, wo die Erstaufführung stattgefunden hatte – der Film dauerte fünfundzwanzig Minuten länger als beim ersten Mal. Es ist in Cannes ein Anlass wie jeder andere für eine typische Luxusgala.

In der einsetzenden Dämmerung betritt der Star des Films, Robert De Niro, den legendären roten Teppich, während aus den Lautsprechern Ennio Morricones opulente und gespenstische Filmmusik ertönt.

De Niro hat guten Grund, sentimental zu sein. Bereits achtmal war er in Cannes zu Gast, zweimal gewann er hier den Hauptpreis, und erst im Jahr zuvor stand er der Jury vor. Sein Leben lang hat er diesen Ort in verschiedenen Funktionen besucht.

Sicherlich ist es ebenfalls aufwühlend, dass Leone nicht hier ist, dass De Niro die anderen Stars wiedertrifft, von denen er manche seit dem Dreh nicht mehr gesehen hat, und vor allem die Tatsache, sein jüngeres Ich auf der Leinwand zu betrachten.

Jedoch hat De Niro all das schon viele Male zuvor erlebt, und man sagt ihm nach, bei solchen Gelegenheiten stets eine unergründliche und stoische Miene zur Schau zu tragen und abgeklärt, ja desinteressiert zu wirken.

Aber irgendetwas setzt ihm an diesem Abend zu, Gefühle, die er normalerweise nur in dem engen Rahmen einer Filmrolle oder in den verborgenen Gemächern seines Privatlebens enthüllt. Während er die Stufen hinaufsteigt, kommen ihm die Tränen. Später sind Fotos im Umlauf, die ihn neben seiner Frau im Smoking zeigen, wie er beim Versuch, seine Gefühle im Zaum zu halten, die Zähne zusammenbeißt.

Vielleicht liegt es an der Musik, über den traurigen Streicherklängen ist Gheorghe Zamfirs liebliche und melancholische Panflöte arrangiert.

Vielleicht liegt es aber auch am Wetter: Es ist schwül, feucht, diesig.

Oder vielleicht ist es auch das Bewusstsein, dass die Chance, einen Film wie Es war einmal in Amerika zu machen, so ausgesprochen selten ist und nicht wiederkommt, das Bewusstsein, dass Filme, wie das Leben, an uns vorbeiziehen können.

Solche Gedanken und Gefühle passen nur zu gut zu den reumütigen Motiven in Leones Film, dessen Geschichte unter einem schlechten Stern stand.

Aber darüber hinaus ist es auch ein passender Ausgangspunkt für die Betrachtung des Lebens und Werks von Robert De Niro.

* * *

Als er begann, Es war einmal in Amerika zu drehen, war Robert De Niro fast unbestritten der beeindruckendste und unwiderstehlichste Filmschauspieler weltweit. Das ist eine kühne Behauptung angesichts damals noch aufstrebender Titanen der Leinwand wie Al Pacino, Dustin Hoffman, Jack Nicholson, Jon Voight, Robert Duvall und Gérard Depardieu und alter noch aktiver Meister wie Jack Lemmon, Paul Newman, Max von Sydow, Peter O’Toole, Michael Caine, Marcello Mastroianni oder gar Laurence Olivier (wenn er denn dazu geneigt war, einen Film zu machen) oder Marlon Brando.

Aber der Robert De Niro des Jahres 1982 hob sich sogar von solchen vielversprechenden oder arrivierten Kollegen ab.

Im Frühling 1981 hatte er innerhalb von sechs Jahren seinen zweiten Oscar für seine Rolle in Wie ein wilder Stier gewonnen. Seine schauspielerische Leistung wurde umgehend als eine der größten, die jemals auf Film gebannt worden war, erkannt – basierend auf einer erstaunlichen physischen Verwandlung und starker Emotionen. In den 1970er Jahren hatte er sich schnell vom Darsteller in fragwürdigen Independentfilmen zum Star in solchen Meilensteinen wie Hexenkessel, Der Pate – Teil II, Taxi Driver, 1900 und Die durch die Hölle gehen entwickelt. (Seinen ersten Oscar bekam er für Der Pate, in dem er fast ausschließlich mit einem sizilianischen Akzent spricht, den er sich extra für den Film angeeignet hatte.) Er arbeitete mit den besten jungen Regisseuren aus Hollywood: Brian De Palma, Francis Ford Coppola, Michael Cimino und besonders Martin Scorsese, mit dem er in zehn Jahren fünf Filme drehte; ebenso gehörten Bernardo Bertolucci und Elia Kazan dazu. Zu seinen beiden Academy Awards kamen zwei Nominierungen hinzu, vier Nominierungen der British Academy of Film and Television Arts (BAFTA) und insgesamt sieben Preise von den wichtigsten amerikanischen Kritikerverbänden.

Seine Wandlungsfähigkeit ist legendär, und er war bereit, große Risiken einzugehen, indem er sich in seine Rollen derart einarbeitete, wie es zuvor kein Schauspieler aus der Schule des Method Acting getan hatte. Und immer ging er daraus stärker, mutiger, besser hervor. Er hatte eine übernatürliche, geheimnisvolle Aura und vermittelte ein Gefühl von Gefahr, Poesie, Sex, Einsamkeit, Wagnis, Intensität, Überraschung und Nervenkitzel. Er war ein so aufregender Filmschauspieler, wie es seit der Blütezeit von Brando und James Dean keinen mehr gegeben hatte. Sein Name auf der Kinotafel wirkte wie ein Magnet. Und im Alter von achtunddreißig Jahren fing er überhaupt erst richtig an.

Doch manchmal fällt es dreißig Jahre später schwer, den anfänglichen Ruhm von De Niro zu erkennen angesichts des Wirrwarrs seiner späteren Karriere.

Die Veränderung ging schleichend vonstatten. Nach Es war einmal in Amerika trat er über ein Jahrzehnt lang in anspruchsvollen Filmen mit namhaften Kollegen auf: Brazil, Mission, Angel Heart, The Untouchables – Die Unbestechlichen, Midnight Run – Fünf Tage bis Mitternacht, Wir sind keine Engel, Sein Name ist Mad Dog, Heat, Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt, Jackie Brown, Ronin. Mit Martin Scorsese drehte er drei weitere Filme: Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia, Kap der Angst und Casino. Darüber hinaus debütierte er mit einem einfühlsamen und anrührenden Film, In den Straßen der Bronx, als Regisseur. Mit der Zeit nahm De Niro dann immer kleinere Rollen an und arbeitete in Nebenrollen und hatte Cameo-Auftritte, anstatt tragende Rollen zu übernehmen. Doch immer wurde er von seinen Kollegen respektiert und für Oscars für Zeit des Erwachens und Kap der Angst nominiert. Und er blieb der Schauspieler, der in den amerikanischen Kinos am häufigsten gesehen, imitiert und am meisten respektiert wurde.

Jedoch spielte er in keinem weiteren Kinohit mit, bis 1999 die Komödie Reine Nervensache in die Kinos kam. Es sollte der erste Film seiner Karriere werden, der mehr als 100 Millionen Dollar einspielte. (Zum Vergleich: Arnold Schwarzenegger und John Travolta sowie vielleicht passender Dustin Hoffman und Jack Nicholson hatten bis zu diesem Zeitpunkt jeder schon das Fünffache erzielt.) Es war ein intelligenter Film, der sich De Niros Aura des harten Burschen zunutze machte und ihm die Chance gab, sein Talent für Komik zu zeigen, das er seit den 1960er Jahren wohl hatte, aber immer hinter der ernsten Method-Acting-Fassade verbarg. Im folgenden Jahr trat De Niro in Meine Braut, ihr Vater und ich auf, eine Komödie, die weder so klug wie Reine Nervensache noch so sorgfältig um seine filmische Figur herum gebaut war: Natürlich wurde es ein noch größerer Kinohit. Und er präsentierte De Niro auf neue Weise, sowohl für die Zuschauer als auch für die Filmemacher, die sein Image in der Öffentlichkeit trüben und die Bedeutung seines Vermächtnisses in Frage stellen sollte.

Es folgten zwei Fortsetzungen von Meine Braut, ihr Vater und ich. Diese Trilogie spielte weltweit mehr als 1,2 Milliarden Dollar ein und machte sie zu dreien der vier finanziell erfolgreichsten Filme, die De Niro jemals gemacht hat. Und sie waren gewissermaßen die Highlights seiner Karriere im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. In dieser Zeit stand er neben Schauspielern wie Eddie Murphy, Edward Burns, Cuba Gooding junior, Dakota Fanning sowie James Franco und Bradley Cooper vor der Kamera, noch bevor die beiden Letzteren ihr Talent wirklich unter Beweis gestellt hatten. Er trat in Actionfilmen auf, die die Vertriebsfirmen bis zum Erscheinungstermin vor der kritischen Presse verbargen. (Dazu gehört auch Kurzer Prozess – Righteous Kill mit Al Pacino.) Ebenso arbeitete De Niro mit Regisseuren mit eher beschränktem Potential und fragwürdigem Ruf zusammen.

 

Auch in den 1970er und 1980er Jahren hatte er Misserfolge: New York, New York, Der Liebe verfallen, Stanley & Iris, aber bei diesen Filmen war immer klar, dass die Beteiligten höchsten Ansprüchen genügten und der Qualität verpflichtet waren, auch wenn sie vielleicht nicht immer abgeliefert worden ist. Aber die Filme, die er nach Meine Braut, ihr Vater und ich und Reine Nervensache drehte, waren von einem anderen Kaliber: Stückwerk, Tagelöhnerei, Geldjobs – man kann sie nennen, wie man mag. Obgleich er in der Lage war, Momente voller Inspiration zu vermitteln, verspielte sich der De Niro des 21. Jahrhunderts im Großen und Ganzen das Wohlwollen – und in der Tat auch die Ehrfurcht –, die er sich als junger Darsteller erarbeitet hatte. »Wie macht er das nur?«, war die Frage, die sich bezüglich seiner Talente in den frühen Stadien seiner Karriere stellte. Später hieß es dann: »Was ist nur mit ihm los?«

Im Jahr 2012 gab es einen kurzen Hoffnungsschimmer mit Being Flynn: Es ist die bodenständige und ungeschönte Darstellung eines selbsternannten literarischen Genies (und gelegentlichen Taxifahrers), das von einer Geisteskrankheit heimgesucht wird. Danach erschien Silver Linings, in dem ihm es – Wunder über Wunder – gelang, anrührend und klug einen neurotischen Spieler zu verkörpern, der versucht, eine Beziehung zu seinem erwachsenen Sohn aufzubauen. Diese Rolle brachte ihm die erste Oscarnominierung in einundzwanzig Jahren ein. Doch danach fiel er wieder auf Rollen zurück, die De Niros Arbeit des letzten Jahrzehnts prägten und die schnelles Geld versprachen.

 

Nichtsdestotrotz zeigten sich De Niros Qualitäten, Einsatz, Fokus und Beharrlichkeit, die seine Arbeiten in früheren Tagen auszeichneten, auch noch, als er siebzig wurde – nur auf andere Weise. Sind seine Entscheidungen, bestimmte Rollen in den 2000er und 2010er Jahren zu spielen, fragwürdig, erweiterte er sein Arbeitsspektrum jenseits der Schauspielkunst. Dadurch definierte er sich auf eine Art und Weise, die mit Schauspielerei nichts mehr zu tun hatte. Regelmäßig produzierte TV-Filme und Sendungen, sogar Theaterstücke, von denen sich einige, beispielsweise We Will Rock You, eine Hommage an die Popband Queen, als äußerst lukrativ erwiesen. Auch führte er weiterhin Regie und verbrachte Jahre damit, die ruhige, spannungsgeladene und glaubwürdige Spionagegeschichte Der gute Hirte 2006 fertigzustellen. Er baute ein Immobilien- und Restaurant-imperium auf, das sich von New York aus über die ganze Welt verbreitete und sein Privatkapital 2014 auf geschätzte 310 Millionen Dollar ansteigen ließ. Und er zog seine Kinder aus verschiedenen Ehen groß, nachdem er in den 1970er Jahren seine ersten beiden adoptiert hatte.

Am augenfälligsten sind seine Investitionen in Lower Manhattan. Seit den frühen 1990er Jahren engagiert er sich für die wirtschaftliche und kulturelle Wiederbelebung dieser Gegend, in der er aufgewachsen war und die den Hintergrund für seine eindrucksvollsten Filmarbeiten bildete. In Tribeca (für Triangle below Canal, also dem Stadtteildreieck unterhalb der Canal Street) war er einer der ersten berühmten Bewohner und wurde zu einem wichtigen Investor. Ehemals ein Viertel mit Handwerksbetrieben und Lagerhäusern, wurde es zu einer Enklave mit teuren Wohnungen, schicken Restaurants, trendigen Boutiquen und Bars. Kulturelle Institutionen und Tourismus zogen nach. In der Nachbarschaft entstand auf seine Initiative hin ein Filmcenter, das einen ganzen Block einnimmt und auf die Arbeit von Produktionsfirmen und deren Zulieferbetriebe zugeschnitten ist. De Niro eröffnete eigene Restaurants und bescherte so Tribeca eine Anziehungskraft und eine Identität, auch wenn sich dieser Prozess nicht immer ohne Kritik der Anwohner vollzog. Nach der Zerstörung des benachbarten World Trade Centers bei den Angriffen vom 11. September rief De Niro das Tribeca Film Festival ins Leben. Dieser Event zielt auf den Independentfilm ab mit dem Hintergedanken, das Viertel zu beleben. De Niro ist eine authentische New Yorker Ikone, sowohl auf der Leinwand als auch auf der Straße.

Ikone ist der richtige Begriff für einen Mann mit einer derart geheimnisvollen Tiefe. Als zum ersten Mal die Reporter auf ihn zukamen, um ihn zu interviewen, flüchtete De Niro wie aufgeschrecktes Wild, und so ist es bis heute geblieben. Denjenigen gegenüber, die ihm Fragen stellten, verhielt er sich so respektvoll wie unbeholfen, auch wenn er sich dafür entschuldigte. So gut wie nichts war er bereit, über sein Privatleben oder seine Arbeitsmethoden preiszugeben oder auf diesbezügliche Fragen einzugehen. Zunächst schien es wie ein Spiel – der neue Brando verhielt sich der Presse gegenüber wie der alte. Und wenn er dann tatsächlich einmal etwas preisgab, dann war es im Allgemeinen so nichtssagend und belanglos, dass es fast komisch wirkte. Mit der Zeit wurde allerdings seine Zurückhaltung unfreundlicher und als pathologisch aufgenommen, als Form der Kontrolle, sogar als Mangel an Professionalität. In den 1980er Jahren, als er ein unangefochtener Star war, wurde seine Reserviertheit zum Diskussionsthema, wenn es um den Menschen und seine Arbeit ging. Große Magazine arbeiteten sich in ganzen Artikeln daran ab, dass sich De Niro nur widerwillig zu einem Interview bereit erklärte. Dabei ging es um das Gebuhle der Journalisten um den Star und dessen Ablehnung, um die Anstrengungen, die Ladenbesitzer und Restaurantbetreiber in Tribeca unternahmen, um ihrem Nachbarn dabei zu helfen, seine Privatsphäre zu schützen. Wann immer er jedoch vor die Mikrophone trat – um eine neue Geschäftsidee zu präsentieren oder ein gemeinnütziges Projekt anzupreisen –, fehlten ihm die Leichtigkeit und die Tiefe, die die Rede seines, sagen wir mal, geschwätzigen Kumpels Martin Scorsese auszeichnete. Und als De Niro 2012 seine erste zeitgemäße Oscar-Kampagne präsentierte, hatte das Ganze etwas Unwirkliches: Seit wann war Robert De Niro die Sorte Filmstar, der sich in eine Nachmittagstalkshow setzte und mit den Tränen kämpfte, während er über seine Familie sprach?

Oder war er einfach, wie er war – ein Mann, der zu tiefen Gefühlen in der Lage ist und der von klein auf gelernt hatte, seine Emotionen zu kontrollieren, sich zurückzuhalten und auf der Hut zu sein, obwohl er in einer extrem öffentlichkeitswirksamen Branche – dem Showbusiness – eine Riesenkarriere machte? In vielerlei Hinsicht trifft dies zu. De Niros Kindheit und Jugend und die starken Persönlichkeiten seiner Eltern prägten ihn auf eine Weise, der er nie entkommen konnte und es vielleicht überhaupt nie versuchte.

Im New York nach dem Zweiten Weltkrieg war sein Vater, der ebenfalls den Namen Robert De Niro trug, ein respektierter, aber einigermaßen übersehener Maler. Seine Mutter Virginia, geborene Admiral, behielt diesen Namen und brachte ihr einziges Kind in den zwei Jahren zur Welt, die die Ehe hielt. Inmitten des Künstlerviertels Greenwich Village engagierte sie sich als unabhängige Geschäftsfrau in der modernen Kunst- und Politikszene, war gleichzeitig klug und umsichtig, aber stets knapp bei Kasse.

Von seinem Vater, mit dem er seit etwa 1945 nicht mehr zusammenlebte, dem er aber immer nahestand, lernte De Niro die Tugenden Disziplin, Selbstkritik und kreativer Integrität. Die Karriere des De Niro senior hatte in den 1950er Jahren ihren Höhepunkt erreicht, doch als der kommerzielle Erfolg verblasste, hielt er verbissen an seinen künstlerischen Visionen und Idealen fest. Manchmal musste er dafür niedere Jobs annehmen, um sich ein bescheidenes Dach über dem Kopf leisten zu können, aber nie verlor er sein Ziel, seinen eigenen ästhetischen Standards gerecht zu werden, aus den Augen. Von seiner sparsamen und umsichtigen Mutter erbte De Niro den finanziellen Spürsinn sowie Loyalität und Heimatverbundenheit. Der Mutter gelang es, aus ihrer Selbständigkeit als Schreibkraft heraus ein ganzes Druckunternehmen aufzubauen. Jahre, bevor ihr Sohn dasselbe tun sollte, gründete sie ein kleines Immobilienimperium in Lower Manhattan. Beiden Eltern war ein starker Wille gemein. De Niro senior ging hart mit sich ins Gericht, was seine Arbeit anging: Version nach Version verwarf er, bis ein Gemälde seinen hohen Ansprüchen genügte, während Admiral unablässig arbeitete und ihr Netzwerk aufbaute, in dem sich Theatermenschen, Schriftsteller und Künstler trafen. Sie lebte ihr Leben sehr selbstbestimmt und heiratete nie wieder. In dieser Atmosphäre wuchs der junge De Niro auf.

Die Ehe hielt nicht lange und wurde geschieden, als De Niro noch in den Windeln lag. Die Eltern lebten in getrennten Haushalten (oder was man in ihren damaligen Kreisen Haushalt nannte), und häufig wechselte der Junge zwischen den Wohnungen hin und her. Oft war er allein und nahm am Leben der Erwachsenen als stiller Beobachter teil. Oft steckte er die Nase in Bücher, denn er hatte weder Geschwister noch Cousins oder Cousinen und wenige Spielkameraden. Es ist daher kein Wunder, dass ein Kind, das zwischen Erwachsenen aufwächst, die fest entschlossen gegen den Mainstream der Normalbürger in den Nachkriegs-USA anschwammen, schließlich vorsichtig, argwöhnisch und misstrauisch wird.

Und dennoch, trotz seiner berüchtigten Verschwiegenheit und seines wohlgehüteten Privatlebens, verfolgt De Niro die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens eine Profession, die in höchstem Maße in der Öffentlichkeit steht und die er zunächst mit dem ihm eigenen Arbeitseifer und Fleiß verfolgt und dann mit einer wild entschlossenen Strebsamkeit umsetzt, die sogar die seiner Konkurrenten und Kollegen, wie Dustin Hoffman, Al Pacino und Jack Nicholson in den Schatten stellt. Es gibt nur vier Jahre seit 1968, in denen man De Niro, der besonders in den 1970er und 1980er Jahren erstaunlichen Tiefgang und Charakterstärke zeigt, nicht in einem neuen Kinofilm sehen konnte. In seiner darstellerischen Leistung und in der Anstrengung, mit der er sich häufig seine Rollen erarbeitet, öffnet er sich auf eine Weise, die er fast nie in Interviews mit Journalisten zeigte. Er schrieb niemals, wie er einmal andeutete, eine Autobiographie, doch seine Arbeit, und die Mühe, die er in seine Arbeit steckte, porträtieren ihn ebenso gut.

 

Wer also war er, dieser undurchschaubare, talentierte und schwer zu fassende Mann? Was brachte er auf die Leinwand, und was nahmen die Zuschauer von ihm mit?

Zuerst einmal sein Aussehen. Schon immer war De Niro gutaussehend, wenn auch ein wenig rauer als Alain Delon. Mit nur einer kleinen Veränderung der Beleuchtung konnte er entweder attraktiv oder hässlich aussehen.

Und dann sticht dieses Muttermal oberhalb seines rechten Wangenknochens wie ein Anmerkungssternchen hervor. Es ist ein Merkmal eines munteren Wesens oder der Ironie oder erschien, war er aufgebracht, wie das Ende eines Pistolenlaufs: unbeweglich, anklagend, unveränderlich. Wenn er schlank war, das war er normalerweise, war das Muttermal akzentuiert und scharf umrissen, fast wie ein drittes Auge. Hatte er stark zugenommen, schien es manchmal wie ein Fleck auf der Wange nach einer hastigen Mahlzeit. Der Leberfleck war so deutlich, dass er manchmal sogar sein gutes Aussehen, das insbesondere als er jung war zuweilen in Schönheit überzugehen schien, in Frage stellte. Im Alter erst entwickelte sich die Rauheit. Aber er selbst schenkte dem Fleck keine Beachtung, so dass man manchmal ein schlechtes Gewissen bekam, wenn man darauf starrte.

Es gibt viele Schauspielerinnen mit solchen Muttermalen bzw. Schönheitsflecken: Marilyn Monroe, Marion Cotillard, Angelina Jolie, Madonna. Sie bieten denjenigen Zuschauern Paroli, die Leberflecken als Makel empfinden. Vielleicht gab es auch eine Zeit, vielleicht als junger Schauspieler, als De Niro versucht war, das Mal entfernen zu lassen. (Schauspieler haben noch viel mehr als das unternommen, wenn es der Karriere förderlich war.) Glücklicherweise hat er diesem eitlen Impuls nie nachgegeben, und der Leberfleck gehört ebenso zu seiner Rolle wie sein Lächeln. Dann scheint sich sein gesamtes Gesicht vor Freude in Falten zu legen. De Niro kann zur selben Zeit grinsen und das Gesicht verziehen, Freude zeigen und bedrohlich schauen, jemanden anlächeln und gleichzeitig finster dreinblicken. Er besitzt beneidenswertes Haar: immer voll, in weichen Wellen fallend, auch als er schon grau wurde. War es lang genug, wirkte De Niro wie ein Rocker, war es kurzgeschnitten, vermittelte es Ordentlichkeit.

Auch sein Körper war wandlungsfähig – von definiert und fit bis hin zu weich und gemütlich, bisweilen auch rundlich. Zahlreiche Schauspieler verändern für ihre Rollen ihr Aussehen mit Hilfe von Make-up, Perücken oder Prothesen. Mehr als einmal gestaltete De Niro seinen gesamten Körper um. Sein Engagement für seine Rollen war so tief unter die Haut gehend und dabei durchscheinend, auf der Haut sichtbar wie ein Tattoo.

Und dabei geht es hier nur darum, was von seiner Darstellungskunst unmittelbar sichtbar ist. Seit Beginn seines Schauspielstudiums bis zum heutigen Tag ist seine Arbeit bei weitem tiefgehender, technisch raffinierter und eindringlicher gewesen, als es gemeinhin anerkannt oder gesehen worden ist. In den ersten vierzig Jahren seiner Karriere stürzte sich De Niro mit Verve in jede neue Rolle und recherchierte die darzustellende Persönlichkeit sowohl auf den Seiten des Drehbuchs als auch im richtigen Leben: Die Dialoge legte er Schicht um Schicht frei, weil er es vorzog, zu zeigen, statt zu erzählen; De Niro führte lange Gespräche mit Drehbuchautoren, Regisseuren und anderen Schauspielern. Ebenso achtete er peinlich genau auf die sorgfältige Vorbereitung von Requisiten und Kostümen.

Seit seiner Jugend hatte er die Angewohnheit, Listen zu führen: mit Fragen, die er stellen wollte, Gegenständen, die besorgt werden mussten, und Fertigkeiten, die ihm noch fehlten. Immer mit dem Ziel vor Augen, den fraglichen Charakter so realistisch wie möglich darzustellen. Daher lernte er die Dialekte aus Neapel und von Sizilien, fuhr Taxi, nahm Saxophonunterricht, lernte boxen und individualisierte Militäruniformen, wie es Army Ranger in Vietnam taten. Er warf den Gesichtsschutz eines Catchers beiseite wie ein echter Baseballspieler der Major League und sprach wahlweise wie einer aus den Südstaaten, dem Nordosten oder dem Nordwesten der USA.

Mit seiner Detailbesessenheit konnte er Regisseure und Kollegen in den Wahnsinn treiben. De Niro lernte, eine Figur von außen nach innen aufzubauen. Er ließ das Innenleben eines Charakters durch einen exakt ausgearbeiteten äußeren Realismus durchscheinen. Wurde er auch später in seiner Karriere von Kritikern und Zuschauern beschuldigt, jede mögliche Rolle nur des Geldes wegen anzunehmen, sah man doch, dass er echte Personen aufbaute, indem er genau die richtigen Kleidungsstücke, Requisiten, Angewohnheiten, Redewendungen und Eigenarten auswählte. Im Wortsinne begriff er die Schauspielerei als Arbeit und die Darstellung eines Charakters als moralischen Akt, und fast immer strengte er sich an, seinen eigenen professionellen und moralischen Ansprüchen zu genügen und den Männern, die er porträtierte, gerecht zu werden.

Die Vorgehensweise, eine Figur von innen nach außen aufzubauen, machte ihn zu einem Schauspieler, der den Regisseuren viel Geduld abverlangte. Nur sehr selten war er in der Lage, eine Szene beim ersten oder zweiten Take optimal abzudrehen. Er musste sich in die Gefühle der Story einarbeiten, musste die Energie seiner Mitdarsteller spüren und psychologische und körperliche Nuancen aus sich selbst herausholen. Hatte sich eine vertrauensvolle Atmosphäre zwischen ihm und seinen Kollegen entwickelt, die es ihm erlaubte, eine Szene ganz auszuloten, war er in der Lage, bemerkenswerte Momente zu erschaffen: echt und überzeugend und scheinbar ohne zu proben. Auf genau diese Weise gelang es ihm, in den ersten Jahrzehnten seiner Karriere eine bemerkenswerte schauspielerische Leistung nach der anderen zu erbringen: Spielte er die Hauptrolle in großen Filmen mit fähigen Regisseuren, verfügte er über den Luxus von Zeit. Später, als die Drehbücher nicht mehr so präzise waren und die Regisseure weniger geduldig oder begabt, wirkte seine Performance manchmal beliebig. Man bekam das deutliche Gefühl, dass er bei Meine Braut, ihr Vater und ich weniger Chancen bekommen hatte, jede einzelne Szene zu spielen als in Taxi Driver. Allerdings konnte er mittlerweile auf das Vertrauen vom Publikum und seine Erinnerungen an seine guten Performances bauen, wie so viele Schauspieler, die auf zahlreiche denkwürdige Filme zurückschauen können. Die Zuschauer fügten der Rolle die Tiefe hinzu, die er vielleicht selbst dem Charakter nicht verleihen mochte. Beispielsweise hätten viele Schauspieler den neurotischen Mafioso aus Reine Nervensache spielen können. Doch ist De Niro wohl der einzige Mann in Hollywood, der jahrzehntelang harte Typen eindringlich dargestellt hatte und dies in das heiter-ernste Psychodrama einbringen konnte.

* * *

Sehr lange war er eine recht umstrittene Figur im Filmgeschäft: Während er der Presse gegenüber zurückhaltend war, trat er in Late-Night-Shows auf, wo er Sketche zum Besten gab. Besonders gern war De Niro dabei, wenn es darum ging, sich über seinen Ruhm und seine eigene Person lustig zu machen. In Saturday Night Live und in Werbespots nahm er sich selbst aufs Korn. Im Gegensatz dazu war er nicht willens, auch nur die belangloseste Anekdote erzählen, wenn er bei David Letterman oder Jay Leno zu Gast war. Manchmal war er einsilbig oder sprach – trotzig, komisch – gar kein Wort. Man konnte sich fragen, warum er überhaupt aufgetreten war, doch dann wurde deutlich, dass die Zurschaustellung seines trotzigen Schweigens auf gewisse Weise realer, echter und erinnerungswürdiger war als beliebiges Geschwätz. Auch wenn es wahrscheinlich den Studios, deren Filme er präsentieren sollte, nicht recht sein konnte, blieben einem diese Interviews doch im Gedächtnis. Wenn De Niro sich schließlich doch mal äußerte, zumindest scheinbar, wie er es beim Oscar 2012 für Silver Linings tat, waren seine Enthüllungen umso beeindruckender.

Auch wenn er nie wirklich als Privatmensch in Erscheinung trat, konnte man viele Seiten von ihm kosten: Johnny Boy Civellos witzige Bemerkungen über verschiedene Nachbarn in Hexenkessel; Vito Corleones Mischung der Alten und der Neuen Welt in Der Pate – Teil II, die menschliche Zeitbombe des Travis Bickle in Taxi Driver; in Die durch die Hölle gehen die Figur des Michael Vronsky, der das Schlimmste überlebt und darüber schweigt, die Rache des Jake LaMotta an seinen Boxrivalen, Verwandten und hauptsächlich sich selbst in Wie ein wilder Stier. In The King of Comedy erschleicht sich Rupert Pupkin seinen Weg ins Showgeschäft – nicht immer auf legale Weise. De Niro verkörpert die Gangster und Killer und die Bösen in The Untouchables – Die Unbestechlichen, Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia, Kap der Angst, Casino, Heat und Reine Nervensache. Auf der anderen Seite ist er der schwierige aber anständige Held in Das letzte Spiel, Midnight Run – Fünf Tage bis Mitternacht, Zeit des Erwachens, In den Straßen der Bronx, Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt, Ronin, Being Flynn und Silver Linings.

Auch wenn Filmschauspieler nie ein Sterbenswörtchen über sich selbst äußern, nie freiwillig die Tür zu ihrem Herzen und Gemüt öffnen, geben sie dennoch schließlich alles über ihre Persönlichkeit in ihren Filmen preis – wenn sie denn gut genug sind und lange genug im Geschäft bleiben.

Wahrscheinlich hat De Niro unverdrossen versucht, zu verheimlichen, wer er ist, indem er persönliche Fragen ausschließlich mit Andeutungen und Anspielungen beantwortete. Es ist gleichgültig, welches Kostüm er trägt, welchen Dialekt er spricht, wie sein Name lautet und welche Geschichte erzählt wird. Dessen ungeachtet tritt er immer vor uns, jedes Mal, wenn wir ihn auf der Leinwand sehen: ein Mann der Arbeit, der Prinzipien, der Ideale – kurz ein Mann, der ebenso deutlich durch seine Leistung wie von seinem Leben, das er gelebt hat, definiert wird.

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Häufig nehmen wir das Leben eines Prominenten vor dem Hintergrund unseres eigenen Lebens wahr und setzen sein Leben und Werk in Bezug zu unserer eigenen Geschichte. Natürlich wissen wir, dass berühmte Menschen auch geboren werden und eine Kindheit haben, sich für einen Beruf entscheiden und arbeiten – genauso wie wir. Aber irgendwie sehen wir Stars auch, als hätten sie erst mit ihrer ersten bekannten Rolle, ihrem ersten Hit oder der ersten Auszeichnung zu existieren begonnen. Von einem neuen Star beeindruckt, interessiert es uns nicht notwendigerweise, wer dessen Eltern waren oder wie sie oder er aufgewachsen ist, welche Ausbildung sie oder er genossen hat. In unseren Köpfen und Herzen kommen Stars vollkommen perfekt zur Welt.

Aber genaugenommen beginnt Robert De Niros Geschichte schon, weit bevor er in die Kunst des Schauspiels eingewiesen wurde oder er seinen Durchbruch hatte, bevor seine Eltern sich trafen und ihre Spuren in der Welt hinterlassen haben. Seine Geschichte beginnt so weit davor, dass es fast unmöglich scheint, sie mit der uns bekannten Figur des Schauspielers in Verbindung zu bringen.

Die Tatsache, dass Robert De Niro von französischen Höflingen abstammt, von Kreuzrittern und englischen Kolonisatoren, die gegen amerikanische Ureinwohner kämpften, scheint mit seiner Person unvereinbar. Vielleicht liegt es daran, dass seine anderen Vorfahren, auch wenn sie weniger zu wichtigen Ereignissen beigetragen haben, bei ihm so deutlich durchscheinen, insbesondere die irisch-italienische Seite. Diese fast stereotype Kombination entstand in Syracuse im Bundesstaat New York gegen Ende des 19. Jahrhunderts. De Niros Vorfahren waren vor dem Hunger und Elend in Irland und Italien nach Amerika geflohen, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Und im Jahr 1964 machte sich der junge De Niro, damals einundzwanzig Jahre alt und ohne Schulabschluss, dann wiederum auf nach Europa, um mit dem Rucksack Irland zu bereisen. Er machte die Tour unter anderem, um mehr über seine Vorfahren herauszufinden, was sich jedoch als schwierig erwies. Wie sich sein Vater, Robert De Niro senior, später erinnerte: »Er fragte uns nach seinem Hintergrund. Zwei Wochen lang trampte er durch Irland, um Verwandte zu finden. Aber es gelang ihm nicht. Ich sagte zu ihm: ›Die Familie meines Vaters stammt aus einem Ort namens Campobasso, auf halber Strecke zwischen Neapel und Rom.‹ Also fuhr Bobby dorthin und traf sie.«[1][1]

Diese Europareise war nicht nur die spontane Eingebung eines jungen Mannes oder die Spurensuche nach der eigenen Geschichte. De Niro wurde größtenteils dazu inspiriert, weil sein Vater ein Jahr zuvor nach Frankreich übergesiedelt war, um in gewisser Weise die Immigrationsroute seiner Großeltern umzukehren. Dort versuchte er, ein neues Leben zu beginnen und einen neuen Zugang zur Kunst zu finden.

 

Robert Henry De Niro, wie er mit vollem Namen hieß, war das älteste von vier Kindern von Henry und Helen. Er wurde knapp ein Jahr nach ihrer Hochzeit, am 3. Mai 1922, geboren.

Schon von klein auf, der Familiensaga zufolge seit seinem fünften Lebensjahr, zeigte das älteste Kind der De Niros ein bemerkenswertes Talent im Zeichnen und Malen. Auch Jahre später konnte er sein mysteriöses Aufnahmevermögen für Kunst nicht erklären: »Ich habe keine Ahnung«, sagte er mit einem Schulterzucken, »ich war sehr einsam.«[2] Doch seine Begeisterung für die schönen Künste wurde von seinen Eltern wie seinen Lehrern gefördert, und so bekam er die Möglichkeit, Kurse am Syracuse Museum of Fine Arts zu belegen. Dort zeigte er ein derartiges Talent, dass er schnell aus dem Kurs für Kinder in den für Erwachsene wechseln konnte. Als er zwölf Jahre alt war, bekam er sein eigenes Atelier – seine Höhle, in die er sich regelmäßig nach der Schule zurückzog, um dort allein zu malen. Seine Lehrer erkannten die besondere Begabung des Jungen und ermunterten ihn, eine intensivere und modernere Ausbildung zum Maler anzustreben. Im Jahr 1938 erhielt er ein Stipendium, das ihm ermöglichte, bei dem bekannten Radierer, Kritiker und Lehrer Ralph Pearson in Gloucester, Massachusetts, zu lernen. Aus verschiedenen Gründen wollten die Eltern ihn nicht gehen lassen, es gab Streit, aber er beschloss, sich nach Gloucester aufzumachen – mit oder ohne ihren Segen.

Nach verschiedenen Stationen der Ausbildung folgte De Niro seinem einflussreichen Lehrer Hans Hofmann einige Jahre lang, wo immer er auch lehrte, sei es Provincetown oder New York. Seinen bescheidenen Lebensunterhalt verdiente sich der Kunststudent mit Aushilfsjobs, mal als Klassenaufsicht, mal als Schulvorsteher. Er hatte noch nicht seinen zwanzigsten Geburtstag gefeiert, da beschäftigte er sich nicht nur intensiv mit bildender Kunst, sondern auch mit Dichtung (er war den französischen Symbolisten zugeneigt, eine Vorliebe, die er sein Leben lang pflegen sollte), und offensichtlich lag eine rosige Zukunft vor ihm. Er war ein begabter Student, der zweifelsohne ein bekannter Maler werden würde.

Darüber hinaus wurde er ein junger Mann. Von Anbeginn herrschte in der Künstlerkolonie in Provincetown, wo er studierte, eine Offenheit gegenüber Homosexualität, wie sie sonst in der übrigen US-amerikanischen Gesellschaft nicht zu finden war. Im Verlauf seines Studiums begegnete De Niro einigen Männern, mit denen er seine Sexualität erforschte. Zu ihnen gehörte auch Tennessee Williams, mit dem zusammen De Niro im Restaurant Captain Jack’s kellnerte. Williams, älter und weitaus mutiger als sein Kollege, bekannte sich offen zu seiner Homosexualität, und sicherlich war De Niro von seiner Unerschrockenheit beeindruckt.

De Niro, ein Teenager aus einer konservativen katholischen Arbeiterfamilie, hatte wohl ein angemessenes Selbstbewusstsein, was seine künstlerischen Fähigkeiten betraf, war aber persönlich zurückhaltend und von Hause aus still. Auch wenn er sich von Männern angezogen fühlte, machte er seine sexuellen Aktivitäten, in welcher Form auch immer sie bestanden haben, bei weitem nicht so publik, wie seine Freunde es taten. Das sollte sein Leben lang so bleiben. De Niro mag sowohl mit Männern als auch mit Frauen seine Erfahrungen gemacht haben, aber er war nie romantisch jemandem verbunden.

Und dann – wie im Film – traf er ein Mädchen.

Um präzise zu sein, war Virginia Holton Admiral kein Mädchen, sondern eine siebenundzwanzigjährige junge Frau. Geboren am 4. Februar 1915, war sie ganze sieben Jahre älter als De Niro senior. Ihr Vater, Donald Admiral, stammte von erwähnten französischen Adeligen und von englischen Kolonialisten (mit ein wenig niederländischem Blut) ab, ihre Mutter, Alice Gromann, war Tochter deutscher Immigranten. Virginia kam in The Dalles, Oregon, zur Welt.

Sie war blond, zierlich und eine Draufgängerin. Als Schülerin tat sie sich hervor, aber besonders auch als Künstlerin. Im Teenageralter wurde ihr angeboten, Malerei in Paris zu studieren, doch sie lehnte ab und besuchte lieber die University of California, die sogar Mitte der 1930er Jahre noch bekannt war für ihre radikal linken Studenten sowie für eine ausgezeichnete Ausbildung. Virginia genoss insbesondere Ersteres und engagierte sich in der Sozialistischen Liga, einer trotzkistischen Gruppierung, die ständig mit der viel größeren stalinistischen Bewegung, der Young Communists League, im Clinch lag.

Neben ihrem politischen Engagement interessierte sie sich für die Literatur der Avantgarde. Nach ihrem Abschluss studierte Admiral einige Zeit lang Kunst am Art Institute of Chicago, bevor sie nach Kalifornien zurückkehrte, um an einem staatlich geförderten Kunstprojekt zu arbeiten. Daneben gab sie zusammen mit dem Dichter Robert Duncan die Literaturzeitschrift Epitaph heraus.

Im Jahr 1940 zog sie dann nach Manhattan, um dort weiterzustudieren. Ein lückenhafter Bericht über Admirals vie bohème stammt von Anaïs Nin. Die bis dato unbekannte Schriftstellerin hatte Duncan in Woodstock kennengelernt und wurde so etwas wie eine Mentorin für ihn und seinen Freundeskreis, den sie les enfants terribles nannte. Wie so viele europäische linke Intellektuelle war Nin vor dem drohenden Krieg in die USA geflohen, um dort ihre fortschrittlichen und radikalen Ideen über die Kunst und das Leben umzusetzen. Sie verfügte über eine immense Anziehungskraft auf Admiral und ihre Freunde, die – natürlich – noch nie so jemandem wie Nin begegnet waren. Sie zeigte ihnen Dinge und machte sie mit Personen bekannt, zu denen sie sonst keinen Zugang gehabt hätten.

Nin brachte Admiral, Duncan und ihrer Clique, besonders den jungen Frauen, viel über das Schreiben, das Nachtleben und sexuelle Freiheit bei, darüber, wie man sich durchsetzt und sein Ding macht. Aber Nin war nicht ausschließlich ein guter Geist im Leben ihrer neuen Anhänger. Zum einen fühlte sie sich Virginia und den anderen jungen Frauen des Zirkels haushoch überlegen. In ihren Tagebüchern schreibt sie:

Virginia und ihre Freundinnen ziehen sich wie Schulkinder an. Babyschuhe, Schleifchen im Haar, Klein-Mädchen-Kleider, Klein-Jungen-Anzüge, Waisenkinder-Hüte, kurze Söckchen, sie essen Bonbons, Zuckerzeug, Eiskrem. Und manche der Bücher, die sie lesen, sind ebenfalls wie die von Schulkindern: Wie man Freunde gewinnt, Praxis des Beischlafs, wie man dieses oder jenes tun muß.[3]

Beschreibt sie ihre Besuche in Admirals Loft in der 14th Street, ist sie einmal mehr herablassend:

Das Haus ist kalt, … Flur und Speicher aber sind groß und hoch und die einzigen für Maler dienlichen und erhältlichen Räume … Die Toilette liegt außerhalb der Wohnung, in der Wohnung gibt es einen Waschtisch und fließendes Wasser, das ist alles. An den Wochenenden wird die Heizung abgestellt. Die riesigen, auf den betäubenden Verkehrslärm der Vierzehnten Straße hinausgehenden, Fenster müssen geschlossen bleiben. In den Wänden stecken Nägel für Kleider, zum Kaffeekochen dient ein Sterno-Brenner. Aus Papptassen trinken wir sauren Wein … Ein Bühnenbild wie für ›Schuld und Sühne‹, doch Virginias und Janets Schwungkraft und die ihrer Freunde und Liebhaber täuscht. Sie wirkt wie die Schwungkraft einer frohen Jugend. Die Mädchen stehen in ihren Zwanzigern. Sie scherzen und lachen, aber darunter verbergen sich Nöte und Befürchtungen, eine tiefe Lähmung.[4]

Jahre später räumte Virginia ein, dass sie und ihre Freunde Nin eher als freigebige Freundin denn als Inspiration sahen. Eigentlich war nur Duncan wirklich von Nin beeindruckt – sowohl in erotischer als auch in intellektueller Hinsicht. Doch Admiral sah die Freundschaft zu Nin anders: »Meine Rolle bestand darin, einfach mitzulaufen, solange Robert Anaïs solche Gefühle entgegenbrachte. Wir waren Kids aus Berkeley, und sie nahm uns auf Partys mit und gab uns zu essen …«, berichtete sie Deirdre Bair, Nins Biographin.[5]

In der Tat gab es diesen finanziellen Aspekt in dieser Beziehung zwischen Nin und Admiral. Ein Weg für Admiral, Geld zu verdienen, war ihre Arbeit als Schreibkraft (zu ihren Kunden gehörte auch der Dichter Kenneth Patchen). Da Nin gerade dabei war, ihre handschriftlichen Tagebücher abtippen zu lassen, lag es nahe, dass die beiden zusammenarbeiteten. Admiral erinnerte sich:

Als ich Anaïs kennenlernte, sah sie sich gerade nach einer neuen Schreibkraft um, die ihre Tagebücher abtippte (für zehn Cents die manchmal randvoll beschriebene Seite; trotzdem kein schlechter Preis für die damalige Zeit). Ich bot ihr an, ein paar Tagebuchbände umsonst abzuschreiben, da ich sie ohnehin lesen wollte. Später, als ich kein Geld hatte, bezahlte sie mich dafür … Einmal pro Woche blieb ich die ganze Nacht auf und tippte eines der Tagebücher ab; das machte zehn Dollar, und davon konnte ich leben … Die frühen Tagebücher lasen sich herzzerreißend traurig, aber ihre Verführung John Erskines war eine äußerst herzlose Sache. Die Tagebücher, die nicht gerade abgetippt oder gelesen wurden, wurden nachts in einem riesigen Safe eingeschlossen …[6]

Insgesamt schrieb Admiral ganze sechs Bände von Nins Tagebüchern ab. Die Texte wurden von Nin redigiert, und dann tippte sie Admiral noch einmal. Danach wurden sie an einem sicheren Ort gelagert bis zu ihrer Publikation viele Jahre später.

Einem Biographen von Nin gegenüber sagte Admiral, sie hätte den Inhalt langweilig gefunden, während Nin später behauptete:

Virginia sagte mir, daß sie sich durch meine Schriften und unsere Gespräche bereichert und befreit fühle. Zwischen Virginia und ihrem Psychoanalytiker sowie seinen Kommentaren über meine Arbeit und unseren Gesprächen besteht einen interessante Wechselwirkung … Virginia erkannte plötzlich, daß sie nie gelebt, geliebt, gelitten und genossen hatte.[7]

So stand es in ihren Tagebüchern, was Admiral, wie die zuvor zitierten Seiten, vor der Publikation nicht hatte lesen können.

In der Tat stimmte es, dass Nin den Freundeskreis um Admiral dazu inspirierte, sich selbst auf neue Weise zu reflektieren, sich einer Psychoanalyse zu unterziehen und über ihr Innenleben zu schreiben. Doch war das nicht alles, was sie taten, und sie war auch nicht die Einzige, nach deren künstlerischem Einfluss sie suchten. Admiral, beispielsweise, malte auch noch, und im Herbst 1941 meldete sie sich zum Kurs bei Hans Hofmann in New York an. Dort traf sie Robert De Niro senior.

 

Auf den ersten Blick hatten sie keinerlei Gemeinsamkeiten: sie ein Hitzkopf aus Kalifornien von adeliger Abstammung und aus einer der ersten Einwandererfamilien, er ein schweigsamer Amerikaner aus Syracuse, dessen irische und italienische Vorfahren erst vor einer Generation eingewandert waren. Er war wesentlich größer als sie, und sie war wesentlich älter als er, was angesichts ihres jungen Alters umso schwerer wog. Doch vor dem Hintergrund seiner sexuellen Aufgeschlossenheit und ihrer Offenheit gegenüber den unterschiedlichsten Lebensstilen existierte offensichtlich eine Ungezwungenheit zwischen den beiden. Sie waren beide attraktiv, darüber hinaus gehörten sie zu den versiertesten Studenten von Hofmann, der sie häufig lobte, was sicherlich sowohl zu einer Seelenverwandtschaft als auch zu geschwisterlichen Eifersüchteleien führte. Einer Kommilitonin von ihnen, Nell Blaine, zufolge »galten Virginia und De Niro als zwei der talentiertesten und begabtesten Schüler von Hofmann. Wenn wir von ihnen sprachen, dann mit großem Respekt. Sie waren von einer Aura umgeben.«[8] Das allein mag die Basis ihrer Beziehung gewesen sein, doch ein Foto aus den 1940er Jahren zeigt Admiral, wie sie mit offensichtlicher Zuneigung De Niro betrachtet, während sie bei einem lockeren Beisammensein nebeneinandersitzen. Ihre wahren Gefühle sind ihr ins Gesicht geschrieben.

 

Sein Leben lang sollte De Niro als Erwachsener unter Depressionen und Neurosen leiden, doch ausschließlich seine Freunde bekamen dies mit. Nachdem De Niro im Frühjahr bei Admiral eingezogen war, fand er im Winter einen Kellnerjob in einer beliebten Kneipe in Greenwich Village, die einer alten Bekannten aus Provincetown, Valeska Gert, gehörte. In der Beggar’s Bar verdingte sich auch Tennessee Williams. Doch die Jobs waren nicht für die Ewigkeit. Williams’ derzeitiger Liebhaber, ein Maler, der ebenso in der Bar arbeitete, störte sich offensichtlich daran, dass die Trinkgelder gerecht unter allen aufgeteilt wurden, was dazu führte, dass Gert die aufrührerische Bande loswurde.

Auch Nin verschwand aus dem Freundeskreis, weil sie Admirals Provinzialismus leid war. Als sie eines Abends mit Admiral und De Niro ausging, sprach sie über die diversen großartigen Künstler, die sie seit ihrer Ankunft in New York kennengelernt hatte. »In sprödem Ton unterbrach mich Virginia: ›Mich interessiert das Unbekannte nicht. Ich mag das Bekannte.‹ Danach hielt ich mich von ihnen fern.«[9]

Das Geld für Essen, die Miete und Künstlerbedarf war immer noch knapp, aber alle sahen sich noch größeren Herausforderungen gegenüber, als die USA in jenem Dezember in den Zweiten Weltkrieg eintraten und Jungs wie der neunzehnjährige Robert De Niro und der zweiundzwanzigjährige Robert Duncan die ersten Kandidaten waren, die in den Krieg geschickt wurden. Duncan, der die Ausbildung zum Reserveoffizier abgebrochen hatte, wurde eingezogen und verbrachte einige Wochen in einem Ausbildungslager, bevor er eine Entlassung aufgrund seiner Homosexualität erstritt. De Niro, der eine heimliche und sporadische Beziehung mit Duncan führte, wusste einen anderen Weg, um dem Krieg zu entkommen: Kurz nach dem Angriff auf Pearl Harbor heirateten er und Admiral.

 

Das folgende Jahr hielt reichlich Aufregung für das frisch verheiratete Paar bereit: Zum einen hatten sie zum ersten Mal – wenn auch bescheidene – Erfolge jenseits von Hofmanns Malkursen zu verzeichnen: Admiral verkaufte ein Bild an das Museum of Modern Art für die stattliche Summe von 100 Dollar (das wären heute etwa 1200 Euro). Ein weiteres kaufte Peggy Guggenheim, die just in New York angekommen war und anfing, Kunst von unbekannten jungen Künstlern zu kaufen, um sie in ihrer Galerie Art of This Century in der 57th Street auszustellen. Später zollte ihr De Niro Respekt: Die junge Admiral »war eine sehr gute Malerin. Was sie damals machte, lag nicht im Trend, und Frauen hatten es sogar noch schwerer.« Nell Blaine, ihre Kollegin, bekräftigte die besondere Stellung, die Admiral – und De Niro daneben – einnahmen: »Virginia war die einzige Studentin, die ich damals kannte, die ein Gemälde an das Museum of Modern Art verkaufte.«

Das Paar hatte einen weiteren wichtigen Kunden: Solomon Guggenheim, den Onkel von Peggy. Auch er hatte begonnen, eine Sammlung aufzubauen, die die Basis des berühmten Museums darstellt, das unter seinem Namen später auf der Fifth Avenue entstehen sollte. Doch zu jener Zeit war es noch unter dem weniger eleganten Namen Museum of Non-Objective Painting bekannt. Teil seines Auftrages war es, vielversprechenden jungen Künstlern mit kleinen Stipendien unter die Arme zu greifen. Dazu gehörten auch einige von Hofmanns Schülern, so erhielten Admiral und De Niro monatlich 15 Dollar. Die Stiftung wurde von Hildegard Baronin Rebay von Ehrenwiesen geleitet, der Geliebten Guggenheims. Auch unterstützte sie das junge Paar, indem sie De Niro einen Job am Informationsschalter sowie als Nachtwächter gab. Letztere Position teilte er sich mit seinem Freund Jackson Pollock.

Dieser unverhoffte Geldsegen ermöglichte es Admiral und De Niro, die Wohnung in der 14th Street zu kündigen und zwei benachbarte Studios auf der Bleecker Street zu beziehen. Wahrscheinlich brauchten sie den Platz nicht nur aus beruflichen Gründen: Noch vor Ende des Jahres war Admiral schwanger. Am 17. August 1943 wurde ihr erstes Kind geboren, das auch ihr einziges bleiben sollte. Pate sollte Hans Hofmann sein – ein reiner Ehrentitel, denn eine kirchliche Taufe war nicht vorgesehen. Der Sohn bekam den Namen Robert Anthony De Niro, doch zu Hause wurde er immer nur Bobby genannt.

Fußnoten

[1]

Trotz intensiver Bemühungen ist es nicht gelungen, alle in der Originalausgabe fehlenden Quellen ausfindig zu machen.

2

Wahrscheinlich ist es unvermeidlich, dass wir Robert De Niro und seine Herkunft mit Little Italy verbinden, dem quirligen und bunten Viertel Manhattans, das wir aus Filmen wie Hexenkessel und Der Pate – Teil II kennen. Diese Filme begründeten seinen Ruhm.

Doch spielte sich seine Kindheit tatsächlich einige – bedeutsame – Wohnblocks nördlich, auf der Bleecker Street und später auf der 14th Street ab. Auch entsprach das Milieu, in dem er aufwuchs, nicht dem Stereotyp eines italienisch-amerikanischen Haushalts, in dem sich Horden von Verwandten zu schweren Pastaabendessen zusammenfanden und die katholische Kirche und die Mafia das Leben bestimmten. De Niro war eher das Kind der Boheme aus Greenwich Village – er wuchs mit dem Geruch von Terpentin statt mit dem Aroma von Marinarasoße auf und war häufig das einzige Kind am Tisch. Er war ein Maskottchen bourgeoiser Normalität und der Verantwortung der Erwachsenen in einer Welt, die sich einer künstlerischen Weltsicht und der Ablehnung sozialer Tabus verschrieben hatte.

»Unsere Maßstäbe waren so hehr, dass wir jegliche alltäglichen persönlichen Befindlichkeiten verachteten«, erinnerte sich Nell Blaine an die Welt, in der sie und die De Niros lebten. »Konzepte, Ideen wurden ausgetauscht. Alles andere wäre eine geschmacklose Ablenkung gewesen.«[1] Ein Baby in dem Studio eines Malers war vielleicht nicht geschmacklos, doch sicherlich eine Ablenkung. Während De Niro und Admiral das Geld für das Notwendigste zusammenkratzen mussten, verfolgten sie ihre künstlerischen Ambitionen hartnäckig weiter. Darüber hinaus war De Niro senior erst einundzwanzig Jahre alt, als er Vater wurde, also noch ziemlich grün hinter den Ohren für einen Mann, der nicht nur mit seiner sexuellen Identität zu kämpfen hatte, sondern auch mit seiner Berufung, mit der er kaum eine Familie unterhalten konnte.

Jedoch lag ein Versprechen in der Luft, New York wurde von einer Woge von Aktivität mitgerissen, und schon bald galt sie als Hauptstadt der internationalen Kunstwelt. Auch wenn die USA in den Krieg eingetreten waren, war das Land doch Tausende von Meilen von den Kriegsschauplätzen entfernt, und die Stadt war für viele Künstler und Koryphäen ein rettender Hafen, wenn sie aus Europa kamen, wo sich schon Jahrzehnte zuvor verschiedene Strömungen zeitgenössischer Kunst entwickelt hatten. Gemeinsam mit den energischen jungen Malern aus den USA, die mit den in der Alten Welt ersonnenen Ideen und Techniken der Moderne sozialisiert worden waren, ergab sich so die erste wirklich spannende Kunstszene in Nordamerika. Verdammte einen das Schicksal – oder die eigene Entscheidung – dazu, als Künstler Hunger zu leiden, dann war New York in den 1940er Jahren der richtige Ort dafür.

Während Bobby noch Windeln trug, wurde Admiral stetig berühmter. Sie war eine von vierundzwanzig Malern und Bildhauern, die 1944 für Peggy Guggenheims Frühjahrssalon ausgewählt wurden. Edward Allen Jewell von der New York Times nannte ihren Stil »eine fröhliche, wenn auch recht zerstreute Lyrik in Öl«. Ein Jahr später wurde das Bild, das das Museum of Modern Art von ihr gekauft hatte, dort ausgestellt. (Jewell fand, ihr Gemälde sei »abstrakte Lyrik« und wiederum »recht zerstreut.«) 1946 hatte sie schließlich eine eigene Ausstellung in der Galerie Art of This Century, in der sie sechs Gemälde präsentierte. Daneben waren ausgewählte Werke von dem Jazzkritiker und Künstler Rudi Blesh zu sehen. (Auch hier hielt sich Jewell mit positiver wie mit negativer Kritik bedeckt, beschrieb sie als eine »nicht zu exakte Lyrikerin mit einem häufig angenehmen Sinn für Farbe«.)

Mittlerweile hatte De Niro Admiral überflügelt, was die Anerkennung durch die Kunstwelt anbelangt. Ende 1945 wurde ein Gemälde von ihm in der Herbstausstellung der Art of This Century gezeigt. Und im Mai 1946, mittlerweile vierundzwanzig Jahre alt, hatte er dort eine Einzelausstellung, was erstaunlich war und einem kometenhaften Aufstieg gleichkam. Die Ausstellung wurde angekündigt als »Erste Gemäldeausstellung« und bestand aus zehn Werken, die zwischen 100 und 600 Dollar kosten sollten. Die Titel geben Aufschluss über die Ästhetik des jungen Künstlers: Drei Gemälde trugen Namen mit Anspielungen (»Environs of Biskra«, »Ubu Roi« und »Abstraction«), der Rest hatte repräsentative Titel, die auch einem Maler der Renaissance Ehre gemacht hätten: »Portrait of a Young Man« oder »Fruits and Flowers«.

 

In jeder Hinsicht sorgten die hervorragenden Kritiken für Furore und bedeuteten einen wichtigen Schritt in der New Yorker Kunstwelt, insbesondere in einem so jungen Alter. Eine Zeitlang wurde De Niro in einem Atemzug genannt mit Jackson Pollock, Willem de Kooning, Robert Motherwell und Franz Kline. Nur wenige von ihnen konnten sich schon einer Einzelausstellung rühmen, und alle waren älter als De Niro.

Während der Abstrakte Expressionismus sich größerer Beliebtheit erfreute und immer mehr Einfluss auf die Kunstszene bekam, sah De Niro diese Bewegung kritisch oder zumindest ihre starke Präsenz, die die Praxis moderner amerikanischer Kunst immens beeinflusste: »Zeitgenössische abstrakte Kunst besteht aus einem Haufen Verwirrung, Hass und Paranoia mit einer satten Dosis falscher Behauptungen«, stellte er einige Jahre später fest. »Rembrandt hätte auch tropfen können, wenn er gewollt hätte. Ich ziehe Grandma Moses auf alle Fälle diesem durchgeknallten Haufen vor … mit allen ihren Theorien und Manifesten klingen sie wie Science-Fiction.«[2]

Aber vielleicht gab es auch persönliche Gründe, warum De Niro nicht in der Lage war, seine Ausstellung in der Art of This Century als Steigbügel für eine große Karriere zu nutzen. Als die Ausstellung lief, hatten sich er und Virginia Admiral schon getrennt. Es ist unklar, ob es an seiner Bisexualität lag, an Spannungen, die mit der beruflichen Konkurrenzsituation zu tun hatten, Auseinandersetzungen über die finanziellen Voraussetzungen, die in einem Haushalt mit einem Kind erfüllt sein müssen (das ist am unwahrscheinlichsten, wie sich später zeigte) oder schlicht an der Unvereinbarkeit ihrer Persönlichkeiten. De Niro und Admiral lebten nicht weit voneinander entfernt, so konnten sie ihr einziges Kind mehr oder weniger harmonisch gemeinsam erziehen. Zuvor hatte es 1945 eine kurze spannungsreiche Phase gegeben, als das getrenntlebende Paar um das Sorgerecht stritt und der Junge für einige Zeit zu De Niros Eltern nach Syracuse geschickt wurde. Admiral übernahm den Großteil der Erziehungsaufgaben und bekam schließlich das alleinige Sorgerecht für den Jungen, während ihr Ehemann (sie ließen sich erst über zehn Jahre später scheiden) seinen eigenbrötlerischen, konzentrierten und avantgardistischen Weg weiterverfolgte. In finanzieller Hinsicht übernahm er nur formal Verantwortung für sein Kind und war im Prinzip von der Großzügigkeit seiner Exfrau abhängig, die ihn und seine Karriere unterstützte.

Wie sich sein Sohn später erinnerte, lebte er in ungemütlichen und zweifelhaften Ecken von Lower Manhattan: »Er hatte diese feuchten Lofts in NoHo und SoHo – zu einer Zeit, in der noch niemand in diesen Gegenden leben wollte. (Häufig war er der einzige Mieter, der sich bereit erklärte, in den Gebäuden zu wohnen.)«[3] Wie De Niro senior erklärte, wollte er sein ganzes Leben auf den Kopf stellen, wahrscheinlich um zu vermeiden, in eine Routine zu verfallen oder auch um den Depressionen zu entfliehen, die ihn gelegentlich heimsuchten.

Seine Wohnsituation war häufig so prekär, dass er von Admiral abhängig war, die manchmal seine fertigen Gemälde für ihn aufbewahrte. Dies hatte einmal schlimme Folgen, als sie schon lange getrennt lebten: »Als ich ungefähr fünf Jahre alt war«, erinnerte sich der Sohn, »ging ich in das Kaufhaus Macy’s, um mir dort den Weihnachtsmann anzuschauen. Und als ich nach Hause kam, stand ein großer Teil der Wohnung meiner Mutter in Flammen, und einige Kunstwerke waren verbrannt.«[4]

Weil er zu ungewöhnlichen Zeiten arbeitete und dem Boheme-leben frönte, sah De Niro seinen Sohn immer weniger. Seine Wohnungen schienen in der Tat besonders ungeeignet für ein Kind. »Als Kind, ich erinnere mich, habe ich ihn in seinem Atelier besucht«, so De Niro, »wir haben da nicht zusammen gelebt. Ich wohnte bei meiner Mutter, und sein Studio damals sah vollkommen anders aus als jetzt. Es war ein richtiges Künstleratelier, ein totales Durcheinander, in dem es nach Farbe und Terpentin stank.«[5]

Eine Bekannte des Vaters sagte, er sei »eine einsame Seele« mit »einem eleganten Geist«[6] gewesen, und dass er fast krankhaft zurückhaltend war. Hatte er Liebhaber – weibliche oder männliche, das sei dahingestellt –, ließ er dies selten nach außen dringen. (Sein Sohn gab später preis: »Ich wusste nicht genau, mit wem er sich traf außer das, was ich von meiner Mutter hatte. Ich habe von seinem Sexualleben nie etwas mitbekommen, aber meine Mutter hat es mir später erzählt. Das war ein bisschen sein ›Ding‹, und das behielt er sehr für sich.«)[7] Er setzte sich die höchsten ästhetischen Standards und konnte ätzend sein, wenn es darum ging, die Arbeit – oder das Leben – derjenigen, die er als unwürdig ansah, abzutun, auch wenn diese Geringschätzung ihm beruflich schadete. Al Kresch, ein Maler, der ihn seit Studientagen kannte, formulierte es folgendermaßen: »Mit jedem, den er kannte, hatte er sich überworfen.«[8]

Das bestätigte auch sein Sohn: »Er war aufbrausend, aber er war geistreich und bissig. Er war sehr sarkastisch, was manche Themen betraf, besonders wenn es um andere Künstler ging, die er nicht schätzte. Gern machte er sich auch über Leute lustig, die sich affektiert benahmen und so sprachen … er war egozentrisch und beschäftigte sich sehr mit seinen eigenen Plänen. Aber ich glaube, als Künstler muss man so egoistisch sein, um sich zurückziehen zu können und große Dinge zur eigenen Zufriedenheit zu erschaffen.«[9] Die Autorin Barbara Guest erinnerte De Niro senior als »leidenschaftlich in seine Arbeit vertieft« und beschrieb ihn als »allein in einem unglaublich unordentlichen Studio, in dem er arbeitete … launisch, düster, unsauber … Er gab keine Gesellschaften … es gab viele Partys, zu denen er nicht ging … Umgänglichkeit ist kein Begriff, den man auf Bob anwenden könnte, noch ist er ›gesellig‹. Er mochte es, bissige Bemerkungen über die Kunstszene von sich zu geben, mit der er, das möchte ich hinzufügen, bestens vertraut war.«[10] Immer wieder hatte De Niro zeit seines Lebens mit Depressionen zu kämpfen, und es gibt Hinweise darauf, dass er unter dem litt, was man heute als Bipolare Störung bezeichnen würde.

Doch in der kleinen Welt, in der er lebte, war er beliebt. Sein langjähriger Freund Dick Brewer beschrieb ihn als »die einsamste Person, die ich jemals kennengelernt habe«, aber auch als »die lustigste Person, die ich jemals kennengelernt habe«.[11] »Er hatte die Aura eines Menschen, der eine lange und komplizierte Geschichte hinter sich hat«, erinnerte sich Larry Rivers. »Er war ein kinetischer Dandy, er war Baudelaire in New York.«[12]

 

Trotz all seiner Exzentrik, Beharrlichkeit und seiner Eigenarten, trotz seiner häufigen Abwesenheit und seiner Vorliebe für einen ungewöhnlichen Lebensstil war De Niro – so wird von vielen bestätigt – ein liebevoller Vater. Wie sich sein Sohn erinnert, war er »zärtlich … immer knuddelte und umarmte er einen«.[13] Und er nahm den kleinen Bobby gern in Museen, zu Vernissagen und besonders häufig ins Kino mit. »Er ging mit mir ins Kino«, so Bobby, »wir sahen King Kong und andere Schwarzweißfilme in den Arthouse-Kinos auf der 42. Straße.«[14] Gelegentlich nahm der Vater ihn auch zu seiner Kunstklasse mit, wo er seinen Spross neben zahlenden Studenten experimentieren ließ. De Niro senior bemerkte liebevoll: »Er hatte ein gutes Gespür für Farbe.« Aber die Beziehung zwischen Vater und Sohn war episodisch. »Ich sah ihn nur alle paar Wochen«, entsinnt sich der Sohn. Echte Kunst entstand bei ihren Treffen nicht: »Er versuchte sogar recht häufig, mich zu porträtieren, als ich klein war, aber ich konnte nicht stillsitzen.«[15]

Vorwiegend trug Virginia Admiral die Verantwortung, den Jungen zu erziehen: emotional, finanziell und ganz im praktischen Sinne. Sie lebte als alleinerziehende Mutter Tausende von Meilen von ihrer Familie entfernt. Sie wohnten in einer Nachbarschaft, die sich der Subkultur zugehörig fühlte und die den Babyboom und den Zuzug in die Vororte nur aus Zeitschriften kannte und sich in Cafés und Kneipen darüber lustig machte. Es war fast unvermeidlich, dass Admiral von ihrer vielversprechenden Karriere als Künstlerin Abstand nahm, um den Anforderungen des Mutterseins gerecht zu werden.

Zunächst versuchte sie, wie ihr Exmann am Rand der Kunstwelt Geld zu verdienen. Sie rahmte Bilder und beschäftigte sich mit dekorativem Handwerk wie der Schmuckherstellung. Doch es dauerte nicht lange, bis sie sich voll und ganz auf zwei Bereiche konzentrierte, die sich schon zuvor als lukrativ erwiesen hatten: das Schreiben und das Tippen, was sogar noch mehr einbrachte. Wie bereits für Anaïs Nin schrieb Admiral unter Pseudonym sensationsheischende Prosa und berechnete dafür feste Seitenpreise. Zu ihren Kunden gehörten verschiedene billige Magazine, die sie mit Geschichten aus dem wahren Leben versorgte: Verbrechen, Sex, Gewalt, Fälle aus der Psychiatrie und kosmische Katastrophen. Doch beständiger war ihr Einkommen als Typistin von Manuskripten, die vor dem Computerzeitalter im Haushalt eines jeden Autors nicht fehlen durften. Ihre Auftraggeber bezog sie aus ihren literarischen Bekanntschaften und dehnte ihren Kundenkreis auch auf die Studenten der New York University und der New School aus. Sie hatte ihren Beruf für die kommenden Jahrzehnte gefunden, stellte nach und nach eine kleine Anzahl von Typistinnen (dazu gehörte auch Robert De Niro) ein und verfügte schließlich über ihre eigenen Druckmaschinen.

Admiral war immer sehr darauf bedacht, ihre Privatsphäre zu schützen, insbesondere, als ihr Sohn berühmter wurde. Einmal sagte sie zu einem Reporter: »Ich möchte mir mein Leben bewahren.«[16] Vielleicht sprach sie auch über sich selbst und ihre Werte, als sie auf die Frage, was das Erfolgsrezept ihres Sohnes sei, geradeheraus antwortete: »Wille. Willensstärke.«[17]