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Einfach mal wieder raus aus dem Alltagseinerlei zwischen Familie, Beruf und Freizeitstress. Alte Freunde treffen, Erinnerungen austauschen, deine Lieblingsmusik hören. Am besten gleich ein ganzes Wochenende. Der Traum vom Rock Weekend entwickelt sich zu einer bewegenden musikalischen Zeitreise durch die 80er, 90er und Millenniumjahre bis 2021. Der Autor Achim Schäffer verbindet in seinem Erstlingswerk Erinnerungen an verschiedene Lebensstationen - Geschichten, Gedanken, Gefühle, Träumereien - mit Liedern, die ihm etwas bedeuten.
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Seitenzahl: 474
Veröffentlichungsjahr: 2021
Achim Schäffer
Rock Weekend
Autobiografischer Roman
© 2021 Achim Schäffer
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-30500-7
Hardcover:
978-3-347-30501-4
e-Book:
978-3-347-30502-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
www.rockweekend.net
Ich träume.
Von einem gemeinsamen Abend im Restaurant.
Von einer Nacht in Münster.
Oder von einem ganzen Rock Weekend.
Rock Weekend
Ich flüchte in alte, lang erlebte Welten.
In ganz private Träume, die Erlebtes mit Ersehntem verbinden.
Reflektion.
Gesichter, Personen zum Greifen nahe – und doch weiß ich nicht, wo sie jetzt sind, wie sie aussehen. Manchmal weiß ich nicht mal mehr ihren Namen.
Und dann die Räume: Dunkelheit. Dezentes grelles Glitzerlicht. Gedanken drehen sich
im Kreis, ganz langsam im Stehblues zweier verliebter Teenager, für die es in dem Moment kein Morgen gibt, geben darf, weil sie wissen, dass all das morgen vielleicht schon wieder vorbei ist.
Gitarren,
Bass,
viel Lärm.
Disco.
Kneipe.
Außer zum Knutschen blieb ich immer drin.
Bis heute!
Warum?
Wegen der Musik!
Wenn mir die Musik gefällt, schmeckt mir das Bier besser.
Wenn mir die Musik gefällt, werde ich nicht müde. Wenn mir die Musik gefällt, möchte ich zappeln, hüpfen.
Tanzen.
Rockmusik ist meine Alltagsmedizin.
Meine einzige Droge.
Nebenwirkungen: Lange Nächte, Ausgelassenheit, erhöhter Alkoholkonsum.
Früher.
Vor allem früher.
Unbeschwertheit.
Freiheit.
Jugend.
Mit der großen Musikkarriere ist es leider nichts geworden. Wie denn auch?
Keine Stimme, kein Instrument, zu wenig Personality. Wobei: Wenn es mir richtig gefällt, erlebe ich eine regelrechte Persönlichkeitsmetamorphose. Dann schüttle ich die Schwere des Alltags regelrecht aus mir raus. Die Droge wirkt noch intensiver. Ich rocke die gesamte Westfalenhalle. Oder noch besser:
Die Loreley.
Den Mannheimer Maimarkt.
Rock am Ring.
Gedanklich zumindest.
Meine Playlisten sind die besten im Genre ‚Altemative Rockmusik‘ oder zu den Achtzigern.
DJ wäre noch so ein Traum. Immer noch. Aber wer bucht schon, beispielsweise zu seinem 50. Geburtstag, einen alternativ angehauchten Rock-DJ.
Das wird wohl alles nichts mehr.
Deshalb tröste ich mich mit einem anderen Traum:
Ich nehme mir ein paar gesellige Leute mit, die meine musikalische Leidenschaft teilen und dann gehen wir ein Wochenende gemeinsam weg. Zum Beispiel nach Spanien, gerne auch auf Texel. Wir haben eine tolle Party-Location, die jeden Abend proppenvoll ist. Wir feiern – und ich werde von Stunde zu Stunde, von Song zu Song lockerer. Ich mache die Musik.
Meine Musik!
Schwierig, weil ich mich für so vieles begeistern kann! Also tauche ich tief ein, in meine musikalischen Welten, in Erinnerungen, Geschichten, Fantasien. Ich schweife ab, ich recherchiere, erfahre sogar so einiges Neues, spaziere gedanklich durch die alten Zeiten.
Chronologisch: freitags meine 80er, samstags die 90er, sonntags meine Millennium-Songs.
Ein Soundtrack meines Lebens,
ein ganzes Wochenende lang!
Playlist auf Spotify:
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Alle Links, Infos und Extras auf
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Freitag
1. Meat Loaf: Modern Girl
2. Spider Murphy Gang: Skandal im Sperrbezirk
3. Ultravox: Hymn
4. Billy Joel: Uptown Girl
5. Nena: Fragezeichen (Live, 2018)
6. Klaus Lage: 1000 und eine Nacht
7. Alphaville: Forever Young
8. Queen: Radio Gaga (Live Aid)
9. Chris de Burgh: High on Emotion
10. Saga: Wind Him Up (Live-1981)
11. Bon Jovi: Runaway
12. Scorpions: Hey You
13. Depeche Mode: People Are People
14. Cindy Lauper: Girls Just Want to Have Fun
15. Corey Hart: Sunglasses at Night
16. Duran Duran: Wild Boys
17. Tears for Fears: Shout
18. The McCoys: Hang on Sloopy
19. Billy Idol: Mony, Mony
20. Bryan Adams: Heaven
21. Marillion: Pseudo Silk Kimono / Kayleigh / Lavender
22. Def Leppard: Too Late for Love
23. Dio: Holy Diver
24. Ozzy Ozbourne: Suicide Solution
25. Black Sabbath: Heaven and Hell
26. JB 8707: Children of the Shame
27. Ufo: Love to Love
28. Falco: Jeanny
29. Madness: One Step Beyond
30. Bots: Sieben Tage Lang
31. Heavy
32. U2: Sunday Bloody Sunday (Live-1983)
33. Loverboy: Turn Me Loose
34. Rush: Red Sector A
35. Peter Gabriel: Games Without Frontiers
36. Manfred Mann’s Earth Band: For You
37. Barclay James Harvest: Child of the Universe
38. Jim Steinman: Rock’n Roll Dreams
39. Die Toten Hosen: Wort zum Sonntag (Live 1987)
40. Ramones: Rock ‘n Roll Highschool
41. Sisters of Mercy: This Corrosion
42. Fischer-Z: Room Service
43. The Police: Roxanne
44. The Clash: Guns of Brixton
45. Magnum: On a Storyteller’s Night
46. Kim Wilde: Kids in America
47. Romeo Void: Never Say Never
48. Helloween: Future World
49. Queensryche: I Don’t Believe in Love
50. Guns ‘n Roses: Patience
51. Foreigner: Waiting For a Girl
52. Simon and Garfunkel: The Sound of Silence
53. Udo Lindenberg: Cello
54. Bruce Springsteen: The River (Live – 1986)
55. Karla de Vito: Cool World
56. The Cure: Boys Don’t Cry
57. R.E.M.: It’s the End of the World As We Know It
58. Dead Kennedys: Pull My Strings (Live 1986)
59. New Model Army: Vagabonds
1. Meat Loaf: Modern Girl
Ein Donnerstagabend im Herbst 1984:
Wir hören wie immer die HR3-Hitparade.
Ein bunter Mix; Pop, Rock, New Wave.
Und dann kommt Modern Girl!
Langsames Intro,
choraler Refrain,
Rockgitarre
und der wiederkehrende Aufruf:
Gimme the future with a modern girl!
Super Song!
Mein ständiges Leitmotiv für die nächsten Jahre!
Eine Beziehung zu einem coolen Mädchen, feste Freundin, große Liebe, Zukunft!
(Enttäuschungen, Dramen, Unsicherheit)
Neben spannenden Maxiversionen brachte die Internationale Hitparade auf HR3 fast wöchentlich neue Namen ins Programm und sollte noch eine ganze Weile, eigentlich bis zum Ende meiner persönlichen ‚Pop-Epoche‘ einen wichtigen Beitrag zu meiner musikalischen Grundbildung leisten.
Bad Attitude, das MEAT LOAF – Album mit Modern Girl war eine der ersten LPs auf meiner Schneider-Kompaktanlage, die ich zu Weihnachten 1984 geschenkt bekam. Darauf sind die JIM STEINMAN - Songs Nowhere Fast und Surf’s up so wenig bombastisch wie möglich interpretiert, was gut zum Album passt, aber eigentlich für MEAT LOAF (und JIM STEINMAN) absolut untypisch ist. Es klang auf jeden Fall fantastisch, insbesondere nochmal am Ende mit der sich steigernden Hymne Sailor to a Siren. Durch die Stereo-Anlage erlangte ich plötzlich ein ganz neues Hörgefühl.
„Endlich richtig Musik hören!“
Es sollte nicht lange dauern, ehe ich die ersten Macken dieses Luxus-Ghettoblasters kennen lernen sollte…
MEAT LOAF war Mitte der 80er Jahre völlig weg vom Fenster. Sein folgendes Album Blind before I stop floppte total, obwohl auch aus dieser Zusammenarbeit mit FRANK FARIAN einige klasse Songs, wie das sehr persönliche Rock’n Roll Mercenaries oder der Titelsong resultierten.
In einem Interview mit Spiegel Online anlässlich seines 2016er-Abschiedsalbum Braver Than We Are meinte MEAT LOAF dazu, dass ihn das Album auch heute noch begeistert. Ganz guter Erfolg in Europa, allerdings eben unterirdisch in den U.S.A.
Und nur das zählt!
Stimmprobleme, Streit mit der Plattenfirma, Streit mit JIM STEINMAN, Streit mit dem Management. Es lief nicht rund für MEAT LOAF. Live blieb er im wahrsten Sinne des Wortes ein Schwergewicht. Beim Konzert im Rosengarten in Mannheim 1988 spielte es das halbe Bad for Good–Album von JIM STEINMAN, welches er eigentlich Jahre vorher schon hätte einsingen sollen. Lange vor dem grandiosen Bat out of Hell II – Album zeichnete sich also schon Großes ab.
‚Der Dicke‘ fiel auf dem Tiefpunkt seiner Karriere – und natürlich fiel er weich!
Ich pilgerte allein zum steilen Felsen am Rhein – Verbündete für den Trip zum ‚Motorradfestival‘ mit MEAT LOAF und MAGNUM fanden sich nicht.
Nach einem grandiosen Auftritt räumte er die Bühne frei für einen Motorradpfarrer, der irgendwelche Rocker verheiraten (oder scheiden?) sollte. Die Menge grölte, die Loreley entfachte ihren eigenen Zauber. Dieses Konzert sollte nicht, durfte nicht so enden. Und tatsächlich, MEAT kam wieder. Standesgemäß auf einem Motorrad setzte er nochmals im Mittelteil von Bat out of hell ein und läutete so das tatsächliche Ende seines genialen Auftritts ein. Er schien selbst überwältigt von der tobenden Kulisse. Ich glaube dieser Abend legte einen Grundstein für das großartige Comeback in den 90ern. Die Geschichte von Bat out of Hell war noch nicht zu Ende erzählt…
Im Laufe der Jahre ergab es sich immer wieder mal, das geniale Paradise by the Dashboardlight theatralisch nachzuspielen / zu tanzen. Es brauchte nur das passende Mädchen. Eine richtig gute Version dazu sah ich im November 2018 auf dem Bat ouf of Hell– Musical in Oberhausen. Wie stark MEAT LOAF gesanglich war, zeigt sich hier auch darin, dass die professionellen Darsteller reihenweise Probleme mit dem Gesang hatten. ‚Paradise‘ klappte, inklusive Auto, das von der Bühne rollt.
ELLEN FOLEY, die Sängerin des Originals, brachte übrigens in den 80ern ein paar Solo-Alben mit richtig guten Pop-Rocknummern heraus, allen voran ihr Schmachtfetzen We Belong to the Night. Die Punk-Anleihen, die bei ihr teilweise durchklingen, sind nicht zufällig. Sie hatte eine Affäre mit dem THE CLASH - Gitarristen MICK JONES, es gab eine vereinzelte musikalische Zusammenarbeit, beispielsweise Hitsville U.K., und man mutmaßt, dass der Text von Should I stay or should I go auf diese Affäre zurückgeht.
So spannte sich meine popmusikalische Mindmap immer größer und engmaschiger. Platten wurden getauscht Tapes aufgenommen, Zeitschriften gelesen, Radio gehört, Geschichte geschrieben…
Dazu Sendungen wie Formel 1, Live aus dem Schlachthof, später MTV.
Willkommen in meinen 80ern!
2. Spider Murphy Gang: Skandal im Sperrbezirk
Skandal!
Einen kleinen Skandal lieferte ich, indem ich in der E-Jugend von Waghäusel nach Kirrlach wechselte. In Waghäusel war ich ein kleiner Star. Ich erinnere mich an ein Hallenturnier in Oberhausen. Gleiche Trikots, also spielten wir in Unterhemden. Man kannte damals noch keine Leibchen für Kinder. Meines war gelb. „Deck ihn!“ „Du musst den Gelben decken!“ Der gegnerische Trainer gönnte mir eine Sonderbewachung. Ich traf trotzdem und noch Jahre später kam meine Opa, der damals auf der Tribüne saß, mit der Geschichte, als der Trainer so Angst vor meinen fantastischen Fähigkeiten hatte.
Jetzt also Kirrlach! Einerseits ein absoluter Neustart, aber es ging auch dahin, wo meine Eltern herkamen, meine Großeltern wohnten, wo ich als Baby gewohnt hatte. 2 Kilometer östlich, ein Riesenschritt.
Sportlich auf jeden Fall. Die Mannschaft war besser, wir spielten oben mit. Damals noch auf Großfeld, pro Spiel nur feste Wechsel. Wie es um die Kondition der meisten Kinder heute aussieht, lässt sich daran ganz gut ablesen. Heute auf Kleinfeld zahlreiche fliegende Wechsel (was per se nicht schlecht sein muss), kaum einer / eine ist fähig, voll durch zu powern. Vor allem schnelle Drehungen und Richtungswechsel fallen schwer. Da helfen auch all die Hütchen und Stangen und Ringe und Hürden und Leitern an den durchgetakteten, standardisierten Trainingsabenden nicht weiter. 1980 trainierten wir keine Koordination, wir hatten sie. Koordination ist heute ein wichtiges Trainingsziel – zahlreiche Kinder kriegen die Beine trotzdem nicht sortiert. Und das sind die guten Sportler – die schlechten sitzen zu Hause am Bildschirm.
Vom Opa bekam ich eine Mark für jedes Tor, was sich anfangs für mich echt lohnte. Ich denke, dass in der E/D-Jugend alles in allem teilweise über 40 Tore im Jahr zusammenkamen. Mein Opa nahm auch schnell Abstand von den angedachten 5.-DM pro Tor.
Im Laufe der Jahre wurde diese Einnahmequelle aber schnell ziemlich unzuverlässig.
Trainingsmäßig hatte ich zuvor die alte Schule im positiven Sinn kennengelernt.
„Passen - Stoppen – Schießen!“
Immer wieder. Zumindest beim Passen und Stoppen hat das ständige Einüben auch was gebracht. Das Training in Kirrlach verlief anders, abwechslungsreicher, anspruchsvoller.
Wir hatten einen jungen engagierten, motivierten, lebensfrohen Trainer und als ich in die D-Jugend kam, weiß ich, dass ich richtig traurig war, nicht weiter unter ihm spielen zu können. Ich meine, es war im Jahr danach, als er beim Fußballspielen in der Halle zusammenbrach. Tot!
Das war damals hart, aber ich hatte genügend Abstand, um das wegzustecken, zu verarbeiten. Niemals hätte ich geahnt, gedacht, dass so ein Einschlag mal in meinem engsten Umfeld passieren sollte.
Skandal!
Skandalös verlief auch die WM 1982 in Spanien. Für die Suchmaschine:
Schlucksee – das famose Trainingslager vor der WM. Der Name war scheinbar Programm.
Schande von Gijon– der Nichtangriffspakt im letzten Gruppenspiel gegen Österreich.
Battiston – der ‚Zusammenstoß‘ des Franzosen mit dem deutschen Torwart Toni Schuhmacher im ansonsten grandiosen WM-Halbfinale.
Skandal!
Über Jahrzehnte lief bei uns zu Hause morgens beim Frühstück der Radiosender SDR1, zumindest, solange es den Sender gab.
Dies bedeutete in meiner Kindheit jeden Morgen so eine halbe Stunde teils übelster Schlager. Damit wurde ich groß und mit mir viele Alters – und Leidensgenossen. Der Kaba schmeckte morgens nicht unbedingt besser, wenn im Hintergrund der Fischer von St. Juan gehuldigt wurde, deren Boot wahrscheinlich immer noch nicht angekommen ist oder jemand den Eugen grüßte (Howard Carpendale - Hello Again).
Aber ich hab’s ja überlebt.
Irgendwann wechselte man wohl den Musikredakteur, vielleicht wurde ich auch einfach hellhöriger, affiner. Auf SDR 1 habe ich zum ersten Mal den MEAT LOAF -Song ‚Read em and Weep‘ gehört, in der Schnulzenversion von BARRY MANILOW. Ich meine sogar, dass weitere JIM STEINMAN -Nummern, die ich erst wesentlich später so richtig für mich entdeckte, damals auf dem Schlagersender gespielt wurden. Total Eclipse of the Heart, Making Love out of Nothing at All.
Ganz sicher dudelte Words von F.R. DAVID auf SDR 1 rauf und runter, 1982 ein Nummer 1-Hit in Deutschland.
Skandal!
Auch Neue-Deutsche-Welle-Hits konnte man zuweilen auf SDR1 hören. Im Sog der Welle erschien 1981 Skandal von der SPIDER MURPHY GANG.
Was ein Lied, was ein Text! Für einen Zwölfjährigen war das damals so mit das Verbotenste, was man sich vorstellen konnte.
Die Münchner Nuttenszene und eine anrüchige Telefonnumer!
Einige bayrische Sender spielten Skandal im Sperrbezirk nicht, ich meine, SDR1 wohl! Auf jeden Fall leiteten Lieder wie dieses eine Zeitenwende für mich ein.
Gitarrenmusik!
Andere Texte!
Protest!
Skandal!
Eine Partyhymne, die mich mein ganzes Leben begleiten sollte! Laut Wikipedia stand Skandal im Sperrbezirk am 7.12.1981 auf Platz 1 der deutschen Charts.
3. Ultravox: Hymn
Radiohit!
Die frühen Achtziger, das hieß bei mir vor allem Fußball und Lesen. Fußball: Jede freie Minute, in den Ferien gerne schon morgens ab 9 auf der ‚Schulwies‘. In der Fußballpause dann lesen – alles, was mir zwischen die Finger kam. Viel Karl May. Beim Spielen im Wald konnte ich mich kriechend anschleichen, wie Old Shatterhand bei seiner Befreiungsaktion für Winnetou. Ein Held!
Am Wochenende zuschauen bei den Spielen der 1. Mannschaft. Wir waren mit einer Gruppe Jungs ein richtiger Fanclub, wobei besonders bei Lokalderbys auch eine besondere Atmosphäre herrschte. Wenn Kirrlach gegen Oberhausen oder gegen Wiesental spielte, kamen weit über 1000 Besucher. Ein richtiges Happening! Ich weiß noch, wie wir bei einem Derby ein Laken bemalt hatten: ‚Oberhausen Go Home!‘
Des Englischen nicht soo mächtig, wurde ich von einigen Erwachsenen angesprochen:
„Was heißt’n des, Oberhausen 60 h-o-m-e“?
1982 gewannen wir mit der D-Jugend so ziemlich alles, was man so gewinnen kann. Und das Ganze trotz eines Trainers, der mit uns ein verkapptes Leichtathletiktraining durchzog. In der Intensität und im Inhalt heutzutage undenkbar. Aber wir machten auch viele kurze Sprints und schnelle Bewegungen, nicht das typische Rundenlaufen.
Ich weiß noch, wie mich der Coach bei einem Testspiel draußen ließ. Unfassbar! Ich – der Leistungsträger, der Spielführer, der Star! Ich war sauer, enttäuscht, verwirrt.
Es sollte für mich die beste Runde meines recht kurzen Fußballlebens werden…
Viele Tore, schöne Tore, entscheidende Tore – das 2: 1 in der Verlängerung des Kreispokalfinales gegen unseren Dauerrivalen aus Östringen: Langer Abschlag, der auf dem trockenen, harten Rasen im Kraichgau ein paar Mal hoch aufsetzte. Achim Schäffer, vor dem Verteidiger hinter dem Ball herrennend, der Ball springt über den herausstürmenden Torwart, an der Strafraumlinie mache ich einen Schritt und spitzle den Ball ins lange Eck. Ganz langsam rollt der Ball in Richtung Tor. Innenpfosten. Drin!
Unvergessen!
So schlecht kann der Trainer dann doch nicht gewesen sein, denn wir sahen sehr selten ‚Alt‘ aus.
Im Jahr 1982 trank ich nach dem Gewinn der D-Jugend-Kreismeisterschaft zum ersten Mal Alkohol, einen Schluck Sekt. Ab der C-Jugend gab es nach den erfolgreichen Heimspielen in der Landesliga immer ‚Stein Korea‘ – und wir gewannen zumindest im ersten Jahr oft.
Auch für die Kreisauswahl wurde ich häufiger nominiert. Der Trainer, Jupp Derwall (zumindest hielt er sich dafür), war so ein kleiner Provinzprinz. Das Training war nach heutigen Maßstäben grottenschlecht. Völlig spielferne Übungsformen, viel Ausdauer.
Bei einem Sichtungsturnier in der Sportschule Schöneck ließ er mich mal während eines ganzen Spiels warmlaufen, rein kam ich nicht. Zum großen Wurf hätte es eh nicht gereicht, ich war einfach auch zu schmächtig. Aber was Training und Menschenführung betrifft, hat sich in den letzten 40 Jahren glücklicherweise (nicht nur) im Fußball einiges getan.
Neben Fußball hatte ich noch eine zweite Lieblingssportart: Ringen Mein Vater nahm mich oft zu den Abendkämpfen mit.
1982 bei der spektakulären Meisterschaft des AV Reilingens waren wir bei allen Heimkämpfen in Kirrlach dabei. Unvergessen das Finale gegen Witten in der übervollen Rheintalhalle.
Wie viele Zuschauer? 3000, 4000 – keine Ahnung. Wir standen auf einem Tisch im Gang über der ausziehbaren Tribüne und fieberten mit, feuerten an.
„Blau passiv!“ „Schultersieg!“
Das war so ein Vater-Sohn-Ding. Wir liebten beide den Sport, die Spannung, die Atmosphäre auf den vollen Tribünen und ich genoss es, als Ältester das Privileg zu bekommen, mal mehr mit Papa zu unternehmen.
Father and Son.
Ich weiß noch, dass ich einmal mit meinem Vater unter der Woche abends zu den Fußball-Stadtmeisterschaften in die Rheintalhalle wollte. Er nahm mich mit, war aber wenig begeistert. Später wurde ich müde, hatte genug gesehen.
„Können wir gehen?“
„Nein, jetzt musst du mal noch warten!“
Schließlich lief ich die 4 Kilometer nach Hause. Allein. Zum ersten Mal, später sollte das eine durchaus vertraute Strecke werden.
Ich konnte meinen Vater nicht verstehen: Wenn ich doch müde bin, die Spiele fast gelaufen sind, warum können wir nicht einfach gehen. Damals war dies ein Schritt meiner Abnabelung. Heute, selbst Vater, denke ich anders darüber. Auch Erwachsene haben Recht auf Freizeit und Freiheit, sogar Väter. Aber gerade zwischen Vater und Sohn ist da die Kommunikation nicht immer einfach. Und die Leerstellen des Ungesagten werden recht unterschiedlich und individuell aufgefüllt.
Und dann lief irgendwann Hymn im Radio. Den Sänger und Songwriter MIDGE URE lernte ich später noch als Solokünstler kennen. Erst jetzt – dank Wikipedia-wurde mir klar, dass URE auch der Kopf hinter VISAGE war, dass er ‚Fade to Grey‘ mit produzierte, dass er Live-AID mit BOB GELDORF zusammen initiierte, dass er an der Komposition und Produktion von Do they know it’s Christmas Time beteiligt war, wie groß sein Einfluss auf Synthie-Pop und New Wave Anfang der Achtziger in Großbritannien war.
MIDGE URE war in den 70ern als Rockmusiker erfolgreich, hatte mit SLIK bereits 1975 einen Nummer 1-Hit in Großbritannien und spielte auch kurzzeitig bei THIN LIZZY. Er liebäugelte mit dem Punk und wäre fast bei den SEX PISTOLS gelandet. Wenn man genau hinhört, fällt dies bei den ULTRAVOX-Songs auch auf, zumal die Band vor dem Einstieg von URE auch viel punkorientierter war – man höre nur mal Young Savage! Aber über allem klingen die Synthesizer. Punk, Rock, Wave–Pop: 1982/83 wusste ich da noch wenig von. Hymn war das eingängige Lied aus dem Radio, der Hit, neben Vienna und Dancing with tears in my eyes ein Höhepunkt auf dem Album The Collection.
Hymn ist pubertär.
Abgrenzung.
Abnabelung.
Der Anfang von etwas Großem, Fremden, Unheimlichen – von sieben wilden Teenagerjahren!
4. Billy Joel: Uptown Girl
Meine Kindheitswelt in Waghäusel war klein und übersichtlich. So alle 2-3 Jahre bekam unsere Familie weiteren Zuwachs, ehe wir ab 1977 komplett waren. Vier Geschwister, drei Jungen, ein Mädchen. Ab 1978 leisteten wir uns einen jährlichen Sommerurlaub in Ungarn.
Ungarn.
Die Heimat meiner Großeltern.
Die Vorfahren sind vermutlich um 1785 nach Ungarn ausgewandert.
Donauschwaben.
Die zwischen Donau und Neckar, auf der Schwäbischen Alb liegenden Dörfer litten damals unter Verheerungen der andauernden Kriegszüge. Auch das Anerbrecht (Ahnenerbe) – welches ein Kind als Alleinerben vorsieht – trug dazu bei, dass für viele Dorfbewohner die Auswanderung als einziger Ausweg übrigblieb. Die verlockenden Angebote des Ansiedlungspatents: Völlige Glaubensfreiheit, Haus, Feld und die dazugehörenden Wirtschaftsgeräte wie Zuchttiere.
Für Handwerker 50 Gulden zur Einrichtung ihrer Werkstatt und vor allem die 10-jährige Steuer- und Abgabenfreiheit stimmten die letzten Zweifelnden positiv.
Und so siedelten sie sich im Dorf Kirwa (Mariahalom), ca. 40 Kilometer nordöstlich vor Budapest an und arbeiteten. Sie betrieben überwiegend Landwirtschaft und bildeten kleine deutsche Enklaven im Österreich-Ungarischen Reich.
Arm, aber nicht unglücklich.
Altdeutsche Traditionen und Gewohnheiten überlebten wie die Sprache, wie die Menschen.
Im 2. Weltkrieg kämpfte mein Opa für Ungarn in Russland. Sicherlich wichtig! Das kostete ihn ein kugelgroßes Loch im Zeh, aber noch schmerzhafter: Der Krieg kostete ihn seine Heimat.
Wer deutsche Wurzeln hatte, sollte den neuen politischen Warschauer Pakt verlassen.
Vertreibung.
Flucht.
Also musste die Familie Schäffer im April 1946 mit ihren bald drei kleinen Kindern – mein Vater ist 1947 geboren – von vorne beginnen.
In Deutschland.
In einem Land, einer Umgebung, unter Menschen, denen 12 Jahre lang einindoktriniert worden war, dass alles Fremde schlecht ist. Unarisch.
Ungarisch.
In einem kaputten Land, in dem jeder genug mit sich selbst zu tun hatte.
Gegen wie viele Widerstände sie wohl ankämpften. Als letztes Glied in der Kette. Die ‚ungarischen Zigeuner‘ mit ihrem komischen bayrischen Dialekt.
Flüchtlinge. Vertriebene.
Nirgends erwünscht.
Gleichzeitig ist das Maß an Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe, die ihnen widerfuhren, unfassbar. Sie hatten nichts und mussten sich alles erarbeiten.
Das Sparkonto, das Haus, die Urlaube.
Neue Existenz.
Mein Opa war der Held meiner Kindheit. Er spielte Fußball mit uns, obwohl er es nicht konnte,
planschte im Balaton mit uns, obwohl er wasserscheu war. Er sprach alle Sprachen, vor allem die der Menschlichkeit.
Er brachte mir das Mühlespielen so bei, dass ich den Gegner einsperre, ohne viele Mühlen zu bauen. Ich verlor so oft gegen ihn, Jahre, bis ich es begriffen hatte. Dann gewann immer ich.
An Neujahr früh morgens ging er mit uns zu Häusern in der Nachbarschaft und legt laute Böller vor das Haus oder in den Briefkasten. Welch ein Krach! Er freute sich, wie ein kleines Kind.
Wenn er ausdrücken wollte, dass etwas nicht so schlimm ist, nicht so dramatisch, egal, sagte er „Jowoan“. Ich habe da keine Übersetzung für, aber erwische mich mit zunehmendem Alter immer öfter dabei, dass ich beschwichtige und mich bemühe, ruhig zu bleiben. Es gibt Schlimmeres, kommt mal wieder runter, worüber reden wir hier eigentlich.
„Jowoan“
Die Reise in den Ungarn-Urlaub. Vier Kinder hinten drin.
„Mir ist heiß!“
„Es stinkt schon wieder!“
„Thorsten wird schon wieder ganz blass!“
„Ich hab Durst!“
„Sind wir gleich da?“
„Wie lang noch?“
Kein Smartphone.
Kein DVD-Player.
Keine Klimaanlage.
Urlaub!
Die Grenze.
Der eiserne Vorhang.
Stundenlanges Warten bei Sopron.
Das Ende der Welt.
Oft reisten meine Großeltern und meine Tante zur selben Zeit wie wir.
Die Fähre in Tihany, eine Halbinsel am Balaton. Überfahrt nach Zamardi.
Zum Campingplatz.
Zwei Geschwister drinnen im Wohnwagen bei den Eltern, wir beiden Großen draußen in der ‚Hundehütte‘. Den ganzen Tag in der riesigen Badewanne Balaton.
Mittagessen für 2.- DM. Panierte Schnitzel, Hähnchenschenkel, Pilzköpfe. Trinken bekamen wir in der Mittagskantine nie. Zu teuer, das konnten wir ja später am Wohnwagen nachholen.
Beim Eisverkäufer: Jeden Tag eine Sorte: Mal Schoko, mal Vanille, manchmal Kokos (‚Bäh‘).
Wir bestellten die Zeitung nach, so dass mit einigen Tagen Verspätung die BNN in Ungarn ankam.
Welch ein Luxus!
Selbst im Urlaub fast auf dem neuesten Stand sein, wenn man eine Woche später das Ergebnis vom ersten Testspiel vom FC Kirrlach in der Zeitung lesen konnte.
Exklusiv!
Ansonsten: Kein TV, kein Handy, kein Internet.
Herrlich!
Die Welt am Campingplatz in Zamardi war klein und übersichtlich Auf der Rückfahrt – vollgeladen mit billigem Krim-Sekt, Kristallgläsern und sonstigen Souvenirs - begleitete mein Opa die Grenzsoldaten mit in den Wohnwagen. Die bekamen dann kleine Geschenke. Seife war beliebt, vielleicht West-Zigaretten, wenn es ganz dicke kam ein paar D-Mark. Und schon ging die Abenteuerreise weiter Richtung Heimat.
1983 dudelte im Radio ein Lied rauf und runter:
BILLY JOEL – Uptown Girl.
Ein echter Ohrwurm.
Lieblingslied.
Mir war nicht bewusst, wie weit Billy Joels Mädchen in seiner ganz eigenen Welt von meiner eigenen kleinen, bescheidenen Welt entfernt war.
Egal, ich hatte das Lied, den Ohrwurm. Ich mochte aber auch die weiteren Nummern vom Innocent Man – Album, zum Beispiel Tell her About it.
Später: We didn’t start a fire.
Es dauerte, bis ich The Piano Man entdeckte. So richtig erst in den 90ern, musikalisch in einer anderen persönlichen Epoche. Der Piano Man ist erwachsen, da war ich noch ein Stück von weg!
So ist Uptown Girl für alle Zeit mit 1983 verbunden. Mit dem sich langsam, aber immer deutlicher ankündigenden Ende meiner Kindheit im kleinen, beschaulichen Waghäusel.
5. Nena: Fragezeichen (Live, 2018)
Eine weitere Hitparade, der ich als Kind regelmäßig folgte, war die ZDF-Hitparade mit DIETER-THOMAS-HECK. Die Flut an Schnulzen, Schlagern und sonstigen musikalischen Abgründen entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem mich erschlagenden Tsunami – seit meiner späten Kindheit bin ich (mit wenigen Ausnahmen) ein bekennender Schlagerhasser.
Auch DIETER-THOMAS-HECK musste sich in seiner Sendung plötzlich mit der Neuen Deutschen Welle auseinandersetzen. Auf YouTube findet man dazu lustige Auftritte, beispielsweise von UKW oder Trio, die einen recht ratlosen Moderator und ein ziemlich überfordertes Publikum hervorriefen.
Das Publikum:
Ein Einheitsbrei spießiger Nachkriegsbürger, die selig-lächelnd brav im Takt klatschen. Kecke, dezent geschminkte, junge Damen, die sich sogar trauen, während eines Auftritts ihren verehrten Helden einen stramm gebundenen eintönigen Blumenstrauß zu überreichen. Keiner hinterfragt, wie diese es schaffen, dennoch beim Singen jeden Ton zu treffen…
Die ZDF-Hitparade hatte eine klare Rollenverteilung: Hier die anhimmelnden jungen Damen, dort die brustbehaarten, hemdsärmeligen, schnauzbärtigen Männer.
Die Macher.
Die Machos.
Ich bin sehr dankbar und glücklich darüber, dass ich so friedlich, frei und sorglos aufgewachsen bin, dass ich Teil dieses spießigen Miefs war. Irgendwo zwischen dem wöchentlichen Samstagsbad, dem jährlichen Dinner For One und der ZDF-Hitparade am Montagabend entwickelte sich für mein Leben ein zuverlässiger, fester Kompass, dessen klare Orientierung den Alltag so übersichtlich und klar erscheinen ließ.
ZDF-Hitparade Nr.173 vom25.02.1984
Das Playback ist zu leise: Aufgrund technischer Probleme konnte NENA während ihres Auftritts ihr Playback nicht gut hören. Was sie dann gesangstechnisch von sich gab, war so lala. Warum diese ‚Panne‘ ausgerechnet bei NENA passierte, sei dahingestellt. Im Internet kursieren dazu die wildesten Theorien. Für mich selbst läutete dies einerseits das endgültige Ende der Hitparadenzeit, des Schlager Ertragens, meiner Kindheit ein.
Aber auch NENA habe ich danach lange Zeit eher wenig bis gar nicht gehört.
Die Neue Deutsche Welle war für mich die Brücke zwischen Kindheit und Jugend, NENA ein erstes Idol. Nur geträumt, Leuchtturm,
Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann, natürlich 99 Luftballons. Mit ihren Auftritten und Interviews gelang es ihr aber nicht, unbedingt mehr Sympathien zu gewinnen, um nicht zu sagen, dass es manchmal sehr nervig war. Vielleicht musste es aber so sein, um sich als Frau in der extrem Männer dominierten Musikwelt durchzusetzen. Mit langen Abständen hatte ich immer wieder so kurze ‚NENA-Phasen‘. Die neuen ‚Millenniumversionen‘, zu unserer Hochzeit 2005 oder eigentlich auch wieder 2019 mit dem Live-Album, worauf sehr viele 80er-Songs eingespielt sind.
Fragezeichen wirkt in dieser neuen Fassung ohne Saxofon viel kraftvoller und rockiger.
Nach und nach legte ich den Ballast meiner Kindheit ab und ging meinen eigenen Weg, der in den folgenden Jahren ab und an auch mal in einer Sackgasse endete.
Einiges habe ich hinter mir gelassen, anderes neu entdeckt, aber die Grundpfeiler meiner Kindheit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, na ja, eine gewisse Ordnung, konnte ich mir immer bewahren.
Ansonsten sah ich 1984 die Mädchen meiner Klasse in bunten, weiten T-Shirts, Stirnbändern, lockigen Haaren und langen Socken. Und ich sah das große Fragezeichen vor meiner ganz persönlichen ‚Future World‘.
Die Reise hatte gerade so richtig begonnen.
6. Klaus Lage: 1000 und eine Nacht
Wenn aus Freundschaft plötzlich mehr wird!
KLAUS LAGE ist weder Rocker noch Schlagersänger, weder Model noch Sternchen. Einfach KLAUS LAGE.
In meinem Musik-Universum konnte er sich so einen festen Platz erobern. Ehrlich, offen, kritisch. Noch heute kann ich jede Zeile von 1000 und eine Nacht mitsingen. Im wahren Leben glaube ich da allerdings wenig von. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine langjährige gute Freundin noch lange keine feste Partnerin sein muss. Aus Vertrautheit wird plötzlich Unsicherheit, aus Ausgelassenheit Schweigen. Mädchen hatten früher (wie heute) bessere Antennen dafür.
Moral: Junge, suche dir eine feste Freundin, die du vorher nicht kanntest! (haha)
Der Titelsong des dazugehörigen Albums, Schweissperlen, hat die Botschaft, dass von einer/einem EX, von einem geliebten, vermissten Menschen, immer etwas zurückbleibt, das man für sich selbst bewahren kann und wenn es nur der Geruch von Schweißperlen ist. Tatsächlich finde ich es angenehm, positiv, wenn man sich ganz persönliche Erinnerungen bewahren kann, ein gutes Gefühl.
In seinem ersten Hit Mit meinen Augen beschreibt Lage die Liebe zu einer Frau, deren Vorzüge er für sich entdeckt hat, die ihn umhaut.
Als Jugendlicher war und ist es schwer, jemanden nur mit den eigenen Augen zu sehen. Ich weiß, dass Freundschaften, Beziehungen zu Mädchen, die ich mochte und die mich mochten, nicht zustande kamen aus Sorge, was die anderen dann wohl sagen. „Was, mit der?“ „Wie die aussieht!“ „Die Dicke???“
Ganz viel hat sich in den letzten 30 Jahren nicht geändert, aber ich meine, dass unsere Gesellschaft schon offener und gleichzeitig sensibler geworden ist. In den Achtzigern hieß Mobbing noch nicht Mobbing, dafür war es intensiver. Heute gibt es aber Social Media… Als Opfer war ich selbstbewusst genug, um mich dessen meist erfolgreich zu erwehren. Dass ich ein paar Mal auch Täter war, tut mir im Nachhinein unendlich leid. Hätte nur ein Lehrer / eine Lehrerin, ein Betreuer, ein Erwachsener etwas gesagt, vieles wäre nicht geschehen.
Sozialarbeiter in der heutigen Form gab es noch nicht, höchstens als Persiflage, wie in den Flodders. Fressen und gefressen werden, das Gesetz der Straße, Cool sein als Visitenkarte, um dazu zu gehören. Gleichzeitig die maximale Abgrenzung durch Musik, Kleidung, Attitude. Aber bis dahin dauerte es noch einige Zeit bei mir.
7. Alphaville: Forever Young
„Was macht er denn jetzt?“
Zugegeben, es muss ein ulkiges Bild gewesen sein. Auf einer DiscoParty lief plötzlich ‚The Jet Set‘ von ALPHAVILLE. Ich tanzte begeistert, enthusiastisch, euphorisch, fast ekstatisch. Und wohl einigermaßen allein. Um mich herum standen ein paar Mannschaftskameraden, die sich so etwas wunderten. Vielleicht schämten sie sich auch fremd, keine Ahnung. Ich liebte das gesamte Forever Young– Album. The Jet Set war die vierte Single-Auskopplung. Bald schämte ich mich für mein ALPHAVILLE-Faible. Mit Poppern wollte ich ja eigentlich nichts zu tun haben. Neben Chicago 17sollte das Forever Young–Album auch so ziemlich meine einzige Pop-LP ever bleiben.
Heute, mit fast 40 Jahren Abstand, sehe ich das weitaus differenzierter. Forever Young ist ein kleines Synthie Pop – Meisterwerk, viel näher an DEPECHE MODE als beispielsweise an MODERN TALKING und Kumpanen. Die diversen Remixe auf der 2019er Deluxe-Version strotzen vor Experimentierfreude. Zwar habe ich die Band damals schnell aus den Augen verloren, Forever Young bleibt für mich aber etwas ganz Besonderes. Vom Titelsong gibt es etliche Versionen. Eine gute Dance-Version von ALPHAVILLE. Aber auch unzählige Cover.
In den 90ern lief beispielsweise im K5 in Karlsruhe regelmäßig die abgedrehte Für immer Punk-Version von den GOLDENEN ZITRONEN.
Übrigens: The Jet Set kann auch ganz schön rocken. Den Beweis gibt es auf Youtube (ALPHAVILLE 2019 Live at the Bayern1 Summer Festival in Bad Bocklet Germany).
Forever Young – würde ich das wirklich wollen?
Für immer Fußball spielen, in jeder freien Minute, auf der Schulwies oder beim SSV.
Ausschiffen, Drei Ecken – Elfmeter.
Die Sommer im Rheintalschwimmbad, Formel1-Quartett, Eckfangen, Dolomiti.
Die Kriegsgeschichten unseres Grundschulrektors. Der Kessel von Pforzheim…
Ferienprogramm - ARD/ZDF. Nicht ‚on Demand‘, nicht als ‚Stream‘. Die Programmzeitschrift studieren.
Es Femsehheftl.
Pippi im Taka–Tuka–Land. Timm Thaler. Silas. Tommy der Libero.
Karl May. Nicht nur die Winnetou-Bänder, auch Durchs wilde Kurdistan.
Süßes bei Oma. Sie hatte immer was im Wohnzimmerschrank, gerne bot sie uns Duplo an. Wie in der Fernsehwerbung. „Die längste Praline der Welt.“
Brause - Stangen vom Dorfbäcker,
Dampfnudeln mit Apfelsinensoße,
Sahne-Joghurt vom Rewe.
Julliet, Major Tom.
„Ich bin ja so verschossen in deine Sommersprossen.“
Jeden Tag ein Pott Pfefferminz - Kamille – Tee.
Ob ich das wirklich nochmal wollte?
Nein.
Aber die Erinnerung wirkt manchmal wie Medizin.
8. Queen: Radio Gaga (Live Aid)
Dienstagmittag, kurz vor 4 Uhr. Eigentlich müsste ich mich schon auf den Weg zum Fußballtraining machen, aber da kommt auf SDR3 noch ein hoher Neueinstieg in die britischen Charts: QUEEN – Radio Gaga
Synthesizer, tanzbar, gleichzeitig rockig und dramatisch und dazu die Stimme von FREDDY MERCURY. Ich war total geflasht. Das Album The Works lief nachher bei mir rauf und runter. Innerhalb kürzester Zeit erweiterte sich mein QUEEN-Horizont beträchtlich. Klar, We Will Rock You/We Are the Champions.
Aber bis heute ergibt es sich immer wieder mal, dass ich alte QUEEN-Songs neu entdecke. So oft und intensiv, wie Mitte der Achtziger habe ich es danach allerdings nie mehr gehört.
Kurz nach der Veröffentlichung des Nachfolgeralbums A Kind of Magic spielten QUEEN am 21. Juni 1986 als Headliner beim Open Air auf dem Maimarktgelände in Mannheim. Ich war einer von 80 000 Besuchern. Niemand hätte damals vermutet, dass dies die letzte QUEEN-Tour sein würde und dass FREDDY MERCURY wohl schon an AIDS erkrankt war. Welch ein Ereignis: QUEEN, MARILLION und GARY MOORE in einem Konzert, drei absolute Favoriten von mir.
FREDDY MERCURY!
Theater, Inszenierung, eine große Rockshow!
Ich meine, das war damals mein erstes Open Air. Es war unfassbar heiß und ich war unfassbar vernünftig. Alkohol, der mir angeboten wurde, lehnte ich ab, schließlich wollte ich das volle Konzert ganz bewusst erleben. Hab ich – um das allermeiste später trotzdem schnell zu vergessen.
We Will Rock You zelebrierten wir auf jedem Maskenball, aber auch jeder größeren Party. We Are the Champions zementierte Meisterschaften, Another One Bites the Dust rief zum Tänzchen auf.
Love of My Life!
Der Soundtrack zu manchem Drama und zu manchem Traum, besonders die diversen Live-Versionen.
Beim Musical in London lernte ich die besten Songs nochmal in einem anderen Gewand und in einer anderen Atmosphäre kennen. Ein Lied aus der Nach-Freddy-Zeit, Only the Good Die Young, rührte mich zu Tränen und packte mich in einer unheimlich intensiven, sehr persönlichen Art und Weise.
Beim Wochenendtrip nach Edinburgh 2011 faszinierte mich Don‘t Stop Me Now:
In Deutschland ein QUEEN – Hit unter vielen, in Großbritannien (wie auch in Holland) ein echter Partykracher. Alle am Tanzen, alle am Feiern.
Der Film Bohemian Rhapsody liefert Erinnerungen am Fließband bis hin zum spektakulären Live-Aid-Auftritt. Dabei kommt Radio Gaga nochmals um einiges straighter und stimmungsvoller rüber.
Meine ersten richtigen Begegnungen mit Rockmusik.
MEAT LOAF - QUEEN – SLADE – RICK SPRINGFIELD-THE CARS.
Die Schneider-Kompaktanlage entwickelte ein recht seltsames Eigenleben. So begannen die meisten Aufnahmen auf dem Tape mit einem lauten Krachen. Kein Entrinnen, keine Chance, egal ob die Kassette von BASF, Sony oder einer Billigversion waren.
„KRRRRRRRK“ – und dann wurde gerockt!
9. Chris de Burgh: High on Emotion
Bereits mit den Singles aus The Getaway hatte ich CHRIS DE BURGH für mich entdeckt. Nicht nur für mich, im ganzen Freundeskreis stand er hoch im Kurs. Eingängige Popmusik mit rockigem Einschlag und ansprechenden Texten.
High on Emotion war die erste Single-Auskopplung aus dem Man On the Line – Album. Ich meine, dass es besonders während der Gruppenfreizeiten 1984 viel gelaufen ist, Bärenbach mit den Ministranten, Radstadt mit der Jugendgruppe.
Hey!
Inklusive Air-Gitarre für das Solo.
Richtig abfeiern!
Auf dem Album reiht sich ein Hit nach dem anderen. Besonders Sight and Touch lief eigentlich ständig auf meinem Kassettenrekorder.
Mit Abstand klingt das Album eigentlich ganz brutal nach den Achtzigern. Ganz brutal positiv! Das ist Kalter Krieg, Heimat, Jugend, Vergangenheit und Vergänglichkeit, erste Liebe.
Das regelmäßige Heulen der Sirenen, um den Bombenalarm zu simulieren, den Notfall zu üben.
Der süßliche Geruch nach Zuckerrüben.
Die neuen Adidas-Allround-Sportschuhe.
Wallfahrtskirche.
Flaschendrehen.
Head and the Heart ist das ‚classical dilemma‘, welches mich über Jahre verfolgen sollte. Mal hörte ich auf mein Herz, wenn ich besser mehr nachgedacht hätte.
Mit so manchem netten Mädchen, hätte ich gut enger befreundet sein können. Aber in der engstirnigen Teenagerwelt mit den ihr eigenen speziellen Peer-Group-Gesetzmäßigkeiten war das auch nicht immer so einfach.
Beispielsweise das hübsche Mädchen mit den langen dunkelblonden Haaren, Typ Valérie Kaprisky, samstagabends bei den Ringkämpfen in Wiesental an der Matte.
„Hey, du, ich find dich voll geil!“
- „Mach mich nicht an!“
- „Sorry, ich hab einen Freund!“
- „Hau ab, du Trottel!“
- „Freut mich, ich warte schon lange darauf, dass du mich endlich ansprichst!“
Diese Dialoge haben niemals stattgefunden. Leider.
Ob ich ihr auch aufgefallen bin?
Wohin hat sie ihr Weg geführt?
Heute, hier und jetzt!
Die Grenzen und Einschränkungen, die CHRIS DE BURGH in einigen Songs auf Man on the Line zeichnet, spiegeln auf anderer Ebene gut die Schwere des unsicheren, überforderten, etwas orientierungslosen Vierzehnjährigen wider. Das Album ist genial!
Im Juni 1986 erschien Lady in Red.
Seitdem wollte ich kein einziges neues Lied von CHRIS DE BURGH mehr hören, es war sein Abschiedslied aus meinem musikalischen Portfolio.
10. Saga: Wind Him Up (Live-1981)
Auch SAGA habe ich während einer Ferienfreizeit zum ersten Mal gehört. Ministrantenfahrt in den Schwarzwald.
Ich habe das Kapuzinerkloster in Waghäusel in den Achtzigern immer als recht unverkrampft und weltoffen erlebt. Wir weilten dort für Gruppenstunden, haben lesen geübt für unsere Einsätze als Lektor, gespielt, geredet, gelacht.
In Waghäusel kamen zu den Gottesdiensten sonntags insgesamt mehr Besucher, als unser Ort Einwohner hatte – damals so 1200.
„Maria dich lieben, ist allzeit mein Sinn.“
Die Mutter mit dem gütigen Herzen gehört zu Waghäusel und zu mir. Sie gibt Kraft und Hoffnung und Liebe und Inspiration und Wärme und Erinnerung. Und das alles trotz meiner inzwischen großen Distanz zur katholischen Kirche.
Unser Fußballpater B. spielte wöchentlich Fußball mit uns, dabei war es günstig, in seiner Mannschaft zu stehen, denn er wollte immer gewinnen – mit allen Mitteln!
„Ganz ruhig!“, rief er immer, wenn man den Ball hatte. Ausgerechnet er, der selbst schnell hektisch wurde. Beim Aufteilen der Teams achtete er durchaus darauf, wer bei ihm spielte…
Alles gut. Danke, P.B.!
All das verzweifelte Festhalten an konservativen Ritualen, das Missionarische, die unglaublichen Verfehlungen, die heutzutage zuweilen an Licht kommen, all das habe ich in Waghäusel nicht erlebt. Höchstens mal ein paar heiße Ohren im Religionsunterricht.
Auf der Ferienfreizeit entspannte sich die Diskussion, was gute, anspruchsvolle Musik ist. SAGA fiel voll in diese Kategorie. Der Drummer, mit dem spektakulären Solo auf dem Live-Album. Die teils sperrigen Arrangements, außergewöhnliche Melodien wie Humble Stance.
Das war für mich etwas Neues. Dass es überhaupt neben der gängigen Popmusik inklusive der aufgepeppten Maxiversionen noch etwas Anderes gab. An SAGA, aber auch an MARILLION, SCORPIONS oder DEEP PURPLE musste ich mich erst langsam gewöhnen. Und nicht alles fand einen Weg in meine Ohren. So konnte ich mich nie übermäßig für AC/DC oder für GENESIS begeistern. Genau so wenig wie in der heutigen Zeit für COLDPLAY.
Was ist denn ‚Gute Popmusik‘?
Das, was alle gut finden und kaufen? Was gut ins Ohr geht? Anspruchsvolle, kritische Texte? Nummern abseits des gängigen Schemas? Provokation?
Gut ist doch individuell. Jedem, was ihm gefällt!
Arrogant ist zu denken, meine eigene Musik ist die einzige, die beste, ist die Musik, die jetzt laufen muss, alles andere taugt nichts. Anspruchsvoll? Dann mal ab in die Elbphilharmonie….
In Transit ist ein fantastisches Live-Album der kanadischen Rockband SAGA, Wind him up eines ihrer besten, rockigsten Stücke ever. Und bei einem Cola-Bier in der Kneipe oder geheimen sonstigen Schlückchen im muffigen Sechs-Bett-Zimmer diskutierten wir über Rockmusik, die Texte, die Schlagzeugsolos, über Mädchen, die demnächst auch Ministrantinnen werden durften,
über Gott
und die Welt.
11. Bon Jovi: Runaway
Keyboard – Gitarrenriff – JON BON JOVI
Meine Eintrittskarte in die Hard Rock Musikwelt.
Runaway klingt nach Straße, nach Abenteuer, weite Welt, Rebellion.
Nach kleinen Ausbrüchen.
Nach Teenager-Träumen.
JON BON JOVI sah / sieht aus, wie ein Rockstar aussehen muss.
Ganz ab und zu höre ich immer noch Songs der ersten beiden rockigen, kantigen BON-JOVI-Alben, die außer Runaway kommerziell nicht viel brachten. Zum Beispiel Shot Through the Heart, Price of Love oder Come Back.
Beim Monsters of Rock 1986 stellte die Band in Mannheim dann ihr neues Album Slippery When Wet vor. Perfekte Pop-Melodien im Rockgewand! Ein Meilenstein!
JON BON JOVI flitzte auf der Bühne herum wie ein Irrwisch, er kletterte, klatschte, flirtete, rockte – eine große Show.
Die LP ging kaum noch runter von meinem Plattenteller, höchstens zum Seite wechseln.
Schnell entfachte sich eine ganz andere Diskussion: Pop, Glam Rock, Hair Rock, Hard Rock??
Andere Bands kamen im Windschatten dieses Erfolgs nach oder wurden populärer.
EUROPE, POISON, RATT, CINDERELLA…
Man einigte sich auf den Begriff Poser, der alles andere als schmeichelhaft war.
Die Haare schön, die Kleidung grell, Gesichter geschminkt, die Musik weichgespült.
Also nichts für harte Jungs.
Ich distanzierte mich auch mehr und mehr vom ‚Pussy-Rock‘.
Immerhin konnte ich mich so weit emanzipieren, dass ich mich traute, alles zu hören, was mir gefiel, GLAM-HAIR-POSER-ROCK.
1984 war mein Lieblingslied Runaway eine der ersten Hard-Rock-Erfahrungen. Über die Jahrzehnte hat sich das nicht abgenutzt. Perfect Rocksong!
12. Scorpions: Hey You
Hey, du!
Ich stehe auf dich!
Eine weitere sehr melodiöse Pop-Rock-Nummer.
Völlig SCORPIONS - untypisch. RUDOLF SCHENKER am Gesang, aufgenommen und veröffentlicht während der Stimmkrise von KLAUS MEINE Anfang der Achtziger, im Zuge des genialen Animal Magnetism-Albums.
Hey You ist für mich ein Kirmeslied. Berg- und Talbahn oder ‚Musikexpress‘, wie der Westfale sagt.
Mädchen,
Gekreische.
Hey you!
Viel mehr war auf der ‚Kerwe‘ auch nie zu tun.
Die Boxautos haben mich jedenfalls nicht gereizt. Geld ausgeben, um von ein paar Crashs durchgeschüttelt zu werden?
Ich hörte Still loving you, Rock you like a hurrican, Hey you und irgendwann hat sich das verselbständigt. Meine SCORPIONS-Musiksammlung wurde immer umfangreicher.
Bei einem Ausflug nach Speyer fand ich im dortigen Plattenladen das 77er-Album Taken by Force. Welch eine Freude! We’ll burn the Sky, ein Tribut an JIMI Hendrix, sticht besonders heraus. Überhaupt ist dieses letzte Album mit dem Gitarristen ULI ROTH ein grandioser Abschluss der ersten SCORPIONS-Epoche.
Insbesondere die folgende Zusammenarbeit mit DIETER DIERKS, die ersten Alben mit Matthias Jabs – Lovedrive, Animal Magnetism, Blackout, Love at first sting trafen voll und ganz meinen inzwischen rockaffinen Musikgeschmack. SCORPIONS, das waren Balladen, aber vor allem richtiger, harter Rock mit eingängigen, verständlichen (wen wundert’s) Texten.
Ich schaffte es, dass ich eine superenge, gelbe Hose bekam. Dazu ein schwarzes Muscle Shirt, ein (hässliches) SCORPIONS-T-Shirt, eine alte, enge, angelöcherte Esprit-Jeans meiner Mutter – auch mein Outfit passte sich an.
Und so schlenderte ich in den Schulpausen mit der Clique über den Schulhof, mal als Matthias Jabs, mal als Fish, mal als Achim. Das ist die schönste Erinnerung an die Schulzeit in der Mittelstufe. Flirten mit der schönen Gundel oder wie sie alle hießen, so ein bisschen ausgelassen verrückt sein, anders, der konservativen gymnasialen Spießerwelt ein Stück weit entrücken.
Ich weiß nicht, ob es durch As soon as the good times roll inspiriert wurde, auf jeden Fall hatte ich einen Songtext geschrieben: The good times are over, but better times will come.
Den schickte ich an die SCORPIONS. Das sollte lange vor Wind of change ihr erster großer Welthit werden, eine Hymne, ein Statement! Written by Achim Schäffer.
Wochen später kam ein englischer Brief vom SCORPIONS – Merchandising (die Fan-Base war ja eher international), woraus ich so sinngemäß, aber nett formuliert herauslesen konnte, dass der Text in der Tonne gelandet war, nicht bei der Band.
Schade, Jungs, einen Riesenhit verpasst!
1985 fieberte ich der Veröffentlichung von World Wide Live entgegen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Der kräftige Opener Coming home, No one like you als Singleauskopplung, das verkürzte Holiday, die Gitarrensolos.
Und beim beschriebenen Monsters of Rock 1986 in Mannheim wurde ein Traum von mir war: SCORPIONS live!
Eintritt: 48,– DM
Line-Up: SCORPIONS-OZZY OSBOURNE – DEF LEPPARD - MSG-BON JOVI - WARLOCK Eines meiner besten Konzerte!
Meine Band, meine Musik!
World Wide Live entpuppte sich als mein letztes ‚echtes‘ SCORPIONS-Album!
Es folgten Unstimmigkeiten mit dem Produzenten, eine viel zu lange Zeit bis zum nächsten Studioalbum, eine musikalisch mehr poporientierte Neuausrichtung. Die Grunge-Revolution zog dem Scorpion endgültig den Stachel.
Es gibt sie noch, sie können’s noch, all die Millennium – Livealben und Kompilation sind nett und gut anzuhören, mit etlichen starken Neuaufnahmen von alten Klassikern. Meine Fanliebe hat sich allerdings in den 90er – Jahren komplett abgekühlt.
13. Depeche Mode: People Are People
Disco, Dance, Extended Version, Popper, weiße Hosen, Voku-Hila mit Schwänzchen, Disco-Fox, Beach-Club, BeBe-Creme, Teenager-Träume…
Insgesamt war ich mit 15 schon noch ziemlich ‚Disco‘. Happy Children von P.LION war lange Zeit so ein Lieblingslied. Ein typischer Italo-Dance-Hit, ein One-Hit-Wonder!
Mich interessierten immer mehr die Gitarren, tanzbare Synthesizer-Sounds hatten aber auch ihren Reiz.
Geräusche/ Geklimpere/Melodie.
Am Anfang war People are People – und es gefiel mir. Master and Servant fand ich auch gut. Und so tauchte ich immer tiefer in die dunkle DEPECHE MODE – Welt ein.
Mein Bruder Steffen lieh häufig MCs, also Kassetten, von der Stadtbibliothek. Überraschend, was die dort so alles hatten. Unter anderem die ‚The Singles 81-85‘- Kompilation.
Das ist Synthie-Pop der besten Sorte, wer die Anfänge von Techno kennen lernen möchte, sollte das Album hören. Nummern wie New Life, Just can’t get enough oder Everything Counts klingen einfach genial.
Mit den Kassetten gab es zwei Probleme:
Erstens: Die Aufnahme von Tape zu Tape klang beschissen, selbst mit Doppelrecorder.
Zweitens: Steffen hatte die seltsame Angewohnheit, Geliehenes verspätet oder tendenziell eher gar nicht an die Stadtbibliothek zurückzugeben.
Irgendwann bekam er Hausverbot und eine wichtige, einfache Quelle begehrter Musik über meinen Bruder in Form von Tapes oder später CDs versiegte. Schade eigentlich. Ich musste mich selbst kümmern.
Der Radius unserer Wochenendtouren mit dem Fahrrad erstreckte sich auf ca. 10 Kilometer zwischen Oberhausen und Kirrlach.
„Was machen wir heute Abend?“
„Party in der Grillhütte.“
„Live-Band am Erlichsee.“
„Irgendwas auf’m Acker.“
Power-Party, Disco-Party, Rock-Fete.
Straßenfest.
Blumenfest. Schützenfest. Feuerwehrfest.
Irgendwie überall neue Leute treffen.
Einmal nachts trafen wir eine Gruppe besonders hartnäckiger DEPECHE-MODE-Fans.
Schwarze Kleidung, schmalzige Haare, ein bisschen auf unnahbar machen.
Gerade raus aus der Gruft.
„Hey, was macht ihr – so?“
Ich glaube, die nahmen auch Drogen.
Bizarr, so im Dunkeln, echt ein besonderer Haufen.
Unvergessen, weil die Gruppe so eine gewisse Aura versprühte. Eigentlich ja okay, aber so etwas arrogant, schwer zwischenrein zu kommen.
Schwer, mit denen zu socializen.
Ganz besondere Leute.
DEPECHE MODE hatten sich neu erfunden. Ende der 80er wurden sie dunkler, waviger, depressiver – was mir, dem Zeitgeist folgend, auch zusagte.
Die Musik fand ich gut, aber die Attitude drumherum war nicht ganz so mein Ding.
14. Cyndi Lauper: Girls Just Want to Have Fun
Formel Eins war die Sendung mit den Musikvideos. Man sah die tänzelnde Cyndi, wie sie aus ihrem Kinderzimmer ausbricht und ihre kleine Revolution anzettelt. Die Mama als Hausfrau, der Vater als Arbeiter und die Mädchen träumen von einer besseren Zukunft. Besser? Ehemann, Kinder, Familie, feste Rollen.
In Deutschland ist die Vergewaltigung eines Ehepartners (§177, Strafgesetzbuch) erst seit 1997 voll strafbar. Soviel zu den Rechten, die noch bis fast in dieses Jahrtausend den Frauen (in unserem Land) zugestanden wurden.
Girls just want to have fun ist ein kleiner Mutmacher, ein Weckruf in den frühen Achtzigern. Mehr konnte es inhaltlich nicht sein. Unheimlich, wenn man noch heute, sieht, welche Rollenklischees weitergelebt werden, wie fest verankert in unserer Gesellschaft die Bilder davon sind, wie ein Mann und wie eine Frau zu funktionieren haben.
Und wir müssen aufpassen, dass sich unsere Welt nicht sogar rückwärts dreht.
Mit ihren Songtexten und zahlreichen Aktivitäten, z.B. für die Rechte von Homosexuellen, entwickelte sich CYNDI LAUPER zeitlebens zu einer Verfechterin der Emanzipation. Musikalisch bleiben zwei hervorragende Alben, insbesondere das Debut She’s so unusual.
Große Teile des Abums wurden von den HOOTERS eingespielt, eine Band, die ich im Laufe der Jahre auch immer mehr schätzte. Auf deren 2010er EP Five by Five gibt es eigene Versionen von Songs, die sie für andere geschrieben haben – also auch Time after Time, welches damals vom HOOTERS-Keyboarder ROB HYMAN mit komponiert wurde.
Das anrüchige We Bob kam richtig rockig daher, True Colours sentimental.
Welch fantastische Musikerin sie ist, zeigt CINDY LAUPER beispielsweise auf dem 2005er-Unplugged-Album The Body Acoustic. Die große Hymne ist und bleibt Girls just want to have fun.
15. Corey Hart: Sunglasses At Night
Im ersten B-Jugendjahr spielten wir in der Verbandsliga. KSC, Waldhof – damals die höchste Staffel, die es gab. Im Laufe der Jahre hatte ich gegen alle ‚Großen‘ mal getroffen.
Beim Auswärtsspiel auf dem Ascheplatz neben dem alten Waldhof-Stadion saß ich erst auf der Bank. Waldhof war besser, klar. Aber wir hielten gut mit. Ich wurde eingewechselt und schoss mein Tor! Wir verloren knapp. Heute unvorstellbar, dass ein Dorfclub mit dem Bundesliganachwuchs mithält. Auch unvorstellbar, dass der Bundesliganachwuchs auf Asche spielt. Nur komisch, dass trotzdem so viele Talente auf der Strecke bleiben und so wenige – trotz des riesigen Aufwands – durchstarten.
Die Auswärtsfahrten fielen also manchmal auch deutlich länger aus, teilweise bis nach ‚Badisch-Sibirien‘.
Unser damaliger Trainer verhielt sich etwas kauzig, hatte zuweilen seine eigene Vorgehensweise. Nicht das beste Training, trotzdem mit seiner Art in vielem der beste Trainer, den ich je hatte.
Bei einem Auswärtsspiel in Buchen oder Wertheim – halt weit weg, setzte er beispielsweise sein Motto ‚Never change a winning team‘ konsequent um.
„Wir spielen genauso wie letzte Woche!“
Da musste dann auch mal der Jugend-Nationalspieler, der künftige Profi, auf die Bank. Unser zusammengewürfeltes Team, viele kamen aus den umliegenden Dörfern, setzte die Vorgaben perfekt um. Wir gewannen schon wieder und setzten frühzeitig den Grundstein für den baldigen Klassenerhalt.
Dies musste gefeiert werden. Praktischerweise blieben wir über Nacht in der Jugendherberge Mosbach, um unseren Erfolg gebührend zu feiern.
Die mitgereisten Väter ließen sich da nicht zweimal bitten. Bis in die Morgenstunden wurde gebechert, inklusive Überraschungsbesuche in den Zimmern, ausschweifende Diskussionen über Nichtigkeiten, grundsätzliche Lebensfragen.
Wir besuchten abends eine nahegelegene Disco. Ich weiß nicht mehr, ich meine unser Getränk war Cola-Asbach. Musikalisch begannen langsam die üblen, seichten Disco-Pop-Zeiten. When the Rain Beginn’s to Fall war ein Hit, dazu viel Schlechtes, Vergängliches - was der Stimmung keinen Abbruch tat.
Sunglasses at Night ist meine Erinnerung an diese Nacht. Die perfekte Kombi von Synthesizer und Gitarren.
So sollte die Welt für die Nachwuchsstars aussehen:
Longdrinks in der Dorfdisse, Sonnenbrillen auf, Mädchen anbaggern, Tanzen, noch ein Drink!
Ein Hauch von Starrummel im wilden Mosbacher Nachtleben. Kleine Maradonnas in der Provinz.
Das Teenagerleben konnte so unbeschwert und leicht und schön sein.
Und zum Ausklang in der Jugendherberge genießen die wilden Jungs noch ein Bierchen mit den Vätern, inklusive gelallter Lebensweisheiten im Doppelpack.
Mosbach war eine Reise wert!
Da können die verhätschelten Bubis in den Nachwuchsleistungszentren heutzutage nur von träumen.
16. Duran Duran: Wild Boys
Mit DURAN DURAN gab es auch diesen heftigen Knall. Ich hörte gerne das frühe Livealbum Arena.
Wild Boys habe ich immer geliebt, inklusive dem Video und der Maxiversion. Aber mit ihrem Größenwahn und ihrer Extravaganz entfernten sie sich immer mehr von meinen Idealen. Auch die kreischenden, hysterischen Teenager-Mädchen, die die Popper so süß fanden, erwiesen sich nicht unbedingt als hilfreich.
In meinem Äußeren gab es bereits mit 14 eine einschneidende Veränderung: Kontaktlinsen! Was habe ich meine Brille gehasst! Beim Sehtest in der Grundschule war ich durchgefallen. Lesebrille. Ich bekam so ein dickes Gestell verpasst.
Model Paul Pfeiffer.
Schrecklich.
Schnell musste ich meine Brille dauerhaft tragen. Die Stärke wuchs binnen kurzer Zeit exponentieller an als die schlimmste Viruswelle. Fünf, Sechs, Sieben, Acht. Panzerglas.
„Wann trägst du endlich eine Sportbrille?“ Mein Trainer konnte es nicht fassen, wenn ich wieder mal eine Flanke unterlaufen hatte. Sportbrille? Noch schlimmer!
Also Kontaktlinsen. Super! Eine neue Welt.
Plötzlich nicht mehr Brillenschlange, sondern
Popper
Poser
Rocker
Punk.
Es mussten mal locker 10 Jahre vergehen, ehe Band wie Hörer deutlich erwachsener herkamen – das 90er Comeback Ordinary World von DURAN DURAN habe ich wieder angenommen und geliebt. Im Millennium verbinde ich ein trauriges Ereignis mit der Band:
Am 13. November 2015 spielten die Eagles of Death Metalbei ihrem Auftritt im Bataclan in Paris eine Cover Version der großartigen DURAN DURAN Nummer Save a Prayer – kurz danach kam es zum verheerenden Anschlag mit 89 Toten.
In den letzten Jahren gab es diverse Livealben. Stimmlich nicht mehr immer so top, aber man würde beim Hören nicht auf die Idee kommen, dass das BRAVO-Starschnitt-Mädchen-Teenie-Idole aus den 80ern sind.
17. Tears For Fears: Shout
„Helau!“
Ich bin in einer Fastnachtshochburg aufgewachsen. Schon als kleines Kind zog ich an den närrischen Tagen, vor allem dienstags, mit meinen Eltern mit durch die Straßen. Als ‚Schlappe‘! Das Gesicht rußgeschwärzt (später mit schwarzer Creme), alte Kleider, Bademantel, Vorhänge, Bauarbeiterhelm -verkleidet/entstellt bis zur Unkenntlichkeit. Im Radio gab es Durchsagen;
„Bitte umfahren Sie die Ortsdurchfahrt Kirrlach weiträumig“. Die Wege waren schlicht verstopft mit Menschen, normale Gesetzmäßigkeiten außer Kraft.
Autos wurden angehalten: „5 Mark, donn konsch weiderfahre!“
Als Jugendlicher ging ich dann selbst los. Kindermaskenball, Umzüge, Kneipen, Straßenfastnacht: Das volle Programm! Im Nachhinein muss ich trotzdem feststellen, dass es auch bald zu einer schleichenden Entfremdung kam. Bald? Na ja, Jahre später…
4-5 Wochen vor dem Fastnachtswochenende begann die Maskenballsaison in der Rheintalhalle in Kirrlach. Große Bühne, Live-Musik, 2-3 Bars. Beim ersten Ball nur ein paar Hundert Leute, dann wöchentlich mehr, ab Schmutzigem Donnerstag proppenvoll, Tausende!
1985 machte ich an Fastnacht erstmals das volle Programm mit und die TEARS FOR FEARS kamen mit ihrem Album Songs from the Big Chair groß raus. Einige klasse Songs, zum Beispiel Everybody Wants to Rule the World, welches zuletzt 2019 genial von Weezer gecovert wurde. Ansonsten ließ ich es dabei, es sollten Jahrzehnte vergehen, ich die Band noch viel mehr zu schätzen lernte und viel öfter hören wurde.
1985 stand über allem Shout.
Shout ist ein Protestlied, kein Karnevalslied - war aber Anfang 1985 ein Riesenhit. Kraftvoll, wuchtig, intensiv.
Wir standen auf den Stühlen, auf den Tischen und schrien Shout und hüpften zu Jump und freuten uns des Lebens.
Dabei ging so manches zu Bruch. Gläser, Stühle, Tische, Herzen!
18. The McCoys: Hang on Sloopy
So ein Maskenball war teuer: 8 Mark Eintritt, Cola-Bacardi 3 Mark, später etwas mehr. Wenn ich also nach dem Eintritt 15 Mark über hatte, reichte das an einem Abend für 5 Cola-Bacardi. Voll okay, mehr wäre vielleicht auch ungesund gewesen.
Außer auf Tischen zu tanzen und Bacardi zu süffeln ging es vor allem ums Flirten. Der Klimawandel war noch nicht so fortgeschritten, draußen war es wirklich immer frisch.
„Hey Susanne, gehst du mit raus?“
„Ich weiß nicht, es ist doch kalt!“
„Ein bisschen frische Luft.“
„Oh, ja, stimmt. Okay. Ich komme.“
Wenn also ein Mädchen mit nach ‚Draußen‘ ging, war das ein deutliches Ja zum Knutschen. Also eben um die Ecke laufen, zitternd vor Kälte, eng umschlungen, nicht allzu viel Romantik, kurz züngeln und schnell wieder rein. Die Abende waren ja klar getaktet. Langsamer Beginn, ein paar schlappe Pop-Songs, Karnevalslieder.
„Wir tanzen hopsasa und singen tralala.“
„Nananana, heyheyhey, good-bye.“
Irgendwann nach 12 holte die Band, damals in der Rheintalhalle meistens die MEDDLES, die Gitarren raus. Ein paar Oldies und dann spielten sie eigentlich immer Hang on Sloopy.
Die Fastnachtshymne.
Das durfte ich keinesfalls verpassen.
Die große Fläche vor der Bühne prall gefüllt, alle am Klatschen, Singen, Tanzen. Und danach Satisfaction, Smoke on the Water, We Will Rock You, We Are the Champions. Lange Jahre konnte ich mir nichts Größeres vorstellen, als diese halbe ekstatische Stunde!
So stelle ich mir mein Rock Weekend vor.
Die Fesseln des Alltags entknoten.
Frei sein.
Ich will mitsingen, will es rausschreien.
Schreien vor Glück!
Unbeschwert lachen.
Das fühlt sich so gut an!
Eine gesunde Dosis Leben!
19. Billy Idol: Mony, Mony
BILLY IDOL, das war der Poppunk mit den wasserstoffblond gefärbten Haaren, der beim Singen so verzerrte Fratzen machte. Der in Formel Eins von INGOLF LÜCK so herrlich parodiert wurde. Seine ‚Fans‘, die praktischerweise probierten, genau so auszusehen, fand ich nicht sonderlich sympathisch oder cool. BILLY IDOL gehörte halt dazu, ein paar gute Lieder, ganz okay. Wenn man seine Biografie Dancing with Myself liest, muss man sich fragen, wie er es geschafft hat, all seine Exzesse zu überleben. Der Engländer Idol kommt ursprünglich aus der Hippieszene, fand dann in den 70ern den Punk mit all den dazugehörigen Attitüden spannender und passender. Nach ersten Erfolgen mit seiner Band GENERATION X machte er sich auf nach New York, um dort auf eigene Faust seinen Traum von der ganz großen Karriere zu leben. Er lebte den Rockstar überaus konsequent: Den Song Don’t you forget about me lehnte er ab – die SIMPLE MINDS machten die Nummer zum Welthit. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm kaum, dies bekamen alle zu spüren, die seinen Weg kreuzten, von MADONNA bis zu den STONES.
Heute höre ich BILLY IDOL noch lieber als damals, diese Kreuzung zwischen Pop und Punk, zwischen Kommerz und Protest ist genial. Mit dem Album Kings and Queens of the Underground gelang ihm 2014 ein beachtliches Comeback, besonders das im Aufbau an Rebell Yell erinnernde Postcards from the Past sticht dabei hervor.
BILLY IDOL wusste als einer der ersten das Medium Musikfernsehen – MTV mit spektakulären Videos zu nutzen. Und er wusste sich vor allem selbst gut in Szene zu setzen. BILLY IDOL ist Kult.
Über Monate hinweg hatten wir beim Fußballtraining immer zwei weibliche Zuschauerinnen. Störte mich nicht, keine Ahnung, was die wollten. Irgendwann bekam ich gesteckt, dass eines der Mädchen nur wegen mir da war.
„Hallo, wollen wir uns mal treffen?“
Keine Ahnung, wie die Kontaktaufnahme funktionierte. Auf jeden Fall hatten wir ein Date bei einer ‚Disco-Party‘.
Mal nach draußen gehen.
Ich zitterte richtig, aber nicht vor Kälte. Sie auch.
Wir umarmten uns, blieben eng umschlungen.
Und dann waren wir ein Paar.
Feste Freundin!
Big Love!
Ich kannte sie zwar nicht, aber wir verstanden uns auf Anhieb gut.
„Willsch nix esse?“ „Noi, isch heb koon Hunga!“
