Roger Federer - René Stauffer - E-Book

Roger Federer E-Book

René Stauffer

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Beschreibung

»Roger Federer ist das Größte, was ich in mehr als 40 Jahren Tennis erlebt habe.«John McEnroe Ausgehend vom 18. Grand-Slam-Titel in Melbourne erzählt diese Biografie die Geschichte eines genialen Ballvirtuosen, der doch immer ganz bei sich geblieben ist. Als einer von wenigen Journalisten kennt René Stauffer den »Planet Federer« ganz unmittelbar. Er begleitete sowohl Federers überraschenden Saisonabbruch im Sommer 2016, sowie das Comeback und die erfolgreiche Bewältigung der großen Krise. Stauffer beschreibt eindringlich, welche Menschen, Trainer und Mentoren für diese Ausnahmekarriere wichtig waren und warum Roger Federers Einfluss dies- und jenseits des Centre Court auch das Ende seiner aktiven Karriere überdauern wird. Die neue umfassende Biografie des Tennis-Genies Exklusiv und persönlich: Federers Methoden, seine wichtigsten Menschen, sein Erfolgsgeheimnis

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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www.piper.de

Aktualisierte und erweiterte Ausgabe, 2025

© Piper Verlag GmbH, München, 2019

Einige Textpassagen sind in anderer Zusammenstellung bereits erschienen in: René Stauffer: Das Tennisgenie – Die Roger Federer Story, Pendo Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2007.

Covergestaltung: Rothfos & Gabler

Covermotiv: Valeriano Di DomenicoKonvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

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Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.

Text bei Büchern mit inhaltsrelevanten Abbildungen und Alternativtexten:

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Ein persönliches Wort vorab

Teil 1 Der Rücktritt

1. Der Brief

2. Der Schock

3. Der Abschied

4. Lynette und Robbie

5. Die Vorboten

6. Paganini

Teil 2 Der Aufstieg

7. Die Welt ist ein Ball

8. Zwei Freunde

9. In der Fremde

10. Der Traum von der Perfektion

11. Auf eigenen Beinen

12. »Grüezi, Herr Federer«

13. Bei den Großen

14. Unter den Ringen

15. Der Geigenspieler

16. Die Läuterung

17. Krisen und ein Drama

18. Die Erlösung

Teil 3 Der Überflieger

19. Duelle in Texas

20. Auf dem Gipfel

21. Der Rasenkönig

22. Am Broadway

23. Spuren im Sand

24. Pizza Basilea

25. Die Salatschüssel

26. Rivalitäten

27. Der Kompromisslose

28. Die Mona Lisa des Tennis

29. Sergeant Pepper

30. RF – die Marke

31. Eine fast normale Familie

32. Der Schweizer Weltbürger

33. Der Menschenfreund

34. Karussell der Coaches

35. Der friedvolle Krieger

36. Das Vermächtnis

37. Der Medienmann

38. Fed-Fans

Teil 4 Die Jagd nach der 18

39. Endzeitstimmung

40. Abgetaucht

41. Die wundersame Wandlung

42. Laver und andere Legenden

43. Das lange Warten

44. Ein neuer Zauberstab

45. Die Ruhe vor dem Sturm

46. Magische dreißig Minuten

47. Norman im Schnee

Teil 5 Der Größte

48. Im Sonnengürtel

49. Champions’ Dinner

50. Court der Tränen

51. Aus den Wolken gefallen

52. Die Ziegenfrage

53. Der Ausgezeichnete

Der Besungene – eine Nachlese

Statistik und Rekorde

Grand-Slam-Übersicht

Karriere-Übersicht

Wichtigste Rekorde, Meilensteine und Serien

Wichtigste Auszeichnungen

Seine Endspiele

ATP-Tour and Grand-Slam-Turniere

Seine erfolgreichsten zehn Turniere (73 Titel)

Quellenverzeichnis

Bildteil

Abbildungsnachweis

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Literaturverzeichnis

Ein persönliches Wort vorab

Wenn dieses Buch erscheint, ist mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen, seit ich Roger Federer zum ersten Mal live auf dem Platz gesehen habe. Mehr als ein Vierteljahrhundert voller Superlative, die aus dem fünfzehnjährigen Teenager einen Mann werden ließen, dem nach sowieso schon unglaublichen Erfolgen ein noch unglaublicheres Comeback gelang, bevor ihn eine Knieverletzung im Alter von 41 Jahren zum Abbruch seiner Karriere zwang. Dass ich selbst das Glück hatte, diese einzigartige Karriere so lange und so nah, wie für einen Journalisten überhaupt möglich, begleiten zu können, kommt mir manchmal selbst wie ein Märchen vor. Dabei hatte ich ganz früh eine andere Richtung eingeschlagen. Denn Tennis war ursprünglich nur meine zweite Liebe.

Meine erste gehörte dem Eishockey, bevor ich hinter unserem neu bezogenen Haus den Tennisclub Weinfelden mit seinen drei Plätzen entdeckte, neben einer Brauerei und dem Giessenbach gelegen, abgeschirmt durch Mauern und Hecken. Die mondän wirkende Anlage – Tennis war damals noch der Sport der Schönen und Reichen – hatte auf mich eine magische Anziehungskraft. Diese stieg noch dadurch, dass ich selbst nicht Tennis spielen durfte. Ich war seit meiner frühen Jugend im Eishockeyverein, und zwei Klub-Mitgliedschaften waren laut meinen Eltern einfach nicht drin. Also gingen mein Bruder Kurt und ich aufs Eisfeld, während Jeannine, meine ältere Schwester, in den Tennisklub durfte.

Immerhin bekam ich durch sie einen, wenn auch losen, Bezug zum Tennis und zum Klub sowie einen Vorwand, ihn zu betreten. Immer öfter schlich ich mich auf die Betonstufen der kleinen Tribüne auf dem Dach des Klubhauses. Zuerst nur, wenn sie spielte, doch da mich nie jemand wegschickte, kam ich bald auch, um irgendwelchen Hobbyspielern zuzuschauen. Gebannt versuchte ich ihre Spielzüge zu verstehen und stellte mir vor, wie ich selber dort unten stehen und Bälle schlagen würde.

Meine Schwester muss meine Sehnsucht gespürt haben. Ich durfte gelegentlich eines ihrer alten Rackets ausleihen, um auf dem Vorplatz unseres Hauses Bälle gegen eine Wand zu schlagen. Aus kurzer Distanz, wieder und wieder, bis mein Puls raste, der Schweiß rann und die Mutter zum Abendessen rief. Der Schläger war ein Prachtexemplar – aus feinem, glänzendem Holz, mit der Unterschrift eines gewissen Stan Smith.

Stan Smith? Das war für mich damals nur ein Name, aber einer, der meine Fantasie ankurbelte. Was wusste ich schon von der Tenniswelt? Nichts. Es war die Zeit des Schwarzweiß-Fernsehens, Sportübertragungen waren selten, und wenn, dann kamen sie vom Fußball, Skifahren oder gelegentlich vom Boxen. Was waren das für Abenteuer, wenn sich die ganze Familie mitten in der Nacht in der Stube traf, um schlaftrunken zu verfolgen, ob es Cassius Clay vielleicht diesmal erwischen würde … Auch in den Zeitungen fand Tennis damals kaum statt, anders als Fußball, Eishockey, Skifahren oder Formel 1.

Wann ich zum ersten Mal TV-Bilder aus Wimbledon zu sehen bekam, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich genau, dass mich der Centre Court mit seinen gedeckten Tribünen, seiner idyllischen, noblen Anlage und seiner Atmosphäre sogleich faszinierte. Die Szenerie wirkte für mich wie eine Offenbarung: Also doch, Tennis war wichtig, hatte seine Gefolgschaft, hatte sogar seine Pilgerstätte! Wimbledon erschien mir wie eine Kathedrale, mit Tausenden von Leuten, die – wie ich im TC Weinfelden – konzentriert und gebannt den Flug der Bälle und den Kampf zweier einsamer Gegner verfolgten.

Diese ruhige, gepflegte Sportstätte, in der alles organisiert war, alles seinen Platz hatte, während zwei Ausnahmekönner sich mit Ball und Schläger vor einer faszinierten Zuschauermasse duellierten, mit Athletik, Taktik, Ballgefühl, Ausdauer, Nervenstärke, Cleverness und Fairness – das war für mich ein Blick in eine Welt, von der ich nicht gewusst hatte, dass sie existierte. Einmal Wimbledon erleben, nur einmal, dachte ich. Als ich Jahre später Sportjournalist wurde, trug meine erste Wimbledon-Vorschau den Titel: »Die Tennisgötter ziehen in ihren Tempel ein«.

Der TC Weinfelden ist inzwischen einer Einfamilienhaussiedlung gewichen und an den Rand des Städtchens verdrängt worden. Wie hätte ich damals, allein auf den Betonstufen, ahnen können, dass dies meine Berufung sein würde: vom Spielfeldrand aus zu verfolgen, was auf Tennisplätzen geschieht? Dass der Tenniszirkus auch zu meiner Welt und die Grand-Slam-Turniere zu meiner zweiten Heimat werden sollten? Wie hätte ich mir vorstellen können, dass das Schweizer Tennis bald von einer gewaltigen Erfolgswelle erfasst – und ich von ihr mitgetragen würde? Dass sich gerade irgendwo in Südafrika eine Beziehung anbahnte, aus der der erfolgreichste Schweizer Sportler überhaupt hervorgehen würde, und dass ich selbst das Privileg haben würde, seine Entwicklung von Juniorentagen an – und erst noch beruflich – hautnah mitzuerleben?

Als ich zu Beginn der Achtzigerjahre über Tennis zu schreiben begann, verfolgte ich fasziniert, wie John McEnroe, Boris Becker, Stefan Edberg, Chris Evert, Martina Navratilova und Steffi Graf auf Wimbledons Rasen zu Champions wurden und die Goldtrophäe entgegennehmen durften. Als Heinz Günthardt 1985 – im Jahr von Beckers Wimbledon-Märchen – bis ins Viertelfinale vordrang, war das für die Schweiz eine Sternstunde und für mich als Reporter ein Highlight. Federer war damals knapp vier Jahre alt. Meine verwegensten Träume gingen zu jener Zeit gerade so weit, dass ich mir vorzustellen versuchte, wie es wäre, wenn ein Schweizer die Top Ten und/oder ein Grand-Slam-Finale erreichen würde. Nur eines, und er durfte es sogar verlieren …

Wie hätte ich darauf spekulieren können, dass es ein Landsmann von mir sein würde, der auf den größten Centre Courts für Triumphe und Tränen sorgen und im Mittelpunkt stehen würde? Und dabei auch noch eine der nettesten Personen sein würde, denen ich je begegnen sollte?

Dann nahm das helvetische Tenniswunder Fahrt auf. Günthardt, der seine Karriere wegen des Hüftleidens mit 27 abbrechen musste, war der Pionier, er erweckte die Schweizer Tennisszene aus dem Dornröschenschlaf. Dann kam Jakob Hlasek, der Ende der Achtzigerjahre zum ersten Top-Ten-Spieler und Masters-Teilnehmer des Landes wurde. Danach Marc Rosset, der Olympiasieger von 1992, der mit Hlasek in das Davis-Cup-Finale vorstieß und erster Grand-Slam-Halbfinalist der Schweiz wurde. Martina Hingis ließ als Sechzehnjährige die Schweiz 1997 zur Grand-Slam-Sieger-Nation werden, errang allein im Einzel fünf Major-Trophäen und wurde die jüngste Nummer 1 ihrer Sportart.

Und schließlich kam er, Federer, der größte Sportler, den unser kleines Land je hatte und wohl auch haben wird, und der beste Botschafter, den man sich nur vorstellen kann. Dass in seinem Sog mit Stan Wawrinka auch noch ein dritter Schweizer Grand-Slam-Sieger auftauchte, war schon fast surreal.

Die vorliegende Biografie ist die um seinen Rücktritt erweiterte und komplett aktualisierte Neufassung meines zweiten Buchs über Federer. Das Tennisgenie, mein erstes, war erstmals 2006 publiziert, mehrfach ergänzt und überarbeitet und in über ein Dutzend Sprachen übersetzt worden. Es endete in der jüngsten Fassung nach seinem 17. Grand-Slam-Titel in Wimbledon 2012. Je mehr Zeit danach verging, umso klarer schien sich abzuzeichnen, dass das nächste große Kapitel der Rücktritt sein würde.

Doch auch die Tennisgötter müssen beeindruckt gewesen sein von Federers Beharrlichkeit. Und so bescherten sie ihm in einem Alter, in dem die meisten längst zurückgetreten sind, ein Comeback, wie selbst er es sich nicht hätte ausmalen können, ließen ihn noch einmal an märchenhaften Erfolgen teilhaben und die Tennisgeschichte noch einmal umschreiben. Sie lieferten mir damit die Motivation und Vorlage, Federers Biografie von Grund auf neu zu schreiben. Denn nun war klar, dass ein oder zwei zusätzliche Kapitel nicht mehr reichen würden, um seiner Karriere, seinem Leben und seiner Bedeutung für den Tennissport gerecht zu werden. Zu vieles war in den über zehn Jahren geschehen, das sich inzwischen viel klarer analysieren und einstufen ließ. Zu schön und wundersam war die Geschichte seiner Rückkehr. Und umso schärfer der Gegensatz, was danach geschah, ab diesem vermaledeiten Wimbledon-Finale 2019, in dem er zwei Matchbälle vergab – mit drei Knieoperationen in den Jahren 2020 und 2021 und seinem verzweifelten Kampf um weitere Comebacks, um eine Verlängerung seiner Karriere und gegen die Zeit. Doch diesen konnte selbst er nicht gewinnen.

Mit seiner Offenheit und Zugänglichkeit hat Federer mir und meinen Kollegen die Arbeit immer wieder erleichtert und sehr angenehm gemacht, mit dieser einmaligen Mischung aus Erfolg, Menschlichkeit, Fairness und einer Geduld, mit der er Tag für Tag, Turnier für Turnier, den Alltag vieler Menschen bereicherte. Mein Dank geht vor allem an ihn – auch wenn er sich letztlich an dieser Biografie nicht aktiv beteiligt hat. Denn entweder macht er etwas mit vollem Einsatz, oder gar nicht. Durch diese Geradlinigkeit ist die Arbeit mit ihm so angenehm. Mein Dank geht auch an seine Eltern Lynette und Robbie, an Severin Lüthi, Pierre Paganini und an Tony Godsick, der wie Federer alles mit einer Prise Humor zu nehmen versteht. Mein Dank geht an die unzähligen Weggefährten, die mithalfen, all die Wochen, Monate und Jahre auf dem Tenniscircuit zu einer unvergesslichen Reise werden zu lassen. Insbesondere an Simon Graf, Heinz Günthardt, Doris Henkel und Alix Ramsay. Mein Dank geht an die zahllosen Interview- und Gesprächspartner, die bereit waren, ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit mir zu teilen. Er geht an den Piper Verlag, insbesondere an Anne Stadler, Angela Gsell, Steffen Geier und Katja Menzel. Und schließlich geht mein größter Dank an meine wunderbare Familie, an Eni und Jessica, die es immer wieder klaglos hinnahm, dass ich oft meinen Koffer packte, nachdem ich ihn eben erst ausgeräumt hatte, um irgendwo einmal mehr die Spur Federers aufzunehmen.

Weinfelden, September 2023

Teil 1Der Rücktritt

1. Der Brief

Roger Federer kommt in Jeans und Pullover in diesen hinter vielen Gängen und Ecken verborgenen, dezent beleuchteten Nebenraum in den Tiefen der Londoner 02-Arena. Kühlschrank, schwarze Ledersofas, niedrige Hocker, dunkel bemalte Wände. »Will jemand Kaffee?«, fragt er. Wir befinden uns im »Fab Room«, der nur für ausgesuchte Gelegenheiten und Gäste genutzt wird. Das wird schon im Entrée deutlich gemacht: Auf der Blumentapete hängt ein Bilderrahmen, in dem lediglich zwei Wörter stehen, begleitet von zwei Pfeilen: »Somebodies« mit Pfeil nach rechts, hinein in die Suite; »Nobodies« mit Pfeil nach links, zurück in die Betongänge der riesigen Eventhalle.

Keine Frage, Roger Federer darf hinein, er ist längst kein Nobody mehr. Es ist der 20. September 2022. Fünf Tage zuvor hat er der Welt mitgeteilt, dass der Laver-Cup, der hier in drei Tagen beginnt, sein letztes offizielles Turnier als Tennisprofi sein wird. Interviews hat er seither keine gegeben – auch aus Respekt, wie er sagt, für Queen Elizabeth II., die am 8. September gestorben ist und deren Staatsbegräbnis tags zuvor in der Westminster Abbey stattfand.

Zusammen mit einigen eilig nach London gereisten Schweizer Kollegen haben wir das Privileg, mit ihm das erste Interview seit der Ankündigung seines Rücktritts zu führen. Als er kommt, frage ich ihn scherzend, ob er uns in den vergangenen Monaten vermisst habe. Er lächelt und sagt: »Schon etwas. Ich dachte tatsächlich manchmal an euch.«

Das Gespräch wird länger als eine Fussballpartie dauern; von einem normalen Interview zu sprechen, würde ihm nicht gerecht. Man kennt sich, einige von uns berichten schon seit Jahren über ihn – ich schon seit seinen Anfängen. Federer wirkt ernst und nachdenklich, er lässt seine übliche Lockerheit vermissen. Immer wieder überlegt er lange. Offensichtlich liegt ihm dieser Austausch am Herzen und gehört zum schwierigen Prozess des Zurücktretens. Sein Karriereende durch die Augen und Fragen der Journalisten zu reflektieren, kann ihm helfen, dieses zu verarbeiten.

Die Frage, wann, wo und wie er einst zurücktreten würde, schwebt seit Jahren wie eine dunkle Wolke über ihm. Sie war erstmals 2008 aufgegriffen worden, als er gerade mal 27 war. Nachdem er zu Beginn jenes Jahres während längerer Zeit unentdeckt am Drüsenfieber gelitten, den Wimbledonfinal verloren hatte und auf Rang 2 zurückgefallen war, tauchten bereits erste – höchst unqualifizierte – Rücktrittsforderungen auf.

Aber je mehr Jahre ins Land zogen, desto häufiger fragte sich die Tenniswelt: Würde er einst wie Pete Sampras einfach monatelang nicht mehr spielen und dann erklären, dass es das war? Würde er wie Stefan Edberg seinen Rücktritt lange im Voraus ankündigen und auf eine ausgedehnte Abschiedstour gehen? Oder würde er einfach eines schönen Tages nach einem Match unvermittelt verkünden, dass es das nun gewesen sei, wie einst Boris Becker?

Seine Karriere sei so großartig gewesen, dass sein Abgang nicht auch noch kitschig werden müsse, hatte Federer immer wieder gesagt, als sich das Ende – viele Jahre später – tatsächlich abzuzeichnen begann. Wie hätte er auch ahnen können, dass es dann doch genau das werden würde: kitschig, schnulzig, tränentreibend, dramaturgisch perfekt? Mit einem letzten Match, das dem Tennis noch einmal unvergessliche Szenen bescheren sollte, mit einer Nacht voller Emotionen und Tränen und einem Rücktritt, wie es ihn zuvor in dieser Sportart noch nie gegeben hatte.

Der Beschluss, den Kampf um ein Comeback im Profitennis aufzugeben, sei bereits im Juli 2022 gefallen, kurz nach Wimbledon, beginnt er nun zu erzählen, in diesem Refugium der 02-Arena. »Das Knie machte einfach keinen Fortschritt mehr. Wir kamen an eine neue Weggabelung, und ich fragte mich: Was bringt das noch? Wir bewegten uns schon lange auf dünnem Eis, und ich wusste, dass es eine gute Entscheidung war. Die einzig richtige.«

Zuerst habe er in einem Konferenz-Gespräch neben seiner Frau Mirka und den Eltern auch sein Team informiert, die Coaches Severin Lüthi und Ivan Ljubičić den Physiotherapeuten Daniel Troxler, den Fitnesstrainer Pierre Paganini und seinen Manager Tony Godsick. »Ich sagte: Wir nehmen die sichere Seite, es ist gut, wie es ist. Wir können zufrieden sein mit dem, was wir erreicht haben.«

Nachdem er sich zum Rücktritt durchgerungen hatte, war er erleichtert. »Eine große Last fiel von mir. Ich merkte, was ich alles durchgemacht hatte, mit dem Knie, mit der Reha und der langen Trainingsphase.« In den folgenden Kurzferien mit Mirka verdrängte er das Thema aber gleich wieder. »Wir sprachen kein einziges Mal darüber.« Er habe sich aber auch extrem müde gefühlt, »richtig verbraucht«, nachdem die Würfel gefallen waren.

Auch Mirka sei enorm erleichtert gewesen, wie Federer sagte. »Für mich waren die letzten Jahre zwar hart, aber ich glaube, für sie waren sie noch härter. Sie genoss es schon lange nicht mehr, mir beim Spielen zuzuschauen, mit all meinen Verletzungen. Sie tat mir leid.«

Seine vier Kinder informierte er über den Rücktritt erst einen Tag vor der Weltöffentlichkeit. »Sie wurden emotional und fragten: Gehen wir jetzt nicht mehr nach Halle, nach Wimbledon, nach Indian Wells? Ich sagte: Jein. Wenn ihr wollt, können wir irgendwann wieder gehen. Und wenn ich doch wieder einmal spiele, dürft ihr auch zuschauen.« Drei der vier Kinder hätten geweint. »Dabei sagten sie früher immer: Hör mal auf mit dem Tennis, dann können wir endlich gemeinsam Skifahren!« Federer lächelt. So rasch verschieben sich Perspektiven.

Zurück in der Schweiz, gab es für ihn nach den Ferien aber kein Entrinnen mehr. Fragen drängten sich auf. Wann, wo und in welcher Form sollte die Neuigkeit veröffentlicht werden? Federer war zu dieser Zeit noch für zwei Anlässe gemeldet: für den von ihm mitlancierten Laver-Cup in London im September, in dem ein Team Europa gegen ein Team Welt spielt, dazu für die Swiss Indoors in Basel Ende Oktober, das Turnier in seiner Heimatstadt, das er schon zehn Mal gewonnen hatte. Seit Juli hatte er das Tennistraining stark heruntergefahren. Nach New York zu den US Open zu reisen, um sich dort Ende August von der Tour zu verabschieden, war deshalb keine Option. Erst recht nicht, als Serena Williams im Magazin »Vogue« angekündigt hatte, dass dies ihr letztes Turnier sein würde, so dass die beiden einander nur das Rampenlicht gestohlen hätten.

»Ich schob alles zurück«, gibt Federer zu. »Tony wurde fast verrückt, weil ich mir so viel Zeit ließ.« Immer mehr wurde ihm in diesem Prozess klar, dass der Laver-Cup die richtige Bühne für seinen Abgang wäre, zumal er dort ein Doppel spielen konnte, sofern sein Körper und sein Formstand dies zuließen. Für ein Einzel unter Wettkampfbedingungen auf Weltklasseniveau reichte seine Form nicht mehr aus, das wusste er selber. »Deshalb waren auch die Swiss Indoors keine Option als Abschiedsturnier.«

Dass der Laver-Cup, der jedes Jahr in einer anderen Stadt ausgetragen wird, ausgerechnet in London stattfand, erleichterte die Entscheidung – ein letztes Geschenk der Tennisgötter an einen ihrer Lieblingssöhne. In London hatte Federer viele seiner größten Erfolge gefeiert. In Wimbledon stand er in zwölf Endspielen und holte acht Mal den Titel, bei den ATP-Finals in der O2-Arena erreichte er zudem fünf Endspiele und gewann die Austragungen in den Jahren 2010 und 2011. 2012 stand er zudem im All England Club von Wimbledon im Olympiafinale und gewann die Silbermedaille.

»London liegt mir sehr am Herzen. Der Laver-Cup ist ideal für meinen Abschied«, erzählt er uns in diesem abgelegenen Refugium auf der Greenwich-Halbinsel. Da es sich um einen Teamwettkampf handelt, bietet sich ihm zudem die einmalige Gelegenheit, sein letztes offizielles Match nicht als Einzelspieler, sondern im Rahmen einer Mannschaft zu bestreiten. »Es ist schön, dass mit Björn Borg jemand neben mir auf der Bank sitzen wird, dass ich von anderen Spielern umringt sein werde. In einem Team den letzten Match zu bestreiten, macht alles viel angenehmer. Zudem sehe ich die Fans nochmals, kann ihnen nochmals danken.«

Eine der Fragen, die sich trotzdem stellen, ist die nach seiner Form. Reicht diese wenigstens für ein Doppel? »Es war längst klar, dass ich höchstens noch ein Doppel spielen würde, sicher kein Einzel«, gibt Federer zu. Allerdings sei er überrascht, wie gut er im Training in London spiele.

Er ist sich der Gefahr bewusst, dass sein Rücktritt den ganzen Wettkampf überschatten könnte. Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass er diesen bereits in der Woche vor dem Turnier bekanntgemacht hat. Er tat dies in Form eines auf den sozialen Medien vorgelesenen Rücktrittsschreibens. Das Verfassen dieses Schreibens fiel ihm schwer, der Prozess zog sich in die Länge, dauerte letztlich zwei Wochen. Federer war emotionell bewegt, formulierte jeden Satz immer wieder um. »Wir gingen jedes Wort x-fach durch. Am Ende hatten wir etwa 25 Versionen.« Derweil wurde das Schriftstück immer länger. »Plötzlich merkte ich: Das ist ein Riesenbrief, viel zu lang!« Er klatscht in die Hände. »Und dann befürchtete ich, dass vielleicht einige Leute ja meine Schrift gar nicht lesen können!«

Den Rücktritt vor laufender Kamera zu verkünden, wollte er sich nicht zumuten. »Ich wollte vermeiden, dass ich in einigen Jahren ein Video von mir sehe und denke: O Gott, was war denn das?« So kam es zu einer Zwischenlösung: Er las sein Rücktrittsschreiben vor, war dabei zwar zu hören, aber nicht live im Video zu sehen.

Zwischen seiner Entscheidung zurückzutreten, dem Verfassen des Schreibens und der Einweihung der Öffentlichkeit vergehen fast acht Wochen. An einem unscheinbaren Donnerstag, dem 15. September – in Europa ist es 15.12 Uhr, in New York noch Morgen, in Tokio Abend – wird die Audiobotschaft über Instagram verbreitet. Das Skript läuft über ein Standbild, das Federer in einem Jeanshemd mit übereinandergelegten Unterarmen zeigt, an einem weißen Schreibtisch vor seinem Brief sitzend. Er liest seinen Abschiedsbrief in Englisch und mit hörbar bewegter, belegter Stimme.

»An meine Tennisfamilie und darüber hinaus«, beginnt er, »von allen Geschenken, die mir der Tennissport im Laufe der Jahre gemacht hat, sind die Menschen, die ich auf meinem Weg getroffen habe, zweifellos das Größte: meine Freunde, meine Konkurrenten und vor allem die Fans, die den Sport mit Leben erfüllen. Heute möchte ich einige Neuigkeiten mit euch allen teilen.«

Dann folgen die News, die viele schon lange befürchtet haben, die jahrelang wie ein Damoklesschwert über der Tennistour schwebten: »Wie viele von euch wissen, hatte ich in den letzten drei Jahren mit einigen Herausforderungen in Form von Verletzungen und Operationen zu kämpfen. Ich habe hart daran gearbeitet, wieder voll wettbewerbsfähig zu werden. Aber ich kenne auch die Fähigkeiten und Grenzen meines Körpers, und seine Botschaft an mich war in letzter Zeit eindeutig. Ich bin 41 Jahre alt. Ich habe in 24 Jahren mehr als 1500 Matches gespielt. Der Tennissport hat mich großzügiger behandelt, als ich es mir je hätte träumen lassen, und jetzt muss ich erkennen, dass es an der Zeit ist, meine Wettkampfkarriere zu beenden. Der Laver-Cup nächste Woche in London wird mein letztes ATP-Turnier sein.«

Natürlich werde er in Zukunft weiter Tennis spielen, aber nicht mehr bei Grand Slams oder auf der Tour, versuchte er die Schockwirkung abzudämpfen. »Ich werde alles vermissen, was mir die Tour gegeben hat. Gleichzeitig gibt es aber auch so viel zu feiern. Ich betrachte mich als einen der glücklichsten Menschen der Welt. Mir wurde ein besonderes Talent zum Tennisspielen geschenkt, und das auf einem Niveau, das ich mir nie hätte vorstellen können, und das viel länger, als ich es je für möglich gehalten hätte.«

Dann bedankt er sich, zuerst seiner »wunderbaren Frau, die jede Minute mit mir durchlebt hat und über 20 Jahre lang meine alberne Seite ertragen hat, wenn ich mit meinem Team unterwegs war«. Dann sind seine»vier wunderbaren Kinder« an der Reihe, seine »liebevollen Eltern« und seine »liebe Schwester«, schließlich alle seine ehemaligen Trainer, Swiss Tennis, der Verband, und sein Team: »Ihr seid alle unglaublich, und ich habe jede Minute mit euch genossen.«

Federer dankt auch seinen Sponsoren, von denen viele zu Partnern und Freunden geworden sind, den Turnierorganisationen, der ATP-Tour und seinen Konkurrenten. Wobei er festhält: »Ich hatte das Glück, so viele epische Matches zu spielen (…), ich habe immer mein Bestes gegeben, um die Geschichte des Spiels zu respektieren. Dafür bin ich sehr dankbar. Wir haben einander gepusht, und gemeinsam haben wir das Tennis auf ein neues Niveau gehoben.«

Ein spezielles Dankeschön geht auch an seine »unglaublichen Fans. Ihr werdet nie wissen, wie viel Kraft und Glauben ihr mir gegeben habt. Das inspirierende Gefühl, in volle Stadien und Arenen zu gehen, war einer der größten Nervenkitzel in meinem Leben. Ohne euch hätten sich diese Erfolge eher einsam angefühlt, als dass sie mit Freude und Energie erfüllt gewesen wären.«

Nun wird es noch emotionaler. »Die letzten 24 Jahre auf Tour waren ein unglaubliches Abenteuer. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als wären sie wie im Flug vergangen, so waren sie doch so tiefgreifend und magisch, dass es mir vorkommt, als hätte ich bereits ein ganzes Leben gelebt.« Zuletzt blickt er weit zurück, auf die Anfänge: »Als meine Liebe zum Tennis begann, war ich ein Balljunge in meiner Heimatstadt Basel. Ich beobachtete die Spieler mit einem Gefühl des Staunens. Sie waren wie Giganten für mich, und ich begann zu träumen.« Den Brief schließt er mit einer Nachricht an den Tennissport: »Ich liebe dich und werde dich nie verlassen.« Federer weiß es selber: Er ist längst selber zu einem der Giganten dieser Sportart geworden.

2. Der Schock

Als die News draußen sind, passiert erst einmal – nichts. Dann realisiert Federer, der an diesem Tag von einem TV-Team begleitet wird, dass die Öffentlichkeit ja erst einmal seine Nachricht hören muss, und die dauert viereinhalb Minuten. Kaum sind diese vorbei, brechen alle Dämme. Die Tenniswelt beginnt zu weinen, während in den Medien die große Abschiedssause vorbereitet wird. Viele der Stories sind schon geschrieben, müssen nur noch publiziert werden.

»God save the King«, titelt Frankreichs Sportzeitung »L’Equipe« tags darauf, und ein Kommentator schrieb vom »Ende der Welt«. Die Zeitung widmet dem »Champion der Champions« neben der Frontpage zwölf volle Seiten. In der ganzen Welt und besonders in der Schweiz machen sich die Medien-Redaktionen daran, mehrseitige Extrabeilagen und lange Spezial-Sendungen zu produzieren.

Er werde es sich nicht nehmen lassen, möglichst viel davon mitzubekommen, wenn auch erst mit zeitlicher Distanz, sagt Federer. »Ich entdecke in der Berichterstattung über mich immer wieder unglaublich kreative Winkel.« Besonders fällt ihm auf und gefällt ihm, wie viel über den Menschen Roger Federer geschrieben wird, nicht nur über seine sportlichen Erfolge. »Das hätte ich in diesem Ausmaß nicht erwartet. Ich finde es schön, dass es bei mir vor allem auch um die Persönlichkeit gegangen ist, nicht nur um Vorhand, Rückhand, Triumph, Siege, Rekorde.«

Federer selber ist mit der Verarbeitung seines Rücktritts zu dieser Zeit schon weit fortgeschritten – vor allem dank des Briefes. »Ihn zu schreiben, zerriss mich zwar, aber tat mir auch extrem gut. Darum kann ich jetzt auch gut Interviews geben, weil ich den Prozess hinter mir habe«, sagt er zu unserem Grüppchen von Schweizer Journalisten. »Vor drei oder vier Wochen sagte ich zu Tony: Ich werde am Laver-Cup unmöglich mit dem Mikrofon zum Publikum sprechen können. Ich werde kein Wort herausbringen.« Inzwischen traue er es sich aber langsam zu. Was ihm besonders wichtig sei: »Es soll sich nicht wie eine Beerdigung anfühlen, eher nach einer Party.«

Als er am nächsten Tag, dem Mittwoch, in die Arena zurückfährt, um sich den Weltmedien zu stellen, empfängt ihn im Interviewraum aber genau dies: eine Stimmung wie bei einer Beerdigung. Andächtige Stille liegt über dem düsteren Raum ohne Tageslicht, der vorwiegend in der Laver-Cup-Farbe Schwarz gehalten ist. Über einhundert Journalistinnen und Journalisten warten, sie sind aus der ganzen Welt gekommen. Als die Kommunikationsleiterin verkündet: »Roger Federer on the way to the press conference«, wird es mäuschenstill.

Dann ist er da, setzt sich allein an den großen Interviewtisch, grüßt die Runde. Eine Amerikanerin bricht das Eis: »Was würden Peter Carter und Reto Schmidli, der Sie im ersten Spiel 6:0, 6:0 schlug, zu Ihrer Karriere sagen?« Federer wirkt gefasst. Er betont, wie einflussreich der 2002 tödlich verunfallte Carter für ihn und seine Technik war – und dass seine Erfolgskarriere nicht nur für Schmidli, sondern für alle sehr überraschend verlief.

Jeder Journalist darf nur eine Frage stellen und muss zuvor Name und Publikationsorgan angeben. Das mutet komisch an, kennt Federer doch die meisten seit Jahren persönlich. Wie den Briten David Law vom »The Tennis Podcast«, der schon 1998 dabei war, bei Federers Debüt in Gstaad; er arbeitete damals für die ATP-Tour und organisierte die Pressekonferenz nach dessen Startniederlage. Nun, fast ein Vierteljahrhundert später, will Law von Federer wissen, was er vom Tennisalltag am meisten und was am wenigsten vermissen werde. Fehlen würde ihm vieles, antwortet dieser, vor allem die Fans. »Ohne sie hätten meine Erfolge etwa 80 Prozent der Emotionen und Bedeutung verloren.« Das habe er auch während der Corona-Restriktionen gemerkt, als teilweise in leeren Stadien gespielt wurde. Was er hingegen nicht vermissen werde, sei das ewige Warten auf eine Partie, »oft bis zu 15 Stunden. Als Tennisspieler bist du dauernd am Warten.«

Mike Dickson von der »Daily Mail« weist Federer im Interviewraum darauf hin, dass es eigentlich ein Regelbruch sei, am Laver-Cup nur Doppel zu spielen – im Prinzip müsste jeder der sechs Spieler auch ein Einzel bestreiten. Das sei mit allen so abgesprochen worden; mit Borg, dem US-Captain John McEnroe sowie der ATP-Tour, die das Turnier sanktioniert, antwortet Federer. Regelkonform wird er nach dem Doppel vom Freitagabend für das Protokoll als spielunfähig erklärt und im Einzel durch Matteo Berrettini ersetzt werden.

Als der BBC-Journalist Russell Fuller von Federer wissen will, wie er am liebsten in Erinnerung bleiben würde und worauf er am meisten stolz sei, muss Federer kurz in sich gehen. Dann sagt er: »Für meine Langlebigkeit, und wie ich von einem fehlerhaften zu einem konstanten Spieler wurde. Dass ich über 15 Jahre fähig war, praktisch jedes Turnier zu gewinnen, bedeutet mir enorm viel.«

Ein Journalist der Agentur AP fragt den Zurücktretenden nach den schönsten und bittersten Momenten. »Mit diesem Thema habe ich mich nicht intensiv beschäftigt, das muss ich noch«, antwortet Federer. Zwar ragten Erfolge wie der Sieg über Pete Sampras 2001, sein einziger Titel in Roland Garros im Jahr 2009 oder der Australian-Open-Triumph von 2017 heraus. Aber ebenso wichtig könnten auch kleinere Momente sein oder persönliche Begegnungen. Jedenfalls: »Ich bin glücklich über meine Karriere, von jeder Warte aus betrachtet.«

Gegenüber dem australischen Reporter Craig Gabriel erwähnt Federer eine Eigenschaft, die zweifellos der Grundstein seiner Popularität ist: »Irgendwann entschied ich, auch als Gegner nett zu bleiben, ich wollte mich nicht verstellen. Ich konnte die ganze lange Zeit authentisch bleiben, auch deshalb hatte ich so viel Spaß.« Federer äußert in diesem Interviewraum einmal mehr sein Bedauern, dass er rückblickend in der Anfangsphase seiner Karriere nicht etwas professioneller aufgetreten ist. Er relativiert aber sogleich: »Vielleicht hätte ich dann meinen Hunger früher verloren.«

Aus Irland fragt ihn zum Schluss ein Reporter, ob er sich als »GOAT« fühle, als größter Spieler aller Zeiten. Das sei nie sein Ziel gewesen, antwortet Federer. »Ich bin stolz und glücklich mit meinem Platz in der Tennisgeschichte.« Nachdem er mit dem 15. Grand-Slam-Titel in Wimbledon 2009 den Rekord von Pete Sampras gebrochen habe, sei alles ein Bonus gewesen – »und ich bin glücklich, dass danach noch 5 dieser Titel dazukamen und ich insgesamt über 100 Turniere gewann«.

Das war’s, die Fragerunde ist vorbei. Kurzer Applaus brandet auf, Federer winkt, verschwindet hinter der schwarzen Sponsorenwand. Und wieder wird es still.

Er verbringt an seinem letzten Turnier fast Tag und Nacht in der O2-Arena. Trainings, Interviews, Trainings, Treffen mit den verschiedensten Leuten. Noch am späten Dienstag ist er im argentinischen Steakhouse der Eventhalle anzutreffen, an einem Tisch mit Andy Murray, seinem Captain Björn Borg und dessen Assistenten Thomas Enqvist.

Am Donnerstag, dem Tag vor seinem letzten Match, taucht er erneut im großen Interviewraum auf, diesmal umgeben von seinem ganzen Team. Dieses ist prominent besetzt: in der Mitte Björn Borg (11 Grand-Slam-Titel), rechts von ihm Novak Djokovic (21) und Andy Murray (3), links von ihm Rafael Nadal (22). Fünf Spieler mit zu diesem Zeitpunkt 77 Grand-Slam-Titeln. Ein Bild für die Ewigkeit.

Erstmals sind damit die »Big 4« in einem Team vereint, das gab es auch beim Laver-Cup noch nie. Die Fragen und Gespräche drehen sich mit zunehmender Dauer erneut immer mehr um Federer. Inzwischen ist es offiziell geworden, dass er seine letzte Partie am Freitagabend mit Rafael Nadal bestreiten wird, Seite an Seite gegen die Amerikaner Jack Sock und Frances Tiafoe. Zuvor werden die ersten drei Einzel ausgetragen.

Federer muss die Tränen zurückhalten, als seine größten Rivalen einer nach dem anderen zu ihm befragt werden und ihn mit Nettigkeiten und Superlativen überhäufen. So sagt Novak Djokovic: »Für mich ist es eine große Freude und Ehre, dass ich in diesem Team bin. Dass Roger zurücktritt, macht alles speziell. Es wird ein trauriger Tag, aber Rogers Vermächtnis wird für immer bleiben.«

»Teil dieses historischen Moments zu sein, wird unvergesslich«, sagt Nadal, der selber auch wieder mit Verletzungen zu kämpfen hat. Davon auszugehen, dass es für die beiden gegen die Amerikaner Sock/Tiafoe zu einem Sieg reichen könnte, wäre verwegen. Nadal/Federer spielten erst einmal zusammen, 2017 in Prag, als sie Querrey/Sock schlugen. Federer ist beim Laver-Cup im Einzel ungeschlagen, im Doppel aber ist seine Bilanz negativ (2:3).

Als Nadal gefragt wird, ob Federers Abgang ihm die Vergänglichkeit seiner eigenen Karriere vor Augen geführt habe, sagt der 36-jährige Spanier: »Dazu brauchte ich diese Nachricht nicht, denn es entspricht dem normalen Lebenszyklus. Einige gehen, andere kommen, das ist nichts Neues. Die Geschichte wiederholt sich immer – nur sind diesmal wir betroffen, und in diesem Fall ist es einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Spieler, der abtritt.« Persönlich sei er sehr traurig, das werde ein harter Tag. »Uns kennzeichnete zwar eine große Rivalität, aber eine freundschaftliche. Manchmal ist die persönliche Beziehung wichtiger als die sportliche.«

Nach der Medienkonferenz wechseln die Europäer zum öffentlichen Schautraining in die O2-Arena, wo sie von Tausenden – darunter 3000 Schulkindern – frenetisch umjubelt werden. Federer/Nadal spielen im Doppel einige Games gegen Djokovic/Murray. Dabei wirkt der seit Juli 2021 wettkampflose Baselbieter zwar sehr vorsichtig und etwas eingerostet, zeigt aber sein immer noch brillantes Ballgefühl.

Als zur selben Zeit »Team World« auf der North-Greenwich-Halbinsel eine Medienkonferenz abhält, steckt Captain John McEnroe gleich einmal die Dimensionen ab: »Man muss ganz klar sagen: Er und Serena Williams sind nicht zu ersetzen.« Jeder in seinem Team hätte liebend gern in Federers Abschiedsmatch mitgespielt. »Wir mussten Münzen werfen. Nur Jack (Sock) war gesetzt.« Das Glück ereilte Frances Tiafoe.

Für Nadal ist bei Federers Abschiedsfest die Rolle einer Art Brautführer vorgesehen. Am offiziellen Galaabend, am Mittwoch, im Somerset House muss er den Schweizer den Gästen präsentieren. Nachdem er vorangestellt hat, dass dies die schwierigste Aufgabe des Abends sei, beginnt er gewohnt souverän und herzlich:

»Er ist eine der größten Tennis-Ikonen, die es je gegeben hat. Wenn wir über Perfektion auf dem Tennisplatz sprechen, ist wahrscheinlich er es. Er ist eine riesige Inspiration für alle, die den Sport lieben. Und für mich ein großartiger Freund, der mich veranlasst hat, mich in jeder Hinsicht zu verbessern. Das kommende Wochenende wird eines der härtesten in der Geschichte des Tennis, vielleicht sogar das härteste. Aber lasst uns diesen Moment genießen und seine großartige Karriere feiern.«

3. Der Abschied

Dann ist er da, Federers letzter offizieller Wettkampftag. Bereits vor seiner Partie am späten Abend sieht man weinende Fans, die von TV-Reporterinnen interviewt werden. Mit Federers Rücktritt geht für viele ein wichtiger Lebensinhalt verloren, selbst für Menschen, die nie in seine Nähe gekommen sind.

Bereits am frühen Nachmittag wird es um Federer so richtig laut, als die Spieler beider Teams vor der Nachmittagssession separat in die feierlich beleuchtete Halle schreiten. Die Prozedur wiederholt sich vor der Abendsession, und erneut gibt es für den Hauptdarsteller einen Rockstar-Empfang, als er auf den schwarzen Court schreitet, erst beide Hände in die Luft gestreckt und, so wirkt es zumindest, mit einem Kloß im Hals.

Bevor er beim letzten offiziellen Match zum Aufschlag schreiten kann, steht indessen noch das Einzel zwischen Andy Murray und Alex de Minaur an. Dieses zieht sich in die Länge, das Warten wird für viele zur Tortur. Zweieinhalb Stunden brauchen der Schotte und der Australier für zwei Sätze und ein Match-Tiebreak. Es ist 22.11 Uhr in London, als das Doppel endlich beginnt.

Rasch überschlägt sich die Stimmung in der 20 000 Zuschauer fassenden, ausverkauften 02-Arena. Und als klar wird, dass Federer sich bei seinem Abschiedsmatch nicht zum Clown machen wird – im Gegenteil –, schalten viele in den Partymodus. Federer bewegt sich zwar nicht gerade geschmeidig und wirkt eingerostet, doch seine Schläge haben Zug und Präzision, angefangen beim Service bis hin zu seinen bestechenden Flugbällen.

Der 41-Jährige ist es, der den ersten Break- und Satzball für sein Team verwertet. Auch in Satz 2 wird er nicht gebreakt, im Gegensatz zu Tiafoe und Nadal. So kommt es zum Tiebreak, das kurz nach Mitternacht an John McEnroes Team World geht. Und auch das Match-Tiebreak holen sich die Amerikaner, die nach 2:13 Stunden und einem abgewehrten Matchball 4:6, 7:6 (7:2), 11:9 gewinnen.

Als Federer die letzte Partie hinter sich gebracht hat, verwandelt sich die Arena in eine Festhalle. Stehende Ovationen, Umarmungen, Tränen, Jubel, Applaus, viele schreien durcheinander. Dann erst stellt er sich dem Interview von Jim Courier, für Federer einer der schwierigsten Momente des Abends. »Irgendwie bringen wir das hinter uns«, sagt er mit bebender Stimme. »Es ist ein wunderbarer Tag. Ich sagte dem Team: Ich bin happy, nicht traurig. Es ist großartig, hier zu sein. Ich habe es genossen, aber alles war das letzte Mal. Dank der Fans, meiner Familie und Freunden fühlte ich den Stress aber nicht so sehr.«

Bewegt fährt er fort: »Ich dachte, irgendwann würde ich mir eine Sehne reißen oder ich würde mir den Rücken verletzen. Ich bin glücklich, es gesund geschafft zu haben«, sagt Federer im Platzinterview. »Mit Rafa zu spielen, vor allen Legenden … Rocket (Rod Laver), Edberg … Stefan, ich danke dir.« Dann überwältigen ihn die Emotionen.

Das Interview wird immer wieder von tosendem Applaus unterbrochen. Das hilft Federer, sich zu fassen. Als er wieder sprechen kann, sagt er: »Ich war immer ein Teamplayer im Herzen. Und ich hatte immer ein Team, das mit mir um die Welt reiste.« Er dankt allen in seiner Mannschaft, den Coaches Severin Lüthi und Ivan Ljubičić und er erwähnt auch jedes Mitglied der Mannschaft von Björn Borg persönlich. »Ich wollte, dass es sich wie eine Feier anfühlt, und es lief genau so, wie ich es mir erhofft habe.«

Courier spricht ihn nun auf seine gesamte Karriere an, »vom Juniorenchampion zum Weltmeister, zur Sport-Ikone«. »Es war eine perfekte Reise. Ich würde alles nochmals machen«, sagt Federer, der erneut von seinen Emotionen überwältigt wird, seine Schultern beben. Aber Courier entlässt ihn noch nicht, sondern bringt seine weltweite Beliebtheit und seine Familie ins Gespräch. »Müssen wir so weit gehen?«, fragt Federer, der in diesem Moment froh ist, dass er überhaupt sprechen kann. »Alle sind hier, die Mädchen, die Jungs und meine Frau, die mich so sehr unterstützt hat … Sie hätte mich schon vor langer Zeit stoppen können. Aber sie hat es nicht getan, hat mich weitermachen lassen. Ich danke dir.« Mirka wird nun auf den großen Bildschirmen eingeblendet, auch sie sehr bewegt, auch sie weint. Federer dankt nun auch seinen Eltern, die ebenfalls feuchte Augen haben. »Es ist ein fantastischer Abend.«

Noch ist der große Abschiedsabend nicht zu Ende, noch immer füllen die Emotionen die O2-Arena bis zur Decke. Es kommt zu Szenen, die sich niemand hätte ausmalen können. Während in einem Lichtermeer die britische Sängerin Ellie Goulding ihren Hit »Still falling for you« (Immer noch in dich verliebt) vorträgt, sitzen Federer und Nadal am Rande des Courts. Der Spanier bemüht sich tapfer, nicht ebenfalls ganz in Tränen auszubrechen.

Die britische Fotografin Ella Ling begibt sich während dieser Szene in eine Ecke am Ende des Platzes, von wo sie einen guten Blick auf die beiden hat. »Federer ging das alles sehr nahe«, beschreibt sie den Moment in dem Buch »Inspiration Federer« von Simon Graf und Simon Cambers. »Er streckte seine Hand aus und drückte Rafas Oberschenkel. Das war das Foto, das ich verpasste. Aber dann legte er seine Hand auf Rafas Hand und drückte sie ein wenig. Es war nur eine halbe Sekunde, aber es reichte mir, um zwei oder drei Bilder davon zu machen.«

Als sie das Bild später am Abend entdeckt, entschließt sie sich, es online zu stellen. »Ich hätte nie gedacht, dass es so schnell viral gehen würde. Es war völlig surreal, das hätte ich in einer Million Jahren nicht erwartet.« Kein Bild fasst die Essenz dieses Abends besser zusammen: zwei Superstars, zwei Rivalen, die sich über Jahre mit allen Mitteln auf dem Weg zum Gipfel bekämpft haben, und zwar in einer Einzelsportart, in der keiner eine Schwäche zeigen will. Und nun, zum Ende, sitzen sie da, klein und verletzlich, geschlagen von ihrem größten gemeinsamen Gegner – dem Zahn der Zeit, der an jedem nagt.

Später umarmt Federer auf dem Court lange seine Frau, seine Eltern und seine Kinder, die groß geworden sind. Eine letzte Ehrenrunde durchs Stadion, begleitet von stehenden Ovationen, dann zieht er sich in die Katakomben zurück. »Was nach dem Match geschah, war viel wichtiger als das Match selber«, sagt er im Interviewraum. Auch hier sitzt ihm Nadal zur Seite.

4. Lynette und Robbie

Lynette und Robert Federer sind während der Karriere ihres Sohnes geblieben, wie sie immer waren: bodenständig, bescheiden, authentisch, nahbar. So waren sie schon, als ich sie vor langer Zeit kennenlernte und ihr Sohn noch einer von vielen war, ein Teenager mit stürmischem Gemüt, außergewöhnlichem Talent und großen Träumen. Aber auch sie haben sich, wie praktisch alle in Federers engem Umfeld, über die Jahre immer mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, haben immer weniger Interviews gegeben und es geschafft, trotz der Weltkarriere ihres Sohnes ihr Leben und ihre Ehe normal weiterzuführen, so gut das eben möglich war. Ohne Schlagzeilen, ohne Zerwürfnisse, ohne Skandale.

Obwohl ich weiß, dass sie inzwischen grundsätzlich keine Interviews mehr geben wollen, greife ich aus einer Laune heraus vier Tage vor Rogers Abschiedsturnier zum Handy und frage Robert, ob wir uns nicht doch wieder einmal zu einem längeren Zeitungsinterview treffen könnten – wohl zu unserem letzten. Zu diesem Zeitpunkt steht fest, dass ich mich Ende des Jahres ebenfalls aus dem Tenniszirkus verabschieden werde. Robert bespricht sich kurz mit Lynette, dann überrascht er mich mit den Worten: »Also gut. Wir können ja nicht immer Nein sagen.«

Die beiden reisen am Mittwoch nach London, wir verabreden uns für Donnerstagmorgen, den Tag vor Rogers Abschiedspartie. »Such doch in der Nähe der Arena bitte eine ruhige Ecke, wo wir uns um zehn Uhr morgens unterhalten können«, sagt Robbie.

Wir treffen uns vor dem Eingang der O2-Arena im Café Rouge, das genau um diese Zeit öffnet. Der Chefkellner begleitet uns in die hinterste Ecke, wo wir abgeschirmt sind vor anderen Gästen. Das Lokal ist um diese Zeit aber ohnehin nur spärlich besucht.

»Robbie und ich haben uns schon lange mit dem Gedanken auseinandergesetzt, dass Rogers Karriere bald zu Ende gehen dürfte«, beginnt Lynette. »Nicht nur wegen des Alters, sondern auch wegen seiner verschiedenen Verletzungen. Zwischendurch kam zwar immer wieder Hoffnung auf, aber dann merkten wir: Sein Knie ist einfach nicht mehr genug gesund, um Spitzenleistungen zu bringen.«

Lynette und Robert Federer waren stets ein wichtiger Teil in Rogers Karriere und immer für ihn da, ohne sich aufzudrängen. Sie verbrachten viele Monate mit auf der Tour. Der Vater, der das Reisen schon immer im Blut hatte, blickt mit Wehmut auf diese Jahre zurück: »Früher gingen wir im Januar nach Australien, kamen nach Hause, gingen in die USA, nach Indian Wells und Miami. Dann folgten Paris und Wimbledon, ehe es wieder in die USA ging.« Die Wege ihres Sohnes so nahe miterleben zu können, sei schon einmalig gewesen, ergänzt Lynette – umso mehr, als sie dadurch auch viel Zeit mit den Zwillingen Myla und Charlene sowie Leo und Lenny verbringen konnten. »Es ist für ihn ein schöner Zeitpunkt, um sich zu verabschieden. Die letzten Monate mit den Verletzungen und der Corona-Pandemie waren schon nicht einfach.«

Sie und ihr Mann haben hautnah miterlebt, wie schwer sich Roger damit tat, sich zum Rücktritt durchzuringen. »Uns wurde bewusst, wie gerne er immer noch Tennis spielt.« Sie seien stets über die Lage ihres Sohnes informiert und auch dabei gewesen, als er seinem Team den Beschluss in einer Telefonkonferenz verkündete, sagt der Vater.

»Die folgenden Wochen waren auch für uns nicht einfach. Alle, die wir antrafen, fragten nach ihm: Wie geht es Roger, was macht sein Knie? Spielt er in Basel? Spielt er nicht? Trainiert er überhaupt schon? Wann spielt er denn endlich wieder? Der Moment, als er seine Entscheidung bekannt gab, war in dieser Hinsicht eine große Erleichterung.«

Die Eltern des zwanzigfachen Grand-Slam-Siegers sind dankbar, dass er sich am Laver-Cup verabschieden kann. »Bei diesem Turnier hat er die Zügel selber in den Händen«, sagt Robert, »dazu findet es in einer der schönsten Tennishallen der Welt statt. Und noch dazu in London, wo es auch immer viele Schweizer im Publikum gibt.«

»London ist für ihn eine Stätte, an der er viele seiner größten Erfolge feiern konnte«, ergänzt Lynette, »und das schon als Junior. Das ist für ihn ein angenehmer Ort, um ein letztes Mal auf dem Platz zu stehen. Dazu hat er ein Team um sich herum, was für ihn sehr wichtig ist.«

Die Eltern Federer sitzen beim Abschiedsspiel ihres Sohnes in der Nacht auf Samstag in der ersten Reihe. Auch sie vergießen immer wieder Tränen; vor allem, als sie ihn nach der Partie in der aufgewühlten Arena unten auf dem Court umarmen. »Es hätte gar nicht besser sein können«, sagt mir Robert am Tag danach. »Es war für alle sehr emotional, nicht nur für Rogi. Auch für die anderen Spieler, insbesondere Nadal.«

»Das Publikum zeigte große Begeisterung und wahnsinnig viele Emotionen, schon während der Partie«, wird sich Lynette später erinnern. »Die Abschiedsfeierlichkeiten dauerten zwar sehr lange, aber man spürte, dass alle sehr dankbar waren, auch die Fans. Für uns war es ein wunderbares Erlebnis, wir kehrten mit sehr guten Gefühlen zurück ins Hotel.«

5. Die Vorboten

Federers letztes Match vor der Rücktrittspartie lag über 14 Monate zurück, jenes alarmierende Viertelfinale in Wimbledon 2021 gegen den Polen Hubert Hurkacz, das er 3:6, 6:7, 0:6 verlor. Wochen später wurde klar, dass er sein Problemknie in der Rasensaison wieder überlastet hatte, und Mitte August wurde eine dritte Operation notwendig. »Ich will später wieder gesund sein und herumrennen. Und ich möchte mir einen Funken Hoffnung bewahren, nochmals auf die Tour zurückzukehren«, teilte er zu diesem Zeitpunkt über Instagram seinen Fans mit.

Seine Verletzungsphase hatte allerdings schon viel früher begonnen: Bei den Australian Open 2020 stieß er, obschon sichtlich angeschlagen, in die Halbfinals vor. Am 19. Februar wurde sein rechtes Knie, das ihm schon länger Probleme bereitet hatte, in der Schweiz operiert. Da hatte Federer noch Glück im Unglück: Seine Zwangspause begann just in der Phase, als das Coronavirus die Welt lahmlegte. Doch die Reha zog sich in die Länge. Aus der beabsichtigten Rückkehr während der Sandsaison wurde nichts. Dafür musste er sich Mitte Juni einer zweiten Knieoperation unterziehen, worauf er die Saison für beendet erklärte.

Es sollte schließlich 405 Tage dauern, bis Federer wieder in der ATP-Tour zu sehen war: In Doha schlug er 2021 beim Comeback mit Daniel Evans gleich einen Top-30-Spieler, ehe drei weitere Sätze gegen Nikoloz Basilashvili zu viel für ihn waren (6:3, 1:6, 5:7). Danach pausierte er wieder. Zwei Monate später unterlag er beim nächsten Einsatz, auf Sand am Geneva Open, sogleich dem Spanier Pablo Andujar, was für Roland Garros nichts Gutes verhieß.

Doch das Wettkampffeuer loderte immer noch in ihm, und auch seine Winner-Mentalität war noch da. Mit hart erfochtenen Siegen über Marin Čilić und Dominik Koepfer qualifizierte er sich in Paris für die Achtelfinals, wo er gegen Matteo Berrettini, körperlich an seine Grenzen gekommen, Forfait erklären musste.

Nach einer weiteren Startniederlage zum Auftakt der Rasensaison – in Halle gegen Félix Auger-Aliassime – reiste der alternde Champion weiter nach Wimbledon. Wo, wie sich zeigen sollte, seine Karriere faktisch zu Ende gehen würde. Zwar überstand er gegen Adrian Mannarino, Richard Gasquet, Cameron Norrie und Lorenzo Sonego sogar die ersten vier Runden – und wunderte sich selber darüber, spielte er doch praktisch auf einem Bein – doch »das ganze Comeback war hart und extrem schwierig. Ich konnte es kaum fassen, dass ich in dieser Form das Viertelfinale erreichte. Denn ich war weit weg von 100 Prozent, konnte mich nicht normal präsentieren.«

Auch für einen Ausnahmekönner geht der Krug zum Brunnen, bis er bricht, und in diesem Wimbledon-Viertelfinale gegen Hubert Hurkacz brach er für Federer. Beim 3:6, 6:7, 0:6 gegen den Polen erinnerte er nur noch ganz selten an jenen Spieler, der diesen Weltsport revolutioniert und unter den Zuschauern immer wieder für Ekstase gesorgt hatte. Im dritten Durchgang brach er komplett ein. »Der letzte Satz brachte eine der schlimmsten Stunden meiner Karriere. Weil ich merkte: Es ist aus, da kommt nichts mehr. Ich hatte ein Feuerwerk in meinem Kopf und dachte: So kann es mit dem Knie einfach nicht weitergehen.«

Federer träumte in seiner ausgedehnten Auszeit, die folgte, nicht mehr von großen Triumphen. Er hoffte einfach nur, wenigstens noch einige ATP-Turniere bestreiten zu können. »In dieser Phase wurde mir klar, dass ich wohl nie mehr Grand-Slam-Turniere würde spielen können. Aber ich wollte weiterspielen, auch wenn es nur kleinere Turniere gewesen wären. Schon das wäre super gewesen.«

Den Laver-Cup in Boston im Herbst verfolgt er als Überraschungsgast mit Krücken. Am Rand der Veranstaltung spricht er davon, vielleicht einmal selber Captain der Europäer zu werden; 2022 in London wolle er aber nochmals als Spieler dabei sein.

Wie weit er körperlich zurückgefallen ist, macht er in seinem einzigen persönlichen Interview klar, das er in diesen Monaten gibt. Dem Westschweizer Kollegen Mathieu Aeschmann, als Junior einst ein Trainingspartner, verrät er Mitte November: »Ich wäre unglaublich überrascht, 2022 in Wimbledon antreten zu können.« Federer arbeitet in diesen Monaten vornehmlich mit seinem Physiotherapeuten Daniel Troxler sowie seinem Fitnesstrainer Pierre Paganini. Erst Ende Februar kehrt er auf den Tennisplatz zurück, die ersten Bälle spielt er mit Mirka.

Es ist nicht so, dass er in diesen Monaten fern der Tennistour aus der Öffentlichkeit verschwunden wäre. Er taucht bei einer Hochzeit in Venedig auf, weiht in Basel eine Tram mit seinem überlebensgroßen Konterfei darauf ein, kommt diversen Verpflichtungen für Sponsoren nach, besucht den Skizirkus in der Nähe seines Chalets in Lenzerheide oder dreht einen Werbesport für Schweiz Tourismus, zusammen mit Oscar-Preisträgerin Anne Hathaway. Er reist zudem für seine Stiftung nach Malawi, besucht das Mercedes-Team beim Formel-1-Grand-Prix in Barcelona und präsentiert via Instagram stolz das neueste Familienmitglied, Hund Willow.

Am 3. Juli 2022 hat Federer in Wimbledon seinen größten Auftritt auf einem Tennisplatz seit einem Jahr. Tennisgrößen aus allen Ecken und Enden der Welt reisen zum 100. Jubiläum des Centre Courts an. Federer zögert lange, ob er diesen Termin wahrnehmen soll, entscheidet sich schließlich dafür – und wird es nicht bereuen.

Als er unter riesigen Ovationen auf den Court läuft, ist er so überwältigt, dass er die Tränen zurückhalten muss. »Ich hoffe, dass ich zurückkommen kann. Noch einmal. Ich vermisse das Turnier, wäre gerne hier gewesen«, sagt er im kurzen Platzinterview. Inzwischen deutet indes nichts mehr auf ein baldiges Comeback hin. Zwar haben ihn die Swiss Indoors in Basel im April als Teilnehmer ihres im Herbst stattfindenden Events angekündigt, doch Turnierpräsident Roger Brennwald wartet seither vergeblich auf ein Update des zehnfachen Siegers. Unter Insidern ist es ein offenes Geheimnis, dass Federers Therapie ins Stocken geraten und er weit davon entfernt ist, in den Wettkampf-Circuit zurückzukehren.

Dass er sich nur wenige Tage nach diesem Auftritt in Wimbledon zum Rücktritt durchringen wird, ahnt an jenem Sonntag indes kaum einer.

6. Paganini

Pierre Paganini und ich wissen, dass dieser Tag für uns beide ein spezieller, etwas sentimentaler ist, als wir uns im Dezember 2022 im Foyer des Medienhauses Tamedia in Zürich treffen. In einer diskreten Ecke in einer Galerie oberhalb der Kantine führen wir eine Art Abschiedsinterview. Roger Federer ist zurückgetreten, und seinem inzwischen 65-jährigen Konditionstrainer ist klar, dass er ab 2023 nur noch punktuell arbeiten wird, vor allem mit Stan Wawrinka. Für mich dagegen ist es das letzte Interview, das ich für meine Redaktion führe, bevor ich sie nach fast 30 Jahren verlasse. Es dauert über zwei Stunden.

Paganini ist nicht nur eine der wichtigsten richtungsweisenden Personen in Federers Karriere, sondern auch einer der feinsten Menschen, die ich als Journalist kennengelernt habe. Der frühere Fußballer und Leichtathlet hat sich mit Leib und Seele dem Tennis verschrieben und als Fitnesscoach in diesem Sport Pionierarbeit geleistet, zuerst mit Marc Rosset, dem Olympiasieger von 1992, den sehr erfolgreichen Maleeva-Geschwistern und dem Schweizer Davis-Cup-Team, dem er elf Jahre angehörte. Im Jahr 2000 holte ihn Federer als Privattrainer in sein Team, wenig später begann auch Wawrinka, von Paganinis Fachwissen und Weitsicht zu profitieren. Wie für Federer wurde Paganini auch für den dreifachen Grand-Slam-Sieger aus Lausanne zu einem wichtigen Berater, Motivator und Freund.

Dass der frühere Geigenspieler, Sohn einer Hochschullehrerin und eines einflussreichen Musikers, in der breiten Öffentlichkeit nicht die Bekanntheit und Aufmerksamkeit erlangte, die ihm eigentlich zustanden, ist Paganinis Bescheidenheit zuzuschreiben. Er hielt sich stets im Hintergrund, drängte sich nie in die Medien und gab stets nur sehr selektiv Interviews. Oft erweckte er das Gefühl, er wäre am liebsten unsichtbar, und im Gegensatz zu vielen seiner Berufskollegen war er auch nur spärlich in den Stadien anzutreffen, nachdem ein Turnier einmal begonnen hatte.

»Meine Arbeit findet vorher statt, auf den Tribünen braucht es mich nicht mehr«, pflegte er zu sagen. »Allerdings war ich in den ersten zehn Jahren mit Roger regelmäßig bei Turnieren. Ich reiste früh an und blieb in der Regel bis zur ersten Runde. In den ersten drei Jahren beendeten wir zudem oft unsere Trainingsblöcke bei Turnieren auf dem Wettkampfbelag.« Paganini wird grundsätzlich: »Ich sage es klar: Ein Konditionstrainer nützt nicht viel während eines Halbfinals. Natürlich gibt es Leute, die es genießen, vor einem großen Publikum zu sitzen. Aber ich bin einer, der happy ist, wenn er in Ruhe arbeiten kann. Und meine Arbeit muss vor den Turnieren und in den Aufbaublöcken stattfinden.«

Der Westschweizer erlebte nur 3 der insgesamt 23 Grand-Slam-Titel seiner Spieler live im Stadion. Dabei wurde er Zeuge, wie Federer und Wawrinka 2009 und 2015 in Roland Garros triumphierten, 2017 war er auch bei Federers achtem und letzten Wimbledon-Sieg dabei.

»Rogers Rücktritt war auch für mich schmerzvoll, ein kleiner Schock«, sagt Paganini, dessen hellwacher Blick an einen Raubvogel erinnert. »Vor allem, weil wir wussten, dass er noch immer das Potenzial für große Erfolge hatte. Er war zudem noch voll motiviert, seine Freude am Trainieren war immer noch echt. Er wirkte auf mich nie wie ein 40-jähriger Tennisspieler.«

Die Leidenschaft für das Tennis, die er bei dem 20-fachen Grand-Slam-Sieger auch noch am Ende von dessen Karriere beobachtete, verblüffte Paganini immer wieder. »Es ist schwierig, sie zu erklären. Ich spüre sie auch jetzt noch, selbst wenn ich nur einen Kaffee mit ihm trinke. Ich habe kein einziges Training erlebt, an dem Roger nicht motiviert war, selbst wenn er einmal einen schlechteren Tag hatte.«

Was Federers Rücktritt betrifft, empfindet Paganini gegensätzliche Gefühle. »Einerseits schmerzt es mich, dass ein so großartiger Spieler keine Turniere mehr spielt, und ich vermisse auch unsere Trainings«, sagt er. »Andererseits bin ich überglücklich, dass er seine einmalige Karriere so wunderschön abschließen konnte. Und als Konditionstrainer bin ich auch erleichtert. Denn du hattest schon in jedem Training etwas Druck, und oft auch Angst.«

Federers gesundheitliche Probleme hätte das gesamte Team belastet und herausgefordert, bekennt Paganini. »Der Weg zum Ziel wurde im Training immer schmaler, die Abgründe links und rechts tiefer. Wir bewegten uns auf einer Gratwanderung immer weiter voran.« Bis der Weg einfach nicht mehr begehbar war.

Paganini hatte Federer erstmals getroffen, als dieser im Alter von 13 Jahren Aufnahmetests für das Swiss-Tennis-Leistungszentrum in Ecublens absolvierte. Er bekleidete dort damals eine leitende Funktion als Koordinator von Swiss Tennis und Konditions-Nationaltrainer und erinnert sich noch gut an seine ersten Eindrücke des jungen Talents.

»Er war unglaublich konzentrationsfähig, wenn auch nicht für sehr lange. Aber in den Momenten, in denen er konzentriert war, war er extrem bei der Sache und sehr koordiniert. Das fiel mir sofort auf.« Auch als Person sei Federer damals schon außergewöhnlich gewesen. »Er war ein sehr interessanter, extrovertierter Charakter, der sich selber nicht immer im Griff hatte, was für einen 14-Jährigen allerdings normal ist. Aber er war anders als die meisten, sehr spontan.«

Damals leitete Paganini zwar die Konditionstrainings und war für Federers Planung zuständig, doch er arbeitete nicht täglich mit dem jungen Ausnahmekönner. Dennoch hat er ein klares Bild der Leistungsstärke des damals 14-Jährigen: »Er war tennismäßig sehr komplex für sein Alter, doch physisch hinkte er etwas hinterher. Anders gesagt: Er spielte viel besser Tennis, als er sich athletisch ausdrückte auf dem Platz. Das ist zwar bei den meisten Junioren der Fall. Aber da er tennismäßig ein solches Talent und sehr vielseitig war, traten diese Defizite bei ihm deutlicher zutage.«

Als Federer 1997 das Leistungszentrum nach zwei Jahren verließ, trennten sich ihre Wege vorübergehend. Federer vertraute einige Jahre auf andere Fitnesstrainer, ehe er sich an Paganini wandte. »Im Frühling 2000 rief mich sein Vater an«, erzählt Paganini. »Darauf traf ich mich mit Roger und Peter Lundgren, der eben als Trainer zu Federers Team gestoßen war, und wir tauschten uns detailliert aus.« Einige Tage später wurde die Zusammenarbeit fixiert.

Paganinis Planung war von Anfang an langfristig ausgerichtet. Er konzipierte einen Dreijahresplan für Federer – gemeinsam mit ihm. »Das war wichtig. Die Athletik und das Spiel eines Tennisspielers sind wie zwei Züge, die sich nicht im gleichen Takt bewegen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass es irgendwann eine Koordination gibt zwischen den beiden«, beschreibt er seine Philosophie. »Das Konditionstraining ist dabei viel objektiver zu beurteilen und zu planen. Es braucht eine gewisse Anzahl Trainings, eine gewisse Anzahl an Blöcken, damit du deine Fortschritte umsetzen kannst. Beim Tennis reicht manchmal ein Tipp, und der Spieler checkt es – manchmal kann es aber auch Monate dauern.« Paganinis Ziel war, für Stabilität im athletischen Bereich zu sorgen. »Und dafür nahmen wir uns alle die Zeit, die es eben für ein Topniveau auf dieser Leistungsstufe braucht.«

Federer sei damals »zu 120% ein Spieler« gewesen, erinnert sich Paganini. »Ihn interessierte, was auf dem Platz geschah, der Treffpunkt, der Ball, der Platz, das Spielerische. Aber er wusste um seine athletischen Defizite. Im Gespräch ging es damals nicht darum, ob wir diesen Aufbau machen würden – sondern wie. Wir hatten schon in unserem ersten Treffen abgemacht, dass es in einem Jahr mehrere Blöcke mit Konditionstraining geben würde, dass diese eine gewisse Länge haben mussten und dass danach auch die Erholung wichtig war. Das wurde für ihn so selbstverständlich, dass man darüber gar nicht mehr diskutieren musste.«

Einen motivierenden Einfluss hatte auch Mirka, mit der Roger seit Herbst 2000 ein Paar bildete. Die Thurgauerin galt als enorm harte Arbeiterin. »Sie hat mir die Augen geöffnet, wie hart man wirklich trainieren kann«, sagte Federer einmal. Paganini bemerkte dies sofort. »Mirka hatte einen sehr wichtigen Einfluss auf Roger. Sie hatte diesen Willen, stets vorwärtszugehen, immer weiter zu trainieren, nicht nachzulassen, selbst an weniger guten Tagen.«

Federers positive Einstellung zum Fitnesstraining erleichterte Paganinis Arbeit massiv. »Zu Beginn hatte er Respekt vor harter, athletischer Arbeit. Mit jungen Spielern arbeitet man normalerweise zuerst an den athletischen Defiziten im läuferischen Bereich. Aber bei ihm machte ich zu Beginn mehr Tenniskondition, weil es spielerischer war und ich wusste, dass er sich schneller hineinleben würde. So wuchs seine Motivation, weil er nicht nur herumrennen musste. Als er diese Motivation hatte, konnte man mit ihm alles machen.«

Auch eine andere Qualität Federers kam Paganini im Trainingsalltag entgegen: Seine Fähigkeit, ganz in der Gegenwart zu leben, in einer Aufgabe aufzugehen. »Er ist sackstark darin, im Moment zu leben. Wenn es vor dem Training etwas Außergewöhnliches gab – ob positiv oder negativ –, spürte man es beim Trainieren nicht mehr. Er besitzt einfach diese Fähigkeit, sich mental nicht zu verzetteln, nicht zu viel mentale Energie zu verbrauchen, und kann sich sehr gut abgrenzen. Wenn er etwas von elf bis zwölf Uhr macht, gibt es für ihn nur das. Was vorher gewesen ist und was nachher kommt, vergisst er, sperrt es in einen Schrank. Er ist immer 100% bei der Sache.« Das töne zwar sehr einfach, aber es Tag für Tag auszuleben – »Wow!«