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Rosalies krisenerprobter Vater hat Sinn für Humor und den braucht er auch, denn in seiner Tochter schlummern ungeahnte Kräfte. Wahrscheinlich wäre Rosalie auch ahnungslos geblieben, gäbe es an der Seite ihres alleinerziehenden und besten Papas von allen nicht eine Blondine, die in dem kleinen Energiebündel einen Störfaktor sieht, den es aus dem Haus zu schaffen gilt. Rosalie kontert mit einem ähnlichen Plan: Weg mit der Blondine! Zuerst strapaziert sie bei der Umsetzung nur die Lachmuskeln ihres Vaters, dann seine Geduld und schließlich seine Nerven. Als er die Bremse zu ziehen versucht, ist Rosalie nicht mehr zu bremsen und die "Hexe", die sie mobilisiert hat, auch nicht.
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Seitenzahl: 47
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Sue Schmidt
Rosalie did it
Dem Schicksal einen Tritt in den Hintern
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Rosalie did it
Story gefallen? Weitere Rebellen mit Herz und Verstand
Impressum neobooks
Die Atmosphäre war geladen, knisterte beinahe, und Andreas wusste, dass sein durchdringender Blick nichts mehr ausrichten konnte. Wenn die Mundwinkel seiner Kleinen so tief in Richtung Kinnlade rutschten, wenn ihre Korkenzieherlocken aussahen, als wäre ein Stromstoß hineingefahren, stand sie kurz vor einer emotionalen Entladung. Er sah den Count-Down regelrecht in ihrer Mimik ablaufen: Drei, Zwei, Eins, Null ...
„Iiiiihhhh! Bäh! Mach’s weg! Das ist grässlich! Das kann ich nicht essen!“ Rosalie starrte ungläubig auf ihren Teller, dann auf den Topf, wo zerkochtes Fleisch zusammen mit kränklich blassem Kraut vor sich hindampfte und einen Geruch in der hochtechnisierten Wohnküche verströmte, der jedes Hungergefühl in die Flucht schlug. Sie ignorierte den brüskierten Blick von Olga, die diese Mahlzeit verbrochen hatte, und stieß ihren Teller von sich.
Andreas griff geistesgegenwärtig nach einem kippenden Glas, erwischte es, noch bevor sich sein dunkelblauer Inhalt über Olga ergießen konnte, musterte es mit einem seltsamen Gesichtsausdruck und schob Rosalies Teller an seinen Platz zurück. „Schieb deine Mundwinkel wieder nach oben, Schätzchen, sonst trittst du noch darauf. Und das war nicht sehr nett. So etwas sagt man nicht. Wirklich nicht.“ Er musste sich die Zurechtweisung abnötigen, weil er das Essen ebenfalls grässlich fand. Olga hatte Vorzüge, aber kochen konnte sie nicht. Dafür konnte sie gut aussehen, so gut, dass einem der Verstand ein paar Stockwerke tiefer rutschte und einen Hebekran brauchte, um die normale Tätigkeit wieder aufzunehmen. Sie war die neue Frau in seinem Leben, die erste, seit seine nicht wirklich bessere Hälfte mit einem muskelbepackten Fitnesstrainer das Weite gesucht und auch gefunden hatte.
„Nicht nett?“ kam es säuselnd zwischen Olgas Angelina-Jolie-Lippen hervor, „Das war grob unhöflich, Rosalie. Sehr schlechte Manieren.“ Ihre langen Wimpern reichten fast bis zu den schmal gezupften Augenbrauen.
Rosalies Nase kräuselte sich. Sie konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn Olga so säuselte, mit diesem Lächeln, das keines war, und dem Blick einer Katze, kurz bevor sie zum beuteerlegenden Sprung ansetzte. Sie schob trotzig ihr Kinn nach vorn. „Aber das kriegt niemand runter. Es riecht wie Stinkesocken, und es ...“
„Brrr! Rückwärtsgang einlegen, Schätzchen“, stoppte ihr Vater sie und stellte das unter die Lupe genommene Glas zurück. Er konnte sichdie Gleichgewichtsstörungnämlich nicht erklären. Rosalies Teller hatte es nicht berührt. „Erinnerst du dich noch an unser letztes Gespräch?“ Er versuchte seiner Stimme einen strengen Tonfall zu geben. „Über Höflichkeit und so? Wir beide haben abgemacht, dass du ...“ Er brachte den Satz nicht zu Ende. Das Glas kippte erneut. Und dieses Mal erwischte er es nicht. Es nützte auch nichts, dass er blitzschnell nach einer Küchenrolle griff, um die Tischpfütze daran zu hindern, sich ihren Weg zu bahnen. Die ersten Tropfen des dunklen Traubensaftes hatten Olgas Armani-Kostüm schon erreicht und ließen sie auf russisch fluchend vom Stuhl springen. Auch Rosalie sprang vom Stuhl, schnappte sich ein Stück Brot und stampfte aus der Küche.
Andreas ächzte. Er besaß mehr Durchblick und Humor als der Himmel Sterne, kam beruflich mit den katastrophalsten Situationen zurecht, konnte auf der Baustelle jeden Streit schlichten, wusste, dass es so etwas wie eine „miese Aura“ gab und dass Dinge kaputt gehen und die Elektronik spinnen konnte, wenn der Bauträger zu viele Typen mit „mieser Aura“ einstellte, aber Rosalie hatte keine miese Aura und dieses Glas keine sensible Elektronik. Warum zum Henker war es also umgekippt?
Olga tupfte mit erhitztem Gesicht aber perfekt unterdrückter Wut ihren Rock ab. „Hast du eigentlich schon einmal an ein Heim gedacht? Dort würde man ihr beibringen, wie man sich benimmt.“
Er öffnete den Mund, klappte ihn wieder zu und sagte schließlich. „Ein Heim? Eher würde ich daran denken, meinen ... meinen Schädel kahl zu rasieren und das Wort ‚Depp’ hineinzutätowieren. Mit Rosalie kann man reden, Olga. Außerdem hat sie das Glas nicht umgeworfen.“
„Hat sie doch. Sie hat den Teller dagegen gestoßen.“
„Hat sie nicht. Der Teller hat das Glas nicht berührt.“
„Ach ja? Wer war es dann? Der heilige Geist?“ Andreas’ Anhängselproblem ging ihr mehr auf die Nerven als ihr Visagist, wenn er den Lidstrich so verzog, dass sie wie nach einer Nacht auf Speed aussah.
„Niemand. Es ist einfach umgefallen.“
„Kein Glas fällt einfach um. Dann hat sie an der Tischdecke gezogen.“ Es hörte sich sachlich an, obwohl es in ihr brodelte. Sie war gut darin, ihre Aversionen gegen Rosalie nur in dieses Säuseln zu wickeln oder in die Wurstscheiben von Rosalies Pausenbrot, indem sie es mit ein paar Tropfen Lebertran „aufpeppte“, wenn er nicht hinsah. Man vergraulte schließlich nicht den Mann, der genau die Mischung aus Männlichkeit und Kontostand war, die man gesucht hatte.
„Sie hat nicht an der Tischdecke gezogen. Das hätte ich gesehen.“ Andreas nahm das Glas noch einmal hoch, befühlte den gerippten Boden, ertastete eine Rippe mit abgebrochener Kante, verstand es trotzdem nicht und entsorgte es im Mülleimer. „Und dein Kostüm werde ich dir natürlich ersetzen. Nenn mir den Preis und lass mich in Ohnmacht fallen.“
Olga nannte ihm den Preis und er fiel tatsächlich fast in Ohnmacht, während sie die blondgefärbten Haare in den Nacken warf und ihm erklärte: „Ich kann als Fotomodell nicht in billigen Klamotten herumlaufen. Meine Konkurrenz schläft nicht.“
Rosalie war brotkauend hinter der Tür stehen geblieben, fragte sich, was ein Heim sein sollte, und konnte gerade noch einen Satz zur Seite machen, als Olga an ihr vorbeirauschte und die Treppe zum ersten Stock trotzStöckelschuhenund unterdrückter Wut stolperfrei bewältigte. Rosalie wartete, bis sie eine Tür ins Schloss fallen hörte, dann eilte sie ebenfallsnach oben
