Rückkehr nach Wien - Hilde Spiel - E-Book

Rückkehr nach Wien E-Book

Hilde Spiel

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Beschreibung

Hilde Spiels Tagebuch von 1946 ist ein Zeitdokument besonderer Qualität. Es zeugt sowohl von der Scharfsinnigkeit der Autorin als auch – präzise und liebevoll beobachtet – vom übriggebliebenen Flair der bis in ihren Grundfesten erschütterten Stadt Wien. Nachdem Hilde Spiel 1936 vor den Nazis nach London geflüchtet war, kehrt sie als Nachkriegskorrespondentin nach Wien zurück. Feinfühlig und berührend schildert sie, was in der Stadt und in ihr selbst vorgeht, mit einer "fast blinden Passion für alle Verkörperungen des nur noch rudimentär und illusionär vorhandenen alten Österreich".

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2024

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29. Januar 1946

Lange vor Tagesanbruch komme ich in der St. James’s Street an und höre, der Flug nach Wien sei abgesagt. Dies ist eine der subtilen Martern unserer Zeit: Man wird, mit allen Sinnen einem Ziel entgegenfiebernd, das bereits greifbar nahegerückt scheint, zurückgeworfen in ein abgetanes Leben. Als ich meinen Hügel im Vorort hinaufklettere im Morgengrauen, begegnet mir ein Soldat, der mich in Khaki mit dem Koffer in der Hand sieht und mir zuruft: »Aus dem Krieg zurück, Love? Nie mehr Naafi-Kantine!«

Ich nehme Zuflucht zu einem Schnupfen, der seit Tagen in mir gebrodelt hat. Im Bett, vor mich hin dämmernd, vertrödle ich den überflüssigen Tag. Der Sommer vor elf Jahren fällt mir ein, als eine Erkältung meiner ersten An-kunft am Ärmelkanal ein besonderes Aroma gab. Aus Österreich kommend, hatte ich am Ende einer belgischen Reise Ostende erreicht. Mein Geld war fast verbraucht, aber ein freundlicher Hotelier erlaubte mir für fünf Francs, in einer unbenützten Dachkammer zu schlafen. Die salzige Luft, die bunt bemalten Frauen, die ich auf dem Weg vom Bahnhof her gesehen hatte, versetzten mich in eine Art Rausch, so dass ich mir, zum ersten Mal im Leben, die Fußnägel lackierte. So gewappnet, heiter und sorglos in meinen Sandalen, ohne Mantel oder Überwurf, ging ich zum Strand in einem triumphalen Gefühl der Einsamkeit. Der Ozean donnerte.

Möwen hingen im milchigen Licht einer Gouache. Diese Seelandschaft war anders als alles, was ich von den Küsten des Mittelmeers gewohnt war: In der gedämpften Helligkeit der Luft lag noch ein Dunst, den mein Schnupfen um mich webte. Ein junger französischer Tenor, eine Vedette der Komischen Oper – gedrungen, mondgesichtig und in etwas gekleidet, das als authentische englische Ausrüstung pour le sport gedacht war –, lud mich in die Bar Anglais ein zu einem Glas Port und einem Stück Cheddar. Dies und eine Omelette, die ich abends in einem billigen Restaurant der Innenstadt aß, waren verklärt durch den Salzgeschmack, der alles durchdrang. Am nächsten Tag war meine Erkältung weg, vom Meereswind vertrieben. Ostende wirkte danach erstaunlich schal, und ich beeilte mich, den Orientexpress nach Wien zurück zu nehmen.

30. Januar

Um vier Uhr früh breche ich von Neuem auf. Ziemlich hohes Fieber wirkt auf mich, als wäre ich leicht betrunken. Während ich durch die Nacht zu unserer kleinen Sta-tion gehe, gehüllt in einen groben Militärrock, Pelzhandschuhe und einen khakifarbenen Schal, fühle ich jene alte Einsamkeit wieder in mir aufsteigen und mich beflügeln.

Diesmal erwarte ich mir mehr als die wohlbekannte Sensation des Reisens. Nicht etwa, wie das Wort »Kriegskorrespondent« auf meiner Achselklappe anzeigen will, die naive Freude des Journalisten am Betreten unerforschten Bodens. Schon viele haben vor mir Europa wiedergesehen. Seit sechs Monaten liegen die britischen Truppen in Wien, und lange vorher hat man aus Berichten von seiner Belagerung und Einnahme durch die Rote Armee gehört. Meine eigenen Hoffnungen sind anderer Art. Ich bin daran, die letzten Spuren eines öden und elenden Krieges auszutilgen, den ich in der täglichen Schlange vor dem Fischladen, in nächtlicher Feuerwache und in Gebärkliniken verbracht habe, unter vielfältiger, aber dennoch monotoner Gefahr. Ich werde mein gegenwärtiges Leben mit meinem vergangenen vergleichen, meine Loyalität prüfen und mein Gefühlsvermögen einem Experiment unterziehen. Jahrelang wurde ich an heftigen Empfindungen gehindert, zuerst vom Vorbild englischen Gleichmuts, dann unter dem Diktat des anders unerträglichen Krieges. Die Langeweile und der Schrecken der Kampfhandlungen haben jeden seelischen Aufruhr zum Schweigen gebracht. Ruhe und Ausgeglichenheit wurden zu den rettenden Tugenden; sie bewirkten auch, wie es nicht anders möglich ist, den mählichen Tod der Inspiration. Ich wusste immer, dass der Wechsel das Klima des Schriftstellers sei. Was ich nicht wusste, bevor dieser Krieg es mich lehrte: dass man fruchtbar aufgewühlt wird nicht so sehr von äußeren wie von inneren Konflikten, vom ständigen Aufflackern emotioneller Kontraste. Diese Kontraste waren mir an der Heimatfront versagt geblieben. Jetzt stehen sie mir bevor.

Heute früh, so scheint es, fliegen wir tatsächlich ab. In einem Seemuschel-Sonnenaufgang fährt man uns nach Croydon. Eine Dakota nimmt uns auf und startet nach Brüssel. Der Himmel ist wolkenlos. Wir überqueren die Küste von Kent, dann das metallene morgendliche Meer. Nach den Kratern von Dünkirchen endlich die Pappel-alleen, die schmalen gewundenen Kanäle und kahlen Winterwiesen von Belgien. Dieses rührend fahle Grün ist für mich die erste Wiederbegegnung mit einer kontinentalen Kindheit; meine eigenen Kinder wachsen auf üppigen englischen Rasen auf.

Später

Wegweiser, auch den dumpfsten soldatischen Gehirnen verständlich. Sicherheitskontrolle, Gutscheine für die Mahlzeiten, die Naafi-Kantine. In diesem kargen Raum, von einer Londoner Cafeteria nur durch einen schwelgerischen Aufbau von Obst unterschieden, suche ich mich vergeblich davon zu überzeugen, dass ich in Brüssel bin. Sainte Gudule und die engbrüstigen gotischen Häuser waren aus der Luft zu sehen gewesen, als wir zur Landung niedergingen. Dieses Flugfeld aber ist Niemandsland, ein Hemmnis der Phantasie. Könnte ich jetzt zur Stadt fahren, fände ich dann noch meine Freunde darin? M., bei der ich 1935 abgestiegen war – ein Mädchen voll übermütiger Laune? Nach ihrer Heirat mit einem Belgier nahm sie rasch die Eigenschaften einer banne petite bourgeoise an, verwöhnte ihren kränklichen Mann, nannte ihre Kinder Lucienne und Claudine. Das naivste Anzeichen ihrer Häuslichkeit, als ich damals bei ihr wohnte, waren jene zwei gestrickten Bällchen in Form und Farbe einer Orangeund einer Zitrone, die sie an den Schlüsseln ihrer Schlafzimmerschränke befestigt hatte.

Von einer Herkunft, die sie den deutschen Eindringlingen nicht empfahl – ist diese kleine Familie wohl aus ihrem Haus in Schaarbeck vertrieben, ist sie in versiegelte Viehwagen gesteckt worden, deportiert und vergast? Oder hat sie sich durch Flucht vor diesem Schicksal retten können, taumeln die Zitrusfrüchte immer noch an dem verlassenen Schrank?

Und Paul und Richard – der Wallone und der Flame, die einander in brüderlicher Freundschaft verbunden waren? Paul, der in der belgischen Hauptstadt ein Leben von Pariser Verfeinerung führte, hatte mir seine Junggesellenwohnung geliehen, indes er nach Venedig fuhr. Ich verbrachte zwei Wochen in diesem preziösen Zimmer mit dem gläsernen Tisch, den Duke-Ellington-Platten und den malvenfarbenen Anzügen, dem italienischen Majolika-Service. Ich lebte von Garnelen und Pfirsichen und fromage blanc, die ich unten im Laden kaufte. Unter seinen Büchern fand und las ich zum ersten Mal Gides »Nourritures terrestres« und Paul Drouots »Eurydice deux fois perdue«. Nachts stellte ich sein Radio auf Ambrose’s Band in London ein. Bevor ich abreiste, kaufte ich ihm einen Badezimmerspiegel, der ihm offenbar fehlte. Ich sah ihn nie wieder. Ist er in diesem Krieg in der Résistance gestorben, oder hat er Patronenhülsen in einer deutschen Kriegsfa-brik gedreht? Schlimmer noch, hat Richard sich zur Kollaboration bewegen lassen, mit seinem flämischen Phlegma und blauen, teutonischen Auge?

Unsere militärischen Zeremonienmeister bedrängen uns. Wir müssen eilends weiter, nach Frankfurt. Der Himmel hat sich bedeckt. Die Nase zu den Wolken hin gerümpft, deutet der Pilot an, dass wir heute vermutlich nicht bis Österreich fliegen werden.

Nachmittag

Eine Stadt, die uns in Todesgrinsen vom winterlichen Boden entgegenstarrt. Eine holprige Landung. Wir sind im Kernpunkt der amerikanischen Besatzung von Deutschland: das Frankfurter Militärflugfeld. Im Wartesaal eine scheinbar bewegte, in Wahrheit statische und ziellose Menge, die unablässig auf der Stelle tritt. Wir warten auf den Wetterbericht aus Wien – worauf warten alle andern? Diese G.I.s, die sich auf Stühlen rekeln, rund um den Ofen fläzen oder sich weit über den Auskunftsschalter beugen, um mit der deutschen Beamtin ein amouröses Geplänkel zu führen, haben etwas von der Eleganz der Campus-Trachten in der »Junior Vogue«. Die Mädchen, in ihren unsichtbaren Nylonstrümpfen, hochhackigen Pumps und olivgrünen Uniformblusen mit Kapuzen von erlesenem Schnitt, scheinen den Krieg und die Besatzung auf die modische Ebene zu heben, als eine Aufgabe, derer man sich kühl und geschickt entledigt, im besten Schneiderkostüm. Der Duft von brennendem Fichtenholz mischt sich mit dem Geruch der Chesterfields. Geschlossenen Auges könnte man sich in einem Schweizer Winterkurort vor dem Kriege wähnen, wo über dem heimisch-derben Dialekt transatlantische Laute und Oxford-Englisch gleich hochmütigen Rauchschwaden wehen.

Haufen missmutiger Kriegsgefangener in allen Ecken, die unentschlossene Versuche machen, den Boden zu fegen, und nach Zigarettenenden schnappen, sobald diese den schläfrigen Fingern der Amerikaner entglitten sind. Vom fern gelegenen Teil des Saales zeitweilig Gebell, wenn irgendwelche Flüge angekündigt werden. In dem stickigen Raum ist mein Schnupfen aufgetaut; ich sitze da in einem unbequemen Schweigen. Der Oberst und der Oberstleutnant an der Spitze unserer Passagierliste, zwei aufgeblasene Herren, fauchen von Zeit zu Zeit den Flugsergeanten an, der hier ein untergeordnetes Dasein als britischer Verbindungsoffizier führt. Stunden vergehen, jene endlosen verschwendeten Stunden des Militärlebens, wenn der Befehl nicht eingetroffen, das Fahrzeug nicht angekommen ist, wenn die Messe noch nicht geöffnet oder die Schlacht noch nicht begonnen hat, Stunden, in denen man im Raum ausgesetzt und in der Zeit vergessen ist, scheinbar für immer.

Schließlich bringt man uns nach Frankfurt, wo wir übernachten sollen. Nichts außer amerikanischen Straßenschildern leuchtet in dieser Landschaft fahler Farben – wir sehen nur müdes Grün, schmutziges Weiß, trübes Ocker, dämmriges Braun. Unsere Niedergeschlagenheit, als wir die Stadt erreichen, wird viel eher durch ihre Trübsal bewirkt als durch ihre Ruinen, durch den Mangel von Farbe und Licht weit mehr als durch den Überfluss von Staub und Schutt. Irgendwo setzt der Autobus uns ab, und wir stolpern dahin, umnebelt und zu matt, um uns über den Oberst und Oberstleutnant zu empören, die unser Unbehagen verlängern, indem sie auf einer Unterkunft bestehen, die ihrem höheren Rang entspricht. Ihr Kastengeist wird befriedigt. Man weist ihnen Zimmer im Carlton Hotel an, indes wir anderen, bloße Zivilisten und ein paar Frauen, in einem Schauer von Schneeregen zu einem kleinen, aber warmen Transithotel gebracht werden, das unfern davon liegt.

Eines der beiden Mädchen, die das Zimmer mit mir teilen – eine Sergeantin der »Auxiliary Territorial Services« und eine neuernannte Wohlfahrtsbeamtin der Armee in Wien –, beginnt sofort, sich zu waschen und Zivilkleider anzulegen. Ich bewundere ein Geschick, das sie sich in mehreren Jahren angeeignet haben muss, wie sie den Khakirock faltet, ihre Jacke auf die Stuhllehne hängt und die Krawatte glatt streicht. Während sie sich mit Karbolseife und Nachdruck schrubbt und dann Eau de Cologne in ihr hübsches Haar einbürstet, versucht Margaret sie über Wien auszufragen.

Wie kommt die ATS mit den Österreichern aus?

Ein leerer Blick: »Wir kennen sie kaum.«

Was für Vergnügungen haben die Mädchen?

»Ach, Reiten, Eislaufen, Skilaufen, was Sie wollen. Sonntags fährt ein Bus zum Semmering, wenn man früh genug aufstehen will.«

Wird auch getanzt?

»Na, was denn – wir tanzen jeden Abend in Wien. In der Bag o’Nails, so einer Art Nachtklub. Oder im Kinsky’s, dem alten Palais, wissen Sie. Ist im Grund nur für Offiziere, aber wir Mädels kommen schon rein.«

Ich liege auf meinem Bett und versuche, meinen fiebrigen Kopf auszuruhen. Das Bild des Palais Kinsky in der Herrengasse zuckt vor mir auf und verschwindet wieder. Die Freitreppe, gesäumt von mächtigen Karyatiden, weiße Barockkachelöfen und Kristallkandelaber – trotz der Sergeantin und ihrer Tänzer sehne ich mich danach, es wiederzusehen.

Nacht

Von Hunger getrieben, gehen wir noch einmal aus, über den tropfnassen Platz. Die Alliierte Transitmesse liegt zwan- zig Minuten vom Hotel am Ende einer breiten Straße, die vom Bahnhof wegführt. Unsere Flugmannschaft, blutjunge hochgewachsene und fröhliche Australier, haben in der Halle gewartet, um uns hinzubegleiten. Wir folgen ihnen in die zerstörte Stadt. Die Sergeantin tanzt auf hohen Hacken voran. Margaret hat meinen Arm genommen. Füllig, rosig, direkt, eine prächtige Frau aus Yorkshire, spart sie nicht mit erschrockenen Ausrufen über den Anblick, der vor uns liegt.

Es ist die Stunde des sinkenden Lichts. In Hauseingängen, an Straßenecken, rund um den Bahnhofsplatz, stehen kleine Gruppen von G.I.s zusammengeschart und starren durch den Regen. Aus den Seitengassen, immer zu zweit, tauchen die kleinen Lastermädchen auf – liederliche, verdorbene Gören, weniger geneigt zum Kichern, dantesker als ihre Vorgängerinnen in der Shaftesbury Avenue. Entlang unserer Straße, durch den am meisten von Bomben zerstörten Stadtteil, stapfen zahllose Menschen durch den gelblich weißen Matsch. Es sind viele Krüppel darunter, es gibt Kinder, so durchsichtig wie Puppen aus Papier, sie sind aschgrau gekleidet in grob gestrickte Rollkragenpullover und stecken in zerrissenen, mit Bindfaden verschnürten Armeestiefeln. Schließlich zwei junge Menschen, die ich nie mehr werde vergessen können. Von gleicher Größe und Gestalt – sie müssen Bruder und Schwester sein, vielleicht ein Zwillingspaar –, überqueren sie die dämmrige Straße, vorsichtig über die Haufen von Schutt und Geröll hinweg. Ihr Haar ist dünn und sehr hell, ihre Gesichter sind kreidebleich, und auf ihren blauen Lippen liegt das jenseitige Lächeln der Todgeweihten. Sie sind so offenkundig am Ende ihrer Kraft, dass man zweifeln muss, ob sie heute Abend noch ihre Wohnung erreichen werden. Aber wie verirrte Kinder im Märchen suchen sie langsam ihren Weg durch die Wildnis aus zersplittertem Mauerwerk und geborstenem Stein.

Würden wir nicht durch viele feindselige Blicke daran gemahnt, dass diese deutsche Tragödie nicht die unsere ist, wir könnten die fröhliche Stimmung in der Transitmesse nicht ertragen. Die Messe liegt in einem Keller unter einer riesigen Ruine; Kellner und Besucher schaffen vereint eine Atmosphäre von dichter Gemütlichkeit. Der grün gekachelte Ofen verströmt Hitze. Rundliche Serviermädchen mit blonden Zopffrisuren schwingen Steingutkrüge voll Bier. Man stellt große Platten vor uns auf den Tisch, angehäuft mit Fleisch in dickem Bratensaft, fettglänzendem Gemüse, schwerem Kuchengebäck. Wir sind hungrig, und wir essen. Doch während wir essen, spüren wir, wie eine Schicht von Verhärtung unser Gefühl umschließt. Wir schämen uns und suchen nach einer Erklärung, einer möglichen Rechtfertigung solch furchtbaren Widerspruchs.

»Nein, es ist ein Unrecht«, sagt Margaret. »Aber es bleibt ein Unrecht, ob ich in Frankfurt oder Ilkley bin. Warum soll ich also nicht meinen Braten essen?«

Wir fahren mit der Straßenbahn zurück und werden nicht aufgefordert, ein Billett zu lösen. Selbst wertlose zwanzig Pfennig aber erschienen uns zu viel für eine Fahrt, in der wir, ein Häuflein Uniformierter, unter den deutschen Fahrgästen stehen, von ihnen getrennt durch eine Mauer des Hasses.

31. Januar

Atmosphärische Strömungen haben uns in viertausend Meter Höhe gezwungen. Auf diese überirdische Landschaft aus geballtem Schaum scheint die Sonne aus einem anderen, erhabeneren Himmel nieder. Unser Flugzeug segelt über ein weißes flockiges Meer, gesäumt von den Hügeln und Tälern einer unbekannten Welt. Man fühlt sich sicher, wenn man über diese Wolken gleitet, man denkt nicht an den gähnenden Abgrund, der unter ihnen liegt. Von diesem Wahn waren die jungen Piloten im Krieg erfasst: Richard Hillary schrieb davon in seinem Buch »The Last Enemy«, bevor er ihm selbst erlag. In dieser zweiten Region, dieser gereinigten Luft, fern vom Leben der Erde, treten Illusionen an die Stelle der Realität. Der Tod scheint nicht mehr ein qualvoller Rückzug aus einem verstümmelten Leib, sondern ein Schritt in die Unendlichkeit, so mühelos und unmerklich wie der Aufstieg durch diese Wolkendecke.

Nachmittag

Im Tiefflug erkennen wir den Wienerwald, armseliges Hügelland, da und dort dunkelgrüne Flecken im flimmrigen Grau. Die ersten Behausungen sind Holzhütten, hilflos vereinsamt inmitten gefrorener Bäche und Bäumen ohne Laub.

Ich entdecke Spuren, die Skiläufer über die Hänge gezogen haben. Auf solch milden Abfahrten habe ich einst den Schneepflug erlernt. Im Winter hatte die Landschaft immer eine rührende Monotonie, die melancholischen Wellenlinien des Mittelgebirges. In Bretterbuden wie diesen haben wir um einen alten Eisenofen gerastet, unser auftauendes Schwarzbrot gegessen und Skiwasser getrunken, eine rötliche Flüssigkeit mit gemischtem Zitronen- und Himbeergeschmack.

In diesem Augenblick wird mir klar, dass von nun ab jeder meiner Wege von Erinnerungen beschattet sein wird. Unvermeidlich werde ich meine Kindheit verklären – vielleicht die einzige fruchtbare Zwangsvorstellung unserer Zeit. In einem Buch über James Joyce las ich kürzlich, das Schreiben sei heute kein Schöpfungsakt, sondern ein Beschwörungsakt, gesättigt mit Reminiszenzen. Aber ich bin nicht gekommen, um mein früheres Leben zu beweinen. Ich kehre an meinen Ursprung zurück, entfremdet durch langes Fortsein, gestählt durch manchen Verlust und bereit für eine harte, vermutlich schmerzliche Erfahrung. Manchmal stehen wir im Traum unerwartet uns selbst gegenüber. Etwas von dem Schock solcher Konfrontationen liegt in der Begegnung mit der eigenen Vergangenheit.

Wir landen.

Das Schwechater Flugfeld ist von Kratern durchlöchert, seine Rollbahn mit Schneeschlamm bedeckt, aber unser Pilot geht mit einer Eleganz zu Boden, die ich bereits zu schätzen weiß. Ich steige aus, nicht sonderlich bewegt von der Berührung mit der Heimaterde: Ein Streifen Zement erweckt keinerlei Sentimentalität. Die meisten Gebäude ringsum sind von Bomben zerstört. Nur eine Halle steht noch, in der wir die Kontrolle hinter uns bringen, nebenan eine zugige Hütte, die als Kantine dient. Überdies gehört das Mädchen, das uns jetzt mit den gelangweilten Händen einer Kellnerin bei Lyons englischen Tee kredenzt, zu jenen mürrischen Wiener Blondinen, an denen mir von jeher wenig lag. Wir trinken hastig, dann besteigen wir den Autobus, der uns zur Stadt bringen soll.

Seit je war hier das Tor zur Barbarei geöffnet: Vom Osten her brachen einst Hunnen, Awaren, Magyaren über Wien herein. Asien, sagte Metternich, begänne östlich von seinem Haus. Auf dieser Ausfallstraße, vorbei am Palais Metternich, werden wir jetzt ins Zentrum gefahren. Das britische Flugfeld bildet eine Enklave in der Sowjetzone von Österreich. An seiner Ausfahrt stehen die ersten russischen Wachen in hohen Schafsfellmützen. Ihre und ihrer Kameraden Anwesenheit in diesem Vorort Schwechat raubt ihm den letzten Rest europäischer Zugehörigkeit.

Ein unebener Fahrweg mit gelber lehmiger Erde, wo die Sonne den Schnee geschmolzen hat, führt an einstöckigen Häusern vorbei, die vom Krieg beschädigt sind oder längst verfallen. Eine Holzbrücke spannt sichüber den Fluss, der hier ein schmales Gerinnsel bildet, darüber rattert ein kleiner Karren mit Sowjetsoldaten, gezogen von zwei struppigen Ponys – eine Art Bauernfuhrwerk, das in den nördlichen und östlichen Provinzen der Monarchie »Panjewagerl« hieß, der Wagen des Panje oder Herrn. Unter diesem Namen, der mir plötzlich aus vielen Schichten des Vergessens ins Bewusstsein kommt, wird man es wohl in Wien noch kennen.

Vor dem Weichbild der Stadt und nach der alten Brauerei, die seit mehr als einem Jahrhundert das berühmte Schwechater Bier erzeugt, steht eine hölzerne Triumphpforte. Sie ist grellbunt behangen mit Drucken von Lenin und Stalin; in ihrer billigen Einfalt erinnern sie an jene Heiligenbildchen, mit denen uns unsere Katecheten, zumeist jüngere Bauernsöhne, in der Volksschule für ein brav aufgesagtes Gebet belohnten.

Vorbei an dem ersten der vier Friedhöfe, auf denen Wien zu Allerseelen seine makabren Feste feiert. Hier liegen die Eltern meines Vaters. Ich aber denke an den siebzehnjährigen Knaben, den wir 1930 begruben, als er sich in einer jener unerklärlichen Launen junger Mitteleuropäer erschoss. Ich sehe seine Beerdigung: die Eltern zernichtet vor Schmerz, seine Schwester, ein wunderschönes Mädchen, das ihm, wie Laertes der Ophelia, ins Grab nachstürzen will, und rundum ein Kreis frühreifer und verwirrter Freunde, aschgrau vor Entsetzen über ihren eigenen Seelenzustand, der hier zum Äußersten getrieben war. Aus einem Land kommend, wo Cricket den Cafard besiegt, schaudere ich bei dem Gedanken an das überhitzte, hysterische Klima, in dem wir groß geworden sind. Selbst um den Preis jener Empfindungskraft, die uns damals erfüllte, erhoffe ich mir für meine Kinder ein ruhigeres Erwachsenwerden in Englands reinerer Luft.