Sackgasse - Petra Barlow - E-Book

Sackgasse E-Book

Petra Barlow

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Beschreibung

Ich wuchs als eines von vier Geschwistern in einer Offiziersfamilie in der DDR auf. Im Sinne der führenden Partei, der SED, erzogen, war es für mich selbstverständlich, volljährig dieser Partei beizutreten. Erst Jahre später kamen mehr und mehr Zweifel in mir auf, ob der von mir eingeschlagene politische Weg der richtige war. Immer häufiger wurde ich mit Widersprüchen konfrontiert zwischen dem, was die Partei- und Staatsführung erklärte und dem, was ich tatsächlich erlebte. Anfangs war ich nur irritiert. Später kämpfte ich noch gegen Ungerechtigkeiten an, doch schließlich war ich nicht mehr bereit, diese Politik zu unterstützen.

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Seitenzahl: 407

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für meine Kinder, Geschwister, Freunde, die sich immer wieder für meine Lebensgeschichte interessierten und mir letztendlich den Anstoß gaben, dieses Buch zu schreiben.

Für meine Eltern, um unser Schweigen um diese Ereignisse, die sich damals zugetragen haben, vielleicht endlich brechen zu können.

Und natürlich für alle, die sich für Geschichte - speziell DDR-Geschichte - interessieren.

Warum verließ ich mit meinen beiden Kindern meine Heimat, unsere vertraute Umgebung, unsere Familie, unsere Freunde, alles, was wir liebgewonnen hatten?

Dieses Buch beschreibt meinen Lebensweg als junge Frau in der DDR, Kindheit, Jugend, Erwachsenwerden, mein anfangs starkes Vertrauen in die Politik der DDR, meine dann zunehmenden Zweifel und diesbezüglichen Konfrontationen, die mein Urvertrauen so erschütterten, dass ich letztlich den Entschluss fasste, meine Heimat mit meinen beiden Kindern für immer zu verlassen.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Epilog

PROLOG

Immer weniger konnte ich mich mit dieser führenden Partei identifizieren, war schockiert, wie Menschenrechte mit Füßen getreten wurden und wie man die Probleme der DDR-Bürger verharmloste, ignorierte, ja sogar die politische Vormachtstellung dazu missbrauchte, sie zum Schweigen zu bringen. Immer häufiger schämte ich mich, Mitglied dieser Partei zu sein. Und schließlich beantragte ich den Austritt.

Geschwächt von den Schikanen, die ich daraufhin ertragen musste und zutiefst enttäuscht von den Machenschaften dieses politischen Regimes, denen ich mich hilflos ausgeliefert sah, stellte ich schließlich meinen Antrag auf ständige Ausreise aus der DDR und Übersiedlung in die BRD.

Und plötzlich stand ich vor dieser Entscheidung. Zwar hatte ich einen Ausreiseantrag auf Übersiedlung in die BRD laufen, eine Flucht war jedoch noch einmal etwas ganz anderes - alles zurücklassen, sich von niemandem verabschieden können und die Gewissheit, für mehrere Jahre die DDR nicht mehr betreten zu dürfen. Ich musste mich entscheiden, noch in dieser Nacht.

Dass die Existenz der DDR in so naher Zukunft so plötzlich beendet sein würde, war leider nicht abzusehen. Wahrscheinlich wäre mein Weg dann ein ganz anderer gewesen.

ERSTES KAPITEL

Nachdem ich Einspruch erhoben hatte, stand nun heute mein Termin beim Bezirksgericht an. Die Aussage meines Ex-Mannes vor Gericht war schlichtweg ein Lügengebilde gewesen, womit er sich weiterhin den Zugang zu meiner Wohnung gewähren wollte. Ich hatte Beweise dafür und war zuversichtlich, dass das Urteil geändert wurde.

Doch dann kam alles anders.

Ich stand wie unter Schock, konnte nicht begreifen und nicht wahrhaben, was ich da eben erlebt hatte. Das konnte doch nicht sein! Wie konnte ein Gericht so ein Urteil fällen, ein Urteil, welches auf ein Lügengerüst gebaut war, ohne dem widersprechende Dokumente, die ich dabei hatte, eingesehen zu haben, eine Einsichtnahme in diese Beweisstücke als nicht notwendig erklären?

Ich verstand nichts mehr. Wo war hier noch Gerechtigkeit? Welche Rechte hatte ich noch? Wem konnte ich noch glauben? An wen konnte ich mich noch wenden, wenn ich Unrecht sah, mir Unrecht widerfuhr?

Ich war machtlos! Ein „Spielball“, der Willkür der Staatsdiener ausgeliefert!

Es reichte, das Maß war voll! „Steter Tropfen höhlt den Stein“. Ich konnte nicht mehr! Nun hatten sie mich soweit, ich sah keinen Sinn mehr und hatte keine Kraft mehr aufzubegehren, etwas in diesem Staat ändern zu wollen. Weder ich, noch meine beiden Kinder würden hier eine glückliche Zukunft haben können.

Ich stellte den Antrag auf ständige Ausreise aus der DDR. Dann begann ich, mir die unterschiedlichsten Papiere, die für eine Ausreise erforderlich waren, zu besorgen, fing an zu sortieren und zu packen. Und dann auch bereits zu verkaufen.

Nervenzehrende Aussprachen und Schikanen folgten. Und dazwischen nur ein Warten, ein Warten auf die Genehmigung der Ausreise.

Wir starteten. Ich war ziemlich aufgeregt, denn es war das erste Mal, dass ich mit meinen Kindern allein in den Urlaub fuhr. Kein gewöhnlicher Urlaub, sondern Alternative. Sollten wir die Ausreise nicht bewilligt bekommen, wollten wir wenigstens einen schönen Urlaub machen, nach Ungarn fahren.

Die Beamten hatten sich in Schweigen gehüllt, obwohl ich laut Gesetz spätestens nach einem halben Jahr eine Zu- oder Absage hätte erhalten müssen. „Fahren Sie erstmal in den Urlaub“ hatten sie schmunzelnd gesagt.

Das Visum für den Ungarnurlaub für mich und meine beiden Kinder hatte ich ohne Probleme bekommen, eigenartigerweise.

„Weiterfahren! Fahren Sie weiter!“

Ich verstehe nicht. Weiterfahren? Was meinen die? Wohin soll ich weiterfahren?

Wie immer bin ich - nachdem die Ausweiskontrolle erfolgt war - rechts heran gefahren. Ich soll fahren? Wohin denn? Weiter? Keine Kontrolle? Oder doch? Wollen die mich hereinlegen, um einen Grund zu haben, mich zurückzuschicken? Nur langsam fahre ich an, noch immer verunsichert, und werde unwirsch mit grimmigem Gesicht des Beamten und heftig wedelnder Hand zum Fahren aufgefordert.

Nur sehr langsam, total verunsichert, fahre ich aus der seitlichen Parktasche heraus auf die Straße. Blick in den Rückspiegel - keine Reaktion! Keiner ruft mich zurück! Ich verstehe nicht. Wieso haben die uns gerade dieses Mal, wo ich doch sogar angab nach Ungarn in den Urlaub zu wollen, fahren lassen, ohne – wie sonst immer – das Auto förmlich auseinander zu nehmen. Ich fasse es nicht! Jedes Mal sind wir an der tschechischen Grenze kontrolliert worden. Alles mussten wir immer auspacken. Die Wäsche, selbst die Unterwäsche, wurde durchsucht, das Waschzeug, dann das Auto innen und außen, auch im Motorraum. Sogar das Frühstück mussten wir sonst immer durchleuchten lassen. Bei der Rückreise, wo wir dann Schmutzwäsche dabei hatten, waren uns die Durchsuchungen noch viel peinlicher.

Und dieses Mal nichts? Gar nichts? Was hatte das zu bedeuten? Als wollten sie gerade, dass wir abhauen. Wohin es geht, hatten sie gefragt, ob ich mich mit jemandem treffe, wer es ist und wo wir ihn treffen würden. Es hatte keinen Sinn etwas zu leugnen oder vertuschen zu wollen, das hatte mir meine Freundin mal anvertraut, sie wussten eh alles. Und trotzdem keinerlei Kontrolle? Eigenartig!

Wenn ich das gewusst hätte! Markus hatte mir gesagt, ich soll mal alles an Papieren einpacken, was für einen Neuanfang wichtig wäre, also Zeugnisse, Abschlüsse usw. Einfach so, meinte er, man wüsste ja nie. Ich hatte dazu nicht den Mut gehabt. Mir war diesbezüglich schon genug zu Ohren gekommen. Es konnte einem gleich als geplante Republikflucht ausgelegt werden, so dass man festgenommen wurde und in U-Haft kam. Und wenn es zur politischen Inhaftierung kam, wurden die Kinder in Kinderheime gesteckt und manchmal zur Adoption freigegeben. Die übelsten Fälle waren mir da schon zu Ohren gekommen! Nein, davor hatte ich eine Schweineangst! Das war mir das alles nicht wert! Das würde ich meinen Kindern nie und nimmer antun wollen.

Damit hatten sie uns natürlich in Griff, sie, die Stasi, mit dieser schrecklichen Angst, die sie uns einflößten. Und ich weiß, dass sie rücksichtslos und brutal gegen die „Klassenfeinde“, wie alle bezeichnet wurden, die sich gegen die Staatspolitik der DDR äußerten, vorgingen. Da wurde auch nicht auf die kleinen Kinderseelen Rücksicht genommen. Nein, wir, die Eltern, wurden als die Übeltäter hingestellt. Solche Eltern, die sich gegen die Politik der DDR stellten, das konnten keine guten Eltern sein! Vor solchen mussten die Kinder „gerettet“ werden, indem sie an treue Genossen zur Adoption freigegeben wurden! Ich glaube, sie waren wirklich noch davon überzeugt, richtig zu handeln, etwas Gutes zu tun. Ich fand solche Menschen, die so fanatisch für etwas eintraten schon immer sehr gefährlich. Denen war jedes Mittel recht, um ihre Interessen durchzusetzen, jedes!

Schon einmal waren wir verdächtigt worden, einen Fluchtversuch geplant zu haben. Damals waren wir in der Schweriner Gegend in Urlaub gewesen. Eines Tages, als wir die Umgebung unseres Urlaubsortes erkunden wollten, sagte Markus, dass ganz in der Nähe ein Grenzort sei. Dort könnte man vielleicht mal über die Mauer schauen, rüber in den Westen. So stellten wir uns das jedenfalls damals vor. Natürlich wollten wir gern mal sehen, wie es denn im Westen aussah. Schließlich hatten wir ja nicht die Möglichkeit, mal in den Westen zu fahren.

Auch etwas, was in meinen Augen ein totaler Widerspruch zu den ständigen „Predigten“, unter anderem im „Schwarzen Kanal“ war, einer Fernsehsendung ‚von und mit Karl Eduard von Schnitzler’, in der uns immer der „schlechte Westen“ vor Augen geführt wurde. Warum wurde uns verboten, uns selbst davon zu überzeugen? Wenn doch wirklich alles so schlecht war, würden wir doch froh sein, in der DDR zu leben und mit wehenden Fahnen zurückkommen. Und – warum stellten denn die vielen Bundesbürger, denen es so schlecht ging, keinen Antrag auf Übersiedlung in die DDR? Man versuchte zwar Gerüchte zu verbreiten, dass dies von Bundesbürgern getan würde, was aber höchst zweifelhaft war. Denn das wäre etwas gewesen, was die Medien der DDR bei jeder sich bietenden Möglichkeit triumphierend an die Öffentlichkeit gebracht hätten.

So fuhren wir also in diesen Ort, suchten eine Weile und parkten das Auto schließlich in der Nähe eines Hinweisschildes mit der Aufschrift „DDR-Staatsgrenze 5 km“ (oder so ähnlich). Wir sahen dann entlang einer Straße auf einer Seite eine Mauer und meinten, wenn wir darüber hinweg schauen würden, könnten wir viel-leicht schon etwas vom „Westen“ erkennen. Wenigstens mal schauen wollten wir, wie es im Westen aussah.

Wir waren richtig aufgeregt! Die Mauer war nicht sehr hoch, doch wir sahen nichts Besonderes und konnten auch nicht weit schauen. Das konnte noch nicht der Westen sein, mutmaßten wir.

Vielleicht mussten wir die Straße noch weiter hinaufgehen, dachten wir, und liefen weiter. Die Straße war menschenleer, bisschen unheimlich, denn es war erst später Nachmittag.

Nur ein Mopedfahrer kam uns entgegen. Als er näher kam, sahen wir, dass er Polizeiuniform trug. Vor uns hielt er an, fragte, was wir hier wollen. Wir schauten uns verwundert an. Markus antwortete, wieso er frage, das sei doch eine öffentliche Straße. Ob wir unsere Personalausweise dabei hätten, entgegnete der Beamte. Wir zeigten sie ihm. Er behielt sie bei sich, fragte, wie wir hierhergekommen seien und wo unser Auto stehen würde. Mit den Worten „Sie bleiben hier stehen und warten, bis ich zurückkomme!“ fuhr er mit den Ausweisen davon.

Nach einer Weile kam er wieder, forderte uns auf, die Straße weiter hoch zu laufen, dort sei eine Polizeistation und da könnten wir dann unsere Ausweise abholen, sie würden überprüft werden. Also spazierten wir langsam nach oben, fanden das alles sehr seltsam und uns war gar nicht richtig wohl dabei.

Oben angekommen sahen wir die Polizeistation neben einem Schlagbaum. Als wir uns dort meldeten und um Rückgabe unserer Ausweise baten, wurde uns erklärt, dass die Überprüfung noch nicht abgeschlossen sei, wir sollten uns gedulden. Dann wurden wir in einen Raum gebracht, der von außen abgeschlossen wurde. Später wurden wir dann verhört, dann wieder eingeschlossen. Es vergingen Stunden.

Wir bekamen, soweit ich mich erinnere, bisschen Wasser zu trinken in der Zeit, mehr nicht. Der Raum war leer, nur ein Tisch mit Stühlen, sonst nichts. Kein Spielzeug, keine Bücher, Zeitungen oder Zeitschriften, nichts, womit wir die Zeit mit Laura und Philipp ein bisschen hätten überbrücken können. Wir bastelten dann mit Papier, welches ich in meiner Tasche fand und erzählten Geschichten. Es wurde immer später, die Kinder wurden müde. Als sie auf Toilette mussten, wurden wir von einem Polizisten dahin begleitet, der vor der Tür stehen blieb und auf uns wartete.

Kurz vor Mitternacht gab man uns dann endlich die Ausweise zurück und brachte uns mit einem Auto direkt zu unserem Auto. Es gab keine Begründung, nur, dass die Überprüfung abgeschlossen sei.

Und das alles, obwohl wir doch wirklich nur mal in den Westen schauen wollten!

Dass uns das hätte gar nicht gelingen können, sahen wir natürlich auch erst, als wir uns oben an der Straße bei der Polizeistation melden sollten. Denn dort war ein Schlagbaum. Das Passieren war nur bestimmten Personen gestattet, auf einem Schild wurde darauf hingewiesen. Und nach dem Schlagbaum führte die Straße in dichten Wald hinein, eine Ortschaft war nicht zu erkennen.

Nach unserem Urlaub erfuhren wir dann von Markus’ Mutter, dass die Polizei in jener Nacht bei ihr geklingelt hatte und sie verhört wurde. Sie sei gefragt worden, wo sich ihr Sohn zurzeit genau befinden würde und ob er vielleicht etwas von Republikflucht geäußert habe.

Vielleicht war man auch bei meinen Eltern gewesen? Ich weiß es nicht. Gesagt haben sie nie etwas.

Mit diesen Erinnerungen im Hinterkopf hatte ich viel zu viel Angst, irgendetwas an Papieren mitzunehmen. So habe ich dann nur die Sozialversicherungsausweise eingepackt. Diese enthielten auch Angaben zur bisherigen Berufstätigkeit, aber ebenso mussten diese bei Arztbesuchen vorgelegt werden, so dass das Mitführen keinerlei Verdacht erregen würde.

Aber keinerlei Kontrolle dieses Mal! Das hatte ich, seitdem ich in die CSSR gefahren war, um mich dort mit Carmen oder Markus zu treffen, noch nie erlebt! Ich konnte mich nicht mal richtig darüber freuen, im Gegenteil, es verunsicherte mich total.

Da rollten wir nun die vielen Serpentinen bergab Richtung erste Ortschaft in der Tschechoslowakei. Langsam lachten wir nur noch über meine Unsicherheit an der Grenze. Nur noch wenige Kilometer und wir würden uns mit Markus in einem Gasthof treffen.

Ich freute mich auf ihn. Und trotzdem - dieses Treffen würde anders sein als alle vorausgegangenen. Denn nach allem, was ich in den vergangen Jahren erlebt hatte, stellte ich schließlich 1988 einen Antrag auf Ausreise aus der DDR und Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland. Das war keine fixe Idee, sondern eine Entscheidung, die über viele Jahre gewachsen war. Gewachsen durch Enttäuschungen, Ablehnung, Ausgrenzung und Hass, die ich erfahren musste, weil ich mich gegen diese Lügen, gegen Verleumdungen, gegen menschenfeindliches Handeln, gegen diese Politik immer wieder aufgelehnt hatte, weil ich Ungerechtigkeiten nicht einfach hinnehmen wollte, weil ich Missstände ansprechen wollte. Es kam eins zum anderen, bis das Maß endgültig voll war.

Im Januar 1989 stellte ich aufgrund einer geänderten Gesetzgebung einen erneuten Antrag auf ständige Ausreise. Und – obwohl in diesem neuen Gesetz geschrieben stand, dass innerhalb eines halben Jahres eine Entscheidung seitens des Ministeriums des Innern mitgeteilt werden würde, blieb man mir diese schuldig. Auch auf mein Anfragen hin wurde mir lediglich mitgeteilt, ich solle erst mal in den Urlaub fahren, im Anschluss daran könne ich ja wieder nachfragen.

Also fuhren wir erst einmal in den Urlaub.

Nachdem wir uns dann mit Markus getroffen hatten, erzählte ich ihm, wie es dieses Mal an der Grenze zu-gegangen war. Er fragte sofort, ob ich – so wie er es mir gesagt hatte – alle wichtigen Papiere dabei habe. Als ich verneinte und es ihm begründete, schüttelte er nur den Kopf darüber. Er konnte meine Argumente nicht nachvollziehen, meinte, dass ich zu viel Angst habe und alles zu schwarz sehe.

Vielleicht. War mir egal, was er dazu meinte. Meine Gefühle ließen es nicht zu. Ich machte mir keine Vor-würfe, für mich war die Entscheidung so in Ordnung. Ich war kein Single, ich war Mutter, hatte Verantwortung, meine beiden Kinder, Philipp und Laura, waren damals 11 und 4 Jahre alt.

Am darauf folgenden Morgen fuhren wir dann weiter, jeder in seinem Auto. Unser Urlaubsziel war Ungarn.

1987 hatten wir das erste Mal Urlaub in Ungarn gemacht, eine Woche Budapest. Damals war auch Markus noch DDR-Bürger gewesen. Inzwischen hatte er ja die Ausreise bekommen und war Bürger der Bundesrepublik Deutschland.

Wir waren damals so begeistert von Ungarn, dass wir uns nun unwahrscheinlich darauf freuten, dort wieder unseren Urlaub verbringen zu können.

Gegen Mitternacht trafen wir an der tschechoslowakischungarischen Grenze ein. Im Gegensatz zu der Grenze zwischen der DDR und der CSSR wurde hier nur ein kurzer Blick in unsere Ausweispapiere und den Innenraum des Autos geworfen, dann durften wir weiterfahren.

Gleich nachdem wir die Grenze passiert hatten, fanden wir wieder die hell erleuchteten Obst-und Gemüsestände vor, so, wie wir sie in unserer Erinnerung hatten.

Aber zunächst wollten wir jetzt ein paar Stunden schlafen und suchten nach einem Schlafplatz. Dabei mussten wir feststellen, dass wir nicht die einzigen Schlafgäste waren, die diese Nacht hier im Auto verbringen wollten. Im Gegenteil, es waren viele hier, hauptsächlich DDR-Autos, so dass wir schon ein Weilchen suchen mussten.

Am nächsten Morgen ging es dann weiter Richtung Balaton. Wir hatten keine Unterkunft vorbestellt, Markus sagte, dass es kein Problem sein werde, eine zu finden. Es war auch nicht schwer, was aber sicherlich daran lag, dass Markus mit seinem BMW vorfuhr. Man witterte Westgeld, was in Ungarn auch gern gesehen wurde.

Wir hatten auch gehört, dass – wenn wir in Ungarn Urlaub machen wollten – es ganz gut sei, ein Gastgebergeschenk mitzubringen. Z. B. seien Kaffeemühlen beliebt oder Transistorradios, Staubsauger o. ä., da diese Waren in Ungarn sehr teuer seien. Das Problem sei nur, die Waren über die Grenze zu bringen. Wahrscheinlich sollte man dieses Geschenk dann gleich in der Hand haben, um entsprechend gute Unterkünfte angeboten zu bekommen. Ansonsten konnte es schon mal passieren, dass man in der Garage, welche als Werkstatt umfunktioniert wurde, hinter einem Vorhang ein Bett angeboten bekam. Oder – so man hatte – sein Zelt im Hausgarten aufschlagen durfte und in diesem Garten in einem Verschlag hinter einem Vorhang die „Toilette“ war, und die Dusche – auch im Garten frei stehend – mit einem Gartenschlauch gespeist wurde, dessen Wasser wiederum von der Sonnenenergie erwärmt wurde. Hatten wir selbst erlebt, als wir zu Fuß ein Quartier suchten.

Schließlich hatten wir eine sehr schöne Unterkunft in einem zweistöckigen Ferienhaus gefunden. Im Erdgeschoss wohnte die Eigentümerin, wir und weitere Gäste belegten das Obergeschoss. Zum Ferienhaus gehörte ein kleiner, mit rankenden Weinreben umgebener Garten, sehr gemütlich und auch schön schattig. Hier saßen wir manchen Abend zusammen und tranken den Hauswein der Vermieterin. Sie war sehr nett, wir fühlten uns wohl.

Auch der Ferienort gefiel uns gut. Vom Balaton (oder auch Plattensee) selbst, der nicht weit von uns zu Fuß zu erreichen war, waren wir nicht ganz so begeistert. Teilweise gab es keinen Strand, sondern nur Liegeflächen auf einer Art Hochsitz, die im Wasser standen. Außerdem war der See sehr flach, man musste ewig laufen, ehe man mal ein bisschen schwimmen konnte. Für die Kinder war es allerdings so besser.

Wir hatten dann einen Strandabschnitt entdeckt, zu dem eine große Liegewiese gehörte. Hier hatten wir dann auch die Möglichkeit, mit den Kindern Ballspiele oder dergleichen zu machen. Das konnte man natürlich auch gut in dem flachen Wasser.

Außerdem gab es am Strand auch “Fressbuden“. Hier lernten wir das ungarische Langos in verschiedenen Varianten kennen, was uns ausgesprochen gut schmeckte. Auch war ein Supermarkt in unmittelbarer Nähe.

Was uns noch besonders auffiel, waren die günstigen Preise. Wobei wir mit dem Tauschsatz der DDR keine großen Sprünge machen konnten. Markus hingegen lachte, wenn er umrechnete, was er ausgegeben hatte. Für BRD-Bürger war Ungarn wirklich ein sehr billiges Reiseland.

Eines Abends lud uns unsere Vermieterin zum Abendessen ein, sie wollte uns etwas Wichtiges mitteilen. Sie sprach nicht gut Deutsch, mehr mit Händen und Füßen, legte eine Landkarte auf den Tisch, zeigte uns Sopron, wies auf das Radio, den Fernseher, die Grenze. Wir verstanden zunächst gar nichts. Was meinte sie? Was wollte sie uns damit sagen. Immer und immer wieder wiederholte sie die wenigen Worte, zeigte auf Sopron, die Grenze zu Österreich, Radio, Fernsehen, und lief mit den Fingern von Ungarn über die Grenze nach Österreich.

Endlich hatten wir begriffen! Durch unseren Urlaub hatten wir weder Fernsehen geschaut, noch das Tagesgeschehen über Radio oder Zeitung verfolgt. Wir wollten einfach mal abschalten, entspannen, alle Alltagsprobleme ausblenden. So hatten wir nicht mitbekommen, dass in der Nähe von Sopron ein Treffen zwischen ungarischen und österreichischen Jugendlichen stattgefunden hatte – das Paneuropäische Picknick am 19. August - und aus diesem Anlass die Grenze zwischen Ungarn und Österreich dort kurzzeitig geöffnet worden war!

Wir schalteten den Fernseher ein und sahen, wie viele DDR-Bürger – junge Leute und ganze Familien - in Grenznähe ihre Autos verlassen hatten und zu Fuß Richtung Grenze gerannt waren. Unzählige DDR-Autos standen am Straßenrand. Die Bilder sprachen für sich!

Ein Stück des „Eisernen Vorhangs“, der die NATO-Staaten von den Mitgliedsländern des Warschauer Paktes unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen trennte, war kurzzeitig geöffnet worden und wir hatten es nicht mitbekommen!

Aber wir hatten vielleicht noch die Chance, wenn wir es am nächsten Morgen versuchten. Markus, der ja schon BRD-Bürger war, drängte mich, die Chance zu nutzen.

Wir brachten Philipp und Laura zu Bett und setzten uns zusammen, um Details zu planen. Alles überschlug sich, ich konnte fast keinen klaren Gedanken fassen. Wollte ich das überhaupt? Wollte ich flüchten? So flüchten? Alles stehen und liegen lassen, nur mit einem Handgepäck ein neues Leben beginnen? Wollte ich so gehen, ohne mich verabschieden zu können von denen, die mir am Herzen lagen und der Gewissheit, diese Menschen vielleicht lange Zeit nicht wieder sehen zu können, weil wir als Flüchtlinge die DDR in den nächsten Jahren nicht betreten konnten, ohne uns der Gefahr verhaftet zu werden auszusetzen.

Inzwischen wurde berichtet, man habe viele Straßen in Grenznähe gesperrt und würde die Fahrzeuge, die passieren wollten, kontrollieren. Fahrzeuge mit DDR-Kennzeichen würde man nicht mehr Richtung Grenze durchlassen, so dass viele ihr Auto verlassen würden und zu Fuß Richtung Grenze gehen würden.

Unsere Gastgeberin meinte, dass es ja vielleicht noch eine Chance für uns gäbe, wenn wir mit Markus’ Auto fahren würden. Westautos würden sie zum Teil gar nicht kontrollieren, sondern durchwinken.

Es war eine völlig neue Situation, die da plötzlich in mein Leben trat! Sicher, Markus hatte gesagt: “Nimm mal sämtliche Papiere mit, SV-Bücher (Sozialversicherungsausweise), Arbeitsverträge und Zeugnisse, man weiß ja nie.“ Aber gut verstecken sollte ich das alles. Ich wusste auch, was er damit andeuten wollte. Aber – abgesehen davon, dass ich aus Angst, bei der Grenzkontrolle zur CSSR bereits aufzufliegen - bis auf die SV-Ausweise nichts mitgenommen hatte, hatte ich mich auch mit dem Gedanken einer Flucht nicht auseinandergesetzt.

Nun plötzlich war eine Gelegenheit da, und ich musste mich sehr schnell entscheiden, noch in dieser Nacht! Falls ja, würden wir am nächsten Morgen zeitig losfahren müssen!

Wollte ich das? Und - konnte ich das meinen Kindern antun?? Auch sie hatten ihr Nest, ihren Freundeskreis, ihren Vater, ihre Großeltern, zu denen sie eine Bindung hatten. Sie hatten Lieblingsspielsachen, an denen sie hingen … Dass sie mit einer möglichen Ausreise auch vieles hinter sich lassen müssten, war auch klar. Aber das war ja sicher schon schwer genug für sie. Da hatten sie aber noch die Möglichkeit, sich von allen zu verabschieden. Laura bekam das vielleicht noch nicht so sehr mit, sie war eher ein Mamakind, aber Philipp hing auch sehr an seinem Vater und seinen Großeltern, hatte Freunde. Und er hatte in der Vergangenheit eh vieles sehr bewusst registriert, hatte meinetwegen eine doch nicht ganz unbeschwerte Kindheit. Und war doch so verständnisvoll dabei.

Wenn wir flüchteten, würden wir die nächsten fünf Jahre nicht in die DDR einreisen dürfen. Das bedeutete, dass wir Verwandte und Freunde nur in der CSSR treffen können würden. Und selbst das war gefährlich, denn die CSSR gehörte zu den Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes, dem auch die DDR angehörte, sie hatten die gleichen Interessen und Ziele. Außerdem würden einige meiner Verwandten zu derartigen Treffen nicht bereit sein, das war mir auch klar.

Aber andererseits - was erwartete uns, wenn wir nach diesem Urlaub zurückkehren würden?

Ob man uns je die Ausreise bewilligen würde, stand in den Sternen, diesbezüglich war ich der Willkür der DDR-Behörden ausgesetzt. Möglich, dass wir auf unseren Antrag auf ständige Ausreise eine Absage erhalten würden, was bedeutete, ein halbes Jahr keinen neuen Antrag auf Ausreise einreichen zu dürfen. Dann würde “das Spiel“ von vorne beginnen, also wieder einen neuen Antrag stellen, ein halbes Jahr lang “in der Luft hängen“, “auf Koffern sitzen“, auf eine Entscheidung wartend. Es konnte eine Endlosspirale sein.

Und in der Zwischenzeit, der Wartezeit, würde es für uns auch nicht einfacher werden. Vielleicht müsste ich mit noch mehr Schikanen seitens der Abteilung Inneres oder seitens der Genossen in meiner Arbeitsstelle rechnen.

Und meine Eltern – was würde da auf mich zukommen?! Hatte ich noch die Kraft für weitere Jahre? Für eine unbestimmte Zeit? Vielleicht für eine Ewigkeit, für den Rest meines Lebens?

Und welche Chancen hatten meine Kinder in diesem Land, der DDR, wo die Chancen steigen und fallen, je nachdem, welchen Status die Eltern der Kinder haben, was über diese ermittelt und registriert wurde!

Hatten meine Kinder bei dieser Mutter, nach allem, was bereits geschehen war, überhaupt eine Chance glücklich und zufrieden leben zu können??

Hatten sie noch die Aussicht, einmal den Beruf ergreifen zu können, den sie sich wünschen würden? Nach allem, was mir bisher zu Ohren gekommen war, nicht, denn die Kinder wurden nach dem Elternhaus beurteilt. (Und umgedreht bekamen ja sogar meine Eltern meinetwegen Schwierigkeiten, obwohl ich schon lange volljährig und für mich selbst verantwortlich war, eigene Familie hatte, nicht bei ihnen wohnte!)

Ich hatte einen Ausreiseantrag laufen, dessen Bewilligung vor meinem Urlaub im Unklaren gelassen wurde. Man hatte Bemerkungen fallen lassen, wie „nur, wenn der Vater der Kinder einverstanden ist“ oder „eher unwahrscheinlich, bei ihren Eltern“.

Wie groß rechnete ich mir also nach allem meine Chancen aus, nach dem Urlaub eine Zusage zu bekommen??

Was würde mich später vielleicht mehr belasten: Die sich gegenwärtig bietende Gelegenheit nicht genutzt zu haben und zurück ins Ungewisse gegangen zu sein oder alles abgebrochen und zurückgelassen zu haben, bei null wieder angefangen zu haben, ohne Abschied, mit der großen Ungewissheit, wann ich wen wieder sehen würde?

Ich wollte meine Heimat, in der ich aufgewachsen war, nicht wirklich verlassen. Aber ich wollte und konnte so auch nicht mehr weiterleben! Es entsprach einfach nicht meiner Vorstellung vom Leben. Und ich sah in der Zukunft keine Chance, dass sich je daran etwas ändern würde. Ich war es leid, mich von diesen rücksichtslosen Fanatikern, die in der DDR durch die Führung der SED ja die Macht hatten, weiterhin schikanieren und bevormunden zu lassen, mich deren Willkür auszusetzen. Ich sah nicht ein, dass andere über mein Leben entschieden, nur weil sie in der DDR an der Macht waren.

Und ich hatte diese Lügen und diese Heuchelei, diese Augenwischerei und „Selbstberäucherung“ so über, dass mir schlecht wurde, wenn ich nur daran dachte.

Hinzu kam diese schreckliche Angst. Einmal in den „Klauen“ der Stasi und es war alles zu spät. Und deren Macht und unsere Machtlosigkeit wurden uns immer wieder demonstriert.

Zudem wusste man nicht, wem man trauen konnte. Die Stasi hatte genug Spitzel und zusätzlich nicht weniger IMs (Inoffizielle Mitarbeiter). Eigentlich konnte man niemandem so richtig trauen. Also verließ man sich auf seinen Instinkt. Aber die Skepsis schwankte immer mit.

Und dass sich grundlegend in der Politik der DDR etwas ändern würde, das hielt ich noch für unwahrscheinlich. Trotz dass es überall brodelte, die Leute immer unzufriedener wurden und aufbegehrten, wo sich ihnen die Möglichkeit bot.

Egal, wie ich mich in dieser Nacht entscheiden würde, spielten wir eine geplante Flucht theoretisch durch.

Für alle Fälle stellten wir für den nächsten Tag ein Notgepäck zusammen - für jeden von uns nur das Wich-tigste. Jeder hatte nur ein kleines Handgepäck, so dass wir uns nicht verdächtig machen würden.

Während meine Kinder bereits schliefen, saßen wir noch einmal mit unserer Gastgeberin zusammen, die Landkarte vor uns ausgebreitet. Sie zeigte uns, wo die Grenze geöffnet war und auch andere Stellen von Grenzübergängen. So unter anderem auch einen, der weniger bekannt und nicht so gut bewacht sein sollte. Manchmal könnten die Autos da einfach durchfahren, ohne dass jemand danach schaute, meinte auch Markus.

Wir würden Markus’ Auto nehmen.

Mein Auto würden wir stehen lassen. Wir vereinbarten mit unserer Gastgeberin schriftlich, dass – falls wir innerhalb einer bestimmten Frist (waren es 3 Tage??) nicht zu ihr zurückgekehrt sein sollten – mein Auto in ihren Besitz übergehen sollte. Sie hatte uns gesagt, dass sie verpflichtet sei, wenn die Urlauber ohne sich abzumelden über längere Zeit nicht am Urlaubsort wären, dies der Polizei zu melden. Mein Auto würde ohne diese schriftliche Vereinbarung sonst beschlagnahmt werden und in Staatsbesitz übergehen.

Sollten wir zurückkehren, würde sie diese Vereinbarung vernichten.

Ich war unwahrscheinlich aufgeregt. An Schlaf war in diese Nacht nicht zu denken - ich hatte nur diese eine Nacht Zeit, mich zu entscheiden!

Es riss mich hin und her. Was sollte ich tun? Was war in dieser Situation richtig, was falsch? Keiner konnte mir helfen, ich selbst musste eine Entscheidung treffen! Und das noch in dieser Nacht!

Am liebsten würde ich aus diesem Alptraum erwachen wollen und ein schönes Leben haben wollen. Ein Leben ohne diesen ganzen Stress, ein Leben in Frieden und Harmonie, wo ich meine Entscheidungen für mein Leben treffen konnte und nicht andere darüber entschieden! Ein Leben in Ehrlichkeit, Liebe, Toleranz, Achtung, …

Wie schön wäre das alles!

Aber das war leider keine Realität, die Wirklichkeit sah anders aus! Die Gelegenheit drängte mich zu einer Entscheidung, sofort, noch in dieser Nacht!

ZWEITES KAPITEL

Meine Gedanken begannen eine Zeitreise, eine Zeitreise durch mein bisheriges Leben. Wann hatte das alles angefangen? Ich hatte letztendlich den Ausreiseantrag gestellt, konnte nicht mehr, war am Ende meiner Kräfte und hatte jegliches Vertrauen in diese Staatspolitik verloren. Dabei war ich doch von meinen Eltern, die beide treue Genossen der SED waren und auch beruflich im Dienste des Staates standen, im Sinne der Partei der Arbeiterklasse erzogen worden.

Geboren wurde ich in einem “Drei-Seelen-Dorf“ im Oderbruch. Meine Eltern waren damals aus dem Gebirge dorthin gezogen, als es hieß „Industriearbeiter aufs Land“. Damals sind ja auch viele LPGs (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) gegründet worden. Neben dem Wohnhaus muss wohl gleich ein großer Kuhstall gewesen sein, in dem meine Mutter arbeitete. Ich war als Baby allein in der Wohnung, wie meine Mutter erzählte, sie musste arbeiten. Eine Kinderkrippe gab es dort im Ort nicht. Aber die Genossen hätten sie ab und zu mal in die Wohnung gelassen, um mich zu stillen und zu wickeln, hatte sie mir stolz erzählt.

Wir haben nicht lange im Oderbruch gewohnt, dann zogen meine Eltern wieder zurück ins Gebirge.

Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Kindheit etwas Besonderes gewesen wäre oder sich wesentlich von anderen unterschieden hätte. Es gab Ereignisse, an die ich mich auch heute noch sehr gerne erinnere, und andere, die mich noch heute sehr traurig machen, wenn ich daran denke.

Ich war die Älteste von vier Geschwistern. Meine jüngste Schwester war nur 5 ½ Jahre jünger als ich. Ich er-innere mich nicht mehr daran, dass meine Mutter irgendwann wegen der Babys zu Hause war, es war wohl bloß eine kurze Zeit, dann muss sie wieder zur Arbeit gegangen sein.

An meine Kindergartenzeit habe ich noch viele schöne Erinnerungen. Wir waren viele Kinder in der Gruppe. Das Gruppenzimmer war sehr groß. In der Mitte stand ein großer Tisch, an dem wir Kinder zu den Mahlzeiten oder in Bastelstunden Platz nahmen. Das Frühstück bekamen wir immer von zu Hause in einer Brotbüchse mit, meistens ein paar Schnitten und geschnittenen Apfel dazu. Die Brotbüchsen waren anfangs aus Blech, alufarben, später dann aus Plastik und bunt. Ich erinnere mich auch noch an Spielsachen, die wir dort hatten – einen schönen, großen Kaufmannsladen, große Holzautos, eine Puppenecke - an unseren Turnraum, das Kasperletheater, an die Küche mit den riesigen Töpfen und den vielen Küchenfrauen in ihren weißen Gummischürzen, an unsere riesigen Schlafräume im Dachgeschoss, wo wir auf kleinen Liegen schliefen, die nach der Mittagsruhe alle wieder eingeklappt und an die Wand gestellt wurden, an unseren großen Garten mit den Spielgeräten (Wippe, Klettergerüst, Reitschule, Schaukeln und großer Sandkasten), an Kreisspiele, und an den Hausmeister und die Hausmeisterin.

Die Erzieherinnen waren größtenteils streng, aber es hat mir trotzdem im Kindergarten ganz gut gefallen. Nur vor einem hatte ich Panik, das war das Essen. Ich war kein besonders guter Esser und oft die Letzte, die fertig wurde. Oftmals schmeckte mir das Essen auch nicht, aber wir mussten immer alles aufessen. Alle anderen Kinder mussten warten, bis ich meinen Teller endlich leer gegessen hatte, durften mich hänseln, indem sie im Chor ständig „Bummelletzte“ riefen und auch die Erzieherin schimpfte dann jedes Mal mit mir.

Meine Mutter ging den ganzen Tag zur Arbeit.

Wir Kinder waren in der Zeit in Kinderkrippe, Kindergarten, später dann im Schulhort untergebracht. Das hieß für uns alle sehr zeitig aufstehen. Meine Mutter richtete uns noch ein Frühstück zum Mitnehmen, brachte uns auf dem Weg zur Arbeit, wo sie wohl um halb oder viertel vor sieben Uhr morgens sein musste, in Kindergarten und Kinderkrippe. Am Abend dann das Ganze umgedreht, dabei noch Einkäufe tätigen, dann für uns das Abendbrot richten.

In den Monaten wo es länger hell war, durften wir noch bis 18:00 Uhr im Hof spielen. Wir spielten mit dem Ball, dem Kreisel, Springseil, Federball, Fanger, Verstecker, Huppkästchen, Gummitwist. Der Hof war sehr groß, wir hatten also genug Platz zum Spielen.

Meine Mutter war sehr streng. Punkt 18:00 Uhr, wenn die Kirchenglocken zu läuten begannen, mussten wir hoch. Kamen wir nicht gleich, gab es richtig Ärger.

Das Abendessen lief oftmals irgendwie stressig ab; meine Mutter machte für uns belegte Brote, und während wir dann aßen, verrichtete sie meistens verschiedene Hausarbeiten. Wir mussten immer aufessen, vorher durften wir nicht aufstehen. Mir war es meistens zu viel, so dass mir das Essen eher ein Gräuel als eine Freude war. Von dem Schulbrot habe ich manchmal etwas unterwegs in den Papierkorb geworfen, weil ich zu Hause Ärger bekommen hätte, wenn ich nicht aufgegessen und somit etwas zurückgebracht hätte.

Als lecker habe ich frische Semmeln, die meine Mutter manchmal samstags nach der Arbeit mitbrachte, mit Butter beschmiert und dazu Kakao in Erinnerung. Davon konnte ich nicht genug kriegen. Oder, wenn meine Mutter Kartoffelscheiben auf der Herdplatte machte und wir diese dann mit Butter darauf gegessen haben. Mmmmmm, da läuft mir noch heute das Wasser im Mund zusammen!

Gekocht hat meine Mutter unter der Woche nicht, denn wir waren ja erst abends wieder zu Hause. Außerdem gab es in Kindergarten, Kinderkrippe und Schule oder Schülerhort ein warmes Mittagessen. In der Schule hat es mir meistens nicht geschmeckt. Das Essen wurde in Kübeln angeliefert und wir standen in der Mittagspause in Riesenschlangen an, hasteten dann unser Essen hinein, um noch ein bisschen was von der Pause zu haben, ehe es mit dem Unterricht weiterging.

Im Schülerhort wurde das Essen zwar auch in Kübeln angeliefert, aber die Atmosphäre war angenehmer, ich war gern dort. Wir aßen in aller Ruhe in schönen Gruppenräumen – in der Schule hingegen waren es Kellerräume, die mit langen Tischen und Bänken versehen waren. Nach dem Essen machten wir unter Aufsicht unsere Hausaufgaben und anschließend konnten wir drinnen oder im Garten spielen oder irgendwelchen Beschäftigungen nachgehen. Bis zum späten Nachmittag verbrachten wir dort unsere Zeit, gemeinsam mit den meisten anderen Kindern unserer Schule.

Abends, wenn wir gewaschen und im Schlafanzug waren, durften wir das Sandmännchen anschauen, da-nach – Punkt 19:00 Uhr - ging es ins Bett. Meistens dachte ich mir dann noch eine Geschichte aus, die ich meinen Geschwistern erzählte, wir Kinder schliefen alle in einem Zimmer, es war groß, aber nur unser Schlafraum.

Meine Mutter ging oft noch mal weg - zu Versammlungen, oder um als Aushilfe in einer Gaststätte noch ein paar Mark dazu zu verdienen. Ich als „die Große“ hatte dann die Verantwortung. Manchmal hatte ich Angst, zum Beispiel wenn es klingelte und ich nicht wusste, wer vor der Tür stand. Unsere Wohnungstür hatte im oberen Teil zwar große Scheiben, aber diese waren dick und undurchsichtig. Ich erkannte immer nur Schatten dahinter und malte mir in meiner Phantasie die schlimmsten Dinge aus. Ich hatte immer Angst vor Einbrechern und auch Alpträume davon.

Gespielt haben wir im Korridor, den ich als sehr lang in Erinnerung habe, oder in unserer Wohnküche, im Wohnzimmer hielten wir uns seltener auf. Viele Spielsachen hatten wir nicht. Ich spielte am liebsten ich sei eine Ärztin oder Lehrerin. Oder ich las in meinen Lieblingsbüchern.

Im Winter war oft das Wasser eingefroren, manchmal waren auch die Rohre geplatzt. Meine Mutter hatte deshalb oft Laufereien und der Klempner ging oft bei uns ein und aus.

An den Sonntagen wurden wir Kinder oft von “den Tanten“ – wie wir sie bezeichneten - aus unserem Haus zum Frühstück eingeladen. Diese Tanten waren Geschwister, denen das Haus und auch eine kleine Fabrik auf demselben Grundstück gehörten. Nach dem Mann einer Tante war sogar unsere Straße benannt, das fand ich als Kind ganz besonders toll.

Sie waren die Patentanten meiner Schwestern, obwohl sie christlich waren - wovon mein Vater ja eigentlich gar nichts hielt - Privateigentum besaßen und sogar eine Haushälterin hatten, was ja irgendwie gar nicht so richtig zu meinen Eltern passte, die beide der Partei der Arbeiterklasse, der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) angehörten. Aber meine Mutter äußerte immer, dass ihr die Tanten eine große Hilfe wären und sie froh sei, dass sie von ihnen so unterstützt wurde. Sie schauten auch nach uns, wenn meine Mutter abends nicht da war.

Das Frühstück bei ihnen war immer etwas Besonderes für mich, so etwas wie ein Fest. Es war immer so ruhig bei ihnen und so harmonisch, das Frühstück wurde richtig genossen. Das gefiel mir. An ein sonntägliches Frühstück in dieser Zeit mit meiner Mutter bzw. meinen Eltern (mein Vater war wohl nicht jedes Wochenende zu Hause) kann ich mich gar nicht mehr erinnern.

Die eine Tante hatte ein riesiges Wohnzimmer mit einem Flügel, edlem Mobiliar, Kronleuchter und großen Gemälden an den Wänden. In diesem Zimmer wurden Geburtstage groß gefeiert, an denen andere Geschäfts-leute eingeladen waren. Wir durften jedes Mal auch an diesen Feiern teilnehmen. Und wenn wir Lust hatten, durften wir auch an den Flügel, obwohl wir – leider - gar nicht spielen konnten. Zwei meiner Geschwister waren sogar an der Musikschule, nur gab es keinen freien Platz für Klavierunterricht.

Erzogen wurden wir sehr streng. Es gab viele Regeln, woran wir uns einfach zu halten hatten. Meine Mutter hatte keine große Geduld mit uns, wenn wir uns nicht an die Regeln hielten, bekamen wir schnell „paar hinter die Ohren“. Wir mussten einfach nur „parieren“, wie es immer hieß. Auf Diskussionen ließ sich meine Mutter überhaupt nicht ein, auch ein Widerwort wurde nicht geduldet, eher bestraft. Und davor hatten wir Angst. Am meisten bekam aber mein Bruder ab.

Wir Kinder spürten oftmals, wenn meine Mutter angespannt war und versuchten uns dann irgendwie nützlich zu machen, um meine Mutter ja nicht zu verärgern. Manchmal krochen wir dann alle im Wohnzimmer über den Teppich und zupften Fusseln ab, stritten uns aber noch untereinander, wer zuerst diese Idee gehabt und demnach ein Vorrecht hatte, die anderen sollten sich was anderes suchen. Wir hatten Angst, dass meine Mutter sonst auch schimpfen würde.

Vielleicht hatte meine Mutter damals einfach keine Kraft mehr. Sicher war sie mit einem Vollzeitjob und vier kleinen Kindern und Nebenjob und Versammlungen total überfordert. Morgens früh aus dem Haus, zum Kindergarten, zur Kinderkrippe, dann zur Arbeit, abends zusätzlich noch einkaufen, uns schnell versorgen, dann noch die Hausarbeit und zum Teil wieder aus dem Haus.

Ich sah meine Mutter eigentlich meistens nur hetzen. Oft stand sie da und bügelte oder besserte Wäsche aus. Sie war sehr ordentlich und sauber, arbeitete lieber bis in die Nacht hinein, aber ließ uns nicht mit ungebügelter oder gar kaputter Bekleidung aus dem Haus. An den Wochenenden putzte sie die Wohnung oder musste Berge von Wäsche waschen, größtenteils mit der Hand. Wenn sie Waschtag hatte, hing der ganze Hof voll mit Wäsche. Doch das alles nahm ich als selbstverständlich hin, ich kannte es nicht anders.

Als Kind hatte ich zum Teil Angst vor meiner Mutter, sie konnte sehr wütend werden, wenn wir nicht hörten, und schnell rutschte ihr dann auch die Hand aus und das tat sehr weh.

Leider begann auch ich damals meine Geschwister zu schlagen, wenn ich, als „die Große“, wieder mal die Verantwortung hatte und sie „nicht hören“ wollten, so dass sie anfingen mich zu fürchten. Von den Tanten wurde ich dann böse angeschaut, was ich allerdings nicht verstand. Ich hatte nicht anders gelernt mich durchzusetzen.

Ich hatte zwei Freundinnen, denen es ähnlich ging wie mir. Eine von ihnen war das einzige Mädchen und deshalb ständig für alles verantwortlich.

Eine andere Freundin beneidete ich immer ein bisschen. Bei ihr war es irgendwie anders, ruhiger, liebevoller. Ihre Mutter war so nett, auch zu mir. Sie lächelte viel und sprach ganz liebevoll mit ihren Kindern.

Meine Mutter sah ich nur selten lächeln. Nur von NAW-Einsätzen (Nationales Aufbauwerk, eine freiwillige, unbezahlte Arbeit für den Wiederaufbau) habe ich sie ausgelassen und viel lachend in Erinnerung. Mit ihren Arbeitskolleginnen schien sie sich gut zu verstehen und gern mit ihnen zusammen zu sein.

Einmal hatte ich ein ganz fürchterliches Erlebnis: Wir Kinder waren wohl wieder einmal ungezogen gewesen, ich weiß es gar nicht mehr genau, nur noch, dass meine Mutter zu weinen anfing, weinend in die Toilette lief und sich einschloss, dabei immer schluchzend rief: „Ich kann nicht mehr, ich halt’s nicht mehr aus! Ich nehm` mir `nen Strick! Womit habe ich das nur verdient, was habe ich verbrochen?“ Ich hatte damals unheimliche Angst, dass sich meine Mutter etwas antut. So verzweifelt und heulend hatte ich sie noch nie erlebt. Ich stand vor der Toilettentür und weinte auch, rief immer wieder nach meiner Mutter, sie solle die Tür aufmachen. Dieses Ereignis habe ich nie vergessen können, es hatte mir unheimlich Angst gemacht.

Aber ich habe auch viele schöne Erinnerungen. So denke ich gerne daran, dass meine Mutter manchmal mit uns Kindern am Wochenende in den nahe gelegenen Wald ging. Im Frühjahr haben wir dort Osterzweige geholt, dann Eier ausgeblasen, bemalt und die Zweige geschmückt. Im Sommer waren wir in den Blaubeeren, hatten dann mehr gegessen, als in den Krug gesammelt, und davon ganz blaue Lippen und Zungen. Das war immer sehr schön und entspannend.

Oft war meine Mutter auch mit uns zu zwei alten Leutchen gefahren, bei denen sie mal in Untermiete gewohnt hatte, um zum Beispiel bei der großen Wäsche, die ja damals noch im Waschhaus verrichtet wurde und die reinste Knochenarbeit war, zu helfen. Für meine Mutter war es zusätzliche Arbeit, für uns immer ein schönes Erlebnis. Hier konnten wir im Freien herumtollen, es gab einen schönen, großen Garten und viel zu entdecken. Und die Leute im Haus waren auch alle ganz nett zu uns. Hier fühlte ich mich immer pudelwohl, so dass ich mehr und mehr auch meine Ferien dort verbrachte und die beiden alten Leutchen für mich Oma und Opa wurden und mir ungeahnt ans Herz gewachsen waren.

Mein Vater war nur sehr selten zu Hause, meistens nur an den Wochenenden. Er war Offizier und wurde immer wieder versetzt. Anfangs war meine Mutter mit mir noch mit umgezogen, als mein Bruder dann geboren wurde aber nicht mehr. Ich habe nicht viele Erinnerungen an meinen Vater aus meiner frühen Kindheit. Aber wenn er da war, war es meistens entspannter und lustiger zu Hause, es wurde mehr gelacht, mehr unternommen.

Ein Gräuel waren für mich dann allerdings die Mahlzeiten. Mein Vater war bezüglich Tischmanieren sehr streng mit uns, es wurde auf jede Kleinigkeit geachtet: „Setz dich gerade hin!“, Ellenbogen anwinkeln, beim Löffeln flache linke Hand auf dem Tisch neben dem Teller, „Der Löffel/die Gabel geht zum Mund, nicht umgedreht!“, „Mund zu beim Kauen!“, „Ruhe beim Essen!“ … Es gab ständig Ermahnungen. Ich war immer froh, wenn diese Prozedur vorbei war. Schnell bekamen wir auch paar „hinter die Ohren“ oder auch mal ein Lineal in den Rücken geschoben oder Bücher unter die Arme geklemmt. Sicher hat uns das alles auch etwas Gutes gebracht, wir können uns nun problemlos auch in vornehmer Gesellschaft bewegen. Aber für uns als Kinder war das Essen aufgrund dieser strengen Gepflogenheiten alles andere als ein Vergnügen.

Ja und sonst – ich erinnere mich nicht, als Kind so richtig ausgelassen gewesen zu sein. Eher war ich wohl ein ruhiges, ernstes und gehorsames Kind.

Als Schülerin war ich brav, still, aufmerksam und fleißig, zurückhaltend und scheu. Ich brachte immer gute Noten mit nach Hause und gehörte zu den Besten der Klasse. Ich erhielt Urkunden und Buchprämien.

Trotz dass ich selbst keinen Anlass zur Klage gab, fand ich immer die frechen Schüler der Klasse interessant. Ich schmunzelte heimlich über ihre Frechheiten, fand toll, was sie sich alles trauten. Mein erster Schulfreund war der frechste Junge unserer Klasse. Und ich war stolz, seine Freundin sein zu dürfen.

In der ersten Klasse wurde ich – wie alle anderen auch – als Jungpionier aufgenommen und erhielt ein blaues Halstuch. Ich war ganz stolz darauf! Wir trugen das wohl ziemlich oft, zu besonderen Anlässen dann eine weiße Pionierbluse dazu. Oder kam die Bluse erst dazu, als wir in der 4. Klasse als Thälmann-Pioniere feierlich aufgenommen wurden und das rote Halstuch erhielten und ein Pionierabzeichen und ein Käppi? Oder hatten wir sogar erst ein rotes Halstuch und dann ein blaues?? Ich weiß es tatsächlich nicht mehr, muss mir alte Fotos anschauen (ach nee, die waren ja schwarzweiß, da kann ich das ja gar nicht erkennen!).

Nein, ich erinnere mich: erst das blaue, später das rote Halstuch. Ab der 5. Klasse hatten wir ja Russisch-Unterricht. Und wir bekamen irgendwann Adressen von russischen Schülern und Schülerinnen, mit denen wir in Briefaustausch gehen sollten, um unsere Russischkenntnisse zu festigen. Meine Brieffreundin hieß Ludmilla. Die russischen Schulkinder trugen rote Halstücher. Und ich war ziemlich stolz, als sie mir einmal ein rotes Halstuch mitschickte, da dieses aus Synthetik war und viel schicker aussah, als unsere Baumwollhalstücher.

Außerdem tauschten wir noch Souvenirs aus – ich schickte den Berliner Bär, sie mir russische Matrioschkas - schickten uns Spielsachen (unsere Puppen waren übrigens viel schöner als die russischen) und Süßigkeiten (da waren die russischen Bonbons viel besser als unsere!). Irgendwann erhielt ich ein Parfüm, welches mir aber viel zu süß war.

Und sicher haben wir auch unser Russisch etwas verbessern können.

Die Unterrichtsstunden begannen immer nach denselben Regeln:

Nach dem Klingeln hatten sich alle Schüler an ihrem Platz einzufinden. Sobald die Lehrerin oder der Lehrer das Klassenzimmer betrat, mussten wir alle aufstehen und uns neben unsere Stühle stellen. Ein Schüler stellte sich neben den Lehrer und hatte folgende Meldung zu machen:

„Frau/Herr (Name) ich melde, die Klasse …(z. B. 1A) ist zum Unterricht bereit. Es fehlen …“ Nach der Schülermeldung wendete sich der Lehrer zur Klasse mit den Worten:

„Für Frieden und Sozialismus seid bereit!“ – die rechte Hand wurde zum Gruß gestreckt auf den Scheitel geführt -, worauf die Schüler ebenfalls die Hand auf den Kopf setzten und: „Immer bereit!“ antworteten. Darauf der Lehrer: „Setzt euch.“ (Ich bin sicher, dass noch kein Schüler in dem Alter verstanden hat, was Sozialismus bedeutete.)

Im Sportunterricht lief es noch ein bisschen militärischer ab:

Wir mussten zu Beginn der Stunde in einer Reihe anstehen, alle Blickrichtung zum Lehrer. Ein Schüler machte ebenfalls eine Meldung, wie in den anderen Unterrichtstunden und ging anschließend zu seinem Platz in der Reihe.

Daraufhin rief der Lehrer:

„Stillgestanden!“ (Wir mussten ganz gerade stehen, Füße zusammen, Hände seitlich an den Oberschenkeln.)

„Wir beginnen die Sportstunde mit einem kräftigen Sport:“

Schüler: „Frei!“.

Lehrer: “Durchzählen!“

Schüler: „Eins, zwei, drei, …“ (dabei wurde der Kopf jeweils bei der Ansage links zum Nachbarn und wieder zurück gedreht). Der letzte in der Reihe sagt zusätzlich „Ende!“.

Dann der Lehrer:

„Rechts um! Im Laufschritt marsch!“ oder

„Abzählen, jeweils von 1 bis 4“ oder Ähnliches.

In den großen Pausen mussten alle Schüler auf den Schulhof, wo wir uns dann – alle im Kreis gehend - be-wegten. Dabei wurde geplaudert und das mitgebrachte Frühstück verspeist, eventuell noch Milch getrunken. Das Im-Kreis-Gehen wurde jeweils von den älteren Klassen so übernommen.

Dass Schüler rannten, wurde von den Lehrern, die Hofaufsicht hatten, nicht geduldet.

Übrigens - mit den Getränken zur Pause, das war eine schöne Sache. Es gab in der Schule Milch zu kaufen, kleine ¼-Liter-Flaschen. Wir hatten die Wahl zwischen normaler Milch, Fruchtmilch mit Erdbeer- oder Himbeergeschmack oder Schokomilch. Die Bestellungen wurden von Schülern in der Klasse aufgenommen, ebenso das Milchgeld einkassiert. Wieder andere waren dann dafür zuständig, die bestellte Milchmenge in die Klassenzimmer zu tragen und zu verteilen.

Unsere Lehrerin in den ersten drei Schuljahren (Unterstufe) empfand ich als alt, streng und böse. Ich kann mich nicht erinnern, sie einmal lachen gesehen zu haben. Dafür hatte sie oft gemeine Sprüche parat, die sie gewissen Schülern immer wieder mal an den Kopf warf: „(Name), wenn Blödheit quietschen würde, müsstest du den ganzen Tag mit dem Ölkännchen ’rumrennen!“ usw. Auch war es normal, dass – wenn sie durch die Reihen ging – sie unaufmerksamen Schülern ihren Schlüsselbund auf den Kopf schlug.

Einmal bekam auch ich ihren Schlüsselbund auf dem Kopf zu spüren: Wir sollten uns am Ende der Stunde in Zweierreihe anstellen. Meine beiden Freundinnen standen bereits zusammen. Da wir eine ungerade Anzahl von Schülern in der Klasse hatten, war für mich klar, dass eine/r allein stehen musste, also stellte ich mich gleich als Dritte zu meinen Freundinnen. Natürlich bekam ich prompt den Schlüsselbund zu spüren, mit der Bemerkung: „Was habe ich gesagt?!“. Ich war empört, verletzt, verärgert! Was erlaubte sie sich! Ich war eine gute Schülerin, die nie negativ auffiel! Und auch jetzt hatte ich nichts Unrechtes getan. Auf meine Rechtfertigung ging sie nicht ein.

Ich war wirklich sehr beleidigt und enttäuscht. Wie oft hatte ich dieser Lehrerin in den Pausen von dem Kiosk vor unserer Schule eine Bockwurst gekauft, weil sie mich darum bat. Ich tat es einfach, ohne dass ich – außer einem „Danke“ – etwas davon hatte. Und jetzt knallte sie mir ihren Schlüsselbund auf den Kopf!