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Petra Barlow

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Beschreibung

Fremde Gegend, fremde Menschen, ein fremdes System - alles ist nun anders. Nach der Flucht über die ungarische Botschaft befindet sich Petra mit ihren beiden minderjährigen Kindern nun auf der anderen Seite Deutschlands, der damaligen BRD. Alles wieder auf Anfang - Wohnung, Arbeit, Partner. Petras Freund, der schon seit einiger Zeit hier lebt, lässt sie jetzt, wo sie seine Hilfe so dringend gebraucht hätte, im Stich. Auf der Suche nach Liebe, Wärme, Verständnis und einen Job, der sie erfüllt, erlebt Petra Enttäuschungen, hinterfragt Entscheidungen, vergleicht, will verstehen.

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Seitenzahl: 282

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Prolog

Fremde Gegend, fremde Menschen, ein fremdes System - alles ist nun anders. Nach der Flucht über die ungarische Botschaft befindet sich Petra mit ihren beiden minderjährigen Kindern nun auf der anderen Seite Deutschlands, der damaligen BRD.

Alles wieder auf Anfang - Wohnung, Arbeit, Partner.

Petras Freund, der schon seit einiger Zeit hier lebt, lässt sie jetzt, wo sie seine Hilfe so dringend gebraucht hätte, im Stich.

Auf der Suche nach Liebe, Wärme, Verständnis und einen Job, der sie erfüllt, erlebt Petra Enttäuschungen, hinterfragt Entscheidungen, vergleicht, will verstehen.

Anhand von Tagebuchnotizen und Erinnerungen versuche ich wiederzugeben, wie ich mit meinen beiden Kindern nach unserer Flucht 1989 in unserer neuen Heimat nach und nach Fuß fasste, welche Hürden zu überwinden waren, wie sich Beziehungen gestalteten und im Laufe der Jahre veränderten.

Dabei auch immer wieder auf der Suche nach mir selbst und dem Gefühl, endlich angekommen zu sein.

Dieses Buch soll niemanden anklagen, sondern meinen Weg, meine Gedanken und meine Gefühle aufführen.

Immer wieder versuchte ich Markus telefonisch zu erreichen. Er hatte versprochen Urlaub zu nehmen, um für uns da zu sein, wenn wir von Ungarn ausreisen würden. Auch Carmen sagte mir am Telefon, dass sie ihn bisher nicht angetroffen habe.

Da fuhren wir nun, suchten auf fremden Schildern und fremden Straßen nach dem Weg zu unserem zukünftigen Zuhause, mein kleiner, großer Philipp neben mir und meine kleine Laura schlafend auf dem Rücksitz.

Ich war Carmen und ihrem Freund Leonhard sehr dankbar, dass sie sich zu so später Stunde noch auf den Weg machten, um uns abzuholen.

Wir trafen uns an einer Raststätte. Es war ein unbeschreibliches Glücksgefühl, nach allem endlich eine vertraute Person in die Arme schließen zu können. Carmen stieg dann zu uns in das Auto und wir fuhren ihrem Freund hinterher. Wir hatten unheimlich viel zu erzählen, sodass uns die lange Fahrt eher kurz erschien.

Es war bereits nach Mitternacht, als wir ankamen, neugierig versuchte ich im Dunkeln das Ortsschild zu lesen. Carmen stellte uns zunächst ihre Wohnung zur Verfügung, sie wollte bei ihrem Freund schlafen. Laura schlief noch immer fest auf der Rückbank des Autos. Carmen trug sie in die Wohnung und legte Laura angezogen ins Bett. Mein Philipp war auch total übermüdet und legte sich gleich daneben. Carmen und ich gingen noch ins Wohnzimmer, wir hatten uns noch so viel zu erzählen. Gegen Morgen ging sie dann. Wir sollten erst mal ausschlafen, sie würde am späten Vormittag nach uns schauen.

Dann ging auch ich ins Bett, erschöpft und doch noch so aufgedreht, erschlagen und überwältigt von den sich überstürzenden Ereignissen.

Am Vormittag weckte uns Carmen. Es war der erste Tag in unserem neuen Zuhause, der 13. September 1989. Carmen hatte uns frische Brötchen mitgebracht und wir frühstückten erst einmal alle zusammen, auch Leonhard war mitgekommen.

Carmen teilte mir dann mit, dass sie wieder erfolglos versucht hatte, Markus telefonisch zu erreichen. Da wir uns polizeilich in der Gemeinde melden mussten, wollte sie das dann mit uns tun. Auch musste Philipp für die Schule angemeldet werden. Also dann – zurück auf LOS, alles auf Anfang! Ich fühlte mich ähnlich wie damals, als wir ein Stück Land gepachtet hatten, wo wir zunächst noch sehr viel Arbeit reinstecken mussten, um irgendwann Früchte ernten und alles genießen zu können.

Als ich die Gemeinde bei Tageslicht sah, war ich hellauf begeistert – alles war so schön sauber, ordentlich und ruhig, hier würden wir uns sicher wohlfühlen.

Carmen klärte dann auf dem Gemeindeamt auch ab, dass sie uns ihre Wohnung vorübergehend zur Verfügung stellen würde. Markus wollte ja in der Zeit, wo wir noch in Ungarn im Lager waren, sich um eine größere Wohnung bemühen, sodass wir dann zusammen ziehen könnten, er hatte nur eine Einzimmerwohnung.

Aber auch in den darauf folgenden Tagen erreichten wir Markus nicht, sodass Carmen auch alle weiteren notwendigen Anmeldungen und Wege mit uns erledigte: zum Arbeitsamt fahren, wo ich mich zunächst weiter arbeitslos melden musste, zum Sozialamt, um zunächst einen Antrag auf Sozialhilfe zu stellen, zur Sparkasse, wo ich ein Giro-Konto eröffnen sollte, da von den Ämtern kein Bargeld ausgezahlt wurde, und zur Schule, um Philipp anzumelden.

Sie machte mich mit dem Ort und vertraut und zeigte mir, wo sich die Kindergärten befanden und wo ein Hausarzt seine Praxis hatte.

Als wir gemeinsam einkaufen gingen, war ich von den vollen Regalen, der Fülle der Angebote und den schönen, ansprechenden Aufmachungen dieser vollkommen überrollt. Ohne Carmen wäre ich hier total hilflos gewesen. Und – ein Tipp von Carmen – ich sollte beim Einkaufen die DDR-typische Frage „Haben Sie …?“ aus meinem Wortschatz streichen.

Für die Anerkennung meines Berufes musste Carmen mit mir in eine weiter entfernte, größere Stadt fahren, auch, um Flüchtlingshilfe zu beantragen.

Es war sehr viel zu organisieren, aber Carmen und ihr Freund Leo nahmen uns förmlich an die Hand und standen uns die ganze Zeit hilfreich zur Seite. Auch luden sie uns immer wieder mal zum Essen ein. Ohne sie wäre mir der Anfang wohl um ein Vielfaches schwerer gefallen. Ich bin ihnen noch heute sehr dankbar dafür!

Philipp hatte in der DDR die fünfte Klasse abgeschlossen. Nun ging es bei der Schulanmeldung darum, ob er einen Übergang in die sechste Klasse problemlos schaffen würde, da ihm ja ein ganzes Jahr Englischunterricht fehlte – in der DDR wurde stattdessen Russisch gelehrt. Auch gab es sicher in den Fächern Geografie und Geschichte bezüglich der Lehrpläne in Ost und West einige Unterschiede, die ihm den Einstieg erschweren könnten.

Mit Philipps Einverständnis wurde er dann für die fünfte Klasse eingetragen. Das neue Schuljahr hatte bereits begonnen. Bezüglich Eingewöhnung machte ich mir bei Philipp keine Sorgen, er war kontaktfreudig und hatte aufgrund seines sympathischen Wesens immer sehr schnell Freunde gefunden.

In der Gemeinde gab es zwei Kindergärten, einen evangelischen und einen katholischen. Wir schauten uns beide an. Der katholische lag an einer Hauptstraße, auch der Garten, in dem die Kinder spielten. Das sagte mir schon nicht besonders zu, obwohl es der kürzere Weg war. Die Inneneinrichtung war schön, das Personal sehr nett. Was aber erschwerend hinzukam, war, dass die Kinder mittags abgeholt werden mussten, der Kindergarten öffnete erst wieder am Nachmittag. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich das hätte umsetzen sollen, da ich vorhatte Vollzeit zu arbeiten.

Der evangelische Kindergarten war etwas weiter entfernt, aber ringsherum war Grün, nur eine kleine Zufahrtsstraße führte dahin. Der Garten war riesig, genug Auslauf für die Kinder und die Spielzimmer stießen sofort auf helle Begeisterung bei Laura. Hier konnten die Kinder bei Bedarf den ganzen Tag über bleiben, bekamen ein Mittagessen und hatten auch einen kleinen Schlafraum. Die Kosten waren erschwinglich, so dass ich nicht mehr überlegen musste und Laura anmeldete. Da ich noch keine Arbeit hatte, wollten wir mit einer langsamen Eingewöhnung anfangen, was mir sehr entgegen kam, da Laura eher schüchtern war.

Als alles soweit organisiert war, tauchte Markus plötzlich auf. Er sei halt unterwegs gewesen, verteidigte er sich – er war als Monteur tätig.

Markus wohnte nicht in dieser Gemeinde, sondern in einer Kleinstadt, nur wenige Kilometer entfernt. Wir fuhren mit zu ihm, denn ursprünglich wollten wir ja zusammenziehen.

Die Kleinstadt gefiel uns gut. Dann zeigte uns Markus seine Wohnung. Sie war von der Aufteilung her schön, zwar gab es leider nur ein Zimmer, aber dieses war sehr groß und l-förmig. Für den Anfang wäre es möglich gewesen, dachte ich, wir hätten das Zimmer abteilen können. In meiner Phantasie stellte ich die Möbel um und richtete es ein – so etwas hat mir schon immer Spaß gemacht und ich war voll in meinem Element und teilte es Markus mit. Und – obwohl er die meiste Zeit der Woche unterwegs war, kam es für ihn überhaupt nicht in Betracht, dass wir zusammen hier wohnen könnten. Auch meinte er, dass sein Vermieter da sicher nicht einverstanden sein würde. Bezüglich einer größeren Wohnung habe er lediglich seinen Vermieter gefragt, aber ohne Erfolg.

Ich war enttäuscht.

Markus war dann schon bald wieder beruflich unterwegs und ich richtete mich mit den Kindern mehr und mehr in der kleinen Gemeinde ein. Philipp hatte schon bald Freunde gefunden und auch Laura gefiel es im Kindergarten. Ich hatte den Eindruck, dass sich meine Kinder wohl fühlten. Noch war ich arbeitslos, hatte viel Zeit für meine Kinder und das tat uns allen sehr gut.

Ich genoss diese Zeit sehr. Es war alles sehr entspannt. Am Vormittag brachte ich Laura zur Eingewöhnung in den Kindergarten, bereitete dann das Mittagessen vor, holte Laura wieder ab und nachdem Philipp aus der Schule gekommen war, konnten wir alle zusammen essen. Oft war Carmens Sohn nach der Schule mit bei uns, die beiden Jungen machten dann zusammen Hausaufgaben und ich konnte bei Bedarf helfen.

Dass wir bei null anfangen mussten, war mir bewusst, denn durch die Flucht hatten wir ja lediglich unsere Urlaubssachen, mehr nicht. Ich versuchte auch meinen Kindern – hauptsächlich Philipp - zu vermitteln, dass es eine Weile dauern würde, bis wir nicht mehr so sehr auf das Geld schauen müssten und uns auch einige Extras leisten könnten. Schließlich hatten sie ja auch nichts mehr von ihren Spielsachen, lediglich ein paar Kleinigkeiten, die wir in den Urlaubskoffer gepackt hatten. Für Philipp war das schwieriger als für Laura, denn in der Klasse trugen einige Kinder Markenklamotten, erzählte er. Aber er reagierte verständnisvoll, als ich erklärte, dass ich ihm solche Kleidungsstücke nur zu besonderen Anlässen kaufen könnte.

In einer Gemeinde spricht es sich schnell herum, wenn plötzlich neue Gesichter auftauchen. Und Carmen berichtete auch ihren Arbeitskollegen von uns. Schon bald wurden wir angesprochen, ob wir Kleidung benötigen würden. Eine Kollegin von Carmen hatte ebenfalls einen Jungen und ein Mädchen, die jeweils wenig älter waren als meine Kinder. Wir nahmen die Kleidung dankbar an. Ein Kollege bot uns Besteck an und ein älterer alleinstehender Mann fragte an, ob ich ihm die Wohnung einmal gründlich durchputzen würde, im Gegenzug bot er an, uns aus der Metzgerei, wo er arbeitete, Wurst und Fleisch mitzubringen.

Als uns Carmen und Leo wieder einmal eingeladen hatten, waren auch ihre Geschwister mit Partnern bei ihnen zu Besuch. Carmens Schwägerin bot mir dann an, ihre Putzstelle zu übernehmen, um eigenes Geld zu verdienen, aber das lehnte ich ab. Nicht, dass ich keine Achtung vor den Leuten habe, die dieser Tätigkeit nachgehen, aber ich wollte etwas tun, was mich auch geistig zufriedenstellte. Wozu hatte ich Abitur und studiert?

Mein Outfit musste ich dann auch etwas anpassen. In meinem ehemaligen Wohnort in der DDR, eine große Stadt, war ich es zum Beispiel gewohnt, mit Absatzschuhen zur Arbeit zu gehen und trug diese auch in der Freizeit gern. Hier in der Gemeinde fiel ich damit unangenehm auf – Leos Schwester sagte es mir. Man würde solche Schuhe nur zu festlichen Anlässen oder wenn man tanzen ging tragen. Ich musste mich also an flache Schuhe gewöhnen.

Eines Nachts hatte ich einen ganz üblen Traum, in welchem mein Vater gestorben war. Ich konnte mich kaum beruhigen, da wir uns getrennt hatten, ohne uns zu versöhnen - es tat unsagbar weh! Selbst als ich erwacht war, hielt dieser Schmerz noch an. So etwas wollte ich in der Realität nie erleben, ich hoffte sehr, dass wir irgendwann wieder ein gutes Verhältnis zueinander haben würden.

Das nächste Problem war, dass wir – bedingt durch die Flucht - keinerlei Zeugnisse hatten, die ich aber für Bewerbungen dringend benötigte. Ich sprach mit Carmen darüber, die mir eine Adresse gab, an welche ich diese schicken lassen konnte. Noch immer hatte ja in der DDR die Stasi ihre Finger überall, so dass wir da nicht vorsichtig genug vorgehen konnten. Ich schrieb dann eine ehemalige Schulfreundin an, ob sie sich diesbezüglich an eine meiner Schwestern wenden könnte.

Und es hat dann auch alles sehr gut geklappt. Carmen brachte mir schon bald unsere Zeugnisse – Philipps Schulzeugnisse und meine Schul-, Abschluss- und Arbeitszeugnisse. So konnte ich schließlich eine Initiativbewerbung an eine Firma in der Gemeinde schicken, erhielt aber leider eine Absage.

Vom Arbeitsamt ging dann auch ein Schreiben ein. Uns Übersiedlern wurde ein vierwöchiger Kurs empfohlen, der uns das „Fußfassen“ in der neuen Heimat etwas erleichtern sollte. Im Anschluss war eine mehrmonatige Anpassungsfortbildung auf kaufmännischem Gebiet geplant und ein Computerkurs mit Abschluss eines Computerscheines. Der 1. Kurs sollte im Januar des folgenden Jahres beginnen.

Markus war in der Regel nur an den Wochenenden da. Und eine Hilfe war er mir sowieso nicht, im Gegenteil. Er tauchte wie selbstverständlich auf, brachte seine Schmutzwäsche mit, aß mit, hatte aber angeblich kein Geld, als ich von ihm eine finanzielle Beteiligung verlangte. Aber er kam mit einem BMW vorgefahren - beschämend! Wir erhielten noch Sozialhilfe und diese wurde genau berechnet und war für mich und meine beiden Kinder.

Die Anerkennung als Flüchtling erhielten wir übrigens nicht. Begründung: Es sei vielen Ostdeutschen so ergangen wie uns.

Ich sah es nicht so, beließ es aber dabei.

An einem Wochenende fuhren wir mit Markus in eine Ortschaft, die sich unmittelbar an der Grenze zur DDR an einem Fluss befand. Ursprünglich wurde diese durch den Fluss geteilt. Früher, als es noch kein geteiltes Deutschland gab, seien die Menschen über die Brücke auf die andere Seite zur Arbeit gegangen, stand auf einem Schild. Mir war nicht wohl, als ich auf der anderen Seite in einem leerstehenden Gebäude immer wieder Soldaten mit Gewehren auf und ab gehen sah, ich hatte Angst. Markus lachte nur über mich – was sollten die mir anhaben können, meinte er. Aber ich hatte ein unwahrscheinlich beklemmendes Gefühl in der Brust und Angst, Angst um mich und meine beiden Kinder, die unbeschwert am Fluss hin und her rannten, Angst, dass einer aus irgendeiner Laune heraus schießen könnte. Ich wollte nur weg, und das so schnell wie möglich.

Bei den Nachrichten sahen wir dann immer wieder Menschen, die versuchten aus der DDR über die tschechische Botschaft zu flüchten. Es wurden immer mehr und die Zustände in der Botschaft wurden immer dramatischer. Und als dann ein Flüchtlingszug über die DDR fahren musste und dort viele Stunden hielt, blieb uns vor Angst um diese Menschen -darunter auch viele Kinder - fast das Herz stehen. Und wir weinten mit ihnen, als sie endlich die Grenze überquert hatten und keiner Gefahr mehr ausgesetzt waren.

Es dauerte dann nicht mehr lange und am 09. November 1989 wurde plötzlich bei den Nachrichten die Öffnung der DDR-Grenzen mitgeteilt. Es war kaum zu glauben, wurde von dem Mitglied des Politbüros, der das verlas, selbst ungläubig wiederholt, aber es stand wohl so geschrieben. Unfassbar! Es dauerte eine Weile, bis ich registriert hatte, dass das kein Film war, sondern Realität. Ein Glücksgefühl über diese Mitteilung stellte sich nicht so schnell ein, nur mehr und mehr ein großes, unfassbares Erstaunen, dann eine langsam aufsteigende Freude, die ich aber immer wieder ungläubig hinterfragte und anzweifelte. Hatte ich das tatsächlich gerade erlebt? Ein Ereignis, welches so plötzlich nicht zu erwarten gewesen war, trotz dass es sich schon lange abgezeichnet hatte.

Ja, es hatte immer heftiger gebrodelt, viele DDR-Bürger waren bereits geflüchtet, die Menschen ließen sich nicht mehr einschüchtern, es waren inzwischen so viele geworden und wurden immer mehr, die sich zur Wehr setzten. Und andererseits feierten die Staatsführung und ihr treu ergebene Anhänger den 40. Jahrestag der DDR und versuchten damit alles zu bagatellisieren und ignorieren, was das Volk wirklich bewegte. Ein großer Fehler, der somit zum eigenen Sturz führte.

Ein einschneidendes geschichtliches Ereignis, welches – Gott sei Dank – friedlich verlaufen war! Wir freuten uns mit allen, für die diese Grenzöffnung eine Erlösung war.

Wenig später schon kam meine Schwester Regina mit Familie zu uns, sie hatten die Gelegenheit der Grenzöffnung sofort genutzt. In der Gemeinde holten wir das Begrüßungsgeld ab, welches Besuchern aus der DDR geschenkt wurde, natürlich, um ein paar Waren einzukaufen, die man in der DDR nicht oder nur selten erhielt.

Bei der Rückreise fuhren sie dann mit meinem Auto und ließen ihren alten Trabi bei mir stehen, wollten ihn später mal abholen. Ich konnte hier im Westen eh nicht mehr mit meinem Auto fahren, hatte keinen TÜV gekriegt. Ich hätte Investitionen tätigen müssen, die sich nicht mehr lohnten, das Auto war zu alt – abgesehen davon, dass ich das Geld dafür nicht gehabt hätte. In der DDR war das kein Thema, da fuhren viele alte Autos, da auf neue eine lange Wartezeit war.

Die Riesenwelle von Menschen, die die Möglichkeit der Grenzöffnung genutzt hatte, machte sich natürlich in den Geschäften bemerkbar, denn wir waren nicht weit von der Grenze entfernt. Im Fernsehen hatten wir die Schlangen von Autos an den Grenzen gesehen, sie rissen nicht ab. Und in den Supermärkten gab es auf einmal leere Regale, ein Zustand, den Westbürger nicht kannten.

Und eines Tages stand Wolfgang plötzlich vor unserer Tür.

„Wolfgang!?“

„Hallo!“

Wolfgang schaute mich ernst und zugleich triumphierend an.

Philipp und Laura kamen zaghaft aus dem Wohnzimmer, dann stürmten sie zu ihrem Vater.

„Papa, Papi!“

Wolfgang umarmte beide, ihm standen Freudentränen in den Augen.

„Komm doch rein“, sagte ich. „Bist du allein?“

„Nein, meine Freundin wartet draußen im Auto.“

„Sie muss doch nicht im Auto sitzen, kann gerne reinkommen.“

Wolfgang rief seine Freundin. Ihr schien es nicht so angenehm zu sein, aber sie kam herein.

Wolfgang wirkte zunächst sehr angespannt, sein Blick war vorwurfsvoll, so, als hätte ich ihm durch meine Flucht die Kinder vorenthalten wollen, was nie meine Absicht war. Aber ich empfing ihn freundlich, die Kinder bestürmten ihn regelrecht und schon bald war es eine angenehme Atmosphäre.

Wir vereinbarten nun auch, dass die Kinder in den Ferien gemeinsam mit Wolfgang Urlaub machen könnten und so wurde es für alle Seiten ein angenehmes Treffen.

Auch Wolfgangs Eltern besuchten uns schon bald. Sie hatten immer ein gutes Verhältnis zu den Kindern gehabt und freuten sich, sie durch die Grenzöffnung nun auch wieder öfter sehen zu können.

Und bald schon stand Weihnachten vor der Tür, unser erstes Weihnachten in unserer neuen Heimat. Ich hatte bisschen Geld gespart und konnte Philipp und Laura ein paar Geschenke machen, worüber sie sich sehr freuten. Philipp bekam einen Jogginganzug, den er sich gewünscht hatte und eine Autorennbahn, Laura einen Puppenwagen für ihre Puppe, die meine Tante ihr geschickt hatte und einen kleinen Spielzeugkoffer mit Puppengeschirr und Frisierzeug.

Wie meine Eltern und Geschwister die plötzliche Wende erlebt hatten, weiß ich nicht.

Zu meinen Eltern hatte ich damals noch keinen Kontakt. Und viel später, als ich meine Eltern besuchte (das ließen sie lange Zeit gar nicht zu), hatte ich immer wieder das Gefühl, als würden sie ihren ganzen Frust, ihre ganze, große Enttäuschung, dass sich alles entgegen ihren Vorstellungen entwickelt hatte (sie waren überzeugte Kommunisten), nun gegen mich richten.

Abgesehen davon, dass Regina die Grenzöffnung sofort für einen Besuch zu mir nutzte, worüber ich mich ganz sehr gefreut hatte, hüllten sich meine Schwestern mir gegenüber zunächst eher in Schweigen, sodass ich letztendlich über Berichte und Dokumentationen im Fernsehen versuchte mir über die Entwicklung in der DDR ein Bild zu machen.

Auch das Thema meiner Flucht wurde in meiner Familie totgeschwiegen. Keiner fragte danach, keiner äußerte etwas dazu – als hätte es diese nie gegeben. Und auch ich war zu feige es anzuschneiden.

Carmen beobachtete schon lange Markus‘ Verhalten und erklärte mir eines Tages, dass er in ihrer Wohnung – in der wir uns ja noch immer befanden – nichts mehr zu suchen hat. Ich war zunächst wie vor den Kopf geschlagen, da er ja mein Freund war. Aber es war ihre Wohnung, sie hatte das Recht zu entscheiden, wer sich darin aufhielt.

Dann öffnete sie mir auch die Augen. Es stimmte, er war nie für mich da gewesen, als ich ihn brauchte. Und auch jetzt nutzte er mich nur aus. Ich hatte noch kein selbstverdientes Geld, lebte noch immer von Sozialhilfe und er kam an den Wochenenden zu uns, brachte seine Schmutzwäsche mit, ließ sich versorgen und bewirten, ohne sich auch nur annähernd entsprechend finanziell zu beteiligen. Carmen hatte vollkommen Recht.

Dann waren wir auf Wohnungssuche. Einmal besichtigten wir eine Wohnung im Neubauviertel der Gemeinde, in einem Hochhaus. Abgesehen davon, dass ich Hochhäuser nicht mag, war die Miete für mich nicht erschwinglich. Ich fragte auch bei der Gemeinde nach, da deren Wohnungen preiswerter sind, aber es gab keinen freistehenden Wohnraum.

Auch im Kindergarten wurde einmal eine Wohnung frei. Ich bekundete mein Interesse, aber die Vergabe war an eine Hausmeistertätigkeit gebunden und an eine evangelische Konfession, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht hatte.

Später war ich auf Carmens Anraten auch mal in die Kirche gegangen und war von der Predigt des Pfarrers begeistert. Er war viel auf aktuelle politische Ereignisse eingegangen und plädierte für die Unterstützung von Flüchtlingen aus der DDR. Ich unterhielt mich anschließend persönlich mit ihm und folgte auch einer Einladung zu einem weiteren Gespräch. Besonders beeindruckt hatte mich seine tolerante Haltung und, dass er mir zuhörte ohne zu bewerten. Das tat gut!

Ein neues Jahr hat angefangen.

Philipp machte sich gut in der Schule, nur im Mathematikunterricht sei er unaufmerksam, teilte mir seine Klassenlehrerin mit. Kein Wunder, den Stoff hatte er schon in der DDR gehabt, er langweilte sich sicher.

Laura hatte sich auch gut im Kindergarten eingewöhnt, hatte eine Freundin, die bei uns in unmittelbarer Nachbarschaft wohnte und deren Bruder auch Philipps Freund war. Auch ich verstand mich mit den Eltern sehr gut.

Mittlerweile hatte auch mein erster Kurs vom Arbeitsamt begonnen, sodass ich nun täglich, nachdem ich Laura in den Kindergarten gebracht hatte, mit dem Zug in die nächst größere Ortschaft fahren musste und erst am Nachmittag wieder zurückkam. Philipp war sich nun nach dem Unterricht selbst überlassen, aber ich musste mir um ihn keine Sorgen machen. Eigentlich hatte ich noch Aufsichtspflicht, denn er war noch keine 12 Jahre alt, aber er hielt sich dann meistens bei seinem Freund auf, was für seine Eltern, meine neuen Freunde, auch in Ordnung war.

Nun, da ich ja einen vom Arbeitsamt vermittelten Kurs absolvierte, erhielt ich auch Arbeitslosengeld und keine Sozialhilfe mehr. Was mich allerdings ärgerte, war, dass ich dieses nur für einen halben Tag erhielt und nicht wie die anderen in meinem Kurs für einen ganzen Tag. Als ich daraufhin beim Arbeitsamt vorsprach, erklärte man mir, ich müsste ja auch eine Arbeit annehmen, die 20 km von meinem Wohnort entfernt sei. Und da ich ein Kind im Kindergarten habe, welches bis zu einer bestimmten Zeit abgeholt sein müsste, sei eine Vollzeitbeschäftigung nicht in jedem Fall gewährleistet, zumal ich kein eigenes Auto hätte und dies mit dem Zug nicht zu schaffen sei.

Leider nachvollziehbar.

Dann machte uns Carmen das Angebot, in ihrer Wohnung zu bleiben, sie würde endgültig mit ihrem Freund zusammenziehen. Und wir hatten Glück, es wurde von der Gemeinde bewilligt.

So hatten wir nun unsere eigene Wohnung - welch ein Glücksgefühl! Allerdings kamen nun andere Probleme auf mich zu – wir hatten keine Möbel!

Und ein noch größerer Schock war es für mich, als Carmen den Ölofen mitnahm, er würde ihr gehören. Ich verstand es zunächst nicht, aber mir wurde dann auch von der Gemeinde mitgeteilt, dass der Ofen nicht zur Wohnung gehörte.

Es war Winter und brutal kalt, wie sollte ich die Wohnung warmbekommen? Auf mein Drängen stellte mir die Gemeinde vorübergehend einen Kanonenofen aus einem Bauwagen zur Verfügung. Leo holte ihn ab, stellte ihn auf und schloss ihn an. Aber wo sollte ich Brennmaterial herbekommen?

Wieder halfen Carmen und Leo aus, auch ein Mann aus der Nachbarschaft schenkte mir ein paar Kohlen. In der folgenden Woche sollte ich mir welche im Supermarkt kaufen.

Carmen hatte mir zudem ihre gesamte Kücheneinrichtung mit Herd, Kühlschrank, Geschirr und Töpfen für wenig Geld überlassen, auch den Öltank im Keller. Und sie ließ das Schlafzimmermöbel und ihre Waschmaschine vorerst noch stehen, wofür ich sehr dankbar war.

Als erstes kaufte ich dann Auslegeware für das Wohnzimmer, der nackte Boden war sehr kalt und sah auch nicht schön aus. Zufällig war gerade Sperrmüll und in der Nachbarschaft wurden zwei schöne Sessel rausgestellt. Philipp rollte sie sofort mit seinem Freund zu uns. Gefiel mir auch gut, so ein großes, leeres, nur mit Teppichboden ausgelegtes Zimmer, als Möbelstücke lediglich zwei Sessel, konnte ja aber keine Endlösung sein.

Carmen erzählte Verwandten und Bekannten von uns, dadurch bekamen wir wieder von vielen Seiten Hilfe angeboten. Von Carmens Kollegin, die uns bereits mit Kinderkleidung versorgt hatte, erhielten wir eine Couchgarnitur, von anderen einen Couchtisch. Und alles wurde uns sogar in die Wohnung geliefert! Die Mutter meines Zahnarztes bot uns ein Schlafzimmer plus eine zusätzliche Liege an, als Gegenleistung bat sie uns auf dem nahegelegenen Friedhof ein Grab zu pflegen, da sie außerhalb wohnte.

Bald schon wurde dann auch unsere bestellte Waschmaschine geliefert. Und in der Zeitung fanden wir ein günstiges Angebot für einen Ölofen. Diesen hatte dann sogar mal Markus mit seinem Auto abgeholt.

Aber die Beziehung zu Markus hatte ich dann auch schon bald beendet. Wenn ich mir heute überlege, dass ich damals in der DDR mit ihm beim Standesamt war, bin ich nur froh, dass – wer auch immer da seine Hand im Spiel hatte – diese Hochzeit durch die Genehmigung seiner Ausreise verhindert worden war.

Unsere nächste Anschaffung sollte dann ein Radio sein. Leo empfahl uns, dieses bei einem Händler im Ort zu kaufen, da dieser qualitativ hochwertige Ware hätte. Und so kauften wir dort unser erstes Radio (welches bis auf die Kassettendecks noch heute funktioniert!).

Da nun die Grenzen offen waren, hatten auch wir die Gelegenheit, unsere Verwandten in der DDR zu besuchen. Ursprünglich hätten wir irgendwann nur Treffen in der Tschechoslowakei mit ihnen vereinbaren können, so wie wir es damals mit Carmen gemacht hatten, nun hatte sich das – Gott sei Dank – erledigt. Trotzdem hatten wir gemischte Gefühle bei diesem Gedanken. Wie würden die Grenzsoldaten reagieren? So ganz wohl war uns nicht dabei.

Ich war dann ziemlich angespannt, als wir uns der Grenze näherten, aber es verlief alles problemlos.

Und somit fuhren wir wieder innerhalb der DDR. Sofort fiel uns der schlechte Zustand der Straßen auf, dann auch die smoghaltige Luft, die ins Auto eindrang. Wir durchquerten zunächst Gebiete, zu denen wir damals wohl gar keinen Zugang gehabt hätten, da sie sich in unmittelbarer Grenznähe zur Bundesrepublik befanden, also in der Schutzzone. Alles wirkte düster, die Häuser grau und in schlechtem Zustand. Jetzt nahmen wir das alles noch viel deutlicher wahr.

Schließlich kamen wir in unserer alten Heimatstadt an. Wir hielten vor dem Haus, in dem wir vor einem halben Jahr noch gewohnt hatten. Die Haustür war nicht verschlossen und somit stiegen wir die vielen Treppen zu unserer ehemaligen Wohnung hinauf. Ein eigenartiges Gefühl überkam mich dabei, so vertraut und doch auch fremd! Unsere Wohnungstür war noch versiegelt. Eine Hausbewohnerin sagte mir, man habe die Wohnung noch nicht wieder vermieten können, da kein Schlüssel dafür vorhanden sei.

Ich hatte den Wohnungsschlüssel noch und hatte ihn auch dabei. Total aufgeregt brach ich das Siegel, welches von der Stasi angebracht worden war, und steckte den Schlüssel in das Schloss. Er passte! Ich schloss auf.

Und dann standen wir wieder in unserer ehemaligen Wohnung. Gähnende Leere strotzte mir aus allen Zimmern entgegen, bis auf ein paar einzelne Gegenstände. In Lauras Zimmer ein Berg von Wäsche, die man wohl einfach aus den Schränken gezerrt hatte, als diese aus der Wohnung geholt wurden, im Bad noch der Behälter mit unserer letzten Schmutzwäsche darin. Einige Kleidungsstücke suchten wir uns heraus, um sie mitzunehmen.

Ich schaute aus dem Fenster – alles so vertraut. Für einen kurzen Moment überkam mich das Gefühl, wieder zu Hause zu sein. Endlich Ruhe, endlich alles hinter mir lassen! Es hatte mich so wahnsinnig viel Kraft gekostet! Fallen lassen, schlafen, endlich nicht mehr kämpfen! …

Nach einer Weile gingen wir wieder. Ein letzter schwermütiger Blick, dann verschlossen wir endgültig unsere ehemalige Wohnung und übergaben die Schlüssel der Nachbarin.

Ich wollte nun hauptsächlich noch kurz zu meinen Geschwistern, wir mussten spätestens am Abend zurückfahren.

Damals hatte ich aus Ungarn über eine Telefonzelle Carmen angerufen und ihr mitgeteilt, dass wir uns in einem Lager der Deutschen Botschaft befänden und ob sie vielleicht Peter, meinen Bruder, darüber informieren könne. Er habe einen Wohnungsschlüssel und könnte mit meinen Schwestern vielleicht noch einiges aus der Wohnung retten, ehe die Stasi diese versiegeln würde. Für uns ging es mir dabei hauptsächlich um unsere Fotoalben, Zeugnisse, meine Tagebücher und um Spielsachen für die Kinder. Glücklicherweise hatte Carmen gerade Besuch aus unserer ehemaligen Heimatstadt, welcher am nächsten Tag zurückreisen wollte. Dieser (es war der Vater meiner Freundin Marion) erklärte sich dann bereit, unmittelbar nach Ankunft Peter bei der Arbeit aufzusuchen. Somit musste nicht in die DDR telefoniert werden, was durch das Abhören von Telefonaten auch ein Risikofaktor gewesen wäre.

Meine Schwester Regina erzählte mir dann, Peter habe mit ihnen einen Termin vereinbart, an welchem sie die Wohnung ausräumen wollten. Als meine Schwestern eintrafen, sei die Wohnung von Möbelstücken bereits fast leergeräumt gewesen, die Dinge, die mir wichtig gewesen waren, hätten aber noch in der Wohnung gelegen. Ich war enttäuscht, als ich das hörte.

Meine Schwestern hatten natürlich die von mir gewünschten Sachen mitgenommen und mir dann ausgehändigt, worüber ich mich sehr gefreut habe. Nur als ich weitere Gegenstände von mir sah und darum bat, wirkten sie nicht gerade begeistert und ich fühlte mich wie eine Bettlerin.

Anschließend fuhren wir zu meinem Bruder. Er hatte bereits einen Teil meiner Möbel in seinem Haus integriert und zeigte uns alles stolz. Als ich anfragte, ob ich vielleicht einige Möbelstücke zurück haben könnte, zeigte er kaum Verständnis dafür. Mitnehmen konnten wir sie eh nicht, wir würden noch einmal mit einem größeren Fahrzeug wiederkommen müssen.

In dem Fortbildungskurs tauschten wir uns untereinander auch über unsere Erlebnisse aus, die wir seit der Grenzöffnung hatten. Ein Mitschüler, dessen Verwandte einen Fuhrpark hatten, bot mir daraufhin an, gemeinsam noch einmal mit einem größeren Auto zu meinem Bruder zu fahren, was ich dankend annahm.

Und wenige Wochen später klingelten wir erneut an seiner Tür. Zunächst öffnete niemand. Sein Nachbar kam heraus, erkannte mich und erzählte mir, dass er seine Laube für einige Möbelstücke, die mein Bruder aus meiner Wohnung geholt hatte, zur Verfügung gestellt habe. Sie würden seitdem dort stehen. Wir könnten sie gerne haben, meinte er, er sei froh, wenn er wieder Platz habe.

Dann öffnete mein Bruder die Haustür. Er wirkte nicht als begeistert, als er mich sah. Da wir früher ein gutes Verhältnis hatten, verstand ich seine Reaktion zunächst nicht. Klar, ich wollte nicht, dass die Stasi damals mein Möbel und Hausrat beschlagnahmte, deshalb hatte ich ja meinem Bruder die Information über meine Flucht zukommen lassen. Und jetzt waren diese in seinem Besitz. Durch die Grenzöffnung hatte ich nun die Möglichkeit nach diesen zu fragen, um unsere Wohnungseinrichtung etwas zu verschönern. Ich hatte Verständnis von meinem Bruder erwartet, so wie umgedreht ich Verständnis gehabt hätte, es war leider nicht da. Peter gab mir alles zurück, was in seinem Besitz war, aber die Übergabe gestaltete sich alles andere als friedlich. Schade!

Jetzt hatte ich also einen Teil meiner ehemaligen Möbelstücke zurück erhalten und wir richteten uns damit ein. Ich glaube, dass es für Philipp und Laura ein schönes Gefühl war, ihr Kinderzimmermöbel wieder zu haben. Ich empfand es jedenfalls als sehr angenehm, als wir das ehemalige Schlafzimmer nun damit ausstatten konnten, sie also wieder ein Kinderzimmer hatten.

In der Zwischenzeit erhielt ich auch wegen meiner Berufsanerkennung Bescheid, den Antrag dafür hatte ich bereits im Oktober gestellt. Mir wurde mitgeteilt, dass mein Abschluss der Ausbildung an einer hiesigen Fachakademie zum “Staatlich geprüften Betriebswirt“ entsprechen würde, eine Gleichstellung aber aufgrund der unterschiedlichen Wirtschaftssysteme erst nach einer ergänzenden Ausbildung von mindestens sechs Monaten möglich sei. Dazu sollte ich mich an die ‚Fachakademie für Wirtschaft München‘ oder die ‚Private Fachakademie für Wirtschaft in Nürnberg‘ wenden.

Das war mir natürlich nicht möglich. Wie sollte das funktionieren? Weder konnte ich meine Kinder ein halbes Jahr allein lassen, noch konnten wir zusammen für ein halbes Jahr nach München ziehen (eine private Akademie stand sowieso nicht zur Diskussion), vom Finanziellen ganz zu schweigen.

Die Monate vergingen. Ich hatte bereits den größten Teil meines Kurses abgeschlossen und wir begannen Bewerbungen zu schreiben. Eines Morgens auf dem Weg zum Bahnhof hielt ein Bus neben mir, der Fahrer öffnete die Tür.

„Grüß Gott, wo wollen Sie denn hin?“

Ich erklärte kurz und er bot mir an einzusteigen, da er auch in diesen Ort fahren würde. Natürlich war der Fahrer neugierig, fragte, wer ich sei, er hätte mich noch nie hier in der Gemeinde gesehen. Ich erzählte bereitwillig. Es stellte sich dann heraus, dass er ein Busunternehmen hatte und für sein Büro eine neue Mitarbeiterin suchte.

Und so kam es durch diesen Glücksfall, dass ich die Chance hatte, nach Abschluss meiner Fortbildung Ende Mai in diesem Unternehmen eine Arbeit aufzunehmen. Da diese Arbeitsstelle nur wenige Kilometer von meiner Wohnung entfernt war, hatte ich auch die Möglichkeit einer Vollbeschäftigung nachzugehen, denn Philipp hatte das 12. Lebensjahr vollendet und Laura war im Kindergarten untergebracht.

Trotzdem ergab sich für mich damit das nächste Problem: Um pünktlich bei der Arbeit zu sein, Laura vorher in den Kindergarten zu bringen und nach der Arbeit rechtzeitig abholen zu können, brauchte ich ein Auto. Zu Fuß war es nicht zu schaffen, ein anderes Verkehrsmittel fuhr nicht dahin. Da auch eine andere Arbeitsstelle außerhalb meines Wohnortes sehr wahrscheinlich nur mit einem Auto gut und fristgemäß erreichbar wäre, musste ich schauen, ob ich hierfür einen Kredit bei der Bank erhalten würde.

Nach einem Vorstellungsgespräch bei dem Chef des Busunternehmens erhielt ich von ihm einen Arbeitsvertrag und eine entsprechende Bescheinigung für die Bank, die mir damit einen Kredit bis 5.000 DM gewährte. Mein neuer Chef half mir dann auch, ein passendes Fahrzeug zu finden, er hatte die dafür notwenigen Beziehungen.

Ich konnte mein Glück kaum fassen! Zu allem, was wir bisher erreicht hatten, hatte ich nun eine Festanstellung und ein Auto! Die Mittagspause war lang genug, um nach Hause fahren und mit Philipp gemeinsam essen zu können. Das tat gut. Nach der Arbeit holten wir gemeinsam Laura ab und genossen den Nachhauseweg, um über die Erlebnisse des Kindergarten- und Schultages zu berichten.