Sag nicht, dass du Angst hast - Giuseppe Catozzella - E-Book

Sag nicht, dass du Angst hast E-Book

Giuseppe Catozzella

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Beschreibung

„Genau die Literatur, die es braucht, um die großen Dramen unserer Zeit zu erzählen.“ Erri De Luca

Sie kam als Letzte ins Ziel, und doch ging ihr Foto um die Welt. Millionen waren während der Olympischen Spiele 2008 von der kleinen somalischen Läuferin Samia und ihrem eisernen Willen gerührt. Doch nur wenige wissen, dass die junge Frau danach in ihrer vom Bürgerkrieg zerrissenen Heimat keine Unterstützung mehr erhielt und sich auf die lange illegale Reise nach Europa machte. Ihre Odyssee fand 2012 vor Lampedusa ein tragisches Ende. Der italienische Journalist Giuseppe Catozzella hat Samias Geschichte recherchiert und mit ihrer in Finnland lebenden Schwester lange Gespräche geführt. In einer einfachen und emotional berührenden Sprache lässt er Samias Welt entstehen und gibt der verschollenen jungen Frau eine Stimme.

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Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Giuseppe Catozzella

Sag nicht, dass du Angst hast

Roman nach einer wahren Geschichte

Aus dem Italienischen von Myriam Alfano

Knaus

Die italienische Originalausgabe erschien im Januar 2014 unter dem Titel »Non dirmi che hai paura« bei Giangiacomo Feltrinelli Editore, Mailand.

1. Auflage

Copyright © 2014 by Giuseppe Catozzella

Published by arrangement with Agenzia Santachiara

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014

beim Albrecht Knaus Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-14312-1www.knaus-verlag.de

1

An dem Morgen, an dem Alì und ich Bruder und Schwester wurden, war es glühend heiß und wir standen im schmalen Schatten einer Akazie.

Es war ein Freitag, der wöchentliche Feiertag. Der Lauf war lang und anstrengend gewesen, wir waren beide nassgeschwitzt: Von Boondheere, wo wir wohnten, waren wir bis zum Koonis-Stadion gelaufen, ohne ein einziges Mal anzuhalten. Sieben Kilometer durch enge, versteckte Gassen, die Alì wie seine Westentasche kannte, unter einer Sonne, die die Steine zum Schmelzen brachte.

Zusammen waren wir sechzehn Jahre alt, jeder acht, unsere Geburtstage lagen drei Tage auseinander. Wir konnten gar nichts anderes sein als Bruder und Schwester, da hatte Alì recht, und dabei stammten wir aus zwei Familien, die eigentlich nicht einmal miteinander reden durften. Stattdessen wohnten sie im selben Haus und teilten seit jeher alles miteinander.

Bis zum Po mit dem feinen weißen Straßenstaub bedeckt, der in dieser Gegend beim geringsten Windhauch aufwirbelt, wollten wir uns unter der Akazie kurz ausruhen und abkühlen, als Alì plötzlich mit dieser Sache von der abaayo anfing.

»Willst du meine abaayo sein?«, fragte er mich noch keuchend, die Hände in die knochigen schmalen Hüften gestützt. Seine kurze blaue Hose hatten vor ihm schon alle seine Brüder getragen. »Willst du meine Schwester sein?«

Du kennst jemanden ein Leben lang, aber von einem bestimmten Moment an ist dieser Jemand, wenn er ein wichtiger Mensch für dich ist, dein Bruder oder deine Schwester. Ein einziges Wort verbindet beide dann ein ganzes Leben lang.

Ich sah ihn bloß schief an.

»Nur wenn du mich fängst«, stieß ich hervor und rannte wieder los, in Richtung nach Hause.

Alì musste alles gegeben haben, denn schon nach wenigen Schritten erwischte er mich am T-Shirt und brachte mich ins Stolpern. Wir fielen der Länge nach hin; er auf mich, und sofort klebte der Staub überall auf unserer verschwitzten Haut und den dünnen Kleidern. Es war fast Mittag, kein Mensch unterwegs. Ich versuchte nicht, mich zu befreien, wehrte mich nicht. Es war ein Spiel.

»Also?«, fragte er mit ernster Miene, und ich spürte seinen warmen Atem auf meinem Gesicht.

Ich sah ihn nicht an, kniff nur angewidert die Augen zusammen.

»Du musst mir einen Kuss geben, wenn du mein Bruder sein willst. Du kennst doch die Regeln.«

Alì machte sich lang wie eine Eidechse und drückte mir einen feuchten Kuss auf die Wange.

»Abaayo«, sagte er. Schwester.

»Aboowe«, antwortete ich. Bruder.

Wir standen auf, und los ging es.

Wir waren frei, hatten die Freiheit zu laufen.

Zumindest bis nach Hause.

Unser Haus war kein Haus im üblichen Sinne, nicht schön oder komfortabel. Es war klein, winzig klein. Zwei Familien lebten dort, meine und Alìs, im selben Hof, umgeben von einer Lehmmauer. Unsere Zimmer lagen einander gegenüber, jeweils am anderen Ende des Hofs. Wir wohnten auf der rechten Seite und hatten zwei Zimmer, eins für mich und meine sechs Geschwister und eins für unsere Eltern. Die Wände bestanden aus einer Mischung aus Lehm und Reisig, die in der Sonne steinhart wurde. Als wollte es uns von unseren Eltern trennen, lag zwischen unseren beiden Zimmern das Zimmer der Hausbesitzer, der Familie Omar Sheikh – ein dicker Mann mit einer noch viel dickeren Frau. Kinder hatten sie keine. Sie wohnten eigentlich an der Küste, aber hin und wieder verbrachten sie eine Nacht hier, und wenn sie da waren, machte alles viel weniger Spaß. »Hebt euch eure Späße bis übermorgen auf«, sagte Said, mein ältester Bruder, wenn sie im Anmarsch waren, und meinte damit den Tag ihrer Abreise.

Alì hingegen wohnte mit seinem Vater und seinen drei Brüdern in einem einzigen Zimmer, das direkt an der Mauer auf der linken Seite lag.

Das Schönste war unser großer Hof, in dem ein einzelner riesiger Eukalyptusbaum stand. Der Hof war so groß, dass alle unsere Freunde immer zu uns zum Spielen kommen wollten. Im Haus und überall sonst war der Boden aus der weißen Erde, die in Mogadischu durch alle Ritzen dringt. Im Schlafzimmer zum Beispiel hatten wir Strohmatten unter die Matratzen gelegt, aber das nützte nicht viel: Said und Abdi, meine beiden ältesten Brüder, mussten sie alle zwei Wochen draußen ausklopfen, so fest sie konnten, um auch noch das letzte Staubkorn loszuwerden.

Der dicke Omar Sheikh hatte das Haus vor vielen Jahren selbst gebaut, höchstpersönlich. Und er hatte es genau an dieser Stelle haben wollen, rund um den majestätischen Eukalyptusbaum. Schon als Kind war er jeden Tag an ihm vorbeigelaufen und hatte sich in den Baum verliebt, zumindest erzählte er uns das immer und immer wieder mit seiner komischen Fistelstimme. Schon damals war der Eukalyptusbaum groß und stark gewesen, und er hatte gedacht: Hier soll mal mein Haus stehen. Dann begannen, unter der Herrschaft des Diktators, die Probleme mit den Geschäften, und es sah aus, als würde es Krieg geben; also zog er lieber an einen ruhigeren Ort und vermietete die drei Zimmer an unsere beiden Familien, an meine und an die von Alì.

Ganz hinten, in der Nähe von Alìs Zimmer, war die Hütte mit dem Gemeinschaftsklo. Ein winziges Kabuff aus Bambusrohren mit einem stinkenden Loch in der Mitte, wo wir unsere Notdurft verrichteten.

Unser Zimmer war vier Mal vier Meter groß, mit sieben Matratzen auf dem Boden. In der Mitte schliefen die Jungs, am Rand wir vier Mädchen, Ubah und Hamdi an der linken Wand, Hodan, meine Lieblingsschwester, und ich an der rechten. In der Mitte thronte, wie ein ewig über uns wachendes Feuer, der unvermeidliche ferus, die Petroleumlampe, ohne die Hodan niemals bis tief in die Nacht hinein hätte lesen oder ihre Lieder schreiben können und ohne die Shafici, unser jüngster Bruder, nicht die Schattenfiguren an die Wand hätte zaubern können, über die wir uns schieflachten, so plump und misslungen waren sie.

»Toll, dein Schattentheater, sehr fantasievoll«, sagte Said immer zu ihm.

Zu siebt in das kleine Zimmer gepfercht, amüsierten wir uns also jeden Abend vorm Einschlafen prächtig und versuchten, unsere Eltern nicht zu sehr zu stören – und auch Yassin nicht, Alìs Vater, der mit Alì und den anderen drei Söhnen gegenüber schlief. Nur ein paar Schritte von mir entfernt. Drei Tage lagen zwischen Alìs und meinem Geburtstag und nur wenige, ganz wenige Schritte trennten uns voneinander.

Seit wir auf der Welt waren, teilten Alì und ich jeden Tag das Essen und die Toilette miteinander. Und natürlich auch die Träume und Hoffnungen, die beim Essen und Kackamachen entstehen, wie aabe, mein Vater, immer sagte.

Unsere Welt war vollkommen, nichts hätte uns auseinanderbringen können. Auch wenn er ein daarood war und ich eine abgaal, die beiden Clans, die acht Wochen vor unserer Geburt anfingen, sich zu bekriegen, im März 1991.

Unsere Mütter brüteten uns Letztgeborene aus, während die Clans den Krieg, unseren großen Bruder, ausbrüteten, sagten meine Eltern immer. Ein böser Bruder, aber doch jemand, der dich in- und auswendig kannte, der genau wusste, wie leicht er dich glücklich oder traurig machen konnte.

Es war verboten, wie Alì und ich im selben Haus zu wohnen. Wir hätten einander hassen müssen, wie alle anderen Abgaal und Daarood einander hassten. Aber so war es nicht. Wir hatten immer unseren eigenen Kopf, auch beim Essen und beim Austreten.

An dem Morgen, an dem Alì und ich Bruder und Schwester wurden, hatten wir für den jährlichen Stadtlauf in Mogadischu trainiert. Bis dahin waren es noch zwei Wochen, was mir ewig vorkam. Der Tag des Wettlaufs war für mich der wichtigste des Jahres. Freitags war Feiertag und es galt Waffenruhe, man konnte also unbesorgt draußen sein und durch die Straßen der Stadt laufen, wo alles so weiß war.

Alles war weiß in Mogadischu.

Die Mauern der mit Einschusslöchern übersäten oder durch Handgranaten halb eingestürzten Gebäude waren fast alle weiß oder grau oder ockerfarben oder gelblich. Jedenfalls hell. Auch die ärmsten Häuser, wie unseres, aus Lehm und Reisig, wurden schnell weiß wie der Straßenstaub, der sich auf die Fassaden legte und auf alles andere.

Wenn man in Mogadischu rannte, wirbelte man eine feine Staubwolke hinter sich auf. Alì und ich zogen zwei Wolken hinter uns her, die ganz langsam zum Himmel aufstiegen und dann verschwanden. Wir liefen immer dieselbe Strecke, die Straßen waren zu unserem persönlichen Trainingsplatz geworden.

Wenn wir an den Buden vorbeiliefen, vor denen die Alten saßen und Karten spielten oder shaat tranken, landete unser Staub in ihren Gläsern. Immer. Wir machten das mit Absicht. Sie standen dann auf und taten so, als würden sie uns hinterherlaufen, aber wir gaben Gas, in Sekundenschnelle hatten wir sie abgehängt und noch mehr Staub aufgewirbelt. Für uns war es ein Spiel, wir hatten unseren Spaß und sie auch ein bisschen. Wir mussten allerdings aufpassen, wo wir hintraten, denn abends wurde der Müll auf der Straße verbrannt, und am nächsten Morgen lag überall verkohltes Zeug herum. Benzinkanister, Öldosen, Reifenteile, Bananenschalen, Glasscherben, einfach alles. Beim Laufen sahen wir in einiger Entfernung immer viele rauchende Haufen, wie kleine Vulkane kurz vor dem Ausbruch.

Bevor wir in die engen Gassen abbogen, die zu der großen, parallel zum Meer verlaufenden Straße führten, liefen wir immer über Jamaral Daud, eine breite zweispurige Allee, von Akazien gesäumt und mit dem üblichen Staub bedeckt.

Es gefiel uns, wenn der Altar des Vaterlands, das Parlament, die Nationalbibliothek, das Gericht an uns vorbeizogen. Davor versammelten sich die fliegenden Händler: bunte Tücher auf dem Boden, auf denen sie ihre Waren feilboten, Tomaten und Karotten, aber auch Scheibenwischer und andere Gebrauchsgegenstände. Unter den Bäumen hielten sie ihr Nickerchen, bis ein Kunde vorbeikam, und wenn wir vorbeiliefen, starrten sie uns an, als wären wir zwei Marsmännchen. Sie machten sich über uns lustig.

»Wohin so eilig, ihr zwei Rotzlöffel? Heute ist Ruhetag, also gebt Ruhe«, riefen sie uns zu.

»Zu deiner Frau, alte Schlafmütze!«, antwortete Alì. Manchmal warfen sie uns eine Banane hinterher oder eine Tomate oder einen Apfel. Dann blieb Alì stehen, sammelte das Obst auf und rannte blitzschnell weiter.

Der Lauf war ein großes Ereignis, das mir sogar wichtiger vorkam als der 1. Juli, der Tag der Unabhängigkeit von den italienischen Kolonialherren, unser Nationalfeiertag.

Wie immer wollte ich gewinnen, aber ich war erst acht Jahre alt, und alle nahmen teil, auch die Erwachsenen. Beim Lauf im Jahr zuvor war ich Achtzehnte geworden, dieses Mal wollte ich als eine der ersten fünf das Ziel erreichen.

Wenn mein Vater und meine Mutter diesen Ehrgeiz an mir wahrnahmen, den ich schon als kleines Mädchen hatte, versuchten sie herauszufinden, was mir durch den Kopf ging.

»Na? Gewinnst du dieses Mal auch, Samia?«, fragte Aabe Yusuf, mein Vater, ironisch. Er saß im Hof auf seinem Strohstuhl, zog mich zu sich heran und wuschelte mir mit seinen riesigen Händen durch die Haare. Ich hatte Spaß daran, es bei ihm genauso zu machen, und stocherte mit meinen kurzen, dünnen Fingerchen in seiner dichten schwarzen Haarpracht herum oder hämmerte ihm auf die Brust mit dem Hemd aus weißem Tuch. Dann packte er mich und hob mich, groß und stark, wie er war, mit nur einem Arm in die Luft und setzte mich anschließend wieder auf seinen Schoß.

»Ich hab doch noch nie gewonnen, Aabe, aber bald!«

»Du erinnerst mich an eine Gazelle, weißt du? Du bist meine kleine Lieblingsgazelle«, sagte er dann, und wenn ich seine mächtige Stimme so zärtlich werden hörte, bekam ich ganz weiche Knie.

»Aabe, ich bin vielleicht so schnell wie eine Gazelle, aber ich bin doch nicht wirklich eine …«

»Dann lass mal hören: Wie willst du denn gegen die Großen gewinnen?«

»Schneller rennen als sie! Ist doch ganz einfach, Aabe! Vielleicht dieses Mal noch nicht, aber irgendwann bin ich die schnellste Läuferin von ganz Mogadischu.«

Er fing an zu lachen, und wenn hooyo Dahabo, meine Mutter, in der Nähe war, lachte sie laut mit. Aber gleich darauf, er hielt mich noch fest im Arm, wurde Aabe schwermütig.

»Irgendwann, ja, ja, kleine Samia. Irgendwann …«

»Doch, Aabe, manche Sachen weiß man einfach. Und ich wusste schon, als ich noch nicht richtig sprechen konnte, dass ich mal Champion werde. Das hab ich mit zwei schon gewusst«, versuchte ich ihn zu überzeugen.

»Glückliche, kleine Samia. Ich wüsste viel lieber, wann dieser verdammte Krieg endlich aufhört.«

Dann stellte er mich zurück auf den Boden und starrte wieder ins Leere.

2

Alì und mich kümmerte der Krieg nicht. Sollten sie sich auf der Straße doch gegenseitig erschießen, uns ging das nichts an. Denn das Wichtigste konnte er uns nicht nehmen: was wir einander bedeuteten.

Doch der Krieg konnte einem so einiges nehmen. Mir nahm er zum Beispiel das Meer. Das Erste, was ich direkt nach der Geburt in der Nase hatte, war der Geruch des Meeres, der die ganze Küstenstraße entlang bis in unseren Hof wehte, das Salz, das ich immer im Haar und auf der Haut spürte, die Feuchtigkeit, die jedes Luftmolekül durchdrang. Dabei hatte ich das Meer nur ein einziges Mal berührt. Ich wusste, dass es Wasser war, dass man nass wurde, wie am Brunnen, wenn man hineinsprang, aber solange ich das nicht gemacht hatte, glaubte ich es nicht.

Manchmal hatte ich den Sand berührt, obwohl ich nicht durfte. Alì und ich schlichen uns nachmittags ab und zu ganz vorsichtig durch all die Gässchen, die nur er kannte, an die endlose Weite des Meeres heran. Versteckt hinter einem Laster oder einem Panzer an der Straße, die den ganzen Strand von Süden nach Norden entlangführt, sahen wir stundenlang den Wellen zu, wie sie kamen und gingen und mit der Sonne spielten, die überall glitzerte. Wir hatten wahnsinnige Lust, uns in die Wellen zu stürzen. Da lag dieses Unermessliche direkt vor unseren Augen, und wir durften nicht hinein.

Zwei oder drei Mal wurde Alì aber doch ungeduldig, ich merkte es, weil er andauernd die Hände aneinanderrieb. Er sah sich um, packte mich am Arm und zischte: »Lauf!« Dann rannten wir über die Straße und setzten uns in den Sand. Vollkommen verrückt, wir hätten erschossen werden können, der Strand gehörte zu den Lieblingsplätzen der Milizionäre, und unter dem offenen Himmel hatten die Gewehrkugeln freie Bahn. Aber wir taten einfach so, als wären wir normale, unbedachte Kinder, die noch wussten, wie man spielte.

Der Sand war warm und fein wie Goldstaub. Kein Mensch weit und breit. Erst rollten wir darin herum, dann balgten wir uns und stopften uns gegenseitig Sand in die Kleider, in die Haare, überallhin. Ich schlug Purzelbäume, und Alì lachte wie ein Irrer, als hätte er den Verstand verloren. Ich hatte ihn noch nie so gesehen, er riss den Mund auf und zeigte seine großen, strahlend weißen Zähne.

»Du siehst aus wie ein mit Maismehl paniertes Fleischbällchen!«, rief er und lachte weiter, mit seinem ulkigen Gesicht, der flachen Nase, den vollen Lippen und seinen kleinen, eng beieinanderliegenden Augen.

»Du bist ein Mais-Fleischbällchen!«, rief er wieder.

Ich wollte mich losmachen, schaffte es aber nicht, er war so viel stärker als ich, obwohl er keine Muskeln hatte, lang war er und ganz sehnig. Während ich versuchte, mich aus seinem Griff zu winden, hielt er mich fest in den Sand gedrückt und tat so, als wollte er mich auf den Mund küssen, mit seinem nach vorn gereckten Schildkrötenkopf. Angewidert warf ich den Kopf nach rechts und links, aber wenn er ganz nah war, küsste er mich nicht, sondern machte nur »Buh!« und pustete mir Sand in die Augen.

Ich hasste ihn.

Ein Mal, nur ein einziges Mal, getrieben von einer Macht, die stärker war als wir, gingen wir ans Wasser. Einen kleinen Schritt nach dem anderen, fast ohne es zu merken.

Eine unglaublich schöne Fläche lag vor uns, wie ein schlafender, tief atmender Elefant. Die langen Wellen machten ein wunderbares Geräusch, wie eine Stimme, sie erinnerten mich an die kleinen Muscheln in dem Schraubglas, die Hooyo von Aabe geschenkt bekommen hatte, als sie verlobt waren, und die sie in einer Holzkommode in ihrem Zimmer versteckte. Manchmal holten wir das Glas heraus und drehten es langsam hin und her, um die Stimme des Meeres zu hören.

Schschhh. Schschhh.

Wir gingen ans Wasser und hielten Hände und Füße hinein. Ich steckte ein paar Finger in den Mund. Salz.

In der Nacht darauf träumte ich von den Wellen. Ich träumte davon, mich in dieser Endlosigkeit zu verlieren, mich wiegen zu lassen, auf und ab, den Launen des Wassers folgend.

Das Meer hatte er mir zum Beispiel genommen, der Krieg. Dafür machte er mir Lust aufs Laufen. Meine Lust zu rennen war so groß wie das Meer. Das Laufen war mein Meer.

Wenn Alì und ich immer so taten, als gäbe es keinen Krieg, dann deshalb, weil ich das Kind von Yusuf Omar war und er das Kind von Yassin Ahmed. Auch sie waren seit ihrer Geburt miteinander befreundet, und auch sie waren zusammen aufgewachsen, in Jazeera, einem Dorf südlich der Stadt. Sie waren in dieselbe Schule gegangen, und auch ihre Väter hatten schon zusammen gearbeitet, zu Zeiten der italienischen Kolonialherren. Und gemeinsam hatten unsere Väter von ihren Vätern einige Redewendungen in dieser Sprache gelernt. Was du heut nicht kannst besorgen, verschiebe ruhig auf morgen. Oder: Die Welt ist ein Dorf. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.

Außerdem hatten sie den Satz gelernt: Würde doch scheffelweise Büffelscheiße auf dich niederprasseln, in allen Variationen. Ihr italienischer Chef sagte das immer, als sie noch im Hafen arbeiteten und Container ausluden. Eines schönen Tages hatte sich unversehens ein Container über ihm geöffnet, und er wurde unter einem ganzen Schwall Gülle begraben. Seine Geschäfte liefen von da an wie geschmiert, trotzdem hatte er sich angewöhnt, den Spruch wie einen Fluch zu benutzen.

Eine andere Redewendung lautete: Wir sind alle Söhne desselben Vaterlandes. Und das sagten sie am liebsten, diese unzertrennlichen Freunde, die wie Pech und Schwefel zusammenhielten.

Genau wie wir.

»Könnte uns irgendwas auseinanderbringen?«, überlegten Alì und ich an manchen glutheißen Nachmittagen, wenn er mir half, auf den Eukalyptusbaum zu klettern, wo wir halbe Tage unter dem kühlen Blätterdach verbrachten und über die Zukunft redeten. Auf dem Baum war es herrlich, wir dachten uns dort eine Welt aus, in der es nur uns zwei und unsere Träume gab.

»Nein!«, antworteten wir abwechselnd. Und dann machten wir den Schwur der Freunde fürs Leben, wir kreuzten die Zeigefinger vor den Lippen, küssten sie, verschränkten sie andersherum und küssten sie noch einmal. Nichts und niemand konnte sich zwischen uns stellen. Darauf hätten wir alles gewettet, selbst unser Leben.

Der Eukalyptusbaum war auch Alìs Lieblingsversteck, wenn er nachmittags keine Lust hatte, lesen zu üben. Obwohl Hodan fünf Jahre älter war als ich, gingen wir jeden Morgen zusammen in die Madrasa-Musjma-Schule, eine Schule für Grund-, Mittel- und Oberstufe. Alì kam nicht mit, sein Vater hatte nie das Geld gehabt, ihn zur Schule zu schicken. Er hatte die erste Klasse der öffentlichen Grundschule besucht, dann war das Gebäude durch eine Granate zerstört worden, und seitdem war er nicht mehr hingegangen. Seit jenem unglückseligen Tag fand der Unterricht im Freien statt, und es war nicht leicht, Lehrer zu finden, die das Risiko in Kauf nahmen, dass ihnen eine Bombe auf den Kopf fallen konnte.

Wer etwas lernen wollte, musste auf eine Privatschule gehen. Unser Vater konnte sich das ein paar Jahre lang leisten und brachte dafür viele Opfer, aber für Yassin war es seit dem Krieg schwierig, sein Obst und Gemüse an den Mann zu bringen. Kaum jemand wollte bei einem »dreckigen Daarood« einkaufen, wie man in Mogadischu sagte.

Alì litt immer darunter, dass wir lesen und schreiben konnten und er nicht. Er fühlte sich dadurch minderwertig, wie überhaupt sein ganzer Clan in unserem Viertel als minderwertig galt. Und das mit dem Lesen war so eine Art Beweis für seine Minderwertigkeit.

Ab und zu versuchten wir, ihm das Alphabet beizubringen, gaben aber jedes Mal schnell wieder auf.

»Konzentrier dich doch, Alì«, sagte Hodan, die sich schon immer gern wie eine kleine Lehrerin benahm, wie ein Kindermädchen.

Er strengte sich an, aber es war zu schwierig. Lesen lernen dauerte lange, man konnte sich nicht einfach mal nachmittags im Hof an den Tisch setzen, an dem Aabe und Yassin immer Karten spielten, und es versuchen, wenn man sowieso am liebsten in der immer noch heißen Sonne herumtoben wollte. Die Einzige, die sich bei der ganzen Sache irgendwie amüsierte, war Hodan, die Lehrerin spielte und mich und Alì dazu verdonnerte, ihre Schüler zu sein. Ich war immer die Fleißige und er der Faulpelz.

»Ich kann das nicht«, sagte Alì. »Es ist zu schwer. Außerdem ist es mir egal! Was bringt das schon, wenn man lesen kann?«

Ich musste dann die hilfsbereite Kameradin spielen, sonst schimpfte Hodan.

»Komm schon, Alì! So schwer ist es ja gar nicht. Ich hab’s doch auch gelernt. Schau mal, das sind die Vokale: A, E, I, O …«, versuchte ich ihn zu ermutigen.

Er lief weg. Nichts zu machen. Zehn Minuten hielt er durch, bis zu dem Moment, an dem Hodan einen Abschnitt aus einem Buch vorgelesen hatte und er an der Reihe war. Dann war ihm jede Ausrede recht, sich aus dem Staub zu machen. Und wenn Hodan nicht lockerließ, wurde er wütend, kletterte auf den Eukalyptusbaum und kam nicht mehr runter.

Sein Eukalyptusbaum. Sein Lieblingsplatz.

Nach einem Streit mit seinem Bruder Nassir war er einmal bis in die Krone geklettert und zwei Tage oben geblieben. Niemand konnte ihn runterholen, kein anderer kam so hoch hinauf. Nassir versuchte alles, redete lange auf ihn ein, aber es war nichts zu machen. Erst in der zweiten Nacht kam Alì herunter, völlig ausgehungert.

Seitdem nannten wir ihn manchmal Äffchen. Nur ein Äffchen konnte so hoch klettern, bis in den Wipfel. Und er ließ sich lieber so nennen, als lesen lernen zu müssen.

Jedenfalls gab Alì immer mächtig an, dabei war er langsamer als ich, obwohl er ein Junge war. Er hatte zwar mehr Kraft und besiegte mich beim Raufen, aber er war langsamer.

Wenn er mich ärgern wollte, sagte er, ich sei eine wiilo, ein Mannweib, und könne nur deshalb so schnell rennen. Er sagte, ich sei ein Junge, der im Körper eines Mädchens auf die Welt gekommen sei, hätte eine Rotznase wie die Jungs, und bestimmt werde mir später mal ein Bart wachsen, genau wie seinem Vater, Aabe Yassin. Er musste mir das nicht sagen, ich wusste selbst, dass an mir etwas Männliches war und dass mich die Leute nicht gerade für eine perfekte Tochter des Korans hielten, wenn ich unverschleiert an ihnen vorbeirannte, ohne hidschab, mit einem viel zu großen T-Shirt und kurzen Hosen, in denen ich wie ein dürrer Olivenzweig steckte.

Aber abends nach dem Essen, wenn die Erwachsenen ihren Spaß daran hatten, uns bei einem Wettrennen um ein Schokoladen-angero oder eine süße Sesamkugel zuzuschauen, zeigte ich es ihm. Der Hof war der Lebensmittelpunkt aller Familien, im Krieg verließ man das Haus möglichst selten.

Wenn Hooyo Dahabo mithilfe meiner Schwestern auf dem burgico, dem Kohlebecken, das so groß war wie eine ganze Kuh, das Abendessen für alle gekocht hatte und wir alles aufgegessen hatten – meistens gab es Brot und Gemüse oder Reis und Kartoffeln, manchmal auch ein Stück Fleisch –, dann präparierten Aabe Yusuf und Aabe Yassin unsere »Aschebahn«. Die größeren Geschwister feuerten uns an, und Alì und ich positionierten uns wie zwei Champions an der Startlinie, die Hände auf dem Boden. Wir hatten sogar Blöcke, die Aabe aus zwei Melonenkisten gebaut hatte. Um die Strecke zu markieren, schleiften Said und Nassir, meine ältesten Brüder, mit den Füßen über den Boden, vom Ende des Hofs bis an die Lehmmauer, ungefähr dreißig Meter, dann beschrieben sie eine Kurve und markierten eine weitere Bahn, die wieder zum Ausgangspunkt zurückführte.

Ich gewann immer.

Alì hasste mich dafür, aber am Ende teilte ich fast immer meinen Sesamkuchen mit ihm – und es gab nichts, was mir besser schmeckte als Sesamkuchen. Vorher musste er mir aber versprechen, mich nie mehr Wiilo zu nennen. Erst dann gab ich ihm die Hälfte ab.

An jenen Sommerabenden, wenn die Luft endlich etwas abkühlte, spielten Hodan und ich nach den Wettrennen shentral. Es waren schöne, entspannte Tage, an denen wir alle den Krieg vergaßen. Beim Shentral malte man einen Kasten auf den Boden und schrieb die Ziffern von eins bis neun rein. Man warf ein Steinchen und musste dann den Kasten ganz nach oben hüpfen. Unsere Brüder spielten griir. Sie saßen auf dem Boden, warfen Steinchen in die Luft und fingen sie wieder auf.

Manchmal gesellte sich Ahmed zu uns, ein Freund von Nassir. Ahmed war siebzehn, genau wie Nassir und Said. Ich und Alì fanden ihn sehr erwachsen, und ich und Hodan wunderschön und unerreichbar. Ahmed hatte olivgrüne Haut und helle Augen, was in Somalia ganz selten war, von einem Grün, das im Mondschein leuchtete und seinen Blick noch stolzer machte.

Einmal fragten wir ihn, weshalb seine Augen so anders waren, da machte er mit den Fingern das Zeichen für Sex, einen Kreis, in den er den Zeigefinger steckte und wieder herauszog, und antwortete, dass sein Großvater einer von den Italienern gewesen sein musste, der mit den schwarzen Mädchen seinen Spaß gehabt hatte. Nassir und Alì prusteten vor Lachen. Mein Bruder Said nicht, er sah ihn mit seinem strengen Blick an und schüttelte den Kopf.

Said kam nicht gut mit Ahmed aus, im Gegensatz zu Nassir, der ihn vergötterte. Vielleicht betrachtete er ihn als Rivalen, weil er mit Nassir befreundet war, vielleicht konnte er ihn auch einfach nicht leiden. Jedenfalls begegnete er ihm immer mit Misstrauen und sagte, dass auf dem Grund dieser hellen Augen etwas lag, das ihn skeptisch machte. Auch Alì mied ihn. Oft starrte er ihn an, studierte ihn, aber nur aus sicherer Entfernung. Wenn Hodan und ich Shentral spielten, saß Alì bei seinem Vater und meinem Aabe, die jeden Abend Karten spielten, und von dort beobachtete er ihn vorsichtig.

Manchmal, wenn sie Griir oder Ball spielten, bekamen Ahmed und Said sich in die Haare, mal im Scherz und mal im Ernst, dann mussten Aabe und Yassin sie trennen. Einmal boxte Said ihn so fest auf die Nase, dass Ahmeds weißes T-Shirt lauter Blutspritzer abbekam. Er schien sich sehr wehgetan zu haben. Aabe zwang sie, einander die Hand zu geben, und am nächsten Abend kamen sie wieder miteinander aus, als wäre nichts geschehen.

Was aber in diesen Sommernächten fast das Schönste war, waren Hodans Lieder. Oft setzten wir uns in einem Kreis zusammen, wennHooyo und die Schwestern die Töpfe gespült hatten, und hörten stundenlang ihrer samtenen Stimme zu, die vertraute Melodien sang.

Aabe und Yassin rauchten und sahen sehnsüchtig zum Himmel, und ich überlegte, was so ein großer schöner Mann wieAabe sich von den Sternen wünschen konnte; Hooyo und die Schwestern waren manchmal ganz gerührt von Hodans Worten und tupften sich mit ihren Taschentüchern Nase und Augen trocken; die großen Brüder und Ahmed saßen mit angezogenen Beinen, um die sie die Arme gelegt hatten, im Staub und starrten auf den Boden.

Hin und wieder hob Ahmed den Blick und seine eiskalten Augen funkelten den Mond an, als wollten sie ihn herausfordern. Wenn er das machte, wandte ich den Kopf ab und konzentrierte mich wieder auf Hodans Gesicht, die in der Mitte mit halb geschlossenen Augen Lieder von Frieden und Freiheit sang.

3

Am Abend vor dem jährlichen Stadtlauf taten Alì und ich etwas Verbotenes: Bevor unsere Väter von der Arbeit zurückkamen, wagten wir uns zum Laufen nach draußen.

Es war sechs Uhr abends, die Sonne würde bald untergehen. Der Geruch des Meeres lockte uns an. Getrieben von einer frischen Brise hatte er sich in unserem Hof eingenistet und sich angereichert mit den Düften, die allmählich von den Feuerstellen der Nachbarhäuser aufstiegen. Es waren nur noch wenige Stunden bis zum Wettkampf, und wir hatten das Bedürfnis, uns aufzuwärmen und unsere Muskeln zu dehnen. Wie zwei echte Athleten.

Die Milizen beschlossen oft schon in den Stunden vor Freitag eine Waffenruhe, und an diesem Nachmittag waren tatsächlich keine Schüsse zu hören gewesen. Außerdem erleuchtete der Vollmond die Dunkelheit, und damit würden wir kein allzu großes Risiko eingehen.

Wir wollten uns nicht weit entfernen. Wir hatten vor, einmal um den Block zu laufen, bis ans Ende der Jamaral-Daud-Allee, um den Altar des Vaterlands herum und wieder zurück. Alles in allem zwanzig, fünfundzwanzig Minuten.

Alì sagte, ich solle meinen Schleier umbinden, aber ich wollte nicht auf ihn hören. Nicht einmal Hooyo, die – ganz in die weißen Tücher gehüllt, die sie zu Hause trug – über einen großen, dampfenden Topf gebeugt kochte, merkte, dass wir den Hof verließen. Auch Hodan nicht, die mit den großen Schwestern in unserem Zimmer war. So leise wie möglich schlüpften wir hinter dem roten Vorhang hindurch, der die Öffnung in der Außenmauer verdeckte.

Der Krieg machte uns keine Angst, er war unser großer Bruder.

Wenn Mörser- oder Maschinengewehrfeuer zu hören war, schlichen Alì und seine Freunde Amir und Nurud sich oft in die Nähe der Milizionäre. Sie versteckten sich hinter irgendeinem Auto oder einer Hauswand, um ihnen beim Schießen zuzusehen. Der Krach der Gewehre und Maschinenpistolen elektrisierte sie. Wenn sie in unseren Hof zurückkamen, redeten sie wild auf mich ein, und mir wurde beim Zuhören ganz schwindlig. Ihre Stimmen überschlugen sich, jeder wollte mir irgendein Detail erzählen, von dem er glaubte, dass nur er es gesehen hatte. Ihre Augen blitzten, grausam wie die Gewehrmündungen.

Aber an jenem Abend konnten wir zwanzig Minuten lang ungestört unsere Runde drehen. Die Luft war frisch, und man schwitzte nicht so stark wie tagsüber, wenn die Sonnenstrahlen von jedem Staubkorn zurückgeworfen wurden. Diese Tageszeit mochte ich am liebsten. Alles ging irgendwie langsamer, der Tag neigte sich dem Ende entgegen und das Licht schwebte tiefer, erholsamer in der Luft.

Wir waren auf dem Rückweg, fast schon wieder zu Hause, als plötzlich am Ende einer menschenleeren Gasse ein Jeep mit Milizionären auftauchte. Ihren langen Bärten und den gepflegten dunklen Jacken nach zu urteilen, waren es weder hawiye noch Abgaal oder Daarood, sondern Mitglieder von Al Shabaab. Bei denen spielten die Ethnien eigentlich keine Rolle. Sie wurden von Al-Kaida-Extremisten unterstützt und nutzten die Rivalitäten der Clans aus. Ihnen war jedes Mittel recht, um an die Macht zu kommen.

Auf der Pritsche saßen acht Mann, die Läufe der Maschinenpistolen ragten ihnen wie Antennen aus dem Rücken. Sie fuhren sehr langsam, als einer der bärtigen Männer den Kopf drehte und uns entdeckte.

Zwei müde, verschwitzte, harmlose Pünktchen. Ein halb nacktes Abgaal-Mädchen und ein Daarood-Junge: platte Nase und pechschwarze Haut.

Einer der Männer schlug mit der Faust auf das Dach der Fahrerkabine, der Jeep blieb stehen. Alles geschah innerhalb weniger Sekunden. Zwei Milizionäre sprangen vom Wagen und kamen auf uns zu.

Sie waren klein und trugen keinen Bart. Erst als sie vor uns standen, begriffen wir, wieso: Es waren Jungs, elf, vielleicht zwölf Jahre alt. Mit zwei Gewehren, größer als sie selbst. Damals ging das Gerücht um, Al Shabaab würde Kinder für den Heiligen Krieg rekrutieren. Den Eltern versprachen sie eine Ausbildung für ihre Kinder, dass sie Arabisch und die Gesetze des Korans lernen würden, drei warme Mahlzeiten und eine würdige Unterbringung bekämen, mit einem echten Bett und all dem Komfort, den sich kaum mehr jemand leisten konnte. Die beiden mussten frisch rekrutiert sein.

Sie kamen immer näher, ich sah ihre fassungslosen Blicke und mir wurde immer bewusster, was ich anhatte: eine kurze Hose und ein T-Shirt. Verdammter Schleier. Und Alì war ein Daarood, ein mickriger schwarzer Daarood. Wir Abgaalhingegen hattenhellere Haut und feinere Gesichtszüge, ähnlich denen der Araber, von denen die Al-Shabaab-Fundamentalisten abzustammen glaubten.

Gut zehn Meter vor uns blieben sie stehen.

»Was treibt ihr euch um diese Uhrzeit draußen rum?«, fragte der kleinere, dickere von beiden. Er trug ein schwarzes glattes Hemd und eine dunkle Hose mit Bügelfalten. In ihrer Kleidung unterschieden sich die Al-Shabaab von den Clan-Milizionären, die meistens in Tarnjacken von irgendwelchen Märkten oder aus Beständen der äthiopischen Armee herumliefen. In unserer Vorstellung waren nur Europäer oder Amerikaner so perfekt angezogen. Wir trugen immer, was wir gerade in die Finger bekamen, alte, gebrauchte Klamotten. Nur ein paar Erwachsene stolzierten freitags auf dem Parlamentsplatz oder der Strandpromenade noch in Hosen und Jacken herum, wie sie sie zu Friedenszeiten getragen hatten.

»Wir trainieren für den Wettkampf morgen«, antwortete Alì und sah ihm stolz ins Gesicht, ohne Angst. Es waren die üblichen Fragen. Auch wenn wir selbst noch nie in einer solchen Situation gewesen waren, wurde doch viel darüber erzählt, man brauchte sich vor diesen Fragen nicht zu fürchten.

Die beiden lachten schallend, der Dicke kratzte sich am Hintern. Dann machten sie ein paar Schritte auf uns zu, die weit und breit einzige Straßenlaterne beleuchtete ihre Gesichter. Sie hatten wässrige, blutunterlaufene Augen.

»Ach so, Athleten seid ihr …«, sagte der Dicke nach einer Weile ironisch und fing wieder an zu lachen.

»Ja«, antwortete Alì. »Wir trainieren für den Wettlauf, der …«

»Halt’s Maul, Daarood!«, brüllte ihn der andere an, ein schmächtiger Junge mit einer langen Narbe auf der Stirn und einem besessenen Blick: »Du hast hier gar nichts zu melden. Wir können dich einfach mitnehmen, und keiner kann was dagegen machen. Dein Vater ist bestimmt froh, dann kriegst du wenigstens was Anständiges zum Anziehen.« Dann prusteten sie wieder los, und der Dicke kratzte sich weiter am Hintern.

Alì sah an sich herunter. Er trug ein löchriges T-Shirt mit Essensflecken, das seinem Bruder Said gehört hatte, und eine viel zu weite kurze Hose, die über der Hüfte mehr schlecht als recht mit einer Kordel zusammengehalten wurde. Seine Füße steckten in kaputten alten Mokassins, die sein Vater vor langer Zeit irgendwo aufgetan hatte.

Ich spürte, wie er neben mir vor Wut und Scham bebte, und hörte sein ersticktes Schluchzen. Als ich mich zu ihm drehte, sah ich eine Träne, eine einzige, über sein Gesicht laufen.

Wie ein Raubtier, das sein verwundetes Opfer wittert, machte der dünne Junge fünf, sechs Schritte auf ihn zu. Er roch stark nach irgendeinem Männerparfüm, so ähnlich wie Kölnischwasser, viel zu streng, der Geruch hatte sich um ihn herum ausgebreitet.

»Du bist nur ein kleiner, schwarzer Daarood«, sagte er. »Vergiss das nicht. Ein dreckiger Daarood, sonst gar nichts.«

Alì antwortete nicht. Ich hatte Angst.