Scareman - Die komplette Saga - Dirk van den Boom - E-Book

Scareman - Die komplette Saga E-Book

Dirk van den Boom

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Beschreibung

Die Menschheit in ferner Zukunft. Ständig neuen Bedrohungen durch aggressive außerirdische Zivilisationen ausgesetzt, entwirft das Imperium der Menschen das Scareman-Projekt: Ansonsten dem Tode geweihten Spezialisten wird die Möglichkeit gegeben, ihr Leben auf Jahrhunderte zu verlängern. Der Preis: Sie werden auf Wachstationen im Orbit von Welten geschickt, auf denen Zivilisationen leben, deren Entwicklung eines Tages eine Gefahr für das Imperium darstellen könnte. Mithilfe von in der Physiologie angepassten Androidenkörpern und auf Basis einer umfassenden Beobachtung der Alien-Gesellschaft soll der Fortschritt dieser Welten torpediert, aufgehalten und zurückgedreht werden, wo es nur geht – und das so geheim wie möglich. "Die Scareman-Saga" erzählt die Geschichte des tödlich erkrankten Infanteriesergeants Jonathan Savcovic, der seinen Körper im Orbit um den Planeten Akkar in ewigen Tiefschlaf bettet, um immer dann aufzuwachen, wenn sich ein Eingreifen als erforderlich erweist. Doch Savcovic erwartet nicht, dass seine jahrhundertelange Wacht Herausforderungen bereithält, mit denen niemand hat rechnen können – und die irgendwann seinen Auftrag ganz grundsätzlich infrage stellen könnten … Dieses eBook enthält alle zwölf Romane der Saga in einem Band.

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Seitenzahl: 1705

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Beliebtheit




Inhalt

Band #01: Ein Scareman erwacht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Epilog

Band #02: Der Eine

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Band #03: Herr des Meeres, Herr des Blutes

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Interludium: Die Verwandlung

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Band #04: Fabrik der Zahlen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Band #05: Das Ende der Gewissheit

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog

Band #06: Blutige Erkenntnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Band #07: Krötenrebellion

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

KApitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog

Band #08: Reise ins Blaue

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Epilog

Band #09: Karawane der Verlorenen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Band #10: Die Bio-Bombe

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Epilog

Band #11: Das Blaue vom Himmel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog

Band #12: Allianz der Hoffnung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Epilog

Chronik

Weitere Atlantis-Titel

Dirk van den BoomSylke Brandt

Scareman

Eine Veröffentlichung des Atlantis-Verlages, Stolberg März 2018 Titelbild: Emmanuel Henné Umschlaggestaltung: Timo Kümmel Lektorat und Satz: André Piotrowski ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-583-9 Die Romane in diesem Band sind auch einzeln als Paperback und E-Book überall im Handel erhältlich. Besuchen Sie uns im Internet:www.atlantis-verlag.de

Band #01: Ein Scareman erwacht

Kapitel 1

»Sergeant, das gefällt mir nicht.«

Sergeant Jonathan Savcovic wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war höllisch heiß und der Kampfanzug klebte ihm am Körper. Die Kühlnetze hatten den Kampf gegen die brüllende Hitze fast aufgegeben, doch ohne sie, das wusste er, würde er eingehen. Er trank unablässig. Ihre Vorräte waren auf dieser schwülfeuchten Welt glücklicherweise leicht zu ersetzen. Aldus lag etwas abgelegen, außerhalb der Grenzen des Imperiums, relativ weit von der Front entfernt, aber auf ihr war ein großer Schatz zu finden.

Behauptete zumindest Dr. Helena Polsk, die ihn ansah, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen. Auf ihren fein geschnittenen Gesichtszügen wirkte der Schweißfilm beinahe erotisch. Sie hielt den Scanner in der Hand, mit dem sie seit ihrer Landung vor drei Tagen ununterbrochen herumfuchtelte. Was aus dem Orbit wie eine relativ einfache Sache ausgesehen hatte, entpuppte sich hier unten als Martyrium. 27 Soldaten, ein ganzer Zug, unter dem Kommando des Sergeants, und zwölf Wissenschaftler, alle auf der Suche nach einem abgestürzten Schiff der Ek-ek. In der Nähe zu landen, hätte den Selbstzerstörungsmechanismus des ohnehin stark beschädigten Raumers ausgelöst. Sie mussten sich zu Fuß anschleichen, mit so wenigen Energieemissionen wie möglich. Ein einigermaßen intaktes Ek-ek-Schiff zu erbeuten, das wäre eine große Sache. Da das Imperium sich seit Jahren redlich mühte, diese Zivilisation auszulöschen – und das beruhte auf Gegenseitigkeit, so viel musste man gerechterweise anmerken –, war jede Information ein weiteres Puzzleteil, das für die militärische Forschung notwendig war.

»Dr. Polsk«, brachte Savcovic schwer atmend hervor, »es gefällt mir auch nicht, aber wir müssen über den Fluss. Er ist nicht tief, da ist eine Furt. Wir können die Schwebepacks nicht verwenden, wir sind schon zu nah an der Absturzstelle. Also bleibt nur die traditionelle Art.«

»Wir könnten ein Floß bauen«, schlug Corporal Kay vor, der seinen massigen Leib gegen einen Felsen gelehnt hatte. Wie Kay es immer wieder schaffte, seinen tonnenförmigen Körper durch das Fitnessexamen zu bekommen, war eines der zahlreichen Rätsel, die Savcovic niemals in seinem Leben lösen würde. Und Kay schien sich in der Affenhitze geradezu wohlzufühlen. Er wirkte jedenfalls um einiges entspannter als sein Vorgesetzter.

»Wir wollen schnell zum Wrack. Wenn wir zu lange warten, denkt sich die Automatik der Ek-ek, dass das Leben keinen Sinn mehr ergibt, und bumms. Wir werden gehen. Wir binden uns aneinander und du, Kay, gehst vor. Dich treibt nichts weg.«

»Das ist eine diskriminierende Äußerung, die sich in abfälliger Weise über meinen Körperumfang lustig macht«, beklagte sich Kay und schüttelte missbilligend den Kopf.

»Du gehst. Jetzt. Klink dich doch bei Dr. Polsk ein. Sie hat es eilig, sie folgt dir.« Savcovic erhob die Stimme, sah sich um. »Der Rest dann in einer Reihe. Zwei Soldaten, ein Wissenschaftler, und alle brav hintereinander. Ich mache die Nachhut. Die Anzüge sind wasserdicht. Es gibt ein paar Fische, aber keiner wird das Durotex durchbeißen können. Sie dürfen erschießen, wer Ihnen zu groß erscheint, aber achten Sie auf das Display Ihrer Waffe. Denken Sie an die Lichtbrechung und ballern Sie nicht ziellos in die Gegend.«

Ihre Waffen waren mechanischer Natur, gute, bewährte kinetische Energie. Keine Blaster, kein Plasma, gar nichts. Erfahrungsgemäß reagierte eine Ek-ek-Automatik auf derlei nur, wenn ein Schuss in unmittelbarer Umgebung fiel. Doch die Absturzstelle war noch gut zwei Kilometer entfernt.

Kay seufzte, murmelte etwas von »Beschwerde« und »Sie werden schon sehen«, was auch immer er sagte, wenn ihm befohlen wurde, für sein Geld zu arbeiten. Und wie immer gehorchte er. Sollte er meckern. Hauptsache, er tat, was er zu tun hatte.

Sie standen am Ufer des gut zehn Meter breiten Flusses, der eher träge dahinfloss. Von hier aus war er gut zu überblicken und die Böschung am anderen Ufer war flach und einladend. Der Grund des Flusses war mit bloßem Auge zu erkennen, es lagen Steine dort und an dieser Stelle war das Wasser kaum tiefer als einen halben Meter. Die Strömung war auszuhalten, es gab keine Wirbel und die großen Raubtiere, von denen Aldus eine erkleckliche und erschreckende Anzahl hatte, hielten sich bedeckt.

Kein Grund für weitere Verzögerungen.

»Vorwärts!«

Corporal Kay machte sich auf den Weg, nachdem er die Leine eingeklinkt hatte. Der erste Wissenschaftler folgte ohne großes Zögern. Die meisten Eierköpfe auf dieser Mission arbeiteten schon lange für das Militär und hatten oft eine entsprechende Grundausbildung genossen. Dies war nicht ihr erster Fremdwelteinsatz und Aldus war dabei noch vergleichsweise harmlos. Dennoch behielten Savcovic und seine Leute ihre Augen auf. Sie mussten für die Sicherheit der Wissenschaftler sorgen und sie nahmen diese Aufgabe ausgesprochen ernst.

Kay überquerte den Fluss ohne große Probleme. Am anderen Ufer angekommen, sicherte der Corporal sofort die Böschung. Nach und nach stapften auch die anderen Expeditionsteilnehmer los, das Seil spannte sich und am Ende war es Savcovic, der in das kühle Nass trat. Er stellte trotz der wasserdichten Stiefel fest, dass dieses gar nicht so kühl war, sondern vielmehr eine lauwarme Brühe, in der alles Mögliche schwamm, von Pflanzenteilen über kleinen Tieren, Fischen, Wasserschlangen und auf der Oberfläche tanzenden Insekten. Es hieß, nichts auf dieser Welt könne dem menschlichen Organismus schaden, da hier eine ganz andere Biologie herrsche. Dennoch hatte Savcovic seine Breitbandimpfung auffrischen lassen. Er hatte so seine Geschichten gehört in den zehn Jahren im Militärdienst und nicht alle davon konnten Übertreibungen und Aufschneiderei sein.

Er war lieber vorsichtig.

Misstrauisch das Wasser und seine Bewohner beäugend, marschierte Savcovic über die Furt, den Rücken des letzten Wissenschaftlers vor sich. Er schaffte es ohne Schwierigkeiten und schalt sich für seine Paranoia. Auf der anderen Uferseite hatten die Männer bereits einen Sicherheitsperimeter etabliert und Kay meldete: »Keine Probleme.«

Nach kurzer Pause setzten sie ihren Weg fort. Der Dschungel war nicht so undurchdringlich, wie er von der Luft aus gewirkt hatte. Immer wieder fanden sich Wildpfade, die von Tieren mit nicht unerheblicher Körpergröße geschlagen worden waren, Lebewesen, denen man glücklicherweise bisher noch nicht begegnet war. Savcovic hoffte, auf diese Bekanntschaft auch künftig verzichten zu können.

Dennoch mussten sie hin und wieder altmodische Macheten verwenden, um sich einen Weg zu bahnen. Etwa nach einer Stunde schweißtreibender Arbeit spürte Savcovic den Schwindel des erste Mal. Er wischte ihn fort, erinnerte sich daran zu trinken und schritt weiter voran. Eine halbe Stunde später traf es ihn erneut, stärker, und nun musste er anhalten und sich für einen Moment an einem Baumstamm festhalten.

»Probleme?«, fragte einer der Soldaten.

»Geht schon«, murmelte der Sergeant.

Es ging nicht. Wenige Minuten später lag Savcovic am Boden, tanzende Schatten vor den Augen. Als er die Wirkung eines stärkenden Medikaments spürte, das ihm verabreicht wurde, klärte sich sein Blick wieder. Er sah zur Seite und weitere Teilnehmer der Expedition neben sich liegen, die offenbar unter den gleichen Symptomen litten. Dr. Hansen, der gleichzeitig als Missionsarzt und Xenobiologe fungierte, beugte sich mit sorgenvollem Gesichtsausdruck über den Liegenden.

»Sergeant, Sie und die anderen haben kleine Bisse am Unterschenkel, knapp über den Stiefeln. Irgendwas hat sich durch das Material des Anzugs gebohrt und ich will nicht wissen, was für ein Lebewesen dazu in der Lage ist.«

»Ich habe absolut nichts gespürt!«

Hansen nickte.

»Das haben die anderen auch gesagt. Alle haben sie die gleichen Probleme: Schwindel, Kreislaufschwäche, plötzliche Kraftlosigkeit. Sie werden keinen Schritt mehr weitergehen.«

»Verdammt!«, zischte Savcovic. »Was tun wir?«

»Ich lasse Sie und die anderen Befallenen ausfliegen«, sagte Hansen. »Die Flotte schickt ein Shuttle zum Landeplatz. Fünf unserer Leute werden sie hinbringen. Mit etwas Stütze sollte es gelingen. Wir müssen nur den Fluss anders überqueren. Der Rest muss die Expedition fortsetzen. Sie ist zu wichtig.«

Savcovic nickte langsam. Das plötzliche Gefühl der Hilflosigkeit und des Versagens, das ihn überkam, gefiel ihm gar nicht. Für ihn war die Mission vorbei, ehe sie überhaupt richtig begonnen hatte. Er schloss die Augen und versuchte, sich mit dem Unvermeidlichen abzufinden.

Das würde kein Glanzpunkt seiner Karriere werden, schoss ihm durch den Kopf, während um ihn die Vorbereitungen für den Abmarsch begannen.

Er ahnte nicht mal, wie richtig und gleichzeitig falsch er damit lag.

Kapitel 2

Dr. Tevis schaute auf ihn herab und ihrem Gesicht war genau zu entnehmen, was sie gerade dachte. Sergeant Jonathan Savcovic war am Ende, und obgleich er noch nicht so aussah, war er im Grunde bereits tot. Er kannte Tevis jetzt. Seit Wochen, seit seiner Rückkehr von Aldus, kümmerte sie sich um ihn. Es war nicht so, dass sie ihm dauernd Hoffnung gemacht hätte. Am Anfang war sie sogar von ansteckender Fröhlichkeit gewesen. Aber das hatte nachgelassen.

Stark nachgelassen.

Und jetzt war nichts mehr davon da.

Savcovic erwiderte den Blick.

»Sie müssen schon etwas sagen, Doc«, forderte er sie mit rauer Stimme auf. Er lag in seinem Bett im Militärhospital, einem Ort, den er mittlerweile schon seit drei Monaten bewohnte, und mit jeder neuen Woche hatte sich sein Aktionsradius mehr eingeschränkt. An den ersten Tagen hatte er noch selbst zur Kantine humpeln können, dann aber hatte die Lähmung schrittweise von ihm Besitz ergriffen. Nach den ersten beiden Wochen hatte er seinen Unterleib nicht mehr gespürt. Seit drei Tagen konnte er seine Arme nicht mehr bewegen. Noch war er in der Lage zu sprechen. Und zu atmen. Er wusste nicht, ob er wirklich dankbar dafür sein sollte.

Sie hatten in den letzten Tagen viele weitere Tests durchgeführt. Savcovic war sich einigermaßen sicher, dass es nur eine Wiederholung alter Tests gewesen war. Um sich ganz sicher zu sein. Man übergab keinem Kranken sein Todesurteil, ohne sich ganz sicher zu sein.

Tevis versuchte ein Lächeln. Es gelang ihr so lala.

»Ich will Sie nicht anlügen, Sergeant. Wir haben alles versucht und das wissen Sie auch. Aber die Infektion, die Sie sich auf Aldus geholt haben, widersetzt sich jeder Behandlung. Wir haben einige Symptome lindern können. Aber die Lähmung greift um sich. Sie betrifft nicht alle Organe – Ihr Herz ist nicht betroffen, auch nicht Nieren, Leber und Lunge, aber alle Muskeln. Noch können Sie selbständig atmen, aber in Kürze werden wir Sie an die Maschine anschließen müssen. In zwei Wochen werden Sie verstummen. In vier Wochen können Sie nicht einmal mehr die Augen bewegen. Sie werden leben. Wir können Sie bis ins hohe Alter am Leben erhalten. Nach allem, was wir sehen können, wird die Erkrankung Sie nicht umbringen, zumindest nicht, wenn wir entsprechende Unterstützung anbieten.«

Savcovic stellte sich selbst vor, reglos, mit Schläuchen überall, gefangen in seinem Körper, auf Jahrzehnte hin. Ihm fuhr ein kalter Schauer über den Rücken, so stark, dass er für einen Augenblick fast meinte, seinen Unterleib wieder bewegen zu können.

Eine Illusion natürlich.

»Aber eine Heilung gibt es nicht.«

»Wir arbeiten daran.«

»Was heißt das?«

Dr. Tevis, eine schlanke Brünette in fortgeschrittenen Jahren, zuckte mit den Achseln.

»Das weiß ich nicht. Monate? Jahre? Seit dem neuen Krieg sind unsere Ressourcen gebunden. Die Ek-ek sind hartnäckig. Ihnen muss ich das ja nicht sagen. Wir haben einen endlosen Strom von Verletzten zu versorgen. Die Gegner rücken uns an allen Fronten zu Leibe.«

»Wir werden siegen.«

Savcovic war davon überzeugt. Er hatte Ek-ek getötet. Es war gar nicht so schwer.

Dr. Tevis lächelte angesichts der Festigkeit und Zuversicht in der Stimme des Kranken.

»Das werden wir in der Tat. Das Imperium ist größer und hat mehr Schiffe und mehr Soldaten als sie. Aber selbst die optimistische Schätzung sagt: mindestens noch drei Jahre. Die Expedition nach Aldus Prime, einer unbewohnten Welt, umfasste … wie viele?«

»27 Soldaten, zwölf Wissenschaftler«, ratterte Savcovic herunter. Es war ja nicht so, als würde ihn nicht jede verdammte Sekunde an diese Mission erinnern. Das Schönste aber war: Der ganze Aufwand war völlig sinnlos gewesen. Als die Männer der Absturzstelle näher kamen, hatte die Ek-ek-Automatik bereits eine Schmelzbombe gezündet. Das Wrack war nicht mehr als ein Haufen verbrannter Schlacke und von der Sorte hatten sie ganze Lagerhallen voll.

Es war alles furchtbar für den Arsch gewesen.

»Wie viele wurden infiziert?«, fragte Tevis.

»Fünf«, sagte Savcovic bitter. Und er war der einzige Soldat.

»Wie viele Ressourcen wird das Imperium investieren, um nach der Heilung für eine Krankheit zu suchen, die man sich nur auf Aldus Prime holen kann, einer unbewohnten Welt am Rande des Randes der Galaxis, die niemanden wirklich interessiert?«

Savcovic unterdrückte einen Fluch. Die Ärztin hatte natürlich absolut recht. Das war dermaßen irrelevant … es war kaum in Worten auszudrücken.

Und er, Savcovic, war ja nicht wichtiger. Die vier Wissenschaftler gleichfalls nicht. Sie hatten ja nicht mal kriegsentscheidende Informationen nach Hause gebracht. Nur Dreck an den Schuhen, verbrannte Schlacke und eine mysteriöse, schleichend tödliche Infektion. Da durfte niemand übertriebene Dankbarkeit erwarten.

Er spürte die Hand der Frau auf seiner Schulter. Noch war diese breit und muskulös. Es würde nicht mehr lange dauern und sein Körper würde verfallen, zum Schatten seiner selbst werden. Dann blieb nicht mehr viel von ihm übrig und er würde Zeuge dieses Prozesses werden, eines Zerfalls, den offenbar niemand aufhalten konnte. Das wollte er nicht.

Das konnte er nicht.

Er würgte die Verzweiflung herunter, kontrollierte seine Stimme, als er fragte: »Was ist mit Transplantationen? Nanomaschinen?«

Tevis schüttelte den Kopf.

»Wir können nicht jeden Muskel ersetzen. Einzelne vielleicht. Mit etwas Glück können wir Ihnen einen Arm geben. Aber es ist wahnsinnig teuer und … es gibt da viele Verletzte, die wieder zurück in den Kampf müssen. Wenn der Krieg vorbei ist, ja, vielleicht.«

»In drei Jahren.«

»Optimistisch gedacht, ja.«

Savcovic sah Tevis an, überlegte sich, ob er noch etwas wissen wollte, und kam zu dem Schluss, dass er schon viel zu viele Informationen hatte. Er rang sich ein Lächeln ab.

»Lassen Sie mich bitte allein.«

»Sind Sie sicher?«

»Ja. Ich muss nachdenken. Geben Sie mir Zeit.«

Die Ärztin nickte und tat ihm den Gefallen; sie verließ das kleine Patientenzimmer. Savcovic starrte an die Decke, versuchte, Ordnung in seine Gedanken zu bekommen. Es blieben ihm einige Alternativen, immerhin. Sein Ausbilder, damals, vor zehn Jahren, hatte immer gesagt: Wenn du noch Alternativen hast, bist du noch am Leben. Was aber war, wenn alle in den sicheren Tod führten – nur auf unterschiedlichen Wegen?

Erstens: Er konnte hier liegen und darauf warten, dass ein glücklicher Zufall eine Heilung ermöglichte. Vielleicht war in einigen Jahren eine Rekonstruktion seines Körpers möglich, wenn seine Nerven bis dahin nicht völlig abgestorben waren.

Zweitens: Er konnte am Euthanasieprogramm der Flotte teilnehmen und war sich einigermaßen sicher, dass seine Vorgesetzten angesichts seines Zustandes einwilligen würden. Savcovic hatte keine lebenden Verwandten, von denen er wusste. Aufgewachsen als Straßenkind in der Megapolis von Neu-Budapest, war seine einzige Familie die Flotte gewesen, für zehn Jahre mittlerweile. Diese Familie würde sich um ihn kümmern, aber ihre Mittel waren offenbar begrenzt. Er durfte sterben, wenn er es wollte. Man würde irgendwo eine Plakette anbringen, in einem Unteroffiziersheim.

Es war nicht so, dass das Imperium undankbar war.

Es war nur furchtbar mit anderen Dingen beschäftigt.

Der Sergeant schloss die Augen. Der Wille zu leben war stark in ihm. Es bäumte sich alles in ihm gegen die Idee des Todes auf. Er hatte viele brenzlige Situationen überstanden. Als Rekrut im ersten Krieg war er beinahe gestorben. Später, als Unteroffizier, hatte er Soldaten in Landeoperationen geführt, die vielen das Leben gekostet hatten. Er hatte Ek-ek gegenübergestanden und das war alles andere als ein erfreulicher oder gar beruhigender Anblick.

Savcovic hatte sich mit der Idee des Todes vertraut gemacht.

Das hieß aber nicht, dass er dieser Idee sonderlich viel abgewinnen konnte.

Er musste nachdenken und sich fragen, ob Hoffnung ein Luxus war, den er sich noch zu leisten vermochte. Er gab sich etwas Zeit. Solange er noch blinzeln, schlucken, atmen konnte. Sprechen. Das war wichtig. Er musste sich entscheiden und das Ergebnis seiner Überlegungen noch kommunizieren können.

Es vergingen zwei Tage, in denen er zu keiner Entscheidung kam. Phasen der völligen Mutlosigkeit wechselten sich mit jenen eines wiedererweckten Kampfgeistes ab. Er rang mit sich selbst und es war ein stummer Kampf, den er niemandem offenbarte. Auch nicht der Ärztin, die regelmäßig nach ihm sah und bei ihren Besuchen keine bessere Kunde bringen konnte als vorher.

Am dritten Tag öffnete sich die Tür zur gewohnten Zeit, doch anstatt von Dr. Tevis kam ein Fremder.

Er war ein hochgewachsener Mann mit blasser Gesichtshaut, sorgfältiger Maniküre und einem ordentlich sitzenden Anzug. Er zeigte dem Patienten eine Marke und in Savcovics Kopf pingte die Authentifizierung. Verteidigungsministerium. Das war nett, dass sie jemanden schickten. Sie hatten sich bisher noch nicht gemeldet. Es war aber zu erwarten gewesen. Er war ein Kandidat für die Euthanasie, wenn er einwilligte, und der Mann war vielleicht sein Sterbeberater. Eigentlich war Savcovic für so ein Gespräch noch nicht bereit. Und eigentlich sah der Mann mit seinen kühlen Augen und sparsamen Bewegungen eher wie der Bestatter aus, nicht wie ein mitfühlender Berater.

Etwas stimmte nicht.

Savcovic hörte auf seinen Instinkt, der ihn plötzlich anzuschreien begann.

»Sergeant, ich bedaure, was mit Ihnen geschehen ist. Mein Name ist Smith.«

Der Sergeant runzelte die Stirn. Die Stimme des Mannes war so blass wie seine Haut. Und er hieß ganz gewiss nicht Smith. Niemand mit schönen Fingernägeln und schwarzem Anzug hieß Smith, Sterbeberater schon gar nicht.

»Danke für die Anteilnahme. Was kann ich für Sie tun?«

Smith lächelte. Es war eine rein mechanische Bewegung, die Haut über seinen Knochen spannte, ohne jedes Gefühl. Nein. Hier ging es nicht um das vorzeitige und freiwillige Ableben von Sergeant Savcovic. Seltsamerweise war es diese Erkenntnis, die den Sergeanten mit neuer Energie erfüllte. Alternativen. Er witterte Alternativen.

»Einiges, auch wenn Sie das möglicherweise nicht glauben werden.«

Savcovic tat ihm den Gefallen und nickte.

»Das bezweifle ich in der Tat. In wenigen Wochen kann ich nicht einmal mehr mit Ihnen sprechen.«

Das Lächeln verschwand von Smiths Gesicht. Er wirkte nun genauso künstlich bekümmert, wie er vorhin künstlich erfreut ausgesehen hatte.

»Ich bin über die Details Ihres Zustandes informiert. So bedauerlich dieser auch ist: Wir suchen Leute wie Sie.«

Savcovic runzelte die Stirn. Dass er »gesucht« wurde, damit hatte er eher nicht gerechnet.

»Wie bitte?«

Smith setzte sich an den Bettrand, ohne um Erlaubnis zu fragen. Er faltete seine schönen Hände übereinander. Sie verströmten den angenehmen Geruch nach parfümierter Creme.

»Leute wie Sie. Die am Ende sind. Tödlich verletzt, einem langen Leiden entgegensehend. Denen wir nicht mehr helfen können, sosehr wir es uns auch wünschen. Die wir in Hospize schicken oder ins Euthanasieprogramm. Leute wie Sie.« Er zögerte. »Sie haben an den Freitod gedacht?«

Savcovic lachte freudlos auf. »Wer würde das in meiner Situation nicht tun?«

»Mehr, als Sie denken. Wenn die Möglichkeit da ist, scheuen viele vor ihr zurück. Etwas hält uns in dieser Welt, vor allem wenn wir keine körperlichen Schmerzen ertragen müssen. Sie haben keine Schmerzen?«

»Ich fühle täglich weniger, nicht mehr.«

Smith nickte. »Ich verstehe.«

»Sie sagten, ich kann etwas für Sie tun?«

»Und wir damit etwas für Sie.«

»Sie sprechen in Rätseln.«

Smith erhob sich und ging zur Tür, aktivierte die Verriegelung. Dann holte er einen kleinen Kasten aus seiner Tasche und stellte ihn auf den Nachttisch. Savcovic kannte das Gerät. Es machte sein kleines Domizil abhörsicher. Smith passte auf. Der Sergeant fühlte, dass sie jetzt zur Sache kamen. Er freute sich darauf wie ein kleines Kind, egal, wie groß die Enttäuschung anschließend auch sein mochte.

»Sergeant, ich werde mit Ihnen jetzt über sehr, sehr geheime Dinge reden.«

»Ich bin autorisiert bis Stufe III.«

»Das hier ist so geheim, dafür gibt es nicht einmal eine Stufe.«

Der Sergeant zuckte mit den Achseln. »Ich verrate nichts.«

»Das stimmt, denn dafür werde ich sorgen. Ich mache Ihnen ein Angebot. Sie stimmen zu und verlassen dann noch heute diesen Ort. Sie lehnen ab und ich führe auf Ihre Bitte hin die Euthanasie durch. Gleich und sofort. Ich bin autorisiert und habe den Injektor dabei.«

Das war radikal, viel radikaler, als Savcovic erwartet hatte. Eine Sterbehilfe war ein längerer Prozess, begleitet von psychologischer Betreuung. Die Sterbezentren waren freundliche Orte, in denen man Drogen bekam und sanft und freundlich in den Tod geführt wurde. Sicher nicht durch Männer mit blasser Haut und blasser Stimme.

»Sie töten mich? Staatsmord? Ich bin vom Imperium so einiges gewohnt …«

Smith hob eine Hand. Savcovic unterbrach sich.

»Ich kann auch aufstehen und gehen. Aber hören Sie mich an: Ich biete Ihnen eine Existenz an, die Sinn ergibt. Eine Aufgabe. Und nicht nur einen aktiven und gesunden Körper, sondern viele, und dazu die Lebenserwartung eines Gottes. Einen Dienst für das Imperium, der einen Krieg verhindern wird.«

Savcovic fragte sich, welche Drogen dieser Mann zu sich nahm. Seine Hand tastete nach dem Rufknopf für das Krankenhauspersonal. Aber irgendwas hielt ihn davon ab, ihn auch zu betätigen.

»Krieg verhindern klingt gut. Wir haben zu viele Feinde.«

Smith nickte.

»Weil wir nicht aufgepasst haben. Das ändern wir. Seit gut dreißig Jahren sind wir dabei, es sehr strategisch und weit in die Zukunft denkend zu ändern.«

»Davon merke ich nichts.«

Smith lächelte sein mechanisches Lächeln. »Noch nicht. Im Gegensatz zu mir haben Sie aber die gute Chance, es mitzuerleben.«

Savcovic spürte, wie die Neugierde immer stärker wurde. Er ließ den Rufknopf wieder los. Er wusste auch, dass Männer wie Smith es ernst meinten. Würde er weiterreden und sein Angebot äußern, gab es nur noch zwei Möglichkeiten: es annehmen oder sterben.

Eine irre Situation.

Savcovic war nie jemand gewesen, der sich über die Entscheidungen seines Lebens allzu lange unnötige Gedanken gemacht hatte. Die letzten Tage waren die große Ausnahme gewesen. Doch jetzt passte sich das Schicksal wieder seinem bisherigen Lebensstil an. Bisher war er damit ganz gut gefahren. Er hörte auf seinen Instinkt, sein Bauchgefühl.

»Sprechen Sie!«, forderte er Smith auf.

»Sie meinen es ernst? Sie gehen damit einen Vertrag ein. Sie leben oder Sie sterben, das entscheidet sich in diesen Minuten. Das müssen Sie ernst nehmen. Keiner hilft Ihnen hier raus. Ja oder Nein. Keine Bedenkzeit. Kein Gespräch mit der Ärztin oder einem Freund. Noch einmal: Ist Ihnen das absolut klar, Sergeant?«

»Legen Sie los!«

Smith nickte langsam. »Gut. Das entspricht Ihrem Psychogramm.«

»Lassen Sie den Bullshit. Wie lautet Ihr Angebot?«

Smith setzte sich, diesmal auf einen der beiden Stühle an der Wand, legte ein Bein über das andere und faltete die Hände ineinander. Für einen Moment sah er wie eine Puppe aus, deren wächserne Haut das fahle Licht der Neonlampe an der Decke reflektierte. Er führte offenbar kein sehr gesundes Leben. Falls er überhaupt lebendig war. Savcovic bekam langsam seine Zweifel.

»Haben Sie schon einmal vom Scareman-Projekt gehört?«

Der Sergeant forschte kurz in seinem Gedächtnis nach dem Namen. »Eine Rakete heißt so ähnlich.«

»Sie meinen die MX-Scarefinder. Das hat damit nichts zu tun.«

»Wenn es so geheim ist, wie Sie meinen, dann sicher nicht.«

»Das ist gut. Ich erzähle Ihnen jetzt davon und dann biete ich Ihnen an, dabei mitzumachen.«

Und Smith erzählte es ihm. Er sprach in knappen, klaren Worten, mit der Selbstsicherheit eines Mannes, der diesen Vortrag schon mehrmals gehalten hatte. Savcovic hörte gut zu: ungläubig, überrascht, ein bisschen überwältigt, dann interessiert und ein wenig fasziniert. Smith beantwortete einige wenige Fragen, auch knapp, aber immer vollständig. So geheim, dass es dafür nicht einmal eine Stufe gab, hatte er gesagt. Savcovic verstand jetzt auch, warum. Und dass Smith ganz offen sein konnte, denn wenn sein Gespächspartner nicht zustimmte, würde er keine Gelegenheit mehr haben, von dieser Sache zu erzählen.

Die Gefahr bestand jedoch nicht.

Am Ende stimmte Savcovic zu.

In dem Moment erschien es ihm wie das beste Angebot seines Lebens.

Kapitel 3

Sieben Tage später legten die Männer in den weißen Kitteln bereits die Zuleitungen zu seinem Körper an. Ihm war kalt, innerlich wie äußerlich, und die kühle Geschäftigkeit der Ärzte trug dazu bei, dass er sich verloren fühlte. Keiner der Bekittelten zeigte die gleiche Empathie wie Dr. Tevis, die er seit dem Gespräch mit Smith nicht wiedergesehen hatte. Gleich nach seiner Zusage war er aus dem Krankenhaus gebracht worden, dann in ein Shuttle, in einen Kreuzer, wo mit den Vorbereitungen begonnen wurde, und dann bis hierher, einer Flottenbasis, von der Savcovic noch nie gehört hatte. Die Zeit war wie ein Wirbel verstrichen und all die Dinge, die er erfahren hatte, stolperten in seinem Verstand übereinander und standen sich gegenseitig im Weg. Es war eine Sache, mit einem gewagten Plan, einem großen Geheimnis konfrontiert zu werden, eine andere, Teil dessen zu werden – und das sehr schnell.

Er kannte keinen von den Ärzten beim Namen. Nur Commander Littlebow, der dem Treiben aufmerksam zusah, hatte sich ihm vorgestellt, gleich bei seiner Einschiffung auf den Kreuzer, der ihn hierher gebracht hatte. Littlebow war ein kleiner, drahtiger Mann mit einer leutseligen Art, die Savcovic irgendwann auf den Zeiger zu gehen begann.

Auch jetzt grinste der Offizier den Daliegenden an, als ob sie zusammen auf einer Stehparty Cocktails schlürfen würden. »Sie sehen gestresst aus, Sergeant«, sagte er dann. »Ihr Blutdruck ist zu hoch.«

»Ich bin gestresst«, murrte Savcovic.

Littlebow grinste noch breiter. »Sie werden sich bald besser fühlen. Die Zuleitungen sind gelegt, dann wird Ihr Körper in den Transceiver eingebettet. Der gesamte Leib wird tiefgefroren und konserviert, wie wir es besprochen haben. Nur Ihr Gehirn bleibt aktiv. Die Sonden werden in Ihren Schädel implantiert, sobald Sie eingeschlafen sind. Ist weniger unangenehm.«

»Dafür bin ich Ihnen sogar dankbar.«

Savcovic meinte es auch so. Als ihm dargelegt worden war, welcher Prozedur sich sein Körper unterziehen musste, damit er seine neue Aufgabe erfüllen konnte, hatte ihn das schockiert. Er hatte den Schock überwunden, vor allem weil die mit dem Prozess verbundene Verheißung groß gewesen war, aber dass ihm all dies gefiel, konnte er beim besten Willen nicht behaupten.

»Wenn Sie aufwachen, werden Sie jeden Schmerz vergessen haben. Der Transceiver stattet Sie mit fünf verschiedenen Körpern aus, über die Sie die direkte Kontrolle übernehmen können. Volles sensorisches Potenzial, direkter Input durch die Implantate. Sie werden den Sand unter den Füßen spüren und die Wellen um ihre Knöchel – es wird keinen Unterschied für Sie geben.«

Savcovic schloss die Augen. Das hatte den Ausschlag gegeben, als man ihm das Angebot vorgelegt hatte. Kein Unterschied. Und eine Aufgabe, wenngleich eine, die in ihren Dimensionen erst einmal erschreckend gewesen war. Eine Perspektive für sein Leben, die weit über das hinausging, was er hätte erwarten können, wäre er gesund geblieben. Es war eine erschreckende Aussicht, eine überwältigende, aber sie war ihm in jedem Fall lieber als das absehbare Siechtum. Das würde es nun nicht mehr geben.

»Wie lange werde ich schlafen?«

Der Offizier schaute auf ein Pad, das den Zeitplan der Operation enthielt.

»Sobald wir Sie angeschlossen und eingefroren haben, wird die Transceiver-Station in den Flottentender Halcyon verbracht. Die Halcyon wird für den Flug in das System der Akkari rund einen Monat brauchen. Der Transceiver wird im Orbit um die Heimatwelt der Akkari installiert und getarnt, dieser Prozess dauert in etwa einen weiteren Monat. Dann wird der Bordarzt der Halcyon die Erweckungssequenz aktivieren und Ihr Bewusstsein wird erwachen. Unter seiner Aufsicht werden Sie sich mit den Möglichkeiten des Transceivers vertraut machen und einige Operationen durchführen. Trockenübungen, wenn Sie so wollen. Wenn er mit Ihrem Fortschritt zufrieden ist, wird die Halcyon abfliegen und Sie Ihrem Schicksal überlassen. Sie sollten dann in der Lage sein, eine erste Probemission auf eigene Faust zu unternehmen.«

Savcovic sagte nichts.

Sein Schicksal.

Er bekam eine Aufgabe und eine Macht, die ein einzelner Mensch im Grunde nicht haben sollte. Doch all dies wurde ihm geschenkt, nicht aus Selbstlosigkeit, sondern aus dem Bedürfnis des Imperiums heraus, sich zu verteidigen. Die Akkari befanden sich auf dem Entwicklungsstadium der späten Steinzeit, wenn auch mit einigen Abweichungen nach oben, doch die Xenoanalytiker hatten ihrer Zivilisation den roten Code gegeben: potenziell gefährlich. Sehr dynamisch. Intelligente Wesen, begabt, innovativ, aufstrebend, furchtlos. Nicht jetzt von Gefahr, nicht in hundert und nicht in tausend Jahren, aber eines Tages vielleicht ein Konkurrent für das Terranische Imperium. Und der Rat des Reiches dachte weit im Voraus, war gewitzt aus den Kriegen der Vergangenheit hervorgegangen, plädierte für Vorsorge. Das Imperium gab es jetzt bereits 850 Jahre und es machte nicht den Anschein, so bald unterzugehen, Ek-ek hin oder her, solange das Imperium existierte, würde es Savcovics Aufgabe sein, die Zivilisation der Akkari klein zu halten, ihre Entwicklung zu beeinträchtigen, Innovationen zu verhindern, Reformer auszuschalten, den Aufstieg, die Konkurrenz zu verhindern. Niemals durfte sie die Raumfahrt erproben, niemals das eigene System verlassen. Und wenn sich die Ingenuität dieser Zivilisation als einmalig erweisen sollte, allen Widrigkeiten zum Trotz, trug der Transceiver eine Novabombe in seinem Bauch, die diese Welt vernichten konnte.

Solange das Imperium existierte.

Er würde es messen können. Jedes Jahr würde ein gezielter Impuls abgesendet werden in die weit entfernte stellare Region, an jeden der mittlerweile 116 »Scaremen«, ehemalige Soldaten und Freiwillige wie ihn, die vergleichbare Aufgaben weitab des Imperiums wahrnahmen. Und er würde leben, wenn niemand den Transceiver vernichtete, Hunderte Jahre oder Tausende. Der Körper in Stasis versetzt, nur das Gehirn aktiv. Erst wenn eines Tages der Impuls ausblieb, war er frei, hieß es. Savcovic wollte gar nicht wissen, was er dann tun würde. Wenn ihm die Aufgabe genommen wurde, was blieb dann von seiner Existenz?

Er schob den Gedanken beiseite. Für die nächste Zeit war er nicht wichtig. Er hatte noch viel vor sich, ehe dies eintreten würde, falls überhaupt jemals. Er selbst konnte das Opfer eines technischen Problems werden, einer Naturkatastrophe, von etwas anderem. Das Imperium der Menschen expandierte und trotz des verheerenden Krieges wuchs es an Kraft. Manche sagten, genau deswegen. Die ständige Herausforderung gab ihm Energie. Es war ein Faktor von Macht und Ordnung und es gab keine Anzeichen, dass diese Phase sich so bald dem Ende zuneigen würde. Und es war seine Aufgabe als Scareman, künftige Konkurrenten unter Kontrolle zu halten oder zu vernichten.

Savcovic hatte keine großen Skrupel. Er hatte gekämpft und getötet. Gegen die elfenhaften Friith, die aussahen, als könnten sie niemandem schaden, und sich als grausam und verschlagen entpuppt hatten. Und gegen die Ek-ek, die mächtigen Kröten mit ihren Körperpanzern, die ihren Feinden den Namen ihrer Spezies wie einen Schlachtruf entgegenschleuderten und sich anscheinend auch von schweren Niederlagen nicht beirren ließen. Die Akkari, das hatte er den Aufzeichnungen entnommen, waren humanoid, stammten aber von Echsen ab. Eine weitere Zivilisation, die der Vorherrschaft Terras nichts würde entgegensetzen können. Dafür würde er sorgen und dafür würde er leben, richtig leben, beweglich, aktiv, und niemand hatte ihm gesagt, dass er nicht auch Spaß haben durfte, wenn er nur seine Aufgabe erfüllte.

Es war zu gut, um wahr zu sein, und doch schien alles zu stimmen. Dafür war er bereit, ein paar anfängliche Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen.

Die Ärzte traten zurück, betrachteten ihr Werk. Es waren alles Mitarbeiter des Scareman-Projektes, und sie hatten diese Prozedur schon ein Dutzend Mal durchgeführt. Savcovics Kameraden waren im Regelfall Unglückliche wie er, schwer erkrankt, mit wenig oder auch gar keinen Aussichten auf Heilung, körperliche Wracks, die in ihrem Leben keine Alternativen mehr hatten außer dem Dienst oder dem Suizid. Seine Meldung war nicht leichtfertig akzeptiert worden. Psychologen hatten ihn zwei Tage lang durchleuchtet und schließlich grünes Licht gegeben. Er war eine lebende Waffe und saß auf einer Bombe, die einen Planeten auslöschen konnte. So etwas gab man niemandem leichtfertig an die Hand. Savcovic war sicher kein leichtfertiger Mann. Er hatte in seiner militärischen Karriere viele Entscheidungen getroffen und alle waren das Ergebnis von Überlegung und dem richtigen Bauchgefühl gewesen. Er war ganz gewiss kein Schlächter, niemand, der seine Verantwortung missbrauchte und andere leichtfertig in den Tod schickte. Wenn er es recht betrachtete, dann war diese Entscheidung, ein Scareman zu werden, in vielerlei Hinsicht die logische Konsequenz seines bisherigen Lebens. Er bereute sie nicht, zumindest noch nicht. Er war neugierig, gespannt, etwas aufgeregt. Er mochte den Gedanken nicht, dass sein Körper auf ewig eingeschlossen in den Transceiver existieren würde, es war erschreckend. Es blieb zu hoffen, dass die Versprechungen über seine alternative Bewegungsfreiheit der Wahrheit entsprachen.

Und dass er im Schlaf, zwischen seinen Missionen, nicht träumen würde.

»Wir wären dann so weit«, sagte einer der Ärzte zum Commander. Der beugte sich noch einmal hinunter zu Savcovic.

»Ich wünsche Ihnen alles Gute, Sergeant«, sagte er und lächelte wieder leutselig. »Ihr Dienst ist wichtig und wir bauen auf Sie. Ich danke Ihnen im Namen des Imperators für Ihren außergewöhnlichen Einsatz. Können wir die Prozedur jetzt abschließen oder kann ich Ihnen noch einen Wunsch erfüllen?«

Savcovic wusste, dass er danach nur noch mit der Besatzung des Tenders zu tun haben würde, und wenn dieser seine Arbeit getan hatte, würde er allein sein, auf immer, nur begleitet von einem semiautonomen Computer, der die Station steuerte und ihm bei der Auswahl der Missionen half. Er hatte keine Angst davor, denn eine neue Welt stand ihm offen, die er auf eine Art erfahren würde, wie es sonst niemandem möglich wäre. Aber er empfand eine plötzliche Wehmut. Er ließ nun alles zurück. Der alte Savcovic schlief ein und der Scareman würde erwachen.

Wusste er, worauf er sich da einließ?

Es war zu spät, noch umzudenken. Ein Nein bedeutete seinen Tod. Und er war noch zu jung zum Sterben. Er hatte noch viel vor. Ihm stand eine ganze Welt offen.

»Danke, Commander. Wir können abschließen«, war seine einzige, die konsequente Antwort.

Der Offizier nickte. Ein Arzt betätigte einen Schalter. Die Haube senkte sich langsam über Savcovics Blickfeld, doch eher er auch nur einen Anflug von Angst haben konnte, umfing ihn Bewusstlosigkeit und er versank ins Nichts.

Seine Reise hatte begonnen.

Kapitel 4

Savcovic konnte seine eigenen Augen nicht mehr verwenden, aber er sah die Halcyon trotzdem, konnte die verschiedenen Spektren der hellen Glut ihrer Triebwerksöffnungen identifizieren und wusste genau, wie schnell sie das System verließ, in welchem Flugvektor, wie viel Masse sie dabei bewegte und welche Emissionen sie abstrahlte. Der plumpe Leib des großen, alten Schiffes hatte für ihn nun eine besondere Ästhetik entwickelt und er hatte ein Raumschiff noch niemals so betrachtet. Es war ein ergreifendes Schauspiel, und das in vielerlei Hinsicht. Er sah dies alles mit elektronischen Augen, die optische wie numerische Informationen direkt in sein Gehirn projizierten, den einzigen Teil seines Körpers, der wärmer war als der absolute Gefrierpunkt, und der einzige Teil, der aktiv war. Savcovic erinnerte sich nicht gerne daran und die Tatsache, dass die neuen und vielfältigen Eindrücke, die auf ihn einstürmten, manchmal sehr verwirrend waren, half ihm dabei, sich nicht allzu lange mit einem Gedanken zu befassen. Verwirrend und überwältigend. Er sah, was kein Mensch sehen konnte. Er roch die Gase des Weltalls, das sich als weitaus weniger »leer« entpuppte, als er bisher angenommen hatte. Er sah die Strahlen des Zentralgestirns, und das weitaus breiter und umfassender als alles, was das menschliche Auge wahrnehmen konnte. Er hörte die Gesänge von Protuberanzen, die Vibrationen in der Atmosphäre direkt vor ihm. Die Transceiverstation, mit einem Durchmesser von gut dreißig Metern nicht übermäßig groß, war mit künstlichem Gesteinsmaterial überzogen und in einen stabilen Orbit um Akkar gebracht worden. Er hatte gelernt, wie man mit der Anlage umging, und wusste nun, wozu er fähig war. Er sah der Halcyon nach und mit ihr verschwand das Gefäß jener Sterblichen, zu denen er einst gehört hatte. Dass er jetzt anders war, mehr, eine neue Qualität von Existenz erreicht hatte, das war ihm bereits kurz nach seiner Erweckung hier im System gewahr geworden.

Er hatte Macht, er hatte Zeit, er hatte ein neues Leben. Er war mehr.

Sehr, sehr viel mehr.

22 Beobachtungssatelliten, keiner von diesen größer als ein Fußball, umkreisten Akkar und deckten die gesamte Planetenoberfläche ab. Roboterdrohnen waren in die Atmosphäre abgelassen worden, mehr als fünfhundert Stück, meist getarnt als Vögel oder größere Insekten, perfekt dem Vorbild nachmodelliert, aber alle mit Kameras und Mikrofonen bestückt. Sie umschwirrten die zivilisatorischen Zentren der Akkari, lauschten, zeichneten auf, unbeirrbar, unentdeckt, und wenn auch nicht flächendeckend, so doch relativ umfassend. Die Daten wurden in einem hochgezüchteten Computer an Bord der Station ausgewertet, die auf quasi-autonome Art entscheiden, extrapolieren, Potenziale und Risiken berechnen konnte. Immer dann, wenn sich die Notwendigkeit einer Korrektur ergab, würde die Station Savcovic wecken und ihn die Situation bereinigen lassen. Dafür standen ihm fünf verschiedene Androidenkörper zur Verfügung, die er durch einen Transfer seines Wachbewusstseins übernehmen und steuern konnte, alles mit vollem Uplink, sollte doch einmal etwas Unvorhergesehenes geschehen – der Körper mochte sterben, Savcovic würde leben. Zwei Gleiter mit Tarnschirmen besorgten den Verkehr von und zur Oberfläche. Ein Manufaktor würde aus Rohstoffen alles herstellen, was für die Mission wichtig war: Kleidungsstücke, Ausrüstungsgegenstände, Währungen, Dokumente, Medikamente. Er war der perfekte Agent zu jeder Zeit. Sprachen würde er im Schlaf lernen, hier hielt ihn der Computer ständig auf dem aktuellen Stand. Die Androidenkörper waren so echt wie ein normal geborener Akkari, dabei aber stärker, ausdauernder, konnten sich nicht infizieren oder anderweitig erkranken, außer es war notwendig, eine Erkrankung zu simulieren.

Irgendwann, als die Einweisung durch den Bordarzt und die Xenoanalytiker in vollem Gange gewesen war, hatte Savcovic die eine Frage gestellt, die ihn die ganze Zeit beschäftigt hatte. Er hatte gelernt, dass er angehalten wurde, über alle Zweifel und Unklarheiten offen zu sprechen, und obgleich man ihn mit einer etwas kalten Professionalität behandelte, als wolle man seinen Abnabelungsprozess von den Gewohnheiten zwischenmenschlicher Beziehungen erleichtern, antwortete man ihm immer offen und ehrlich.

»Warum betreiben wir so einen Aufwand? Warum nicht einfach eine Zivilisation, die uns gefährlich werden kann, zur richtigen Zeit in die Steinzeit zurückbomben, eine schnelle und wirksame Operation? Warum beträchtliche Ressourcen verwenden, um das Scareman-Projekt zu unterhalten, alles verdeckt, heimlich und möglichst unauffällig?«

Die Männer, die ihn betreuten, hatten Blicke gewechselt. Es war offenbar so, dass diese Frage früher oder später von vielen gestellt wurde und dass die Antwort, die sie darauf zu geben hatten, einfach nur Bullshit war. Savcovic kannte diese Mimik von Vorgesetzten, die Leute auf Himmelfahrtkommandos schickten und dabei so taten, als wäre das Risiko beherrschbar und alles gar nicht so schlimm.

Eben Bullshit.

Exakt der wurde Savcovic dann auch aufgetischt.

Moral und Ethik. Respekt vor einer aufstrebenden Kultur. Die Hoffnung, dass sie sich doch anders entwickelte, einen friedlichen Weg einschlug. Behutsamkeit, auch in Bezug auf die öffentliche Meinung im Imperium. Vermeiden von Gewissenskonflikten. Der sanftere Weg. Der Weg, der Optionen offen ließ, jetzt und in Zukunft.

Bullshit.

Savcovic hörte sich das an und war froh darüber, dass er keine Mimik mehr hatte. Natürlich mochte das eine oder andere davon eine Rolle spielen, aber er glaubte dem Tenor dieser Begründung nicht einen Moment. Er kannte das Imperium, für das er kämpfte. Er wusste, wie es war, denn es hatte ihn zu dem gemacht, wer er war. Das Imperium war nicht »nett«. Es nahm keine Rücksicht. Moral und Ethik waren Propaganda. Es ging nur mit jenen anständig um, von denen es eine Gegenleistung erwartete. Und wer sich als Feind herausstellte, wurde ausgelöscht. Nein, Savcovic glaubte diese Worte nicht und er fragte kein zweites Mal nach. Er verstand, dass dies ein Thema war, das man eigentlich nicht mit ihm erörtern wollte. Es musste Gründe geben für diese vorsichtige Vorgehensweise, die umfassende Geheimhaltung und dem Anschein nach eine behutsame Strategie miteinander verband. Es war etwas, das er nicht wissen sollte. Dafür konnte es nur einen Grund geben: Angst vor Konsequenzen.

Blieb die Frage, wovor das Imperium Angst hatte. Denn überall dort, wo es kämpfte, wo es rücksichtslos vorging, wo es seine Interessen durchsetzte, wo ihm Moral und Ethik fremd waren, hatte das Imperium auch immer eines: Angst.

Wovor jetzt?

Das würde ihm ganz sicher auch niemand verraten, so viel stand fest. Aber die Frage nagte an ihm, vor allem jetzt, da er auf sich zurückgeworfen war, mit dem Stationscomputer als einzigem Gesprächspartner. Es war wenig verwunderlich, dass er diesem als Erstes einen Namen gegeben hatte: Max, nach seinem Hund, seinem ersten Freund, einem zugelaufenen Streuner, der genauso gelebt hatte wie er in seiner Kindheit. Dass er dem Computer, der seine Funktionen überwachte und die Entwicklung der Akkari bewertete, nach einer kruden Promenadenmischung mit schlechten Eigenschaften und zumeist mieser Stimmung benannte, konnte irgendeinen tieferen psychologischen Grund haben. Der Computer war, wie der Hund, sein Diener. Savcovic hatte eine umfassende technische Ausbildung genossen und die Machtverhältnisse in seinem quasi-körperlosen Dasein genau analysiert. Er war der Herr, innerhalb gewisser Parameter. Max diente. So musste es auch sein. Was aber passieren würde, wenn er einmal gegen die Interessen des Computers handelte …

Auch das war ein Gedanke, den der Scareman vorläufig nicht zu vertiefen gedachte.

Er blickte der Halcyon hinterher, sah mit seinen neuen, erweiterten Sinnen alles, was es dort zu sehen gab, bekam sogar noch Telemetrie zugesandt. Dem Tender ging es gut, erstaunlich für so ein altes Schiff, das nur noch hier, weitab ernsthafter Auseinandersetzungen Einsatz fand. Es würde zurückfliegen und möglicherweise würde bereits ein anderer wie Savcovic darauf warten, in einem anderen System eingesetzt zu werden.

Als die Halcyon sich Stunden später dem Sprungpunkt näherte, an dem sie ihr Hypertriebwerk aktivieren und aus Savcovics Wahrnehmungsbereich verschwinden würde, erhielt er einen letzten direkt an ihn gerichteten Funkspruch: »Leben Sie wohl – und möge Gott Ihnen gnädig sein.« Keine Signatur, kein Protokoll, eine private Botschaft, vielleicht vom Bordarzt des Schiffes, der ihn zuletzt betreut hatte, oder von einem der anderen Offiziere, mit denen er zu tun gehabt hatte. Gott. Religion war für jemanden wie Savcovic kein vertrautes Konzept. Wer auch immer da zu ihm gesprochen hatte, sah das anders. War es also ein Glückwunsch oder ein Fluch? Machte es einen Unterschied? Oder war es ein feiner Hinweis auf die Tatsache, dass er mit all seinen Machtmitteln für die sich aus dem Staub der Geschichte entwickelnde Zivilisation da unten so etwas wie ein Gott sein musste? Ein strafender Gott, ein wachender Gott.

Und Gnade?

Savcovic war sich da nicht übermäßig sicher, ob dieses Konzept mit seinem Auftrag zu verbinden war. Er hoffte es fast. Denn er war kein Gott und er war kein Schlächter. Tod musste nachvollziehbar sein, einen Sinn ergeben. Gaben Götter dem Tod einen Sinn, schlicht weil sie für ihn sorgten? Dann war er keiner und wollte auch keiner sein.

Die Halcyon verschwand.

Jetzt war er allein. Wirklich allein, und das für eine Ewigkeit, die mehr war als nur eine Floskel.

Ob er jemals wieder menschliche Gesellschaft genießen würde, war ungewiss. Es war auch unwahrscheinlich. Das war jetzt nicht mehr sein Leben. Das hatte er zurückgelassen. Er würde Zeit brauchen, sich in diese Situation einzufinden.

Savcovic wandte seine Aufmerksamkeit der grünblauen Welt zu, die sich unter ihm drehte. Er öffnete sich den Daten der Satelliten, betrachtete die Analysen von Max. Alles war ruhig, wie man es von einer frühsteinzeitlichen Zivilisation erwarten durfte. Vereinzelte Dörfer, vermischt mit Gruppen, die als Jäger und Sammler existierten. Es gab ein oder zwei urbane Zentren in besonders fruchtbaren Gegenden und dort würden die Drohnen sogleich herumschwirren, denn es waren gemeinhin diese Orte, von denen aus Innovation ausging.

Schauten manche von den Akkari nach oben und bemerkten in sternenklarer Nacht den kleinen, zusätzlichen Lichtpunkt, der sich zu ihren Gestirnen gesellt hatte?

Ein neuer Gott war angekommen und es war nur das Wohlwollen in ihm, das er sich im Rahmen seiner Mission leisten konnte.

Ich werde hinabgehen. Ich muss mich mit der Realität meiner Möglichkeiten vertraut machen, dachte er und Max schickte das Bestätigungssignal. Ein Körper wurde ausgesucht und er wurde bekleidet: Hosen aus Tierfell, eine Jacke, krude Stiefel, ein Speer, eine Art Rucksack mit getrockneten Früchten und Fleisch sowie ein Hut gegen die Sonne. Ein Wanderer, vielleicht vom Clan verstoßen, vielleicht aufgebrochen, sein Glück anderswo zu finden.

Savcovic durchsuchte die Audiodaten. Xirkan war ein oft vorkommender Name in der Region, die er zu besuchen beabsichtigte. Er hieß jetzt für einige Zeit Xirkan und er machte sich mit diesem Namen vertraut. Er lernte. Er beobachtete. Er suchte einen Landeplatz aus, ersann eine Tarngeschichte, wählte sein Ziel, die Rahmenbedingungen des Erstkontakts. Und nach einer Woche ohne Ruhe, mit nur wenig Schlaf, nach dem er ohnehin kaum noch Bedürfnis hatte, begab sich Savcovics Bewusstsein in den kräftigen Körper einer aufrecht gehenden männlichen Echse namens Xirkan.

Der Scareman war endgültig erwacht.

Kapitel 5

Das Xadd starb den schnellen Tod, genau so, wie es sein sollte. Die Beine durch die Bola gefesselt, war es nur wenige Meter von Timuk und dem Großen Jäger zu Boden gegangen. Mit den Hinterläufen schlug es noch aus, in den Augen stand die Angst. Die kräftigen Beinmuskeln halfen jetzt nicht mehr, durch den von Schuppen bedeckten Leib ging ein Zittern. Der Geruch seiner Angst war so durchdringend, dass er den Jägern in den Nüstern brannte. Das Xadd musste auf eine sehr kreatürliche Art ahnen, dass sein Ende nahte, und seine Verzweiflung wuchs, je näher die Jäger dem gefällten Tier kamen. Es starrte sie an und stieß klagende Laute aus. Doch die Herde war weit, geflohen, und die Tiere wussten, dass sie ihrem Artgenossen nicht mehr würden helfen können.

Das Xadd wurde von seinem Leid erlöst, als der Große Jäger das Steinmesser mit einem gekonnten Streich durch die Kehle führte. Timuk stand bereit und hielt den Ledersack unter den geöffneten Hals, fing das wertvolle Blut auf, wie es aus dem erschlafften Leib des Xadd pulsierte. Der Leib des Tieres zitterte ein letztes Mal, dann verlor es alle Lebenskraft und starb.

Lebikk näherte sich, wickelte die Bola von den Vorderläufen des Tiers und betrachtete die Lederbänder fachmännisch. Die Waffe war unbeschädigt und würde ein weiteres Tier fällen, morgen, übermorgen, wann immer es der Große Jäger befahl. Lebikk war gut mit der Bola, er hatte sie selbst gebaut und er war ein Meister in ihrem Einsatz. Wo er warf, traf er auch und das war gut für das Dorf, denn so brachten sie jeden Tag ein Beutetier nach Hause. So würden sie alle überleben.

Das Xadd war massig und fett vom Sommer. Der Große Jäger lachte erfreut auf, als er den Leib des Tieres abschritt und Maß nahm. Sie würden es in drei gleich große Teile schneiden, genug zu tragen für drei kräftige Männer, und das Fleisch, die Knochen und die Sehnen würden den Reichtum des Dorfes mehren. Wenn die anderen beiden Mannschaften ähnlich reiche Beute mit nach Hause brachten, würde es ein Festmahl geben, heute, morgen auch noch, und die Reste würden am dritten Tag in der schweren, trägen Suppe landen, die Lebikk viel lieber mochte als die frischen Stücke, die oft nur angekohlt vom Feuer geholt wurden. Die besten Stücke bekamen die Ältesten, die schwangeren Frauen und die Kranken, in exakt dieser Reihenfolge. Später im Jahr würde auch geräuchert werden, um das Fleisch für längere Zeit haltbar zu machen. Das Vorratshaus musste im Sommer gefüllt werden, um während des Zwielichts genug zu enthalten, das Dorf überleben zu lassen. Die Jäger taten das Ihre, die Pflanzer ebenfalls, die Sammler genauso. Der Sommer war die Zeit der Nahrungsbeschaffung und sie alle waren den ganzen Tag über damit beschäftigt.

Die besten Stücke waren nicht für den Jäger vorgesehen. Lebikk war kein Ältester, er war nicht schwanger – obgleich er dem Vernehmen nach an einer aktuellen Schwangerschaft beteiligt war – und krank glücklicherweise auch nicht. Also sich lieber auf die Suppe freuen, die alle gleichermaßen bekamen, anstatt auf einen Braten, der ihm ohnehin nicht munden würde.

Der Große Jäger machte sich an die Arbeit. Blieb der Kadaver zu lange in der Sonne, wurde er schlecht und man konnte ihn nicht mehr essen. Das rohe Fleisch machte die Männer unruhig. In früheren Tagen hatte man es so gegessen, wie es vom gerade getöteten Tier kam, blutig und frisch. Die scharfen, nach hinten gebogenen Zähne der Akkari waren dafür gemacht, Stücke aus einer Beute zu reißen. Doch diese Zeiten waren vorbei. Rohes Fleisch konnte krank machen, brachte Gewürm, das den Körper zerfraß. Es war sicherer, es zu erhitzen, das lehrte sie die Tradition. Zudem konnte man rohes Fleisch kaum aufbewahren und hier, wo das Zwielicht lange dauerte, konnte keiner von dem Fett des Sommers leben. Also ignorierten sie den alten Instinkt und bereiteten das Xadd für den Transport zum Dorf vor. Das Ausblutenlassen half, es frisch zu halten. Besser noch wäre aber die sofortige Zubereitung oder das Räuchern. Doch die Zeit für die Räucherjagd war noch nicht gekommen. Erst gegen Ende des Sommers würden die Jäger ausschwärmen und Tiere erlegen, die nicht sogleich gegessen wurden, Vorräte für das lange Zwielicht, in dem ein Stück altes, geräuchertes Fleisch den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen konnte. Die Räucherjagd war eine Zeit der Wehmut. Denn im Zwielicht war die Jagd schwierig, die Tiere scheu oder weit fort von hier und die Kälte lähmte die Fertigkeit der Jäger.

Nach schwerer Schufterei hatten sie das Xadd zerteilt. Lebikk lud sich sein Drittel auf den Rücken. Es stank und kleine Insekten tanzten um sie herum. Ohne auf eine besondere Aufforderung zu warten, stapfte er los, dem Dorf entgegen. Der Fußmarsch war nicht zu lang und einfach auf den mittlerweile eingetretenen Pfaden, die zu den Jagdgebieten gehörten. Er war diesen Weg schon sehr oft gegangen, seit er zum Mann geworden war, und noch öfter als Junge, als Schüler seines Vaters, der das letzte Zwielicht nicht überlebt hatte, weil das eine, das entscheidende Stück Räucherfleisch in ihrem Vorrat gefehlt hatte.

Lebikk hatte sich geschworen, dass sich dies nicht wiederholen würde, und keiner warf sich in die Jagd wie er. Dass er ein Talent für die Bola hatte, erwies sich als glückliche Fügung. Er war nun ein geachteter Mann und er war jemand, der wirklich einen Beitrag leisten konnte. Das Auge des Großen Jägers ruhte wohlgefällig auf ihm.

Das Dorf war nicht groß. Es hieß einfach nur Heimat. Lebikk hatte gehört, dass es weit entfernt größere Dörfer gab, die andere Namen hatten, und für eine gewisse Zeit hatte er die Sehnsucht gespürt, diese zu besuchen. Dieser Traum war mit seinem Heranwachsen in den Hintergrund gerückt. Verantwortung, das hatte er gelernt, machte das mit einem. Er wusste nicht genau, wie viele seines Volkes hier lebten, aber er konnte die Familien aufzählen, kannte ihre Namen und die Namen ihrer Vorfahren und deren Vorfahren, die jedes Jahr einmal, in der letzten Nacht des Zwielichts, gesungen wurden, damit man sie nicht vergaß. Viele Jahre lebte das Volk bereits an dieser Stelle und die Ahnen hatten es gesegnet mit Früchten und Wild. Die Frauen kümmerten sich um die Bäume, die Männer jagten, so war es schon immer gewesen und so würde es auf immer sein. Das Einzige, was sich veränderte, waren die Jahreszeiten und dass die Toten den Lebenden wichen, um in die Welt der Ahnen einzutauchen.

Als er sich dem Dorf näherte, erblickten ihn schon die Wachen oben auf dem Turm, dem höchsten Gebäude, das errichtet worden war. Es ersetzte den Wachbaum, der in früheren Zeiten hier gestanden und die Kuppelbauten überragt hatte. Von hier blickten sie hinaus in die Ebene und konnten Herden erkennen oder Feinde. Letztere kamen seit langer Zeit nicht mehr. Der Norden war nicht sehr attraktiv, das Leben härter als in anderen Teilen des Landes. Diese Härte brachte aber auch den Frieden und minderte den Neid. Es kam nur sehr selten jemand zu Besuch. Das Volk war auch ohne diese Begegnungen sehr zufrieden.

Lebikk überschritt die unsichtbare Grenze, die das Dorf von dem Draußen trennte, und es dauerte nicht lang, da war Kenxd bei ihm, sein jüngerer Bruder, der nur noch ein Jahr vor der Initiation stand und ihm dann auf den Pfad der Jagd folgen würde. Er nahm ihm die Beute ab und wirkte dabei aufgeregter als sonst. Ehe Lebikk fragen konnte, zeigte sein Bruder auf den zentralen Dorfplatz, um den sich alle Häuser gruppierten.

»Wir haben Besuch, einen Wanderer.«

Lebikks Herz schlug plötzlich heftiger.

Waren es die alten Träume und Sehnsüchte, die sich wieder meldeten? Die brennende Neugierde auf das, was da draußen war und sich von dem Leben, das er hier kannte, unterschied, war mit einem Male wieder entflammt. Diese Flamme, so erkannte er, war niemals vollständig erloschen. Er hatte sie vielleicht etwas vergessen, ein wenig vergraben. Wenn so ein Anlass genügte, die alte Sehnsucht wieder erwachen zu lassen, dann musste sie wirklich tief in ihm gebrodelt haben. Er war ein wenig über sich selbst überrascht.

Er rannte mehr, als dass er ging, einem Erwachsenen unwürdig, doch so erwachsen fühlte er sich in diesem Moment gar nicht. Auf dem Platz hatte sich ein Halbkreis an Leuten um eine einzelne Person geschart, einen großen Mann, kräftig, gut gekleidet für eine Reise, mit einem Speer, der ganz sicher einen Xadd erlegen konnte. Er saß auf dem großen Stein, der die Mitte des Dorfes kennzeichnete, und er sprach mit leisen Worten. Ihm hörten alle zu, die nichts zu tun hatten, die Kinder, die Alten, die schwangeren Frauen, und als Lebikk eintraf, schauten nur wenige zu ihm auf.

Akxt, einer der Alten, wies auf den Fremden. »Schau, Lebikk, das ist Xirkan aus dem Süden. Er hat einen weiten Weg zurückgelegt. Er kann uns wundersame Geschichten aus den Siedlungen jener Gegend erzählen. Wir haben ihm Obdach gewährt, solange er uns mit Neuigkeiten versorgt. Du interessierst dich doch für so was!«

Lebikk nickte und hockte sich nieder. Xirkan schaute ihn an, prüfend, aber mit väterlichem Wohlwollen. Der Mann war sicher zehn Jahre älter als der Jäger, ein Mann im Zenit seiner Kraft. Sein Körper bestand nur aus Muskeln und hielt sich gerade, sein Gesicht war ebenmäßig und seine Farben waren kraftvoll, leuchtend selbst jetzt im schwächer werdenden Licht des Abends. Die anwesenden Frauen stießen sich an, zischelten und vielsagend leise, sodass Lebikk nicht umhinkam, einen leichten Anflug von Neid verdrängen zu müssen.

Er lauschte.

»Ich sprach von Dirma, der Stadt am Fluss Dak«, hob Xirkan nun an. »Sie ist sicher hundertmal so groß wie euer Dorf und eine weiße Mauer umschließt ihre Häuser, die nicht nur niedrige Kuppeln sind, sondern große Bauten mit vielen Kammern und hohen Dächern. Regiert wird sie von einem König und weise ist er. Die Haine sind grün und alle sind zufrieden. Keine zweite Stadt gibt es wie Dirma.«

»Von dort stammst du?«, fragte Lebikk eifrig.

»Ich stamme aus einem Dorf nicht größer als diesem, noch weiter im Süden, drei Monate Reise von Dirma entfernt. Ich war schon immer ein ruheloser Geist. Ich verließ es kurz nach der Mannwerdung, denn es war eng dort und ich sah keinen Platz für mich. Es trieb mich fort und so ging ich los.«

»Wie lange wanderst du schon?«, fragte Lebikk.

Xirkan lächelte. »Vier Zwielichte habe ich erlebt, seit ich aufgebrochen bin. Ich bin am nördlichsten Punkt der Reise angekommen. Niemand kannte eine Siedlung weiter nördlich. Kennt ihr eine?«

Akxt verneinte. »Es wird zu kalt, die Jagd wird zu schwer, das Zwielicht dauert zu lang und der Boden wird hart vor Kälte. Keine Früchte wachsen dort mit Leichtigkeit und man ringt mit dem Leben. Nichts ist im Norden. Wir sind die Grenze.«

Alle nickten sie. Lebikk auch, obgleich er immer Geschichten von Sammlern und Jägern hörte, die in den Bergen lebten, sich dort in Höhlen eingerichtet hatten. Niemals hatte er jemanden dieser Art getroffen, doch manchmal, wenn er besonders weit nach Norden vordrang, auf den Spuren eines besonders fetten Xadd, da vermeinte er, in der Ferne jemanden zu erkennen, kaum sichtbar selbst für das schärfste Auge.

Xirkan schaute Akxt an. »So hörte ich. Also werde ich hier umkehren und wieder zurückwandern, woher ich kam, vier Zwielichte lang oder länger. Meine Reise ist am Ende und geht doch weiter. Von meinem Dorf aus stoße ich dann weiter gen Süden vor. Dort muss es noch mehr Siedlungen geben.«

Lebikks Gesicht bekam einen träumerischen Ausdruck. So viele Zwielichte entfernt – so eine weite Strecke –, so viel zu sehen. Er unterdrückte ein Seufzen. Die in ihm aufwallende Neugierde brachte ihn fast um den Verstand.

»Berichte, was du gesehen und erlebt hast«, brach es aus ihm heraus und erwartungsvolle Gesichter wandten sich Xirkan zu. Jemand reichte ihm Wasser, ein anderer eine Schale mit vergorenem Pilzsud, der die Zunge löste, das Herz wärmte und Trost spendete im Zwielicht. Xirkan nahm von beidem und ließ sich nicht lange bitten, er sprach, und Lebikk bekam nicht mehr mit, wie die Zeit verging.

Xirkan war ein guter Erzähler. Die Geschichten, die er darbot, wechselten ab in ihrem Tempo, waren mal Beschreibungen ferner Orte, mal Begebenheiten seiner langen Wanderschaft, mal verträumt und ruhig, mal voller atemloser Spannung. Er kannte seine Worte. Er sprach nicht so wie sie hier im Dorf, aber ähnlich. Sein Akzent machte ihn interessant, weltgewandt, exotisch und er erzählte, wie er im nächsten Dorf im Süden, von dessen Existenz Akxt und die Alten wussten, den hiesigen Dialekt gelernt hatte.