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»Ich bin alles andere als perfekt und ich arbeite auch nicht daran.« Karen Rinaldi
Karen Rinaldis große Leidenschaft ist das Surfen. Dass sie kein Talent dafür hat, kann sie nicht davon abhalten. Denn sie hat einfach Spaß daran. Und das ist es, was für Rinaldi dabei am meisten zählt. Mit ihrem ebenso mutigen wie humorvollen Plädoyer ruft sie uns dazu auf, neue Dinge zu wagen – auch auf die Gefahr hin, dass wir Fehler machen. Wir sollten uns wieder erlauben, etwas nur deshalb zu tun, weil es uns Freude bereitet. So lernen wir, im gegenwärtigen Moment zu leben und achtsam zu bleiben. Nicht zuletzt üben wir uns beim Scheitern in unwesentlichen Bereichen in Geduld und Beharrlichkeit für die Dinge, die im Leben wirklich zählen.
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Seitenzahl: 403
Veröffentlichungsjahr: 2020
Buch
Karen Rinaldis große Leidenschaft ist das Surfen. Sie kann es allerdings nicht besonders gut. Trotzdem hat sie Spaß daran – und das ist es, was für Rinaldi dabei am meisten zählt. Ebenso mutig wie humorvoll ruft sie uns dazu auf, Neues zu wagen und nicht immer alles perfekt machen zu wollen. Wir dürfen neue Sachen ausprobieren, auch wenn wir dabei Fehler machen. Wir sollten uns wieder erlauben, etwas nur deshalb zu tun, weil es uns Freude bereitet. Denn das ist es, was im Leben wirklich zählt.
Autorin
Wenn Karen Rinaldi gerade nicht surft oder Bücher schreibt, arbeitet sie als Lektorin und Verlegerin von Harper Wave. Als Journalistin verfasst sie Artikel, die u.a. in der New York Times und auf Oprah.com veröffentlicht wurden. Den Artikel »(It’s Great to) Suck at Something«, aus dem ihr aktuelles Buch entstanden ist, veröffentlichte sie 2017 in der New York Times, der daraufhin viral ging. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in New York und New Jersey. Sie ist alles andere als perfekt, und sie arbeitet auch nicht daran.
Karen RInaldi
Scheitern
erlaubt!
Warum uns gerade das Nicht-Perfekte weiterbringt
Aus dem amerikanischen Englisch von Elisabeth Liebl
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »(It’s Great to) Suck at Something« bei Atria Books, einem Imprint von Simon & Schuster, Inc., USA.
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Deutsche Erstausgabe Juni 2020
© 2020 Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Originalausgabe: Atria Books 2019
Copyright © 2019 by Karen Rinaldi
Lektorat: Nadine Lipp, Berlin
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: FinePic®, München
JG ∙ Herstellung: cb
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-23807-0V001
www.goldmann-verlag.de
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Für Rocco und Gio
Inhalt
Einführung
Die erste welle
Meine erste Welle: Einladung zum Scheitern
Das erste Mal wird gnadenlos überschätzt
Die Verklärung, das verdammte Miststück
Das Neue
Wie Sie Ihr Hobby in Einzelschritte herunterbrechen
Finden Sie Ihr Ding
Schlimme Tugenden
die zweite welle
Meine Pura-Vida-Welle: So jagt man Träumen nach und verscheucht Dämonen
Risiko wird unterbewertet
Eine Sternschnuppe, ein Telefonanruf und die Synchronizität
Spielen Sie – in vollem Ernst!
Arbeit wird gnadenlos überbewertet
Sich dem Paradies und der Hölle hingeben
die dritte welle
Meine schlimmste Welle: sich trotzdem wieder aufraffen
Wünsche sind nicht Ihre Freunde
Geschichten sind wichtig
Schmerz ist Information, Teil 1
Vertrauen ins Scheitern
In jeder Geschichte liegt ein Geschenk
die vierte welle
Meine beste Welle: durch die Chemo surfen (und durch alles Schreckliche, was auf uns zukommt)
Freude, wo man sie am wenigsten erwartet
Ein Abenteuer, das sich mich ausgesucht hatte
Verletzlichkeit nervt ... oder vielleicht doch nicht?
Als ich dachte, ich könnte endlich wieder ins Wasser
Dankbarkeit: das Tor zur Resilienz
Cool ist nicht für’n Arsch
die fünfte welle
Meine Gotteswelle: die Macht des Glaubens
Wir wollen, dass die Leute uns zusehen
Die köstlichen kleinen Brötchen
Das ozeanische Gefühl
Und plötzlich gab Gott Antwort
All you need is love
Die sechste Welle
Roccos Schreckenswelle: eins auf die Rübe bekommen
Wenn alles schiefgeht
Unsere Kinder gut erziehen
Manchmal gehen Dinge schief, die gar nichts mit uns zu tun haben
Schmetterlinge und Chaos
Die siebte Welle
Mind Surfing: dn Wellen vom Strand aus zuschauen
Schmerz ist Information, Teil 2
Was Schönheit ist
Schmerz lindert Schmerz
Die Freundlichkeit Fremder
Dank
Anmerkungen
Bibliografie
Es würde zu weit führen, an dieser Stelle alle Gefahren des Scheiterns aufzuzählen, alle Situationen, bei denen Sie sich selbst oder anderen stark schaden könnten. Ich kann Ihnen nur ans Herz legen, äußerst vorsichtig zu sein, wenn Sie bei etwas wirklich Gefährlichem scheitern möchten, etwa beim Surfen oder Wingsuit-Fliegen. Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand und bitten Sie jemanden, Sie zu begleiten. Versuchen Sie sich im Scheitern nie allein – außer, Sie wollen bei Makramee-Arbeiten, beim Lösen von Kreuzworträtseln oder bei sonstigen Couchpotatoe-Beschäftigungen scheitern.
Sie werden erst an dem Tag erwachsen, an dem Sie zum ersten Mal so richtig über sich selbst lachen können.
Ethel Barrymore, Schauspielerin
Erfolg besteht hauptsächlich darin, von Fehler zu Fehler zu stolpern, ohne dabei die Begeisterung zu verlieren.
Winston Churchill, Staatsmann
Mal versucht? Mal gescheitert?
Uninteressant. Versuch’s wieder.
Scheitere wieder. Scheitere besser.
Samuel Beckett, Dichter
Alles, was du brauchst, ist eine Welle. Ja, noch nicht mal das, ein einziger guter Dreh … nur einen Moment … denn dieser lockt dich zurück, weil du wieder so einen Moment haben willst … und so geht das immer weiter und weiter.
Gerry Lopez, Surfer und Schauspieler (Step into Liquid)
Einführung
Nehmen wir einmal an, Sie scheitern nie.
Das wäre zwar etwas wahnhaft, sollte es aber dennoch der Wahrheit entsprechen, verpassen Sie dadurch viele wunderbare Erfahrungen.
In diesem Buch werde ich Sie ermutigen, sich eine Tätigkeit auszusuchen, in der Sie gar nicht gut sind, und sich mit aller Hingabe darauf zu konzentrieren. Ich möchte mit Ihnen die Erfahrung teilen, wie es ist, bei etwas zu scheitern. Sich nach Kräften abzustrampeln, um etwas zu tun, das weder Aufmerksamkeit noch Lorbeeren oder Geld einbringt. Und es voller Liebe und Hoffnung zu tun, es mit Freude zu tun.
Diese Freude kenne ich aus eigener Erfahrung, denn ich surfe – und zwar schlecht. Surfen ist in meinem Leben weder ein neuer Kick noch eine Phase, die ich gerade durchmache. Ich bin in Sachen Surfen auch über diese Anfangseuphorie hinaus, in der man seine ersten Versuche macht, guckt, ob man den Bogen rauskriegt und das Ganze massiv verklärt. Ganz objektiv betrachtet nimmt das Surfen einen großen Teil meines Lebens ein und das schon eine ganze Weile. Seit siebzehn Jahren stehe ich nun schon acht von zwölf Monate im Jahr auf meinem Surfbrett. (Ja, alle Surffreaks dürfen bei diesen Zeilen mit Fug und Recht in höhnisches Gelächter ausbrechen.) Ich bin eine Frau mittleren Alters, die ihr ganzes Leben so eingerichtet hat, dass sie so oft wie möglich hinaus aufs Wasser und auf die Wellen kann. Ich habe mein Berufsleben so gestaltet, dass ich diese Leidenschaft leben kann, habe hart verdientes Geld riskiert, um sie zu pflegen, und meiner Familie einen Lebensstil aufgenötigt, den sie nur zum Teil zu schätzen weiß. Und – ich bin als Surferin immer noch die absolute Null.
Doch ich liebe das Surfen. Und ich denke, es liebt mich auch, auf seine Art und Weise.
Ich habe über die Jahre einen großen Teil meines Selbst in die Wellen gelegt, doch wie viel ich auch gebe, ich bekomme stets mehr zurück. Ein nicht eben fairer Tauschhandel – zu meinen Gunsten –, der sich sicher nicht nach meinen Fähigkeiten bemisst.
Auch Sie haben das Potenzial, in irgendeiner Disziplin zu scheitern. Sie müssen dafür einfach nur Sie selbst sein. Sie brauchen ein bisschen Mut, eine Prise Humor und die Bereitschaft, etwas Neues anzufangen oder zu etwas Altem zurückzukehren. Sie sollten wieder wachsen wollen, auch wenn Sie mit den Ergebnissen Ihrer Bemühungen nicht ins Guinness-Buch der Rekorde kommen. Dieses Buch jedenfalls macht Sie nicht zum Meister, ganz egal in welcher Disziplin.
Andererseits aber verbaut es Ihnen in dieser Hinsicht auch keine Chancen. Eine unlängst durchgeführte Studie (deren Ergebnisse im Journal of Psychology of Science and Technology veröffentlicht wurden) hat ergeben, dass Nobelpreisträger »sich mit signifikant höherer Wahrscheinlichkeit künstlerischen bzw. handwerklichen Nebenbeschäftigungen widmeten«1 als »normale« Mitglieder der National Academy of Sciences – die ihrerseits wiederum mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit einem Hobby nachgehen als der Rest der Bevölkerung. Die Formulierung »sich künstlerischen bzw. handwerklichen Nebenbeschäftigungen widmen« ist eine etwas gewählte Ausdrucksweise, daher lassen Sie mich das mal in Klartext übersetzen: Wenn Nobelpreisträger nicht gerade durch ihr Mikroskop starren, dann machen sie gern solche Sachen wie Cello spielen oder Makramee knüpfen. Und kein Mensch gibt ihnen Geld dafür, dass sie ihrer Musik lauschen bzw. ihre Wandbehänge bestaunen dürfen.
Auch die Total-super-ernsthaft-Erfolgreichen betätigen sich also als Dilettanten. Einfach so, ganz von selbst und intuitiv. Wir Normalsterblichen dagegen müssen erst einmal mühselig auf den Trichter kommen.
Also, was bremst uns aus? Nicht mehr und nicht weniger als die Tatsache, dass das Scheitern heutzutage so übel beleumundet ist. Es geht ums Renommee. Es ist aber überhaupt nicht schlimm, wenn man auf irgendeinem Gebiet mal unterdurchschnittlich ist. (Überlegen Sie doch mal: Hätte unsere Spezies je irgendetwas gelernt, wenn dem so wäre?) Schlimm ist nur, dass unsere Kultur jede Form von mangelndem Können mit Hohn und Spott überschüttet. So viel dreht sich bei uns im öffentlichen Leben darum, die eigenen Schwächen zu verstecken oder gleich ganz zu verleugnen. Weil wir so sehr auf Erfolg und vor allem Belohnung getrimmt sind, versäumen wir es, in unserem Leben Freiräume zu schaffen, in denen wir neue Talente und Interessen pflegen können. Eine solche Interessens- bzw. Talentpflege ist aber unvermeidlich mit Frust und Fehlstarts verbunden. Wir werden ziemlich sicher keine allzu elegante Figur machen, sondern erst mal Misserfolge einfahren. Was für allzu viele Menschen Grund genug ist, das Handtuch zu werfen.
Wenn wir etwas Neues anpacken, scheint unser erster Impuls der zu sein, dass wir es ganz und gar beherrschen wollen. Können wir das nicht, dann wenden wir uns ab. Damit beseitigen wir zwar ein Problem – wir ersparen uns die Erfahrung, nicht gut zu sein –, doch wir handeln uns ein anderes ein: Wir verengen unser Leben. Wir fügen der Landkarte unseres Daseins einen weiteren weißen Fleck hinzu. Erwachsensein wird so zu einer Art Ansammlung weißer Flecken. Zu einer strategischen Wachstumsbremse, um die herum all jene Bereiche wachsen, in die wir uns vor Angst nicht hineinwagen. Und das nur, weil wir nicht ertragen können, dass es Dinge gibt, die wir nicht beherrschen. Aber wenn wir der Verwundbarkeit im Raum des Neuen und Herausfordernden ausweichen, werden wir sehr schnell alt und starr.
Meiner Ansicht nach gibt es einen noch besseren Grund dafür, sich öfter in diese Problemzone vorzuwagen. Ich glaube, dass genau dort das Glück liegt, wo wir damit leben können, dass wir mal nicht überragen.
Das ist keine leichte Aufgabe. Wir alle kennen den speziellen Schmerz, der sich in dem Spannungsfeld zwischen unserer Begeisterung für eine Sache und der Enttäuschung über unsere miese Leistung auftut. Dort fühlen wir uns zumindest unbehaglich. Mit diesem Buch möchte ich für eben dieses Unbehagen Partei ergreifen. Das klingt im Moment vielleicht nicht sonderlich einleuchtend, aber wir werden darin allerhand Positives entdecken. Hinzuschmeißen bevor wir überhaupt losgelegt haben ist die eigentliche Tragödie. Die strahlende Kehrseite von Frustration und Entmutigung sind Durchhaltevermögen und Zuversicht. Lassen Sie uns ins Tun eintauchen. Wir sollten unsere Befriedigung aus dem Handeln selbst ziehen, ohne auf den Erfolg zu schielen. Sollte er uns dann tatsächlich einmal begegnen, nehmen wir ihn mit Demut an.
Wir sind Workaholics, führen ein zielfixiertes und gnadenlos leistungsorientiertes Leben, durch das wir viel gewonnen, aber auch sehr viel verloren haben. Geduld, Bescheidenheit und Selbsterkenntnis werden samt und sonders einem Dasein geopfert, in dem es nur noch um das Setzen und Erreichen von Zielen geht.
Was würde passieren, wenn wir unser Bedürfnis nach Schulterklopfen und Belohnung einmal vergessen, wenigstens für ein Weilchen, und der Tatsache ins Auge sehen, dass wir alle in bestimmten Bereichen Nieten sind? Sind wir ehrlich zu uns selbst, so müssen wir uns eingestehen, dass kein Tag richtig gut sein kann, wenn er davon abhängt, ob unser Ego gestreichelt wird oder nicht. Das soll nun aber nicht heißen, dass wir uns die Freude verkneifen müssen, unsere Talente kennen- und schätzen zu lernen.
Aber wir können da doch bestimmt eine größere Bandbreite hineinbringen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir alle mehr als genug Zeit darauf verwenden, mit unseren Stärken hausieren zu gehen. In den sozialen Medien dreht sich alles nur um positive Verstärkung, doch das Ganze wird schnell zur Abwärtsspirale, wenn unser seelisches Wohlbefinden davon abhängt. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass es uns mittlerweile schwerer fällt, mit uns selbst im Reinen zu sein, weil sich jeder immer nur von seiner Schokoladenseite zeigt.
Was würde passieren, wenn wir stattdessen unsere gescheiterten Bemühungen feiern würden? Oder wenn wir auf das Feiern verzichteten und einfach mit uns selbst zufrieden wären, mit unserem durch und durch unvollkommenen und unbegabten Selbst?
Tatsache ist doch: Wir leisten nur auf einigen wenigen Gebieten wirklich Herausragendes. Schlagen wir aber einen großen Bogen um alles, worin wir nicht gut sind, dann entgeht uns unnötigerweise vieles von dem, was das Leben lebenswert macht. Das Leben hat so viel mehr zu bieten als nur Talent. Selbstverständlich ist Begabung nützlich und wertvoll und oft hilfreich, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber es geht im Leben eben nicht nur um das Nützliche. Was kann Talent uns über Entschlossenheit lehren? Oder über Geduld, Willenskraft und inneren Frieden?
Zu tun, wozu man Talent hat, ist nicht schwer.
Wirklich große Geister verfolgen jene Dinge, die ihnen weiter nichts versprechen als die Freude, die im Tun selbst liegt.
Möglicherweise ist diese Stärke dem vergleichbar, was der deutsche Philosoph Josef Pieper meinte, als er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem Buch Muße und Kult schrieb, dass die Muße der herrschenden Vorstellung vom Arbeiten diametral entgegengesetzt sei.2 Er fährt fort mit dem Loblied auf ein Handeln, das sich losgelöst von aller sogenannten »sozialen Brauchbarkeit« abspielt und das Menschsein eigentlich erst ausmacht.
Für mich gibt es nichts, das sozial weniger nützlich wäre als das Surfen. Was für mich mein Surfbrett ist, ist für Sie vielleicht Ihre Gitarre, Töpferscheibe oder Modelliermasse. Unser Instrument oder unser Hobby ist einfach ein Mittel, das uns hilft, alle Gedanken an Nützlichkeit abzustreifen. Welches Werkzeug oder welche Methode wir zu diesem Zweck auch benutzen mögen: Wenn wir uns die Freiheit des Scheiterns zugestehen, dann haben wir mehr Geduld mit uns selbst, um in den Dingen, die wirklich zählen, besser zu werden. Zum Beispiel, ein besserer Mensch zu sein.
Das ist eines der Ziele, die dieses Buch verfolgt. Gemeinsam werden wir überdenken, was wir über die zentralen Bausteine unseres Lebens zu wissen glauben: unsere Freizeit, unsere Arbeitszeit und das überproportional angewachsene Wissen samt zugehörigem Vokabular, mit dem wir diese Dinge untersuchen und verstehen wollen. Wir werden einige der Mythen demontieren, die uns davon abhalten, uns auf Neuland vorzuwagen. Dazu gehören: der Drang nach Perfektion, die Verklärung der Vergangenheit, der Mythos vom ersten Mal und all die platten Parolen, die wir als Richtschnur für unser Leben verwenden wie zum Beispiel: »Tu, was du gern tust, und du musst nie wieder arbeiten.« Oder: »Siege sind nicht alles, aber ohne Siege ist alles nichts.«
Aber es geht mir noch um ein bisschen mehr. Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, weil das Surfen meine rebellische Seite ansprach.
Als ich 2013, drei Monate nach einer Brustkrebsdiagnose, wieder auf mein Brett stieg und einige Wellen abritt, drehten sich meine Gedanken nicht um meine Leistung und wie ich mich mit neuer Energie wieder an die Arbeit machen könnte. Ich dachte an nichts anderes als daran, da draußen auf dem Wasser zu sein. Und darin zeigt sich das zweite Ziel, das ich mit diesem Buch verfolge: ein Loblied zu singen auf die lebenspendende Kunst, etwas scheinbar völlig Unnützes zu tun, während das ganze restliche Dasein von einer überwältigenden, alles umfassenden, gewichtigen Schicksalsfrage aufgezehrt wird. Uns in den dunkelsten Momenten unseres Lebens spielerisch dem Scheitern hinzugeben kann uns helfen, eine neue Perspektive zu finden.
Sicher sind meine Surfkünste seitdem etwas besser geworden, nichtsdestotrotz – um es mit aller Klarheit, und speziell noch einmal für die Leute auf den billigen Plätzen zu sagen – bin ich als Surferin eine Null. Und die Freude, die ich beim Surfen empfinde, hängt nicht von den seltenen Momenten ab, in denen ich zufällig mal was hinbekomme. Die Freude, die ich empfinde, ist die Freude des Versuchens und Herumprobierens. Erfolg, so er mich ereilt, ist eine willkommene Belohnung, aber darum geht es mir nicht.
Ich glaube nicht, dass ich mit meiner Erfahrung allein dastehe.
Vor nicht allzu langer Zeit veröffentlichte die New York Times einen Artikel von mir. Die Überschrift war natürlich: »(It’s great to) Suck at Something«.3 Gleichzeitig postete ich ein Video von mir beim Surfen – ein Video, das ich jahrelang unter Verschluss gehalten hatte, weil es echt peinlich ist. Nun, eine Menge Leute, mit denen ich privat wie beruflich zu tun hatte, wussten ja über meinen Lieblingszeitvertreib Bescheid. Und, na ja, ich ließ sie in dem Glauben, dass ich nicht schlecht oder sogar ganz gut war (eine natürliche Schlussfolgerung, bedenkt man die Zeit, die ich darauf verwende). Dieses Video war also so eine Art Bekennervideo.
Ist schon mal ein Freund bei Ihnen zu Hause aufgetaucht, dem gegenüber Sie sich immer ein bisschen besser sortiert gegeben haben, als Sie es tatsächlich sind? Und nun fällt Ihnen auf, dass Sie diesen Sommer die Dachrinne noch nicht gereinigt, einige Sachen noch nicht zum Wertstoffhof gebracht und überhaupt eine Million Dinge nicht erledigt haben, die Sie sicher getan hätten, hätten Sie auch nur geahnt, dass jemand vorbeischaut?
So ähnlich war das auch hier, nur mit dem Unterschied, dass ich sozusagen Gott und die Welt eingeladen hatte, doch mal bei mir vorbeizuschauen, und meine Haustür in verrosteten Angeln hing.
Und doch war es mit das Beste, was ich seit einer ganzen Ewigkeit getan hatte. Viele Leute, Leser aus aller Welt, berichteten mir, sie hätten meine Geschichte mit wahrer Begeisterung gelesen. Nicht etwa, weil sie das Surfen interessiert hätte (wobei, wow!, manche nehmen es wahnsinnig ernst), sondern weil es eine Geschichte über jemanden war, der seine Sache nicht super machte und sich dafür nicht schämte. Viele von ihnen waren insgeheim ebenfalls begeistert Scheiternde, und es war toll zu erfahren, dass die Schar da draußen immer größer wurde. Aber ich hörte auch von einer Menge Leute, die bestimmte Dinge gar nicht erst anfingen, weil sie glaubten, darin sowieso nie gut werden zu können. Daher möchte ich nun an alle Welt die Einladung aussprechen, durch die Tür mit den rostigen Angeln zu treten, die Freuden des Scheiterns kennenzulernen und Neues auszuprobieren, ohne sich Druck zu machen. Wer weiß, vielleicht stolpern Sie dabei sogar über ein angeborenes Talent, von dem Sie bis jetzt keine Ahnung hatten? Das ist aber nicht das Endziel, weil es kein Endziel gibt, nicht einmal für potenzielle Cracks.
Meine Geschichte ist eigentlich gar nicht so außergewöhnlich. Trotzdem habe ich unglaublich viel Feedback bekommen. Mit diesem Buch möchte ich sie noch weniger außergewöhnlich machen. Das ist mein größtes Ziel: Ich möchte eine neue literarische Gattung ins Leben rufen. Eine neue Art Smalltalk. Eine neue Community.
Wenn wir irgendwo lausige Leistungen abliefern, erzählen wir anderen meist nicht davon. Das ist, wie ich glaube, der Grund dafür, dass die Leute von meiner Geschichte so begeistert waren. Ob Hollywoodfilm oder Friseursalon, alle Geschichten, die wir uns erzählen, handeln von Triumphen und Höhenflügen. Und wenn wir doch mal eine Horrorstory aus unserem Leben berichten, dann zur allgemeinen Erheiterung: Also, in den Laden gehe ich bestimmt nie wieder … Noch mal treffe ich mich mit dem Typen garantiert nicht … Wenn ich das nächste Mal zum Karaoke gehe, dann suche ich mir aber ein anderes Lied aus.
Und damit meinen wir: Ach, es war ja so lustig, dass mein Leben mal einen Moment lang nicht perfekt war.
Doch unser Leben ist weit von jeder Perfektion entfernt, abgesehen von jenen flüchtigen Momenten, wenn die perfekte Welle heranrollt, wenn Körper und Seele bereit dafür sind und du einen kurzen Augenblick auf etwas dahingleitest, was sich anfühlt wie die sprudelnde Gischt des Lebens.
Doch den Rest der Zeit verbringen wir nicht auf, sondern in oder unter der Welle.
Aber eben dieser Rest mit seinen Abermillionen Möglichkeiten hält so vieles für uns bereit, das es zu feiern gilt – wir müssen nur die Bereitschaft entwickeln, nicht immer perfekt sein zu wollen.
Meine Mission ist also eine dreifache:
Scheitern Sie leidenschaftlich: Lernen Sie die wahrhaft belebende Kraft kennen, die Ihnen zufließt, wenn Sie Ihren Passionen nachgehen und erkennen, dass Ihr Gehirn nicht fürs Monotone gemacht ist, sondern für die volle Bandbreite des Lebens.Scheitern Sie unproduktiv: Erforschen Sie den außerordentlichen Wert der wohlüberlegten Nutzlosigkeit für Ihr Leben, besonders in Zeiten, wenn die Umwelt Ihnen zu verstehen gibt, Sie sollten sich gefälligst auf das konzentrieren, was Ihnen so gar keinen Spaß macht. Tun Sie sich mit anderen zusammen: Lassen Sie sich Geschichten über ihre Erfahrungen des Scheiterns erzählen und berichten Sie von Ihren eigenen.Aufs Scheitern war ich schon konditioniert, noch ehe ich surfen lernte, und diesen Umstand verdanke ich meiner lebenslangen Liebe zum Anfängertum und meiner professionellen Hingabe daran. Als Verlegerin und Lektorin verlasse ich mich immer auf das Fachwissen anderer, die mir tiefe Einblicke in Themen geben, die ich in Buchform gieße und hinaus in die Welt schicke. Das Privileg, durch diese Arbeit in engen Kontakt mit einigen der klügsten Köpfe zu kommen, hat für mich nichts von seinem Reiz verloren. Und so habe ich en passant ein bisschen was über alle möglichen Wissensgebiete gelernt und gleite nun über die Oberfläche der Mysterien des Lebens wie ein Stein übers Wasser. Es wäre also nicht verkehrt zu sagen, dass ich schon rein beruflich zu den Dilettanten gehöre.
Neugierde und Wissbegier haben mich stets wachsam Ausschau halten lassen nach neuen Erkenntnissen, Abenteuern und Aha-Erlebnissen. Weil ich meinen Lebensunterhalt nun mal so verdiene, brauche ich davon jeden Tag eine gute Dosis. Dieses Buch ist daher ein kunterbuntes Sammelsurium von dem, was ich (hoffentlich) am besten mache, und dem, was ich am allerwenigsten kann. Auf den folgenden Seiten werde ich eintauchen in die Wunder von Wissenschaft, Philosophie, Literatur, Geschichte und Kultur und mit Experten auf diesen Gebieten sprechen, die mir dabei helfen, das ganze Spektrum des Menschseins zu entfalten. Zu surfen, ohne darin ein Ass zu sein, ist das Fundament, das mich meine Bodenhaftung nicht verlieren lässt, wenn meine Gedanken anfangen, sich zu überschlagen. (Jede andere von Ihnen frei gewählte Nebenbeschäftigung kann dieselbe Erdungsfunktion erfüllen.)
Doch ehe wir uns jetzt in die Wogen stürzen, möchte ich Ihnen noch erklären, warum ich mich so in dieses Thema rund ums Scheitern hineingesteigert habe.
Alles begann mit einer ganz harmlosen Frage. Mein Sohn Rocco war damals acht Jahre alt. Ich stand vor seiner Schule und plauderte mit John, der ebenfalls sein Kind abholte. »Und, wie macht Rocco sich dieses Jahr in der Schule?«, wollte er wissen.
Das war nun ein Thema, das mich gedanklich stets beschäftigte. Schon früh im neuen Schuljahr hatten wir angefangen, uns wie jedes Jahr mit Roccos feinmotorischen Schwierigkeiten zu befassen, die, wie wir schließlich erfahren sollten, damit zusammenhingen, dass er unter einer Wahrnehmungsstörung litt. Diese äußerte sich auf vielfältige Weise, unter anderem darin, dass er nicht mit einem Stift schreiben konnte – zumindest nicht so, dass er, geschweige denn jemand sonst, das Geschriebene hätte entziffern können. Er war mittlerweile eigentlich alt genug, um eine leserliche Handschrift zu entwickeln, doch war ihm das bislang nicht gelungen. Tippen war überhaupt kein Problem, doch mit einem Stift auf ein Blatt Papier zu schreiben fiel ihm so schwer, dass Hausaufgaben buchstäblich zur Tortur wurden. Und für Roccos Lehrer war es schwierig, seine Leistungen zu bewerten. Daher waren Hausaufgaben für Rocco jedes Mal eine Qual. Eines Abends, als wir am Esszimmertisch saßen und versuchten, uns durch die Aufgaben zu kämpfen, sagte er mir, dass er richtig Schmerzen habe beim Schreiben und deswegen nicht richtig denken könne. Wir wussten, dass Rocco sehr wohl begriff, was von ihm verlangt wurde, aber wenn er seine Gedanken mit dem Stift zu Papier bringen sollte, blockierte ihn das total. Oft genug gab es dann auch Tränen.
»Na ja, er hat Probleme, wenn er was mit der Hand schreiben muss«, sagte ich also zu John. Rocco stand neben mir, während ich das sagte. Es war ihm nicht peinlich, denn er wusste so gut wie jeder andere, dass es stimmte, und nickte bestätigend. »Er gibt sich Mühe«, erzählte ich weiter, »weil er sich mit dem Schreiben aber so schwertut, ist das Erledigen der Hausaufgaben echt stressig.«
John verstand vollkommen. Er grinste meinen Sohn an, vergrub die Hände tief in den Manteltaschen und richtete den Blick gen Himmel. »Ach ja, Rocco«, seufzte er. »Es gibt immer etwas, bei dem man so richtig schlecht ist.«
Roccos verfinsterter Gesichtsausdruck verschwand wie Schnee in der Sonne. Er grinste einfach nur. Seine Miene hellte sich auf, und ich spürte seine dankbare Erleichterung.
Was seine Feinmotorik anging, hatte Rocco gar keine andere Wahl, er war eben grottenschlecht darin. Doch dass er diesen Nachteil akzeptierte – und dafür sogar kurz Anerkennung bekam –, schenkte ihm die Freiheit, seinen Weg als der zu gehen, der er war, und nicht als der, der er glaubte sein zu müssen.
Ein positiver Nebeneffekt dieses Buches wird sein, dass Sie lernen, nicht länger auf sich einzuhacken, weil Sie in bestimmten Dingen schlecht sind, in denen Sie halt einfach nicht besser sein können. Doch das ist nicht unser Hauptthema. Ich möchte Sie dafür begeistern, etwas zu tun, was Sie gerne tun, selbst wenn Sie darin nicht gut sind. Es einfach nur zu tun, weil es Freude macht. Weil Sie es als befreiend empfinden, nicht in der ersten Liga mitzuspielen.
In den vergangenen zehn Jahren habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Menschen ihr Innerstes nach außen kehren, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, von Misserfolgen zu erzählen. Das sind immer wunderbare Gespräche. Ich hoffe, dass dieses Buch mehr Menschen Mut macht, solche Gespräche zu führen, eine Tür der Toleranz zu öffnen, die wir doch alle durchschreiten möchten. Schließlich geht es um das Gefühl der Verbundenheit untereinander, das sich nur einstellen kann, wenn wir uns zuvor mit uns selbst verbinden.
Um noch einmal auf jenen schicksalsschwangeren Nachmittag zurückzukommen, an dem ich meinen Sohn von der Schule abholte: Natürlich stellte sich heraus, dass John vollkommen recht hatte. Weit wichtiger aber war, dass seine Worte bei Rocco auf fruchtbaren Boden fielen. Roccos Handschrift ist nach wie vor unter aller Kanone, aber zehn Jahre später, als er seinen Highschool-Abschluss machte, war er trotz seiner Sauklaue Jahrgangsbester.
Die erste Welle
Meine erste Welle: Einladung zum Scheitern
Regel 1
Das, worin Sie scheitern wollen, muss Ihnen wichtig sein.
Lektion 1
Das erste Mal wird gnadenlos überschätzt.
Vorteil 1
Sie kapieren, wie schwer viele Dinge tatsächlich sind, vor allem jene Dinge, die bei begabten Menschen so leicht aussehen.
Lassen Sie uns eines gleich klarstellen: Ich habe nicht mit dem Surfen angefangen mit dem Vorsatz, es so richtig schlecht zu machen. Ich war nicht von Anfang an ein Verfechter des Scheiterns.
Wie alle hinreißend verrückten Kooks (Surfer-Fachbegriff für Anfänger und schlechte Surfer) dachte ich: Klar, aller Anfang ist schwer, aber ich schaffe das. Wie schwierig kann das schon sein? Wenn es je eine Frage gegeben hat, die den Darwin-Preis für das Maximum an Idiotie verdient hat, dann ist es diese.
Aber ich schäme mich nicht für meine anfängliche Tollkühnheit. Ganz ehrlich, ein bisschen Wahn muss sein. Meist ist das die Initialzündung, die uns etwas Neues überhaupt ausprobieren lässt. Aber der Brennstoff der Selbsttäuschung ist schnell verheizt, sobald wir merken, dass sich das, was wir da angefangen haben, nicht so locker meistern lässt. Stets sind die Schwierigkeiten größer, als wir uns das vorgestellt haben. Wie oft haben wir schon gesagt: »Wow, das ist komplizierter, als ich dachte.« Das allein sollte uns schon überzeugen, dass das Scheitern eine Lebenstatsache ist, so unvermeidlich wie der Sonnenaufgang im Osten, und dass wir gut daran täten, es zu akzeptieren. Mithilfe der Selbsttäuschung gelangen wir nur bis zu einem gewissen Punkt. Mich hat sie gerade mal an den Rand des Wassers gebracht.
Um mich auch hineinzubekommen, war schon mehr nötig.
Der aktuelle Trend, unser Gehirn, unsere Gesundheit, unser ganzes Leben an den Marterpfahl zu binden, um leistungsstärker zu werden, unsere Ziele zu erreichen und unsere Altersgenossen zu übertrumpfen, hat unser Augenmerk gnadenlos aufs Gewinnen ausgerichtet. Und doch treten wir irgendwie auf der Stelle. Wir leben in einer Art Streberpsychose und glauben fraglos an die perfekten Bildchen, die soziale Medien und Werbung uns vorführen. Wie macht sich denn unser Leben im Vergleich dazu? Nicht so toll, nicht wahr? Tag für Tag bombardiert man uns mit Appellen, wir müssten mehr haben, mehr sein, besser sein. Das ist schlicht und einfach der Kapitalismus. Wenn wir nichts haben, wofür wir uns anstrengen, wohin denn dann mit unserem Geld? Aber da führt man uns an der Nase herum. All der Druck, der so ausgeübt wird, blockiert uns letztlich nur und macht es uns schwerer, etwas Neues anzupacken. Die Stimme in unserem Kopf unkt etwas von möglichem Scheitern. Also lassen wir lieber gleich die Finger davon.
Die scheinbar wenig einleuchtende Aufforderung, ruhig mal eine Bauchlandung hinzulegen, ist in Wirklichkeit der Beginn eines erfüllteren Lebens. Ich möchte Sie also in Ihre erste Welle schubsen und zusehen, dass Sie auf Ihrem Brett auf die Beine kommen. Doch zuerst brauchen Sie natürlich ein Metier, in dem Sie nicht um jeden Preis brillieren wollen. Und das bringt mich zum ersten Gebot in der Kunst des Scheiterns: Was Sie sich auch vornehmen, es muss Ihnen etwas bedeuten. Wenn Sie Brot nicht mögen, ist es ja egal, ob Ihr Brot matschig aus dem Ofen kommt oder knusprig. Wenn Musizieren Ihre Seele nicht berührt, dann bringt es nichts, wenn Sie auf der Geige herumkratzen. Worin Sie dilettieren, muss Ihnen wichtig sein, damit Sie Ihren Wunsch nach Perfektion loslassen können.
Wenn Sie etwas nicht gern tun, dann werden Sie ohnehin damit aufhören. So einfach ist das. Und Sie hätten ja auch allen Grund dazu: Sie verschwenden auf diese Weise nämlich Ihre Zeit. Sie sehen aus wie ein Idiot. Sie machen keine messbaren Fortschritte. Entschließen Sie sich daher, etwas zu tun, in dem Sie nicht gut sind, so ist das tatsächlich ganz wunderbar unvernünftig. Und das muss so sein.
Nach meiner ersten Surfstunde musste ich fünf Jahre üben, um eine Welle zu kriegen. Dafür fünf Jahre zu brauchen ist ein absurd langer Zeitraum. Fünf Jahre üben, bis ich eine Welle anfahren, aufstehen, das Board drehen und die Wellenwand entlanggleiten konnte. Es hat also fünf Jahre gedauert, bis ich tatsächlich surfen konnte.
Surfen war, wie sich herausstellte, schwieriger, als ich gedacht hatte.
Dabei waren diese fünf Jahre keineswegs ereignislos. In ihnen reihte sich Niederlage an Niederlage, im Wechsel mit Einsichten und Lernprozessen. Nachdem ich eine Zeit lang etwas betrieben hatte, was ich eigentlich hätte aufgeben sollen, fing ich an, die gängigen Vorstellungen von Erfolg langsam abzuschütteln. Ich konnte ein paar der hinderlichen Mythen demontieren, die uns so sicher nach unten ziehen wie das mythische 168-Pfund-Olo-Surfbrett aus Wiliwili-Holz, mit dem die hawaiianischen Könige in den Urtagen des Surfens angeblich die Wellen pflügten. Schicken wir also diese Dinosaurier-Bretter aufs Altenteil und nehmen uns leichtere. Es geht schließlich nicht darum, schon stehend auf die Welle zu kommen wie die Könige von Hawaii.
Das erste Mal wird gnadenlos überschätzt
Wenn wir uns auf neues Terrain wagen, gibt es unvermeidlich ein erstes Mal. Normalerweise verklären Menschen diesen Moment und speichern eine ganze Reihe weichgezeichneter Erlebnisse ab. Da die Höflichkeit gebietet, fleißig mitzuhelfen, wenn unsere Mitmenschen an ihren Mythen stricken, lauschen wir ihren geschönten Erinnerungen mit interessierter Miene. Niemand ruft: »Bullshit!«, wenn jemand ihm von seinen ersten Gehversuchen erzählt. Die erste Liebe, das erste Auto, der erste Job.
Erinnern wir uns aber ungeschönt und ehrlich an jenes erste Mal (wovon auch immer), dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es ein Flop war. Wunder mal ausgenommen.
Für den Rest von uns heißt es: Die erste Liebe hat Ihr Herz gebrochen. Das erste Auto war eine Katastrophe, Sie mussten es regelmäßig kurzschließen, um es in Gang zu bekommen. Und an Ihrer ersten Arbeitsstelle durften Sie gerade mal die Post sortieren und mussten Ihrem verhassten Chef jeden Morgen Kaffee machen.
Gut, bei dieser Art von Täuschung gibt es keine Opfer. Mit einer Ausnahme allerdings: Wenn wir uns unsere ersten Male immer schönreden, fehlt uns der Blick dafür, wie weit wir es seitdem gebracht haben. Wir schmälern so nur unnötigerweise unsere Leistungen. Ehrlichkeit dagegen lässt uns das breitere und größere Spektrum dessen sehen, was uns tatsächlich gelungen ist.
Es ist ganz egal, wie katastrophal das erste Mal war. Ein wichtiger Schritt hin zum gelungenen Scheitern ist die Erkenntnis, dass das erste Mal gewöhnlich überbewertet wird. Das gilt selbst für jene Fälle, in denen wir den Dingen einfach ihren Lauf lassen. Machen Sie ruhig mal einen Versuch. Ganz still und leise, in Ihrer Fantasie, eben jetzt, während Sie diese Zeilen lesen. Ich fange an. Die Aufzählung meiner ersten Male fällt nicht gerade erhebend aus. Bei meinem ersten Kuss schluckte ich so viel Spucke, dass ich fast gekotzt hätte. Beim ersten Sex musste ich mich am Ende gegen Krebse zur Wehr setzen. Meine erste Ehe hätte mich beinahe das Leben gekostet. Bei meiner ersten Geburt wäre ich beinahe verblutet. Hätte ich mir nun aufgrund dieser unschönen Erfahrungen gesagt: »Einmal und nie wieder!«, so hätte ich nie den tollsten Sex meines Lebens gehabt, hätte eine langjährige glückliche Ehe verpasst (okay, das war erst beim dritten Anlauf, aber Sie wissen ja mittlerweile, dass ich eher von der langsamen Sorte bin). Meine Söhne sind das »Ergebnis« dieser Erfahrungen, und sie machen mich ausgesprochen glücklich.
Scheitern kann dramatisch sein, wenn es um Sex, Liebe, Ehe, Beruf, Geburt und Tod geht. Haben wir aber im Kleinen gelernt, Fehlschläge gelassen hinzunehmen, dann wird uns das auch nützen, wenn mehr auf dem Spiel steht. Die Übung macht den Meister, heißt es doch schließlich. Und bei den meisten ersten Malen steht gewöhnlich noch nicht wirklich viel auf dem Spiel.
Hier einige meiner heldenhaften Bauchlandungen als Debütantin: das erste Mal, dass ich für eine Dinnerparty selbst kochte; das erste Mal, als ich alleine eine Pferdewanderung machen wollte; das erste Mal, dass ich auf Französisch etwas zu essen bestellte – an meinem ersten Tag in Paris. Ich war nach der Uni dorthin gezogen in der irrigen Vorstellung, die Stadt würde meine Heimat für den Rest meines Lebens werden. Ich zeigte schon seit der 10. Klasse ausgeprägte Anzeichen von Frankophilie. Ein Zug, den der Leistungskurs Französisch und ein Sprachstudium an der Universität noch verstärkt hatten. Ich bildete mir ein, fließend Französisch zu sprechen, bis man mir einen Teller gegrillte Nieren servierte, die ich hinunterwürgte, weil ich nicht zugeben wollte, dass ich etwas falsch verstanden hatte.
Hatten Sie je die Gelegenheit, etwas Neues zu erleben – und haben sie ungenutzt verstreichen lassen? Aus Angst, dumm dazustehen? Oder eben Nierchen aufgetischt zu bekommen?
Die Liste jener Dinge, die sich als schwieriger erweisen, als sie aussehen, ließe sich endlos fortsetzen. Und beim ersten Mal werden Sie unweigerlich auf die Nase fallen. Stellen Sie sich darauf ein und verabschieden Sie sich von jeder reflexartigen Mythenbildung über Ihre ersten Male. In dieses Sammelalbum müssen Sie kein Bild mehr kleben. Ich hoffe sehr, dass das künftig für Sie den Druck rausnimmt.
Manche Dinge sind schlicht unvermeidlich. Haben Sie jemals versucht, ein Darlehen für einen Wohnungskauf zu bekommen? Wenn nicht, dann wappnen Sie sich dafür, dass dies zu einer der größten Schlappen Ihres Lebens werden kann.
Das Gegenteil von Täuschung ist Ehrlichkeit. Ist der Glaube an sich selbst. Und dieser wiederum ist eine viel verlässlicher sprudelnde, reichere Energiequelle.
Als ich mit dem Surfen anfing, war ich glücklicherweise schon so weit, dass ich ein wenig an mich glaubte.
In der Welt physischer Leistungen fühlte ich mich zu Hause. Ich war mein Leben lang sportlich aktiv, aber wo es um die Leistungen des Geistes ging, fühlte ich mich unsicher. Und diese Unsicherheiten waren immer da, schillernde Stäubchen im Lichtstrahl, der durch das Wohnzimmerfenster fiel. Als Erwachsene hatte ich gelernt, sie zu verscheuchen, wenn ich zur Höchstform auflaufen musste.
Aber der Sport war mir doch in Fleisch und Blut übergegangen. Gut, ich war schlecht im Werfen, und Langstreckenlauf war auch nicht meine Königsdisziplin. Ich musste fast zwei Jahre vor unserem Erkerfenster auf und ab hüpfen (das mir als Rückspiegel diente), bevor ich den Spread-Eagle-Touch-Toe-Jump beherrschte und in die Cheerleader-Mannschaft aufgenommen wurde. Doch die viele Hopserei hatte meine Beinmuskulatur so gekräftigt, dass ich für das Kugelstoßen nominiert wurde und Mädchen schlug, die doppelt so groß waren wie ich. Cheerleader-Captain und Star-Kugelstoßerin: Ich deckte das ganze Spektrum ab. Sie verstehen schon, worauf ich hinauswill – ich war stark und entschlossen und irgendwie auch überzeugt, Surfen wäre einfach nur eine weitere Sportart, die ich anpacken und in der ich verdammt gut sein würde.
Eine schlichte, einfache Selbsttäuschung.
Mit den Jahren habe ich mich in vielen Sportarten versucht, darunter Boxen, Rennradfahren, Gewichtheben, Laufen, Skifahren und Reiten. Ich hätte mir eine dieser Sportarten herauspicken und daraus eine lebenslange Leidenschaft machen können, und ich wäre darin vermutlich x-mal besser gewesen als beim Surfen. Aber selbst jetzt noch, während ich dies schreibe, sehe ich den Glorienschein der Vergangenheitsverklärung über diesen ersten Malen leuchten. Vermutlich war ich auch dafür nicht sonderlich begabt.
Die Verklärung, das verdammte Miststück
Die rosarote Brille der Vergangenheitsverschönerung ist eine jüngere Erfindung. Im 17. Jahrhundert jedenfalls bezeichnete man die Nostalgie noch als »neurologische Erkrankung von wesentlich dämonischer Ursache«.4 Die Krankheit wurde zuerst 1688 von dem Schweizer Arzt Johannes Hofer beschrieben. Der Begriff selbst setzt sich aus zwei griechischen Wörtern zusammen: nostos für Heimkehr und algos für Krankheit. Man diagnostizierte sie bei Soldaten, die sich nach Hause zurücksehnten (Was man ihnen ja wohl kaum verübeln kann!), und betrachtete den Seelenzustand Heimweh als Krankheit. Die Schweizer Soldaten zeigten die entsprechenden Symptome vor allem dann, wenn sie einem bestimmten Lied lauschten, das in ihrem Land beim Melken gesungen wurde. Das dadurch ausgelöste Heimweh unterminierte ihre militärische Tauglichkeit, daher wurde es bei Todesstrafe verboten.
Dass Nostalgie etwas Positives sein könnte, ist eine relativ junge Vorstellung. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass uns Nostalgie ein gewisses Wohlgefühl verschaffen kann. Sie hilft uns, früheren Erfahrungen Sinnhaftigkeit zuzuschreiben – und wäre somit eine positive Kraft. Sie brachte Odysseus zurück nach Ithaka, lässt die Londoner positive Erinnerungen an die deutschen Luftangriffe der Jahre 1940/1941 entwickeln und sorgt bei späteren Klassentreffen für zahlende Gäste. Doch ich glaube, dass unsere Altvorderen da eher richtig lagen. Wir sollten uns ernsthaft fragen, ob das Gras, das in unserer Erinnerung immer strahlend leuchtet, damals tatsächlich grüner war als heute. Und wenn ja, was heißt das für uns Heutige? Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse warnen vor dieser Art der Vergangenheitsverklärung, weil sie uns daran hindert, für die aktuelle Situation angemessene Vorgehensweisen zu finden. Ob man sich zum eigenen Scheitern bekennen kann, hängt nämlich größtenteils davon ab, dass wir fest in der Gegenwart verwurzelt bleiben.
Doch möglicherweise müssen Sie ja ein wenig in der Vergangenheit kramen, um herauszufinden, was es Ihnen seinerzeit so angetan hatte, dass Sie dem voller Freude als ewiger Dilettant frönen möchten.
Ich fing an zu surfen, weil es mir Angst machte.
Ich hatte immer schon Albträume, in denen das Meer eine tragende (oder eben nicht tragende) Rolle spielte. Das ging schon los, als ich noch keine bewusste Erinnerung an mein Leben hatte, und es setzt sich in der ein oder anderen Form bis heute fort.
In der harmlosen Version meiner Meeresträume kommt eine riesige Welle auf mich zu, aber ich versuche nicht, ihr zu entfliehen. Ich gebe mich ihr hin und werde eins mit ihrer Stärke. Manchmal liege ich am Strand und lasse mich von ihr überrollen. In meinem Traum weiß ich, dass ich unter Wasser atmen kann, sollte das nötig sein. Ich mache mir keinerlei Gedanken über Turbulenzen oder darüber, was passiert, wenn die Welle über mir zusammenbricht. Sie kommt heran, und ich bin absolut ruhig. Und wenn sie da ist, nehme ich ihre Kraft als meine eigene an. Es ist ein wunderschöner Traum.
In der Albtraumversion rollt eine gewaltige Welle auf mich zu, genau wie im anderen Traum, aber im Albtraum ragt hinter mir eine Klippe auf, eine Wand oder etwas Ähnliches. Ich kann nicht ausweichen, obwohl mir im Traum vollkommen klar ist, dass ich da weg muss. Doch ich habe kein Glück. Es geht mir an den Kragen. In diesem Szenario wirft die Welle mich an die Wand, und ich kann unter Wasser nicht atmen. Mir wird klar, dass ich sterben werde. Die Hingabe und der Friede, den ich im anderen Traum empfinde, verwandeln sich hier in Panik und Angst.
Ich wuchs mit diesen widersprüchlichen Bildern im Kopf auf. Sie waren da, während meine Familie die Ferien an den Stränden von New Jersey verbrachte. Während ich als Teenager mit meinen Freunden schwimmen ging und in Panik geriet, sobald ich den Boden nicht mehr mit den Zehenspitzen berühren konnte. Sie waren da, als ich den Strand am Laguna Beach entlangspazierte und plötzlich registrierte, dass hinter mir ein Kliff aufragte, obwohl gerade Ebbe war. Ich wusste nicht, wie schnell die Flut anrollen würde und wie tief das Wasser dann sein würde: mein Albtraum, nur in der realen Welt. Diese Bilder überfallen mich heute noch, wenn die Wellen sich höher auftürmen, als ich dachte. Mir bleibt die Luft weg, wenn ich mir vorstelle, was gleich passieren wird, wenn ich versuche, unter ihnen durchzutauchen. Die Bilder sind da, wenn mich die Strömung erfasst und aufs Meer hinauszieht. Wenn ein Wellenset am Horizont wartet und ich weiß, dass ich nicht mehr gefahrlos hindurchtauchen kann. Diese Meeresängste sind vermutlich einfach Instinkt. Sie haben mit meinem Leben als Surferin zu tun. Aber diese tief verwurzelte Angst, von etwas überrollt zu werden, kann für alles Unbekannte und Unvorhersehbare stehen. Für viele ist ein Vortrag vor Publikum das, was für mich eine heranrollende Welle ist.
Es dauerte dreißig Jahre, bis ich die Hemmschwelle der Angst vor dem Meer, seinen Wellen und dem, was unter der Oberfläche schwimmt, überwunden hatte. Gleichzeitig wird die Angst aufgewogen durch diesen tief inneren Drang, in seiner Nähe zu sein, auf ihm und in ihm. Das tiefe Blau zieht mich magnetisch an, obwohl seine Macht und die Geschöpfe in seinen Tiefen mir eine Höllenangst einjagen. Ich habe mein halbes Leben damit zugebracht, den Surfern neidisch zuzusehen. Nicht weil sie so geschickt ihre Wellen eroberten – ich habe Ihnen ja schon verraten, dass ich den reichlich dämlichen Gedanken hatte, dass ich das spielend hinbekommen würde, wenn ich mich erst einmal ans Werk machte. Nein, was mich umhaute, war die scheinbare Furchtlosigkeit, mit der sie sich da draußen bewegten, also genau das taten, was ich mir von ganzem Herzen wünschte.
Aber das ist jetzt keine Macke meinerseits. Es ist auch kein spezieller Spleen, dass ich diese ozeanischen Gefühle zum ersten Mal in mittleren Jahren verspürte. Es gibt sogar biologische Gründe dafür, denn das Wasser scheint uns jung zu halten: Bei der Geburt bestehen wir zu gut 75 Prozent aus Wasser. Im Alter geht dieser Anteil auf 50 bis 60 Prozent zurück. Vermutlich ist es dieses langsame Austrocknen, das unseren Körper zurück in die Fluten lockt.
Meine spezielle Lovestory mit dem Scheitern begann mit einer ganz grundlegenden Erfahrung – mit meinem Drang hin zum Meer und mit all den Ängsten, Konflikten und Herausforderungen in puncto Überleben, die sich damit verbanden. Aber die Form, die diese Liebesgeschichte annahm, war weniger bedeutsam als die Tatsache, dass sie für mich zum unüberwindlichen Zwang wurde. Jedes Tier kennt die Angst. Ihr ins Auge zu sehen ist etwas, was uns zutiefst menschlich macht. Doch wenn wir unserer Angst zum ersten Mal die Stirn bieten, dann ist das gewöhnlich kein Moment des Triumphes. Dann herrschen Heulen und Zähneklappern.
Für Hannah Arendt ist das Handeln eine an Wunder grenzende Fähigkeit des Menschen. In Vita activa schreibt sie: »Ohne diese Fähigkeiten des Neubeginnens, des Anhaltens und des Eingreifens wäre ein Leben, das, wie das menschliche Leben, von Geburt an dem Tod ›zueilt‹, dazu verurteilt, alles spezifisch Menschliche immer wieder in seinen Untergang zu reißen und zu verderben.«5
Arendts Überlegungen zum Politischen und Sozialen passen auch auf die individuelle Ebene, schreibt sie doch weiter: »Das Vermögen zu handeln (...) unterbricht den automatischen Ablauf des Alltäglichen.«6 Mit diesem Automatismus geht eine Selbstzufriedenheit einher, die uns nirgendwo hinbringt. Da ist es doch besser, aktiv zu werden, statt uns das nur zu wünschen.
Es ist besser, in was auch immer zu dilettieren, als gar nichts zu tun.
Rocco, mein erstgeborener Sohn, kam spät in mein Leben. Ich war schon zweimal verheiratet und zweimal geschieden und nun sollte ich mein erstes Kind bekommen. Wie das Leben mir immer und immer wieder gezeigt hat, sind meine Erwartungen und das, was dann wirklich passiert, zwei sehr unterschiedliche Seiten derselben trügerischen Selbstgewissheit, schon alles im Griff zu haben. Und so brachte ich mit siebenunddreißig Jahren mein erstes Kind zur Welt und mit dem neuen Leben und der Placenta, die ich ausstieß, trieb ich auch einige alte Ängste aus. Also weg mit den ganzen dummen Neurosen, die ich mein Leben lang gepflegt hatte … und her mit neuen wie: Wie kann ich dieses Kind beschützen, das ich mehr liebe, als ich je geglaubt hätte? Wie kann ich ihm Schmerz und Trübsal ersparen? Irgendwie war das die Hölle auf Erden, in gewisser Weise aber auch göttlich. Ein traumhaft schöner Albtraum.
Das Tohuwabohu in meinem überforderten Gehirn war die Geburtsstunde meines Wunsches, surfen zu lernen. Jahrelang hatte ich sehnsüchtig die Leute beobachtet, die da draußen auf den Wellen ritten, mir das aber nicht zugetraut. Nun aber waren meine alten Ängste zurückgewichen, wie das Meer es tut, bevor die Flut hereinbricht, und machten den Ängsten der Mutterschaft Platz – darunter auch die, dass ich alt werden würde, ohne je da rausgepaddelt zu sein und auf eine Welle gewartet zu haben, wenigstens einmal. Ich hatte keine Furcht mehr, es auszuprobieren. Ehrlich, da gab es andere Dinge, die mir Angst einjagten. Ich ritt sozusagen auf der »Himmel, ja!«-Welle. Zum Teufel mit den Albträumen vom Ozean.
Ich war mir so sicher, was diese Wende zum Ozeanischen anging (und vermutlich so stark auf der Hormon-High-Welle), dass ich mit meiner Familie von New York City an die Küste New Jerseys zog. Natürlich stellte ich keinerlei Berechnungen an, wie viel Lebenszeit es mich kosten würde, täglich von Seaside Park in New Jersey nach Manhattan zu pendeln, wo ich arbeitete. Offensichtlich bin ich auch eine echte Niete, was den Abgleich mit der wirklichen Welt angeht. Ich hatte das Surfen noch nicht mal ausprobiert, aber ich hatte mir geschworen, dass ich von nun an surfen würde, und so ging ich es frontal an. Und weil uns das Leben nun mal gerne ein Bein stellt – mit Vorliebe dann, wenn wir jene Art von Unbedarftheit an den Tag legen, mit der ich damals mit mir und meiner Familie umsprang –, erfuhr ich in derselben Woche, in der ich meine erste Surfstunde buchte, dass ich mit meinem zweiten Kind schwanger war. Mein Traum würde also warten müssen.
Etwa dreitausend Pendlerstunden später war ich außer Form und übergewichtig und vollkommen am Ende vor lauter Erschöpfung. Aber ich wollte, verdammt noch mal, immer noch surfen. Meine Söhne waren nun vier und zwei Jahre alt. Es wurde langsam spät für diese Form des Irrsinns. Also rief ich an einem schönen Mittsommermorgen in meinem einundvierzigsten Lebensjahr bei der örtlichen Surfschule an und fragte, ob ich eine Stunde buchen könne. Als Wetter und Dünung mitspielten – leichter Offshore-Wind, kleine Wellen (sprich: kaum sichtbar) sowie eine ruhige und klare Strömung –, rief mich der Surflehrer an und sagte: »Die Bedingungen sind gut. Können Sie in zwanzig Minuten am Thirteenth Avenue Beach sein?«
Mein Mann Joel fragte, ob er mitkommen könne. Ich flehte ihn an, zu Hause zu bleiben. Ich konnte bei meiner freiwilligen Selbsterniedrigung keine Zeugen brauchen.
Als ich am Strand ankam, meinte der Surflehrer: »Okay, Karen … fährst du Snowboard?«
»Nein.«
»Skateboard?«
»Habe ich versucht.«
»Wasserski? Windsurfen?«
»Nein.«
»Hm«, meinte er munter. »Irgendwie bringen wir dich schon da raus.«
Wir gingen mit einem knallgelben Zehn-Fuß-Softtop-Brett für Anfänger ins Wasser, das eher aussieht wie ein schlankes, flaches Boot als wie ein Surfbrett. Ich legte mich drauf und zappelte ungeschickt herum. Doch unter mir war tatsächlich so viel Brett, dass das Ding mich nicht abwarf, obwohl ich ein höchst wackliges Gefühl hatte.
Zu jenem Zeitpunkt an diesem schicksalhaften Morgen stand mir die nackte und beschämende Wahrheit klar vor Augen: Ich bin für diesen geduldigen jungen Mann eine völlig aus der Form geratene Null in mittleren Jahren, deren einziger Vorteil es ist, dass sie sich Privatstunden leisten kann. Ich musste gegen den Impuls ankämpfen, es einfach sein zu lassen, bevor ich auch nur angefangen habe. Stattdessen beschließe ich, es wenigstens einmal auszuprobieren und schlimmstenfalls diesen Traum ein für alle Mal in die Tonne zu treten.
