Schöner Fernsehen - Lo Jakob - E-Book
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Schöner Fernsehen E-Book

Lo Jakob

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Beschreibung

Aus dem Blauen heraus wird die junge Journalistin Amelie Brügge für die neue Fernsehsendung »Leuchtenladen« engagiert. Regie führt die renommierte Fernsehmacherin und Frauenverführerin Yve Hagen, und die erste Begegnung verläuft nicht gerade reibungslos. Was vielleicht daran liegt, dass sie vor einiger Zeit bereits ein heißes Stelldichein hatten. Doch dann versucht es der Abteilungsleiter Hansi Grupp mit einer Erpressung, um seine Erzfeindin Yve loszuwerden - was die beiden einander näherbringt. Wenn da nicht noch ein düsteres Geheimnis wäre, das Yve mit sich herumschleppt und eine gemeinsame Zukunft zu verhindern scheint ...

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Lo Jakob

SCHÖNER FERNSEHEN

Roman

© 2015édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-150-6

Coverillustration: © Elnur – Fotolia.com

Kapitel 1

Fernsehen macht bekloppt – zumindest, wenn man dort arbeitet

Amelie hetzte den Flur entlang. Im Sender war alles so weit auseinander, dass sie sich verschätzt hatte und zu spät für ihren Termin mit dem Abteilungsleiter aus der Kantine losgegangen war. Was er von ihr wollte, war ihr ein Rätsel. Ronni, seine Sekretärin, hatte sie einbestellt. Keine Infos, keine Andeutungen, nichts. Hoffentlich hatte es nichts mit ihrem Vertrag zu tun. Der wartete gerade mal wieder auf Verlängerung, aber eigentlich hatte sie gedacht, dass das reine Formsache sei. Sie hatte in der Redaktion genug zu tun und manchmal sogar zu viel. Lauter Sachen, die nicht so ganz ihr Ding waren, aber das war allemal besser als gar keine Arbeit.

Kurz blieb sie an einer der vielen Glasscheiben stehen. Sämtliche Büros waren im Grunde Kästen aus Glas, wie im Zoo das Affenhaus – und eigentlich auch nicht so weit entfernt davon, was die Kollegen darin anging, zumindest einige. Fies, dachte Amelie. Sie musterte sich kritisch in der Scheibe.

Keine Spaghettisoße auf dem Kapuzenpulli. Gut, der war an sich nicht unbedingt das Kleidungsstück der Wahl, um beim Abteilungsleiter anzutanzen, aber das war jetzt nicht zu ändern. Haare irgendwie okay. Sie hatte sie heute Morgen nur schnell zu einem unordentlichen Zopf zusammengebunden, aus dem sich inzwischen Strähnen gelöst hatten. Dank ihrer rotblonden Locken sah das nett aus, wenn auch nicht professionell, aber würde schon gehen. Schminke: keine. Amelie hasste die Schminke, die ihr für die Übertragungen aufgeklatscht wurde.

Eine Kollegin hinter der Glasscheibe, in der sie sich begutachtete, begann sie merkwürdig anzusehen, und Amelie machte, dass sie zum Fahrstuhl kam. Ungeduldig drückte sie immer wieder auf den Knopf.

Auf die Live-Schalten für die Nachrichten könnte sie verzichten, falls es darum gehen sollte in dem bevorstehenden Personalgespräch. Die waren eh grauenvoll. Wo auch immer etwas los war, Amelie wurde losgeschickt und musste dann live vor Ort berichten – ob Großbrand oder Amoklauf, Besuch der Kanzlerin oder 120. Geburtstag. Dazu Hosenanzug, perfekt sitzende Frisur, keine falsche Regung und getaktete Infos ausspucken, sobald das »Go« aus der Regie kam. Amelie hatte jedes Mal das Gefühl, einen Dauerkrampf ins Gesicht zu kriegen und einen Knoten ins Gehirn. Aber angeblich war die On-Air-Zeit, die sie damit anhäufte – also die Zeit, die die Menschen sie live über ihre Glotze in ihr Wohnzimmer gebeamt kriegten –, ja Gold wert für ihre Karriere. Das wusste zumindest der Flurfunk. Amelie selbst hatte so ihre Zweifel. Konnte man etwas, das man nicht gern machte, wirklich gut machen?

Wenn man es recht bedachte, war sie ohnehin auf äußerst makabre Art zu dem Job gekommen. Die Kollegin, die an einem Wochenende vor einem halben Jahr eine Schalte machen sollte, hatte sich in der Nacht davor umgebracht. Ihre Familie war so durch den Wind gewesen, dass sie vergessen hatte, im Sender Bescheid zu sagen. Und so kam es, dass an einem Sonntag auf die Schnelle niemand aufzutreiben war, der kameratauglich war – nur Amelie.

Sie hatte sich noch nicht mal selbst vorgeschlagen. Ein Kollege kam auf die glorreiche Idee. »Lasst uns Amelie schicken!«, hatte er verkündet, und alle waren erleichtert gewesen. Außer Amelie.

Der Fahrstuhl kam und kam nicht. Amelie seufzte unwillig und wandte sich zum Treppenhaus. Sie stieß die Glastür auf und nahm immer zwei Stufen auf einmal.

Es war nicht so, dass sie keine Karriere beim Fernsehen machen wollte. Ganz im Gegenteil. Amelie war ausgesprochen ehrgeizig. In ihrer Familie war sie bisher die Einzige, die studiert hatte. Ihr Vater hatte mit sechzehn Klempner gelernt und war es bis heute. Ihre Mutter war schon immer Hausfrau gewesen und hatte die drei Kinder großgezogen, scheinbar zufrieden mit ihrem Leben. Amelies Bruder war in Vaters Fußstapfen getreten und hatte keinerlei Ambitionen, und ihre jüngere Schwester hatte mit ihren achtundzwanzig Jahren bereits drei kleine Kinder, aber keine Berufsausbildung. Amelie fand das grauenvoll. Nicht die Kinder, aber diese eingeschränkte Vorstellung davon, was man im Leben machen konnte. Sie selbst wollte alles. Oder wenigstens vieles. Dinge erleben, neues Wissen ansammeln, stolz sein auf ihren Beruf.

Das war auch der einzige Grund, warum sie an jenem vermaledeiten Sonntag überhaupt zugestimmt hatte, sich in aller Eile in einen Hosenanzug stecken zu lassen und mit dem Übertragungswagen rauszufahren zu einem großen Parteitag, um von dort zu berichten. Live für die 18-Uhr-, 20-Uhr- und 22-Uhr-Nachrichten. Wenn schon, denn schon. Im Sender gab es keine halben Sachen, und wenn sie es vergeigt hätte, dann gleich mit Pauken und Trompeten. Hatte sie aber nicht. Alle waren begeistert. Außer Amelie. Sie fand sich hölzern und erkannte sich gar nicht wieder.

Japsend kam sie in der Chefetage an und versuchte zu Atem zu kommen, bevor sie am Vorzimmer klopfte. Exakt 14 Uhr. Gerade noch geschafft. Souverän war was anderes, aber egal.

Ronni schaute auf, als sie eintrat, und lächelte. »Du kannst gleich reingehen. Sie warten schon.«

Amelie stutzte. »Sie?«

»Ja, ja. Die Kultur sitzt auch mit drin. Grupp!« Ronni verdrehte die Augen und machte klar, dass sie vom Abteilungsleiter Kultur so wenig hielt wie der Rest der Belegschaft.

Amelie atmete einmal tief durch. Nach einem weiteren aufmunternden Lächeln von Ronni klopfte sie an die Tür und trat ein.

»Titel ab. Und wir sind auf Sendung. Achtung für die Vier«, verkündete eine wohlklingende Altstimme mit sehr viel Gelassenheit und Routine.

Bei Live-Sendungen herrschte in der Fernsehregie stets eine ganze eigene, sehr angespannte Stimmung, sobald es losging. Der Moment, in dem die Sendung live über Millionen von Fernsehern übertragen wurde, war für alle Beteiligten aufregend, jedes Mal. Wenn jetzt etwas schiefging, sah es je nach Einschaltquote eine mehr oder weniger große Masse an Menschen. Die meiste Verantwortung lag dabei natürlich bei der Regie. Hier liefen alle Fäden zusammen.

Die dunkelhaarige Frau am Regiepult verfolgte konzentriert, wie der Indikativ, also die grafische Einblendung mit dem Sendungstitel, über die Monitore lief. Yve Hagen war selbst in dem kunterbunten Haufen der Fernsehmenschen eine auffallende Gestalt. Schlank an der Grenze zum Hageren, groß, extrem gutaussehend auf eine Art, die man eigentlich nur bei Lesben antraf. Nach hinten gekämmte wellige Haare, stechende dunkle Augen, aristokratisches Gesicht. Yve übersah man nicht so leicht, was ihr in ihrem Beruf sehr zustattenkam.

Misstrauisch behielt sie ihre Bildmischerin, die am Mischpult neben ihr saß, im Auge. Liese war bekannt dafür, hektisch zu werden und im Eifer des Gefechts die falsche Kamera rauszugeben. Erst gestern hatte sie mitten in einem eingespielten Beitrag versehentlich zurück ins Studio geschnitten, als sie eigentlich die Bauchbinde für einen Protagonisten hätte ziehen sollen – die Einblendung am unteren Bildschirmrand, in der meist der Name und die Profession standen. Dadurch war deutschlandweit auf den Bildschirmen zu sehen gewesen, wie der Moderator Jochen, der eigentlich gerade eine kurze Pause hatte, bevor er wieder dran war, sich genüsslich in der Nase bohrte. Die Zuschauer liebten solche Missgeschicke. Noch während der Sendung waren dutzende E-Mails ins Studio gekommen, und auf der Facebook-Seite der Sendung war ein witziger Kommentar nach dem anderen erschienen. Das war doch eigentlich als Erfolg zu werten, fand Yve. Aber was hatte sie sich heute dafür alles anhören müssen auf der Redaktionskonferenz. Kulturchef Grupp, ausnahmsweise nicht im Krankenstand oder mit einer seiner jungen und sehr blonden Protegés unterwegs, hatte ein »Unhaltbar!« durch den Raum gedröhnt. Yve grinste in sich hinein. Er hätte sie eigentlich besser kennen sollen, als anzunehmen, dass sie sich das von ihm gefallen lassen würde. Sie hatte ihn runterlaufen lassen – eiskalt. Nun ja, mit ein bisschen Geschrei. Jetzt würde es natürlich wieder heißen, die Hagen hatte einen ihrer cholerischen Anfälle. Et alors? Solange ihr Ruf ihr Arschlöcher wie Grupp vom Hals hielt, sollte es ihr recht sein.

Der Regieraum war ein kleiner Raum, und die gigantische Monitorwand füllte ihn größtenteils aus. Mindestens zwanzig Monitore waren vor Yve in die Wand eingebaut, und jeder zeigte ein anderes Bild. Auf dem größten in der Mitte sah sie das Fernsehbild, das tatsächlich gesendet wurde. Gerade war Moderator Jochen dabei, seine Begrüßung zu absolvieren und den ersten Beitrag anzumoderieren. Auf den Monitoren darum herum waren die Aufnahmen der drei anderen Kameras im Studio zu sehen, die gerade nicht rausgegeben wurden, aber natürlich darauf vorbereitet waren, dass jederzeit auf sie gewechselt werden könnte. Weitere Monitore mit den Kennzeichnungen A und B zeigten die zuvor erstellten Filmbeiträge, die darauf warteten, eingespielt zu werden – zumindest das jeweilige erste Bild. Zusätzlich gab es noch Monitore für Live-Schalten. Auf einem wartete ein Reporter vor dem Kölner Dom darauf, dass live zu ihm geschaltet wurde. Yve sah, wie er seine Krawatte zurechtzog und noch einmal seine Notizen durchging. Und außerdem hatte jeder der Anwesenden einen eigenen Rechner mit der Sendesoftware vor sich. Auf Yves war der Ablauf der Sendung zu sehen, den sie noch während der Ausstrahlung bearbeitete und anpasste.

»Achtung. Beitrag ab.« Yves Altstimme brauchte keine große Lautstärke, um den Regieraum einzunehmen.

»Auf der B«, verkündete der Techniker.

Yve hatte ihren Ablaufplan genau im Auge, vor allem die Sendezeit. Wie kein anderer Regisseur im Haus – und ja, außer ihr waren alle Männer – verfügte sie über ein eisernes Zeitmanagement.

»Sabine, sag ihm, dass er im Gespräch nachher eine Minute mehr Zeit hat. Jojo, du ziehst aus der Position 18 auf, wenn ich es dir sage. Totale mit Bildschirm im Hintergrund.« Yve gab ihre Anweisungen über Mikrofon auf die Kopfhörer der Aufnahmeleiterin und des Kameramanns. Der Regieraum lag über dem Studio – im Studio selbst war Yve nur vor der Sendung, um eine Besprechung mit dem Team abzuhalten. Danach steuerte sie den Fluss der Sendung an ihrem Senderechner und kommunizierte über die Sprechanlage.

Aus dem Lautsprecher schallte die unfreundliche Stimme des Kameramanns Jojo an der Zwei: »Das geht nicht. Wie sieht denn das aus? Da komm ich nicht so schnell hin.«

Yve blaffte im selben Tonfall zurück – während der Sendung war keine Zeit für Faxen. »Natürlich kommst du dahin. Du machst das so, wie ich es sage. Position 18 in die Totale. Keine Diskussion. Noch 30. Achtung für die Kamera zwei. Liese, du weißt noch, was wir besprochen haben?« Sie fixierte die Mittfünfzigerin neben sich.

»Bin ich blöd, oder was?«, war die beleidigte Antwort.

Yve feixte in sich hinein und konnte sich ein süffisantes Lächeln nicht verkneifen. Am liebsten hätte sie »Ja!« gerufen. Aber auch so hatte sie erreicht, was sie wollte: Die Kollegin war voll dabei.

Streng informierte sie: »Noch 10. Und Achtung.«

Liese schaltete fehlerfrei ins Studio, und Moderator Jochen lächelte in die Kamera. »Und bei mir im Studio begrüße ich jetzt den Experten . . .«

»Hallo, Amelie, setz dich. Wir sind heute nicht allein.« Amelies Abteilungsleiter Ingolf winkte sie freundlich herein und nickte in Richtung des Mannes, der bereits am Besprechungstisch saß.

Das war also Grupp. Bisher hatte Amelie noch nicht das Vergnügen gehabt. Aber sein Ruf eilte ihm voraus und wollte sich in Amelies Gehirn nicht so recht zusammenfügen mit dem Anblick des Mannes, der da salopp in Harald-Juhnke-Manier in einem sendereigenen Standardsessel fläzte. Dreiteiliger Anzug in braun, korrekter Haarschnitt, kleine Augen hinter einer sehr teuren Brille. Er nickte ihr nur kurz zu und ergriff gleich das Wort, noch bevor sie und Ingolf ihre Plätze eingenommen hatten: »So, Frau Brügge, kommen wir zur Sache. Wir haben uns Ihre Live-Schalten angeschaut.« Wie zur Bekräftigung zog er geräuschvoll die Nase hoch.

Amelie schaute kurz irritiert zu Ingolf. Das war doch eigentlich sein Terrain. »Ja, ich weiß, das könnte besser werden. Ich muss mich da erst reinfinden.« Im nächsten Moment biss sie sich auf die Zunge. War das schon zu viel Selbstkritik? Musste man bei einem wie diesem Grupp dick auftragen und von sich selbst absolut überzeugt sein?

Ingolf schaltete sich ein, bevor der Kulturchef etwas erwidern konnte. »Keine Sorge, Amelie. Wir wissen, dass Nachrichten bisher nicht dein Spezialgebiet waren. Wir haben uns auch deine Beiträge vom Jugendkanal aus dem Archiv kommen lassen.«

Das beruhigte Amelie keineswegs. Da waren ein paar sehr schräge Sachen dabei, die die beiden konservativen Herren hier bestimmt nicht goutieren konnten. Bevor sie in die Alltagsredaktion gewechselt war, hatte Amelie einige Zeit für den Jugendkanal gearbeitet, der auch zum Sender gehörte. Dort war die Atmosphäre sehr viel lockerer, vor allem wurde viel ausprobiert. Sie hatte dort einige sehr spaßige Reportagen produziert. Einmal war sie zusammen mit einem obdachlosen Jugendlichen zum Betteln in die Fußgängerzone gegangen und hatte sich auch entsprechend angezogen – das eine oder andere Bier war auch im Spiel gewesen. Ein anderes Mal war sie bei einem Festival in eine Schlammschlacht eingestiegen und hatte dann, über und über mit Schlamm bedeckt, eine wirklich witzige Moderation gemacht. Das war klasse gewesen, aber mit Sicherheit nicht der Stil, der im Rest des Hauses zum guten Ton gehörte.

»Die Beiträge für ›Ausgeflippt‹?«, vergewisserte sie sich. »Aber das kann man gar nicht vergleichen.«

»Stimmt, Frau Brügge. Das war wirklich teilweise nicht sendefähig.« Grupp feixte. Der fand das wohl witzig.

Worum ging es hier eigentlich? Amelie warf Ingolf einen fragenden Blick zu. Das Ganze wurde immer merkwürdiger. Was wollten die von ihr? Wenn sie ihr kündigen wollten oder sie zur Sau machen, dann brauchten sie hier doch nicht zu dritt zu hocken.

Ingolf nickte ihr zu. »Aber man konnte dein Potential sehen. Das hat uns überzeugt. Wir haben Pläne auf dem Tisch für eine neue Sendung – ein ganz neues Konzept. Und im Grunde wärst du die Paradekandidatin, um die Sendung zu tragen.«

Grupp breitete die Arme aus und fuhr in gewichtigem Tonfall fort: »Was mein geschätzter Kollege meint, ist, dass die Sendung ein Stück weit Personality braucht. Taugt die Moderation nichts, funktioniert das Format nicht. Wir glauben, dass Sie die Richtige sind für den Job.«

»Für was für einen Job?«, hakte Amelie verblüfft nach.

»Moderation unserer neuen Musik-Kultur-Pop-Gesellschaft-und-das-ganze-andere-Gedöns-Sendung für die Zielgruppe der 20- bis 45-Jährigen. Milieustudien und Zielgruppenauswertung sind im Konzept.« Und damit knallte Grupp einen gebundenen Hefter mit bestimmt mehr als hundert Seiten vor Amelie auf den Tisch.

Ehe Amelie den Sinn dieser Information richtig erfassen konnte, begann Ingolf auf sie einzureden. Das sei die Chance ihres Lebens, so was käme kein zweites Mal. Womöglich Prime Time, tolles Team, tolle Sendung. So was lanciere der Sender nur alle paar Schaltjahre.

Sie ließ die Ausführungen über sich hinwegspülen, nickte mechanisch und blätterte durch das Konzept, ohne etwas wahrzunehmen. Ihre Gedanken überschlugen sich. Das war tatsächlich ihre Chance. Eine eigene Sendung moderieren. Eine Sendung mit einem genialen Zuschnitt – soweit sie das bisher beurteilen konnte. Eine Sendung mit genau ihrem Profil. Die vielleicht vom Spätprogramm ins Abendprogramm übernommen werden könnte. Prime Time!

Andererseits: Was hatte Grupp davon, eine relativ unerfahrene Moderatorin aus der Alltagsredaktion zu nehmen? Hatte er keine eigenen Eisen im Feuer? Warum ausgerechnet sie? Und warum jetzt? Amelie wusste nicht, ob sie vor Freude lachen oder lieber voll Misstrauen mit Fragen insistieren sollte.

Sie glaubte nicht wirklich daran, dass im Sender Wunder geschahen. Und das hier hatte alle Ansätze von einem echten, wahrhaftigen Wunder. Was war der Haken? Es musste einen geben.

Sie rang sich zu einer Frage durch: »Aus wessen Feder stammt das Werk? Wer hatte die Idee?«

Grupp lächelte. Es sah irgendwie hinterhältig aus, fand Amelie. »Yve Hagen.«

Amelie blickte ihn fragend an. »Und wer macht Regie?«

»Yve Hagen.« Noch immer das wenig vertrauenerweckende Lächeln.

Der Name sagte Amelie nichts. Aber das musste nichts heißen. Sie kannte die wenigsten der Regisseure. Wer auch immer dieser Yves Soundso war, sie würde schon irgendwie mit ihm klarkommen. Das war nun wirklich das geringste Problem.

»Nächste Woche ist das erste Treffen mit dem ganzen Team«, kündigte Ingolf an. »Da wirst du dann auch Yve kennenlernen. Ihr werdet eng zusammenarbeiten. Wir wollten nur im Vorfeld mit dir sprechen, ob es von deiner Seite irgendwelche Einwände gibt.«

Ingolf war ein Netter. Amelie mochte ihn. Aber manchmal konnte er einem mit seiner harmlos-zuvorkommenden Tour den ganzen Wind aus den Segeln nehmen. Sollte sie jetzt nicht anfangen, über ihr Honorar zu verhandeln? Das Maximum rausschinden? Was tat man in solch einer Situation? Am besten stillhalten und sich dann Verstärkung holen. Taktischer Rückzug war angesagt.

Sie rang sich ein falsches Lächeln ab, das sie in ihren Live-Schalten bis zum Umfallen geübt hatte. »Nein, alles bestens. Ich freue mich.«

Und das tat sie ja auch tatsächlich. Wieso nur ließ das Gespräch so ein ungutes Gefühl zurück, als sie mit dem Konzept in der Hand wieder auf den Flur trat? Ein Gefühl, als sei sie von einem Lastwagen überfahren worden und habe noch gar nicht kapiert, dass sie lebensgefährlich verletzt war.

Yve saß noch immer im Sender an ihrem Schreibtisch. Die Aufzeichnung der Live-Sendung war zwar beendet, aber Feierabend hatte sie noch immer nicht, obwohl es gefühlt überfällig war.

Was für ein Unding das heute gewesen war: Man konnte doch eine Sendung, die eigentlich als Live-Format angelegt war, nicht einfach voraufzeichnen. Aber wenn die richtigen Leute als Experten im Studio sein sollten, ging plötzlich alles. Ihr persönlich war dieser Formel-1-Fuzzi ja scheißegal, und wenn es nach ihr gegangen wäre, wäre er entweder wie alle anderen Leute zur Sendezeit der Live-Sendung gekommen, oder er hätte es bleiben lassen. Sein Pech, weniger Publicity. Aber nein. Der Herr Redaktionsleiter wollte ihn unbedingt in der Sendung haben, also wurde alles so arrangiert, dass das ging. Absurd.

Und noch so was Absurdes wollte auf ihrem Schreibtisch ihre Aufmerksamkeit: Sie musste die Projektvorbereitungen für die neue Sendung bald fertig haben, die erste Sitzung mit dem ganzen Team war bereits nächste Woche. Aber sie hatte bisher weder die Moderatorin kennengelernt noch den Redakteursstab, noch nicht einmal erfahren, um wen es sich dabei handelte. Grupp hatte wie eine Glucke darüber gebrütet. Das war mal wieder bezeichnend für die miesen Strukturen im Sender: Das Potential der Mitarbeiter wurde total vergeudet. Sie hatte das Konzept für die Sendung geliefert, damit hatte sie erst einmal ausgedient; niemand fragte sie als Autorin nach ihrer Meinung. Unmöglich. Hätte sie nicht bei der Auswahl der Moderation ganz vorn mit dabei sein sollen? ›Leuchtenladen‹ war schließlich ihre Idee. Niemand kannte das Konzept besser als sie. Jetzt konnte sie sich wohl glücklich schätzen, die Regie und Leitung übernehmen zu dürfen, zumindest für die ersten Sendungen. Wie es dann weiterging, stand in den Sternen. Sie hatte es schon erlebt, dass Leute tolle Formate entwickelten und nach dem Piloten einfach aus dem Team komplimentiert wurden. Trotzdem wurde erwartet, dass man nach Verkündigung der frohen Botschaft, dass es jetzt losging mit der Produktion, innerhalb weniger Tage komplett startbereit war.

»Merde!« Yve schlug frustriert mit der Faust auf den Tisch. Manchmal kam ihr der ganze Job wie ein ständiger Kampf gegen Windmühlen vor. Aber insgeheim machte es ihr sogar Spaß, gegen die Strukturen anzugehen. Sie würde auf der ersten Sitzung bestimmt nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg halten. Sie würde die Herren mal wieder Mores lehren. Oh ja, sie liebte es, die böse Lesbe zu geben. Das gab ihr eine gewisse Narrenfreiheit. Sie strich sich die Haare nach hinten und machte sich an einen weiteren Punkt ihrer Liste, die sie abzuarbeiten hatte.

Dieser hatte mit ihrer Arbeit allerdings nur ganz am Rande zu tun. Yve hatte ihrer besten Freundin Tülya versprochen, wieder einmal einen ihrer versauten Internet-Romane auf Senderkosten auszudrucken. Femme-Slash oder wie sich das nannte. Für Yve waren es einfach lesbische Sexgeschichten in der Verpackung einer bekannten Fernsehserie. Ihr Ding war es nicht. Wenn sie Sex wollte, las sie nicht darüber, sondern hatte ihn. Cherchez la femme. Das hatte sie Tülya auch gesagt, die ihr dafür wie immer die Leviten über ihren promiskuitiven Lebenswandel gelesen hatte. Aber die war bloß neidisch. Alles Ersatzdrogen.

Trotzdem klickte sie auf den Link, den Tülya ihr gemailt hatte, und drückte auf »Drucken«. Nicht ohne vorher genau nachgeschaut zu haben, welcher Drucker angewählt war. Das Malheur vor ein paar Monaten war zwar gut ausgegangen – sehr gut sogar, genau genommen –, aber Yve wollte es nicht darauf ankommen lassen.

Der Drucker im Flur fing brav an, ein Blatt nach dem anderen auszuspucken. 250 Seiten später stopfte Yve den Packen lesbischer Erotik in ihre Ledertasche. Dafür war Tülya ihr was schuldig. Vielleicht könnte sie sie dazu bringen, mal wieder ihre gefüllten türkischen Brötchen zu backen, dachte sie auf dem Weg in die Tiefgarage. Das wäre doch genau das Richtige, um ihre Stimmung aufzupeppen. Sie ließ ihren Wagen an und zischte aus der Einfahrt, in Gedanken bei den mit Schafskäse gefüllten Teilchen. Fast so gut wie Sex. Oder eigentlich sogar besser.

Amelie hing schon seit Stunden an ihrem Schreibtisch wie ein nasser Lappen. Die Lektüre des Konzepts hatte sie auch nicht aus dieser merkwürdig negativen Stimmung reißen können. Dabei war das Konzept gut. Sogar sehr gut. Sie konnte sich glücklich schätzen, dafür als Moderatorin angefragt worden zu sein.

Die Sendung sollte den Titel ›Leuchtenladen‹ tragen und tatsächlich in einem alten Ladenlokal aufgezeichnet werden, das früher einmal als Lampengeschäft gedient hatte. Die Location sah abgefahren aus, nach den Fotos im Konzept zu urteilen. So, als ob seit den Siebzigern niemand mehr den alten Laden betreten und sich auch das Sortiment an Lampen und Glühbirnen seit damals nicht geändert hätte. Auch der Inhalt der Sendung versprach viel. Einspielfilme aus ganz verschiedenen Bereichen, davon mindestens die Hälfte auch mit ihr als On-Reporterin. Sie würde ganz schön weit herumkommen. Ein Bericht aus einem Pariser Nachtclub war angedacht, eine Reportage auf einer Schweizer Alm beim Käsemachen, Backstage-Interviews auf einem von Deutschlands größten Festivals mit internationalen Bands, ein Besuch bei Angie im Kanzleramt. Dazu für die Aufzeichnung der Sendung ausgefallene Studiogäste und Live-Musik mit Studiopublikum in der Location selbst. Hätte jemand versucht, das ideale Sendungsformat für Amelie zu konzipieren, es hätte genauso ausgesehen wie ›Leuchtenladen‹.

Dennoch blätterte Amelie lustlos in den Ausführungen über Zuschauerprognosen und Marketingstrategien. Das klang alles super. Warum konnte sie sich bloß nicht freuen?

Ihre Kollegin Martina kam herein und entledigte sich hastig ihrer Tasche, Unterlagen und Jacke. Als sie ihren Rechner angeschaltet hatte und in ihrer Hektik einen Blick auf Amelie warf, stutzte sie. »Was ist denn mit dir los? Ist was passiert?«

Amelie wühlte in ihren Locken, die sie gleich nach dem Gespräch aus dem Zopf befreit hatte. »Kann man so sagen.«

»Ist es wegen der letzten Schalte aus dem Landtag? Weil du dir erlaubt hast, dem konservativen Sack eine freche Frage zu stellen?« Bei den Worten »freche Frage« machte Martina mit den Fingern Anführungszeichen in der Luft. Die Macht der Konservativen im Sender war ihr ein Dorn im Auge, darüber konnte sie endlos wettern. Sie musste das ja auch schon ein paar Jahre länger ertragen als Amelie.

Martina war Anfang vierzig und generell ziemlich anti – zumindest im Sender. Die Hierarchie ging ihr auf den Wecker; die Entscheidungen, welche Richtung in den Produktionen und der Linie des Senders eingeschlagen wurde, fand sie daneben; welche Kollegen befördert und welche abgekanzelt wurden, war in ihren Augen ein Skandal. Sie war kritisch, und das zu Recht, fand Amelie. Sie wusste auch immer genau, welche Machenschaften gerade im Gange waren. Das Neueste in Sachen ›Leuchtenladen‹ schien allerdings bisher noch nicht zu ihr durchgedrungen zu sein.

»Sagt dir die neue Sendung ›Leuchtenladen‹ was?«, fragte Amelie. Es konnte ja sein, dass Martina zumindest über die groben Fakten informiert war.

»Noch nie gehört. Was soll das sein?« Martina wühlte in dem Stapel Unterlagen, den sie von ihrem Dreh mit ins Büro gebracht hatte. Wie immer sah sie nicht aus wie eine Redakteurin auf Produktion, sondern, ihren Jahren im Sender zum Trotz, eher wie eine Volontärin. Kapuzenjacke über einem T-Shirt der Kumbia Queers, legere Jeans, Nike-Turnschuhe, Nerdbrille.

»Die neue Musik-Kultur-Pop-Gesellschaft-und-das-ganze-andere-Gedöns-Sendung. O-Ton Grupp.« Amelie blinzelte Martina an und war gespannt auf deren Reaktion.

»Ha, Grupp. Der alte Tittengrapscher.«

Amelie grinste. Auf Martina war Verlass. Grupps Name war ein Reizwort.

»Wusstest du, dass er bei seinem alten Sender wegbefördert wurde, weil er zu viel gegrapscht hat?«, schimpfte Martina weiter.

»Hast du mir so ziemlich als eine der ersten Geschichten erzählt. Als Beweis für die fehlgeleitete Personalpolitik hier im Haus.«

Amelie mochte die Kollegin, mit der sie ihr Büro teilte. Von Anfang an waren sie auf der gleichen Wellenlänge gewesen. Auch wenn ihr Gaydar beiderseits heftig ausgeschlagen hatte, aber sie hatten die Sache noch am ersten Tag geklärt. Natürlich war es Martina gewesen, die es angesprochen hatte; Amelie war nicht die Queen des Outings. Martina war überhaupt eine der sehr wenigen im Sender, die Bescheid wussten, und respektierte auch, dass Amelie auf der Arbeit – wie sie es bezeichnete – eine »echte Schranklesbe« war.

Amelie hielt dieses Urteil für übertrieben. Bloß weil sie nicht jedem auf die Nase band, dass sie lesbisch war, war sie noch lange keine Schranklesbe. Martina hatte auch gut reden: Sie war seit zwanzig Jahren mit derselben Frau zusammen und seit ein paar Jahren auch verheiratet. Jeder im Sender wusste das. Amelie hingegen war immer noch Single – oder schon wieder, je nachdem, wie man es sah. Sie hatte also gar keinen Grund, sich zu outen. Das war zumindest ihre bescheidene Meinung.

Martina war inzwischen schon einen Schritt weiter, was die Sache mit Grupp anging. »An deiner Stelle wäre ich vorsichtig«, meinte sie. »Du entsprichst genau seinem Beuteschema von jung und langbeinig. Rotblond statt blond, na ja. Nur dein Gehirn ist zu gut ausgestattet für seinen Geschmack.«

Amelie schnaubte abfällig. »Falls das ein Kompliment war, danke. Leider werde ich in Zukunft tatsächlich mehr mit ihm zu tun haben.«

»Hat das was mit diesem Leuchtendings zu tun?« Martina ließ endlich von ihren Papieren ab und schaute Amelie das erste Mal ganz konzentriert an.

»Leuchtenladen«, korrigierte Amelie und seufzte. »Ich brauch deine Einschätzung. Hast du Zeit?«

»Eigentlich muss ich noch die Planung für die halbe Stunde ›Picknick und Ausflug‹ fertig machen, bevor ich Schluss machen kann.« Martina klopfte auf ihren Stapel Unterlagen. »Aber da muss die Produktionsassistentin einfach noch Geduld bis morgen haben. Ich wittere einen saftigen Skandal. Raus mit der Sprache.«

Das ließ sich Amelie nicht zweimal sagen. Schließlich hatte sie auf genau diese Unterredung mit Martina gehofft. »Ich soll besagte Sendung, die wirklich ein geradezu erschreckend geniales Konzept hat, moderieren. Eventuell in der Prime Time.«

Martina starrte sie einen Moment lang verblüfft an, dann fing sie an zu strahlen. »Das ist doch toll. Du hast gar nicht erzählt, dass du gecastet wurdest. Wann war das Auswahlverfahren? Wen hast du ausgestochen?«

Erst da fiel es Amelie wie Schuppen von den Augen. So und nicht anders lief das normalerweise. »Ich bin nicht gecastet worden. Ingolf und Grupp haben mir das heute Nachmittag verkündet. Ich wusste von gar nichts.«

Martina fiel das Strahlen aus dem Gesicht und machte einem skeptischen Ausdruck Platz. »Jetzt mal langsam«, sagte sie, »und alles ganz von vorn. Das klingt merkwürdig.«

Damit bestätigte sie, was Amelie die ganze Zeit schon Bauchschmerzen verursacht hatte. »Merkwürdig« war der richtige Ausdruck für die neueste Entwicklung ihrer Karriere beim Fernsehen.

Nahezu Wort für Wort berichtete Amelie von dem Gespräch mit Grupp und zeigte Martina das Konzept für ›Leuchtenladen‹. Dabei zog sich Martinas Stirn immer mehr kraus.

»Da steckt mehr dahinter«, verkündete sie, als Amelie geendet hatte. »Ich würde dir raten, mit äußerster Vorsicht an die Sache ranzugehen. So schnell wie sie dich geholt haben, so schnell haben sie dich auch wieder abgesägt. Setz nicht alles auf diese Sendung. Halt dir ein Hintertürchen offen.«

»Aber wie?«, fragte Amelie fast verzweifelt. »Ich hab ja praktisch zugesagt.« Warum musste alles immer so kompliziert sein? Sie war nicht gemacht für diese Spielchen und Intrigen.

»Wenn ich du wäre«, meinte Martina, »würde ich mir bei Ronni einen Termin geben lassen, um Ingolf allein zu treffen. Ronni kann das einfädeln. Du kannst doch mit ihr?«

Amelie nickte. Das war auch ein Tipp von Martina gewesen: Sorge immer dafür, mit den Sekretärinnen gut zu stehen. Sie waren als Verbündete Gold wert und hatten mehr Macht, als so manch arroganter Redakteur dachte.

»Gut«, sagte Martina. »Dann sagst du ihm, dass du von ihm schriftlich die Zusage willst, auf deine alte Stelle zurückkehren zu können, falls die Sendung nichts wird oder du ausgetauscht wirst.«

»Dem wird er niemals zustimmen«, rief Amelie.

»Oh doch, das wird er.« Martina schien sich ihrer Sache sicher zu sein. »Grupp hat ihn irgendwie in der Hand, und Ingolf scheint dich an ihn verkauft zu haben. Das heißt, Ingolf ist unter Druck. Wenn du nicht mitmachst, hat er ein Problem. Du kannst also Forderungen stellen.«

Amelie war verblüfft. Das klang logisch. Martina machte alles so einfach durchschaubar.

Die resümierte schon weiter: »Das heißt, du solltest auch in deinen Honorarforderungen sofort an die Obergrenze gehen. Falls die Sendung auf die Prime Time rückt und alles. Das ist gerechtfertigt. Frauen fordern sowieso immer zu wenig. Sie werden versuchen, dich zu drücken, also musst du pokern.«

»Ich kann das nicht«, quengelte Amelie. Bei der Vorstellung, den Herren wieder gegenübersitzen zu müssen und ein horrendes Honorar zu verlangen, wurde ihr jetzt schon fast schlecht. Sie legte den Kopf auf ihren Schreibtisch.

»Und ob du das kannst. Komm mir nicht mit der Kleinmädchen-Masche«, bestimmte Martina mit einem ungehalten-belustigten Blick. Es machte sie fuchsteufelswild, wenn Frauen nicht für sich einstehen konnten. Da kam die alte Emanze in ihr zum Vorschein. »Währenddessen werde ich meine Fühler im Sender ausstrecken und mal sehen, was ich sonst noch so in Sachen ›Leuchtenladen‹ in Erfahrung bringen kann.« Das Glitzern in ihren Augen verriet, dass sie sich darauf freute, die nötigen Hintergrundinformationen aus den Leuten herauszukitzeln. Martina hatte eine Mission.

Und Amelie plötzlich noch mehr Probleme als vorher schon vermutet. Verdammter ›Leuchtenladen‹.

Eine Woche später tigerte Yve durch den großen Besprechungsraum. In ihrem schwarzen Designer-Outfit war sie »très à la mode«. Immer wenn sie wusste, dass sie auf Grupp treffen würde, legte sie gesteigerten Wert auf eine makellose Erscheinung mit dem richtigen professionell-intellektuellen Touch. Heute trug sie einen für ihre langen Linien perfekt geschnittenen, klassisch wirkenden schwarzen Anzug. Mit einem kleinen Hauch femininer Eleganz erzielte er an Yve eine androgyne Wirkung. Sie war bereit für alles, was ihr aufgetischt werden mochte.

Vor den versammelten Kolleginnen und Kollegen machte sie ihrem Unmut und ihrer Ungeduld Luft: »Verdammt noch mal, ich hab mir nicht den ganzen Morgen freigeschaufelt, um hier auf Grupp zu warten.«

Zustimmendes Gemurmel von zweien der anwesenden Redakteure. Der Rest blickte sich unbehaglich um. Derart offene Kritik an Grupp war ihnen unangenehm, das wusste Yve. Arschkriecher. Aber Grupp wusste ohnehin, was sie von ihm hielt. Er wiederum verabscheute Yve. Lesben passten nicht in sein Playboy-Weltbild. Höchstens die Sorte, die nur so tat als ob, um Männer aufzugeilen; das war okay. Aber Kampflesben wie Yve waren Grupp ein Gräuel.

Das hatte er tatsächlich mal zu ihr gesagt: »Sie Kampflesbe!« Konnte es ein schöneres Kompliment geben, als von einem verabscheuungswürdigen Exemplar Mann wie dem Kulturchef so betitelt zu werden? Einem, der ansonsten vermutlich versucht hätte, bei jeder Gelegenheit eine ihrer intimeren Regionen abzutasten? Zu einer Kollegin, mit der Yve befreundet war, hatte er mal auf dem Flur vor der kompletten Redaktion gesagt, sie sei gar nicht so blöd wie sie blond sei, und ihr an den Hintern gefasst. Definitiv lieber Kampflesbe.

Die Tür ging auf, und Grupp trat ein. Hinter ihm Ingolf Werner und eine junge, rotblonde Frau.

Oh mein Gott, das war doch . . .

Yves Gesichtszüge entgleisten für einen winzigen Augenblick. Von allen Momenten, in denen sie sich wiederbegegnen konnten, war das hier mit Sicherheit der ungünstigste.

»Werte Kollegen und nicht zu vergessen Kolleginnen . . .« Die letzten Worte sagte Grupp bewusst herausfordernd in Yves Richtung. Aber Yve war vollauf damit beschäftigt, die Frau anzustarren und sich zu fragen, was sie hier machte.

»Ich möchte Ihnen Amelie Brügge vorstellen, für die, die sie nicht kennen. Sie wird ›Leuchtenladen‹ moderieren. Und das wird sie ganz ausgezeichnet machen. Frau Brügge, stellen Sie sich selbst kurz vor.«

Offensichtlich hatte Amelie Brügge nicht damit gerechnet, sich zur Begrüßung vorstellen zu müssen. Außerdem ging es ihr offenbar nicht anders als Yve. Sie war sichtlich durcheinander und konnte den Blick kaum von Yve abwenden.

Als Yve sah, wie sie überfordert nach Worten suchte, erwachte sie aus ihrer Starre. Das konnte sie nicht mit ansehen, wie Grupp sich daran ergötzte, die junge Frau aus der Spur geworfen zu haben. Wobei das vermutlich eher Yves Anblick vollbracht hatte, aber das konnte Grupp ja nicht wissen.

Kampflesbe auf Rettungsmission! Mit diesem Gedanken stürzte sie sich auf Grupp.

»Herr Grupp«, und in diese eine Silbe legte Yve die ganze Verachtung, die sie empfand, »so geht das ja wohl überhaupt nicht. Sie können hier nicht reinschneien wie das Christkind, mit über einer halben Stunde Verspätung, wenn ich das anmerken darf, und uns hier diese junge Frau vor die Füße werfen.«

Sie war froh, dass sie sich noch nicht gesetzt hatte. So stand sie Grupp auf Augenhöhe gegenüber. Und sie sah, dass ihre Worte ihre Wirkung nicht verfehlten. Sie schaffte es immer, Grupp innerhalb von Sekunden zur Weißglut zu treiben.

»Sie wissen«, fuhr sie im gleichen hitzigen Tonfall fort, »dass ich das Konzept geschrieben habe, und noch sind keine Verträge abgeschlossen oder Gelder geflossen. Ich kann genauso gut von meinem Urheberrecht Gebrauch machen und zu einem anderen Sender gehen und das Format anbieten. Vielleicht herrscht dort ja ein respektvollerer Umgang.«

Yve wusste, dass sie damit maßlos provozierte. Sie hätte das so auch sonst nur im äußersten Notfall formuliert – dann nämlich, wenn Grupp versucht hätte, sie auszubooten. Aber was tat sie nicht alles beim Anblick einer hilflosen Frau. Alte Romantikerin, schalt sie sich selbst und sah zu, wie Grupp Amelie Brügge zur Seite schob und sich wutentbrannt vor ihr aufbaute.

»Was bilden Sie sich eigentlich ein, Frau Hagen? Sie alte L. . .«

Ingolf Werner fiel ihm ins Wort, bevor er ausfällig werden konnte: »Warum setzen wir uns nicht erst mal alle hin, atmen einmal tief durch und fangen noch mal ganz von vorn an.«

Er nickte beflissen in die Runde, darum bemüht, vor allem Yve und Grupp zu besänftigen. Yve war zufrieden. Sie hatte erreicht, was sie wollte: Die Aufmerksamkeit war von Amelie Brügge abgelenkt.

»Ich denke, das ist ganz unglücklich gelaufen«, fuhr Ingolf Werner fort. »Die Gemüter sind wegen der Verspätung erhitzt. Wir müssen uns dafür noch entschuldigen. Der Direktor persönlich hat uns aufgehalten und wollte uns noch ein paar letzte Worte mit in die Sitzung geben . . .« So plapperte er immer weiter, während die Konfliktparteien sich an dem großen Tisch gegenübersetzten. Yve auf der einen Seite, die drei Zuspätgekommenen auf der anderen.

Das war also Yve Hagen. Sie hatte sich gewundert über das fehlende S am Ende des Vornamens, aber nicht den logischen Schluss gezogen, dass es sich um eine Frau handelte. Und nicht irgendeine Frau. Die Frau von damals.

Es öffne sich bitte ein Loch im Erdboden und verschlinge mich.

Vielleicht sollte sie einfach ihre Koffer packen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Sollten die doch eine andere Moderatorin finden. Sie könnte jetzt einfach aufstehen und gehen. Denn mit dieser Frau konnte sie nicht zusammenarbeiten. Das ging gar nicht.

Während Ingolf immer weiter schwadronierte und die Stimmung wieder einzufangen versuchte, betrachtete Amelie Yve Hagen unauffällig. Wenn das überhaupt möglich war, sah sie noch besser aus, als sie sie in Erinnerung hatte. Gut, ihr Aufnahmevermögen war damals etwas beeinträchtigt gewesen. Die nahezu arrogante Aura der Macht war ihr damals nicht aufgefallen.

Okay, warum auch, Amelie? Das war ja in einem ganz anderen Kontext.

Ha, Kontext ist gut.

Amelie hatte das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Fast hätte sie hysterisch aufgelacht. Doch sie blieb stumm wie ein Fisch in ihrem Stuhl hocken und verfolgte das Drama, das sich um sie herum entfaltete.

»Wie dem auch sei, auf Frau Brügge jedenfalls ist unsere Wahl gefallen«, verkündete Ingolf Werner ungewohnt entschieden.

Eine Sekunde war Yve verdutzt, aber so etwas hielt bei ihr nie lange. »Nichts gegen Frau Brügge. Aber mich mit in die Entscheidung einzubeziehen, auf die Idee ist wohl niemand gekommen?« Der Frust der letzten Wochen, als sie nicht gewusst hatte, wie es mit ihrem Sendungskonzept weitergehen würde, bahnte sich seinen Weg. Und Yve war keine, die solche Regungen einfach hinunterschluckte. Hatte man sie verärgert, wusste man das sofort und nicht erst Wochen später. Genauso schnell konnte sie aber auch verzeihen.

Ingolf Werner versuchte weiterhin zu beschwichtigen. Aber das ließ den Zorn eher noch mehr anschwellen. Yve mochte Menschen, mit denen man sich mal so richtig ordentlich anschreien konnte, und hinterher war die Luft bereinigt. Das hier war jedoch eher wie in einem Bällebad: Jegliche direkte Energie verpuffte, und Bereinigung war nicht in Sicht.

»Frau Hagen«, reagierte der freundliche Abteilungsleiter lächelnd auf ihren Ausbruch, »Sie sind ja jetzt die Verantwortliche für die Umsetzung. Das muss doch auch was zählen, oder?«

Yve schüttelte unwirsch den Kopf. Doch bevor sie etwas sagen konnte, klinkte sich der Kulturchef wieder ein: »Nehmen Sie’s oder lassen Sie’s. Das ist mir doch einerlei.« Er schnäuzte sich geräuschvoll in ein Taschentuch, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. In den letzten Minuten war er ungewöhnlich zurückhaltend gewesen, nun musste er sein Revier wieder markieren.

Yve holte schon Luft, um ihm ordentlich die Meinung zu geigen, da fuhr Ingolf Werner entschieden dazwischen. »Ganz so ist es nicht. Wir haben natürlich großes Interesse daran, dass Sie die Sendung an den Start bringen.« Er nickte Yve eifrig zu.

Aber die witterte bereits Lunte. »Ah, an den Start bringen«, konterte sie. »Und danach?«

Werner wand sich unbehaglich und nestelte mit seinem Handy herum. »Das muss noch beschlossen werden.«

Nein, so schnell ließ sie sich nicht abspeisen. Sie war im Sender als Frau nicht so weit gekommen, indem sie alles hingenommen hätte, was ihr serviert wurde. Yve war stolz auf ihr Rückgrat.

»Von wem? Wie viele Sendungen bekomme ich, bevor das Fallbeil kommt? Ach, und wird es nur um Einschaltquoten gehen, oder wird auch ein anderer Maßstab angelegt?«

Betretenes Schweigen in der Runde. Einige der Redakteurskollegen rutschten ohnehin schon seit geraumer Zeit unangenehm berührt auf ihren Stühlen hin und her.

»Wie werden die Honorarsätze für die neue Sendung denn angesetzt?«, schaltete sich dann einer der Redakteure ein. Peter Soundso, Yve kannte ihn nur oberflächlich. Aber fast hätte sie losgelacht. Die Honorarsätze. Na klar. Das Wichtigste hatte sie mal wieder vergessen. Hauptsache, die Redaktion bekam zwei Euro fuffzig mehr Honorar. Wie die Sendung aussah und ob die Umsetzung funktionierte, war komplett egal. Als Nächstes käme die Frage nach den tariflich vereinbarten Arbeitszeiten und Pausen.

Sie warf einen Blick auf Amelie Brügge und wünschte sich, sie hätten sich auf andere Art oder gar nicht kennengelernt. So wäre das jetzt eine Belastung für das Arbeitsverhältnis. Nicht gerade die idealen Bedingungen, um zusammen ein neues Sendungsformat zu realisieren. Ob die junge Frau genauso passiv an ihre Moderation heranging, wie sie hier in der Sitzung saß? Hoffentlich nicht, das wäre sonst ein Desaster. Aber Yve hatte ja auch schon eine andere Seite von ihr zu Gesicht bekommen.

Kurz trafen sich ihre Blicke, aber Amelie Brügge schaute sofort beschämt vor sich auf den Tisch. Du liebes bisschen, auch das noch, seufzte Yve innerlich. Dann merkte sie, dass sie über ihren Überlegungen die kurze Diskussion um Honorierung und Arbeitstage verpasst hatte. Aber das war ihr so was von egal.

»Gut«, sagte Ingolf Werner gerade abschließend, »dann sind die Präliminarien erst einmal geklärt. Wir visieren also für den Sendestart wie geplant den Termin in vier Wochen an. Das ist vielleicht tatsächlich ein bisschen schnell, aber es gibt dem Ganzen auch Drive. Der nächste Schritt wäre die Auswahl der Themen für den Piloten und der Zuschnitt der Moderation. Aber da sind Sie ja schon in Vorarbeit gegangen, Frau Hagen.«

Er spielte ihr den Ball zu. Ein geschickter Taktierer, dachte Yve anerkennend. Mit Arbeit konnte man sie immer besänftigen. Da war sie in ihrem Element.

Amelie beschloss hier und jetzt, dass die einzige Art, mit Yve Hagen überhaupt zusammenarbeiten zu können, darin bestand, so zu tun, als seien sie sich nie begegnet. Das war die einzige Möglichkeit, aus dieser Situation unbeschadet herauszukommen. Würde sie tatsächlich aufstehen und gehen, könnte sie ihren Arbeitsvertrag gleich in tausend Stücke reißen. Also musste sie jetzt da durch. Es gab kein Entrinnen. Und wenn sie sich das Ganze so anhörte, schien ihr Yve Hagen zu allem Überfluss auch keine besonders angenehme Zeitgenossin zu sein.

Aber eines musste sie ihr lassen: Sie hatte Chuzpe. So hatte Amelie noch niemanden mit den Abteilungsleitern reden hören. Die meisten Auseinandersetzungen, die sie bisher mitbekommen hatte, waren mit viel Weichspüler, Schacherei und Hintenrum geführt worden. Yve Hagen dagegen schien keine Diplomatie zu kennen. Rums, direkt rein in die Fresse. Und sie sah dabei auf eine beängstigende Art gut aus. Amelie lief eine Gänsehaut über die Arme – ob aus Furcht oder einem anderen Grund, war ihr nicht klar, aber sie tippte auf Furcht. Mit dieser Amazone wäre jede Zusammenarbeit eine Herausforderung, unabhängig von der Vorgeschichte. Am besten, sie legte sich ganz schnell einen Panzer aus Stahl zu. Mehrschichtig gearbeitet und gehärtet wie ein japanisches Messer.

Das Ende der Sitzung nahte, und Amelie wurde bewusst, dass sie zum wiederholten Mal innerhalb weniger Tage nicht richtig zugehört hatte. Äußerst ungewöhnlich für sie. Normalerweise machte sie in Sitzungen fleißig Notizen. Martina zog sie immer damit auf, dass sie an ihrer Coolness arbeiten und nicht wie eine brave Einser-Abiturientin immer schön die Weisheiten der anderen stenographieren solle. Heute war ihr Block leer. Das muss der Schock sein, resümierte Amelie.

Dann schalt sie sich: Schluss jetzt. Reiß dich zusammen. Innerlich malte sie sich den Panzer aus, den sie anlegen würde. Einen beeindruckenden, silbern glänzenden Körperharnisch. Nur um auf Nummer sicher zu gehen, setzte sie in ihrer Phantasie auch noch einen gleichartigen Helm auf. Solchermaßen gepanzert gegen Amazonenwaffen erhob sie sich von ihrem Stuhl und machte sich bereit für das erste Gefecht.

Die meisten der Anwesenden zerstreuten sich sofort. Mit Grupp direkt als Erstem, der sogleich durch die Tür des Sitzungszimmers entfloh. Er war ein bekannter Kettenraucher, und eine Sitzung ohne Nikotin durchzuhalten, war für ihn schon grenzwertig – eine Tatsache, die Yve schon mehrfach zu ihrem Vorteil hatte nutzen können. Denn je länger sich eine Sitzung hinzog, desto mehr kam er auf Entzug, und desto eher bekam man unliebsame Dinge durch, nur damit das Ganze ein Ende nahm und er zur nächsten Zigarette eilen konnte.

Yve schob sich an den verbleibenden Redakteuren vorbei zur anderen Seite des Sitzungstisches und erwischte geschickt den Moment, in dem sich Ingolf Werner von Amelie Brügge verabschiedete und zum Gehen wandte.

»Das ist ja jetzt eine merkwürdige zweite Begegnung«, eröffnete sie das Gespräch. »Ich hoffe, wir können trotzdem problemlos zusammenarbeiten.« Dabei taxierte sie die Reaktion der jungen Frau.

Die sah ganz kurz verblüfft aus, dann übernahm ein neutraler Gesichtsausdruck. »Ich weiß nicht, was Sie meinen«, sagte sie und sah dabei an Yve vorbei.

»Sie«? Yve seufzte innerlich auf. Für Spielchen hatte sie keine Geduld. »Ich kann es auch deutlicher sagen«, erklärte sie halblaut. Amelies Augen huschten für einen Moment zu ihr, dann sah sie wieder in Richtung Tür. »Aber die Wände haben Ohren hier, und es scheint dir peinlich zu sein. Vor rund einem halben Jahr sind wir schon mal aufeinandergetroffen.« Ganz bewusst sprach sie Amelie per »du« an. Überhaupt war es im Sender nicht besonders verbreitet, sich unter Kollegen zu siezen.

»Sie müssen mich verwechseln«, beharrte ihr Gegenüber, dem es immer noch nicht gelang, ihr in die Augen zu sehen.

Yve musterte sie erneut. Sie sah anders aus als damals. Gepflegte, feminine Bluse, eng anliegende schwarze Hose, Pumps, dickes Make-up und eine Frisur, der mit Haarspray der Garaus gemacht worden war. Ganz und gar nicht ihr Fall. Das würde sich für die Moderation ändern müssen. Weniger steif und konservativ. Außerdem war es ihr ein Rätsel, warum Amelie Brügge ihre Begegnung verleugnete. Was sollte das denn? So langsam wurde Yve ungehalten. »Mit Sicherheit nicht. Warum sonst warst du bei meinem Anblick zu Beginn der Sitzung nicht in der Lage, dich vorzustellen? Eine Moderatorin, die auf den Mund gefallen ist. Da wärst du die erste deiner Art«, schoss sie eine Salve ab.

Und prompt kam eine Reaktion. Das erste Mal fixierten sie verärgerte blaue Augen. »Sie sind reichlich arrogant. Ist es für Sie unvorstellbar, dass Menschen auch aus anderen Gründen nach Worten suchen als Ihres umwerfenden Anblicks wegen? Zum Beispiel, weil ein gewisses Ekelpaket mich unvorbereitet den Haien zum Fraß vorwerfen wollte?«

Amelie Brügges Gesicht überzog jetzt ein Hauch von Zornesröte. Yve konnte ein süffisantes Grinsen nicht unterdrücken.

»Für das Ekelpaket bekommst du Pluspunkte«, gab sie lässig zurück.

»Na, vielen Dank«, versetzte Amelie Brügge in ätzendem Ton.

Aber Yve war noch nicht fertig. Ihr Grinsen wich einem kalten Blick. »Für den Rest nicht. Und Sie haben recht: Wenn ich es mir genau überlege, sind Sie nicht die Person, die ich meine. Sie müssen die Verwechslung entschuldigen. Ob blond, ob braun, ob rothaarig – Frauen sind nicht leicht auseinanderzuhalten. Das ist wie bei den Chinesen. Die sehen auch alle gleich aus.«

Mal sehen, wie das ankam. Aber ihre Geduld war am Ende.

»Das ist Rassismus«, empörte sich Amelie wie auf Knopfdruck. »Und Sexismus!«

Volltreffer.

»Oh? Na so was. Auch noch politisch korrekt. Das kann ja ein Spaß werden.« Und damit ließ Yve eine sichtlich aufgewühlte Amelie Brügge stehen.

»Hey, wie geht’s jetzt weiter?«, rief es hinter ihr her.

Sie drehte sich nicht noch einmal um. »Kommen Sie nachher in meinem Büro vorbei. Dann informiere ich Sie darüber, was ich an Plänen schon ausgearbeitet habe«, gab sie lapidar über die Schulter hinweg zurück.

Amelie Brügge konnte sie mal. Kreuzweise.

Amelie holte sich am Automaten in der Kantine einen Cappuccino mit extra viel Milchschaum. Das brauchte sie jetzt. Genussvoll zog sie den Kaffeeduft in die Nase, bevor sie einen Plastikdeckel auf den Becher stülpte. Die Leute, die sie auf dem Weg zurück in ihr Büro traf, grüßte sie nur kurz, vermied aber jegliche weiteren Plaudereien. Jetzt bloß nicht noch aufgehalten werden. Sie hatte ihre letzten Nerven auf dieser beschissenen Sitzung gelassen.

Und die allerletzten gerade eben bei dieser grässlichen Yve Hagen.

Im Stechschritt schoss Amelie den Flur entlang, dass der Cappuccino in ihrer Hand nur so hin und her schwappte. Der Schaum kam schon aus der kleinen Öffnung gequollen, aber Amelie merkte es nicht einmal. Sie kochte vor Wut.

Yve Hagen! Für was hielt die sich eigentlich? Diese Arroganz – einfach unglaublich. Ihre Verzweiflung und Missstimmung waren wie weggeblasen, ersetzt durch einen gerechten Zorn, wie sie ihn bisher in ihrem Leben selten erlebt hatte. Vielleicht noch damals in der siebten Klasse, als eine Mitschülerin ihr Fahrrad zu Schrott gefahren und sich noch nicht einmal entschuldigt hatte. Aber das war Pillepalle gegen das Gefühl, das in ihrem Inneren tobte, wenn sie an Yve Hagen dachte. Daran, dass sie sie einfach auf die Begegnung angesprochen hatte, so mir nichts, dir nichts, als sei nichts vorgefallen. Nichts vorgefallen! Für Amelie war das Ereignis damals vergleichbar mit dem Absturz des Mondes auf der Erde, mit dem Aufgang der Sonne im Westen, mit . . . Weiß der Geier, auf alle Fälle sehr, sehr bedeutsam.

Und diese Bemerkung über die Chinesen. Das war ja wohl so was von unterirdisch, sie hatte keine Worte dafür. Wer sagte denn so was? Das hätte von Grupp stammen können. Der Gedanke ließ Amelie kurz innehalten und sich fragen, ob sie absichtlich provoziert worden war.

Dann stürmte sie in den Glaskasten, der ihr Büro war, und knallte die Tür zu. Zumindest versuchte sie es. Durch den Schallschutz entstand mehr ein sanftes Klicken und ein Luftschwall, der Martinas Berge an Unterlagen durcheinanderwirbelte.

»Hey!«, schrie die Kollegin, während sie das schlimmste Chaos in ihren Papierstößen zu verhindern versuchte, indem sie sich mit dem Oberkörper drüberlegte und den Rest mit den Armen großflächig abdeckte. »Das ist hier ein fragiles, aber ausgeklügeltes Ablagesystem.«

Amelie ließ sich in ihren Schreibtischstuhl fallen, dass er knackte. Martina sammelte ein paar davongeflogene Blätter auf und sah dabei skeptisch zu ihr hin.

»Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen? Und wie siehst du überhaupt aus?«

Amelie nestelte in ihren Haaren und befühlte die vom Haarspray verklebte Struktur. »Hatte nach der Live-Schalte keine Zeit für die Maske«, brummte sie übellaunig. »Du siehst mich in meiner ganzen herrlichen On-Air-Optik. Direkt aus dem Landtag rein in eine Sitzung mit Grupp.«

Martina warf ihr einen amüsierten Blick zu, der an ihrer Betonfrisur kleben blieb, bevor sie sich wieder an den gegenüberstehenden Schreibtisch setzte. »Wer hat denn diese Frisur verbrochen?«, fragte sie und unterdrückte dabei offensichtlich nur mühsam ein Lachen.

Amelie rümpfte abfällig die Nase. »Danke, du bist mal wieder sehr aufbauend. Jetzt fühle ich mich gleich besser. Vor allem, dass ich in diesem Aufzug zum ersten Mal der Regisseurin meiner neuen Sendung begegnet bin.«