Schwarze Magnolie - Hyeonseo Lee - E-Book

Schwarze Magnolie E-Book

Hyeonseo Lee

4,9
9,99 €

oder
Beschreibung

Ein langer Weg in die Freiheit
Ihre Kindheit in Nordkorea ist „ganz normal“ – und unvorstellbar: Das Leben von Hyeonseo Lee und das ihrer Familie gehören dem Staat. Es gelten eiserne Regeln, und wer sie nicht befolgt, muss mit dem Schlimmsten rechnen: Hyeonseo ist sieben Jahre alt, als sie zum ersten Mal eine öffentliche Hinrichtung miterlebt.
Um wenigstens einmal den Fesseln des Kim-Regimes zu entkommen und kurz die Freiheit zu spüren, schleicht sich Hyeonseo als Teenager heimlich über die Grenze nach China – aber dann ist ihr der Heimweg versperrt. Zehn Jahre lang schlägt sie sich in China als Illegale durch, bevor sie schließlich nach Südkorea gelangt. Endlich in Sicherheit! Doch als sie einen Notruf ihrer Familie erhält, beschließt sie, ihre Mutter und ihren Bruder aus Nordkorea herauszuholen …
Die spannende und berührende Geschichte einer außergewöhnlich mutigen jungen Frau.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 522




Hyeonseo Lee

mit David John

SCHWARZEMAGNOLIE

Wie ich aus Nordkorea entkamEin Bericht aus der Hölle

Aus dem Englischenvon Elisabeth Schmalen, Merle Taegerund Katharina Uhlig

Ein langer Weg in die Freiheit

Ihre Kindheit in Nordkorea ist »ganz normal« – und unvorstellbar: Das Leben von Hyeonseo Lee und das ihrer Familie gehören dem Staat. Es gelten eiserne Regeln, und wer sie nicht befolgt, muss mit dem Schlimmsten rechnen: Hyeonseo ist sieben Jahre alt, als sie zum ersten Mal eine öffentliche Hinrichtung miterlebt.

Um wenigstens einmal den Fesseln des Kim-Regimes zu entkommen und kurz die Freiheit zu spüren, schleicht sich Hyeonseo als Teenager über die Grenze nach China – aber dann ist ihr der Heimweg versperrt. Zehn Jahre lang schlägt sie sich in China als Illegale durch, bevor sie schließlich nach Südkorea gelangt. Endlich in Sicherheit! Doch als sie einen Notruf ihrer Familie erhält, beschließt sie, ihre Mutter und ihren Bruder aus Nordkorea herauszuholen …

Die spannende und berührende Geschichte einer außergewöhnlich mutigen jungen Frau.

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem TitelThe Girl with Seven Names – A North Korean Defector’s Storybei William Collins, einem Imprint von HarperCollinsPublishers, London

Deutsche Erstausgabe 07/2015

© by Hyeonseo Lee 2015

By Agreement with Pontas Literary & Film Agency,acting on behalf of the Asia Literary Agency

© 2015 der deutschsprachigen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Ute Daenschel

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie, Zürich,unter Verwendung eines Fotos von © NOMAD STUDIO

Satz: Schaber Datentechnik, Wels

ISBN: 978-3-641-14648-1

www.heyne.de

VORBEMERKUNG DER AUTORIN

Um Verwandte und Freunde zu schützen, die sich noch in Nordkorea aufhalten, habe ich einige Namen in diesem Buch geändert und bestimmte Details verschwiegen. Abgesehen davon ist das Beschriebene geschehen, wie ich es in Erinnerung habe oder wie es mir erzählt wurde.

Inhalt

Einleitung

Prolog

Teil Eins

Das beste Land der Welt

Teil Zwei

Ins Herz des Drachens

Teil Drei

Reise in die Dunkelheit

Nachwort

Bildteil

Karte Nordkorea

Karte Flüchtlingsrouten

Einleitung

13. Februar 2013  ·  Long Beach, Kalifornien

Mein Name ist Hyeonseo Lee.

Das ist nicht der Name, mit dem ich geboren wurde, und auchkeiner von denen, die mir zu anderen Zeiten von den Umständen aufgezwungen wurden. Aber es ist der, den ich mir selbst gab, nachdem ich die Freiheit erreicht hatte. Hyeon heißt Sonnenschein. Seo Glück. Ich wählte den Namen, um mein Leben in Licht und Wärme zu führen und nicht in den Schatten zurückzukehren.

Ich stehe hinter den Kulissen einer großen Bühne und höre die Hunderte von Menschen im Publikum. Eine Frau ist gerade mit einem weichen Rouge-Pinsel über mein Gesicht gegangen, und ich werde mit einem Mikrofon ausgestattet. Ich fürchte, dass es das Pochen meines Herzens übertragen könnte, das mir in den Ohren dröhnt. Jemand fragt, ob ich bereit sei.

»Ich bin bereit«, antworte ich, auch wenn ich mich nicht so fühle.

Und schon höre ich, wie ich über die Lautsprecher angekündigt werde. Eine Stimme sagt meinen Namen. Sie stellt mich vor.

Der Geräuschpegel im Publikum schwillt an wie Meeresrauschen. Viele Hände klatschen. Meine Nerven flattern wie wild.

Ich betrete die Bühne.

Plötzlich habe ich große Angst. Meine Beine haben sich in Papier verwandelt. Die Spotlights sind weit entfernte Sonnen, die mich blenden. Ich kann keine Gesichter im Publikum ausmachen.

Irgendwie bewege ich meinen Körper ins Zentrum der Bühne. Ich hole langsam Luft, um meinen Atem zu beruhigen, und schlucke schwer.

Hier werde ich meine Geschichte zum ersten Mal auf Englisch erzählen, einer Sprache, die noch neu für mich ist. Es war eine lange Reise bis hierher.

Die Zuschauer sind still.

Ich beginne zu sprechen.

Ich höre, wie meine Stimme zittert. Ich erzähle von dem Mädchen, das in dem Glauben aufwuchs, sein Land sei das beste der Welt, und das mit sieben zum ersten Mal Zeugin einer öffentlichen Hinrichtung wurde. Ich erzähle von der Nacht, in der es über einen zugefrorenen Fluss floh, und wie es zu spät erkannte, dass es nie wieder zu seiner Familie heimkehren könnte. Ich beschreibe die Folgen dieser Nacht und die schrecklichen Dinge, die Jahre später geschahen.

Zweimal kommen mir die Tränen. Ich halte kurz inne und blinzle sie weg.

Für uns, die wir in Nordkorea geboren wurden und von dort entkommen sind, ist die Geschichte, die ich erzähle, nicht weiter ungewöhnlich. Doch ich spüre, was für einen Eindruck sie auf die Menschen im Publikum dieser Konferenz macht. Sie sind schockiert. Wahrscheinlich fragen sie sich, warum es ein solches Land wie das meine auf dieser Welt überhaupt noch gibt.

Vielleicht wäre es noch schwieriger für sie, zu verstehen, dass ich mein Land immer noch liebe und es sehr vermisse. Mir fehlen die schneebedeckten Berge im Winter, der Geruch von Petroleum und brennender Kohle. Mir fehlen meine Kindheit dort, die Sicherheit in den Armen meines Vaters und das Schlafen auf dem beheizten Fußboden. Ich sollte mich in meinem neuen Leben wohlfühlen, doch ich bin immer noch das Mädchen aus Hyesan, das so gern mit seiner Familie zusammen in seinem Lieblingsrestaurant Nudeln essen würde. Mir fehlen mein Fahrrad und der Blick über den Fluss nach China.

Aus Nordkorea wegzugehen ist anders, als aus anderen Ländern wegzugehen. Man verlässt ein Universum. Ich werde mich nie ganz von dessen Anziehungskraft befreien können, egal, wie weit ich mich entferne. Sogar für diejenigen, die dort unermesslich gelitten haben und der Hölle entflohen sind, kann das Leben in der freien Welt eine solche Herausforderung darstellen, dass viele damit nicht zurechtkommen und nicht glücklich werden. Einige wenige geben sogar auf und kehren wieder an den dunklen Ort zurück, eine Versuchung, die auch ich viele Male verspürt habe.

Für mich sieht die Wahrheit allerdings so aus, dass ich nicht zurückkann. Ich mag von einem freien Nordkorea träumen, doch fast siebzig Jahre nach seiner Entstehung ist es noch genauso verschlossen und unbarmherzig wie eh und je. Sollte es jemals sicher für mich sein zurückzukehren, werde ich wahrscheinlich eine Fremde in meinem eigenen Land sein.

Während ich dieses Buch noch einmal lese, erkenne ich, dass es von der Geschichte meines Erwachens handelt, meiner langsamen und schwierigen Entwicklung. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass ich als nordkoreanische Überläuferin immer eine Außenseiterin bleiben werde. Eine Vertriebene. Sosehr ich mich auch darum bemühe, mich in die südkoreanische Gesellschaft einzufügen, ich werde doch nie ganz als Südkoreanerin akzeptiert werden. Und noch wichtiger: Ich glaube nicht, dass ich selbst das je als meine Identität akzeptieren werde. Dafür kam ich zu spät dorthin, mit achtundzwanzig. Die einfache Lösung meines Identitätsproblems wäre, zu sagen, ich sei Koreanerin, doch ein solches Land gibt es nicht. Einfach nur Korea existiert nicht.

Ich würde meine nordkoreanische Identität gern ablegen und das Mal, das sie auf mir hinterlassen hat, ausmerzen. Doch ich kann nicht. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber ich vermute, es liegt an meiner glücklichen Kindheit. Als Kinder haben wir, wenn wir uns der Welt um uns herum bewusst werden, das Bedürfnis, Teil einer größeren Gemeinschaft als der Familie zu sein, einem Land anzugehören. Der nächste Schritt besteht darin, sich als Weltbürger mit der Menschheit zu identifizieren. Doch bei mir geriet diese Entwicklung ins Stocken. Als Kind und Jugendliche wusste ich fast nichts über die Welt dort draußen, außer dem, was wir durch die Linse des Regimes wahrnahmen. Und als ich mein Land verließ, entdeckte ich nur schrittweise, dass sein Name überall als Synonym für das Böse gehandelt wird. Das war mir Jahre zuvor, als sich meine Persönlichkeit entwickelte, nicht bewusst. Ich hielt das Leben in Nordkorea für ganz normal. Erst im Lauf der Zeit und aus der Entfernung erschienen mir die Regeln und Herrscher seltsam.

Daher muss ich sagen, Nordkorea ist meine Heimat. Ich liebe dieses Land. Doch ich möchte, dass es sich zum Guten entwickelt. Meine Heimat ist meine Familie und die vielen guten Menschen, die dort leben. Wie könnte ich da keine Patriotin sein?

Das hier ist meine Geschichte. Ich hoffe, sie gestattet einen kurzen Blick auf die Welt, der ich entkam. Ich hoffe, sie macht anderen Mut, denen es so geht wie mir, die mit ihrem neuen Leben zu kämpfen haben, auf das sie ihre Vorstellung niemals vorbereiten konnte. Ich hoffe, dass die Welt endlich anfängt, ihnen zuzuhören und zu handeln.

Prolog

Ich wachte auf, weil meine Mutter schrie. Min-ho, mein kleiner Bruder, schlief noch neben mir auf dem Boden. Dann kam mein Vater ins Zimmer gerannt und rief: »Wacht auf!« Er riss uns an den Armen hoch, trieb und schob uns nach draußen. Hinter ihm meine kreischende Mutter. Es war Abend und fast dunkel. Der Himmel war klar. Min-ho war noch schlaftrunken. Draußen auf der Straße drehten wir uns um und sahen, wie ölig-schwarzer Qualm aus unserem Küchenfenster drang und dunkle Flammen an der Außenwand leckten.

Zu meinem Erstaunen lief mein Vater wieder zurück ins Haus.

Ein seltsames Brausen, ein nach innen wehender Wind zog an uns vorüber. Wir hörten ein Wumm. Die Ziegel auf der einen Seite des Daches brachen ein, und ein Feuerball wie eine leuchtend orangerote Chrysantheme schoss in den Himmel und erleuchtete die Straße. Eine Hälfte des Hauses stand in Flammen. Aus den anderen Fenstern quoll dichter pechschwarzer Rauch.

Wo war mein Vater?

Plötzlich waren wir von unseren Nachbarn umgeben. Jemand schüttete einen Eimer Wasser in die Feuersbrunst – als könne das etwas ausrichten. Wir hörten das Ächzen und Splittern von Holz, und dann ging auch der Rest des Daches in Flammen auf.

Ich weinte nicht. Ich atmete nicht einmal. Mein Vater kam nicht aus dem Haus.

Es dauerte wohl nur Sekunden, doch sie kamen mir vor wie Minuten. Dann tauchte er wieder auf, rannte auf uns zu und hustete sich die Lunge aus dem Hals. Er war schwarz vor Ruß, sein Gesicht glänzte. Unter jedem Arm hielt er einen flachen, rechteckigen Gegenstand.

Er hatte nicht an unsere Besitztümer, unsere Ersparnisse gedacht. Er hatte die Porträts gerettet. Ich war dreizehn, alt genug, um zu wissen, was auf dem Spiel stand.

Später erklärte meine Mutter, was passiert war. Soldaten hatten meinem Vater einen großen Kanister Flugzeugbenzin als Bestechung zukommen lassen. Der Kanister stand in der Küche, wo sich auch der eiserne Ofen befand, in dem yontan verbrannt wurde, die runden Kohlebriketts, mit denen man in ganz Nordkorea heizt. Meine Mutter goss das Benzin gerade in einen anderen Behälter, als er ihr aus der Hand rutschte und die Flüssigkeit sich auf die Kohlen ergoss. Die Flammen schossen in die Höhe. Die Nachbarn müssen sich gewundert haben, was in aller Welt sie da gekocht hatte.

Das Feuer erzeugte eine extreme Hitzewelle. Min-ho fing an zu heulen. Ich hielt die Hand meiner Mutter. Mein Vater stellte die Porträts vorsichtig ab und umarmte uns dann alle drei – eine öffentliche Zuneigungsbekundung, wie sie zwischen meinen Eltern selten vorkam.

Als wir so aneinandergeschmiegt zusahen, wie die letzten Reste unseres Hauses zu lodernder Glut zusammenfielen, mögen wir das Mitleid der Nachbarn erregt haben. Mein Vater sah schrecklich aus – sein Gesicht war voller Ruß und seine neue Zivilkleidung ruiniert. Und meine Mutter, die stolz auf ihr Haus war und immer auf ihre Kleidung achtete, musste mit ansehen, wie sich ihre besten Schüsseln und Kleider in Rauch auflösten.

Doch mir fiel auf, dass meine Eltern beide nicht allzu unglücklich wirkten. Unser Haus war nur ein niedriges Gebäude mit zwei Zimmern und vom Staat gestellten Möbeln gewesen, wie in Nordkorea üblich. Heute kann ich mir schwer vorstellen, wie es jemand hätte vermissen können. Aber damals machte die Reaktion meiner Eltern großen Eindruck auf mich. Wir vier waren in Sicherheit und vereint – nur das zählte für sie.

Da verstand ich, dass wir auf fast alles verzichten können – unser Haus, sogar unser Land. Doch wir werden niemals ohne andere Menschen zurechtkommen, schon gar nicht ohne unsere Familie.

Die ganze Straße hatte gesehen, wie mein Vater die Porträts rettete, eine Heldentat, die einem Bürger normalerweise ein offizielles Lob einbrachte. Doch nicht in diesem Fall. Wir wussten es nicht, doch er stand bereits unter Beobachtung.

Teil Eins

Das beste Land der Welt

Kapitel 1

Ein Zug durchs Gebirge

Eines Morgens im Spätsommer 1977 verabschiedete sich eine junge Frau am Gleis des Bahnhofs von Hyesan von ihren Schwestern und stieg in den Zug nach Pjöngjang. Sie hatte eine offizielle Genehmigung, dort ihren Bruder zu besuchen. Vor lauter Aufregung hatte sie in der Nacht zuvor kaum geschlafen. Sie hielt die Hauptstadt der Revolution für einen mythischen und futuristischen Ort. Eine Reise dorthin war ein seltenes Vergnügen.

Die Luft war noch kühl und roch wegen eines nahe gelegenen Sägewerks nach frischem Holz. Die Luftfeuchtigkeit war noch nicht allzu hoch. Die Frau hatte einen Fensterplatz. Der Zug fuhr los und kroch ächzend zwischen steilen, kiefernbewachsenen Berghängen und über schattige Schluchten die alte Hyesan-Linie entlang Richtung Süden. Hin und wieder sah man weit unten einen rauschenden Fluss. Doch im Laufe der Fahrt nahm die junge Frau die Landschaft immer weniger wahr.

Der Waggon war voller junger Offiziere, die gut gelaunt in die Hauptstadt zurückkehrten. Anfangs empfand sie sie als lästig, doch bald ertappte sie sich dabei, wie sie gemeinsam mit den anderen Passagieren über das Geplänkel der Soldaten lächelte. Die Offiziere luden alle Fahrgäste im Waggon dazu ein, an ihren Vergnügungen – Worträtseln und Würfelspielen – teilzunehmen, um sich die Zeit zu vertreiben. Als die junge Frau eine Runde verlor, sollte sie zur Strafe ein Lied singen.

Im Waggon wurde es still. Sie blickte zu Boden, nahm ihren Mut zusammen, stellte sich hin und hielt sich an der Gepäckablage fest. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt. Ihr glänzendes schwarzes Haar war für die Reise zurückgebunden. Sie trug ein weißes, mit roten Blümchen bedrucktes Baumwollkleid. Das Lied, das sie sang, stammte aus einem beliebten nordkoreanischen Film aus jenem Jahr mit dem Titel Die Geschichte eines Generals. Sie sang gut, mit weicher und hoher Stimme. Als sie fertig war, brach der ganze Waggon in Applaus aus.

Dann setzte sie sich wieder. Auf dem Gangplatz saß eine Großmutter, ihre Enkelin zwischen den beiden. Plötzlich stand ein junger Offizier in graublauer Uniform vor ihnen. Er stellte sich der Großmutter höflich vor. Dann hob er das kleine Mädchen hoch, setzte sich neben die junge Frau und nahm das Kind auf den Schoß.

»Sag mir, wie du heißt«, waren seine ersten Worte.

So lernte meine Mutter meinen Vater kennen.

Er wirkte sehr selbstbewusst und sprach mit einer Pjöngjanger Klangfärbung, die bewirkte, dass meiner Mutter ihr nördlicher Hyesan-Dialekt bäuerlich und derb vorkam. Doch der Offizier nahm ihr schnell ihre Befangenheit. Er sei selbst aus Hyesan, sagte er, lebe jedoch seit vielen Jahren in Pjöngjang und müsse beschämt zugeben, dass ihm der Dialekt abhandengekommen sei. Sie sah die ganze Zeit zu Boden, erhaschte jedoch den einen oder anderen Blick auf ihn. Er war nicht auf die übliche Weise gut aussehend – er hatte dicke Augenbrauen und ausgeprägte, vorstehende Wangenknochen –, doch sein soldatisches Auftreten und seine Selbstsicherheit fesselten sie.

Er sagte, ihm gefiele ihr Kleid, und sie schenkte ihm ein schüchternes Lächeln. Sie zog sich gern gut an, weil sie meinte, so ihr unscheinbares und gewöhnliches Aussehen kompensieren zu können. In Wahrheit war sie hübscher, als sie glaubte. Die lange Fahrt ging schnell vorbei. Während sie sich unterhielten, fiel ihr auf, dass er sie immer wieder mit einer Ernsthaftigkeit ansah, die sie bisher bei keinem Mann erlebt hatte. Davon wurde ihr Gesicht ganz heiß und lief rot an.

Er erkundigte sich nach ihrem Alter. Dann fragte er ganz formell: »Wärst du damit einverstanden, wenn ich dir einen Brief schriebe?«

Sie bejahte und gab ihm ihre Adresse.

Später erinnerte sich meine Mutter kaum an den Besuch bei ihrem Bruder in Pjöngjang. In ihrem Kopf war nur Platz für die Bilder von dem Offizier im Zug und den Lichttupfern im Waggon, wenn die Sonne durch die Bergkiefern schien.

Es kam kein Brief. Die Wochen verstrichen, und meine Mutter versuchte, sich den Mann aus dem Kopf zu schlagen. Er hat eine Freundin in Pjöngjang, sagte sie sich. Nach drei Monaten hatte sie die Enttäuschung verwunden und dachte nicht mehr an ihn.

Eines Abends, sechs Monate später, hielt sich die Familie im Haus in Hyesan auf. Die Temperaturen lagen unter null, doch der Himmel war schon seit Wochen klar und sorgte für einen wunderschönen Herbst und Winter. Die Familie war gerade mit dem Essen fertig, als sie hörte, wie sich jemand in Stahlkappenstiefeln dem Haus näherte und entschieden an die Tür klopfte. Alle wechselten alarmierte Blicke. So spät erwarteten sie niemanden. Eine der Schwestern meiner Mutter öffnete die Tür. Dann rief sie nach ihr.

»Ein Besucher. Für dich.«

Der Strom in der Stadt war ausgefallen. Meine Mutter ging mit einer Kerze in der Hand zur Tür. Draußen stand mein Vater in seinem Soldatenmantel, die Mütze unter dem Arm. Zitternd verbeugte er sich vor ihr und entschuldigte sich, weil er wegen militärischer Übungen unterwegs gewesen sei und nicht habe schreiben dürfen. Sein Lächeln war zärtlich und ein bisschen nervös. Hinter ihm zogen sich die Sterne bis zu den Bergen hinab.

Sie bat ihn ins Warme. Von diesem Abend an waren sie ein Paar.

Die nächsten zwölf Monate kamen meiner Mutter vor wie ein Traum. Sie war noch nie verliebt gewesen. Mein Vater war immer noch in der Nähe von Pjöngjang stationiert, daher schrieben sie einander wöchentlich und arrangierten Treffen. Meine Mutter besuchte ihn auf dem Stützpunkt, und er kam mit dem Zug zu ihr nach Hyesan, wo ihre Familie ihn besser kennenlernte. Die Wochen zwischen ihren Begegnungen füllte sie mit den wundervollsten Planungen und Tagträumen.

Sie erzählte mir einmal, dass zu der Zeit alles von einer Art magischem Schimmer umgeben war. Die Menschen in ihrer Umgebung schienen ihren Optimismus zu teilen, und vielleicht bildete sie sich das nicht einmal ein. Die Welt erlebte gerade den Höhepunkt des Kalten Krieges, Nordkorea aber seine besten Jahre. Mehrere Rekordernten nacheinander lieferten Nahrungsmittel im Überfluss. Gemessen an den Standards der kommunistischen Welt war die Industrie des Landes modern. Südkorea, unser Todfeind, versank politisch im Chaos, und die verhassten Yankees hatten gerade eine empfindliche Niederlage gegen die kommunistischen Kräfte in Vietnam einstecken müssen. Die kapitalistische Welt schien im Verfall begriffen. Das ganze Land war zuversichtlich, dass wir die Geschichte auf unserer Seite hatten.

Als es Frühling wurde und der Schnee auf den Bergen dahinschmolz, reiste mein Vater nach Hyesan, um meiner Mutter einen Heiratsantrag zu machen. Sie nahm ihn unter Tränen an. Ihr Glück war vollkommen. Und zu alledem verfügten beide Familien über einen guten songbun, was ihnen ihre gesellschaftliche Stellung sicherte.

Songbun ist das Kastensystem Nordkoreas. Eine Familie wird als loyal, wankelmütig oder feindselig betrachtet, je nachdem, wie sich die Verwandten des Vaters kurz vor, während und nach der Staatsgründung 1948 verhalten haben. Stammte der Großvater von Arbeitern und Bauern ab und hatte im Koreakrieg auf der richtigen Seite gekämpft, galt seine Familie als loyal. Befanden sich jedoch Landbesitzer unter den Vorfahren oder Beamte, die während der Kolonialbesetzung für die Japaner gearbeitet hatten, oder auch nur irgendjemand, der während des Krieges nach Südkorea geflohen war, wurde die Familie als »feindselig« eingestuft. Innerhalb dieser drei groben Einteilungen gibt es einundfünfzig Unterkategorien, von der herrschenden Kim-Familie ganz oben bis zu politischen Gefangenen ohne Hoffnung auf Entlassung ganz unten. Ironischerweise hatte der neue kommunistische Staat eine soziale Hierarchie hervorgebracht, die komplexer war und über mehr Schichten verfügte als selbst jene der Feudalherrschaft. Die Mitglieder der feindseligen Klasse, etwa vierzig Prozent der Bevölkerung, lernten, nicht zu träumen. Sie wurden auf Kolchosen und in Minen geschickt und mussten körperlich hart arbeiten. Menschen, deren Familien als wankelmütig galten, konnten niedere Beamte oder Lehrer werden oder fernab der Machtzentren beim Militär tätig sein. Nur die Loyalen durften in Pjöngjang leben, der Arbeiterpartei beitreten und ihren Beruf frei wählen. Niemand erfuhr je, welche konkrete Position er im songbun-System einnahm, aber die meisten Leute spürten es wohl intuitiv, so wie in einer Herde von einundfünfzig Schafen jedes Tier genau weiß, wer in der Rangordnung über ihm steht und wer darunter. Die tückische Attraktivität des Systems bestand darin, dass ein Abstieg sehr leicht war, ein Aufstieg aber fast unmöglich, sogar durch Heirat, es sei denn, der Große Führer selbst zeigte sich nachgiebig. Die Elite, etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung, musste aufpassen, keinen einzigen Fehler zu begehen.

Als meine Eltern sich kennenlernten, war der songbun einer Familie von großer Bedeutung. Er bestimmte das Leben jedes Menschen und das seiner Kinder.

Der songbun der Familie meiner Mutter war ganz besonders gut. Mein Großvater hatte sich durch seine Heldentaten im Zweiten Weltkrieg Ansehen erworben. Als Korea eine japanische Kolonie war, hatte er die kaiserliche Polizei unterwandert, Informationen zu den örtlichen kommunistischen Partisanen in die Berge gebracht und einige von ihnen aus Arrestzellen befreit. Nach dem Krieg wurde er ausgezeichnet und in seiner Heimat allgemein bewundert. Er bewahrte ein altes Foto von sich in japanischer Polizeiuniform auf und schrieb seine Erlebnisse nieder, doch nach seinem Tod verbrannte meine Großmutter diese Erinnerungen, denn sie befürchtete, die Geschichte könne eines Tages missverstanden werden und katastrophale Folgen für die Familie haben.

Meine Großmutter war als Studentin zur glühenden Kommunistin geworden. Sie hatte in den 1940er-Jahren eine Universität in Japan besucht und war als Teil einer kleinen intellektuellen Elite zurückgekehrt, deren gebildetes und vornehmes Auftreten in Korea selten war zu einer Zeit, da die meisten Menschen nicht einmal die Grundschule abschlossen. Sie trat schon mit neunzehn in die Partei ein. Nach der Hochzeit zog mein Großvater in ihre Heimatstadt Hyesan, statt sie, wie es üblich war, in seine eigene Provinz zu holen. Er arbeitete für die lokalen Behörden. Im ersten Jahr des Koreakrieges, als die Amerikaner die Stadt einnahmen, floh er ins Gebirge, um einer Gefangenschaft zu entgehen. Das war im Herbst 1950. Die Amerikaner durchsuchten jedes Haus auf der Suche nach Parteimitgliedern. Meine Großmutter, die zu der Zeit ein Baby auf dem Rücken trug, eines von acht, die sie bekommen sollte, versteckte die Parteimitgliedsausweise zwischen den Backsteinen im Innern des Schornsteins.

»Hätten die Amerikaner die Ausweise gefunden, hätten sie uns erschossen«, erzählte sie mir.

Dass sie die Ausweise aufbewahrte, sicherte der Familie den hohen songbun. Wer seinen Ausweis zerstörte, als die Amerikaner nahten, geriet später unter Verdacht. Einige wurden gewaltsam aus ihrer Umgebung gerissen und ins Arbeitslager gesteckt. Meine Großmutter trug ihren Parteiausweis den Rest ihres Lebens immer an einer Schnur um den Hals, unter der Kleidung versteckt.

Als meine Eltern zwölf Monate zusammen waren, hätten sie eigentlich heiraten sollen. Doch es kam alles anders.

Das Problem war die Mutter meiner Mutter. Sie weigerte sich, ihre Zustimmung zur Hochzeit zu geben. Die beruflichen Aussichten meines Vaters und seine Arbeit bei der Luftwaffe beeindruckten sie nicht. Sie glaubte, meine Mutter könne mehr erreichen und einen Mann heiraten, der ihr ein bequemeres Leben bot. Trotz ihres Studiums in Japan und ihrer progressiven kommunistischen Laufbahn gehörte meine Großmutter einer Generation an, die Liebe als zweitrangig betrachtete, wenn es um geeignete Verbindungen ging. An erster Stelle stand die finanzielle Sicherheit. Die Liebe konnte noch nach der Hochzeit kommen – mit etwas Glück. Sie betrachtete es als ihre Pflicht, den besten Kandidaten für meine Mutter zu finden. Und meine Mutter konnte sich ihrem Willen nicht widersetzen. Sich gegen die Eltern aufzulehnen war undenkbar.

Das glückselige Jahr meiner Mutter verwandelte sich in einen Albtraum.

Über Kontakte hatte meine Großmutter eine glamouröse Frau kennengelernt, die als Schauspielerin in der boomenden Filmindustrie Pjöngjangs Karriere machte. Deren Bruder arbeitete für die Nationale Handelsgesellschaft in der Hauptstadt, und so wurde ein Treffen zwischen ihm und meiner Mutter arrangiert. Meine Mutter konnte kaum glauben, was ihr widerfuhr. Sie hatte keinerlei Interesse an diesem Mann, auch wenn er nett war. Sie war in meinen Vater verliebt. Doch im Handumdrehen war die Ehe vereinbart.

Meine Mutter erlitt einen Nervenzusammenbruch, wochenlang waren ihre Augen wund vom Weinen und von schlaflosen Nächten. Die Qualen brachten sie an den Rand der Verzweiflung. Sie wurde gezwungen, die Verbindung zu meinem Vater zu beenden. Als sie ihm das schrieb, erhielt sie nur eine knappe Antwort. Sie wusste, sie hatte ihm das Herz gebrochen.

Meine Mutter heiratete den Mann aus Pjöngjang an einem klaren, kalten Tag im Frühjahr 1979. Es war eine traditionelle Hochzeitsfeier. Die Braut war in einen kunstvoll bestickten chimajeogori aus roter Seide gekleidet, die nationale koreanische Tracht – ein langer, hoch ansetzender Rock mit einer kurzen Jacke darüber. Ihr Bräutigam trug einen förmlichen Anzug nach westlichem Vorbild. Hinterher wurden, wie es üblich war, Hochzeitsfotos am Fuß der großen Bronzestatue von Kim Il-sung auf dem Mansu-Hügel gemacht. Das sollte demonstrieren, dass jedes junge Paar, egal wie sehr es einander zugetan war, den Väterlichen Führer noch mehr liebte. Niemand lächelte.

Ich wurde während der Hochzeitsreise gezeugt und im Januar 1980 in Hyesan geboren. Mein Geburtsname lautete Kim Ji-hae.

Es sah so aus, als sei die Zukunft meiner Mutter besiegelt – und die meine ebenfalls. Doch die Liebe suchte sich ihren eigenen Weg und durchkreuzte die wohlüberlegten Pläne meiner Großmutter wie Wasser, das in Richtung Meer fließt.

Geboren und aufgewachsen ist meine Mutter in Hyesan, der Hauptstadt der Ryanggang-Provinz im Nordosten des Landes, einer bergigen Region mit Fichten, Lärchen und Kiefern. Es gibt dort nur wenig urbares Land, und das Leben ist rau. Im koreanischen Volksglauben gelten Menschen aus Hyesan als zäh und stur. Sie sind Überlebenskämpfer. Ein Sprichwort besagt, sie fänden selbst dann zurück an Land, wenn man sie mitten im Ozean aussetzte. Wie alle Redensarten war das zwar eine Vereinfachung, doch ich erkannte diese Züge eindeutig in meiner Mutter wieder. Mit der Zeit legten Min-ho und ich ähnliche Eigenschaften an den Tag – vor allem die Sturheit.

Meine Mutter hielt es mit dem Diplomaten, meinem biologischen Vater, nicht aus und verließ ihn kurz nach meiner Geburt. Nach koreanischer Rechenart ist ein Kind schon zu Beginn seines ersten Lebensjahres ein Jahr alt, nicht erst nach dessen Vollendung wie in den meisten anderen Ländern. Ich war eins.

Die Scheidung erfolgte kurz darauf. Jetzt war es meine Großmutter, die schlaflose Nächte durchlebte. Eine geschiedene Tochter war beschämend genug, doch für eine geschiedene Tochter mit Baby war es so gut wie unmöglich, erneut eine gute Partie zu machen. Daher bestand meine Großmutter darauf, mich zur Adoption freizugeben.

Einem Bruder meiner Mutter gelang es, ein junges Oberschichtpärchen in Pjöngjang ausfindig zu machen, das sich ein Kind wünschte. Das Paar nahm die lange Reise nach Hyesan auf sich, um mich kennenzulernen und mich dann mitzunehmen. Es brachte eine Kiste Spielsachen und hochwertige Kleidung mit.

Im Haus spielte sich eine schreckliche Szene ab. Meine Mutter weigerte sich unter Tränen, mich loszulassen. Meine Großmutter schaffte es nicht, mich ihren Armen zu entwinden. Ich begann laut zu weinen. Das Paar aus Pjöngjang sah bestürzt mit an, wie meine Großmutter ihrer Wut über meine Mutter Luft machte, dann in Panik verfiel und sie anflehte. Bald wurde das Paar selbst wütend und warf meiner Familie vor, falsche Versprechungen gemacht zu haben.

Kurze Zeit später reiste meine Mutter zum Stützpunkt meines Vaters, des Offiziers. Bei dem bewegenden Wiedersehen nahm er sie sofort zurück, und ohne zu zögern akzeptierte er mich als seine Tochter.

Die beiden waren so verliebt, dass meine Großmutter sich geschlagen gab, und von da an sah sie meinen Vater mit anderen Augen. Er strahlte eine Autorität aus, die jeden, der ihn traf, beeindruckte, zugleich war er sanftmütig und freundlich. Er trank keinen Alkohol und verlor nie die Beherrschung. Die Intensität der Gefühle meiner Eltern füreinander machte meiner Großmutter allerdings Sorgen. Sie warnte sie, dass ihre Zuneigung ein Leben lang reichen müsse. Und sie behauptete, wenn ein Paar seine ganze Liebe in kurzer Zeit verbrauche, werde einer von beiden jung sterben.

Endlich sollten meine Mutter und mein Vater doch noch heiraten. Aber nun hatten sie ein anderes Problem – dieses Mal waren es seine Eltern. Hätten sie gewusst, dass meine Mutter schon ein Kind von einem anderen Mann hatte, wären sie entschieden gegen die Verbindung gewesen. Also bemühten sich meine Eltern, meine Existenz geheim zu halten. Doch in einer Stadt wie Hyesan, wo sich so viele Leute kannten, war das nicht einfach. Das Geheimnis sprach sich herum, und nur wenige Tage vor der Hochzeit meiner Eltern erfuhren meine Großeltern doch, dass es mich gab. Sie zogen ihre Einwilligung zurück. Mein Vater flehte sie inständig an. Er hätte es nicht ertragen, wenn seine Ehe mit meiner Mutter ein zweites Mal verhindert worden wäre.

Schließlich erklärten sich meine Großeltern widerwillig einverstanden, doch unter einer Bedingung: Ich sollte einen komplett neuen Namen erhalten, als Symbol für meinen Eintritt in eine neue Familie. In Nordkorea war es genauso üblich wie anderswo, dass sich der Nachname eines Kindes änderte, wenn die Mutter erneut heiratete, doch es war sehr ungewöhnlich, auch den Vornamen auszutauschen. Meine Mutter hatte keine Wahl. Und so erhielt ich mit vier Jahren eine neue Identität. Mein neuer Name lautete Park Min-young.

Die Hochzeit fand still und leise in Hyesan statt. Dieses Mal gab es keinen kunstvoll bestickten chima jeogori. Meine Mutter trug ein schickes Kostüm, mein Vater seine Uniform. Seine Eltern gaben sich kaum Mühe, ihren missbilligenden Gesichtsausdruck vor der Familie meiner Mutter zu verbergen.

Ich war zu jung, um diese Spannungen wahrzunehmen. Außerdem wusste ich nichts über meine wahre Abstammung. Das Geheimnis entdeckte ich erst ein paar Jahre später in der Grundschule. Ein Teil von mir wünscht sich, ich hätte es nie herausgefunden. Denn diese Enthüllung hatte schmerzliche Folgen für mich und auch für den netten, liebevollen Mann, den ich bis dahin für meinen Vater gehalten hatte.

Kapitel 2

Die Stadt am Ende der Welt

Die ersten vier Jahre meines Lebens verbrachte ich inmitten meiner zahlreichen Onkel und Tanten in der Provinz Ryanggang. Nach der Hochzeit meiner Eltern führten wir ein nomadisches Leben, denn der Beruf meines Vaters zog uns in verschiedene Städte und Militärstützpunkte im ganzen Land. Trotzdem entstand während dieser frühen Jahre eine emotionale Bindung zu Hyesan, die mein Leben lang bestehen blieb.

Die Provinz Ryanggang ist die höchstgelegene Region Koreas. Im Sommer sind die Berge spektakulär. Die Winter sind schneereich und extrem kalt. Während der Kolonialzeit (1910–1945) verlegten die Japaner Eisenbahnschienen und bauten Sägewerke. An manchen Tagen roch es überall nach frisch geschnittenem Kiefernholz. In der Provinz befinden sich sowohl die heiligen Stätten der Revolution rund um den Paektu, Nordkoreas höchsten Berg, wo nur Menschen mit dem höchsten songbun wohnen dürfen, als auch die ertragsarme Region Baekam, in die Familien verbannt werden, die beim Regime in Ungnade gefallen sind.

Als ich aufwuchs, war Hyesan ein spannender Ort. Nicht, weil dort so viel los war – kein Ort im Land war für seine Theaterszene, Restaurants oder eine angesagte Subkultur bekannt. Nein, was die Stadt interessant machte, war ihre Nähe zum schmalen Yalu-Fluss, der alten Grenze zu China. In einem isolierten Land wie Nordkorea wirkte Hyesan wie eine Stadt am Ende der Welt. Doch für die Bewohner war sie ein Portal, durch das alle möglichen wunderbaren Waren aus dem Ausland – legal, illegal und äußerst illegal – ins Land kamen. Das machte sie zu einem geschäftigen Umschlagplatz für Handels- und Schmuggelware, was den Anwohnern großen Nutzen und viele Vorteile einbrachte, nicht zuletzt die Möglichkeit, lukrative Partnerschaften mit den chinesischen Händlern auf der anderen Seite des Flusses einzugehen und sich Hartwährung zu verschaffen. Manchmal kam einem Hyesan wie ein Ort vor, an dem der eiserne Klammergriff der Regierung nicht ganz so stark war. Das lag daran, dass fast jeder, vom örtlichen Parteichef bis zum einfachsten Grenzposten, an den Reichtümern teilhaben wollte. Doch gelegentlich ordnete Pjöngjang ein hartes Durchgreifen an, und dann konnte es brutal werden.

Die Menschen aus Hyesan waren daher oft geschäftstüchtiger und wohlhabender als die übrigen Nordkoreaner. Die Erwachsenen erklärten mir, wir hätten Glück, dort zu leben. Es sei nach Pjöngjang der beste Ort im ganzen Land.

In Hyesan beginnt meine Erinnerung, und fast hätte sie dort auch geendet.

Seltsamerweise weiß ich noch, welches Kleid ich damals trug. Es war hübsch und hellblau. Ich war allein am grasbewachsenen Bahndamm hinter unserem Haus entlanggewandert und saß nun auf einem Stück Holz und sammelte Steine auf meinem Schoß. Das Kleid und meine Hände wurden dabei schmutzig. Plötzlich durchschnitt ein lautes Geräusch die Luft und hallte von den Bergen wider. Ich drehte mich um und sah eine riesige schwarze Masse so groß wie ein Haus zwischen den Kiefern um die Kurve kommen. Sie bewegte sich direkt auf mich zu. Ich wusste nicht, was es war.

Ich habe nur ein paar verschwommene Erinnerungen – blendende Scheinwerfer, kreischendes Metall, ein beißender Brandgeruch. Laute Rufe. Ein erneutes Tuten.

Die schwarze Masse war direkt vor mir, über mir. Ich lag darunter. Der Lärm und der Brandgeruch waren fürchterlich.

Später erzählte der Lokführer meiner Mutter, er habe mich in der Kurve gesehen, knapp hundert Meter vor ihm auf den Gleisen, zu nah, um noch bremsen und den Zusammenstoß verhindern zu können. Ihm sei fast das Herz stehen geblieben. Ich kroch unter dem vierten Waggon hervor. Aus irgendeinem Grund lachte ich. Inzwischen hatten sich viele Leute am Bahndamm versammelt. Meine Mutter war unter ihnen.

Sie zog mich am Arm hoch und schrie: »Wie oft habe ich es dir gesagt, Min-young? Geh – nie – dorthin!« Dann drückte sie mich an sich und begann, unkontrolliert zu weinen. Eine Frau aus der Menge kam zu ihr und sagte, das sei ein gutes Omen. So jung eine solche Katastrophe zu überleben bedeute, dass ich ein langes Leben vor mir hätte. Trotz all ihrer Vernunft war meine Mutter ein abergläubischer Mensch. Im Lauf der Jahre würde sie die Prophezeiung dieser Frau oft wiederholen. Sie wurde zu einer Art Mythos, und ich rief sie mir in Erinnerung, wann immer ich in Gefahr war.

Meine Mutter war eines von acht Geschwistern – vier Brüdern und vier Schwestern –, die allesamt die typische Hyesan-Sturheit besaßen. Beruflich gingen sie in ganz unterschiedliche Richtungen. Am einen Ende der Skala befand sich Onkel Geld. Er gehörte der Führungsetage einer erfolgreichen Handelsgesellschaft in Pjöngjang an und konnte westliche Luxusgüter besorgen. Wir waren sehr stolz auf ihn. Am anderen Ende stand Onkel Arm, der durch seine Hochzeit mit einem Mädchen von einer Kolchose im songbun-System abgestiegen war. Er war ein begabter Maler und hätte zu den wenigen Auserwählten gehören können, die die Führer porträtieren durften, doch stattdessen verbrachte er seine Tage damit, die langen roten Propagandatransparente zu malen, die in den Feldern standen und erschöpfte Landarbeiter dazu anhielten, »die transformative Phase des wirtschaftlichen Wachstums herbeizuführen« und so weiter. Die anderen Brüder waren Onkel Kino, der das örtliche Lichtspielhaus betrieb, und Onkel Opium, ein Drogendealer. Onkel Opium war ein einflussreicher Mann in Hyesan. Sein hoher songbun schützte ihn vor Ermittlungen, und die örtliche Polizei freute sich über die Schmiergelder. Er setzte mich oft auf seine Knie und erzählte mir fantastische Märchen aus den Bergen, von Tieren und mythischen Bestien. Wenn ich heute daran zurückdenke, wird mir klar, dass er vermutlich high war.

Meiner Mutter bedeutete ihre Familie alles. Unser Sozialleben fand im Kreis der Verwandten statt, sie schloss nur wenige Freundschaften mit Außenstehenden. In dieser Hinsicht ähnelte sie meinem Vater. Sie waren beide sehr reservierte Menschen. Ich sah sie nie Hand in Hand und ertappte sie nie eng umschlungen in der Küche. Nur wenige Nordkoreaner zeigen ihre romantischen Gefühle. Und dennoch war immer klar, was sie füreinander empfanden. Manchmal sagte meine Mutter am Abendbrottisch zu meinem Vater: »Ich bin so froh, dass ich dich getroffen habe.« Mein Vater lehnte sich dann zu mir herüber und flüsterte so laut, dass meine Mutter es hörte: »Weißt du, wenn sie mir zehn Lkws voller Frauen bringen würden und ich mir eine andere aussuchen sollte, würde ich alle ablehnen und deine Mutter nehmen.«

An ihren Gefühlen füreinander änderte sich im Verlauf der Ehe nichts. Manchmal kicherte meine Mutter und meinte: »Dein Vater hat die allerschönsten Ohren!«

Wenn mein Vater mit dem Militär unterwegs war, kam meine Mutter mit mir bei meiner Großmutter oder einer meiner Tanten unter. Ihre älteste Schwester war Tante Alt, eine melancholische, alleinstehende Frau, von deren tragisch verlaufener Ehe ich erst Jahre später erfuhr. Die jüngste war eine großzügige Frau namens Tante Groß. Die schönste und begabteste unter den Schwestern meiner Mutter war Tante Hübsch. Als Mädchen hatte sie davon geträumt, Eiskunstläuferin zu werden, doch nachdem ihr bei einem Sturz ein Zahn abgebrochen war, setzte meine Großmutter diesem Wunsch ein Ende. Tante Hübsch hatte einen ausgeprägten Sinn fürs Geschäft – ebenso wie meine Mutter – und verdiente viel Geld damit, chinesische Waren in Pjöngjang und Hamhung zum Verkauf anzubieten. Außerdem war sie zäh und überstand einst eine Blinddarmoperation bei Kerzenlicht, als das Krankenhaus weder Strom noch genügend Narkosemittel hatte.

»Ich konnte hören, wie sie mich aufschnitten«, erzählte sie.

Mich packte das Entsetzen. »Tat es nicht weh?«

»Doch, schon, aber was soll man machen?«

Meine Mutter war die geborene Unternehmerin. Das war ungewöhnlich für eine Frau mit ihrem songbun. In den 1980ern und Anfang der 1990er betrachteten viele Frauen wie sie es als unmoralisch und unter ihrer Würde, durch Handel Geld zu verdienen. Doch meine Mutter kam aus Hyesan und hatte ein Näschen für gute Geschäfte. In den folgenden Jahren tätigte sie immer kleine, profitable Transaktionen, die der Familie in den allerschlimmsten Zeiten das Überleben sicherten. »Handel« und »Markt« galten noch als obszöne Wörter, als ich aufwuchs, doch innerhalb von ein paar Jahren änderte sich diese Auffassung radikal, als es ums Überleben ging.

Meine Mutter war streng und erzog mich gut. Sie hatte in jeder Hinsicht hohe Standards. Sie brachte mir bei, dass es ungehörig war, ältere Menschen anzurempeln, zu laut zu reden, zu schnell zu essen und mit offenem Mund zu kauen. Ich lernte, dass es unschicklich war, breitbeinig zu sitzen. Ich lernte, mit unter mir gekreuzten Beinen aufrecht auf dem Boden Platz zu nehmen, wie die Japanerinnen. Sie brachte mir bei, mich morgens mit einer ganzen, rechtwinkligen Verbeugung von ihr und meinem Vater zu verabschieden.

Als eine meiner Freundinnen einmal zu Besuch war und mich dabei beobachtete, fragte sie: »Warum machst du das?«

Die Frage überraschte mich. »Machst du das nicht?«

Meine Freundin krümmte sich vor Lachen. Von da an wurde ich oft mit extravaganten, gespielt förmlichen Verbeugungen geärgert.

Meine Mutter hasste es, wenn es zu Hause unaufgeräumt war, und konnte pedantisch ordentlich sein. In der Öffentlichkeit sah sie immer aus wie aus dem Ei gepellt – sie trug nie alte Kleidung und hatte ein Gespür für Modetrends, obwohl sie mit ihrem Aussehen selten zufrieden war. In einer Gesellschaft, in der Frauen mit runden Gesichtern, großen Augen und herzförmigem Mund als Schönheitsideal galten, beklagte sie sich über ihre schmalen Augen und ihr eckiges Gesicht, meist mit ironischem Unterton: »Als ich mit dir schwanger war, hatte ich Angst, du könntest aussehen wie ich.« Ihr Interesse an Mode habe ich geerbt.

Meine Einschulung in die Vorschule von Hyesan stand kurz bevor, doch dazu kam es nicht. An einem Dezemberabend kehrte mein Vater breit grinsend von der Arbeit zurück. Draußen schneite es stark, und seine Mütze und Uniform waren weiß gepudert. Er klatschte in die Hände, bat um einen heißen Tee und erzählte uns von seiner Beförderung. Er sollte versetzt werden, und wir würden nach Anju ziehen, eine Stadt nahe der nordkoreanischen Westküste.

Kapitel 3

Die Augen an der Wand

Anfang 1984 kamen wir drei nach Anju. Ich war vier Jahre alt. Als meine Mutter die Stadt sah, wurde ihr ganz mulmig zumute. Der wichtigste Wirtschaftszweig der Region ist der Kohleabbau, und der Chongchon, der durch die Stadt fließt und ins Gelbe Meer mündet, war schwarz vor Schlamm und Kohleschlacke. Man teilte uns mit, dass er im Sommer stank und zur Regenzeit oft die Stadt überflutete. Ein Großteil Anjus war nach dem Koreakrieg wiederaufgebaut worden, wie auch andere Städte Nordkoreas. Sie alle teilten das gleiche eintönig-farblose Aussehen. Die Hauptstraßen im Zentrum wurden von Wohnblöcken aus Beton gesäumt. Es gab ein paar Verwaltungsgebäude im Sowjetstil und einen öffentlichen Park mit der obligatorischen Bronzestatue von Kim Il-sung. Der Rest der Stadt bestand aus niedrigen Häusern mit Ziegeldächern. Hyesan sah zugegebenermaßen nicht anders aus, doch durch das Gebirge im Hintergrund und unser fröhliches Familienleben dort erschien es uns wie ein magischer Ort.

Meine Mutter bedauerte es sehr, aus Hyesan fortgezogen zu sein, weil sie wusste, dass Besuche bei unseren Verwandten von nun an seltener und schwieriger würden. Doch zugleich war ihr klar, dass wir ein privilegiertes Leben führten. Die meisten nordkoreanischen Familien fahren niemals irgendwohin. Sie verbringen ihr ganzes Leben am gleichen Ort und brauchen eine Reisegenehmigung, um auch nur ihren Bezirk verlassen zu dürfen. Die Arbeit meines Vaters verschaffte ihm Zugang zu Gütern, über die nur wenige Menschen verfügten. Zu den meisten Mahlzeiten gab es bei uns Fisch oder Fleisch. Ich hatte keine Ahnung, dass dieser Genuss für viele Nordkoreaner so selten war, dass sie sich oft sogar an das genaue Datum erinnern konnten – vor allem an den Geburtstagen der Führer wurden Extrarationen verteilt.

Unsere neue Wohnung, die sich auf dem Stützpunktgelände befand, gefiel uns nicht. Sie hatte ein Wandradio mit einem Lautsprecher, das sich nicht abschalten oder leiser drehen ließ und über das die banjang, die Leiterin des Nachbarschaftsverbundes,gelegentlich Anweisungen ertönen ließ oder Luftschutzübungen ankündigte. Die banjang war üblicherweise eine Frau in den Fünfzigern, deren Aufgabe es war, Warnungen der Behörden zu überbringen, zu prüfen, dass niemand ohne Genehmigung über Nacht blieb, und die Familien im Block im Auge zu behalten. Am Tag unseres Einzugs überreichte sie uns die zwei Porträts für unsere Wohnung. Sie waren identisch mit denen in unserem Haus in Hyesan, und wir hängten sie auf, noch ehe wir etwas aßen.

Unser gesamtes Familienleben, alle Mahlzeiten, das Gemeinschaftsleben und das Schlafen fanden unter diesen Porträts statt. Ich wuchs unter ihrem Blick auf. Ihre Pflege war die wichtigste Aufgabe jeder Familie. Im Grunde stellten sie eine zweite Familie dar, weiser und wohlwollender als selbst unsere Eltern. Darauf abgebildet waren der Große Führer Kim Il-sung, der unser Land gegründet hatte, und sein geliebter Sohn Kim Jong-il, der Geliebte Führer, der ihm eines Tages folgen sollte. Ihre distanzierten, weich gezeichneten Gesichter nahmen einen Ehrenplatz in unserem Haushalt ein, wie in allen anderen auch. Sie hingen wie Ikonen in jedem Gebäude, das ich je betreten hatte.

Schon als ich sehr klein war, half ich meiner Mutter, sie sauber zu halten. Wir reinigten sie mit einem speziellen, vom Staat gestellten Tuch, das zu keinem anderen Zweck verwendet werden durfte. Schon als Kleinkind wusste ich, dass die Porträts sich von allen anderen Gegenständen unterschieden. Als ich einmal mit dem Finger auf sie wies, schalt mich meine Mutter: »Tu das nie wieder.« Auf sie zu zeigen, so lernte ich, war extrem unhöflich. Stattdessen deutete man mit ausgestreckter Hand auf sie, die Handfläche nach oben, voller Respekt. »So«, sagte meine Mutter und zeigte es mir.

Nichts durfte höher hängen als die Porträts, und sie mussten perfekt gerade ausgerichtet sein. Andere Bilder oder Dekorationen waren an dieser Wand verboten. In öffentlichen Gebäuden und in den Häusern von hochrangigen Parteikadern war ein drittes Porträt Pflicht – das von Kim Jong-suk, einer Heldin des Widerstands gegen die Japaner, die früh verstarb. Sie war die erste Frau Kim Il-sungs und die verehrte Mutter von Kim Jong-il. Ich fand sie wunderschön. Diese Dreifaltigkeit nannten wir die Drei Generäle vom Paektu.

Etwa einmal im Monat kamen Beamte mit weißen Handschuhen in jede Wohnung des Blocks und inspizierten die Porträts. Wenn sie meldeten, dass ein Haushalt sie nicht ordentlich sauber gehalten hatte – wir sahen einmal, wie ein Kontrolleur eine Taschenlampe in einem bestimmten Winkel auf das Bild hielt, um zu überprüfen, ob sich auch nur ein einziges Staubkorn auf dem Glas befand –, wurde die Familie bestraft.

Jedes Mal, wenn wir die Porträts zum Säubern abnahmen, gingen wir so vorsichtig mit ihnen um, als handle es sich um unbezahlbare Schätze aus einem Goryeo-Grabmal oder um angereichertes Uran. Feuchtigkeitsschäden wie die Schimmelflecken, die im Sommer auf dem Papier erscheinen konnten, wurden akzeptiert, doch jeder andere Makel konnte einen Wohnungseigentümer in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. In den Medien wurden jedes Jahr heroische Porträtrettungen dargestellt. Meine Eltern hörten im Radio der Würdigung eines alten Mannes, der die Porträts inmitten eines Hochwassers über seinen Kopf hielt (sie blieben verschont, doch er verlor sein Leben), und sie sahen in der überregionalen Tageszeitung Rodong Sinmun das Bild von einem Paar, das nach einem katastrophalen Erdrutsch auf dem Dach seiner Hütte hockte und die heiligen Porträts umklammerte. Die Zeitung rief alle Bürger dazu auf, sich an solchen Helden ein Beispiel zu nehmen.

Dieses Eindringen des Staates in unser Privatleben kam mir nicht repressiv oder unnatürlich vor. Es war undenkbar, dass sich jemand über die Porträts beschwerte. An den fett gedruckten Tagen im Kalender – den Geburtstagen von Kim Il-sung und Kim Jong-il – stellten wir drei uns vor den Bildern auf und verbeugten uns feierlich.

Nur bei solchen kleinen Familienzeremonien hielt die Politik Einzug in unseren Haushalt. Wenn mein Vater von der Arbeit nach Hause kam und Reis, Suppe, Kimchi und eingelegtes Gemüse auf dem Tisch standen – unsere tägliche Mahlzeit –, wartete meine Mutter ab, bis ich »Danke, Verehrter Väterlicher Führer Kim Il-sung, für unser Essen« gesagt hatte, bevor wir nach unseren Stäbchen griffen. Doch während des Essens sprachen meine Eltern nur über persönliche Angelegenheiten oder über die Familie. Es gab meistens genügend unverfängliche Neuigkeiten von den Verwandten aus Hyesan, über die man sich unterhalten konnte.

Ernsthafte Themen kamen nie zur Sprache. Ich lernte, sie zu meiden, so wie ein Kind ein Gespür für die Gefahren des Straßenverkehrs entwickelt. Das geschah zu meinem eigenen Schutz, und wir unterschieden uns in dieser Hinsicht nicht von anderen Familien. Da es keinen Aspekt des Lebens gab, weder privat noch öffentlich, der nicht in den Zuständigkeitsbereich der Partei fiel, konnte fast jedes Gesprächsthema politisch und somit gefährlich sein. Meine Eltern wollten es nicht riskieren, einen unbedachten Kommentar fallen zu lassen, den ich unschuldig wiederholen oder missverstehen könnte.

Während ich aufwuchs, spürte ich diese Gefahr, doch ich hielt sie für so normal wie die Luftverschmutzung oder das Risiko, sich an Feuer zu verbrennen. Ich machte mir keine Gedanken darüber, genauso wenig wie mein Bruder Min-ho später. Wir erwähnten die Führer, die uns von der Wand aus betrachteten, nur selten. Denn wer Kim Il-sungs Namen aussprach und einen Teil seiner Titel vergaß – Großer Führer, Verehrter Väterlicher Führer, Genosse, Präsident oder Marschall –, riskierte eine schwere Strafe, falls das Vergehen gemeldet wurde.