Schwule Schurken - Eric Walz - E-Book

Schwule Schurken E-Book

Eric Walz

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Beschreibung

Der Olymp der schwulen Helden ist gut bevölkert, Michelangelo, Proust und Thomas Mann werden gern als Vorzeigehomosexuelle zitiert. Eric Walz öffnet mit 'Schwule Schurken' den Hades und beschreibt das Leben von Männern, die Kriege geführt, gemordet und erpresst haben. Der Band enthält Kurzbiografien von Alexander dem Großen, Heliogabal, Papst Sixtus IV., Friedrich dem Großen, Robespierre, Redl, Röhm, Hoover, Mishima, Kühnen und Dahmer. Diese Neuausgabe enthält zudem erstmals Biografien von Henri III. und Jean Genet (der so gern ein Schurke gewesen wäre). Seit der Erstausgabe seiner 'Schwulen Schurken' vor neun Jahren hat Eric Walz (Jg. 1966) sich als Autor historischer Romane einen Namen gemacht ('Die Herrin der Päpste', 'Die Sündenburg'), doch sein Debut fällt nach wie vor aus dem Rahmen. "Erschreckend, beeindruckend und faszinierend." (Männer)

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ERIC WALZ

SCHWULE SCHURKEN

Männerschwarm VerlagHamburg 2011

VORWORT

Schwule Schurken haben denunziert, haben Andersdenkende vor Gericht gestellt und andere Schwule verfolgt. Sie haben gemordet, gestohlen, ihr Volk tyrannisiert, ihr Land verraten und Kriege angezettelt. Sie haben versucht, Regierungen zu stürzen oder sie sich gefügig zu machen. Sie waren nicht besser oder schlechter als ihre nichtschwulen Kumpane.

Ich habe mich schon immer für Menschen interessiert, für Lebensläufe, und sobald ich meine sexuelle Identität entdeckte, las ich Biografien über die «schwulen Helden» in der Geschichte: Michelangelo, James Dean, Klaus Mann, Tschaikowsky, Valentino, Wilde, Pasolini ... Allesamt Künstler und Kultstars, mit deren Namen ich (und sicher nicht nur ich) mich gerne schmückte und mit denen ich bisweilen auch ein bisschen prahlte, um anderen zu verdeutlichen, wie feinsinnig Schwule sind und wie stark sie die Kultur des Westens mitgeprägt haben.

Irgendwann aber waren alle Heldenbiografien durchgelesen. Da erst fiel mir auf, dass über die «schwulen Finsterlinge» wenig gesprochen wurde: FBI-Chef Hoover, der tagsüber die Schwulen verfolgte und nachts im lavendelblauen Kleidchen Stricherpartys feierte; Papst Sixtus IV., der die Hexenverfolgung initiierte; König Henri III. von Frankreich, der mit seiner Bande von Liebhabern Tausende von Hugenotten in der Bartholomäusnacht abschlachtete. Was mir darüber hinaus auffiel, war, dass einige der «schwulen Helden» – wie z.B. der Grieche Alexander und der Preuße Friedrich – ihre sogenannte Größe vor allem durch ungeheuer brutale, massenhaft todbringende und oft überflüssige Kriege errangen. Für ihre Zeitgenossen, darunter auch die Menschen ihres eigenen Volkes, waren diese Männer Alptraum und Fluch zugleich, weshalb sie in meinen Augen nicht als Helden taugen, sondern als Protagonisten für mein Schurkenbuch.

Hatte die Homosexualität dieser Schurken etwas mit ihrer Gewalttätigkeit zu tun? Oder ihre innere Emigration, in der sie sich wegen ihrer erotischen Neigung befanden? Oder ihr Selbsthass? Oder spielte all das im Grunde keine Rolle?

Ich war schon immer besser darin, Fragen zu stellen als Antworten zu geben. Mein Anspruch an dieses Buch war es, dreizehn lebendige, teils humorvolle und teils erschreckende Biografien über interessante Menschen zu schreiben. Welche Schlussfolgerungen aus der Betrachtung dieser Lebensgeschichten zu ziehen sind, mag jeder Leser selbst entscheiden.

ALEXANDER DER GROSSE: DER BESESSENE

(356 – 323 vor unsrer Zeitrechnung)

Wenn dieses glückt, Hephaistion, dann ist das Ziel der Menschheit erreicht. Blut wird fließen, aber das Ziel ist erreicht.

Klaus Mann: «Alexander»

 

Frühling, im dreizehnten Jahr seiner Herrschaft.

Alexander liegt im Fieber, schon seit dreizehn Tagen. Diese Zahl, vor der die Orakel ihn gewarnt haben, bringt ihm wahrhaftig Unglück. Sein Körper kocht, die Eingeweide und das Geschlecht schmerzen. Am Tage quälen ihn Reuegedanken und nachts verschwimmt ihm die Unterscheidung zwischen Vision und Realität, die ihm von jeher schwer gefallen ist. Nur eines weiß er jetzt genau: Er, der König von Makedonien, der Führer des griechisch-korinthischen Bundes, der Herr von Thessalien und Thrakien, ägyptischer Pharao, Großkönig des Persischen Reiches, Fürst von Indien, lebendiger Gott, wird noch heute sterben.

Sterbebetten sind schonungslos, denkt Alexander. Auch für Götter wie ihn. Das, auf dem er fiebernd liegt, ist kostbar, gewiss: ein Gestell aus reinstem Gold, besetzt mit Smaragden, die Matratze gepolstert mit den Fellen dutzender Hermeline und die Decken gefüllt mit dem bunten Gefieder seltener Entenarten. Dieses Götterbett jedoch lässt ihn seine letzten Minuten nicht friedvoller erleben als die steinernen Stufen des Tempels von Aigai seinen Vater Philipp; der Dolch eines Attentäters hatte ihn dort ereilt – vor dreizehn Jahren. Alexander erinnert sich noch, wie er auf die Botschaft von diesem überraschenden Ereignis reagierte: Er verzog den Mund zu einem befriedigten Grinsen. Es war die erste kleine Rache für die überhebliche Ignoranz eines Vaters gegen seinen Sohn.

Am 6. Loios kam Alexander in Makedoniens Hauptstadt Pella auf die Welt, mitten im heißesten Sommer. Alexanders Vater war zu dieser Zeit nicht in seiner Hauptstadt, sondern zog es vor, den Pferderennen bei den Olympischen Spielen beizuwohnen. Später wird Alexanders Mutter dem Knaben erzählen, dass Philipp sich über den Sieg eines seiner Pferde mehr gefreut habe als über die Geburt des Prinzen. Dieser ersten, ständig wiederholten Geschichte folgten im Laufe der Jahre viele Sagen über die Welt der unsterblichen Götter und den ewigen Kampf der himmlischen Mächte. Olympias, die Mutter, war eine «echte» Erzählerin. Meistens plätscherte ihre Stimme sanft wie ein Gebirgsquell, aber zuweilen toste sie wie ein Mitternachtssturm; Olympias grub dann ihre Finger derart in die Handballen, dass sie bluteten.

Im Laufe der Zeit flocht sie in die Göttersagen auch höchst irdische Geschehnisse ein – dass Philipp, ihr Mann und König, sie nicht liebe, dass er zu anderen Frauen gehe, sie eines Tages verstoßen werde. Und so vermischte sich in Alexanders Vorstellung das Leben auf dem Olymp mit dem Leben der bedauernswerten Olympias; sie, er selbst und Philipp waren Teil der kämpferischen Götterwelt. Wie der Kriegsgott Ares seinen Vater Zeus hasste, so hasste Alexander bald Philipp.

Dabei sah er ihn kaum. Philipp war mit der Ausweitung seines Staates beschäftigt, eroberte angrenzende Länder, erstritt sich die Vorherrschaft über die Griechen, führte einen Feldzug nach dem anderen. Doch Alexander spürte die Allmacht des Vaters, seine Willensstärke und Intelligenz ebenso wie seinen Jähzorn und die Wollust auch aus der Ferne. Meilen spielten hier keine Rolle, denn Philipp war in ihm, in Alexander. Da er ihn nicht aus sich herausreißen konnte, blieb ihm nur, ihn zu überdecken. Er tat, was Philipp nie getan hätte, schrieb Gedichte, spielte Zither, sang Hirtenweisen und ging noch mit dreizehn Jahren Hand in Hand mit seiner Mutter durch die Gärten des Palastes von Pella. Dann, in diesem dreizehnten Jahr, bestimmte der aus den Kriegen heimkehrende König, dass man ihn, Alexander, von einem Weibe in einen Thronfolger umerziehen solle, und traf zu diesem Zweck zwei bedeutende Entscheidungen.

Zum einen benannte Philipp den Philosophen und Wissenschaftler Aristoteles für das Amt des Erziehers und Lehrers. Glücklicher Weise vertrug sich Alexander mit seinem universell begabten Lehrer, da dieser ihn neben den ernsten Fächern Politik und Philosophie auch so Erfrischendes lehrte wie Medizin, Botanik und Zoologie. Gewiss, er war nicht immer einer Meinung mit ihm. Aristoteles war tief in seinem Herzen ein Demokrat, ein Zauderer und Zögerer, dessen Prinzip das «Maßhalten» war, ein Wort, das Alexander schon damals anwiderte, weil es nach Unauffälligkeit und Gewöhnlichkeit klang. Aber schlimmer noch, Aristoteles versuchte, die Macht der Götter kleinzureden, ja er behauptete, dass das Universum nicht von den launischen Göttern beherrscht werde, sondern vernünftigen Gesetzen der Natur gehorche; gerade das empfand Alexander als persönliche Beleidigung. Die Ilias von Homer, dieses Buch der Helden und Götter, bezeichnete Aristoteles schlicht als Literatur; für Alexander war es ein heiliges, ein olympisches Werk, das keine mythischen Geschichten erzählte, sondern reale Geschichte lehrte.

Doch Alexander verzieh seinem Erzieher diese Unzulänglichkeiten. Die Person des Aristoteles war für ihn Beispiel und Beweis, dass selbst die klügsten Menschen weniger bewirken als der Funke des Göttlichen, der in ihm selbst, in Alexander war, und den er sich auch von Philipp und Aristoteles nicht austreten ließ.

Als zweite Maßnahme wurde Olympias fortgeschickt, verbannt, und Alexander erhielt statt ihrer zwei Gefährten in seinem Alter: Kleitos und Hephaistion.

Es strengt Alexander an zu lachen, und die umherstehenden Ärzte schütteln missbilligend den Kopf, aber beim Gedanken an diese Verfügung Philipps kann er sich ein Lächeln nicht verkneifen. Kleitos und Hephaistion, die Söhne zweier der bewährtesten Offiziere aus Philipps Heer, sollten die Abhärtung und Mannwerdung des Prinzen – den manche hinter vorgehaltener Hand auch das Prinzesschen nannten – unterstützen. Philipp ahnte nicht, dass diese beiden Knaben die Erotik in seinem Sohn erweckten. Neugierig besahen sich die Jungen bei ihrem ersten Zusammentreffen. Zu jener Zeit zeichnete sich bereits Alexanders künftige, ein wenig widersprüchliche Statur ab: schlank war er, drahtig und standfest, obwohl er den Sport oft vernachlässigte; seine Augen dagegen glänzten melancholisch und blickten gerne in den Himmel, und seine wallenden blonden Haare gaben ihm sogar etwas Androgynes. Hephaistion, der Schöne, hatte einige Züge mit ihm gemeinsam. Ein einziger Blick in seine makellos hellen Gesichtszüge genügte Alexander, um zu erkennen, dass dieser Junge immer loyal zu ihm sein würde, ja, ihn einmal mit aller Kraft lieben würde. Und Alexander wusste, dass er schon deshalb nicht anders konnte als ihn widerzulieben.

Kleitos dagegen war robust, schon damals ein Athlet. Seine Muskulatur begann sich auszuprägen, und seine tiefliegenden, dunklen Augen leuchteten von innerem Widerstand. Oh, Kleitos mochte Alexander, aber er unterwarf sich nicht gerne, widersprach, korrigierte, und zeigte stets nur das Mindestmaß an Respekt für den Thronfolger und spöttische Verachtung für den fügsamen Hephaistion. Alexander hätte Kleitos fortschicken oder maßregeln lassen können, aber er freute sich darauf, Kleitos eines Tages zu zähmen, ihn zu besiegen und sich von ihm lieben zu lassen, und so nutzten diese beiden die letzten Jahre der Kindheit mit unschuldigem Kräftemessen, hinter dem sich bereits eine schwer kontrollierbare Leidenschaft verbarg.

Philipp sah nur, dass sein Sohn sich mit Kleitos im Schwertkampf übte und im Reiten maß, und dass Hephaistion der treueste Vertraute war, den ein künftiger König sich wünschen konnte; daher nickte er diesem in unsichtbarer, verworrener Hassliebe verbundenen Trio arglos und beifällig zu, wann immer er ihm begegnete.

Dieser Esel, denkt Alexander und hustet vor Belustigung und Aufregung. Konnte Philipp diese nur schlecht verborgenen Beziehungen der heranwachsenden Knaben nicht durchschauen? Was für ein begrenztes Begriffsvermögen dieser vollbärtige Hüne hatte! Bei Liebe dachte er nur an Vergnügen, bei Eroberung an ein paar Landstriche, Flusstäler und Bergketten, dachte an die kargen, nur von Zypressen und krüppeligen Olivenbäumen bewachsenen Böden Griechenlands, an ein paar hundert zusätzliche Hektar Land voller Geröll. Er war ein Provinzstratege, nicht eigentlich dumm und nicht schwach, aber ohne jede Fantasie, und sein blutiges Ende auf der Treppe eines unwichtigen Tempels in einer unwichtigen Stadt war seinem Leben, so fand Alexander, angemessen. Darum grinste Alexander an jenem Tag des Attentats; dieser Tod kam ihm so passend vor. Er fasste den Plan, die schlimmste denkbare Rache eines Prinzen an seinem königlichen Vater vorzunehmen: Ihn vergessen zu machen, ihn in den Schatten zu stellen, und sich selbst auf ewig in das Buch der Helden und Götter einzuschreiben. Er würde der Menschheit beweisen, wie gering im Vergleich zu ihm selbst ein mächtiger König war, und wie fehlbar die Philosophen, wenn sie behaupteten, Götter hätten keine Macht.

Alexanders erste Amtshandlungen als zwanzigjähriger König beschäftigten sich notgedrungen noch mit den gehassten Provinzgeschäften. Seinen Vetter Amyntas, seinen Halbbruder Karanos und seinen Onkel Attalos ließ er am Tage nach Philipps Beisetzung ermorden, um seinen Thronanspruch zu unterstreichen, und der aus dem Exil befreiten Olympias gestattete er, ihre Rivalinnen von einst samt deren Kindern und Säuglingen zu töten. Dass Olympias sogar so weit ging, das ungeborene Kind von Philipps letzter Gefährtin aus dem toten Mutterleib zu holen und auf einem Feuer zu verbrennen, fand er reichlich übertrieben, aber er maßregelte sie deshalb nicht. Im Gegenteil, sie wurde damit geehrt, zusammen mit dem alten Haudegen Antipatros die Regentschaft über Makedonien führen zu dürfen, solange er fort war. Und er plante, lange fort zu bleiben.

In seinen ersten zwei Jahren als König erreichte er, was Philipp in zwei Jahrzehnten nicht gelungen war: die diplomatische und militärische Niederzwingung der anderen griechischen Länder und die Installierung eines Staatenbundes, dessen Vorsitz natürlich er selbst innehatte. Das dazu notwendige Gespür für Taktik hatte er von seinem Vater geerbt, er ergänzte es lediglich um Ungeduld und Hemmungslosigkeit. Er hatte noch zu viel vor, um sich mit Bedenkenträgern auseinander zu setzen, erbärmlichen Demokraten und Bürokraten. Theben, das sich bis zuletzt gegen seine Vormachtpläne stemmte, wurde von seinem Heer erobert und vollständig niedergebrannt, seine verkohlten Steine eingerissen, seine Einwohner hingerichtet oder versklavt. Niemand nannte Alexander danach je wieder ein Prinzesschen. Jeder Widerstand gegen ihn erlosch und machte der Ehrerbietung oder gar der Furcht Platz. Aber Alexander hatte nicht die Absicht, ein griechischer Tyrann zu bleiben, er wollte mehr als ein Mensch werden, ein Gott.

Heute steht sein Bett in Babylon, einem der Zentren Persiens, als habe Alexander schon immer dort gelebt. Und tatsächlich kommt es ihm vor – besonders in diesen letzten Tagen der Benommenheit –, als sei er erst bei Beginn des Orientfeldzuges wirklich geboren worden. Das Vorher, die Jugend in Pella, die Krönung, der Balkanfeldzug, die Feuer in Theben, das war ihm nichts gegen die Unendlichkeit, die vor ihm lag, als er an der Spitze von fünfunddreißigtausend Mann jenseits des Hellespont in Abydos landete. Er hatte Europa verlassen – für immer. Das war seine eigentliche Geburt, der Orient seine seelische Heimat, denn nur die Orientalen kennen lebendige Götter.

Alexander hatte den Tross ganz nach seinen Vorlieben ausgestattet. Priester, um den Göttern täglich zu opfern; Wahrsager, die ihm Siege versprechen und Literaten, die sie aufschreiben sollten. Und sie sollten viel zu schreiben haben. Die Perser brauchten Wochen, um ihm ein gleich starkes Heer entgegenzusenden, und als es endlich eingetroffen war und Alexander am Fluss Granykos zur Schlacht stellte, fegte er ihre Streitmacht hinweg. Alexander hätte zufrieden sein können, doch er war es nicht. Während der Schlacht war es zu einer brisanten Situation gekommen: Fast hätte ihn ein gegnerischer Soldat mit dem Schwert erschlagen. Kleitos war dazwischen gegangen, hatte Alexander das Leben gerettet und ihm zugenickt wie ein gnädiger Gebieter. Statt zu Alexander aufzusehen, schien der Freund stumm zu verlangen, dass dieser zu ihm aufsah. Alexanders Wangenknochen mahlten, als er Kleitos’ überlegenen Blick auffing. Ja, Granykos war ein großer militärischer Erfolg, die Küstenstädte Lydiens, Phrygiens und Kilikiens – seit einem Jahrhundert unter persischer Okkupation – fielen wie überreifes Obst in seine Hände, die Völker begrüßten ihn als Befreier, die Soldaten feierten ihn als Helden. Und dennoch war Alexander weit davon entfernt, diesen einen Mann zu erobern.

Die Zeichen mehrten sich, dass Alexander die festgefügte Welt des Orients umstürzen würde. Als er nach der Eroberung von Gordion in die Stadt einzog, wartete die Priesterschaft schon auf ihn und führte ihn zu einem mythischen Knoten. Wer ihn lösen könne, dem sei «ganz Asien» gewiss, hieß es. Nun, es sah unmöglich aus, dieses Gespinst wie aus hundert Schlangen aufzubinden. Und so tat er, was er mit jeder Schlange tun würde: Er zerschlug den Knoten mit dem Schwert. Zum ersten Mal konnte Alexander für einen Augenblick ein verblüfftes Blitzen in Kleitos Augen beobachten. Er hatte ihn überrascht. Das sollte nur noch bei zwei weiteren Gelegenheiten in den kommenden Jahren geschehen, am Tage des höchsten Triumphs und zu Beginn des unaufhaltsamen Abstiegs.

Ein ägyptischer Priester kommt herbei, kahlköpfig, barfüßig, unverständliche Verse murmelnd. Schwer quillt der gelbliche Rauch aus dem Kessel, den er in der Hand trägt, er breitet sich im ganzen Raum aus. Der Priester senkt im Angesicht von Alexanders gedunsenem Gesicht betroffen die Augen. Dieser Mensch wird es sein, der ihn einbalsamieren wird, schon morgen. Alexander weiß, was er denkt. Abschied vom Pharao, vom Licht, vom Sohn des Gottes Ammon. Zehn Jahre lang trug Alexander diese Titel, die wie alle Ehrungen unpersönlich klingen, aber doch das Höchste, Beste und Wärmste darstellen, das Ägypten zu geben hat. Auch dieses Reich hat Alexander gewonnen, damals, nach Issos.

Es ist im Grunde ein Schrecknis, denkt Alexander, dass man jahrhundertealte Kulturen an einem einzigen Tag zerschmettern kann. Persien war seit unzähligen Generationen ein Großreich, dessen politische und militärische Strahlkraft zwar verhasst, aber gerade darum wirksam war. Persien war der ordnende Faktor im Orient. Vom alten Troja bis hinunter zum Nil und ostwärts bis zum sagenumwobenen Indus verklammerte es mit gewaltiger Energie hundert Völker unter einer Krone. Und vor allem: Persien war nicht im Innern porös wie die vormaligen Reiche der Hethiter, Assyrer, Ägypter. Seine Geldmittel waren enorm, seine Soldaten gut bezahlt und hochmotiviert, der Handel florierte. Ein derart intaktes Imperium innerhalb nur weniger Stunden zunichte machen zu können, hatte etwas Beängstigendes. Denn welche Sicherheit konnte es für die Menschheit noch geben, wenn selbst ein solches Imperium im Nu verschwinden konnte? Es wäre übertrieben zu behaupten, Alexander habe an jenem windigen Novembertag von Issos um Persien getrauert, aber tatsächlich überkam ihn am Abend nach der Schlacht eine gewisse Melancholie.

Issos: Einhunderttausend Perser gegen dreißigtausend Griechen, ungeheure Menschenmassen. Großkönig Dareios III. selbst, Herr über ein Gebiet, das vierzig Mal größer als Makedonien war, führte die Armee an, oder besser gesagt, versteckte sich hinter ihr. Seine Truppen konnten Alexanders kleinem, aber wendigen Heer zunächst nichts entgegensetzen. Wie ein ungelenker Golem trampelten sie auf das Schlachtfeld, verwechselten Vehemenz mit Überlegenheit. Man kann noch so fest zuschlagen – wenn man nicht trifft, hilft es nichts. Alexander wich dort zurück, wo er keine Möglichkeiten sah, und er kämpfte dort, wo die Gegner sich schlecht deckten. Als er persönlich mit einer Eliteeinheit der Reiterei in der Nähe von Dareios Feldherrenhügel auftauchte, ergriff der Großkönig die Flucht und sog seine verbliebenen, nun mutlosen Soldaten mit sich. Dareios entkam, und er machte sich daran, ein neues Heer zu sammeln. Aber zunächst einmal lag nach Issos der ganze Orient wie ein weicher Rasen vor Alexander: Armenien, Syrien, Ägypten mussten nur noch aufgesammelt werden. Und so geschah es.

Den wichtigsten Triumph aber erstritt er nicht auf dem blutigen Schlachtfeld, sondern in seinem Zelt. Alexander hielt eine abendliche Lagebesprechung ab, an der Kleitos, Hephaistion und Parmenion, ein weiterer Offizier, teilnahmen, als eine Botschaft von Dareios eintraf. Darin bot der Perser seinem Bezwinger alles Land westlich des Euphrat, also sein halbes Reich. Was für ein Angebot! Kleitos und Parmenion stockte der Atem, und als sie wieder zu Luft kamen, bestürmten sie Alexander, sofort anzunehmen. Oh, was gackerten sie, alle beide. Noch heute klingt es Alexander in den fiebertauben Ohren nach: Ein Ostmittelmeerreich könnte errichtet, die kulturelle Hegemonie der Griechen über die orientalische Staatenwelt etabliert werden. Alexander hörte ihnen aufmerksam zu, lächelte wissend. Es waren treue Gesellen. Ja, sie hatten von Anfang an Zweifel am Erfolg des Feldzuges gehabt, aber bis Issos hatten sie ihm, ihrem König, gedanklich folgen können. Natürlich, ein solches Ostmittelmeerreich wäre stabil gewesen, ein schweres Fundament für soliden Staatenbau. Doch Alexander suchte nichts, das ihn am Boden hielt, sondern etwas, das ihn mit sich forttragen würde, etwas scheinbar Unerreichbares, die Weltherrschaft, die Unsterblichkeit.

Alexander teilte mit, er weise das Angebot zurück, er werde ganz Persien erobern, aber im Grunde teilte er es nur Kleitos mit. Dieser staunte mit großen Augen, in denen die Frage stand, wie man ein solches Angebot, Herr über Millionen zu werden, ablehnen konnte. Während Hephaistion in Treue und Liebe Alexanders Berührung suchte, seine Schulter streichelte und ihn sachte auf den Mund küsste, rückte Kleitos einen Schritt an Parmenion heran und nickte, als dieser sagte: «An Eurer Stelle, mein König, würde ich das Angebot annehmen.»

Alexander schmunzelte. Kleitos und Parmenion standen vor ihm, fast zu einer Einheit verschmolzen. Wenn er Parmenion treffen würde, träfe er auch Kleitos. Er antwortete: «Auch ich würde, wenn ich du wäre, das Angebot annehmen. Aber ich bin Alexander, und deshalb lehne ich es ab und nehme mir alles, statt mich mit der Hälfte zu begnügen.»

Der Satz tat seine Wirkung, Kleitos zornige Augen waren ein Zeichen seiner Ohnmacht. Er war gerade als Kleingeist beschimpft worden. Alexander liebte diesen sperrigen, starken, bodenständigen Mann mit Inbrunst, aber er genoss jede Sekunde seiner Wut.

Syrien war im Nu erobert. Eher resigniert als enthusiastisch ergaben sich die wie Perlen aneinandergereihten Küstenstädte; selten traf Alexander dort noch auf Gegenwehr. Wo es sie gab, wurde sie mit Geschick gebrochen und mit Grausamkeit gerächt. Die Einwohner von Tyrus ließ er einfach abschlachten – sie hatten die Geduld des Ungeduldigen mit ihrem lächerlichen Widerstand zu sehr strapaziert und in Gaza wurden die Verteidiger nach ihrer Bezwingung auf seinen Befehl hin mit durchbohrten Füßen an Wagen gebunden und zu Tode geschleift. In Ägypten erwartete ihn dagegen die Begeisterung eines von der persischen Okkupation befreiten Landes, die Krone der Pharaonen und die Erhebung zum Gott.

Dann wandte er sich wieder nach Norden, um den Euphrat zu überschreiten und sich den Rest des Persischen Reiches zu holen. Dareios hatte inzwischen ein gigantisches Heer gesammelt: zweihundertundfünfzigtausend Mann gegen Alexanders dreißigtausend. Als diese persische Mauer aus Menschenleibern in der Ebene von Gaugamela auf die Griechen zustürzte, hörte Alexander neben sich Kleitos entsetzte Stimme: «Das ist Wahnsinn, das ist unser Untergang.» Doch in der Schlacht stellte sich heraus, dass Dareios’ Generäle nichts an ihrer Taktik geändert hatten. Es war, als hätten sie den schweren, ungelenken Golem von Issos durch einen noch schwereren, steiferen ersetzt. Alexander konzentrierte seinen Angriff auf das Zentrum des Gegners, hinter dem sich der angstvolle Dareios verbarg, und als sie dem Großkönig – wie schon bei Issos – gefährlich nahe kamen, ergriff er erneut die Flucht und zersprengte damit sein orientierungslos gewordenes Heer. Wenig später wurde Dareios von seinen eigenen Soldaten ermordet; der militärische Sieg war komplett – und Kleitos eines Besseren belehrt. Vielleicht, glaubte Alexander damals, vielleicht würde er nun erkennen, dass sein König kein gewöhnlicher Mann war, dass er das Recht habe, ihn zu lieben und von ihm geliebt zu werden.

Doch es wurde nur noch schlimmer. Kleitos ging mehr und mehr in die Opposition, und je höher Alexander in den Augen der Menschen stieg, umso stacheliger wurde Kleitos: Alexander marschierte quer durch das Perserreich, zog in Babylon ein, in Persepolis, in die Hauptstadt Susa, doch Kleitos schwieg. Alexander nahm den unzählbaren Goldschatz in Besitz, schüttete Belohnungen über sein Heer, doch Kleitos wollte nichts davon haben; Alexander legte sich den Titel eines persischen Großkönigs zu und gab seinen Offizieren hohe Ämter, doch Kleitos nahm das seine nur mit einem mürrischen Blick an. Je weiter sie nach Persien drangen, in dieses unermessliche Land mit seiner fremdartigen Kultur, desto verbissener blieb Kleitos ein Grieche, und desto mehr wandelte sich Alexander zum Orientalen. Kleinigkeiten bildeten plötzlich unüberwindliche Hindernisse. Kleitos störte sich an Alexanders neuer Gewohnheit, persische Gewänder zu tragen, und er verweigerte seinem König den Fußkuss nach persischer Sitte, steckte mit seiner Haltung auch andere Offiziere an. Alexander ließ diese anderen schließlich bedenkenlos hinrichten, unter ihnen auch Parmenion. Einzig Kleitos schonte er, und er hasste sich dafür. Erneut hatte er nachgegeben, wo er hatte dominieren wollen.

Rhoxane: Ihr Schritt, als sie sich dem Todkranken nähert, ist leise wie immer. Wie auf Wolken gleitet sie im gelben Qualm, der noch immer aus des Priesters Kessel quillt, an sein Bett, fährt ihm mit der kühlen Hand über die Stirn, mustert ihn sachte und sachlich mit ihren undurchdringlichen baktrischen Augen. Liebe ist nicht in ihnen, allenfalls Besorgnis. Ihr Mann stirbt, und mit ihm ihre Stellung. Es ist eine Ironie. Fünf Jahre lang hat sie sich vergeblich abgemüht, ein Kind von Alexander zu bekommen, und nun, wo sie dieses Ziel erreicht hat, wo das Kind in ihrem Bauch heranwächst, kann sie nichts mit dem Balg anfangen. Niemand wird einen Säugling – einen noch ungeborenen Säugling vor allem! – als Nachfolger Alexanders anerkennen. Pech! Er hat Rhoxane nie wirklich gewollt; nur seinem Gefährten zuliebe hat er sie zur Frau genommen, damals, als ganz Persien unterworfen war und Alexanders Gedanken bereits auf der Suche nach einer neuen Herausforderung waren: Indien.

Sie waren damals in Baktrien angelangt, nahe am Indus, Weiten von Griechenland entfernt. Alexanders Mutter, Olympias, sandte ihm Briefe, die beim Eintreffen viele Monate alt waren, und in denen sie auf Briefe Alexanders reagierte, die vor nahezu einem Jahr geschrieben worden waren und ihr von Erlebnissen berichtet hatten, die Alexander mittlerweile schon fast vergessen hatte. Er verstand kaum noch, was sie schrieb, diese fremde Mutter, was sie bewegte, erhoffte, fürchtete. Einen Thronfolger, bettelte sie, wir brauchen einen Thronfolger, einen Sohn von deinem Blut. Nein, er wollte Persien, Syrien und Ägypten für den Fall seines Todes Hephaistion vermachen, dem Sanften, dessen Liebe tief, ruhig und gleichbleibend war wie ein Strom. Von Kleitos war Alexander abhängig wie ein Süchtiger von einer Droge, von Hephaistion war er abhängig wie von einem Weib. Nun, die Makedonen, überlegte Alexander, würden Hephaistion wegen seines fehlenden königlichen Geblüts nicht anerkennen, aber dann sollten die Makedonen und dieser ganze Zwergenstaat eben zum Hades fahren in ihrer Kleinlichkeit. Der ganze Rest aber würde diesem über alles geliebten Menschen gehören.

Doch dann war es Hephaistion selbst, der Alexander bat, einen Erben zu zeugen. Dieser Gefährte war es so sehr gewohnt, im Schatten Alexanders zu stehen, dass er sich in der brennenden Sonne der Macht nur unwohl gefühlt hätte – und so heiratete Alexander die baktrische Fürstentochter Rhoxane.

Trotz murrender Truppen, die nicht verstanden, was ein Feldzug nach Indien noch mit dem Schutz der Heimat zu tun hatte – für den sie einst verpflichtet worden waren, – zog Alexander über den Hindukusch. Er wollte an das sagenumwobene Ende der Welt gelangen, an den Okeanos, das Weltmeer, wo die Fluten mit betäubendem Lärm in die Unendlichkeit hinabstürzten. Eines Abends teilte er seine Pläne den Offizieren mit. Er erwartete damals keinen Beifall, nur Gehorsam, doch Kleitos kam in Raserei, schimpfte ihn einen Verrückten. Eine Flut von Beschuldigungen erging über Alexander, er bevorzuge die Perser, er schätze seine Griechen gering, er wolle die Griechen mit den Persern verschmelzen, er habe seinen Vater Philipp verraten, als er sich als Sohn des Gottes Ammon titulieren ließ – und nun führe er sie wie ein Wahnsinniger von einem fremden Land zu nächsten, um es zu erobern. Wie zu lange gestautes Wasser brachen diese zornigen Worte aus Kleitos hervor. Ihm mochten sie Erleichterung gebracht haben, doch jedes von ihnen steigerte auf der anderen Seite des Tisches Alexanders Zorn. Niemals, niemals würde er diesen Mann dominieren, dachte Alexander, niemals ihn in die Knie zwingen, niemals das Feuer seiner Liebe spüren, sondern immer nur deren verkohlte Asche. Er griff nach der nächstbesten Lanze. Ein starker Stoß – und Kleitos, der geliebte und gehasste Dämon, blickte überrascht wie noch nie, blickte hilflos und endlich unterwerfend seinen König und Gebieter an. Doch schon einen Augenblick später war er Vergangenheit.

Kleitos Tod war für Alexander wie auch seine Umgebung gleichermaßen ein Dammbruch. Die Kritik des Gefolges an ihrem König wurde nicht länger hinuntergeschluckt, sondern harsch geäußert. Alexander reagierte auf diese Worte mit Taten. Wenn er Kleitos hatte töten können, würde er andere umso leichter beseitigen lassen. Ohne Zögern ließ er eine ganze Reihe junger Offiziere, die er der Verschwörung bezichtigte, hinrichten, und sogar der ältliche, harmlose Historiker Kallisthenes, der eigentlich Alexanders Ruhmestaten für die Nachwelt aufschreiben sollte, endete wegen eines einzigen falschen Wortes unter den Schlägen der königlichen Leibwache. Und nun ging es auch den Bedenkenträgern im fernen Griechenland ans Leben: Wer demokratisch gesinnt war, wer die Vergötterung Alexanders kritisierte oder bespöttelte, der hatte sein Leben verwirkt. Unter den Hingerichteten befand sich auch ein Neffe des Aristoteles, und beinahe hätte Alexander auch den einstigen Lehrer hingerichtet, hätte nicht Hephaistion ihn davon abgehalten.

Es gibt so einiges zu bereuen, denkt Alexander, als er Rhoxane ein letztes Mal nachblickt, wie sie den Raum verlässt. Diese vielen Toten, die seinen Weg säumen, diese tausend unsinnig hingeschlachteten Seelen, Amyntas, Parmenion, Kleitos, Kallisthenes, die Thebaner, die Demokraten und Freigeister dieser Welt, waren Opfer seines Jähzorns geworden. Der Trieb, den er als Segen betrachtete, der ihn immer weitere Grenzen überschreiten und immer höhere Preise bezahlen ließ – war er nicht eher ein Fluch? Es wird ihm kaum noch Zeit bleiben, diese komplizierte Frage zu durchdenken. Was ihm zu tun bleibt, ist, die Abrechnung mit seinem Leben zu beenden.

Indien: Was für ein Feldzug! Zwei Jahre voller Wunder. In der Schlacht von Jalalpur, gegen irgendeinen Maharadscha, traf er zum ersten Mal in seinem Leben auf Elefanten, jeder von ihnen eine kleine Festung. Dennoch konnte er sich durchsetzen und weiterziehen. Der Okeanos, das Weltenende, konnte nicht mehr weit sein, davon war er überzeugt. Sie kamen durch dichte Wälder mit riesigen Bäumen, die kein Licht durchließen; sie entdeckten seltsame Kreaturen, waren monatelangem Regen, tödlichen Schlangenbissen und endlosen Straßen ausgesetzt. Die Truppen hatten sich selten so verloren, Alexander selten so enthusiastisch gefühlt wie auf dem Weg von Jalalpur zum Fluss Hydaspes. Eine weitere Schlacht wurde dort gewonnen, und nun glaubte Alexander, ganz Indien unterworfen zu haben. Doch Eingeborene sagten ihm, das sei nur der Pandschab, nach Süden ginge es noch unermesslich weiter, im Norden seien die hohen Berge, auf denen die Götter wohnten, und dahinter gebe es riesige Reiche, China, die Mongolei. Alexander war verwirrt. Hatte Aristoteles ihn nicht gelehrt, dass der Indus in den Nil mündete? War Indien nicht der Außenposten der Menschheit? Was war dieses China? Wo war der Okeanos? Schließlich standen sie dann doch noch an einem Meer, an der Mündung des Indus, doch Alexander wusste nun, dass diese Küste nicht das Ende der Welt war.

Also weiter nach Süden, weiter nach Indien hinein? Das Heimweh der Truppen nahm rebellische Züge an. Alexander würde sie wohl mit Gewalt weitergetrieben haben, hätte ihn nicht Hephaistion im Angesicht des Meeres umarmt, ihn zärtlich geküsst und gesagt: Es ist genug.

Genug, ein ebenso schreckliches wie wahres Wort, das Alexander so fremd klang wie die Stimme der Mutter in den Briefen, die rief: komm heim! Noch am gleichen Abend bei Sonnenuntergang fuhr Alexander allein mit einem Boot auf eine winzige, unbewohnte, der Küste vorgelagerte Insel, nur begleitet von Hephaistions sanften Augen, die ihn vom Ufer aus beobachteten. Dort, auf der stillen Insel, umweht von exotischen Winden, inmitten von Einsamkeit, erreichte Alexander seine Grenze, das Ende aller Möglichkeiten. Er starrte eine Stunde lang in das rot glühende Meer, und als er zurückfuhr, hatte er seinen Traum auf diesem Eiland zurückgelassen.

Auf die Stille des Abschieds folgte der Lärm der Feierlichkeiten. Alexander erklärte den Feldzug für beendet, das Heer wurde zum großen Teil mit reichem Sold entlassen. Auf dem Weg in seine persische Hauptstadt kam Alexander an etlichen neu gegründeten oder umbenannten Orten vorbei, die allesamt seinen Namen trugen: Alexandria, Alexandreia, Alexandropolis. Feste, wohin man sah, Jubel, wohin man hörte, jeden Abend Ströme von Wein. Mehr aus Frust denn aus Lust trank er mit, und deshalb auch trank er mehr und mehr, Hephaistions Bitten zum Trotz. Zum zehnten Mal seit dem Beginn des Perserfeldzugs brannte der heiße persische Sommer auf sein Haupt, aber nie zuvor war er ihm so gnadenlos erschienen, so zerstörend. Doch als er endlich ging, als die Feiern weniger wurden und der Herbst kam, brachte er den Tod. Hephaistion wurde krank, niedergeworfen von Fieber und von Schmerzen zwischen den Schenkeln. Er starb bald darauf.

Es ist ein Trost für Alexander, an der gleichen Krankheit zu leiden, an der Hephaistion vor acht Monaten gestorben ist. Ob er sie in einem der vielen wunderbaren gemeinsamen Nächte von Hephaistion empfangen hat oder umgekehrt, ist ihm gleichgültig. Irgendwie verbinden ihn diese gleichen Schmerzen in seinen letzten Stunden mit dem Menschen, den er stiller und mäßiger, doch gerade darum tiefer und zärtlicher als sonst jemanden geliebt hat.

Tagelang weinte Alexander, er fastete, hielt neben der Leiche des Geliebten Wache, richtete aus Schmerz den behandelnden Arzt hin, ordnete Staatstrauer an, verbot das Lachen im ganzen Reich, befahl, dass alle Soldaten sich die Köpfe kahl zu scheren hatten, erhob den toten Gefährten in den Rang eines Gottes, aber nichts davon brachte seiner Trauer Linderung. In Babylon sollte ein gigantisches Mausoleum für Hephaistion entstehen, aber nun, das weiß Alexander, wird der Geliebte darin niemals seine Ruhe finden, denn die Thronfolger werden es nicht zu Ende bauen und die Urne irgendwo verscharren.

Die Nachfolger, da sind sie ja. Getreue Wegbegleiter, Offiziere, so genannte Freunde. Sie kommen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, aber mehr noch, um ihm, dem sterbenden Gott, zu zeigen, dass sie weiterleben werden, während er machtlos in einem ägyptischen Prunkgrab in der Oase Siwah ruhen wird. So, wie Alexander vor vielen Jahren grinste, weil er vorhatte, ein gottregiertes Weltreich zu gründen und seinen Vater damit vergessen zu machen, so grinsen sie heute, weil sie vorhaben, dieses Weltreich zu zerschlagen und ihn damit vergessen zu machen. «Wer soll dir nachfolgen?», fragen sie ihn aus falscher Höflichkeit. Hephaistion, denkt er. Nur er hätte es vermocht, den Geist dieses Reiches zu erhalten, weil nur er ihn wenigstens ein bisschen verstanden hat. Stattdessen sagt Alexander: «Der Stärkste», und schweigt. Jeder genannte Name wäre ohnehin nur Makulatur gewesen. Längst haben diese Schakale jede Landschaft seines griechisch-orientalischen Imperiums, das seit gerade acht Jahren besteht, untereinander ausgewürfelt: Ptolemaios soll Ägypten erhalten, Antigonos Phrygien, Eumenes Kappadokien und so weiter. Niemand also hört mehr auf das, was er zu sagen hat, wozu also sprechen? Diese Diadochen würden jeden seiner Wünsche, deren Erfüllung sie heute feierlich schwören, schon morgen vergessen haben. Sie werden seine Mutter Olympias wie auch seine Frau Rhoxane und deren noch ungeborenes Kind entmachten und in den Tod treiben, werden das Reich zerstückeln, sich untereinander befehden, werden nicht die griechische mit der orientalischen Kultur verschmelzen. Doch gerade darum werden ihre Namen niemals wirklich überdauern, sondern nur Attribute in Alexanders Biografie sein. Nur er wird zu einer Sage werden, zu einem Legendengeschöpf, von dem greise Männer ihren Enkeln einst erzählen werden, dass die Welt, so wie sie ist, zu klein war für einen Mann wie ihn.

KAISER HELIOGABAL: DER SCHÖNE TYRANN

(204 – 222)

Es gibt in der Weltgeschichte kein Gut und Böse. Es gibt nur das Böse.

Gottfried Benn

 

Von allen Rauschmitteln, die der Mensch sich je erdacht hat, ist die Macht das gefährlichste. Überreich dargeboten, nagt sie der menschlichen Seele jedes Maß und jede Hemmung weg. Wer, egal was er tut, keinerlei Ablehnung mehr spürt, wen die Umwelt unbegrenzt verehrt und hofiert, dem kann rasch die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit verloren gehen, und so bedeutet Widerstand der Umwelt zwar stets Reibung und Auseinandersetzung, aber immer auch Kontrolle und Orientierung.

Je größer die Macht, desto länger ist ihr Schatten. Die Macht des römischen Kaisers ist nahezu unbegrenzt. Von den nebligen Küsten Schottlands bis zu den sagenumwobenen Katarakten des Nils, von der glühenden maurischen Wüste bis zu den verschneiten Gipfeln des Balkans regiert er ein Reich, so groß, wie es keines davor und keines danach in Europa gegeben hat. Und doch ist es nicht nur die Größe des Imperiums, die das Kaiserdiadem so allgewaltig macht, so verführerisch für seinen Träger. Die Kaiser Roms sind nicht wie die Präsidenten unserer Tage an ein Recht gebunden, sind nicht wie die barocken Könige einem religiösen Sittenkodex unterworfen und unterstehen nicht wie die Fürsten des Mittelalters einer päpstlichen Aufsicht. Wie in Ägypten das Wort der Pharaonen, so ist auch bei den Römern das Wort des Imperators Gesetz, jeder Befehl ein Dogma. Wer schwach ist, leicht verführbar, erliegt diesen Möglichkeiten. Wie ein zorniger Gott greift sich der Cäsarenwahn aus der Reihe der hundert Kaiser ein Dutzend heraus und formt sie zu Ungeheuern: Caligula, Nero, der im Hollywood-Streifen «Der Gladiator» zu neuer Bekanntheit gelangte Commodus, um nur einige zu nennen.

Aus dieser Gruppe finsterer Gestalten leuchtet Heliogabal heraus wie ein phosphoreszierendes Pop-Art-Gemälde, bunt, schrill, überspannt, eher Figuren aus einer modernen Schwulensatire ähnelnd denn einem mörderischen Tyrannen. Nie ist er zurückhaltend, nie trocken, immer heiter, einfallsreich und raffiniert, ein Partylöwe und Männerschwarm, ein schöner und schlanker Halbwüchsiger, der in einer schwulen Diskothek Berlins oder Kölns unserer Tage begehrliche Blicke auf sich ziehen würde. Die wenigen Büsten, die von ihm erhalten geblieben sind, zeigen ein Gesicht, wie es heute einem jungen, schönen Türken gehören könnte: kurze, ein wenig gelockte Haare, einen halb gleichgültigen, halb verführenden Blick aus dunklen Augen, volle, leicht geöffnete Lippen. Und doch ist Heliogabal, auch wenn er das Gesicht eines exotischen Models hat, die Ausgeburt der Hölle.

Das Imperium Romanum im Jahre 217 unserer Zeitrechnung: seit neunhundertsiebzig Jahren ist es stets aufwärts gegangen mit römischer Kultur und dem Herrschaftsanspruch über die mediterrane Welt; gewaltige Tempel und Marmorpaläste sind entstanden sowie riesige Arenen, in denen pompöse Spiele abgehalten werden. Kaum ein Römer muss noch hart arbeiten, alles erledigen Sklaven und billige Handlanger aus fremden Gebieten. Das Leben ist ein Fest, eine Folge von Genüssen. Und doch, seit einigen Jahrzehnten schleifen innere und äußere Krisen den Glanz vergangener Jahrhunderte matt. Vom Norden drücken wandernde germanische Stämme gegen den Limes, in Vorderasien droht das Partherreich, doch schlimmer als die Gefahr der Feindvölker ist die innere Zerrüttung durch staatliche Willkür. Der gerechte und aristokratische Stern des ersten Kaisers, Augustus, leuchtet nur noch fern und schwach, längst hat der Senat jede Mitsprache verloren, längst haben proletarische Generäle nach dem Purpur gegriffen und ihre eigenen Dynastien errichtet.

Caracalla, der seit fünf Jahren regierende Herrscher, ist ein solcher Sohn aus soldatischem Geschlecht, er ist brutal und argwöhnisch und deshalb von allen gehasst – außer vom Heer, das er großzügig entlohnt. Lange vor Caracalla schon gibt es eine heimliche Rivalität um Einfluss zwischen den Militärs einerseits und der traditionellen Prätorianergarde, der verwöhnten römischen Leibwache der Kaiser andererseits, doch ein kleiner Vorfall lässt aus dem Gerangel einen blutigen Machtkampf werden.

Dem Gardekommandanten Macrinus wird von einem Wahrsager die Kaiserwürde prophezeit, eine gefährliche Weissagung, auf die der harmlose und gar nicht ehrgeizige Macrinus gerne verzichtet hätte, zumal sie durch eine Indiskretion bekannt wird. Wenn er jetzt nicht sofort handelt, das weiß der ältliche Mann, wird der misstrauische, an Verfolgungswahn leidende Caracalla ihn umbringen lassen. Es ist wie bei einem Duell: der Schnellere siegt. Macrinus hetzt im Nu die Prätorianer auf und befiehlt ihnen, den Kaiser zu ermorden. So geschieht es auch, zum Entsetzen der Truppen. Da Caracalla keinen direkten Verwandten hat, keine Geschwister, keine Kinder, gilt die severische Dynastie als ausgestorben, und so erfüllt sich die Prophezeiung: Macrinus lässt sich im April 217 selbst zum Kaiser ausrufen.

Nicht selten jedoch steckt die Tücke im Detail. In der römischen Provinz Syria lebt eine Tante Caracallas, Julia Maesa. Ihr vierzehnjähriger Enkel Avitus, der Sohn ihrer Tochter Soemias, dient als Oberster Priester dem orientalischen Gott Baal; er ist ein strahlender Jüngling, fröhlich und beliebt. Als Sohn der Cousine Caracallas ist diese Verwandtschaft allerdings zu weitläufig, um in dem Knaben einen ernstzunehmenden Erben der severischen Dynastie zu sehen. Daher greift die ehrgeizige Großmutter auf einen ebenso geschickten wie infamen Kniff zurück: Sie behauptet, Avitus entstamme nicht der Ehe ihrer Tochter Soemias, sondern einem Verhältnis der Soemias mit Caracalla. Diese außereheliche Affäre ist zwar nicht gerade dem guten Ruf zuträglich, doch sie erfüllt ihren Zweck. Einige Truppenteile, die mit Macrinus verfeindet sind, laufen zu dem vermeintlichen Sohn Caracallas über. In der Schlacht bei Immo prallen die Kräfte aufeinander, Macrinus wird besiegt und kurz darauf von seinen eigenen Soldaten ermordet. Rom hat einen neuen Kaiser, eine neue Hoffnung auf Harmonie.

Mit Heliogabal, wie sich Avitus in Anklang an seinen Gott fortan nennt, zieht der immer noch fremde, der mystische und sagenumwobene Orient in die Stadt Rom ein. Ein farbenprächtiges Spektakel begleitet den Einzug des jungen Imperators: Tausende Tänzer ziehen die mit Goldstaub bestreute Via Appia entlang, in ihrer Mitte der Wagen mit dem heiligen Stein von Emesa darauf, ein Meteorit, ein Stück Sonne also, Symbol des alleinherrschenden Sonnengottes Baal. Ohrenbetäubende Musik dröhnt in die Ohren der Römer, Weihrauch umweht die Parade. Auf einem hohen Prunkwagen thront Heliogabal in vielfarbige Seide gehüllt, schillernd, mit einem Diadem bekränzt. Zur Rechten sitzt seine Mutter Soemias, zur Linken die Großmutter, die ernste Maesa, denen beiden die schwierige Aufgabe vorbehalten ist, diesen exaltierten Kindkaiser fortan zu lenken. Tagelang werden aufregende Feste zu Ehren des Baal gefeiert, bei denen der Kaiser selbst tanzt wie ein Trunkener. Den plebejischen Römern gefällt er, dieser fremde, neue Baal, der die Exotik nach Rom gebracht hat, nur die Aristokratie schüttelt betroffen den Kopf und sieht wilde Zeiten aufziehen.

Im ersten Jahr geht alles noch relativ gut. Heliogabal ist, wie bei einem Vierzehnjährigen nicht anders zu erwarten, an Regierungsgeschäften nicht interessiert, aber er bekommt schnell mit, dass für ihn nichts unmöglich ist, dass er sich jeden Wunsch erfüllen kann. Nächtlich rauschen die Feste im kaiserlichen Palast auf dem Palatin, ein jedes in einer anderen Farbe gehalten, am einen Tag ein blaues, am anderen ein violettes, dann ein grünes und so fort. An jedem lauen Sommerabend sind die Gärten des Palatinischen Palastes erfüllt vom Duft kostbaren Räucherwerks, feiner Speisen und seltener Öle, der Wein fließt in Strömen, der Kaiser selbst spielt den Gästen etwas auf der Flöte vor oder er gibt eine seiner verzückten tänzerischen Darbietungen. Fröhlich muss alles sein, ausgelassen. Bald schon wandeln die Feste sich zu Orgien, und der schöne Heliogabal verfällt ganz den Männern. Den Gefährten seiner Nächte verleiht er Ämter, ein Tänzer wird Gardekommandant, ein Wagenlenker kommandiert die Wache, ein Friseur wird für die Kornversorgung der Stadt zuständig. Um Nachschub an Männern zu bekommen, baut er eine öffentliche Therme dem Palast an und sucht sich dort die Liebhaber der nächsten Woche aus. Wer gut aussieht, wer stark ist und liederlich, ist willkommen auf den Partys der Majestät. Ringkämpfe finden in den Gärten statt; der Sieger, gleich, ob Schuhputzer oder Stricher, findet sich am selben Abend in den duftschwangeren privaten Gemächern des mächtigsten Herrn der Welt wieder, darf den jungen Kaiser mit Rosenöl massieren und lieben.

Nach wenigen Monaten schon umgibt Heliogabal eine Schar von ausschweifenden Satyrn, mit denen er sich eine orgiastische und luxuriöse Traumwelt erschafft, und von denen der Geschichtsschreiber Aurelius Victor berichtet, es seien die «obszönsten Menschen des Erdkreises». An Geld wird nicht gespart: die Schwimmbassins sind parfümiert, der Wein mit damaszenischen Rosenblüten verfeinert, die Kleidung mit Juwelen bestickt oder mit Gold durchwirkt. Festmahle werden wöchentlich gegeben, kaum eines, das nach heutiger Rechnung weniger kostet als fünfzigtausend Euro. Zweiundzwanzig Gänge sind keine Seltenheit: Storchenköpfe, Flamingozungen, in Honig eingelegte Haselmäuse, Meerbrassen, Muränenmilch, Drosseln in gepfeffertem Eidotter, serviert von hübschen, nackten Sklaven, nichts ist Heliogabal schrill genug, immer verrückter, immer närrischer muss alles sein. Wenn er mit seinen Lustknaben ausfährt, lässt er nicht länger Pferde vor die Wagen spannen, sondern nackte Frauen, die er mit Rufen und Peitschenknall antreibt. Und als er mitten im herrlichsten Frühling Lust auf eine Schneeballschlacht mit Freunden bekommt, lässt er sich aus den Hochalpen Kübel der weißen Pracht herantransportieren. Alles ist möglich am Hofe Heliogabals.

Irgendwann aber sind alle Farben durchgefeiert, alle Speisen probiert, alle Männer geliebt und jeder Luxus genossen. Das Gehabte ist langweilig für Heliogabal, ihn fasziniert nur das Neue, das Unbekannte und Verbotene. Was Geld ermöglichen kann, hat er sich bereits erfüllt, nun ist Kreativität gefragt. Lange braucht er nicht, um auf neue Ideen zu kommen. Seit einiger Zeit schon liebt er den Gladiator Aurelius Zoticus, einen gut aussehenden, muskulösen Römer, dessen Charakter die Nachwelt das Wort zotig (schlüpfrig) verdankt. Knapp eintausendachthundert Jahre, bevor in Deutschland die Homo-Ehe eingeführt wird, heiratet Heliogabal in einer bis dahin noch nie gesehenen Zeremonie den Gladiator Aurelius und macht ihn zu seinem wichtigsten Berater. Zwei Männer sind in einen bisher einmaligen Bund eingetreten.

Wäre er so geblieben, Heliogabal, der bunte Sonnenkaiser, würde er nicht in dieses Buch gehören, sondern vielleicht als die schwule Star-Ikone der Antike gefeiert werden, ein altrömischer Elton John, schillernd wie Katzengold. Dem schönen Kaiser aber verschwimmt die Grenze vom Ungewöhnlichen zum Ungeheuerlichen. Schwofen im Garten und schwule Heirat reichen ihm nicht mehr zum Kick. Die Späße werden ihm zu fade, und so sinnt er auf Steigerung.

In den großen Speisesaal lässt er heimlich eine umkippbare Decke einbauen und lädt bald darauf zum Festmahl ein. Die Gäste treten ein, Senatoren und Spielgefährten, der Kaiser aber ist noch nicht im Raum. Die Türen werden von außen verschlossen, ein Hebel wird betätigt, und die Decke beginnt zu kippen. Ein Guckloch ermöglicht Heliogabal beste Sicht auf das folgende Geschehen. Von der kippenden Decke rieseln hunderte Blüten in den Raum hinunter, Veilchen, Rosen, Chrysanthemen, ein wunderbarer Duftregen geht auf die Gäste nieder. Jubel bricht aus. Wie freuen sie sich! Welch eine luxuriöse Idee! Jedoch, aus den Hunderten werden Tausende Blüten, Zehntausende, Hunderttausende. Der Regen nimmt kein Ende, das Blütenmeer steigt und steigt, und aus dem feinen Schauer wird eine wahre Sintflut aus Blumen, die nach wenigen Minuten bis zum Hals steigt, dann über das Kinn und die Lippen und schließlich alle Köpfe bedeckt. Panik bricht aus. Manche der Gäste bekommen keine Luft mehr, sie rütteln an den Türen, würgen und schreien und – ersticken in der Blütenflut. Heliogabal aber findet es schrill.

Der Kaiser sprüht plötzlich vor Ideen. Bei einem anderen Festmahl lässt er plötzlich Löwen und Bären in den Raum ein. Die Tiere sind harmlos, gezähmt, außerdem hat er ihnen vorher Zähne und Krallen entfernen lassen. Der Schock jedoch tötet mehrere Gäste. Heliogabal findet das witzig. Unter das Essen seiner Gäste lässt er unauffällig Perlen und Bernstein einstreuen, erfreut sich an den ausgebissenen Zähnen. Monatelang sammelt er Schlangen und lässt sie während der Spiele im Circus Maximus in den Zuschauerrängen aussetzen. Ein entsetzlicher Tumult entsteht, bei dem viele Besucher sterben. Kein Scherz ist ihm mehr grausam, kein Tod extravagant genug. Unaufhörlich schmieden sein Mann Aurelius und er an perfiden Plänen und bemerken in ihrer grausamen Albernheit überhaupt nicht, wie sich um sie herum eine Mauer des Hasses aufbaut. Eine Leiche nämlich fragt nicht danach, wie ungewöhnlich ihr Sterben war, und die Lebenden tun es auch nicht, wenn sie befürchten, bald an die Reihe zu kommen.

Mit reichlichem Unbehagen sieht die alte Maesa, wie sich politisches Gewitter über dem jungenhaften Kaiser zusammenbraut. Mehrmals warnt sie ihn, mehrmals redet sie auf ihre Tochter Soemias ein, den Zügellosen zu zügeln, jedoch ist Soemias inzwischen selbst den Verlockungen des ausschweifenden Hofes verfallen. Maesa weiß, sollte Heliogabal stürzen, dann stürzt auch sie selbst mit ihm, dann ist auch ihr eigener Kopf nichts mehr wert. Sie hat noch eine weitere Tochter, Mammea, und diese hat auch einen Sohn, Alexianos. Mit viel Geschick überredet Maesa ihren mittlerweile siebzehnjährigen kaiserlichen Enkel, seinen zwölfjährigen Vetter Alexianos zu adoptieren, um die Nachfolge der severischen Dynastie zu sichern.

Dieser Alexianos nun ist von ganz anderem Schlage. Statt sich dem Taumel des Hofes anzuschließen, treibt er lieber Sport, studiert Geometrie oder Astrologie und füttert die Ringeltauben in seinen Volieren. Kein Fetzen Seide hängt an seinem Körper, Stoff tut es auch. Wo er hinkommt, grüßt er die Menschen freundlich. Er mag ein wenig langweilig sein, dieser Knabe Alexianos, aber wenigstens bringt er niemanden um, mag sich der Senat denken und macht heimlich Stimmung gegen Heliogabal. Angriffspunkte bietet der exzentrische Kaiser genug: die Idee, die römischen Götter dem allmächtigen Baal unterzuordnen beispielsweise; oder sein Plan, eine der Keuschheit geweihte römische Priesterin der Vesta zu ehelichen, um mit ihr «göttergleiche» Kinder zu zeugen. Die Prätorianergarde beginnt schon zu murren. Ohnehin ist dieser Heliogabal nicht von ihnen ernannt und gestützt worden, sondern von den Truppen.

Die Stimmung wendet sich gegen den Kaiser, und irgendwann zwischen seinen Orgien scheint er das auch tatsächlich zu bemerken. Ein von ihm in Auftrag gegebener Mord an seinem Vetter und Adoptivsohn Alexianos scheitert jedoch. Bald darauf wird Heliogabal von einem Wahrsager prophezeit, er werde eines gewaltsamen Todes sterben. Heliogabal fährt der Schreck durch die Glieder, doch anstatt irgendetwas an seinem Betragen zu ändern, sorgt er lieber auf andere, skurrile Weise für den Fall einer Revolte gegen ihn vor. Er richtet sich auf einen Selbstmord ein, der aber nicht gewöhnlich sein darf, sondern nur ausgesprochen luxuriös. Ein Turm wird gebaut, auf den er sich im Ernstfall flüchten und in dessen Innenschacht er sich stürzen kann. Der Boden aber wird mit geschliffenen Diamanten und Rubinen gepflastert, sodass Heliogabal wenigstens auf den teuersten Steinen der Welt sterben darf. Ständig trägt er einen goldenen Dolch bei sich sowie ein Saphiramulett mit schnell wirkendem Gift darin, und schließlich befiehlt er, im ganzen Palast Schnüre zu befestigen, an denen er sich erhängen kann – natürlich sind die Schnüre aus Seide.

Am 11. März 222 schlägt die Laune der Prätorianer endgültig um. Maesa, die gewiefte Taktikerin, ist bereit, ihre Tochter Soemias und deren Sohn zu opfern, wenn nur die severische Dynastie mit ihr als grauer Eminenz weiterregiert. Die Garde rebelliert, zieht durch den Palatinischen Palast, jeden mordend, der zur Clique des Imperators gehört. Heliogabal flüchtet sich in die Arme seiner Mutter, sein Mut zum Freitod schwindet. Gemeinsam verstecken die beiden sich in einer Latrine, doch es hilft nichts. Die Wachen stöbern sie auf, schlagen mit Schwertern auf sie ein, ziehen sie aus, schleifen die nackten Körper durch die halbe Stadt und werfen sie schließlich von der Aemilischen Brücke in den Tiber. Der exzentrischste und geilste, der ungeheuerlichste und der schönste Imperator, der je auf dem römischen Thron saß, ist tot.

Heliogabal hat bis heute sichtbare Spuren hinterlassen, die allerdings den wenigsten auffallen. Auch wenn der römische Senat die «damnatio memoriae» über den Toten verhängte, also die Auslöschung des Andenkens, die Tilgung aller Inschriften mit seinem Namen, die Zerstörung aller seiner Statuen, so hat er doch sein Vermächtnis hinterlassen. Der Stein des Gottes Baal kehrte zwar nach Emesa zurück, aber die Idee, in der Sonne den allgewaltigen Gott zu sehen, gefiel einer religiösen Gruppe im alten Rom, die auch nur einen einzigen Gott anbetete. Heliogabal hatte während seiner Regierungszeit einen bestimmten Tag des Jahres zum Feiertag seines Baal ernannt, an dem man tanzen und sich freuen sollte, und diese gewisse religiöse Gruppe setzte nun für ihre eigenen Riten jenen Feiertag als Geburtstag ihres eigenen Gottes fest: den 25. Dezember, unser Weihnachtstag.

LITERATUR

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Don Davis: Jeffrey Dahmer. Heyne 1992

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Jean Genet

Dichy/Fouché: Jean Genet. Versuch einer Chronologie 1910-1944. Merlin Verlag 1993

Jean-Paul Sartre: Saint Genet – Komödiant und Märtyrer. Schriften zur Literatur 1986

Claude Bonnefoy: Jean Genet. Merlin Verlag 1966

Edmund White: Jean Genet. Kindler 1993

Jean Genet: Tagebuch eines Diebes. Merlin Verlag 2001

IMPRESSUM

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet die Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Eric Walz

Schwule Schurken

Erweiterte Neuausgabe 2011

© Männerschwarm Verlag, Hamburg 2002

Umschlaggestaltung: Carsten Kudlik, Bremen, unter Verwendung einer Porträtgrafik von Friederike Bavendiek

Ebook-Ausgabe 2011:

978-3-86300-050-9 (Epub)

978-3-86300-056-1 (Mobi-Pocket)

Erweiterte Neu-Ausgabe:

978-3-86300-033-2

Männerschwarm Verlag

Lange Reihe 102 – 20099 Hamburg

www.maennerschwarm.de

ÜBER DEN AUTOR

Eric Walz wurde 1966 in Königstein im Taunus geboren. Er absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete mehrere Jahre als Führungskraft in Wirtschaftsunternehmen. Schon früh schrieb er Kurzgeschichten für Zeitungen und Magazine. Seine Leidenschaft aber galt schon immer dem Studium historischer Stoffe, sowohl Biografien wie historischen Romanen. «Schwule Schurken» war sein Debüt.

Heute beweist er sein Händchen für Stoffe und sein Talent für packende Darstellungen als Autor historischer Schmöker, die in großen Auflagen bei Blanvalet erscheinen.

INHALT

VORWORT

ALEXANDER DER GROSS E: DER BESESS ENE

KAISER HELIOGABAL: DER SCHÖNE TYRANN

PAPST SIXTUS IV .: DER UNHEILIGE VATER

HENRI III . VON FRANKREICH: DER SCHLÄCHTER

FRIEDRICH DER GROSS E: DER KRIEGSHERR

MAXIMILIEN ROBESPIERRE: DER TERRORIST

OBERST ALFRED REDL: DER VERRÄTER

ERNST RÖHM: DER NAZI

J. EDGAR HOOVER: DER INQUISITOR

YUKIO MISHIMA: DER PUTSCHIST

MICHAEL KÜHNEN: DER RECHTE VERFÜHRER

JEFFREY DAHMER: DER SERIENMÖRDER

JEAN GENET: DER HEILIGE SCHURKE

LITERATUR

IMPRESSUM

ÜBER DEN AUTOR