Sei Dein Wunder - Melanie Greif - E-Book

Sei Dein Wunder E-Book

Melanie Greif

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Beschreibung

"Sei Dein Wunder"... erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die durch totale Überforderung von geistigen und körperlichen Grenzen durch die Behandlung zweier Gehirntumore auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen wird. Und trotz zusätzlicher Probleme hat sie diesen harten und schmerzvollen Weg mit Bravour gemeistert. Plötzlich steht sie mitten im Ring und entscheidet, mit Boxhandschuhen zu verteidigen, was sie sich aufgebaut hat.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Melanie Greif

Sei Dein Wunder

© 2020 Melanie Greif

© Fotografin, Foto S. 3: Silke Gesser

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Hardcover:

978-3-347-01249-3

e-Book:

978-3-347-01250-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Über das Buch

Haben wir nicht alle schon mal die Erfahrung gemacht, dass wir dachten, nichts läuft mehr und steckten in einem sogenannten Voodoo-Zauber fest und kamen da nicht mehr raus?

Dann kommen noch die Selbstzweifel hinzu: Alles, was ich gerade angehe wird nicht besser sondern schlimmer?

Die Frage lautet: Wo soll das noch hinführen?

Ich steckte auch in dieser Kapsel und startete Negatives zu denken und war nicht bereit, das Schöne wahrzunehmen, sondern war offen noch mehr Negatives zu empfangen. Was mir nicht gut getan hat.

Darin stecken zu bleiben ist meistens einfacher, anstatt etwas zu verändern und dafür zu kämpfen, und sich vorzustellen, dass es auch wieder anders aussehen kann.

Das vergessen wir alle leider viel zu schnell: Wie schön unsere Welt sein kann, wenn man den Schalter, unsere Gedanken, umprogrammiert und das Leben so annimmt, wie es einen ungewollt verändert hat.

Darüber schreibe ich, denn mir ist auch nichts zugeflogen, deshalb…

„Sei Dein Wunder“- Ich wünsche Dir viel Spaß beim Lesen!

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Woher weiß ich, was richtig für mich ist?

Kapitel 2 Das Leben war langweilig, was nun?

Kapitel 3 Was, wenn alles möglich ist? Alles

Kapitel 4 Körper, was brauchst du?

Kapitel 5 Wer bin ich geworden?

Kapitel 6 Ist das der richtige Weg weiterzukommen?

Kapitel 7 Raus aus der Box.

Kapitel 8 Ich stecke immer noch fest.

Kapitel 9 Nach Dunkelheit kommt Licht.

Kapitel 10 Die Aussicht ist noch unklar.

Kapitel 11 Geschafft, mein Körper setzt jetzt seine Zeichen.

Kapitel 12 Nun ist es ausgesprochen.

Kapitel 13 Neue Ufer.

Kapitel 14 Verabschiedung meiner bösartigen Produktion.

Kapitel 15 Erwerbsminderungsrente

Ein Schlusswort an meine Lieben

Kapitel 1 Woher weiß ich, was richtig für mich ist?

Ich komme aus einer gutbürgerlichen Familie. Der Job meiner Mutter war, für uns Kinder zu sorgen, Essen zu kochen, sicher zu stellen, dass der Haushalt läuft, Hausaufgaben, Geburtstage, alles was anfällt. Mein Vater hatte sich mit 19 Jahren entschlossen, sein Heimatland, die Tschechei, zu verlassen. Er hatte eine Ziehtante in Deutschland, bei der er wohnen konnte. Schon als junger Mann war er sehr fleißig und ehrgeizig. Er hat mal erzählt, dass er sich krank stellte und eine Woche im Bett liegen blieb, weil er kein Geld hatte, anstatt seine Ziehtante anzupumpen, die wie eine Mutter für ihn sorgte.

Meinen Vater kenne ich nur als pflichtbewussten Mann. Es hat uns nie an etwas gemangelt, wir waren nicht reich aber glücklich. Wir wurden gut versorgt und unsere Wünsche erfüllt. Ich bin kein Einzelkind, ich habe eine acht Jahre jüngere Schwester, Sabrina. Als ich 1972 zur Welt kam, war meine Mutter 20 Jahre alt, mein Vater 22. Ich liebe es, so junge Eltern zu haben, die agil und humorvoll sind und beide Power haben. Wir haben schon sehr lustige Zeiten miteinander verbracht. Das sehe ich nicht in jeder Familie, dass man mit Eltern so viel Spaß haben und viel lachen kann. Die Sorgen unserer Eltern haben wir kaum mitbekommen.

1978 sind wir in unser neugebautes Haus eingezogen. Harte Zeiten mussten meine Eltern auch mit mir durchmachen, die Pubertät war für mich ein wilder Ritt. Schon damals habe ich die Freiheit draußen mehr geliebt, als zuhause zu sein. Meine Schwester war eher ein ruhiges Kind, das Gegenteil von mir, auch noch als Teenager.

Die Schule ist mir nie leichtgefallen, das Lernen. Mich auf etwas zu konzentrieren und es so schnell zu verstehen und umzusetzen wie andere, war nicht immer möglich. Heute würde man es sicher als Lernschwäche bewerten und darauf hinarbeiten, dass das Kind mehr Freude in der Schule und am Lernen hat. Nach der Mittleren Reife durfte ich die Schule verlassen und war heilfroh, endlich etwas Sinnvolles mit meinem Leben anfangen zu können.

Arzthelferin wollte ich werden und schloss die Ausbildung in Frankfurt am Main nach drei Jahren ab. Das Arbeiten lag mir definitiv mehr als Schule, und dabei noch Geld zu verdienen, wie cool war das denn? Für eine gute Note bin ich nie bezahlt worden, es hieß, das machst du für dich, dass mal etwas aus dir wird, und jetzt hatte ich verstanden, wie das gemeint war.

Ich kann mich erinnern, dass ich nebenbei noch viel arbeitete, nach der Schule abends oder auch nachmittags als Babysitter, um mein Taschengeld aufzubessern. In den Sommerferien nahm mich mein Vater mit in die Firma und sechs Wochen Ferien wurden um zwei Arbeitswochen verkürzt. Fand ich zu diesem Zeitpunkt nicht so prickelnd, morgens um 5: 00 Uhr aufzustehen und dann zu arbeiten, bis es am späten Nachmittag nach Hause ging. Ich bin todmüde ins Auto gestiegen und habe auf dem Heimweg schon mal eine Runde vorgeschlafen. Es war aber ein Highlight für mich, in der Firma meinen Vater zu treffen und zusammen mit ihm in der Kantine Mittag zu essen. Mein Vater hat damals als Dreher gearbeitet und ich war so stolz, dass ich neben ihm sitzen durfte und er mich seinen Kollegen vorstellte. Mein Vater war, soweit ich mich entsinnen kann, immer ruhig und ausgeglichen, seinen Kummer hat er uns Kindern nie gezeigt.

Wir haben auch eine tolle Mutter. Wir haben viel Spaß miteinander und ihren Humor geerbt.

Dass wir heute noch so albern sein und uns über Dinge kaputtlachen können, liebe ich sehr an ihr. Geduldig war sie weniger, dafür hatte sie viele andere Qualitäten, sie sorgte gut für uns und war immer für uns da. Zuhause war sie der Boss und hatte die Zügel in den Händen, sie hält sie bis heute.

Während meiner Lehre habe ich am Wochenende in einem Friseurgeschäft gearbeitet, mir sogar Urlaub dafür genommen, um das Weihnachtsgeschäft mitzunehmen.

Die Trinkgelder waren zu dieser Zeit sehr großzügig, das Arbeiten machte mir Spaß, und mit meinem verdienten „Extra-Geld“ habe ich mich gefühlt wie der King.

Nach meiner Ausbildung arbeitete ich in einer Reha-Klinik und eine Weile lang zudem sonntags im Altersheim an der Kaffee- und Kuchentheke. Montags ging es dann wieder weiter in der Klinik, morgens Labor, dann EKG, Frühstück, Belastungs-EKG, Lungen-Funktionstest und später Auswertung der Langzeit-EKGs. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit und der Oberarzt war täglich bei uns. Es war jeden Tag derselbe Rhythmus. Meine Zeit dort habe ich sehr genossen, ob mit Ärzten, Oberärzten, Schwestern, der Putzkraft oder dem Hausmeister, wir alle waren ein Team und haben sehr gut zusammengearbeitet. Nur eines hat mich gestört: immer dasselbe zu tun, immer denselben Gehaltszettel zu erhalten, keine Aufstiegsmöglichkeit zu haben.

Irgendwann war es „…und täglich grüßt das Murmeltier“ für mich.

Kapitel 2 Das Leben war langweilig, was nun?

Nach sechs guten Jahren habe ich mich von der Klinik verabschiedet und bin mit 26 Jahren für ein Jahr in die USA gegangen – als ältestes Au Pair. Ich wollte dort Englisch lernen, um eine andere berufliche Perspektive zu bekommen. Meine Gasteltern in Saratoga Springs hatten drei Kinder und waren ziemlich cool. Der jüngste Sohn war vier Jahre alt, mein Hauptjob, die anderen Kinder waren schon älter. Es war ein einfacher Haushalt, keine stinkreiche Familie, wie man sich das vielleicht vorstellt. Normalität war mir wichtig und ich habe mich gut gefühlt. 1998 war mein Jahr und wurde noch besser, als ich meine Freundin Julia kennen lernte. Sie war aus der Nähe von Baden Baden und wir hatten (und haben) viel Spaß. Im Sommer waren wir am Lake George, cruisten entweder in einem Speedboat oder badeten, brunchten fürstlich in einer Villa, gingen auf Konzerte und fast täglich zum Pferderennen. Im Winter sind wir Ski gefahren, waren zwischendurch Shoppen und in Pubs oder bei Freunden zum Grillen.

Jeder kannte uns, „the German girls are here“ hieß es. Die Zeit hätte ich mit keiner anderen so aktiv und mit so viel Spaß erleben können wie mit dir, Julia.

Auch in dieser Zeit habe ich gearbeitet. In einem deutschen Lokal leckere Schnitzel serviert, im Sommer für ein paar Wochen auf einem Bau, das Haus von außen abgeschliffen und die Fensterrahmen abgeschmirgelt, danach lackiert. Ich war auch dort ein fleißiges „German Au-Pair“!

Ein Jahr vergeht schneller als man denkt und schon war es Zeit für die Rückkehr und einen großen Empfang am Flughafen. Meine Familie und meine Freunde begrüßten mich, ein unvergesslicher Moment. Abends, ohne dass ich etwas geahnt hatte, richteten meine Eltern eine Willkommensparty aus. Initiatorin war meine Freundin Nicole, die mir schon eine großartige Abschiedsparty beschert hatte.

Nicole war immer da, ein toller Mensch, die vieles daran setzte, anderen eine Freude zu machen. Sie ist 2004 mit 38 Jahren an Krebs verstorben, und das Loch, das sie hinterlassen hat, wird sich nie schließen.

Der Verlust und die Erinnerungen sind nach so vielen Jahren immer noch unglaublich stark. Ich denke, es gibt wenige Menschen, die das Leben von anderen Menschen so positiv beeinflussen konnten wie Nicole. Ihr Sohn, jetzt 16 Jahre alt, war 10 Monate, als sie verstarb.

Die ersten Wochen nach meiner Ankunft arbeitete ich im Restaurant von Nicoles Schwiegereltern, das war der erste Schritt, um hier wieder Fuß zu fassen und mir eine Existenz aufzubauen. Dass ich jemals wieder zu meinen Eltern ziehe bzw. dort länger wohne als drei Wochen, hätte ich im Traum nicht gedacht, das Zusammensein hat früher nie lange funktioniert. Manchmal kam ich bei meinen Eltern an und dachte fünfzehn Minuten später, was soll ich hier, ich fahre wieder. Stur war ich, konnte nicht viel annehmen, mich Diskussionen zu stellen, no, thank you. Trotzdem zog ich in die Souterrain-Wohnung unten im Haus meiner Eltern.

Über einen Headhunter bekam ich relativ schnell ein überraschendes Angebot. Noch nie von diesem Unternehmen gehört… Hätte mir damals jemand gesagt, das sind Reifenhändler, ich hätte es geglaubt.

Es war aber eine amerikanische Investmentbank, eine der größten, und sie suchten eine Urlaubsvertretung. Die Vorstellungsgespräche im Messeturm waren wie im Film. Ich wurde eingestellt und durfte sofort starten. Eine gelernte Arzthelferin sitzt ab heute als Assistentin am Schreibtisch, arbeitet für verschiedene Investmentbanker gleichzeitig, beantwortet Telefonate, schreibt Briefe in Englisch, setzt Telefonkonferenzen auf und fragt: „anything else?“ Nach sechs Wochen boten sie mir einen Arbeitsvertrag an. Fünf Jahre später gab es eine Entlassungsflut, „hire and fire“, auch ich war darunter und wurde gegangen. Ein Kollege, den es ebenfalls getroffen hatte, fragte, ob ich Lust hätte, mit zu kommen, die Firma, die ihn als Geschäftsführer eingestellt hatte, benötige noch eine Assistentin, es sei ein befristeter Vertrag. So habe ich nicht lange zu Hause gesessen und dort nach kurzer Zeit neu begonnen. Die Firma organisierte die WM 2006 in Deutschland, es war eine großartige Erfahrung – und so günstig und schnell kommt man sonst auch nicht zu WM-Tickets.

Die Sprachblockaden, die ich zu dieser Zeit ab und an hatte, verdrängte ich. Genauso wie dieses Merkwürdige in meinem Kopf, wenn ich dachte, ich falle gleich um. Es ging schnell wieder weg, nur dauerte es etwas länger, bis ich ein Wort rausbrachte. Sicher ist es die Nervosität, dachte ich, weil gerade so viel um mich herum geschieht. Ich war in einem neuen Job und hatte seit 2004 eine manchmal nervenaufreibende Beziehung mit Bernd, einem selbstständigen Versicherungsmakler.

Keine meiner früheren Beziehungen war so intensiv wie die mit Bernd. Ich wollte mein Leben mit ihm teilen, er musste nicht viel tun, meine Liebe war bedingungslos. Er war charmant und einnehmend, dann wieder ganz das Gegenteil. Jedes Mal, wenn ich mich von ihm abwenden wollte, ließ ich mich wieder einfangen. Es war ein teuflischer Kreislauf.

Ich war also bereit, mir einiges aufzuerlegen. Trotzdem ging ich irgendwann zum Arzt. Nach vielen Fragen verordnete er mir eine MRT-Untersuchung. Es machte mich stutzig, dass er fragte, ob ich an Platzangst leide.

Es dauerte sehr lange, bis ich einen Termin bekam. Zu diesem Zeitpunkt war gerade mein Arbeitsvertrag bei dem WM-Veranstalter ausgelaufen und ich hatte Bewerbungsgespräche. Die Ausschreibung eines pharmazeutischen Unternehmens hatte so gut auf mich gepasst und sie waren an mir als Assistentin mit einem medizinischen Background interessiert. Es klappte und ich bekam einen Arbeitsvertrag.

Es waren noch vier Wochen, bis ich dort starten durfte. Alles gut terminiert, auch meine MRT-Untersuchung stand an. Es war aber doch ein merkwürdiges, schwer zu beschreibendes Gefühl, mit meiner Mutter in die Uniklinik zu wandern und nach dem MRT zu fragen.

Kapitel 3 Was, wenn alles möglich ist? Alles.

Ich kam in dieses Rohr, sollte die Augen schließen, und nach den unzähligen Fragen, die ich gestellt bekommen hatte, dachte ich zuerst, ich sei auf einem OP-Tisch gelandet. Ich bekam einen Zugang gelegt, Kontrastmittel gespritzt. Ich war noch nie wirklich krank gewesen, außer den Kinderkrankheiten. Mal ein Bänderriss oder der Arm gebrochen, aber hier jetzt zu liegen und nach Beschwerden gefragt zu werden, die ich nicht hatte… Außer diesen Sprachblockaden, wenn ich das gewünschte Wort nicht sofort herausbrachte.

Endlich geschafft, es war eine Erlösung, diesen Sarg zu verlassen, und ich war heilfroh, das Gesicht meiner Mutter zu sehen. Wir sollten draußen warten. Wir lachten, tranken Kaffee und aßen ein Teilchen, während wir warteten. Es tat gut, Süße zu schmecken und ich spürte, wie die Gelassenheit zurück kam. Dachte, auch das ist geschafft.

Eine Schwester kam mit einem Tablett, auf dem mein Name stand. „Hier ist Ihr Mittagessen.“ Meine Mutter und ich schmunzelten. „Ich gehöre nicht zu den Patienten, ich warte nur auf mein Untersuchungsergebnis.“

„Sie sind doch Melanie Greif“, sagte sie, „Sie hatten gerade eine MRT-Untersuchung, Sie sollen hierbleiben.“

Ich sah meine Mutter an, wir beide waren sprachlos. Ich stand auf und sagte, komm lass uns gehen, das ist doch verrückt. Da kam auch schon ein Arzt und fragte, ob ich Melanie Greif sei.

Wir konnten nicht fassen, was er sagte. In meinem Kopf sei ein Hirntumor, der auf mein Sprachsystem drücke, er sei im MRT zu sehen und 3,8 cm groß. Gut zu entfernen. Sie wollten, dass ich dableibe, um die OP schnell vorzubereiten. Ich war immer noch sprachlos, das alles ging nicht in meinen Kopf, ich spürte, wie es in mir pochte und dachte, in meinem Hirn sitzt etwas, das jeden Moment explodieren könnte.

Wir bekamen die Erlaubnis, nach Hause zu fahren. Ich solle in zwei Tagen einchecken, alles Weitere erführe ich dann, auf Wiedersehen.

Ich weiß nicht mehr, wie wir nach Hause gekommen sind. Ich bekam eine Panikattacke und dachte, ich muss raus, raus, laufen. Ich hatte mich zu einem Marathon angemeldet, das Laufen war für mich wie das tägliche Brot und machte mich glücklich. Wenn ich lief, war der Akku wieder aufgeladen.

Meine Mutter folgte mir in meine Wohnung. „Komm, lass uns mal zusammensetzen. Papa ist auch gerade vom Arbeiten nach Hause gekommen.“

Ich begann zu weinen: „Was soll das denn alles? Ich soll am Kopf operiert werden? Ich muss raus!“

„Ich bin bald wieder zurück“, sagte ich, hörte beide antworten, „bis dann, pass auf dich auf, mein Schatz“. Was für ein Kopfsalat spielte sich in diesem Moment bei meinen Eltern ab? Das fragte ich mich irgendwann später. Es war alles zu frisch, ich musste diese neue Situation verarbeiten, sollte in zwei Tagen operiert werden, das war es, was in meinem Kopf hing.

Ich lief, meine Gedanken kreisten, die Worte des Arztes, das Tablett mit dem Essen, meine Mutter, ihr sprachloses Gesicht.

Ich dachte, ich muss weglaufen, dieses Teil in meinem Kopf soll weggehen. Vielleicht schaffe ich es mit Laufen, dass dieses Ding wieder aus meinem Kopf raus geht. Ich spürte, wie Tränen liefen, ich konnte sie nicht aufhalten. Meine Sprachblockaden waren kleine Anfälle, Absencen, weil der Tumor auf den Sprachnerv drückte. Verrückt, das sollte ich haben?

Ich kam zurück, hab geduscht und dann mal richtig geweint. Wir setzten uns auf die Terrasse, meine Eltern und ich. Ein guter Bekannter wollte mich an diesem Tag sehen, ich sagte ihm ab, dann wieder zu, er kam und fand Worte, die uns allen an diesem Abend halfen, die Wahrheit anzunehmen und mehr Klarheit zu bekommen.

Am nächsten Tag hatte ich ironischerweise einen Friseurtermin. Früh morgens fuhr ich zu meinem Freund, dachte, ich muss ihm erzählen, was ich gestern erfahren habe, bevor er zur Arbeit geht. Ich erzählte und begann wieder zu weinen, erzählte von meiner Angst.

„Und die neue Arbeitsstelle, der Vertrag ist unterschrieben.“

Er schob mich leicht zur Seite. „Ich muss, ich habe Termine, lass uns telefonieren.“

Da stand ich wie so oft. Ich fuhr zu meinem Friseur.

Mit den Haaren in Folie verpackt rief ich meine Freundin Leslie an, erzählte ihr weinend, was passiert war. Sie weinte mit aber reagierte gefasst.

„Melli, ich bin für dich da, alles wird gut, du wirst nicht sterben.“

Ihre Stimme tat mir gut.

Eine Sache musste ich noch erledigen: meinem neuen Arbeitgeber berichten, was ich erfahren hatte. Eine Stelle absagen, die ich gerade erst zugesagt bekommen hatte. Der Vertrag war unterschrieben und ich hatte mich darauf gefreut, wieder Verbindung zu dem zu bekommen, was ich ursprünglich mal gelernt hatte. Meine neuen Arbeitgeber lächelten, als sie den Raum betraten, und ich versuchte zurück zu lächeln.

Meine Stimme zitterte und ich musste mich anstrengen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Ich begann zu sprechen. Betroffene Gesichter schauten mich an. Sie reagierten sehr mitfühlend, eine Frau drückte mich. Sie sprachen sehr lange mit mir, ein Arzt kam noch dazu. Nach einer Weile verabschiedeten wir uns, sie wünschten mir alles Gute und dann bin ich nach Hause gefahren. Ich habe so geweint, dass ich dachte, ich verliere die Straße aus den Augen.

Zu Hause packte ich meine Tasche und bat meine Mutter, niemandem etwas zu erzählen. Ich wollte keine Anrufe beantworten und niemanden sehen.

Am nächsten Morgen brachten mich meine Eltern in die Klinik, den Abschied muss ich nicht beschreiben. Er war herzzerreißend.

Ich fühlte mich so alleine. Doch während die Vorbereitungen zur OP am nächsten Tag getroffen wurden, raffte ich mich wieder auf und dachte, das schaffst du, Melanie. Es wird alles gut. Tschakka.

Ich schlief sehr schlecht, morgens sollte ich das Designeroberteil anziehen, die sexy Netzunterhose, eine Haube auf meinen Kopf setzen und warten, bis ich abgeholt werde. Ich wollte mir selbst nicht so blass und farblos vorkommen und habe mich an diesem Morgen geschminkt wie sonst auch. Schließlich war ich war ja nicht krank, ich bekam nur dieses Teil aus meinem Kopf geschnitten.

Dann ging alles schnell. Der Pfleger kam, rollte mich in den OP, ich bekam Schlafmittel injiziert und dann war ich weg.

Irgendwann wachte ich auf und begriff, was passiert war. Mein Kopf fühlte sich anders an, ich konnte meinen Mund nur schwer öffnen und über dem Ohr hatte sich eine leichte Kruste gebildet. Ich fühlte Metall, oh ja, die hatten was gesagt von Klammern. Kurze Zeit später im Untersuchungsraum begrüßten mich Ärzte.

„Das kennen Sie ja bereits, es wird noch mal eine MRT-Kontrolluntersuchung gemacht.“

Nach der MRT wollten die Ärzte, dass ich meinen rechten Arm zu meiner Nase führe, was ich nicht konnte. Ich hob meine Beine hoch, wusste aber, dass ich gerade etwas falsch mache. Ok, nicht schlimm, der nächste Versuch, das rechte Bein bitte mal hochheben und den linken Arm dazu. Ich habe hektisch rumgestikuliert wie ein Maikäfer auf dem Rücken. Ich hörte sie sagen: „Ok, Sie sind fertig.“

Dann wurde ich in mein Zimmer gerollt und musste mich erst mal besinnen, alles überstanden zu haben. Ich spürte, wie müde und erschöpft ich war, dachte aber an meinen Partner und sammelte meine letzte Kraft, um den Hörer in die Hand zu nehmen und seine Nummer zu wählen. Ich hörte die niedliche, lebendige Stimme seiner Tochter Luana, die in den Hörer rief: „Hallo?“ Mit schwacher Stimme sagte ich „Hallo“ und fragte nach ihrem Papa.

Sie rief aufgeregt, es hallte durch die ganze Wohnung, „Melli ist am Telefon. Der Papa kommt, bist du operiert worden, Melli, hast du meinen Glücksbringer, meinen Teddybären, dabeigehabt?“

Sie wollte gerade weitererzählen, dass sie mit ihrem Boot einen Ausflug gemacht hatten, da war er schon am Telefon. „Hallo, hast du alles überstanden?“

Ich sagte, dass alles gut verlaufen sei, dann verabschiedete ich mich mit einem „Tschüss“ und legte wieder auf.

Ich wollte gerade wieder einschlafen, als die Türe aufging und ich die freudestrahlenden Gesichter meiner allerliebsten Eltern und meiner Schwester sah. Ich war so glücklich, sie zu sehen, und lachte so gut es ging, wir drückten uns, mein Gesicht spannte sehr, bei jeder Mimik spürte ich den Schnitt. Wir unterhielten uns, als plötzlich die Tür auf ging. Die Schwester kam rein und sagte in einem schnellen, energischen Tonfall: „Frau Greif bitte nichts mehr essen und trinken, wir müssen noch mal aufmachen.“

Die Gesichter meiner Eltern und meiner Schwester habe ich noch wahrgenommen, dann wurden die Rollen des Bettes gelöst und das Bett begann sich zu bewegen. Ich hörte meinen Vater, „ich fahre sie runter in den OP, ich weiß wo es ist“. Ich war so durcheinander und immer noch benommen. Am Aufzug merkte ich, dass Luanas Bärchen, der Glücksbringer, nicht im Bett lag. Jemand lief schnell ins Zimmer zurück und holte den Teddybären, dann ging es weiter.

Wir warteten auf den Aufzug und ich bemerkte, wie nervös mein Vater wurde. Dann hörte ich mich fragen: „Papa muss ich sterben?“ Er unterdrückte alle Regungen und antwortete nur ganz schnell „nein nein, du musst nicht sterben, sie müssen nur noch mal operieren“.

Unten angekommen verabschiedeten wir uns, ich bekam wieder das Schlafmittel gespritzt und schlief ein. Trotzdem sollte ich während der OP kurz wach werden und etwas Sonderbares erleben.

Währenddessen lief meine Familie draußen auf dem Gelände des Klinikums umher, erst jeder für sich, das, was gerade passierte, mit sich selbst austragend.

Meine Schwester weinte und sagte meiner Mutter, wie stark sie sei, und sie liefen zusammen weiter. Sabrina hat mir später erzählt, dass mein Vater sich zweimal übergab.

Während ich auf dem OP Tisch lag, rief meine Schwester Bernd an, und sagte ihm, dass ich noch mal operiert werden müsse. Sie traute ihren Ohren kaum als er nur fragte: „Und, isses schlimm?“

Es muss ein ganz schrecklicher Zustand gewesen sein. Diese ganzen Gefühle, die Ungewissheit, die Angst.

Die OP dauerte länger. Irgendwann hörte ich Stimmen, jemand sprach und weinte dabei. Meine Mutter sagte „schau, da sind ihre Nägelchen, die sind auch voller Blut“ und schniefte, jemand strich mir über den Kopf, ein anderer hielt meine Hand. Ich war benommen und versuchte meine Augen zu öffnen. Die Lieder hoch zu ziehen und sie oben zu halten fiel mir schwer. Meine Schwester und meine Eltern standen um mich herum. Sie strengten sich an, die Fassung zu wahren. Ich kann mich erinnern, dass ich meine Arme in die Luft hob, um mitzuteilen, dass ich da bin.

Ich war wieder da, unten auf der Erde bei meinen Lieben.

Ich wollte meinen Kopf heben und spürte, da hängt was, was war denn das? Die Schwester kam und schaute mich sehr liebevoll an. „So Frau Greif, wir waschen Sie jetzt mal ab, etwas Blut klebt noch an Ihrem Hemd und an Ihrem Gesicht“.

Sie wechselte mein Hemd, jetzt spürte ich, dass alles an mir klebte. Ich ließ alles über mich ergehen, alles in Zeitlupe. Unter der Bettdecke spürte ich einen Schlauch was war das, ein Katheter?