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"Auf einmal kam alles wieder in mir hoch und ich erinnerte mich an früher, als ich ganz klein war, als Eritrea noch die Hoffnung von Afrika war. Meine Mutter nannte mich damals als Spitzname rhus kolah, das heißt Glücksbringer auf unserer Sprache Trigrinya, denn ich war in einer Zeit geboren worden, in der alles besser wurde, das Leben in Eritrea wieder einfacher wurde, nachdem es vom Grauen des Kriegs überschattet worden war. Doch wir ahnten nicht, dass alles nur noch schlimmer werden würde." Natnael hätte sich mit 14 nichts Besseres vorstellen können, als mit seiner Familie zu leben, in einem Land geprägt von lebendiger Kultur und traumhafter Landschaft. Doch das Militärregime wollte es nicht zulassen. Kein Schulbesuch. Unterdrückung, Folter und Gehirnwäsche stünden ihm beim Pflichtdienst in der Armee bevor. Deshalb fällt er die einstmögliche Entscheidung, um zu entkommen. Ihm stehen 7.071,70 km im Weg bis zur Freiheit. Wie schafft er es diese zu überwinden? Und wieso fühlt es sich an, als würden ihm nach jedem Kilometer neue Steine in den Weg gelegt werden? Was wenn der Körper einen aufgibt, doch der Verstand einen weitertreiben will? Ist Flucht eine Wahl oder Schicksal?
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Seitenzahl: 371
Veröffentlichungsjahr: 2020
Natnael H. wurde am 31. Dezember 2000 in der Stadt Barentu, Eritrea geboren. Mit 14 floh er über das Mittelmeer nach Europa und lebt jetzt seit drei Jahren als anerkannter Flüchtling in München. Er hat schnell sehr gut Deutsch gelernt und macht jetzt eine Ausbildung. Mit seinem Erstlingswerk möchte er dem Flüchtling ein Gesicht verleihen und auf das Schicksal und Leben der Menschen in der Militärdiktatur Eritrea aufmerksam machen. Aber vor allem möchte er mit seinem Buch ein Zeichen für Weltoffenheit setzen und den Lesern einen persönlichen Einblick in das Schicksal von ihren neuen Mitmenschen geben.
Rebecca Anna Mila S. wurde am 25. Oktober 2000 in München geboren und studiert gerade Musikproduktion. Sie begeisterte sich schon früh fürs Schreiben und verfasst schon seit Jahren Romane/Kurzgeschichten, arbeitet gerade an ihrem ersten Blog. Sie ist ausgesprochene Gegnerin des Rassismus, Neokolonialismus und der vorurteilsgeprägten bzw. einseitigen Darstellung vom afrikanischen Kontinent in den westlichen Medien und Schulbüchern. Selemawi ist ihre erste Veröffentlichung.
Kapitel 1: Der erste Versuch
Kapitel 2: Nicht aufgeben
Kapitel 3: Alleine
Kapitel 4: Quelle des Friedens
Kapitel 5: Ihr kriegt mich nicht
Kapitel 6: Wertlos
Kapitel 7: Wir rennen
Kapitel 8: Verloren
Kapitel 9: Trance
Kapitel 10: Fatamorgana
Kapitel 11: Sterben
Kapitel 12: Blut
Kapitel 13: Unendliches Blau
Kapitel 14: Ein Licht am Ende des Horizonts
Kapitel 15: Bella Italia
Kapitel 16: Ein neues Kapitel
Kapitel 17
Nachwort
„In Eritrea ist es, als gäbe es keine Gesetze. Menschenrechte sind egal. Vor allem die Kinder haben nichts zu melden und keinerlei Rechte. Die Eltern schlagen ihre Kinder, oft werden sie verletzt und ihnen bleibt nichts anderes übrig als es auszuhalten, sie müssen es ihre ganze Kindheit lang ertragen und können nichts dagegen tun. Selbst wenn sie sich mal trauen würden, zur Polizei zu gehen, würden sie die Kleinen nur müde anlächeln und rein gar nichts dagegen unternehmen. Gewalt gegen Kinder ist etwas Unerträgliches.“
Senait, mit 15 aus Eritrea geflüchtet
Ich drehte mich auf den Rücken und das alte Metall des kleinen Bettes knarzte entsetzlich. Ich blinzelte. Sonnenstrahlen fielen durch das kleine runde Fenster, das über mir lag und füllten den runden Raum mit Wärme. Ich öffnete langsam die Augen und blickte über die Schulter zu meinem kleinen Bruder Henok, mit dem ich mir meinen Schlafpatz teilte. Er schlief noch immer tief und fest, er sah so friedlich aus und seine honigbraune Haut glänzte golden im Schein des Lichts. Die Sonne hatte sich noch gar nicht in ihrer vollen Pracht über dem Horizont erhoben, dennoch war es schon heiß wie am schönsten Sommertag. Ich setzte mich auf und wackelte mit meinen Zehen im feinen kühlen Sand. Es war so früh am Morgen, dennoch war es ganz und gar nicht still. Ich lauschte dem furchteinflößenden Schreien der Hyänen, das aus dem Wald drang, dem Bellen der Hunde. Mein Pferd Bula wieherte im Garten. Ich liebte es stundenlang mit ihm auszureiten, durch die trockenen Felder zu ziehen, ohne Sattel sein weiches Fell auf der Haut zu spüren.
Ich war noch müde, meine Augen fühlten sich schwer an, doch ich konnte nicht wieder einschlafen, denn ich wurde von einem Hämmern und Klopfen wachgehalten. Ein Scheppern. Ein Stein rollte über den Boden. Ich hörte wilde Flügelschläge. Dann ein Kikeriki, das man bestimmt im ganzen Gash-Barka, der Region in der meine Heimatstadt Barentu lag, hören konnte.
Ich preschte aus dem kleinen steinernen Häuschen mit einem Dach, das nur aus Stroh gefertigt wurde, und entdeckte unseren Hahn, der aus dem Hühnerstall ausgebrochen war und sich nun die Seele aus dem Leib schrie und gackerte. Vier Uhr morgens, das war seine Standarduhrzeit für solche Aktionen. „Ruhe jetzt!“, rief ich, als ob es ihn großartig interessieren würde. Ich packte meine congo sheda, die Plastiksandalen, die jeder hier trug, die es in allen erdenklichen Farben und Variationen auf den Märkten in der Innenstadt zu kaufen gab, und schmiss ihm eine hinterher, woraufhin er aufgescheucht in den Garten flatterte. Ihm hinterher unsere komplette Horde an Hühnern. Die Tiere verursachten einen Höllenlärm, sodass wenig später auch meine Eltern aus dem Haus stürmten und wir versuchten die Hennen wieder einzusammeln. Es schien schier unmöglich. Nun kamen auch noch meine Schwestern Nardos und Fithawit hinausgerannt und sahen sich kichernd das Schauspiel an.
Schlussendlich war jedenfalls die eine Hälfte der Hühner entwischt und wahrscheinlich schon bereits über alle Berge, die andere endete als üppiges Frühstück unserer Katze. Super. Das hieß wohl keine Eier, bis wir das Geld wieder zusammen hatten, um neue Tiere zu kaufen und die waren schon seit Jahren völlig überteuert.
Ich trottete hinter meinen verärgerten Eltern ins Haus und beobachtete meine Adey – wie wir unsere Mütter in Eritrea nannten – wie sie frisches Injera fürs Mittagessen kochte, ein herrliches weiches Fladenbrot aus Hefe und Teffmehl. Adey trug ihre Haare auf den Seiten geflochten und zu einem Knoten zusammengebunden. Sie hatte ein umwerfendes strahlendes Lächeln, das sie uns Kindern glücklicherweise vererbt hat und dunkle, glänzende Haare. Ihre dunkle Haut sah wunderschön aus im Kontrast zum blauen Morgenkleid, das sie trug. Es war ziemlich eng geworden, denn Adeys Bauch war immer größer geworden und es dürfte nicht mehr lange dauern, bis unser neues kleines Geschwisterchen das Licht der Welt erblicken würde.
Während sie kochte ging ich nochmal hinaus in den Garten um ein bisschen Sonnenschein einzufangen. Die Luft war absolut windstill, höchstens kleine Brisen ließen die zahlreichen Bananenpalmen, die von überall in den Himmel ragten und deren saftiges Grün Farbtupfer in die teils karge, teils waldige Landschaft setzten, sanft hin und her wiegen. Im Garten stand noch unsere alte Kutsche. Früher bin ich mit meinen Geschwistern damit durch die Stadt gezogen und habe frisches Gemüse und Obst verkauft, das wir selbst angebaut hatten, doch diese Zeiten waren längst vorbei. Die Mitarbeiter des Bürgermeisters von Barentu hatten uns erwischt und herausgefunden wo wir wohnten. Da erfuhren wir, dass der Grund, auf dem unser Haus stand, Eigentum eines anderen war, Eigentum von der Stadt, glaube ich. In Barentu bauten die Einwohner nämlich ihre Häuser wo sie wollten und hofften, dass nicht herauskam, wer den Grund eigentlich beanspruchte.
Wie sollte jemand auch nur das Geld für Grundstück und Haus zusammenbekommen?
Wir haben jedenfalls Strafen für den illegalen Bau zahlen müssen. Das waren keine hunderte von Nakfa, keine tausende – es waren bestimmt mehrere Hunderttausende die wir abgeben mussten. Von dieser Zeit verloren wir alles was wir hatten, meine Familie wurde immer ärmer und ärmer. Jetzt müssen wir jeden Cent zählen
Auf einmal kam alles wieder in mir hoch und ich erinnerte mich an früher, als ich ganz klein war, als Eritrea noch die Hoffnung von Afrika war. Meine Adey nannte mich damals als Spitzname rhus kolah, das heißt Glücksbringer auf unserer Sprache Tigrinya, denn ich war in einer Zeit geboren worden, in der alles besser wurde, das Leben in Eritrea wieder einfacher wurde, nachdem es vom Grauen des Kriegs überschattet worden war. Mein Heimatland galt als aufstrebend, doch davon war jetzt überhaupt nichts übriggeblieben. Es kamen erneute kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Eritrea und Äthiopien und das Land wurde zurückkatapultiert ins Elend. Die Lebensmittel verteuerten sich bis ins unbezahlbare, all die Menschen, die so glücklich in ihrem Land waren, trugen von nun an eine tiefe Trauer in sich, einen Riss in ihrem Herzen, der nicht mehr zusammengeflickt werden konnte. Ich weiß noch wie eine Fliegerbombe Barentu erschütterte als ich gerade mal ein Jahr alt war, doch ich kann mich trotz der langen Zeit, die bis jetzt vergangen war, an jedes Detail dieser Nacht erinnern und daran, wie ich deshalb ständig schweißgebadet von Albträumen aufschreckte und meine Adey aus dem Schlaf kreischte.
Ich versuchte die Erinnerungen wieder zur Seite zu schieben und kam zurück ins Haus, frühstückte mit meinen Geschwistern und schwang mich dann auf mein glänzendes neues türkises Fahrrad, das ich von meinem eigenen Geld gekauft hatte. Unser Nachbarort war unter den Einheimischen als Goldgrube bekannt und so fuhr ich eines Tages hin, voll Hoffnung tatsächlich etwas zu finden. Und nachdem ich stundenlang im Fluss Steinchen in einer Schüssel gewaschen hatte, war ich wahrhaftig erfolgreich geworden-2500 Nakfa war das winzige Stückchen wert, genug, um mir endlich ein Fahrrad kaufen zu können. Meine Eltern machten mir lange Stress, denn sie waren felsenfest davon überzeugt, dass ich das Fahrrad geklaut hatte, doch da ich nun schließlich weniger oft spät zur Schule kam, da ich jetzt schneller unterwegs war, fragten sie nicht weiter nach.
Ich besuchte die Busha-Schule am anderen Ende der Stadt. Tausende Kinder strömten in die Klassenräume. Ich fand meinen Schulfreund in der Menge und gesellte mich zu ihm.
In unsere Klasse gingen 60 Schüler, was den Unterricht nicht gerade einfach gestaltete. Wir wurden bestraft, wenn wir zu viel tuschelten. Als ich scheinbar zu laut mit meinem Sitznachbarn gesprochen hatte, wurde ich nach vorne zitiert und sollte mich vor der ganzen Klasse so lang im Kreis drehen, bis der Lehrer stopp sagte. Er sagte sehr lange nicht stopp. Als er mich schließlich anhielt, ich zurück an meinen Platz strauchelte und meine Mitschüler mich auslachten und über mich spotteten, meinte unser Lehrer nur: „Schau wie schwindlig dir jetzt ist! Genauso schwindlig wird mir von deinem ganzen Geschwätz!“
Die Strafe viel noch vergleichsweise mild aus, wenn man auch nur Sekunden zu spät zum Unterrichtsbeginn erschein, bekam man Schläge auf die Finger, wo es so richtig schön schmerzte. In anderen Fällen mussten wir Steine so groß wie Medizinbälle in der prallen Sonne auf dem Schulhof hin und her schleppen. Wir hassten die Lehrer, wir führten Krieg gegen sie. Jedes Mal, dass einer von uns unfair bestraft wurde, spielten wir den Lehrern Streiche und zwar so geschickt, dass sie sich ordentlich aufregen konnten, aber nie rausfanden, wer dafür verantwortlich war.
Wir nahmen ihren Fahrrädern die Reifen ab oder stachen Löcher hinein, verstopften die Lehrertoilette mit Steinen, kletterten im Sportunterricht, der draußen stattfand, über die Schulmauer und gaben uns selbst frei. Wir hatten einen unheimlichen Spaß daran, die gemeinsten und kreativsten Pläne auszuhecken.
Nach dem Unterricht, der heute aus Biologie, Tigrinya und Mathematik bestand, schauten wir noch in unserem großen Schulgarten vorbei und gossen unsere Pflanzen, die wir selbst gesät hatten und pflegten. Anschließend war es schon Zeit, uns im Schulhof zu sammeln. Die gesamte Schülerschaft stellte sich in Reihen auf und wurde inspiziert. Ob alle ordentlich gekleidet erschienen waren und ihre türkisen Schulhemden trugen. Sie kontrollierten, ob die Haare von uns Jungen kurz geschnitten waren, wie es Vorschrift war. Ich hatte bereits versucht mich durchzumogeln, denn ich wollte mir einen schönen großen Afro wachsen lassen, wie früher der meines Vaters, den ich immer in seinen alten Fotos bewunderte. Ich stopfte meine Haarpracht unter Caps und Mützen, doch diese waren auch wenig gern gesehen, somit scheiterte ich.
„Du denkst wohl, du bist besonders schlau.“, meinte der Mathelehrer und riss mir meine knallgrüne Kappe, die mit dem blauen Abzeichen der besten Fußballmannschaft Barentus bestickt war, hinunter. Er zog vor versammelter Mannschaft einen Haarschneider aus seiner Hosentasche und fuhr mit ihm knapp über meinen Kopf. Ich beobachtete traurig wie meine Locken zu Boden fielen. Meine Krone.
Nachdem wir ausführlich kontrolliert worden waren, war es jedenfalls an der Zeit, unsere Nationalhymne anzustimmen. Wir sangen sie an jedem Tag der Woche. Anordnung aus höchster Instanz.
Eretra, Eretra, Eretra,
Be‘al dem 'enalk'ese tedemsisu,
Meswa'ta beharnet tedebsisu.
Mewa'el nekhisa ab ‘elama,
Te'merti ts'en‘at kweynu sema,
Eretra-zahaben wets'u‘at,
Amesekira hak'i kemte‘wet.
„Eritrea, Eritrea, Eritrea, der erbarmungslose Feind wurde besiegt, die errungene Freiheit entschädigt für die gebrachten Opfer. Jahrelange Hingabe, für das eine Ziel, brachten die Bezeichnungen übernatürlich und standhaft ein. Eritrea, Stolz der Unterdrückten, hat bewiesen, dass die Wahrheit immer siegt.“
Die Wahrheit siegte hier lange nicht mehr, nicht wenn ein Präsident die Flucht von zehntausenden leugnete, die Presse kontrollierte und im Fernsehen von den angeblichen großartigen Erfolgen und Fortschritten im Land prahlte. Wir wurden belogen und betrogen an jedem einzelnen Tag.
Eretra, Eretra,
Ab ‘alem ch'ebit'ato gebu' kebra.
Nats'enet zemts'e' le‘ul neh,
Nehnets'a nelme‘at k'serihh,
Selt'ane kenelbesa germa,
Hihdri-lena gemja kenselma.
Eretra, Eretra,
Ab ‘alem ch'ebit'ato gebu' kebra.
„Eritrea, Eritrea, hat die ihm zustehende Anerkennung auf der Welt verdient, wird das Land aufbauen und zum Ergrünen bringen. Wir sollten es mit Fortschritt beehren. Wir haben die Verantwortung es zu verschönern. Eritrea, Eritrea, hat die ihr zustehende Anerkennung auf der Welt verdient.“
Sie hatten Eritrea in den letzten 30 Jahren kein winziges Bisschen Fortschritt beschert. Die Hymne wurde in einer Zeit geschrieben, in der die Menschen wirklich stolz auf Eritrea sein konnten. Der Krieg war gewonnen und alles sollte besser werden. Sollte.
Was bedeutete Stolz für uns? Stolz auf unser Land? Wir waren stolz auf unsere Menschen, unsere einzigartige Kultur und die Schönheit der Natur unseres Landes. Aber ganz bestimmt nicht auf die Art und Weise, wie es geführt wurde. Dennoch mussten wir es Tag für Tag mit der Nationalhymne dafür loben und preisen.
Nachdem ein weiterer Schultag sich zum Ende geneigt hatte, traf ich mich mit ein paar Jungs zum Fußball, auf dem staubigen, sandigen Platz unweit von meinem Haus. Meine besten Freunde waren dabei, Robel und Dawit. Stundenlang kickten wir in der prallenden Sonne und hatten unseren Spaß. Heute hielten wir es nicht lange durch, denn die Kraft der Sonne raubte uns jegliche Ausdauer. Wir setzten uns in den warmen, orangenen Sand, der die Landschaft bedeckte, rückten in den Schatten einer blühenden Akazie und unterhielten uns. Dawit begann mal wieder auf Englisch zu reden, um uns auf die Nerven zu gehen, denn unter uns Jugendlichen war es stets etwas Besonderes, eine Fremdsprache sprechen zu können und wir waren unheimlich neidisch auf ihn. Dawit war der einzige von uns, der richtig Englisch konnte. Das lag daran, dass wir immer nur unsere Bildung bekommen konnten, wenn das Geld in der Familie auch dafür reichte. Robel zum Bespiel war seit Jahren nicht mehr in der Schule, in der 5ten Klasse musste er abbrechen, weil seine Familie die Gebühren nicht zahlen konnte. Sein Vater war im Krieg gegen Äthiopien gestorben und nur seine Mutter musste fünf Kinder alleine ernähren und die hohen Kosten für den Schulbesuch monatlich einreichen. Sie hatte nie eine Chance einen guten Job zu bekommen, denn auch ihre Träume und Wünsche wurden von der Militärpflicht vielleicht für immer zu Nichte gemacht, Eine Militärpflicht, die nach Gusto unseres Präsidenten in vielen Fällen auch niemals ein Ende nahm. Und hinter den Türen der Kasernen liefen oft unvorstellbare Dinge ab. Aboy wollte mir nie erklären, was sie wirklich mit den Soldaten und Soldatinnen anstellten. Ich wusste nur, dass es auch schon in unserer Nachbarschaft vorgekommen war, dass junge Männer plötzlich wie vom Erdboden verschluckt waren. Es hieß dann immer ‚in der Wüste verschwunden'. Man musste kein Genie sein, um zu verstehen, dass das nur heißen konnte, dass die getreuen Staatsdiener ‚beseitigt' worden waren. Das ging ganz schnell, mal eine unerwünschte Haltung gegenüber Eritreas Präsidenten, mal Kritik an der Politik, mal ein Wort gegen die Militärdiktatur, schon war man ‚verschollen'. Die jungen Menschen werden in der elften Klasse verschleppt ins Sawa, eine nette Bezeichnung für die Hölle selbst.
Der Präsident hatte es einmal auf eine sehr merkwürdige Art auf den Punkt gebracht: Die Jugendlichen waren der ‚Teig' und die Generäle die ‚Bäcker', die die jungen Menschen zu was auch immer sie nur wünschen ‚formen' könnten. Kurz gesagt, der Staat hatte uns in der Hand und konnte uns ausnutzen, ganz gleich wie.
Ja, die elfte Klasse verbrachte man im Militärlager, wobei die Waffen hier nicht mehr Stifte waren, sondern Sturmgewehre. Auch wenn man hier ganz offiziell seinen Schulabschluss erhielt, es war keine Schule mehr. Ich war schon mal früher an der Kaserne vorbeigelaufen und Sawa sah aus wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Da drinnen wurde Gehirnwäsche vom Feinsten betrieben. Bei Fehlern wurde man mit Aufgaben bestraft, die einen in den Wahnsinn trieben. Wie ein Bekannter unserer Familie, von dem erzählt wurde, er habe 2000 Ameisen einsammeln müssen, weil er eine falsche Antwort im ‚Unterricht’ gegeben hatte. Nach einiger Zeit in diesem Lager, hatte man nicht mal mehr Zeit darüber nachzudenken, was hier eigentlich geschah, denn man wurde von morgens bis abends terrorisiert. Nach einiger Zeit interessierte es keinen mehr, ob man in einer Diktatur oder Demokratie lebte, denn man wurde ohne Pause rumgescheucht. Falls doch mal jemand Zeit hatte, über Politik nachzudenken, sollte er das besser nicht laut tun, denn dann hätte sein letztes Stündlein geschlagen. Allerdings hatte man es noch vergleichsweise gut, wenn man als Junge ins Sawa gesteckt wurde. Denn, was die Mädchen durchmachen mussten, ich wollte nie dran denken, denn irgendwann mal würden meine Schwestern mit großer Wahrscheinlichkeit auch dort landen. Die Mädchen waren die Haussklaven der Offiziere, sie wurden in jeder Hinsicht ausgebeutet. Ihnen wurde eingetrichtert, sie seien als Frauen von Natur aus dem Mann untergeben und es sei ihr Schicksal ihm zu dienen sowie zu folgen. Widerspruch oder Widerstand würden sie nicht besonders lange überleben, vermutlich. Somit freute sich hier auch keine Seele, dem Schulabschluss näher zu rücken, denn der war gleichzusetzen mit einem One-way-Ticket in ein Leben als Staatssklave. Diejenigen Schüler, die die besten Leistungen ablieferten und die Schule bzw. Sawa bis zum Ende bezahlen konnten, durften sich auf einen Studienplatz freuen. Den Studiengang entschieden die Bildungsbeauftragten des Militärs und darauffolgend auch die Arbeitsstelle, die Wünsche und Träume der Jugendlichen interessierten sie herzlich wenig. Somit konnte man nur darauf hoffen, Glück zu haben und einen Beruf zu erwischen, der einen erfüllen würde. Der Rest, d.h. die Mehrzahl, aber, würde bis zum Verrecken Staatsdienst leisten.
Robel konnte sich jedenfalls heute kaum über Dawits Sticheleien aufregen. Ihm lag etwas auf dem Herzen, das stand ihm ins Gesicht geschrieben.
„Also, eigentlich möchte ich euch etwas sagen...aber kann ich euch vertrauen? Ihr dürft es niemandem sagen! Niemandem!“
„Ja, keine Sorge, was ist denn, du kannst es uns sagen.“, meinten Dawit und ich neugierig.
„Ich kann es euch nicht erzählen, ihr lügt doch, ihr sagt es sowieso gleich weiter. Ihr seid größere Tratschtanten, als die Nachbarn bei Adeys Kaffeekränzchen, pff!“
Ich schüttelte den Kopf und einige Locken flogen mir ins Gesicht, die am Schweiß, der mir über die Stirn lief, kleben blieben. Warum sagte er uns, er wolle was sagen, wenn er es...am Ende doch nicht sagen wollte?
„Und du bist ein größeres Weichei, als unser Esel, der immer ausschlägt und durchdreht, wenn er die Hyänen aus der Steppe heulen hört, Alter. Adgi!“, motzte Dawit.
Robel war schon bereit Dawit mit ordentlichen Ladungen Sand zu bewerfen, da versicherte ich ihm „Nein, nein wir erzählen es nicht weiter! Du bist doch unser Freund! Sag es, ganz gleich was es ist. Wir halten doch zusammen.“
„Ok...ich wollte...“ Robel zögerte. Er verzog, sein Gesicht, sodass sich ganz viele Falten an seiner Stirn bildeten. Sorgenfalten. Adey sagte immer, ich soll nicht so mein Gesicht verziehen, sonst bekäme man früher Altersfalten. Wenn das wahr war, würden wir Eritreer ganz schön schnell runzlig werden, bei den ganzen Sorgen...
„Ja was denn?“
„Äh...äh...“
„Sag es verdammt nochmal!“
„Ja, ich will einfach hier weg!... Flüchten...“, sprudelte es aus ihm heraus. Ich fragte mich wirklich wie er jetzt darauf kam. Wir hatten nie darüber gesprochen. Wir hatten nie darüber nachgedacht. Oder hatten wir etwa doch...?
„Ähm“, meinte ich verdutzt, aber ich wusste nicht was ich weiter dazu sagen sollte. Das übernahm Dawit.
„Wie stellst du dir das denn vor? Glaubst du das ist so einfach? Wir sind alle so klein! Wie sollen wir es bitte bis Europa schaffen? Und ihr seid arm! Wer soll bitte das Geld für euch bezahlen? Und was denkst du eigentlich? Dass eine Flucht nicht anders ist, als eben mal um die Ecke zum Supermarkt zu gehen? Man muss fast einen ganzen Kontinent durchqueren! Einen KONTINENT!“ Er raufte sich die Haare.
„Ich meinte ja Ich, ich habe noch gar nichts von wir gesagt.“, verteidigte sich Robel.
„Oh, der Herr will alleine gehen. Ich bin nicht blöd, hawey, ich weiß, was du vorhast. Und selbst du, bist nicht so doof, allen Ernstes zu glauben, dass eine Flucht alleine besonders schlau wäre.“
„Ach quatsch, ich will nicht mehr hier leben, es ist besser, wenn ich hier weggehe, wenn ich es nicht schaffe: scheißegal! Bin ich halt tot! Außerdem kann ich, wenn ich es erst mal bis in den Sudan schaffe, auch arbeiten gehen, dann kann ich den Weg nach Libyen bezahlen. Alles ist besser als hier! Und wenn wir nicht JETZT gehen, werden wir nie in die Schule gehen können.“, sagte Robel entschlossen. Ich hatte den Eindruck, dass keinem von uns überhaupt klar war, über welch ein Vorhaben wir da diskutieren.
„Ich denke oft daran abzuhauen, damit ich meinen Eltern helfen kann, in Europa habe ich eine Zukunft, ich kann lernen und arbeiten und ich kann machen und sagen was ich will, nicht wie hier! Und dann hole ich meine Familie und meine Schwestern müssen niemals Sawa von innen sehen, NIEMALS! Du hast ja Recht, egal ob wir es überleben oder nicht.“, erklärte ich, bereute aber, wie ich meine Gedanken ausdrückte. Ich hasste es wie wir über den Tod sprachen. Nein, es war nicht egal, ob wir starben. Aber ich wünschte ich könnte einfach einmal das Gefühl von Freiheit spüren. So frei zu sein, wie ein Vogel, der einfach sine Flügel spreizt und hinfliegen kann, wohin er möchte. Hier war es als würden die Vögel im Käfig festgehalten und würden gegen den Käfig schlagen, doch niemand hörte sie. Denn so war es. Fast niemand außerhalb von Eritrea wusste wirklich, was hier vor sich ging.
„Ja Mann! Wir sind uns einig!“ Robel schloss mich in seine Arme. Einig war etwas übertrieben, denn ich hatte jetzt nicht vor, morgen gleich los zu düsen. Doch ich wurde eines anderen belehrt.
„Ok, wer hat denn überhaupt Geld von euch? Für die Fahrt und das Essen?“, erkundigte sich Dawit, der wohl auch nicht ganz gegen unser Vorhaben war.
„Ich habe ein bisschen, ich habe 300 Nakfa von der Arbeit übrig“, meinte Robel.
„Oh Mann ich habe gerade selber gar kein Geld“, fiel Dawit ein und schlug sich dramatisch gegen die Stirn. „Aber ich gehe heute sowieso am Nachmittag für meine Eltern Milch verkaufen, in den Restaurants, dann kann ich das Geld einfach in meine eigene Tasche stecken.“ Er zuckte mit den Schultern.
„Ok gut, aber Natnael, hast du auch Geld?“
„Nein ich habe überhaupt nichts“, ich senkte meinen Kopf enttäuscht.
„Na ja vielleicht reicht auch das Geld von uns, dann komm einfach mit, wir haben 700 so, das passt schon“
„Nein das wird nicht reichen... ich werde zu Hause suchen...dann muss ich eben was klauen.“, erwiderte ich. Ich konnte selbst gar nicht glauben, welche Wörter da meinen Mund verließen. Nie zuvor hatte ich geklaut – ok, vielleicht ein bisschen Süßkram von meinen Geschwistern, vielleicht ein bisschen Injera hier und da – aber niemals Besitz von meinen Eltern.
Mir war klar, dass wir uns wirklich wie naive kleine Kinder benahmen, die keine Ahnung hatten, was eine Flucht wirklich bedeutete. Ich hatte keinen Plan, ob wir auch nur die leiseste Chance hatten, eine derartig gefährliche Reise auch nur eine Woche zu überleben, doch dies war unsere einzige Möglichkeit noch rechtzeitig in ein besseres Leben zu fliehen. Bevor es zu spät war. Bevor wir von der grausamen Militärmaschinerie eingezogen wurden und vielleicht sogar gezwungen, Menschen zu töten. Wir wollten glücklich sein. Was war denn der Sinn eines Lebens, in dem man nur Trauer, Angst und Gewalt erlebte? Es gab keinen. Und genau deshalb, entschieden sich auch die Kleinsten, wie wir, ihre Pläne, die erst nur als Spinnereien eingeschätzt wurden, tatsächlich umzusetzen.
Also überlegten wir wo wir uns treffen könnten, denn am nächsten Tag wollten wir schon aufbrechen. Wir waren uns wohl doch einig.
„Treffen wir uns einfach beim Hauptbahnhof von Barentu, bei den Bussen.“
Als alles geklärt war, trennten wir uns.
Ich ging rein in unser Haus, das einem Bungalow ähnelte und nur für 4 Leute ausreichend Platz bat, deshalb mussten mein Bruder und ich im kleinen Häuschen nebenan nächtigen. Als ich reinging erblickte ich gleich meine Familie versammelt, am Tisch mit ihrem Bun, dem eritreischen Kaffee, der so köstlich duftete. Mein Papa, zusammen mit meinen vier Geschwistern, unterhielten sich.
Da erblickte mich mein Vater. „Natnael, wo warst du?“
„Fußballspielen“, meinte ich erschöpft und schnaufte theatralisch, damit er keine Lügen vermutete.
Der Geruch des Kaffees umströmte meine Nase. Ich war hungrig und Adey brachte mir frisches Shiro, ein Eintopf aus Kichererbsen. Danach spielte ich mit meinen Geschwistern, bis um 7 Uhr abends mein Vater das Haus verließ, um in einem Lokal in der Stadt mit einigen anderen Männern Fußball zu schauen. Adey ging unsere Nachbarn besuchen und meine Geschwister spielten draußen mit den anderen Kindern. Also war ich endlich alleine im Haus und konnte die Gelegenheit nutzen und suchte im ganzen Haus, ob meine Eltern irgendwo Geld versteckt oder gespart hatten, und da entdeckte ich die schwarze Jacke von Aboy.
Ich tastete die Taschen ab...und tatsächlich, ich war erfolgreich. In der Jackentasche. 1000 Nakfa! Vorsichtig nahm ich die Hälfte des Geldes und legte die andere behutsam zurück, genauso wie es davor war, damit Aboy nichts merkte. Ich versteckte das Geld in einem Schulbuch, sodass niemand es entdecken konnte. Dann setzte ich mich vor den Fernseher und versuchte an etwas anderes zu denken, bis schließlich meine Familie wieder eintraf.
Um 10 Uhr abends kam Aboy wieder nach Hause und wir aßen zu Abend und redeten noch, bis wir schließlich ins Bett gingen. Ich konnte kaum einschlafen, natürlich, lauter Gedanken kreisten in meinem Kopf: Was passiert, wenn Aboy es bemerkte, dass Geld fehlte? Außerdem war ich ziemlich aufgeregt, weil ich nicht wusste, was mich am nächsten Tag erwarten würde. Ich machte mir Sorgen, aber Angst...Angst spürte ich nicht...bis jetzt zumindest. Ich glaube keiner von uns realisierte, was wirklich uns erwarten würde, sobald wir die eritreische Grenze überqueren würden. Ja, viele mussten furchtbare Dinge auf der Flucht erleben, aber diese Dinge würden doch uns niemals geschehen, wir würden bestimmt Glück haben...
Um 5 Uhr morgens schlich ich mich aus dem Bett und machte mich auf den Weg zum Hauptbahnhof. Ich war ziemlich früh dran und es war wenig los, die Straßenverkäufer schliefen noch tief und fest, also stellte ich mich möglichst unauffällig neben die Busse und wartete auf meine beiden Freunde. Ich hatte das Gefühl, würde mich jemand sehen, könne er mir an den Augen ablesen, was wir Jungs vorhatten, also versuchte ich möglichst nicht herauszustechen.
Bald trafen auch endlich Dawit und Robel ein und wir stiegen in den vollbeladenen Bus in Richtung Haikota, einer kleinen Stadt, die auf dem Weg in den Sudan liegt.
Und es dauerte so lange, dass wir uns wunderten, ob das doch die Direktstrecke nach Khartoum war, aber als wir am späten Nachmittag in Haikota ankamen, mussten wir Richtung Alebu umsteigen. Doch der Busfahrer ließ uns nicht mitfahren, weil wir ohne unsere Eltern unterwegs waren. Zu jung, zu klein. Wie es Dawit vermutet hatte. Er wollte schon anfangen mit dem Busfahrer zu streiten, doch Robel nahm Dawit zur Seite und machte ihm klar, dass, wenn er so weiterdiskutierten wolle, der Fahrer ihm vermutlich gleich eine Schelle geben würde, die allein so stark wäre, dass er dadurch nach Europa fliegen würde. Also mussten wir aussteigen und uns blieb keine andere Möglichkeit als die eineinhalb Stunden, die wir mit dem Auto nach Alebu bräuchten, mit viel Jammern zu Fuß abzulaufen. Zunächst folgten wir einfach dem Straßenverlauf, doch als die Sonne begann langsam am Horizont zu verschwinden, mussten wir in den Wald abweichen, da uns sämtliche Auto- und LKW-Fahrer, die Lebensmittel aus dem Sudan nach Eritrea brachten, uns sofort erwischt hätten und nachts war diese Straße stark befahren.
Im Wald war es so dunkel, dass wir uns gegenseitig gar nicht sehen konnten. Mein Herz raste auf Hochtouren. Ständig sah ich über meine Schulter, um sicherzugehen, dass uns niemand folgte. Ständig sahen die Büsche aus wie Wildtiere Wir hatten so schreckliche Angst, wir konnten nichts sehen und uns immer schlechter orientieren und als wir dann auch noch das Heulen der hier beheimateten Hyänen hörten, begannen wir zu rennen. Wir wussten, Hyänen waren schnell wie der Blitz. Wenn sie uns einmal entdeckten, wären wir verloren gewesen, dann hätte es kein Zurück mehr gegeben. Kein Mensch ist schneller als eine Hyäne.
Dann ein Rascheln.
War das nur ein Vogel? Oder ein Stock, der brach?
Ein Knacken.
Waren wir nicht alleine im Wald? War hier noch jemand anders? Womöglich ein Mensch?
Ein Knurren. Knurren?
Wir begannen um unser Leben zu rennen. Wir rannten immer weiter und weiter.
Und irgendwann erblickten wir tatsächlich ein Licht am Ende des Wegs, den wir uns durch das dichte Gestrüpp bahnten.
Wir hüpften vor Freude, dass wir es geschafft hatten, nach fünf Stunden Laufen und Bangen, dass wir nicht von wilden Tieren überwältigt würden, waren wir endlich angekommen. Dann plötzlich fing es an zu regnen also rannten wir weiter um in der Stadt Schutz zu suchen. Dort fanden wir nach einiger Zeit ein Restaurant, in das wir uns hineinbegaben um uns zu trocknen. Es war schon spät es waren nur ungefähr zehn Leute im Raum, die schon deutlich angetrunken waren.
Da entdeckte uns eine Kellnerin und sah uns verwundert an.
„Was macht ihr um diese Uhrzeit noch hier?“
„Wir wollen uns nur trocknen“, erklärten wir, triefend nass und zitternd.
„Ok, kommt rein.“
Sie bot uns einen Platz an und brachte uns Linsen und Injera, unser Nationalgericht, ein weicher herrlich saftig schmeckender Fladen, über den wir uns gleich hermachten, denn nach 5 Stunden Fußmarsch waren wir hungrig wie die Löwen.
Nach dem Essen fragte sie uns was, wir denn hier machten und Robel meinte:
„Äh, wir kommen aus dieser Stadt.“
„Aha und wo wohnt ihr?“
„Am Hauptbahnhof.“
„Wie heißt dein Papa?“
Und wir nannten ihr die Namen unserer Väter, doch sie kannte natürlich keinen von ihnen.
„Ihr lügt.“, meinte sie schließlich und verzog ihr Gesicht ein wenig. "Sagt mir die Wahrheit sonst rufe ich die Polizei!“
„Nein, nein! Es stimmt alles, wir haben bloß eine Kuh verloren und müssen sie suchen!“, warf ich schnell ein, bevor es Ernst wurde.
„Ah und von woher kommt ihr jetzt?“
„Aus Barentu.“
„Was? Und ihr seid zu Fuß gegangen? Von Barentu bis hier? So weit? Warum suchen euch eure Eltern nicht, um diese Zeit? Ihr seid doch so klein!“, sagte sie schockiert, zugleich verwundert.
„Die sind in der Arbeit deswegen...“
„Ich glaube euch nicht.“
Sie drehte sich um und holte den Chef, sowie einen weiteren Kellner und jeder musste alleine mit einem der Erwachsenen sprechen, damit sie feststellen konnten ob wir unterschiedliche Geschichten erzählten. Sie stellten uns ganz viele Fragen und da kam genau die Frage, die uns Probleme bereiten würde: „Wie viele Kühe habt ihr denn verloren?“
„Drei, drei Kühe sind weg wir haben gehofft sie hier zu finden“, meinte ich ganz unschuldig. Doch leider waren es bei Robel zwei Kühe und bei Dawit eine Kuh, also war sofort allen klar, dass wir die Kellnerin ganz schön gehörig angeschwindelt hatten. Doch bis jetzt war uns keiner böse und alle fingen an zu lachen.
„Kommt, sagt uns die Wahrheit wir tun euch nichts!“, meinte sie.
Da wurden alle leise, jeder wartete bis sich e und Dawit räusperte sich. „Mhm, ja also wir ... wir... wir wollen flüchten ... und ... ja.“
„Was warum wollt ihr flüchten? Ihr seid so klein, das ist doch viel zu gefährlich für euch!“, rief die Kellnerin entsetzt. „Ihr könnt die Gefahr einer Flucht doch noch gar nicht einschätzen, in eurem Alter! Sogar erwachsene Menschen sterben auf ihrem Weg nach Europa, wie denkt ihr also sollt ihr es als Kinder überleben?! Ihr denkt in Europa wartet die Freiheit auf euch, aber ihr überlegt gar nicht wie lang und schwer der Weg dorthin ist, wie viele Risiken ihr eingehen müsst. Viele Flüchtlinge schaffen es nicht mal bis zur libyschen Küste, und wenn man es erst mal dorthin geschafft hat, müsst ihr in kleinen Holzbooten – nein man kann nicht mal Boot sagen – in diesen kleinen Nussschalen die reißenden Wellen der See bezwingen. Nein, Kinder, und was glaubt ihr, was eure Eltern sich für Sorgen machen und zwar schon jetzt?“, sie blickte uns entsetzt an. „Nein das reicht jetzt, ihr geht sofort nach Hause, ich rufe jetzt die Polizei!“ Sie drehte sich entschlossen um und der Chef wollte ihr das Telefon reichen.
„Nein...“, wollte Robel anfangen aber wir schüttelten den Kopf. Er sollte besser jetzt leise sein, bevor er alles schlimmer machen würde.
Sie tippte bereits eine Nummer ins Telefon als wir unsere Chance ergriffen und so schnell wie möglich aus dem Restaurant rannten. Die betrunkenen Männer sahen uns verwundert an, als wir wie aufgescheuchte Küken hinausstürmten. Wir blickten nicht zurück, also wussten wir nicht wie weit sie uns folgten und sprinteten wie die Weltmeister.
Und wir machten keinen Halt, immer weiter, an den Häusern vorbei, in denen schon lange kein Licht mehr brannte. Wir hatten keine Ahnung, wie spät es jetzt war, aber wir wussten, auf jeden Fall zu spät für kleine Jungen, die orientierungslos durch die Straßen einer fremden Stadt rennen.
Das sahen wohl auch die Soldaten so, in die wir um ein Haar rein gerauscht wären.
„HALT!“, brüllte ein in Uniform gekleideter Mann und versperrte uns den Weg. „Stehen geblieben!“
Es war dunkel und wir erkannten nicht viel, aber auf jeden Fall, dass sie mit ihren Waffen auf uns zielten.
„Auf die Knie, Hände nach oben! Zack zack!“, schrie der andere.
Komplett verängstigt senkten wir uns auf den noch vom Regen durchnässten Boden. Wir zitterten und Robel flüsterte leise, mit brechender Stimme „bitte nicht, bitte bitte nicht“.
Die Soldaten banden die Handgelenke von jedem einzelnen von uns mit Seilen zusammen und stemmten uns grob nach oben. Die anderen der 5 Soldaten, die sich um uns versammelt hatten, richteten ihre Waffen auf unsere Rücken und einer schrie „Vorwärts!“. Sie behandelten uns wie Schwerverbrecher, uns, kleine hilflose Kinder. Wir hatten unglaubliche Angst, denn bei den Soldaten wusste man nie: Würden sie uns töten? Ein falsches Wort, dann würden wir jedenfalls große Probleme bekommen. Also versuchten wir besser gar nicht erst uns zu wehren. In was hatten wir uns nur reingeritten und wie konnten wir aus dieser Situation wieder rauskommen? Und das am besten lebend? Wir wussten es nicht. Es war spät, wir waren erschöpft und müde und vor allem komplett verzweifelt.
Drei Kilometer führten sie uns durch die Nacht auf dem Weg sprach keiner ein Wort, bis wir bei der Militärkaserne ankamen.
Doch sie führten uns nicht ins Haus, nein, wir gingen in ein hölzernes Häuschen, das als Kuhstall diente. Es roch übel, das klapprige Gebäude musste wohl schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gereinigt worden sein. Die Kühe blickten verwundert in die Augen von uns wehrlosen Geschöpfen. Der Kuhstall war gefüllt mit Heu und war durchzogen mit Stangen, die vom Dach des Stalls bis zum Boden reichten und wohl dazu dienten, die Tiere anzubinden. Doch jetzt wurden keine Kühe an die Stangen gebunden, jetzt waren wir die Tiere, und so behandelten die Soldaten uns auch. Sie schmissen uns brutal auf den dreckigen Grund und knoteten unsere Handgelenke an die Stangen.
„Warum wollt ihr flüchten?“, brüllte ein Soldat, seine Augen funkelten wutentbrannt. „WARUM? REDET!“
„Nein wir wollen doch nicht flüchten, wir haben eine Kuh verloren!“, stotterte Robel ängstlich.
„Haha“, der Mann lachte dreckig und blickte uns mit einer grässlichen, verfrorenen Miene an. „GLAUBT IHR WIR WISSEN NICHT WAS IHR MACHEN WOLLT, WIR WISSEN ALLES!“
In diesem Moment waren wir kurz davor, in Panik auszubrechen und wir verkniffen uns die Hilfeschreie, die aus unserem Hals dringen wollten, wir mussten uns ruhig verhalten. Die Kellnerin hatte anscheinend die Polizei erreicht und die Meldung wurde sofort an die Soldaten weitergegeben.
„LÜGT UNS NICHT AN!“
Die Männer griffen nach den dicken Kabeln, die in einer Ecke lagen und begannen auf uns einzuschlagen. Eins. Zwei. Drei. Es wollte nicht aufhören. Dawit schrie laut auf, wir konnten es nicht aushalten. Die Schläge auf unsere zerbrechlichen Rücken, den Gestank, alles.
„Nein, bitte hört auf, bitte bitte, ja es stimmt, wir haben gelogen, ja wir wollen flüchten, bitte hört auf!“, kreischte Dawit und flehte die Männer an.
„Warum habt ihr dann gelogen!“, brüllte ein anderer.
Zehn. Elf. Zwölf. Sie schlugen uns weiter und weiter und immer fester und brutaler.
Irgendwann hatten sie wohl genug von ihrem gewaltvollen Spiel und ein Soldat rief „verdammt nochmal“ und schmiss sein Kabel in die Ecke. Dann lockerten sie ein wenig die Seile, sodass sich der Spielraum zwischen Mensch und Stange ein wenig vergrößerte und die Männer steckten uns in Säcke, gefüllt mit Futtermischung, die wohl als Schlafplatz dienen sollten. Die Soldaten verließen den Stall und schlugen die große Türe zu, sodass das Holz wackelte und verschlossen sie mit einem großen schweren Schloss.
Ich schüttelte ein wenig Futter aus meinen Haaren und stöhnte. Ich konnte meinen Rücken kaum bewegen und er schmerzte, als wären alle Knochen gebrochen. Aber ich war erleichtert, dass es vorbei war. Da streckte Dawit seinen Kopf aus dem Sack. Er schluchzte.
„Ich will zurück, ich will zu meiner Mama, ich will hier weg, ich vermisse meine Familie.“
Wir wussten nicht was wir sagen sollten. Nach einiger Zeit meinte ich „Morgen wird bestimmt alles besser...“ Aber ich wusste nicht mal, ob ich das überhaupt selbst glaubte. Wir waren so erschöpft und wir wollten einfach schlafen, aber wie konnte man in Kuhfutter schlafen mir unerträglichen Schmerzen?
„Mann wie soll ich bitte schlafen!“, meinte ich kleinlaut.
„Ja, es geht einfach nicht.“, sagte Dawit.
Robel sagte gar nichts mehr, er schlief einfach. Er war besonders schwer verletzt.
„Robel wie kannst du schlafen hier?“, fragte Dawit. „Ah Mann, es ist so kalt hier.“
Irgendwann siegte die Erschöpfung über uns und auch Dawit und ich kippten weg. Wir schliefen wie kleine aufgeschreckte Eichhörnchen, ganz eng eingerollt.
Am nächsten Morgen versuchte ich meine Augen zu öffnen. Sie fühlten sich ganz schwer an und ich war komplett ausgelaugt. Das Kuhfutter um mich herum roch ganz merkwürdig. Die Kühe schmatzen und es war dunkel im Raum, wir wussten nicht wie viel Uhr es war oder ob es noch Nacht war. Ich musste heftig niesen, da erwachten auch die anderen.
„Ah Scheiße!“ Dawit hustete und schüttelte Futter aus seinen Ohren.
Da knallte die Tür auf und die Soldaten banden uns los, zogen uns aus dem Futter und führten uns nach draußen. Da entdeckte Robel eine Gruppe von Männern die frühstückten und er merkte, dass sein Bauch blubberte und schmerzte, da er seit Stunden nichts mehr gegessen hatte.
„Könnten wir etwas zu essen bekommen?“, fragte Robel vorsichtig.
„Essen?“, meinte der Soldat der neben ihm stand und grinste hämisch. „Du brauchst essen?“
Da griff er das Kabel das er am Tag zuvor weggeschmissen hatte und begann wieder auf Robel einzuschlagen.
„Was für Menschen seid ihr hier?“, schrie Robel zwischen seinen Schlägen.
„Was für Menschen? Das ist eure Schuld! Eure eigene! Ihr seid hierhergekommen!“
Er lachte. Kein Mitgefühl, gar nichts, er behandelte Robel als wäre er ein Verbrecher, nein ein Tier, einfach gar nichts: ein hilfloses Objekt, mit dem man machen konnte, was man wollte.
Da fing einer der untergeordneten Soldaten an zu weinen. Wir glaubten, wir sehen nicht richtig. Wir blickten nochmal hin und ja, es waren richtige Tränen, die an seinen Wangen hinunterliefen. Wir konnten uns keinen plausiblen Grund dafür vorstellen, aber vielleicht ... vielleicht war es sein Herz, das ihm sagte, dass man nicht mit Kindern so umging. Er drehte sich um und holte uns tatsächlich brachte er uns ein wenig Tee und eine Scheibe Brot.
„So ihr geht jetzt.“, meinte der Mann, der Robel verletzt hatte und wir wurden hinaus aus der Kaserne geführt, zur Straße. Einer der Soldaten hielt einen vorbeifahrenden Bus an.
„Barentu?“, fragte er den Fahrer. Er nickte und sogleich wurden wir in den Bus geschoben. Die Leute um uns herum hielten sich die Nase zu und sahen uns elende Gestalten ganz schief an.
„Die drei fahren mit.“, meinte der Soldat. „Aber sei vorsichtig, die wollten flüchten, übergib sie der Polizei, wenn du in Barentu ankommst.“
Währenddessen bekamen die Leute wohl mit, was unsere gescheiterten Pläne waren und hatten wohl großes Mitleid, denn sie gaben uns Essen und Trinken und sorgten sich liebevoll um uns. Drei Stunden dauerte die Fahrt und als wir in Barentu ankamen erblickten wir sogleich unsere Eltern an der Bushaltestelle. Wir fragten uns, was sie wohl denken würden und wie sie reagieren würden, falls sie schon mitbekommen hatten, was wir vorhatten. Der Bus bremste mit einem lauten Quietschen und wir warteten bis alle Leute ausgestiegen waren, bis der Busfahrer uns hinausbrachte und uns unseren Eltern übergab. Mein Vater sprach kurz mit dem Busfahrer, aber wir bekamen nicht mit, was sie redeten. Dann nahm Aboy uns zur Seite und zog uns an unseren Armen weiter. Wir gingen nach Hause, aber von gehen war nicht wirklich die Rede, den Aboy hatte seinen Stock gezückt und verteilte jedem von uns pausenlos Schläge, auf dem kompletten Weg bis wir zu Hause waren. Jeder Schritt schmerzte. Jede Bewegung raubte einem die letzten Kräfte.
Gut, dass Adey nicht dabei war und zu Hause wartete, so musste sie nicht mitbekommen, was sich da auf dem Nachhauseweg abspielte.
Ich erinnerte mich an damals, als Aboy mich das erste Mal geschlagen hatte. Ich war gerade mal sechs Jahre alt. Ich spielte in der Küche und entdeckte einen kleinen Benzinkanister. Ich fand es unglaublich witzig die Flüssigkeit, von der ich keine Ahnung hatte, woraus sie bestand, ins Öl zu mischen, das meine Mutter zum Kochen verwendete. Sie bemerkte nichts davon und als das Injera serviert wurde, bemerkten meine Geschwister, meine Eltern und die eingeladenen Nachbarn, dass irgendetwas „merkwürdig“ schmeckte. Adey erblickte wenige Sekunden später, den geöffneten Kanister und auch Aboy entging nicht, wer ihnen das Unglück beschert hatte. Aboy fand das allerdings weniger witzig und verpasste mir einen gehörigen Klaps auf die Backe. Von diesem Moment an fing es an. Alle paar Monate, wenn Aboy vom Militärdienst nach Hause kam. Immer wenn ich etwas tat, was ihm nicht passte. Von diesem Moment an, freute ich mich jedes Mal, wenn Aboy wieder zur Arbeit gehen musste und ich ihn wieder einige Zeit nicht mehr sah. Ich war nicht der einzige, viele Väter hier glaubten, sich mit Schlägen Respekt von ihren Kindern verschaffen zu können, doch es war nicht Respekt, was wir vor ihnen hatten, sondern schlicht und einfach Angst.
Ich reichte ihm Scheine und er riss sie mir aus der Hand und verteilte noch weitere Hiebe, falls er sich noch „noch nicht richtig ausgedrückt hatte“.
„Gib ihm kein Essen bis morgen Früh!“, befahl er der immer noch schluchzenden Adey.
Aber als Aboy das Zimmer verlassen hatte brachte sie mir heimlich ein bisschen Essen und Trinken, doch ich schob es von mir weg. Ich war so wütend. So wütend, dass ich überhaupt nichts runter bekam.
Am Morgen schmerzte mein ganzer Körper von den Schlägen von gestern, ich hatte ewig nicht geduscht und roch immer noch nach dem Kuhstall, außerdem hatte ich riesigen Hunger.
„Geh jetzt los, auf der Stelle!“, sagte Aboy. Er verlangte, dass ich sofort losging. Nein, nicht los, mich waschen und frisch machen, nicht zum Frühstücken, damit ich wieder zu Kräften kommen konnte. Nein, ich sollte in die Schule, also wollte ich mich auf den Weg machen und schnappte mir mein Fahrrad.
„Stopp!“, rief Papa bevor ich mich weiterbewegen konnte. „Du gehst zu Fuß.“
Zu Fuß. Das war wohl Teil meiner Strafe. Auf mich warteten eine Stunde Fußmarsch in der drückenden Hitze.
Aber ich ließ es über mich ergehen, ich hatte ja keine andere Wahl. Doch vor dem Schulhaus beschloss ich nicht hineinzugehen. Ich fühlte mich elend und sah genauso aus wie es mir ging. Der Geruch, der von mir ausging war nicht lange auszuhalten und ich sah aus als hätte ich mir ein Duell mit einer der Hyänen, die durch den Wald zogen, geliefert. Also setzte ich mich auf eine Bank vor dem Gebäude und wartete bis um 12 Uhr alle Schüler hinausströmten, um dann wieder eine Stunde zurückzulaufen.
Angekommen ging ich ins Haus wo Adey am Tisch saß. Ihre Miene war merkwürdig und es sah nicht so aus, als gäbe es gute Nachrichten. Ich setzte mich zu ihr und sie reichte mir frisches Shiro. Endlich, endlich konnte ich die Leere in meinem Magen füllen. Es tat so gut.
„Natnael, also wir haben ein Problem...“, begann Adey zögerlich und blickte mich ernst an.
„Wie Problem was ist los?“
„Also, wir haben wenig Geld...“
„Ja“, das war nicht wirklich etwas Neues. Viel Geld zu haben kam außerhalb der Hauptstadt Asmara eher selten vor.
„Natnael, du wirst nächstes Jahr nicht zur Schule gehen können.“
„Was warum?“, nicht das auch noch.
„Das Geld reicht nicht für dich und deine Geschwister aus.“
„Ok, dann...“ Ich blickte sie nicht an und schob die Erbsen in meinem Shiro hin und her, mein Kopf fühlte sich so leer an. Und es war nicht nur Leere, es war eine Welt die für mich zusammenbrach.
