Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Zwar leitet Belinda die Herzambulanz eines bayerischen Krankenhauses, doch ihr Privatleben ist alles andere als erfüllt. Wegen ihrer seltsamen, schroffen Art bleibt ihr als einziger Vertrauter Kater Mickey. Als sie immer häufiger der Pharmareferentin Julie begegnet, beschließt Belinda, die Treffen zu nutzen, um von ihr endlich zu lernen, wie man sich »normal« verhält. Was Belinda dabei nicht bedenkt: Gefühle lassen sich nicht kontrollieren. Weder die Sehnsucht, die Julie in ihr auslöst, noch die schmerzhaften Erfahrungen ihrer eigenen Vergangenheit … Ein berührender Roman über Liebe, die ungeplant entsteht, über Vergangenes, das nachwirkt – und über die Möglichkeit, noch einmal neu anzufangen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Carolin Schairer
SO ETWAS WIE LEBEN
Roman
HELMER
ISBN (E-Book) 978-3-89741-876-9
ISBN (Print) 978-3-89741-507-2
© 2026 E-Book nach der Originalausgabe
Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach a. Taunus
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung unter Verwendung eines Fotos von © Viacheslav Yakobchuk / AdobeStock
Ulrike Helmer Verlag
Klosterhofstr. 3, 65843 Sulzbach a. Taunus
E-Mail: [email protected]
www.ulrike-helmer-verlag.de
Belinda
»Bitte. Bitte, Frau Doktor Gessner, sagen Sie mir, dass es nicht wahr ist! Sagen Sie, dass Sie einen Scherz gemacht haben!«
Die schmächtige Frau auf der anderen Seite des Schreibtischs sieht mich flehend an. In ihren Augen stehen Tränen.
»Ich habe doch immer alle Medikamente genommen, die Sie mir verordnet haben! Wieso muss mein Herz jetzt trotzdem transplantiert werden?«
Nicht zum ersten Mal muss ich einer Patientin eine schwere Diagnose mitteilen. Trotzdem geht mir die Verzweiflung dieser Frau nahe. Sie ist erst einundvierzig Jahre alt, genauso alt wie ich selbst, und sie hat einen Mann und zwei Kinder. Selbst, wenn ihr neues Herz gut vom Körper angenommen wird, hat sie fortan eine Überlebenschance von nur 70 Prozent innerhalb der nächsten fünf Jahre. Oder, anders ausgedrückt: Jeder dritte Transplantierte stirbt.
Ich schlucke trocken und rette mich in die Sachlichkeit, die ich mir im Laufe der Berufsjahre antrainiert habe.
»Frau Meisner, es führt leider kein Weg daran vorbei. Ihre Erkrankung hat sich trotz kontinuierlich angepasster Therapie verschlechtert. Sie merken doch selbst, dass Sie kaum mehr ein paar Meter gehen können und Unterstützung beim Ankleiden brauchen.«
»Ich hatte noch so viel vor … Wenn die Kinder aus dem Haus sind, wollten mein Mann und ich auf Weltreise gehen. Ich wollte den Tauchschein machen und zu den Galapagos-Inseln reisen.«
Diese Wünsche werden sich nicht erfüllen.
»Ich lasse Sie auf die Warteliste für eine Herztransplantation am Universitätsklinikum München setzen.«
Ich stehe auf. Unser Gespräch ist zu Ende und der Wartebereich voll.
Doch nun beginnt die Frau zu schluchzen und zu zittern. Zum Glück kommt in diesem Moment Schwester Gabi herein. Tröstend redet sie auf die Patientin ein und schiebt sie in ihrem Rollstuhl nach draußen.
Erleichtert und zugleich ernüchtert nehme ich wieder auf meinem Schreibtischstuhl Platz. Die Namen der Wartenden, die auf dem Monitor gelistet sind, verschwimmen vor meinen Augen.
Ich hätte dieser Frau sagen können, dass ein Herz auch eine neue Chance bedeutet. Dass sie vielleicht wieder mit ihren Söhnen ins Freibad gehen oder im Garten Ball spielen kann. Denn im Bestfall kann es nach einer Transplantation auch so laufen.
Doch diese Art der Kommunikation kommt mir spontan nicht in den Sinn. Kein Wunder, dass mich meine Kollegen hier im Marienkrankenhaus in Landshut-Altdorf für unfreundlich und seltsam halten. Sie respektieren mich als Leiterin der kardiologischen Ambulanz, das schon. Aber sie gehen mir aus dem Weg oder tuscheln hinter meinem Rücken.
Manchmal tut diese versteckte Ablehnung weh. Andererseits bin ich daran gewöhnt. Ich bin nicht diejenige, mit der man sich auf einen Kaffee verabredet.
Meine Patientin dagegen hat alles, was ein erfülltes Leben ausmacht: einen sie liebenden Partner, Kinder, eine große Verwandtschaft, Freundschaften. Wenn sie bei mir ist, erwähnt sie immer wieder neue Namen von Menschen, die sich um sie kümmern.
Wäre ich an ihrer Stelle, bliebe mir in meinen letzten Stunden nur die Gewissheit, im Leben gescheitert zu sein.
Schwester Gabi streckt den Kopf zur Tür herein.
»Frau Doktor Gessner? – Da draußen ist eine Pharmareferentin, die mit Ihnen sprechen will.«
»Sie soll warten. Patienten gehen vor.«
Missbilligend verzieht Schwester Gabi das Gesicht. Sie hatte mitbekommen, dass ich den letzten Kollegen eineinhalb Stunden warten ließ, um ihm anschließend mitzuteilen, dass ich doch keine Zeit hätte. Unter Pharmareferenten spricht sich so etwas herum. Die meisten fragen nicht mehr nach Terminen bei mir.
Der nächste Patient kommt zur Befundbesprechung. Doch während des Gesprächs denke ich immer wieder an die Patientin zuvor.
Sie ist todkrank, aber nicht einsam.
Sie wird nicht allein sterben. Ich schon.
Ich muss etwas an meinem Leben ändern. Die Gewissheit, niemanden zu haben, mit dem ich mich austauschen kann, niemanden, der für mich da ist, wenn es mir schlecht geht, niemanden, der um mich trauert, wenn ich irgendwann nicht mehr auf dieser Erde weile, bringt mich fast um.
Schließlich verabschiede ich den Patienten. Mein Blick fällt auf die Visitenkarte, die mir Schwester Gabi auf den Schreibtisch gelegt hat.
Juliana Sommer. Pantas Pharma. Key Account Manager.
Früher hießen diese Leute einfach Pharmareferenten, im Volksmund: Klinkenputzer. Von medizinischer Wissenschaft haben sie in der Regel wenig Ahnung.
Weshalb ich einige der weiblichen Vertreter dieser Spezies doch gelegentlich empfange, liegt am adretten Erscheinungsbild. In der Regel schicken die Firmen attraktive, gepflegte Frauen los, um ihre Medikamente anzupreisen.
»Soll jetzt kurz reinkommen«, sage ich zu Schwester Gabi.
Und dann steht die Pharmareferentin auch schon in meinem Zimmer.
Auf den ersten Blick entspricht sie dem Klischee: an die ein Meter fünfundsechzig groß, schlank, sonnengebräunte Haut. Ihr mittelbraunes Haar ist zu einem kinnlangen Bob geschnitten. Sie trägt ein taubenblaues Kleid mit Dreiviertelarm und eine lederne Arbeitstasche über der Schulter.
Dann fallen mir ihre Beine auf, ihre schönen Beine, schlank und muskulös. In der hauchdünnen Nylonstrumpfhose entdecke ich eine kleine Laufmasche. Ihre Füße stecken in dunkelblauen Pumps mit schmalem Absatz. Warum tun Frauen sich ein Schuhwerk wie dieses freiwillig an?
Sie sieht mich an, und auch ich schaue erstmals in ihr Gesicht. Sofort revidiere ich meine Meinung über das Klischee. Anders als ihre Berufskolleginnen hat sie ein frisches, natürliches Gesicht mit außergewöhnlichen Zügen: herzförmig geschnitten, mit einem eher spitz zulaufenden Kinn, einer flachen Stirn, einer Stupsnase und einem etwas zu großen Mund mit vollen Lippen. Ihre Augen stehen nahe beieinander und sind recht schmal, beinahe wie bei einer Asiatin. Doch dazu will deren helles, wässriges Blau nicht wirklich passen. Oberhalb zeichnen sich dünn gezupfte, gewiss mit einem Stift nachgezogene Augenbrauen ab.
Die junge Frau – schätzungsweise Anfang dreißig – ist keine Schönheit im klassischen Sinne, aber gewiss eine, deren Gesicht in Erinnerung bleibt.
»Guten Tag. Mein Name ist Juliana Sommer von Pantas Pharma; ich bin die Nachfolgerin von Gustav Grau«, sagt sie jetzt, begleitet von einem professionellen Lächeln, und streckt mir die Hand entgegen. »Ich betreue Sie in Zukunft mit Poxidance, unserem SGLT2-Hemmer.«
Ich ignoriere die ausgestreckte Hand. »Kenne ich nicht.«
Ihre Gesichtszüge entgleisen. Sie lässt die Hand sinken.
»Sie kennen Poxidance nicht?«
Dafür müsste ich in den vergangenen Jahren, in denen sich die Substanzklasse von der Diabetestherapie zum Non-Plus-Ultra für Herz und Niere entwickelt hat, auf den Mond gelebt haben.
»Ich kenne Gustav Grau nicht.«
»Ach so.« Sie wirkt erleichtert.
Sie ist nicht von hier. Schon ihr ›Guten Tag‹ ist als Gruß in Bayern nicht unbedingt geläufig. Ihrem Hochdeutsch nach kommt sie aus dem Norden Deutschlands.
Als ich nichts darauf erwidere, nimmt sie ein iPad und einige Werbefolder aus der Arbeitstasche. »Ich möchte mit Ihnen über die Niere sprechen«, beginnt sie schwungvoll. »Als Kardiologin fragen Sie sich zurecht: Was geht mich die Niere an, aber –«
»Nein, das frage ich mich nicht. Ich weiß durchaus, wie Herz und Niere zusammenhängen.«
»Das freut mich«, sagt sie, doch in ihren Augen steht das Gegenteil. Sie fragt sich gewiss gerade, was sie mit mir anfangen soll.
Trotzdem klappt sie das iPad auf und schiebt es zu mir herüber. Ich schaue auf ein Kurvendiagramm und eine groß geschriebene, rote Zahl: 24.
»Dass Poxidance auch die Nieren schützt, hat sich bereits in unserer Herz-Studie gezeigt. Jetzt haben wir dank unserer guten CKD-Studie endlich auch die Zulassung für Niereninsuffizienz, und wenn Sie sich die relative Risikoreduktion im Vergleich zum Placebo ansehen, dann –«
»Ich kenne die Daten besser als Sie, danke.« Dass ich unlängst einen Vortrag für den Mitbewerb gehalten habe, binde ich ihr nicht auf die Nase.
Ein kurzer Anflug von Unsicherheit flackert in ihren ungewöhnlichen Augen auf. Gleich darauf schenkt sie mir ein weiteres, professionelles Lächeln. Ihre Zähne blitzen auf, strahlend weiß und gewiss das Machwerk eines exzellenten Kieferchirurgen, und einen verwirrenden Augenblick lang spüre ich den Wunsch, ihre Lippen auf den meinen zu fühlen.
Mir wird heiß, als sie sich leicht nach vorne lehnt, um das Tablet wieder an sich zu nehmen. Ich sehe noch den Ansatz ihrer kleinen, adretten Brüste, ehe sie sich auch schon wieder aufrichtet.
»Haben Sie bei Ihren Herzpatienten schon positive Erfahrungen mit Poxidance sammeln können?«
Die Frage klingt wie aus einem Verkaufstraining.
»Ich beantworte keine Fragen.«
Ihre Mundwinkel rutschen nach unten.
Sofort ärgere ich mich darüber, dass sie mich nicht mehr anlächelt, auch wenn es nur ein Verkaufslächeln war. Ich würde trotzdem gern etwas sagen, um es zurückzuholen. Leider fällt mir nichts ein.
Als das Schweigen zwischen uns seltsam wird, fragt sie: »Was darf ich denn sonst für Sie tun?«
Dazu fällt mir eine ganze Menge ein, und keine der Szenen ist nur annähernd jugendfrei. Ich kann nur hoffen, dass die Röte, die mir in den Kopf schießt, vom Licht der uncharmanten Neonröhren an der Decke kaschiert wird.
»Nichts.« Meine Stimme klingt blechern.
»O…okay.« Sie packt das iPad zurück in die Tasche und steht auf. »Vielen Dank für das Gespräch. Sie haben ja jetzt meine Karte und können mich gerne kontaktieren, wenn Sie –«
»Gehen Sie noch nicht!«
Abrupt bleibt sie stehen. Eine steile Falte bildet sich auf ihrer Stirn. Was ist da gerade in mich gefahren? Ich starre sie an. Sie starrt zurück.
»Setzen Sie sich doch.« Ich habe meine Stimme wieder unter Kontrolle. »Ich habe doch noch eine Frage. Sick Day Rules. Muss ich den SGLT2-Inhibitor beim herzinsuffizienten Nicht-Diabetiker im Falle eines schweren Infekts mit hohem Fieber absetzen?« Als ob ich das nicht ganz genau wüsste …
Sie wirkt regelrecht erleichtert, bleibt aber stehen. »Wenn der Patient keinen Typ-2-Diabetes hat, ist es … nun, höchst unwahrscheinlich, dass er eine diabetische Ketoazidose bekommt. Laut Fachinformation ist die Therapie im Falle eines schweren Infekts aber sofort zu unterbrechen.«
Mir fallen keine Fragen mehr ein, auch wenn ich gerne weiter ihre schönen Beine anschauen würde.
»Danke für Ihren Besuch.«
»Gerne.«
Ihr Tonfall straft ihr professionelles Lächeln Lügen. Die letzten Minuten waren vermutlich furchtbar für sie. Sicher wird sie gleich irgendeinen Kollegen oder eine Kollegin anrufen und sich darüber auslassen, wie unzugänglich und seltsam ich bin.
»Wenn Sie etwas brauchen, dann –«, setzt sie an, als sie schon bei der Tür ist.
Ich lasse sie nicht ausreden. »Kommen Sie in einer Woche wieder.«
Julie
Weg! Ich will einfach nur weg – raus aus der Ambulanz, raus aus diesem Krankenhaus. Mein Kleid klebt an mir wie eine zweite Haut. Auf dem Sitz meines Dienstwagens brauche ich erst einmal ein paar Minuten, bis ich das Auto starten kann.
So etwas habe ich in meinen fast sieben Jahren als Pharmareferentin noch nicht erlebt! Ärzte, die nicht reden, Ärzte, die zu viel reden, Ärzte, die die fünf Minuten mit mir nutzen, um sich selbst darzustellen – das alles kenne ich.
Aber das gerade eben mit Frau Doktor Gessner war irgendwie anders.
Derweil hatte ich ein wirklich gutes Gefühl, als ich sie da am Schreibtisch sitzen sah, das braune, glatte Haar ordentlich zurückgekämmt und mit einer hübschen Klammer zusammengehalten. Sie wirkte so gepflegt, adrett und aufgeräumt – etwas, was ich wirklich nicht über alle Ärztinnen sagen kann.
Am liebsten würde ich sie von meiner Liste streichen. Eine Ärztin, die jedes Gespräch abblockt, bringt doch auch dem Poxidance-Umsatz nichts. Als ich das Parkhaus verlassen habe, rufe ich über die Freisprechanlage Harald an, meinen neuen Sales Manager.
»Servus!«, dröhnt seine sonore Stimme über die Lautsprecher an mein Ohr. »Wie läuft’s?«
»Ganz gut.« Etwas anderes will er sowieso nicht hören. »Ich war gerade im Marienkrankenhaus bei Frau Doktor Gessner.«
Schweigen. Irgendetwas stimmt da nicht.
»Ah ja«, erwidert er dann. »Und? Hattet ihr ein gutes Gespräch?«
Ich schnaube. »Es war kaum möglich, mit ihr ein vernünftiges Gespräch zu führen. Sie war nicht unbedingt unhöflich, hat aber alles abgeblockt. Und die Art und Weise, wie sie mich angesehen hat, war … merkwürdig – als hätte ich irgendein Furunkel an den Beinen oder Pickel im Gesicht.«
Sogar durch das Telefon bemerke ich, dass er sich still amüsiert.
»Ich will sie streichen. Ich will da nicht mehr hin. Sie war komisch.«
»Das ist sie immer. Zugeknöpft, humorbefreit, unzugänglich. Nimm es nicht persönlich. Schau, immerhin darfst du wiederkommen. Gustav hat sie über Jahre ignoriert.«
»Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, sie zu besuchen. Sie wirkt nicht sehr offen für Poxidance.«
»Es ist dein Job, sie davon zu überzeugen. Wenn du die Gessner für dich gewonnen hast, wird sich das massiv auf deinen Umsatz im Landshuter Raum auswirken.«
Beinahe muss ich lachen.
»Das ist ein winziges Krankenhaus.«
»Mit einer großen Herz-Ambulanz. Die Gessner mag seltsam sein, aber sie ist eine ausgezeichnete Herzinsuffizienz-Spezialistin und wird von den Kollegen fachlich sehr geschätzt. Wenn sich die Gessner für Poxidance ausspricht, hast du schon mehr als die Hälfte der niedergelassenen Internisten und Allgemeinmediziner im Boot. – Klar gesagt: Gestrichen wird da nichts! Natürlich wirst du wieder hinfahren.«
Wir verabschieden uns, und mir wird klar, dass auch dieser Tag ein GGN-Tag ist.
Seit der Trennung von Jan mache ich am Ende jedes Tages einen Vermerk in meinen Taschenkalender. HE steht für Halbwegs erträgliche Tage. GGN bedeutet Geht gar nicht und ist derzeit die meistgebrauchte Abkürzung. Dann gibt es noch ST, Super Tag, aber davon bin ich seit diesem … unliebsamen Zwischenfall … weit entfernt.
Überhaupt finde ich dieses ganze Kalendersystem sinnlos. Margit, meine beste Freundin, hingegen hat mir dazu geraten. Ihr toller Spruch dazu lautete, dass ich so irgendwann merken würde, wenn es mit meiner Stimmung aufwärts geht.
Aktuell habe ich allerdings eher den Eindruck, ich könnte gleich einen Strich über die ganzen nächsten Wochen ziehen und mir das GGN oberhalb jeder einzelnen Datumsspalte sparen.
Ich trauere Jan nicht mehr hinterher. Dafür hat er mich zu sehr verletzt. Von seiner Affäre mit Pamela, die ebenso wie Jan auch Mitarbeiterin von Pantas Pharma ist, wusste bereits die ganze Firma, ehe sich eine der Sekretärinnen verplapperte und mein Argwohn aufflammte wie ein mit Spiritus gefüllter Fondue-Brenner. Alles ergab plötzlich Sinn: seine ständigen Abendmeetings, die Nächte, die er mit Freunden Fußball oder Tennis schauen wollte und die gelegentlichen Dienstreisen über das Wochenende, die er mir als Karrieresprungbrett verkaufte.
Es kam dann zu einem unschönen Eklat, woraufhin mich mein damaliger Chef vor die Wahl stellte: entweder, ich übernahm ein Außendienstgebiet in Bayern oder ich sollte Pantas Pharma verlassen.
Ich entschied mich für Bayern.
Bayern, das klang nach Bergen, Skihütten, Alpenseen und Folklore, nach Brezen und Weißwurst-Frühstück. All das ist mir aus den Skiurlauben mit meinen Eltern und meinen zwei Brüdern nach Garmisch-Partenkirchen oder ins Berchtesgadener Land in Erinnerung geblieben.
Die Ernüchterung kam beim genaueren Blick auf die Landkarte. In meinem künftigen Außendienstgebiet waren weder Berge noch Seen zu finden. Zeichnete ich es auf der Karte ein, entstand eine Art Dreieck mit den Städten Regensburg, Deggendorf und Landshut.
Aufgrund der Nähe zur Großstadt München und all ihren Möglichkeiten wollte ich mich im Südwesten meines Gebietes niederlassen. Der Flughafen liegt zudem nur eine halbe Stunde Autofahrt entfernt. Mehrmals am Tag gehen Direktflüge nach Hannover. Die Vorstellung, schnell mal über das Wochenende zu meiner Familie fliegen zu können, tröstet mich.
Dass diese geografischen Vorzüge auch die Mietpreise empfindlich nach oben treiben, wurde mir erst bewusst, als ich die Immobilienanzeigen durchforstete. Eine gut aufgeteilte Zwei-Zimmerwohnung im Zentrum war hier Luxus.
Die Suche passte ich dementsprechend an: Aus zwei Zimmern wurden eineinhalb, aus sechzig Quadratmetern fünfundvierzig und aus der Garage ein Außenparkplatz. Nach drei Wohnungsbesichtigungen, bei denen gefühlt hundert Menschen in der Schlange standen, gab ich auf.
Seither suche ich in den Dörfern rund um Landshut – neben meinem regulären Arbeitsalltag. Harald hat darauf bestanden, dass ich übergangslos im neuen Gebiet starte. Seit Gustav Graus Rentenantritt läge es schon zu lange brach.
Jeden Morgen starte ich nun von einer Pension am Landshuter Stadtrand aus meine Erkundungsrunde im neuen Gebiet und versuche, im Anschluss ein paar Termine mit Maklern zu ergattern. Meine Frustration wächst mit jeder Besichtigung. Entweder, es handelt sich um Bruchbuden oder irgendwer schnappt mir die Wohnung vor der Nase weg.
Ich habe ein ordentliches Einkommen, keine Haustiere, keine Kinder und keine Vorstrafen. Wie kann es sein, dass ich keine Wohnung bekomme?
Belinda
Himmel! Was soll denn das?
Einer der Nachbarn hat die Biotonne so idiotisch vor seinem Gartentor platziert, dass ich sie fast umniete, als ich in die kleine Straße abbiege, die zu meinem Zuhause führt.
Im Gegensatz dazu hat sich bei uns im Haus keiner die Mühe gemacht, die Tonne aus der Scheune zu schieben. Typisch. Diese Arbeiten bleiben generell an mir hängen, weil Paul mit seinen zweiundachtzig Jahren zu schwach dafür ist und die rücksichtslosen Spinner, die in der Wohnung über mir hausen, sich ihre Gehirne wahrscheinlich mittlerweile weggekifft haben. Die Aufkleber auf ihrem alten VW-Bus, die sich für Weltfrieden, Klimaschutz und Veganismus aussprechen, Rassismus und Diskriminierung verurteilen und zur Solidarität für die Frauen im Iran aufrufen, sind nichts als Zurschaustellung. Als würden diese Trottel jemals irgendetwas tun, was den Frauen im Iran hilft.
Und wie kann jemand Weltfrieden propagieren und gleichzeitig munter einen zermürbenden Kleinkrieg gegen eine Nachbarin führen, die nach der Arbeit einfach nur ihre Ruhe will?
Die Sommertage, an denen keine Reggae-Musik lautstark über den Hof schallt und Grillrauch zu mir auf die Terrasse zieht, können an einer Hand abgezählt werden. Seit Jahren schlafe ich mit Ohropax, weil diese arbeitsscheuen Gammler so nachtaktiv sind wie eine Schar Fledermäuse.
Ich habe mich unzählige Male bei Mathilde beschwert und damit gedroht, auszuziehen, frei nach dem Motto: sie oder ich. Doch meine Vermieterin – eine Dame in Pauls Alter – wusste ganz genau, was sie von meiner Drohung zu halten hatte. Niemals würde ich meine Einhundert-Quadratmeter-Wohnung mit Sonnenterrasse und kleinem Garten, die sie mir deutlich unter dem marktüblichen Preis vermietet, aufgeben.
Als sie noch selbst hier wohnte, hatte sie für die jungen Leute in der Wohnung oberhalb immer Verständnis.
Wahrscheinlich wäre es angebracht, mich zu erkundigen, wo sie jetzt untergebracht war, um ihr einen Besuch abzustatten. Aber dazu habe ich sowieso keine Zeit – und auch keine große Lust.
Julie
3 Zimmer, Küche, Bad, 75 Quadratmeter, ruhige Lage in Stadtnähe, Parkplatz vorhanden.
Die Anzeige in dem Gratisblatt, das ich von der Pensionswirtin gemeinsam mit dem Frühstück bekomme, ist klein und unscheinbar. Ich bleibe nur daran hängen, weil der niedrige Preis ins Auge sticht. Das kann sich nur um einen Druckfehler handeln.
Erst, als ich den Makler bereits am Ohr habe, kommt mir der Gedanke, dass es einen Haken geben könnte.
»Ich rufe an wegen der Wohnung in –«
Er lässt mich nicht ausreden.
»Sind Sie tierlieb?«
»Äh …Ja …?«
»Gut. – Wann wollen Sie die Wohnung sehen? Jetzt?«
In einer Dreiviertelstunde habe ich einen Termin am Klinikum Achdorf, dann eineinhalb Stunden Pause und schließlich einen weiteren in einer Internisten-Praxis in der Stadtmitte. Ein Termin am späten Nachmittag oder Abend wäre mir lieber. Aber wahrscheinlich wäre die Wohnung bis dahin schon weg.
»Passt viertel nach zehn?«
»Ich bin gerade dort. Jetzt gleich wäre mir daher lieber … aber gut, wenn es nicht anders geht …«
Da hat es eindeutig jemand eilig, die Wohnung zu vermieten. Seltsam.
Um kurz nach zehn passiere ich die Ortstafel von Alexskirchen, einem winzigen Dorf im Nordwesten Landshuts, zehn Kilometer vom Stadtrand entfernt. Google hat mir verraten, dass das Nest derzeit 1346 Einwohner zählt. Eine Kirche und ein Wirtshaus bilden die einzige Infrastruktur.
Will ich wirklich so wohnen?
Eigentlich hatte ich doch vorgehabt, mit meinem Umzug endlich Dorf- gegen Stadtleben einzutauschen.
Die Hausnummern sind bunt durcheinandergewürfelt; es gibt kein System. Mein Navi versagt prompt und ich muss mich nun doch an die vage Wegbeschreibung halten, die mir der Herr am Telefon gegeben hat: nach der Kirche links, die erste rechts. Gegenüber der Pferdekoppel ist es.
Pferde sehe ich keine, aber die mit Elektrozaun umsäumte Wiese sieht aus wie eine Weide. Gegenüber liegt ein alter Bauernhof. Das Gebäude hat eine L-Form und ist zweistöckig. Der weiße Putz bröckelt und hier und da kommen alte Ziegel zum Vorschein. Vor der mir zugewandten Gebäudeseite hat jemand einen Gemüsegarten angelegt mit Tomatenstauden, Paprikapflanzen und an der Hauswand entlanggezogenen Bohnen. Neben dem großen Tor der Scheune umrankt wilder Wein eine Gartenlaube mit Holztisch und Bänken.
Langsam rolle ich in den Hof und steige aus. Ein Schwenkgrill steht im Winkel der beiden Gebäudeseiten. Daneben ein Biertisch, drei leere Flaschen mit dem Etikett einer lokalen Brauerei, zwei Gläser, in denen ein paar tote Insekten in undefinierbarer Flüssigkeit treiben, und ein überquellender Aschenbecher.
An der Hausmauer ist eine Außendusche befestigt, das Waschbetonpflaster glänzt feucht.
Ansonsten ist der Hof naturbelassen. Unter meinen Füßen knirschen Sand und Kies.
»Hej, hallo. Sind Sie die Frau Sommer?«
Die Haustür ist aufgegangen. Der Türrahmen wird von einem Mann Mitte dreißig ausgefüllt. Schütteres dunkles Haar, Hornbrille, glatt rasiert. Seine weit geschnittenen grauen Shorts hängen ihm fast in den Kniekehlen, was als lässiger Stil hätte interpretiert werden könne, hätte sein kurzärmeliges Hawaiihemd nicht am Bauchnabel geendet. Zwischen Hosenbund und Hemdsaum quillt ein behaarter Bauch hervor.
Am liebsten würde ich gleich wieder ins Auto steigen und flüchten.
Doch der Mann lächelt mich jetzt so freudig an, dass ich ihn nicht einfach so stehen lassen kann.
»Ja, genau, ich bin wegen der Wohnung hier.«
»Rudi Köppel.« Wir schütteln uns die Hände. »Kommen Sie am besten gleich mit!«
Er quält sich eine schmale Holztreppe hinauf in den ersten Stock. Oben im Hausflur angekommen, geht sein Atem schwer. Mit einem Stofftaschentuch wischt er sich den Schweiß von der Stirn, dann öffnet er eine nicht allzu solide wirkende Holztür.
»Bitte sehr. Treten Sie ein.«
Ich wandere durch die Räume. Wie nicht anders erwartet, hängt die Decke eher niedrig. Die Fenster sind ebenfalls klein, lassen aber genug Licht in die Wohnung. Die gelblichen Wände benötigen dringend einen neuen Anstrich.
»Wir könnten noch ausweißeln«, sagt der Mann, als hätte er meine Gedanken erraten.
»Nicht nötig«, sage ich schnell. Weiße Wände waren noch nie mein Fall.
Ich öffne eines der Fenster und schaue hinaus in einen Garten voller Obstbäume.
»Gehört der zum Hof?«
»Ja, Sie können gerne auch das Obst ernten … da müssen Sie sich halt mit den anderen Bewohnern absprechen, aber es ist genug da.«
Wow. Verpflegung im Mietpreis inbegriffen.
Ich gehe weiter.
Die Küche mit den ockergelben Küchenschränken und dem dunkelgrünen Linoleumboden wurde vermutlich irgendwann in den Siebzigerjahren eingebaut. Die Küchenplatte – im schockierenden Weinrot – hat mehrere Schnitte und Kratzer. Im Gegensatz dazu sieht die schwere Essecke im Landhausstil nahezu gut erhalten aus.
In dieser Ecke sind die Wände mit einer dunklen Holztäfelung versehen, die der gesamten Einrichtung eine besonders entsetzliche Note verleiht. Das Grauen dieses Raums kann nicht einmal der alte Herd aus Gusseisen wettmachen, dessen Ofenrohr sich zur Decke schlängelt.
»Backofen, Kühlschrank und Elektroherd sind vor drei Jahren ausgetauscht worden«, lässt mich der Vermieter nun eifrig wissen. »Alles funktioniert einwandfrei.«
Ich schaue mir noch das Badezimmer mit den rosa Fliesen und der großen Badewanne an, dann das Schlafzimmer – ein unmöblierter Raum mit einem Kreuz in der Ecke. Der blutende Jesus wird hier sicher keinen Dauerplatz haben.
»Wie wird geheizt?«
Die Frage kann ich mir eigentlich selbst beantworten. Ich habe den Boiler im Bad bemerkt. Außerdem gibt es in jedem Zimmer außer in der Küche einen gemauerten Kachelofen.
»Zentralheizung gibt es in diesem Teil des Gebäudes leider noch nicht«, erklärt der Mann im Hawaiihemd etwas verlegen. »Aber Sie können Holz in der Scheune einlagern. Meine Großtante ist gut damit zurechtgekommen. Sie hat fast ihr ganzes Leben lang hier gewohnt, ehe sie ins Altersheim umgezogen ist. Irgendwann kam sie die Treppe nicht mehr hoch. Seitdem kümmere ich mich um den Hof und die Wohnungen.«
Und das mit sichtbar wenig Elan.
Als ich nichts erwidere, fügt er hastig hinzu: »Es ist keine Luxusimmobilie. Das ist mir bewusst. Ich investiere derzeit nichts, weil … nun, offiziell gehört der Hof ja noch meiner Großtante. Und deshalb ist ja auch die Miete so niedrig.«
Nochmals schlendere ich durch die Räume. Keine Frage, hier muss einiges getan werden. Doch vor meinem inneren Auge nimmt das mögliche Zuhause bereits Gestalt an. Ich erinnere mich an eine Ausgabe der Zeitschrift Schöner wohnen. Gelbe Wände mit roten Farbakzenten, dazu passende, bodenlange Vorhänge – so könnte das Wohnzimmer gestaltet werden. Für mein blaues Sofa würde ich einen rot-weißen Überzug wählen und die Bücherregale vom Discounter weiß lackieren. Im Schlafzimmer würden dezente Grüntöne zu dem alten Holzdielenboden passen. Mein Doppelbett fände gut Platz, wogegen mein großer Kleiderschrank in den breiten Gang ausgelagert werden müsste.
Das kleinste der drei Zimmer könnte als Büro dienen.
»Sicher suchen Sie eher etwas Moderneres«, sagt der Mann und klingt fast enttäuscht. »In der Stadt. Sie sind so eine elegante Dame. Und Sie fahren einen Mercedes.«
Der nicht meiner ist, sondern Eigentum von Pantas Pharma.
»Die Wohnung ist perfekt.« Ich schenke ihm ein strahlendes Lächeln.
»Wirklich?« Ungläubig schaut er mich an.
»Ja. – Ich darf die Wände streichen und einiges umgestalten?«
»Sie können hier tun, was Sie wollen!«, ruft er begeistert. »Solange Sie keine tragenden Wände einreißen!«
»Habe ich nicht vor.« Mir fällt etwas ein. »Welche Tiere gibt es hier am Hof denn? Sie fragten, ob ich tierlieb bin.«
»Ach ja … das.« Seine Miene verfinstert sich augenblicklich. »Eine Katze, aber mit der haben Sie nichts zu tun. Es ist eher das Problem mit dem Hund.«
»Ich habe nichts gegen Hunde.«
Solange sie nicht ihre Haare in meiner Wohnung hinterlassen oder ihre Knochen in meinen Blumentöpfen verscharren.
»Wunderbar.« Er hält mir sein Smartphone unter die Nase. Das Display zeigt das Foto eines etwa kniehohen Hundes mit wuscheligem blond-grauen Fell und Schlappohren.
»Das ist Benni, die letzte Schnapsidee meiner Großtante. Schätzungsweise zwei Jahre alt, vom Tierschutz aus Kroatien oder Spanien gerettet, keine Ahnung. Warum die einer Frau über achtzig überhaupt noch ein Tier geben, soll mal einer verstehen. Jedenfalls … ich kann keinen Hund gebrauchen. Daher gibt es die Wohnung nur mit Hund.«
Ich blinzle. Habe ich das gerade richtig verstanden?
»Wenn ich die Wohnung miete, muss ich mich auch um den Hund kümmern?«
»Ganz genau.«
»Ich muss ihn füttern, Gassi führen, zum Tierarzt bringen?«
»Richtig. Ist ja dann ihrer.«
Mein Unterkiefer klappt nach unten. Der Traum vom Auszug aus der Pension platzt.
»Danke, aber das ist nicht möglich. Mir geht es so wie Ihnen: Ich kann keinen Hund in meinem Leben gebrauchen.«
Mit Wehmut im Herzen steige ich in meinen Wagen und lasse das idyllische Fleckchen hinter mir.
Belinda
»Sie kommen einen Tag zu spät.«
Juliana Sommer trägt auch diesmal ein Kleid.
Die Ärmel bedecken gerade einmal die Schultern und der Ausschnitt ist durchaus gewagt. Ob sie wohl Kleidung bewusst einsetzt, um ihren Umsatz zu steigern?
Als sie nichts erwidert, sondern unschlüssig in einem Meter Abstand von meinem Schreibtisch stehen bleibt, erinnere ich sie: »Wir hatten für gestern einen Termin vereinbart, nicht für heute.«
Sie wirkt überrascht.
»Ich wusste nicht, dass das ein konkreter Termin war.«
Unwillkürlich verdrehe ich die Augen. Was ist an ›Kommen Sie nächste Woche wieder?‹ so schwierig zu verstehen?
»Setzen Sie sich.« Ich weise auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch. Hauptsache, sie ist hier. Diesmal habe ich mich vorbereitet. »Möchten Sie Tee?«
Ich habe die Thermoskanne bereits in der Hand. Ehe ich den Drehverschluss öffne, erkenne ich an ihrem irritierten Gesichtsausdruck, dass meine Vorbereitung vergebens war. Jemand, der bei 25 Grad Raumtemperatur Tee anbietet, wirkt zwangsläufig merkwürdig.
Juliana Sommer kann nicht wissen, dass ich selbst Tee brauche wie die Luft zum Atmen. Ich trinke ihn literweise, immer warm, niemals kalt. Nichts ist schlimmer als Kälte, und ich friere schnell, selbst im Hochsommer. Die Kälte kriecht dann wie Gift durch meine Adern, zieht Erinnerungen an die Oberfläche und lähmt meine Gedanken und mein Tun. Daher bekämpfe ich sie mit allen Mitteln. Dass ich im Winter mindestens doppelt so viel Heizöl verbrauche wie die Spinner in der Wohnung über mir, gehört dazu.
»Ja, gerne«, sagt Juliana Sommer nun artig.
Ich fülle die bereitgestellten Becher mit dem Logo des Krankenhauses und schiebe ihr einen davon über die Tischplatte.
»Zucker?«
»Danke … ich trinke ihn pur.«
Ich nicke. »Ich auch.«
Dann sitzen wir uns gegenüber, die heißen Tassen in der Hand, und schweigen uns an. Automatisch wandern meine Augen zu ihrem Ausschnitt. Ihre Haut ist glatt und ohne Falten, der Teint etwas dunkler als beim ersten Besuch.
»Waren Sie an der Sonne?«
»Ja. Ich war am Sonntag baden, bei den Seen in Gretlmühle.«
Was normale Menschen eben an einem Wochenende machen.
»Kennen Sie die?«, fragt sie nun auch noch – vermutlich ihr Versuch, ein Gespräch in Gang zu setzen.
»Nur dem Namen nach.« Schon wieder habe ich eine Unterhaltung abgewürgt … Zeigen Sie Interesse an anderen, predigte die Psychotherapeutin stets, die ich fast zehn Jahre meines Lebens aufsuchte, ehe ich das Gefühl bekam, dass nur noch sie von meinen Besuchen profitierte, und zwar in monetärer Hinsicht.
»Schöne Kette«, schiebe ich hinterher.
Sie fasst sich automatisch an den Hals. Ihre schlanken Finger gleiten über die gläsernen Kugeln, als würde sie sie selbst zum ersten Mal wahrnehmen. Sie hat schöne, gepflegte Hände mit zurechtgefeilten, klar lackierten Fingernägeln.
»Selbst gemacht.«
Ich höre den leisen Stolz aus ihrer Stimme heraus.
»Schmuck basteln ist eines meiner Hobbys. Früher habe ich ganze Nachmittage damit zugebracht und die Sachen auch verkauft. Mittlerweile komme ich nicht mehr dazu.«
Interessiert mich das? – Ich bin mir nicht sicher. Also schaue ich weiterhin auf ihr Dekolleté und stelle mir vor, wie es sich anfühlen würde, meine Lippen darauf zu drücken. Vermutlich denkt sie, es ist die Kette, die ich betrachte, denn nun fügt sie hinzu: »Es sind Kristalle, aufgefädelt auf einen Metallring. Eine einfache Art, Schmuck selbst herzustellen.«
Wieder suche ich verzweifelt nach einem Thema. Zu Schmuck kann ich nicht viel sagen – eigentlich überhaupt nichts, denn ich trage keinen.
Juliana Sommer nippt vorsichtig am Tee. Überrascht sieht sie mich an.
»Der schmeckt nach Schokolade!«
»Das ist ein Imperial Black aus dem Süden von Nepal. Sechs Gramm auf einen halben Liter Wasser. Im trockenen Zustand riecht er nicht nur nach Schokolade, sondern auch nach Waldfrüchten.«
»Und den gießen Sie sich täglich hier in der Teeküche auf?«
»Ich bringe ihn von zu Hause mit.«
»Es ist eindeutig der beste Tee, den ich je getrunken habe.« Sie wirkt ehrlich begeistert. »Danke sehr.«
»Ich habe noch andere gute Tees. Zu Hause«, entfährt es mir.
Die Pharmareferentin verschluckt sich prompt und hustet in ihre Armbeuge. Mir wird schlagartig klar, wie das geklungen haben muss, und mein ganzer Körper verkrampft sich.
Als ich ruckartig aufstehe, stoße ich gegen das Tischbein. Der Tisch wackelt. Juliana Sommer kann gerade noch nach ihrem Becher greifen, um Schlimmeres zu verhindern.
»Wir sind fertig für heute.«
Sie soll gehen. Sofort!
Ohne zu zögern stellt sie den halbvollen Becher ab und steht auf. Vermutlich ist sie froh, schnell verschwinden zu können.
»Trotzdem danke für den Tee«, sagt sie und streckt mir die Hand hin. »Und danke für Ihre Zeit.«
Ich stehe mit einem Meter Abstand vor ihr. Diesmal will ich ihr die Hand schütteln, doch meine Muskeln gehorchen mir nicht. Bewegungslos starre ich sie an, als wäre sie eine Erscheinung. Ich hasse mich in Momenten wie diesen selbst.
»Wann kommen Sie wieder?«
Die Angst, dass sie für immer verschwindet, greift nach mir mit kalter Hand, während mich gleichzeitig eine süße Stimme in meinem Inneren daran erinnert, dass sie ja wieder kommen muss.
»Nächste Woche, wenn Sie möchten«, bietet sie höflich an.
Ich schüttle den Kopf. Ich will nicht wieder eine Woche verstreichen lassen, ehe ich sie zu Gesicht bekomme.
»Das ist zu spät. Kommen Sie übermorgen wieder.«
»Tut mir leid, aber da habe ich bereits Termine in Regensburg.«
»Wie schade«, erwidere ich süffisant und überspiele damit die Verzweiflung und den Ärger darüber, wie unwichtig ich ihr bin.
Ich entsperre den Computer, tue so, als würde ich eine Datei aufrufen, und sage dann: »Derzeit laufen zehn Prozent meiner Patienten auf Poxidance. Es könnten mehr werden. Allerdings hat auch das Mitbewerbsprodukt gute Daten.«
Ihr Lächeln wirkt sichtlich gezwungen, als sie erwidert: »Wir sehen uns übermorgen.«
Sie hat die Türklinke schon in der Hand, als sie sich nochmals zu mir umdreht.
»Bringen Sie Ihren Tee mit«, sagte sie zu meinem Erstaunen. »Und beten Sie dafür, dass es draußen nicht wieder über dreißig Grad hat.«
»Wieso?« Es ist mir schleierhaft, worauf sie hinauswill.
»Weil ich sonst kollabiere und Sie Erste Hilfe leisten müssen.«
Bei der Vorstellung, mich über sie zu beugen und sie gar wiederzubeleben, wird mir heiß. Bevor ich darüber nachdenken kann, sage ich: »Wenn Sie wieder so ein hübsches Kleid anhaben werden, dann leiste ich nur zu gerne Erste Hilfe.«
Am liebsten würde ich die Worte sofort wieder zurücknehmen, doch sie lächelt mich nur kokett an und tritt aus der Tür.
Julie
»Sie trinkt mit mir Tee, will mich ständig sehen und macht zweideutige Bemerkungen.«
Harald am anderen Ende der Leitung feixt. »Das läuft doch prima! Tu, was sie will, und deine Umsätze werden explodieren!«
»Das heißt aber, ich muss unseren gemeinsamen Besuchstag in Regensburg verschieben. Du wolltest mich ja zu den Terminen begleiten und diesen Chefarzt wiedertreffen, den du von früher kennst …«
Harald lacht dröhnend an meinem Ohr. »Mit dem Steigenberger Franz von der Inneren II habe ich am Kongress in Wiesbaden schon etliche Nächte durchgesoffen!« Dann ergänzt er in nüchternem Tonfall: »Was kann dir Besseres passieren als eine Ärztin, die scharf auf dich ist?«
Mir persönlich fällt da spontan eine ganze Menge ein, zumal ich aus Haralds Stimme heraushöre, dass er sich an der Vorstellung von mir und der Gessner in intimer Situation bereits im Stillen aufgeilt. Widerlich!
Ich sehne mich nach Kurt zurück, meinem stets sachlichen, fachkundigen und höflichem Vorgesetzten aus Hannover. Kurt, der mich jedoch leider auch nicht vor dem Exil bewahren wollte, denn seit dem Pamela-Zwischenfall hat er mich mehr oder weniger ignoriert.
»Schmiede das Eisen, solange es heiß ist«, fährt Harald mit klugen Ratschlägen fort. »Du wirst mir doch jetzt nicht weismachen, dass noch nie zuvor ein Arzt mit dir geflirtet hat? – Mädl, eine gute Verkäuferin weiß das für ihre Zwecke zu nutzen! Denk an deine Umsätze! Die Gessner ist wichtiger als der Steigenberger. Den interessieren in Wahrheit eh nur Darmkrankheiten.«
Natürlich ist es nicht das erste Mal, dass ich von einem Arzt angebaggert werde. In meinen ersten Jahren ist mir das sogar recht häufig passiert. Meist stieg ich tatsächlich auf den Flirt ein, kokettierte ein wenig und schob einen Verlobten vor, wenn der Arzt mehr wollte. Den ein oder anderen habe ich dadurch wohl wirklich dazu gebracht, mehr von dem angebotenen Produkt zu verschreiben.
Doch ich will Harald in seiner Annahme nicht bestätigen. Es pisst mich an, dass er mich Mädl nennt, mich, eine erwachsene Frau, die nur acht Jahre jünger ist als er selbst.
Außerdem fühlen sich die Treffen mit Belinda Gessner vollkommen anders an. Mit den männlichen Ärzten war es ein unbefangener Austausch, ein bewusstes Ausloten von Grenzen, begleitet von einer gewissen Heiterkeit. Wenn mir Belinda Gessner auf die Brüste starrt, wirkt sie dabei fast so, als würde sie sich dafür schämen. Die Kommunikation mit ihr ist mühsam. Sie rudert sofort zurück, wenn sie glaubt, zu weit gegangen zu sein. Ich glaube, würde ich sie küssen – was ich natürlich nie tun würde, fiele sie in Ohnmacht, anstatt mir die Kleider vom Leib zu reißen.
»Gewinn die Gessner, und dein gesamtes Gebiet wird florieren«, prophezeit mir Harald nun. »Ein bisschen Aufschwung könnte nicht schaden. In unserem Ranking steht Poxidance im Raum Landshut am schlechtesten da.«
Was aber weder an mir noch an der Gessner liegt. Wie ich mittlerweile aus Gesprächen mit Ärzten weiß, hat Gustav Grau in den letzten Jahren eine ruhige Kugel geschoben und ist nur noch zu jenen Ärzten gefahren, die ihm genehm waren.
»Schau mal, Julie, ich kann ja verstehen, dass du es hier nicht wirklich prickelnd findest.« Harald wechselt offenbar die Strategie. »Deine Familie, deine Freunde – alle sind weit weg, und die bayerische Mentalität ist ja bekanntlich nichts für jeden. Aber du musst ja nicht für immer hierbleiben. Das ist nur temporär.«
Schlagartig werde ich hellhörig. Davon höre ich gerade zum ersten Mal.
»Du meinst, es ist gar nicht vorgesehen, dass ich dauerhaft in Niederbayern und der Oberpfalz unterwegs bin?«
»Aber nein!«, erwidert Harald verblüfft, als hätte ich etwas vollkommen Absurdes geäußert. »Du bist eine Spitzenkraft, und eigentlich bist du hier, um das Gebiet auf Vordermann zu bringen.«
Wie schön, dass zumindest Harald den Zwischenfall mit Pamela verdrängt.
»Sobald Poxidance in der Region läuft, werde ich mich persönlich dafür einsetzen, dass du deinen alten Job in Hannover wiederbekommst.«
Meinen alten Key-Account-Job, den jetzt Pamela hat …
»Frauen können schwanger werden«, stellt er in Aussicht, als hätte er meine Gedanken erraten. »Und dann – schwupps! – ist plötzlich wieder eine Stelle frei.«
Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Wenn Pamela schwanger wird, dann ganz sicher von Jan. Die beiden sind unmittelbar nach dem Zwischenfall zusammengezogen und machen jetzt auf große Liebe. Trotzdem kommt mir meine jetzige Situation nicht mehr so endgültig vor. Es gibt ein Zurück.
*
Es ist fünf Uhr nachmittags. Ich sitze an dem kleinen, ungemütlichen Schreibtisch in der Enge meines nicht einmal zwanzig Quadratmeter großen Hotelzimmers und versuche, meine absolvierten Arztbesuche im CMS-System zu dokumentieren.
Draußen auf dem Gang grölen die betrunkenen Engländer, die bei meiner Ankunft noch im Foyer herumgelungert haben. Schon in der Nacht hat mich eine – ebenfalls trinkfreudige – holländische Reisegruppe wachgehalten.
Mein Laptop hängt sich auf. Das WLAN zeigt nur einen schwachen Balken, der immer wieder aufflackert und dann wieder verschwindet. Frustriert klappe ich ihn zu und lasse mich bäuchlings auf das Bett fallen. Die durchgelegene Matratze gibt sofort nach. Unter mir höre ich den alten Lattenrost gefährlich knacksen.
Oh Himmel, ich habe so genug von diesem verdammten Zimmer! Die Enge, die Ausstattung, der Lärm!
Ich vermisse meine eigenen Möbel, den Rest meiner Klamotten, die ich in dem kleinen Schrank hier nicht unterbringen kann, und die Freiheit, mir selbst etwas zu kochen, wann immer ich Lust dazu habe.
Plötzlich halte ich es keine Sekunde länger aus.
Für alles gibt es eine Lösung, pflegt mein Papa immer zu sagen.
Der Hund muss bei mir ja kein dauerhaftes Zuhause finden. Meine Eltern sind jetzt in Rente und haben Platz. Ich werde das Zottelmonster zügig zu ihnen abschieben und die Vorzüge einer idyllisch gelegenen Wohnung auf dem Land genießen, die ich nach meinen Bedürfnissen gestalten kann. Auch wenn ich hier eventuell nur ein paar Monate ausharren muss, möchte ich es schön haben.
Doch ist die Wohnung überhaupt noch verfügbar?
Mein Herz klopft hoffnungsvoll, als ich die Nummer von diesem Vermieter – wie hieß er noch gleich, irgendwas mit K? – heraussuche.
»Hallo?«, höre ich seine undeutliche Stimme an meinem Ohr. Im Hintergrund rattert ein Maschinengewehr. Dann explodiert irgendetwas. Es hört sich an, als befände er sich mitten in einem Kriegsgebiet. Mit ziemlicher Sicherheit sitzt er aber vor dem Computer und spielt eines dieser Online-Kriegsspiele.
»Tschuldigung«, höre ich ihn murmeln. Augenblicke später ist es still. »Wer ist denn dran?«
»Juliana Sommer. Ich rufe wegen der Wohnung an.«
»Ach so, ja!« Er klingt hell erfreut. »Sie waren die, die sich erst wegen der Hundehaarallergie testen lassen wollte, richtig?«
Äh … nein. Aber egal. Ich will diese Wohnung!
Soll meine Mitbewerberin ruhig auf ihr Testergebnis warten.
»Ja, genau! Alles okay. Ich bin nicht allergisch und freue mich auf die Wohnung … und den Hund natürlich!« Dann werde ich doch unsicher. »Falls die Wohnung überhaupt noch zu haben ist?«
»Doch, doch, das ist sie!« Er klingt genauso aufgeregt, wie ich mich fühle. »Treffen wir uns doch gleich in einer Stunde. Dann machen wir den Mietvertrag, und Sie lernen auch gleich Ihren Benni kennen.«
*
Der Hund scheint nur aus Haaren zu bestehen: lange, blond-graue Zotteln, die teilweise ineinander verwickelt sind und Knoten bilden. Ich sehe Moosreste, verkrusteten Schlamm und Erde in seinem Fell. Seine dunklen Augen werden fast vollständig von den viel zu langen Ponyfransen verdeckt. Armer Kerl.
»Das ist der Benni«, sagt Rudi Köppel. Sein Name ist mir mittlerweile wieder eingefallen. »Leine, Halsband und sein Körbchen habe ich Ihnen auch gleich mitgebracht. Und … ja, natürlich den Schutzvertrag!«
»Sie meinen den Mietvertrag?«
»Den natürlich auch.«
Er zieht eine Mappe aus seinem großen Rucksack und legt sie auf den Küchentresen. Er nimmt eines der Dokumente heraus, dann reicht er mir einen Kugelschreiber.
Schutzvertrag.
Das Wort leuchtet mir prominent entgegen. Ich überfliege den Text. Es geht um den Hund. Benni. Ich darf ihn nicht verkaufen, nicht verschenken und nicht im Tierheim abgeben. Wenn ich es tue und dabei erwischt werde, kann ich verklagt werden.
»Meine Großtante besteht darauf«, sagt Rudi Köppel. »Sie will das Beste für den Hund.«
Mit mulmigem Gefühl setze ich meine Unterschrift unter den Vertrag. Gilt mein Plan, den Hund schnellstmöglich zu meinen Eltern abzuschieben, als verschenken?
Wenn schon – ich will diese Wohnung!
Heute kommt sie mir noch größer vor als bei meinem ersten Besuch. Ich sehe mich schon den Hausflur sonnengelb ausmalen und die ockergelben Küchenschränke mit einer hübschen Folie überziehen.
Als ich den zweiten Vertrag – jenen für die Wohnung – endlich unterzeichnen darf, fühle ich mich gleich besser.
»Dann ist ja alles erledigt.« Rudi wirkt sichtlich erleichtert. Er packt die zwei Verträge in den Rucksack und legt zwei identisch aussehende Hausschlüssel auf den Tisch. »Wenn sonst noch irgendetwas sein sollte – Sie haben ja meine Nummer!«
Er wendet sich zum Gehen. Der Hund bleibt wie angewurzelt vor dem Backrohr sitzen und sieht mich an.
»Halt!«
In mir steigt nackte Panik auf.
»Was ist mit dem Hund? – Ich kann ihn nicht sofort übernehmen!«
»Aber es ist doch jetzt Ihrer!« Er hat es plötzlich eilig. Schon poltern seine Schritte die Treppe hinunter.
Völlig schockiert sehe ich ihm nach. Etwas Feuchtes berührt mich. Ich zucke zurück.
Igitt! Der Hund hat mir über die Hand geschleckt!
Sofort gehe ich zum Spülbecken. Seife gibt es nicht.
Als ich mir die nassen Hände an der Jeans abwische, drückt mir Benni seine Schnauze gegen den Oberschenkel.
Belinda
Immer wieder sehe ich auf die Armbanduhr. Ab halb zwei werde ich nervös und merke, dass ich meinen Patienten kaum mehr die Aufmerksamkeit schenke, die sie verdient hätten.
Um zwei Uhr beginne ich mich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, dass Juliana Sommer an diesem Tag nicht kommen wird. In mir brodeln Ärger und Enttäuschung. Ich habe extra Tee gekocht.
Rational betrachtet weiß ich, wie lächerlich meine Unruhe ist. Wir haben bisher nur ein paar Mal miteinander geplaudert, wenn man das plaudern nennen möchte … Ich würde gern mit ihr reden, lege mir sogar im Vorfeld Themen zurecht, wie beispielsweise die Einrichtung einer neuen Laborstraße im Haus. Auch wenn ich selbst nicht dort arbeite, ist es doch eine große Sache. Einige Auswertungen, für die wir Blutproben früher außer Haus schicken mussten, können jetzt vor Ort erledigt werden.
Doch sobald sie vor mir steht, werde ich von meinen Zweifeln erstickt: Langweile ich sie damit? Wird sie mir gar nicht zuhören?
Also sage ich lieber nichts.
Obwohl ich mir immer wieder bewusst mache, dass ich für sie nur eine Kundin auf ihrer Liste bin, bleibe ich selbst dann im Untersuchungszimmer, als ich den letzten Patienten des Tages versorgt habe. Inzwischen ist es fast halb drei. Eigentlich sollte ich längst auf die Station wechseln. Die vage Hoffnung, dass sie doch noch kommt, hält mich auf meinem Drehstuhl. Zu tun gibt es genug. Manchmal komme ich mit den Dokumentationen während der Untersuchungszeit kaum nach.
Um kurz vor drei steckt Schwester Gabi den Kopf zur Tür herein. Ich gehe davon aus, dass sie sich aus dem Dienst verabschieden will, doch sie sagt: »Die Pharmareferentin ist wieder da. Soll ich –«
»Ja!«
Als Juliana Sommer schließlich vor mir steht und mir zur Begrüßung ein warmes Lächeln schenkt, spüre ich meinen schnellen Herzschlag.
Heute trägt sie ein weinrotes, bis zu den Knöcheln reichendes Trägerkleid aus luftigem Stoff. Ich kann darunter die Umrisse eines dunklen BHs erkennen. Unwillkürlich blitzt ein Bild in meinem Kopf auf, wie sie in diesem Kunstwerk aus schwarzer Spitze auf einem Bett liegt, ohne das Kleid, fernab von allen Blicken außer meinem.
»Gefällt Ihnen das Kleid?«, fragt sie. »Es ist neu.«
Ihr Tonfall ist freundlich, trotzdem erwacht in mir sofort der Argwohn.
»Ich wundere mich nur, in welchem Aufzug Sie Ihre Arztbesuche machen«, erwidere ich brüsk und verschanze mich wieder hinter dem PC. Sie bleibt stehen, weil sie immer erst dann Platz nimmt, wenn ich sie dazu aufgefordert habe.
»Vielleicht habe ich mich ja extra umgezogen, ehe ich zu Ihnen gekommen bin.«
Sie nimmt mich auf den Arm, auch wenn ihr Lächeln so echt und so unschuldig wirkt.
»Danke, aber dafür besteht keine Notwendigkeit.« Mein Tonfall ist schroff. »Kommen Sie nächstes Mal pünktlich, das weiß ich mehr zu schätzen.«
Ihre Mundwinkel entgleisen für einen Moment. Den Ausdruck, der in ihre Augen tritt, vermag ich nicht zu deuten.
»Es tut mir sehr leid«, erwidert sie dann. »Ich musste bei einem vorherigen Termin lange warten und stand dann eine ganze Weile vor dem Parkhaus, ehe die Schranke hochging. Es war bis auf den letzten Platz belegt.«
Das Parkhaus hat für das Besucheraufkommen viel zu wenig Kapazität. Es kommt nicht selten vor, dass sich auch Patienten verspäten, weil sie auf einen Parkplatz warten müssen. Außerhalb zu parken, ist fast unmöglich. Die wenigen Parkplätze, die es gibt, sind Anwohnern mit Ausweis vorbehalten.
»Setzen Sie sich.«
Ich will nicht länger über Kleidung und Verspätung diskutieren.
Als sie ihre Arbeitstasche abstellt, sehe ich erstmals das Tattoo auf ihrem Oberarm. Es ist der Kopf einer Rose, sehr aufwendig gezeichnet mit vielen Blütenblättern und Schattierungen, der Farbgebung nach jedoch schon etwas älter. Wieder bleiben meine Augen an einem Teil ihres Körpers hängen.
»Warum eine Rose?«
»Aus keinem bestimmten Grund. Ich war achtzehn oder neunzehn, alle in meinem Freundeskreis ließen sich ein Tattoo stechen. Ich wollte auch eines und die Rose hat mir von allen Motiven, die mir im Tattoostudio gezeigt wurden, am besten gefallen.«
Sie ist also eine dieser Frauen, die das macht, was andere machen. Irgendwann wird sie heiraten, Kinder kriegen, Teilzeit arbeiten und sich einen Golden Retriever zulegen. Der übliche Weg.
»Ich habe Tee dabei. Wollen Sie eine Tasse?«
Es hat draußen gewiss wieder an die dreißig Grad. Ich weiß, dass sie meine Vorliebe für Heißgetränke an glutheißen Sommertagen befremdet, doch seit unserer ersten gemeinsamen Teestunde war sie zweimal zu Besuch und hat nie gewagt, mein Angebot auszuschlagen.
Auch diesmal sagt sie artig: »Sehr gerne.«
Augenblicke später hält sie bereits die warme Tasse in den Händen. Wegen ihrer Verspätung hat der Tee inzwischen Trinktemperatur.
»Das ist ein anderer als beim letzten Mal, nicht wahr?«
Tee ist ein Thema, bei dem ich mich sicher fühle.
»Das ist ein Barley Assam. Es ist kein reiner Tee, eher ein Teegetränk. In einen indischen Assam Second Flush wird geröstete Gerste gemischt.«
»Schmeckt interessant. Wie kommen Sie auf diese ungewöhnlichen Sorten?«
Ich zucke mit den Schultern. »Ich beschäftige mich eben damit. Ich mag Tee.«
»Kaffee nicht?«
»Nein.«
»Bisher habe ich eher Kaffee getrunken. Aber durch Sie werde ich allmählich zur Tee-Liebhaberin.«
Eine Weile trinken wir schweigend Tee. Ich kann ihn nicht genießen, denn in meinem Kopf drängt diese altbekannte Stimme mich, ein unverfängliches Gesprächsthema zu finden.
»Bin ich Ihr letzter Termin für heute?«, frage ich schließlich.
»Ja.«
»Und was machen Sie danach?«
Als ich ihren verblüfften Gesichtsausdruck sehe, weiß ich sofort, dass meine Frage alles andere als unverfänglich ist.
»Ich fahre danach nach Hause«, sagt sie. »Ich habe jetzt endlich eine Wohnung gefunden. Allerdings ist da noch einiges zu tun. Derzeit male ich aus und lege Klicklaminat über den hässlichen Küchenboden. Außerdem tropfen die Wasserhähne und die Fenster müssen abgedichtet werden.«
»Ist das nicht Aufgabe des Vermieters?«
Sie hebt die Schultern. »Die Miete ist spottbillig, dafür muss ich mich um sämtliche Reparaturen kümmern.«
Ich nicke. Das Modell kommt mir vertraut vor. Es erinnert mich an meine eigene Wohnsituation.
»Das heißt, Sie dürfen sich jetzt täglich mit Handwerkern auseinandersetzen?«
Ich denke an meine eigenen Erfahrungen mit Installateuren, die sich nicht an die abgemachte Uhrzeit halten und irgendwann vor der Tür stehen, und Malern, die unsauber arbeiten und trotzdem hohe Rechnungen stellen.
»Ich mache das meiste selbst«, antwortet sie mit einer Selbstverständlichkeit, die mich noch mehr überrascht als die Aussage an sich. Es fällt mir schwer, mir diese zierliche Person mit Werkzeug in der Hand vorzustellen.
»Als ich neun war, haben meine Eltern einen alten Hof am Steinhuder Meer gekauft«, erzählt sie. »Das ist ein großer Binnensee in Niedersachen … das Naherholungsgebiet des Großraums Hannover. Sie haben ihn fast komplett selbst renoviert. Das hat sich über Jahre hingezogen, aber so wurde aus mir eine versierte Hobby-Heimwerkerin. Mein Vater hat mir sehr viel beigebracht. Es macht mir großen Spaß, Räume zu gestalten und ihnen einen individuellen Touch zu geben.«
Ich stelle mir vor, wie eine jüngere Version von ihr unter Anleitung eines gesichtslosen Mannes mit einer viel zu großen Bohrmaschine Löcher in die Hauswand bohrt und Parkett versiegelt. Manche Väter bringen ihren Kindern Sinnvolles bei. Andere halten sie in Isolation.
Sie hat ihren Tee nun ausgetrunken. Ich will ihr nachfüllen, doch sie lehnt ab.
»Tut mir leid, ich muss gehen. Ich muss … ich habe … einen Hund. Er kann nicht so lange allein bleiben.«
»Ist er noch ein Welpe?«
»Nein. Aber ich habe ihn erst seit zwei Tagen.« Sie seufzt. »Ich habe keine Erfahrung mit Hunden und eigentlich auch keine Zeit dafür. Ich habe ihn nur bis zum Wochenende. Danach bekommt er einen guten Platz.«
Ich will trotzdem noch nicht, dass sie geht. Heute geht es mir so viel besser in Sachen Kommunikation; die Unterhaltung läuft überdurchschnittlich gut.
»Ich habe einen Kater. Er heißt Mickey.«
»Wie nett«, erwidert sie, aber es kommt mir vor, als wisse sie diesmal nicht recht, was sie mit dieser Information anfangen soll. »Wie alt ist er?«
»Sechs.« Einen Moment lang überlege ich, ob ich ihr ein Foto von ihm zeigen soll, lasse es dann aber sein. Es wird sie nicht interessieren.
»Und Sie haben ihn von klein auf?«
Ich erinnere mich an den Morgen nach einem Nachtdienst, als ich Mickey an meinem Hinterreifen gefunden habe. Hätte ich nicht meinen Schirm im Kofferraum verstauen müssen, wäre er beim Zurücksetzen wohl unbemerkt unter die Räder gekommen. Es schaudert mich immer noch, wenn ich daran denke.
»Mickey war ein klitschnasses Bündel mit verklebten Augen. Als ich ihn sah, wusste ich sofort, dass ich nicht nach einem Besitzer zu suchen brauchte. Ich wickelte ihn in meine Jacke und brachte ihn nach Hause. Die Tierärztin sagte, er sei ungefähr sechs Wochen alt. Er hatte Katzenschnupfen und fraß schlecht. Die ersten Tage trug ich ihn nur an meiner Brust herum.« Weil Mickey damals genauso fror wie ich: von innen heraus. »Er hatte niemanden. Keiner wollte ihn. Das hat ihm jegliche Wärme genommen.«
Juliana Sommers verwunderter Blick verrät mir, wie überrascht sie von meiner Geschichte ist. Zudem bin ich beim Erzählen emotional geworden. Plötzlich kommt mir alles, was ich berichtet habe, viel zu privat vor – intime Details, die ich ihr aufgedrängt habe, eine Geschichte, die nur mir gehört.
Ich springe auf. »Ich halte Sie hier nicht fest. Kommen Sie morgen wieder.«
Meine Augen sind auf die Rose gerichtet. Wie schmerzhaft muss es gewesen sein, ein Tattoo wie dieses in junger, unberührter Haut zu verewigen?
»Es tut mir leid, aber morgen ist es …«
»Ich habe in dieser Woche schon zehn Patienten auf Poxidance eingestellt. Vielleicht finden sich morgen noch ein paar weitere, für die Ihr Medikament die richtige Therapie ist.«
Es ist plump, aber ich weiß mir nicht anders zu helfen. Ich will nicht wieder auf sie warten müssen – nicht jetzt, wo ich merke, dass ich Fortschritte mache.
»Ja … okay.« Sie klingt unschlüssig. »Ich werde versuchen, es einzurichten.«
Noch immer starre ich die Rose auf ihrer Schulter an. Wie die Pigmentierung sich wohl anfühlt?
Ich strecke meinen Finger aus und will die Konturen des Tattoos nachzeichnen, doch sie zuckt zusammen, kaum dass ich sie berühre.
Natürlich will sie das nicht: meine Finger auf ihrer Haut.
»Ich mag keine Tattoos.« Ich flüchte hinter meinen Schreibtisch. »Wissen Sie eigentlich, dass es eine Studie gibt zwischen dem formalen Bildungsabschluss und dem Vorkommen von Tattoos? – Je ungebildeter, desto mehr Tattoos.«
Sofort wirkt sie regelrecht geknickt. Das wollte ich nicht. Wie kann ich es wieder gut machen?
»Das Kleid steht Ihnen ausgezeichnet. Sie sehen sehr hübsch aus.«
Sie wirkt kein bisschen glücklicher. Möglicherweise ist mein Tonfall nicht locker genug gewesen und hat dem Kompliment einen Beigeschmack verliehen, der nicht beabsichtigt gewesen ist.
Am besten, sie geht, bevor ich weiteren Schaden anrichte.
»Wir sind fertig für heute! Auf Wiedersehen.«
Sie nimmt ihre Tasche an sich.
»Ich dachte, das Kleid gefällt Ihnen nicht. Vorher sagten Sie …« Sie bricht ab. Vermutlich merkt sie gerade selbst, dass ich nichts dergleichen behauptet habe.
»Das habe ich nie gesagt. Ich denke nur, es ist unpassend für die Arbeit.«
Nachdenklich kaut sie an ihrer Unterlippe. »Ehe ich zu Ihnen kam, hatte ich eine Blousonjacke darüber. Aber dann wurde es mir darin zu heiß. Nur Sie haben mich so gesehen.«
Jetzt sieht sie mich direkt an. Und obwohl weder ihre Augen noch ihre Stimme auch nur eine Spur von Provokation enthalten, fühle ich mich plötzlich provoziert. Mir wird klar, dass sie ihre Wirkung auf mich längst durchschaut hat. Sei’s drum. Zwischen uns besteht ein unausgesprochener Deal. Die Kontrolle, die ich über sie habe, gibt mir Sicherheit.
Sagte nicht meine Therapeutin damals schon, ich solle mich erst einmal auf Situationen mit anderen Menschen einlassen, die ich kontrollieren kann?
