So viel Weißbier kannst gar ned trinken - Simon Pearce - E-Book
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So viel Weißbier kannst gar ned trinken E-Book

Simon Pearce

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Beschreibung

Simon Pearce ist Schauspieler und Comedian. Und er ist schwarz. In seinem Buch erzählt er über sein Leben in Bayern – mit Ironie und viel Witz. Simon Pearce ist ein Urbayer, auch wenn seine Hautfarbe dafür etwas zu dunkel ist. Als Sohn einer temperamentvollen Volksschauspielerin und eines Nigerianers wächst der Comedian in der bayerischen Provinz auf – in der Gemeinde beäugt und beobachtet. Die Metzgerin ist begeistert, dass der Vater "so gut Deutsch spricht" und die Nachbarn zählen ihre Porzellansammlung nach, wenn Simon zum Spielen da war. Aber Simon entdeckt die Macht der Worte und begegnet Rassismus und Intoleranz mit Humor. In seiner Autobiographie erzählt er mit viel Witz und Ironie von seinen skurrilen und schrägen Erlebnissen und dankt den Bayern jeden Tag dafür, dass sie dem Kabarettisten so viel Stoff für sein Comedy-Programm liefern. Seit 2014 tourt er mit seinem Programm "Allein unter Schwarzen" durch ganz Deutschland, ab 2017 mit seinem zweiten abendfüllenden Soloprogramm "Pearce on Earth" die deutschen Hallen füllen. "Einer der gar nicht erst versucht, es jedem Recht zu machen, entwaffnet potenzielle Rassisten mit seinem Humor." Welt am Sonntag

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Simon Pearce

So viel Weißbier kannst gar ned trinken

Wie ich als Schwarzer in Bayern groß geworden bin

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Simon Pearce ist ein Urbayer, auch wenn seine Hautfarbe dafür etwas zu dunkel ist. Als Sohn einer temperamentvollen Volksschauspielerin und eines Nigerianers wächst der Comedian in der bayerischen Provinz auf – in der Gemeinde beäugt und beobachtet. Die Metzgerin ist begeistert, dass der Vater »so gut Deutsch spricht«, und die Nachbarn zählen ihre Porzellansammlung nach, wenn Simon zum Spielen da war. Aber Simon entdeckt die Macht der Worte und begegnet Rassismus und Intoleranz mit Humor. In seinem Buch erzählt er mit viel Witz und Ironie von seinen skurrilen und schrägen Erlebnissen und dankt den Bayern jeden Tag dafür, dass sie ihm so viel Stoff für sein Comedy-Programm liefern. Seit 2014 tourt er mit seinem Programm Allein unter Schwarzen durch ganz Deutschland, ab 2017 wird er mit PEArCE on Earth die deutschen Hallen füllen.

Inhaltsübersicht

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

Danksagung

Prolog

»An Neger … im Schnee … hier, mitten in de Berg in Bayern … Keine Sorge, der wird bestimmt bald gefunden!«

Unser alter Familienfreund Edi verkörperte perfekt die Mischung aus Gemütlichkeit, Pragmatismus und – für Außenstehende – grenzwertiger politischer Korrektheit, der man in Bayern gerne mal begegnet. Und es waren nicht meine Eltern, die sich sorgten, ich könne verloren gehen, sondern Vroni, eine hysterische Bekannte von Edi, die auch bei ihm im Berchtesgadener Land zu Besuch war. Aber von vorne. Meine Mama ist Schauspielerin und hatte Edi auf der Bühne kennengelernt, als sie zusammen ein bayerisches Volksstück spielten. Ziemlich schnell haben sie gemerkt, dass sie einen sehr ähnlichen Humor haben und sich in der Derbheit ihrer Sprüche übertrafen. Edi sah zwar aus wie ein Bilderbuch-CSU-Bürgermeister aus dem bayerischen Oberland, mit Schnurrbart, Tracht und stattlichem Bäuchlein, war aber ein homosexueller bayerischer Volksschauspieler und passte somit perfekt in das Umfeld meiner Familie. Mein Vater, Nigerianer, der Beste seines Abiturjahrgangs und anschließend ambitionierter Politikstudent in Bayern. Meine Mama, bayerische Volksschauspielerin mit ausgeprägtem Revoluzzergen und experimenteller Hippieneigung. Wir also, eine afro-bajuwarische Familie mit Hang zum Extrovertierten in einem Vorort Münchens, wo hinter den Gartenzäunen Friede, Ruhe und Eintracht herrschen sollten. Bei uns war es laut, wild und ungezähmt. Und mittendrin ich, der so gerne mal untertauchen würde, dazugehören, mal nicht anders sein. Genau das hatte ich an jenem Abend auch vorgehabt, als ich verloren ging. Ich war wegen irgendeiner Bemerkung meiner Geschwister in Rage geraten, und da beide älter und auch stärker als ich waren, blieb mir nur der Rückzug. Ich wollte auswandern. »Ihr seht mich nie wieder.« Dass wir nicht mal zu Hause, sondern auf Edis Hütte in den Alpen waren, störte mich nicht. Noch besser. Hier könnte ich ein neues Leben beginnen, dachte ich mir. Einfach untertauchen und neu anfangen. Was man sich als Achtjähriger so denkt. Ich zog mir meinen Skianzug an, genauer gesagt den alten meines Bruders, packte mir Mandarinen, ein paar Nüsse und Schokolade aus meinem Nikolaussackerl ein, ein Asterixheft und machte mich auf in mein neues Leben. Als mein Bruder meinen Eltern berichtete, was passiert war, blieben sie relativ gelassen. War ja nicht das erste Mal. Nach spätestens zehn Minuten würde ich Angst bekommen und mit einem »Beim nächsten Mal aber wirklich!« wieder heimkehren. Nach fünfzehn Minuten wollte noch immer keine Panik aufkommen, aber man nickte sich zu, um seinen Respekt zum Ausdruck zu bringen. »Er wird mutiger.« Nur eben Vroni drehte fast durch vor Angst. »Ja, und wenn er jetzt verloren geht, der arme Bub. Ganz allein. Selbst wenn ihn einer findet, der Simon weiß doch die Adresse gar nicht!« Und dann kam Edis anfangs zitierter Ausspruch, gefolgt von einem großen Schluck Weißbier, den er sich einverleibte. Nicht einmal in den weiten Hängen der Alpen konnte ich untertauchen. Zumindest nicht im Winter.

1. Kapitel

Jagdszenen in Oberbayern

Die brütende Hitze schien sogar die Luft zu lähmen. Obwohl es noch lange nicht Mittag war, wand die Sonne sich bereits über die höchsten Baumwipfel und backte ohne Erbarmen den Boden. Bewegungslos und unmotiviert schützte sich das Kleingetier im Gestrüpp vor den wütenden Strahlen. Möglicherweise fürchteten sie sich auch vor den Schnäbeln der gut zwanzig Hühner, die tatsächlich das ganz und gar nicht ihrer Natur entsprechende Wagnis eingegangen waren, bei diesen Temperaturen schnelle Bewegungen auszuführen. Sie zuckten und flatterten wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen. Gut, das waren sie auch. Aber sie waren nicht auf der Jagd, sondern auf der Flucht. Auf der Flucht vor den zwei Paar schwarzen Kinderfüßen, die hinter ihnen im Zickzack über den staubigen Asphalt sprangen. Oder vielmehr vor den dunkelhäutigen Kindern, die zu den Füßen gehörten.

Die Knirpse rannten den aufgeregten Hühnern ziemlich planlos hinterher. Sie folgten keinem Muster, wendeten keine Jagdtaktik an. Es war ein simples, übermütiges Hinterhergelaufe. Ich weiß, wovon ich spreche, denn das eine Paar gehörte zu meinem damals fünf Jahre alten Körper, das andere zu meiner älteren Schwester. Und es waren unsere Hühner, wir fühlten uns dafür verantwortlich, sie wieder zurückzutreiben.

Wir rannten, die Hühner flohen gackernd und die Sonne brannte. Wir hatten extrem viel Energie und wollten alles erleben und herausfinden, deswegen rannten wir auch ständig herum. Und weil wir klein waren und normalerweise gegen kaum jemanden eine Chance hatten, waren wir froh, wenn mal jemand vor uns davonrannte. Versuchte man beispielsweise, seine Eltern vor sich herzuscheuchen, wurde das in der Regel vereitelt, indem man hochgehoben und in die Lüfte gehalten wurde. Das ist eigentlich eine Sauerei von Erwachsenen, oft merken sie gar nicht, dass man sie einfach nur jagen möchte.

Deshalb kamen meiner Schwester und mir die Hühner wie gerufen. Sie mussten zurück in den Stall und wir mussten diesen Umstand herbeiführen. Reiner Instinkt, reiner Spieltrieb ließ uns diese Form der Hatz ausüben. Warum ich dabei schrie, ist mir heute schleierhaft. Es schien mir passend, mit einer Art Jagdruf meine Beute zu verwirren, sie in Panik zu versetzen. Unter Umständen war mein Schreien aber auch nur ein Ausruf blanker Angst, so ein wild gewordenes Huhn kann durchaus respekteinflößend sein. Sobald das erste Huhn in Griffweite war, stürzte ich mich darauf, wie ein Bussard, der eine Maus erspäht. So kam ich mir zumindest vor. In Wirklichkeit versprühte ich wahrscheinlich die Dynamik eines alten Mannes, der in eine sehr kalte Wanne steigt. Es war doch ein eher zögerlicher Vorgang.

 

Platsch!, landete ich auf dem Boden und griff ins Leere. Die verdammten Biester waren wesentlich schneller als ich und ich einfach zu zögerlich. Sofort hechtete ich nach dem nächsten Federvieh! Mist! Daneben. Schon wieder. Ich drehte meinen Kopf nach links und sah, dass meine Schwester tatsächlich schon eines gefangen hatte, damit zum Hühnerstall lief, das Tier ablieferte und mit triumphierendem Lächeln zurückkehrte. Sekunden später schnappte sie das nächste und hatte so bereits ein halbes Dutzend erwischt, während ich immer noch dem ersten hinterherhechelte.

Ein inakzeptabler Fakt, schließlich war sie ein Mädchen und ich hielt mich für wesentlich geschickter und eigentlich auch schneller. Ich war mindestens der zweitbeste Jäger unserer Familie. Nur mein älterer Bruder war mir überlegen, aber der beteiligte sich mit seinen fast elf Jahren nicht mehr an unseren Hühnerrückholaktionen. Also blieb eigentlich nur noch ich. Woran es mir offenbar mangelte, war die Furchtlosigkeit meiner Schwester und ihr überlegtes Vorgehen. Sie wirkte ruhiger, fast schon entspannt. Ihre Taktik war beeindruckend: Ganz langsam näherte sie sich den Hühnern und redete liebevoll auf sie ein. Und sobald ein Huhn tatsächlich die Dummheit besaß, Vertrauen aufzubauen, obwohl es doch gesehen haben musste, dass sie es bei den anderen genauso gemacht hatte, schlug meine Schwester zu. Mit einem beherzten Griff drückte sie das Huhn mit der einen Flügelseite an den Bauch und klemmte den anderen Flügel mit ein, um Geflatter zu vermeiden. Eine recht mutige Variante, wenn man bedenkt, dass sowohl meine Schwester als auch ich lediglich mit einer Unterhose bekleidet waren. Ein für unser Alter absolut ausreichendes Gewand an einem Dienstagmorgen, wie wir fanden.

Auf ihrer dunklen Haut konnte man die gräulich roten Kratzer, die ihr die bisherige Beute bereits zugefügt hatte, deutlich sehen. Doch das beeindruckte sie nicht, sie demütigte mich unbeirrt weiter, ohne zu merken, wie sehr mich diese Erniedrigung wurmte. Es war ja nicht so, dass wir belohnt werden würden, wenn wir mit allen Hühnern zurückkehrten. Es wurde allerdings irgendwie von uns erwartet, dass wir das taten.

Jetzt endlich hatte ich eins eingekesselt. Es lief auf eine rechtwinklig angeordnete Hecke zu und aus dem Eck würde es kaum meinen geschickten Händen entkommen können, es war zu dick, um ins Gebüsch zu schlüpfen. Dieses Mal unterließ ich es, zu schreien. Ich hatte schon mal einen Panther gesehen und versuchte, so zu schauen, wie er das in meiner Erinnerung tat. Ich kniff meine Augen etwas zusammen und war mir sicher, sehr gefährlich auszusehen. Mein Atem gab den Takt für meine Bewegungen vor. Alles, was ich hörte, war der wild pochende Puls in meinem Trommelfell. Ich war jetzt direkt vor dem Zugriff. Im Tunnel, nur ich und meine Beute. Jetzt musste alles sehr schnell gehen. Zwei Schritte noch, dann hätte ich das Biest in meinen Händen. Die nervöse Henne war direkt vor mir, meine Hand wollte gerade nach vorne schnellen, da vernahm ich hinter mir eine krächzende Stimme.

 

»Na, seids aber weit gelaufen für die paar Henna, ha?« … Auf einmal fiel mir auf, dass wir uns gar nicht im Busch befanden, sondern in Puchheim, einer kleinen Stadt, knapp zwanzig Kilometer westlich von München, in der ich mit meinen zwei älteren Geschwistern aufgewachsen war. Das darauf folgende kehlige Lachen des rothaarigen, offenbar angetrunkenen Herrn mit der viel zu kurzen Hose und den viel zu weißen Beinen sollte wohl darauf hindeuten, dass es sich bei dieser Aussage um einen Scherz gehandelt hatte. Ich hab ihn damals nicht verstanden. Also den Mann schon, aber den Witz nicht. Weit gelaufen, von wegen. Viel unweiter kann man kaum laufen, ehrlich gesagt. Als Kind läuft man am Tag – proportional auf seine Körpergröße umgerechnet – bestimmt die Strecke zwischen München und Regensburg und zurück. Wir waren gerade einmal ein paar Meter hin und her gerannt. Schließlich wohnten wir direkt auf dem Grundstück, das an die Hauptstraße grenzte, auf der wir uns grade befanden.

Der betrunkene Mann stand direkt an unserer Hecke, vor unserem Gartenzaun. Humor ist manchmal auch eine Frage der Selbstwahrnehmung. Heute ist mir klar, er nahm meine Schwester und mich als zwei dunkelhäutige Kinder wahr, die in Puchheim Jagd auf Hühner machten, und reimte sich wohl zusammen, dass wir direkt aus dem nigerianischen Busch kommen mussten und unsere Beute durch zwei Kontinente bis hierher verfolgt hatten. Ich brachte mich allerdings damals noch überhaupt nicht mit Afrika in Verbindung.

 

Der Tag hatte begonnen wie so oft. Herr Knitterscheid, Archetyp eines Vorstadtspießers, der etwas weiter die Straße aufwärts wohnte, hatte bei uns an der Tür geklingelt. Mittleres Management bei Siemens, gefühlt immer in Anzug und Krawatte, das Haar stets akkurat gekämmt und eine Brille wie aus Loriots Fundus. Ein »Guten Tag« hatte er offenbar nicht nötig. Die Informationsübermittlung lief schnörkellos: »Das Gatter der Hühner ist offen!« Aha. Knapp und präzise wurden wir darauf hingewiesen, dass unsere Hühner mal wieder ausgebüxt waren und den Bereich rund um die Bushaltestelle Friedenstraße unsicher machten. Für mich und meine Schwester das Normalste auf der Welt. Es bedurfte auch keiner weiteren Worte unserer Eltern.

Wir sind selbstverständlich sofort los, für etwas Action in unserer Vormittagstristesse. Romantisch verklärt würde man jetzt sagen: Früher spielte man noch auf der Straße und saß nicht vor der Spielkonsole. Wobei das auch schon wieder veraltet ist. Heute starrt man auf sein Handy. Wie auch immer, auf jeden Fall stürmten wir direkt los, um unsere Viecher zurück in unseren Garten und das sich darin befindende Gehege zu bringen.

Leider im europäisierten Adams- und Evakostüm: in feinster weißer Baumwollunterwäsche. Und wahrscheinlich waren wir ungewaschen. Im Nachhinein erkannte ich, dass diese Situation stellvertretend für mein Leben steht: Wir waren anders. Und das nicht ausschließlich wegen unserer afrikanischen Wurzeln. Nein, dazu trug zum großen Teil unser Verhalten bei.

2. Kapitel

Schräger, lauter, die Pearcens

Ich bin in Puchheim aufgewachsen, einer 20000-Einwohner-Gemeinde im äußeren Speckgürtel Münchens. Das sind diese Orte, die nicht so genau wissen, was sie eigentlich sein wollen. Ein bisschen Dorf, wo man »in die Stadt« fährt und am Sonntag »sei Ruah« haben will, aber eben noch zumindest so nah an der Großstadt, dass man im Urlaub immer sagen kann, man käme aus München. Das kennt jeder, da muss man nicht viel erklären. Und wenn ein Amerikaner oder Neuseeländer nichts mit dem Namen München anfangen kann, hilft der Begriff »Oktoberfest«. Studien zufolge übrigens das bekannteste Wort der Welt.

Und man ist schließlich auch etwas stolz, dass man zwar nur in der Nähe der Metropole wohnt, aber immerhin eine Münchner »089er«-Vorwahl hat. Nur das Fürstenfeldbrucker Autokennzeichen an der geliebten Karosse verrät die dörfliche Herkunft. Und immerhin besteht Puchheim aus zwei Teilen: Puchheim-Ort und Puchheim-Bahnhof. Puchheim-Bahnhof hat, wie der Name schon verrät, einen Bahnhof und ist somit das Tor zur weiten Welt, die Pforte zur Freiheit, die Öffnung zur Autonomie. Und Puchheim-Ort ist ein Ort. Manchmal ist die deutsche Sprache schon beinahe langweilig gründlich.

Aber zurück zu Puchheim, jenem Mikrokosmos, in dem ich und meine Geschwister aufwachsen durften. Puchheim ist gutbürgerlich, zumindest in der Gegend, wo wir wohnten. Wie es sich für eine coole Gemeinde gehört, gibt es nämlich auch ein aus eineinhalb Straßen bestehendes kleines Ghetto. Es wurde Kennedy-Siedlung genannt, weil so die eine der beiden Straßen hieß. Kennedystraße und Adenauerstraße. Plattenbauten, ein Fußballplatz mit Steinboden und Eisentoren und viele Satellitenschüsseln an den Balkonen. Das hat damals schon gereicht. Da haben wir aber nicht gelebt. Wir lebten im mondänen Einfamilien- und Reihenhausteil Puchheims, wo der brave deutsche Vati für einen der tonangebenden Arbeitgeber in der großen Stadt beschäftigt ist und die großherzige deutsche Mutti zu Hause bleibt und kocht oder halbtags in der Grundschule beziehungsweise im Kindergarten arbeitet. Die letzten Ausläufer der Biedermeierzeit.

Hinter jenen bürgerlichen Fassaden passieren oft die krudesten Dinge, nicht nur in Österreich (wobei, da sind vor allem die Keller gefährlich). Man liest doch immer wieder in der Zeitung darüber. Bei uns in der Familie fand das Leben vor der Fassade statt. Wenn etwas lustig war, lachten wir, manchmal auch laut. Wenn etwas traurig war, weinten wir, manchmal auch bitterlich. Wenn wir uns über etwas ärgerten, zankten wir, manchmal auch heftig. Das kann für die Nachbarschaft schon mal irreführend sein. Man hatte eh oft den Eindruck, dass sie den Polizeinotruf schon sicherheitshalber vorgewählt hatten. Wobei, seinerzeit hätte das bedeutet, dass man die ersten »Einser« an der Wählscheibe schon gedreht haben musste und die »Null« schon am Anschlag hatte. Stets bereit loszulassen, um den Notruf abzusetzen. »Bei de Negers passiert was. Hilfe, schnell!« Ich hatte mal eine mittelschwere Auseinandersetzung mit meiner Mama, die tatsächlich fast zu einem Polizeieinsatz führte. Ich sollte, bevor ich zum Spielplatz durfte, nur noch mein Zimmer aufräumen. Nur noch mein Zimmer aufräumen?! Das Schlimmste, das man einem Kind sagen konnte, welches seine rar gesäte Zeit zum Müßiggang verwenden wollte. Das klingt in Kinderohren so, als würde man einen Mathematikstudenten im ersten Semester bitten, ob er »nur noch schnell« die Vermutung von Birch und Swinnerton-Dyer beweisen konnte.

Ich konnte nicht, und vor allem – ich wollte nicht.

Es ging um etwa achtundfünfzig Legosteine, die noch auf dem Boden rumlagen. Eine Sache von fünf Minuten, aber ich wollte eben jetzt los. Das übliche Betteln ging los: »Ich mach das später.« »Nein, sofort.« »Nein, später.« »Nein, sofort.« Und zack! flog die erste Sicherung bei mir raus. Ich dachte wohl, es war Zeit für eine Machtdemonstration und deswegen zog ich alle vier Schubladen aus meinem Legoregal (ich hatte wirklich viel von dem Zeug) und schüttete sie schreiend in meinem Zimmer aus.

Aber schreien konnte meine Mama auch, vor allem, als mein selbst gebastelter Lego-Lkw ihr auf den Fuß fiel. Etwas lauter wurde sie, als sie durch mein Zimmer ging und dabei auf einen schönen großen Lego-Viererblock stieg. Die sind aber auch hart und spitz, diese Mistdinger. Kein Betonblock kann dir, wenn er nicht gerade von weit oben auf dich herabfällt, diese Schmerzen verursachen wie ein einzelner kleiner Legostein, wenn man barfuß auf ihn tritt. Jetzt kam ihre durch die Arbeit als Schauspielerin perfekt ausgebildete Stimme zur vollen voluminösen Entfaltung. Da wollte ich mich nicht lumpen lassen und schrie mit (ich weiß nicht, wieso).

Sicherheitshalber stürzte ich mich aber auf den Boden und rollte mich, während ich schrie, unter mein Bett. Ich war schon ein ganz schöner Schisser, muss ich zugeben. Aber unter dem Bett war ich sicher. Bei aller Liebe, aber da passte meine Mama nicht drunter. Was ich nicht bedachte, war, dass sie stark genug war, mein Bett zu verschieben. Ich versuchte mich unter dem Bett zu halten, indem ich mich in die gleiche Richtung rollte, in die meine Mama es schob. Eine kluge Idee, wie ich fand. Allerdings war der Boden noch voll von diesen spitzen, äußerst schmerzhaften Legosteinen (gerade in der zarten Haut eines Kindes), sodass mein Rollen von lauten »Aua!«-Ausrufen begleitet wurde.

»Denkst wohl, du bist in Sicherheit unter dem Bett?«, rief meine Mama und lachte laut. Sie hatte etwas Wahnsinniges in ihrer Stimme, weshalb ich, jetzt endgültig in Panik versetzt, versuchte zu erspähen, was sie vorhatte. Ich sah ihre Füße am Ende des Bettes. Dann sah ich ihre Füße nicht mehr, ich hörte sie nur schreien: »Mama-Bombe!« Einen kurzen Moment lang war Stille. Und aus dem Nichts bog sich der Lattenrost meines Bettes über mir, kam gefährlich nahe an mein Gesicht und federte wieder weg. Über mir hörte ich erst mal nichts. Dann folgte ein seltsames Gackern und der Lattenrost wackelte im Takt mit. Mama lachte. Ich musste auch lachen. Wir steigerten uns, getrennt von meiner Matratze und dem Rost, zu einem fast schon hysterischen Lachanfall und nahmen das Klingeln im Hintergrund erst nicht wahr.

Nach ungefähr einer Minute bemerkte Mama das schrille Geräusch, stand auf, immer noch lachend, und sah aus dem Fenster, das übrigens gekippt gewesen war. Unten am Gartentor stand unser Nachbar und klingelte Sturm.

»Frau Blumhoff, is alles in Ordnung bei Ihnen?!«

»Ja, ja, ich räume nur mit meinem Sohn zusammen sein Zimmer auf. Wieso?«

»Na, dann is ja gut. Ich hab nur Schreie gehört, das klang nach einem Kampf. Man hört doch immer die schlimmsten Sachen. Is Ihr Mann ned do?«

»Mei, was Sie alles hören. Wo hörn S’ denn des? Dann hören Sie vielleicht den falschen Leuten zu. Nein, mein Mann ist beim Einkaufen mit meiner Tochter und meinem älteren Sohn.«

»Na, dann is ja guad. Auf Wiedersehen.«

 

Mit einem Augenzwinkern kam meine Mama zurück, half mir unter dem Bett raus, und wir räumten zusammen das Zimmer auf. Meinen selbst gebastelten Lego-Lkw nahm sie auseinander und verteilte die einzelnen Teile auf meine vier Legoschubladen.

Aus heutiger Sicht kann ich nachvollziehen, dass es den anderen Leuten sonderbar vorkam, wenn kleine, ungezogen wirkende Kinder gut hörbar mit ihren Eltern stritten. Jeder durfte gleichberechtigt seine Meinung sagen, keiner nahm ein Blatt vor den Mund – und Minuten später lagen wir uns lachend in den Armen. Wir waren echt so richtig anders. Und das in einem Umfeld, in das unser Hippie-Rock-’n’-Roll-Lifestyle so gar nicht reinpasste.

3. Kapitel

Mama, der ewige Volksschauspiel-Hippie

Ja, meine Mama. Eigentlich die Person, die das Potenzial gehabt hätte, uns davor zu retten, Aussätzige zu sein. Eigentlich. Meine Mama oder »die Weiße«, wie wir sie nannten, die bayerische Volksschauspielerin Christiane Blumhoff, war der berühmte Star in unserer Straße, die Menschen kannten sie aus dem Fernsehen. Sie hatte in zahlreichen Folgen von »Derrick«, »Weißblaue Geschichten«, »Königlich Bayerrisches Amtsgericht«, »Komödienstadl« und »Polizeiinspektion 1« mitgespielt und stand seit früher Jugend auf den Bühnen dieser Welt. Zudem ist sie eine Paradebayerin. Blond, blauäugig, im Besitz mehrerer Dirndlkleider. Wie aus dem Bilderbuch der Bayernpartei entsprungen. Eine, von der man sagen konnte: »Die kenn ich, des is mei Nachbarin, ganz eine nette Frau.«

Wir hatten Nachbarn, die sich, wenn sie auf meinen Papa und mich trafen, leise vor sich hin grummelnd abwendeten, wenn wir sie grüßten. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht »Ja grüß Sie, lieber Herr Pearce, und auch der liebreizende Sohn, ich bin so froh, Sie, meine heiß geliebten Nachbarn, hier auf der Straße zu treffen« in ihren Bart murmelten. Aber waren wir zusammen mit meiner Mama unterwegs, konnten sie sich kaum halten vor Nächstenliebe. Da wurde mir in die Backe gekniffen (und sich danach bestimmt die Hand desinfiziert) und laut gelacht. »Grüß Sie, Frau Blumhoff! Und der liebe Gatte ist auch dabei und der liebreizende Sohn. Mei das freut mich jetzt, dass ich Sie hier heute treff. Einen schönen Tag Ihnen allen.«

 

Aber so ganz volkstümlich und der gewünschten Norm entsprechend war sie privat dann doch nicht. Meine Mama trug nämlich leider ein ordentliches Stück zu unserer Andersartigkeit bei. Zum Glück, aus heutiger Sicht! Aber als Kind will man einfach nur dazugehören und nicht um jeden Preis auffallen, deshalb auch leider. Privat war sie nämlich Puchheims einziger, sagen wir mal, Halbhippie. Sie trug den Geist der 68er-Jahre in sich: Sie war und ist Feministin, jederzeit bereit, eine Demonstration anzuzetteln oder an einer teilzunehmen, umweltbewusst, nahm nie ein Blatt vor den Mund und war modisch, wie soll ich sagen, durchaus experimentierfreudig. Sie war der perfekte Gegenentwurf zu Papa.

Sie ist schon sehr leger, unsere Mutter. Und sie war von Anfang an die einzig wahre »Wilde« in unserer Familie. In ihrer Handtasche sah es aus wie im Utensilienschrank einer Voodoo-Priesterin: Hasenpfoten, Wildschweinzähne, Hühnerknochen und Q-Tips.

»Das bringt Glück«, sagte sie, wenn man sie darauf ansprach. Klar, weil jeder Taschendieb die Tasche zurückbringen würde, nachdem er reingeschaut hat, und sagen würde: »Sie sollten sich schämen! Auch wir haben ein Recht auf saubere Arbeitsbedingungen!«

Diese Hühnerknochen auch immer! Die sahen aus, als gehörten sie in die Auslage eines Kunsthändlers. Alle waren sie blitzeblank gelutscht. Ja, Knochen werden grundsätzlich so lange abgenagt und abgelutscht, bis man sie direkt wieder als Elfenbein verkaufen kann. Ich meine, ich mag auch gerne Chicken Wings und eigentlich jegliche Art von Knochen mit Fleisch drumherum zum Abknabbern. Ich bin kein Fan von Klischees, aber eine Sache kann ich wirklich bestätigen: Menschen mit Wurzeln in Afrika stehen auf den Verzehr von Hühnchen. Da mag der Bruder noch so satt sein, wenn es irgendwo »Chicken« gibt, ist er dabei! Da entsprechen wir tatsächlich der Phrase: »Der Neger ist ein Nager.«

Aber wir essen sie ganz normal, wie jeder andere Mensch auch. Das Fleisch wird vom Knochen genagt, der Knorpel runtergebissen und zerkaut, dann der Knochen auseinandergebrochen und das Knochenmark getrunken. Wie ein ganz gewöhnlicher Mensch das eben so tut. Meine Mama hat die Dinger vergewaltigt. Das waren Blowjobs. Blitzeblankgelutscht.

 

Mein Vater benahm sich in der Öffentlichkeit ruhig, zurückhaltend, höflich und »möglichst deutsch«. Ganz im Sinne seines Politikstudiums war er höchst diplomatisch. Er war quasi der Kofi Annan von Puchheim. Und wenn Papa der Kofi Annan von Puchheim war, war Mama eine Art weiblicher Peter Lustig, die als Pressesprecherin der Roten Armee Fraktion jobbte. Sie war das genaue Gegenteil von Papa. Ungeniert, lustig, übermütig, laut und frech. Sie hielt ihre Meinung nie zurück und ließ andere nie ausreden, wie ein Crossfader. Das heißt, dass sie gerne im Satz des Gegenübers anfing zu antworten und dann war es eine Frage der Lautstärke, welchen Gesprächspartner man zu Ende hören konnte. An sich schätze ich ihr Verhalten sehr, aber ich arbeitete damals hart daran, Coolness-Punkte zu sammeln, oder auch nur ein wenig Akzeptanz, und Mama korrumpierte diese Versuche gerne mal durch ihr Auftreten.

Warum, frage ich mich heute, warum bei den sieben Toren der Hölle musste diese Phase ihres Lebens sich vom Tag meiner Geburt bis weit über meine Pubertät hinaus ziehen? Warum in nigerianischen Gewändern zum Einkaufen gehen? Warum in Birkenstock-Sandalen? Warum muss sie ausgerechnet am Tag meines Elternsprechabends in der Schule ihren »BH-losen Tag« haben? Die Eltern redeten mit ihren Kindern und Kinder redeten untereinander. Und die Finger zeigten auf mich.

Im Rückblick denke ich, dass Mama alles richtig gemacht hat und sich so verhielt, dass heute jeder Hipster vor Ehrfurcht eins ihrer »Vintage-Shirts« nachgestrickt hätte. Wenn damals nur schon alles cool gewesen wäre. Statt Süßigkeiten bekamen wir Körnchen, getrocknete Rosinen, Superfood und Lebensmittel aus ökologischem Anbau. Milch direkt vom Bauern, die man erst essen musste, bevor man sie trinken konnte, weil sie grundsätzlich von einer vier Zentimeter dicken Rahmschicht bedeckt war. Dörrobst statt Gummibärchen, Äpfel vom Baum, gerne mit Wurm im Anschnitt. Allein schon diese Äpfel. Diese grauenhaften Apfelschnitze vom Biobauern, die ich jedes Mal aufs Neue enttäuscht in der großen Pause aus meiner Tupperbox zog.

 

Die große Pause ist das größte gesellschaftliche Ereignis im Mikrokosmos des Grundschulpausenhofs. Ein Sehen und Gesehenwerden. Wer trägt welche Klamotten, wer ist der beste Fußstoppspieler und vor allem, wer hat die heißeste Ware am Start? In unserer Schule ging es zu wie auf einem Drogenumschlagplatz. Direkt auf dem Pausenhof, dem Marktplatz des Verbrechens. Es war der sogenannte »Süßigkeiten-Schwarzmarkt«! Da florierte der Tauschhandel wie zu Zeiten der Weimarer Republik: »Ich hab hier ein Raider, wer tauscht?« »Ja, gern, Raider gegen Snickers.« »Snickers gegen Gummibärchen, irgendwer?« »Jemand ein Bounty?« »Ein Bounty gegen zwei Gummibärchenpackungen!« Bounty war seltsamerweise das beliebteste Tauschobjekt, vielleicht weil Kokos damals noch als exklusive Ware aus fernen Ländern galt. Ich konnte mich leider nicht am Handel beteiligen. Beziehungsweise: Keiner hatte Interesse, mit mir in Wirtschaftsbeziehungen zu treten. Das lag mitnichten daran, dass ich quasi auch exklusiv und aus einem fremden Land stammte, also nicht an meiner Hautfarbe, sondern schlicht an den Waren, die ich feilzubieten hatte.

Meine Öko-Mama hatte eben eine ganz eigene Meinung zu Süßigkeiten. Bei mir zu Hause galt leider der Satz: »Wenn du was Süßes möchtest, iss halt einen Apfel!« Iss halt einen Apfel. Als wäre das die naheliegende Option, damit den Hunger auf Süßkram zu befriedigen. Selbst heute bekomme ich bei diesem Satz noch Zahnbelag. Diesen Ekelbelag, der die Zähne so knirschen lässt, wenn man sie übereinanderreibt. So dankbar ich Mama heute dafür bin, als Kind will man keinen Apfel als Alternative zum Schokoriegel angeboten bekommen. Man will auch wie die anderen Kinder ein cooles Getränk wie Sprite oder Fanta. Aber nein. Ich bekam selbst zusammengemischte naturtrübe Apfelschorle! Und zwar von der Art, bei der man nie sicher war, ob die Kohlensäure vom Mineralwasser stammte oder bei der Schorle bereits der Gärprozess eingesetzt hatte und man mit dem ersten Schluck seine ersten Schritte in die Alkoholsucht tätigte.

Wenn die Mama mal so richtig gut drauf war, bekam ich eine Limo. Limo hieß aber »a Leitungswasser und eine Multivitamintablette«. Und im Gewinde der Deckel der Weichplastiktupperflasche hatten sich noch die Reste vom Kakao aus der Vorwoche gesammelt. Pfui Deifi! Ich hab mich mehr übergeben, als ich trinken konnte.

Und man will bunt verpackte Süßigkeiten, die die Zähne herrlich durchlöchen. Meine Zähne hatten keine Löcher. Meine Zähne bogen sich ehrfürchtig auseinander beim Versuch, in diese braun anoxidierten, säureübersättigten Apfelschnipselchen vom Biobauern, die in meiner Tupperbox schon ein Eigenleben entwickelten, zu beißen. Sie wollten keinesfalls in Kontakt mit ihnen kommen. Karius und Baktus verließen fluchtartig ihre Produktionsstätten in meiner Mundhöhle und mein Zahnfleisch zog sich zurück wie eine Schnecke, wenn man ihre Fühler berührt. Ich verdanke meine ausgeprägten Zahnlücken einzig und allein diesen Äpfeln.

Als meine Finger noch etwas schmaler waren, konnte ich tatsächlich meinen Zeigefinger in meine Zahnlücke stecken. Übrigens auch keine Fähigkeit, mit der man bei anderen Kindern Eindruck schindet. Wenn ich heute, in Eile, zu heftig an einer Zigarette zieh, kann es schon mal vorkommen, dass sie mir durch die Zahnlücke durchsaust und erst vom Gaumenzäpfchen gebremst wird. Aber meine Zahnzwischenräume reinigen sich von selbst. Und ich bin bis heute lochfrei. Wie gesagt, aus heutiger Sicht alles richtig gemacht.

Auf Tauschgeschäfte mit mir wollte sich aber kein anderes Kind einlassen. Dabei hätte ich für eine Kindermilchschnitte oder einen Fruchtzwerg freiwillig hochwertige Buchweizensticks oder getrocknete Feigen geboten. Na ja, egal. Meine liebe Mutter hat sich generell schon früh dem neuzeitlichen Konsumwahnsinn entgegengestellt. Bravo auch hierfür.

 

Abgesehen von ihren moralisch fortschrittlichen Idealen, bewies Mama seinerzeit viel Mut, einen Afrikaner zu heiraten. Pfui! Ein ganz schön ekelhafter Satz eigentlich. Aber leider wahr. Wenn man überlegt, dass es eigentlich noch gar nicht so lange her ist, ist das schon bitter. Sie wurde tatsächlich von vielen Bekannten für ihren »mutigen Schritt« gelobt, gleichzeitig bekam sie auch schnell die Konsequenzen zu spüren. Ihre Karriere als »bayerische Volksschauspielerin« stagnierte nämlich auf einmal. Ohne nähere Begründung. Für einige Zeit.

»An sehr netten Mann host da, Christiane. Und i find des super und sehr mutig, dass ihr geheiratet habt. Aber moanst, dass des so guad is, wennst ihn auch immer überall mit hinbringst? Da kommst nur ins Gerede. Des brauchts doch ned, oder?«, versuchte ihr ein Kollege mit sorgenvoller Miene nach einer Theaterpremiere ins Gewissen zu reden. Und das war nicht mal böse gemeint. Ein Ausdruck höchsten Respekts in einer Phase dezenter künstlerischer Diskriminierung. Tatsächlich gingen ihre Engagements in den ersten Jahren der Beziehung mit meinem Vater auffällig stark zurück, was sich aber nach einiger Zeit zum Glück wieder erledigte.

 

Im Übrigen ist der Moment, in dem sich meine Eltern kennenlernten, ein perfektes Exempel für Mamas direkte, unverblümte Art. Es trug sich Anfang der 1970er-Jahre zu, eine Kollegin hatte Mama mit auf eine Studentenparty genommen. Ich will gar nicht wissen, was alles auf diesen Studentenpartys Anfang der 70er-Jahre passiert ist, aber ich nehme jetzt einfach mal an, sie trank ganz zivilisiert ein Glas Wein und sah sich ein wenig um. Und auf einmal stand er da. Mein Papa. Also damals war er noch nicht mein Papa, weil sich meine Eltern an jenem Abend erst kennenlernen sollten. Damals war er einfach nur der Charly, Politikstudent, Single, Nigerianer. Nicht der größte Mann auf der Party, aber muskulös, mit einem wahnsinnig sympathischen Blick ausgestattet und ohne Begleitung unterwegs. Seine Hautfarbe, sein Mini-Afro und eine Art Horn auf der Stirn, knapp über den Augenbrauen, machten Mama neugierig. Meine Mutter mag besondere Merkmale. Und der Charly hatte wirklich so ein Minihorn auf der Stirn. Beziehungsweise einen kleinen Huckel, wohl eine Talkansammlung, aber ich will hier nicht näher ins Detail gehen. Nichts Unappetitliches, aber doch etwas, was einem mit Ende zwanzig eventuell unangenehm sein könnte. Auftritt Mama. Selbstbewusst ging sie auf ihn zu und deutete auf seine Stirn.

»Was hast du denn da für ein Horn?!«

»Äh … nix Slimmes!« (Papa konnte das »Sch« nicht so gut aussprechen.)

»Bist du aus Afrika?«

»Ja, Nigeria.«