So wird es kommen - Heide Nullmeyer - E-Book

So wird es kommen E-Book

Heide Nullmeyer

0,0
3,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Heide Nullmeyer - bekannt durch ihre ARD-Fernsehporträts "Frauengeschichten" und "höchstpersönlich" - erzählt aus ihrem spannenden Leben: ihrer Herkunft als uneheliches Kind eines verheirateten Vaters, ihrer spektakulären Heirat mit einem Griechen in Athen, ihren Anfängen bei Radio Bremen Fernsehen, von Begegnungen mit ungewöhnlichen Frauenschicksalen, sowie von Prominenten wie Erika Pluhar, Hildegard Hamm-Brücher, Gitte Haenning, Marika Rökk, Ingrid van Bergen, Rudi Carrell und vielen anderen. "So wird es kommen" ist ein fesselndes Dokument einer Frauenbiografie von der Sekretärin zur Fernsehjournalistin, Diplompsychologin, späteren Seminarleiterin und Traumtherapeutin. Als Psychologin hinterfragt Heide Nullmeyer ihre eigene Entwicklung. Sie gibt Antworten, die Mut machen, sich nicht unterkriegen zu lassen und auch schwierige Zeiten als hilfreich für die eigene Entwicklung zu verstehen. Vorwort von Erika Pluhar "Anrührend, offenherzig, ohne jeden Hauch von Voyeurismus, erzählt Heide Nullmeyer Persönliches, aber auch von intensiv und farbig erlebten Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen. Es lohnt sich, diese Frauengeschichte zu lesen." Erika Pluhar, im Nov. 2019 Nachwort von Prof. Dr. Annelie Keil "Heide Nullmeyer führt uns mit ihrer Liebe zum Leben durch ihre Lebens- und Arbeitslandschaften, authentisch und wachsam sich selbst gegenüber und ohne falsche Überzeugungslust, was richtig oder falsch sei" März 2020

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 500

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für Frankie

Heide Nullmeyer

„So wird es kommen“

Höchstpersönliches aus einem Frauenleben und der Welt des Fernsehens

© 2020 Heide Nullmeyer

Umschlag, Illustration: Simon Wedekind

Titelfoto: Quentin Dressy

Lektorat: Daniel Rummelhagen

Layoutbearbeitung: Ronald Wedekind

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback

978-3-347-00662-1

e-Book

978-3-347-00663-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

„So wird es kommen“

Höchstpersönliches aus einem Frauenleben und der Welt des Fernsehens

Vorwort von Erika Pluhar

Einleitung

Reise in die Vergangenheit

Begegnung im Flieger • Tagebuch Nr. 1 – Ankunft auf Karpathos

1953 - Der Schwur am Brunnen

1969 – 16 Jahre später

Woher komme ich?

Meine Mutter und ihre Familie • Psychologische Gedankensplitter • Tagebuch Nr. 2 - Eine glückliche Familie • Meine Kinderjahre • Psychologische Gedankensplitter • Tagebuch Nr. 3 – Mesochóri • Der Untermieter • Beim „Frankfurter Wecker“ • Tagebuch Nr. 4 – Meine Katzenfreundin • Mein Vater und seine Familie • Meine Konfirmation • Psychologische Gedankensplitter • Tagebuch Nr. 5 – Grace und Christian • Zwei Welten • Aus dem Leben der Helma Scholz – Porträt einer arbeitslosen Frau • Tagebuch Nr. 6 - Begegnung mit einer Touristin • Untermieterin mit Dackel • „Onkel Toni“ • Psychologische Gedankensplitter • Tagebuch Nr. 7 – Stillschweigen • „Nicht so passiv, wie man denkt“: Ich heiße Erika und bin Alkoholikerin • Sichere Bewegung auf dem Eis • Die Schmach • Psychologische Gedankensplitter • Tagebuch Nr. 8 – Wellen am Strand • Ferdi – Mein erster Freund • Tagebuch Nr. 9 – Der Anruf aus Bremen • „Experiment Gesamtschule“• Tagebuch Nr. 10 Jeny und Mingma

Aufbruch ins Ungewisse

Mein griechisches Abenteuer beginnt in England • Ankunft in Athen • Die ersten Tage • Der Rausschmiss • Psychologische Gedankensplitter • Tagebuch Nr. 11 – Das Hochzeitsversprechen • „Ingrid van Bergen - …und trotzdem singe ich“ • Tagebuch Nr. 12 – Der Windstoß • Die griechische Hochzeit • „Hannelore L. – Mein Mann hat lebenslänglich“ • Tagebuch Nr. 13 – Die Zahnplombe • Endlich glücklich? • Lisa • Von Athen nach Barcelona • Psychologische Gedankensplitter • Tagebuch Nr. 14 – Christine • „Wo hätte ich denn hingehen sollen?“ – Eindrücke aus dem Bremer Frauenhaus • Fakten über körperliche Gewalt • Der Übergriff • „Wen schützt der § 218?“ • Tagebuch Nr. 15 – Zweimal Maria – zweimal Nikos • „Mary Bauermeister – Zauberwelt einer Künstlerin“ • Das Ende • Psychologische Gedankensplitter • Tagebuch Nr. 16 – Letzter Tag auf Karpathos

Neustart

Frankfurt am Main • Neuchâtel • Istanbul • Bremen • Und wieder unterwegs • Sekretärin im Theater am Goetheplatz in Bremen

Meine 70er Jahre

Unerwartetes Wiedersehen • Psychologische Gedankensplitter • 30 Jahre später - im Jahr 2000 • Neue Herausforderungen • „Davon träumen viele Schüler“ – Im Internat Summerhill ist die Teilnahme am Unterricht freiwillig • „Noch ist ER der Herr im Hause“ • Begegnung mit „Miguel Rios“ • „Franz-Josef Degenhardt – harte Politik in Liedern“ • Meine „säkularisierten“ Schutzengel • Wiedersehen mit meinem Vater • „Keiner schiebt uns weg – Frauengruppe Erwitte“ • Psychologische Gedankensplitter

Meine 80er Jahre

Frankie – der Kameramann • „Wer einmal klaut – Gemeinnützige Arbeit statt Strafe“ • „Marika Rökk – Die Frau meiner Träume“ • Eine Ware spricht • Vorübergehende Trennung • „Annemarie Renger, SPD, Bundestagsvizepräsidentin“ • „Wir Kinder“ – vom Circus Belly • „Birgitta Wolf – Der Engel der Gefangenen“ • „Hildegard Hamm-Brücher, FDP“ • Gemeinsamkeiten und Grenzen • Psychologische Gedankensplitter • Therapie - Studium – Weiterbildung in Gestaltarbeit • Auf der Suche – Wer bin ich? - Selbsterfahrungen • Persönliche Erfahrungen beim „Rebirthing“ • Das Bad Herrenalber Modell • „Kloster auf Zeit“ – Der Johanneshof in Herrischried • „Madeleine Riedel-Michel, Geistheilerin“ • Der Tod meiner Mutter • „Daniela Tausch-Flammer – Durch den Tod habe ich das Leben schätzen gelernt“ • Meine Diplomarbeit: „Psychologie in der Wende? – diskutiert am Phänomen sogenannter „geistiger Heilungen“ • Psychologische Gedankensplitter

Meine 90er Jahre

Annelie Keil - Meine Freundin, die Professorin • Begegnung mit Ortrud Grön Skotina – Das Dorf am Fuße des Olymp • Daniel • Psychologische Gedankensplitter • Vertiefung unserer Begegnung mit Ortrud Grön • „Eddi Arent, Komödiant“ • Psychologische Gedankensplitter • Thassos – Die grüne Insel im Norden Griechenlands • Ich werde Schülerin von Ortrud Grön • Rudi Carrell • Ortrud Grön und die Medien • Psychologische Gedankensplitter

Am Ende meiner Episodenreise

Nachwort von Prof. Dr. Annelie Keil

Danksagung

Filmografie

Quellennachweise

Fotonachweise

Literaturempfehlungen

Vorwort von Erika Pluhar

Als bekannte Schauspielerin, jedoch mein Leben lang stets schreibender Mensch gewesen, hatte ich etwa vierzigjährig zum ersten Mal ein Buch veröffentlicht. „Aus Tagebüchern“ hieß es und erschien in der Taschenbuchreihe „Neue Frau“ bei Rowohlt. Angela Praesent, die diese Reihe gründete, hatte mich dazu bewogen. Sie war es auch, die mit höchster Delikatesse die Auswahl aus meinen tatsächlichen, authentischen Tagebüchern traf. Das war 1980.

Bald darauf, und wohl auch vom Lesen dieses meines Buches dazu angeregt, meldete sich telefonisch die Dokumentarfilmerin Heide Nullmeyer bei mir. Sie war mir keine Unbekannte. Ich wusste von ihrem Film und dem darauffolgenden Buch „Ich heiße Erika und bin Alkoholikerin“. Beides hatte mich berührt. Wusste ich doch auch, was Alkoholismus bedeutet, ich wusste es traurig genau von Männern meines Lebens.

Heide Nullmeyer besuchte mich also in Wien. Sie kam mit der Idee, dem Vorhaben, eine ihrer „Frauengeschichten“ - erfolgreich als Doku-Serie - mit mir zu realisieren. Als eine selbstsichere, jedoch einfühlsam auf mich eingehende Frau, die ihr filmisches Wirken und ihre Karriere energisch und fest im Griff hatte, so erschien sie mir. Im Gespräch gab es sofort Gemeinsamkeiten. Ich sagte sehr bald zu.

Wir drehten also diese Frauengeschichte - und wir zwei Frauen wurden Freundinnen. Sind es bis heute geblieben. Auch eine ihrer „Höchstpersönlich“-Dokumentationen verwirklichte sie anschließend noch mit mir. Heide kämpfte in unseren Anfängen mit einer Liebes-Geschichte - ich ebenfalls - wir waren zwar nicht mehr die Jüngsten, aber damals noch jung genug, um auf der erotischen Suche nach ewiger Liebe zu sein.

Jetzt bin ich achtzig - Heide wird es demnächst - und wir konnten trotz räumlichem Abstand und nur sporadischem Beisammensein unsere Lebenswege wechselseitig mitverfolgen.

Ich ihr Studium und ihren Weg zur Psychotherapeutin - ihre gruppendynamischen Aufenthalte in Griechenland - ich lernte ihren jetzigen Mann Frankie kennen und schloss ihn rasch ins Herz - den großen Frauenpersönlichkeiten Annelie Keil und Ortrud Grön begegnete ich - von Heides späterer Traum-Arbeit erfuhr ich.

Sie hingegen konnte mich mehr und mehr als Schriftstellerin wahrnehmen, nach „Aus Tagebüchern“ veröffentlichte ich regelmäßig Bücher. Es wurde das zu meinem eigentlichen Weg. Heide organisierte im Raum Bremen Lesungen für mich und war bei diesen als Moderatorin und mit Ausschnitten aus ihren Filmen wunderbar an meiner Seite.

Die Jahre flogen. Ja. Und jetzt las ich ihr Buch.

Und erfuhr von Unsicherheiten und Verletzungen, von wahrlich bestürzenden ‚Irrungen und Wirrungen‘, die diese heitere, unerschütterliche Heide Nullmeyer, die ich 1981 kennen gelernt hatte, jedoch geformt hatten. Die von ihr in unermüdlichem Bemühen aufgearbeitet und überwunden wurden, die sie zu Kreativität und verantwortungsvollem Tun verwandeln konnte. Heide hatte ihr „griechisches Ehe-Desaster“ mir gegenüber zwar ab und an, jedoch eher anekdotisch, erwähnt. Ich fühlte stets ihr weiterhin leidenschaftliches Hingezogensein zu Griechenland. Auch lebte, als wir uns kennen lernten, ihre Mutter noch, diese so einschneidend Heides Leben bestimmende Frau.

Aber dieses Buch.

In der nicht chronologischen Abfolge von anrührend offenherzig, jedoch ohne einen Hauch von Voyeurismus erzähltem Persönlichem, dann den Schilderungen beruflicher Herausforderungen, die es zu meistern galt, ihrer spirituellen Suche, all den intensiv und farbig erlebten Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen - es hat mich meine Freundin Heide wohl erst jetzt in umfassender Weise wahrnehmen und erkennen lassen.

Es lohnt sich, diese Frauengeschichte zu lesen.

Erika Pluhar, im November 2019

Einleitung

Warum drängt es mich, meine freudvollen aber auch schmerzlichen Erfahrungen, Erlebnisse und Beobachtungen aufzuschreiben? Gibt es so etwas wie eine Art „Drehbuch“, dem ich gefolgt bin? Wodurch bin ich geprägt worden? Was hinderte mich, lange Zeit selbst bestimmt zu leben? Welchen Einfluss hatte es, dass ich das Resultat einer außerehelichen Verbindung bin? War ich ein gewolltes Kind? Durch wen oder was habe ich mich in eine Opferrolle drängen lassen? Welche Elternbotschaften haben mein Verhalten bestimmt? Wo bin ich mir treu geblieben? Welche Risiken bin ich eingegangen? Wie habe ich mich aus schwierigen Situationen herausgearbeitet? Was hätte ich anders machen können? Ich schwankte oft hin und her in meinen Gefühlen. Mal war ich mutig und risikobereit „Ich schaffe das schon“ - „Ich gehe da durch, egal wie“ - „Ich brauche niemanden“ - dann wiederum ängstlich oder trotzig „Das wird nie was“ - „Das kann nicht gelingen“ „Ich werde es allen zeigen!“

Aus der Gedächtnisforschung weiß man, dass unser Gehirn nicht alles lückenlos speichert. Je öfter wir an ein Ereignis denken, desto häufiger ändern sich Nuancen, da die Erinnerungen mit unseren aktuellen Lebenserfahrungen bewertet werden. Das Ergebnis macht umso glücklicher, wenn man feststellt, dass man sich mit den Jahren immer positiver entwickelt hat. Wie steht es mit dem „Schatten“ in mir, wie C. G. Jung, der Schweizer Psychiater, die „dunkle Seite“ in uns genannt hat? Vielleicht habe ich die eine oder andere ungute Situation zu meinen Gunsten unter den Teppich gekehrt. In den Kapiteln „Psychologische Gedankensplitter“ versuche ich, mir dabei auf die Spur zu kommen. Ich schaue dankbar auf mein Leben zurück.

Am Anfang sah es nicht so aus, dass ich das heute so würde sagen können. Geboren als uneheliches Kind, das Gymnasium abgebrochen, stattdessen die Lehre zum Großhandelskaufmann (wie man das damals noch nannte). Mit neunzehn einem Griechen nach Athen gefolgt, dort unter spektakulären Umständen geheiratet. Mit neunundzwanzig - nach mehreren Umwegen - bei Radio Bremen im Fernsehen gelandet. Ich blieb fast vierzig Jahre.

Den Beginn meiner beruflichen Laufbahn als Realisatorin und Autorin verdanke ich einem glücklichen Umstand und meinen Französisch-Kenntnissen. Nach dem ersten gelungenen Interview, geadelt durch eine Ermutigung des Intendanten Hans Abich, waren meine nächsten ersten Schritte kleine Beiträge im Regionalprogramm über Obdachlose, Migranten und Künstler.

1971 wurde mein erster fünfundvierzig Minuten-Film gesendet. „Experiment Gesamtschule “, eine Langzeit-Produktion für das dritte Programm von Radio Bremen und dem Norddeutschen Rundfunk über die Bremer Gesamtschule-West. Unbewusst hatte ich mir ein Thema ausgesucht, in dem das Motto „Chancengleichheit für alle“ eine wichtige Rolle spielte. Die abwertende und kränkende Botschaft auf dem Gymnasium „Das kannst du nicht! “ hatte lange Zeit in mir nachgewirkt.

Für das Erste Programm des Deutschen Fernsehens porträtierte ich über Jahre viele sehr unterschiedliche Frauen. Die meisten haben mich auf verschiedenen Ebenen angesprochen. Zum Beispiel die Arbeiterfrauen aus Erwitte im Film „Keiner schiebt uns weg“, Erika Pluhar, die österreichische Schauspielerin und Sängerin, Hannelore L., die einen Mörder im Knast geheiratet hatte, Erika, eine „trockene“ Alkoholikerin, Marika Rökk, der ungarische Star.

Mit Ende dreißig begann die Suche nach mir selbst. Kurz vor einer Drehreise nach London brach ich im Kasino von Radio Bremen zusammen. Mein Herz raste, ich hatte Todesangst. Nach kurzem Krankenhausaufenthalt landete ich in einer psychosomatischen Klinik im Tecklenburger Land. Dort forderte mich ein Therapeut auf allen Ebenen heraus. In Gesprächen, in aufreibenden Übungen. Dabei tauchten Bilder aus meiner Vergangenheit auf, die ich jahrelang verdrängt hatte. Ich heulte, brüllte, schlug auf ein Kissen ein. „Weiter“, ermunterte mich der Therapeut. „Lassen Sie alles raus. Das wird Ihnen guttun.“ In einer dieser Stunden stellte er mir einen Eimer hin. Ich kotzte. Kotzte alles raus, was seit Jahren in mir unverarbeitet festsaß und mich hinderte, ich selbst zu sein. Ich blieb sechs Wochen in der Klinik. Danach durchforstete ein Psychologe zwei Jahre mit mir die Stadien meiner Entwicklung. Ich gierte nach mehr und setzte mich manchen fragwürdigen Selbsterfahrungs-Seminaren aus. Lange Zeit fühlte ich mich verunsichert und schutzlos. Es war der bewusste Beginn meiner Selbstfindung.

Mit vierzig startete ich noch einmal neu durch. Ich holte mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach, studierte Psychologie an der Universität in Bremen und durchlief parallel dazu eine Fortbildung zur Gestalttherapeutin.

Mit fünfzig begann ein nächster Abschnitt meiner Entwicklung. Bei meinem Filmporträt „Wenn Körper und Seele streiken“ über die Bremer Professorin Annelie Keil, begegnete ich der Traumforscherin Ortrud Grön. Eine neue Herausforderung. Die folgenden zwanzig Jahre leitete ich Seminare im In- und Ausland als Psychologin und Traumtherapeutin. „Die Legende Rudi Carrell “ war mein letzter erfolgreicher Film für die ARD im Auftrag von Radio Bremen. Ich war siebzig Jahre alt.

In Abständen von etwa zehn Jahren veränderte sich mein Leben. Deshalb möchte ich noch einmal genauer hinschauen, wie sich mein Weg entwickelt hat. Sieben Wochen habe ich mich auf der griechischen Insel Karpathos in „Klausur“ begeben. Ich bin eingetaucht in meine wechselvolle Vergangenheit - von der Kindheit über meine Jugend, in meine Begegnungen mit vielen interessanten Menschen und deren Schicksalen, darunter viele Prominente. Ich habe meine drei Ehen Revue passieren lassen und stellte beim Schreiben erstaunt fest, wie hautnah manche Erfahrung wieder vor meinem geistigen Auge auftauchte. Im Juni 2020 wurde ich achtzig Jahre alt.

Heute kann ich sagen, dass alles, was ich durchlebt habe, mir unbewusst geholfen hat, mich stufenweise zu entwickeln. Die karge Schönheit dieser griechischen Insel und die Begegnung mit den Einheimischen, den Flüchtlingen und Zugereisten dort, haben in mir den Wunsch geweckt, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden. Meine Erlebnisse und Gedanken in dieser Zeit, habe ich in einem Reise-Tagebuch festgehalten. Sie sind die zweite Ebene im ersten Teil meines Buches. Die dritte Ebene ist der Versuch einer psychologischen Einordnung in meine Verhaltensweisen. Jeder macht sich Gedanken über sich selbst und wenn man es richtig und gut macht, nennt man so etwas „Selbstreflexion“. Meistens macht man das mit sich im stillen Kämmerlein. Sich selbst jedoch öffentlich zum Objekt der professionellen Betrachtung in der Rolle als Journalistin, Filmemacherin und Psychologin zu machen, ist weniger einfach, zwiespältig und in gewisser Hinsicht auch ein wenig verrückt. Dass Sie sich offenbar angesprochen gefühlt haben, in die Episoden meiner Lebensreise eintauchen zu wollen, freut mich erst einmal sehr. Dass Sie mich mit Toleranz und Verständnis auf diesem schwierigen Pfad begleiten, das wünsche ich mir.

Reise in die Vergangenheit

Begegnung im Flieger

Der Flieger von Hamburg nach Athen startete mit einer halben Stunde Verspätung. Hoffentlich bekomme ich den Anschluss-Flug nach Karpathos, sorgte ich mich. Sonst müsste ich in Athen übernachten, in der Stadt, mit der ich immer noch verbinde, was mich mit neunzehn Jahren dorthin geführt hatte: meine erste große Liebe. Als ich damals im Januar 1960 dort ankam, sah ich eine glückliche Zukunft vor mir. Mit Dimitri, dem Mann, dem ich in England begegnet bin. Ich war ihm vom ersten Moment an verfallen. In den sechs Jahren, die ich mit ihm in England, Griechenland und Spanien verbrachte, durchlebte ich ein Wechselbad der Gefühle: Ich liebte bis zur Selbstaufgabe, ich hoffte, ich war enttäuscht, ich war wütend, hilflos, verzweifelt und trotzig.

Am frühen Morgen hatte ich mich am Flughafen in Hamburg von meinem dritten Mann Frankie verabschiedet. Ich sah ihn winkend vor der Absperrung stehen, die nur Fluggästen vorbehalten war. Irgendwie wirkte er verloren. Er warf mir mit der rechten Hand Küsschen zu. Lange und ganz fest hatte er mich umarmt und mir immer wieder versichert, wie sehr er meinen Entschluss unterstütze, mich schreibend meiner Vergangenheit zu stellen. Ich dachte liebevoll an ihn. Er würde mir fehlen. Ein Mann, der jeden Menschen in seiner Würde respektiert, egal woher er kommt. Der sich bemüht, hinter die Dinge zu schauen, nicht gleich urteilt, der freiheitsliebend ist, so wie ich auch. Diese Eigenschaften sind seinen Erfahrungen als Kameramann und den Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster Herkunft in fast jedem Winkel der Welt geschuldet. Uns verbindet seit mehr als fünfunddreißig Jahren eine innige, zärtliche Liebe. Bei Radio Bremen hatten wir uns kennengelernt.

Im Flieger nach Athen saß eine sportlich gekleidete Mittdreißigerin neben mir. Sie lächelte mich freundlich an. Offenbar hatte sie Lust, sich zu unterhalten. Als Fernsehjournalistin und Diplompsychologin war ich viele Jahre mit Frauenschicksalen konfrontiert. Was sich wohl hinter ihr verbarg? Ob sie denn auch noch weiterreise, fragte ich. „Ja“, entgegnete sie lebhaft. „Ich fahre nach Agistri, einer kleinen Insel unweit von Athen.“ Dort erwarte sie eine Gruppe, um mit ihr an Träumen zu arbeiten. Ich zuckte innerlich zusammen: Was für ein Zufall. Dass ich ebenfalls seit vielen Jahren als Traumtherapeutin arbeite, behielt ich erst einmal für mich. Ich forderte sie auf zu erzählen und sie plauderte munter darauf los: Sie sei Psychodramatherapeutin, die Szenen der Träume würden gespielt und was dabei an Gefühlen hochkomme, sei das Wichtigste dieser Arbeit. Manchmal schlüpften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch in Figuren aus der griechischen Mythologie und je nachdem, welche Rolle sie sich ausgesucht hätten, könnten Schlussfolgerungen auf ihre innere Welt gezogen werden. „Ich kenne Traumarbeit sehr gut“, hörte ich mich sagen, „wenn auch mit einem anderen Ansatz.“ Die junge Frau war verblüfft. Und dann erzählte ich ihr, dass meine Lehrmeisterin, die Traumforscherin Ortrud Grön und ich, viele Jahre lang Traumseminare auf Thassos, einer Insel im Norden Griechenlands, geleitet haben. Im Konzept von Ortrud Grön spielt die sogenannte „Gleichnissprache“ eine große Rolle und den Bildern der Natur wird eine wichtige Aussagekraft zugeschrieben. Ortrud Grön geht davon aus, dass „die Evolution der Natur, sich in der geistigen Evolution des Menschen wiederholt.“ Damit konnte meine Sitznachbarin nichts anfangen. Also erzählte ich von unserem Film über Ortrud Grön: „Dem Traum des Lebens auf der Spur - Träume als Gleichnis von Naturgesetzen verstehen“ und bot an, ihn ihr zu schicken, sobald ich wieder zu Hause sei.

Dann wechselten wir das Thema: Welche Europäischen Sehenswürdigkeiten sollte man unbedingt gesehen haben. Ich erwähnte eine einwöchige Reise mit meinem Mann nach Andalusien. Als Kameramann hatte er Mitte der sechziger Jahre unter anderem in der Mesquita in Cordoba und auf der Alhambra in Granada, diesen einmaligen maurischen Monumenten, eine Dokumentation gedreht. Für ihn war es ein Wiedersehen und für mich eine spannende Neuentdeckung. Bei dem Wort „Alhambra“ reagierte meine Sitznachbarin sichtlich erschrocken. Mit ihrem spanischen Mann und seinen Eltern hatte sie sieben Jahre lang ein kleines Lokal unterhalb der Alhambra betrieben. Leider war ihre Ehe auseinandergebrochen und sie ist mit ihrem Sohn nach Deutschland zurückgekehrt. „Ich war in jungen Jahren mit einem Griechen verheiratet“, sagte ich. „Jetzt bin ich auf dem Weg nach Karpathos, um in der Einsamkeit dieser griechischen Insel über meine Erlebnisse vor fast sechzig Jahren zu schreiben.“ „Dass wir nebeneinander sitzen in einem Flieger mit mehr als dreihundert Personen an Bord, kann doch kein Zufall sein!“ Wir verabschiedeten uns herzlich. Ich wünschte ihr ein erfolgreiches Seminar. Noch im Aussteigen rief sie mir zu: „Lassen Sie sich von der Muse küssen!“

Tagebuch Nr. 1 - Ankunft auf Karpathos.

Am Flughafen erwartet mich Renos, der Taxifahrer. Die Fahrt über die Insel ist im ersten Moment eine Enttäuschung. Schroffe, steile Felsen, die nur von kleinen Büschen bedeckt sind. Von Thassos bin ich das üppige Grün der Pinien- und Olivenbäume gewöhnt. „Wie in den Schweizer Alpen“, denke ich. Renos scheint meine Gedanken zu erfassen. „Ichame fotia etho …“ - Wir hat-ten hier mehrere Feuer, da ist viel Wald kaputtgegangen. Es dauert halt, bis das nachwächst.

Die Fahrt ist kurvenreich, die Straße nicht besonders befes-tigt. Renos fährt sehr vorsichtig, obwohl uns nur wenige Autos entgegenkommen. Immer wieder macht er mich auf die herrli-chen Buchten aufmerksam, die versteckt am Meer liegen. Nach ca. 45 Minuten kommen wir in Lefkos an, der Mitte der Insel.

Ich bin entzückt von meiner Unterkunft. Ein kleines, weißes Appartementhaus mit sechs Einheiten. Das Meer vor der Tür. Die Wirtsleute Maria und Nikos empfangen mich herzlich. Ich be-ziehe ein Zimmer im ersten Stock. Der Blick vom Balkon ist spek-takulär – türkis-blaues Meer, feinster Sandstrand, direkt vor dem Haus. Schräg gegenüber: Einstöckige, kleine, weiße, vier-eckige Häuschen mit blauen Fensterläden. Ein geschützter Ha-fen mit einigen kleinen Fischerbooten. Davor mehrere Tavernen mit blauen Holzgittern auf den Terrassen. Die Nachbarinsel Kasos taucht wie eine Fata Morgana aus dem Meer auf. Das Bild wird sich je nach Wind täglich verändern. Mein Zimmer – mit einem Doppel- und einem Einzelbett - ist sehr einfach. Zwei Kochplatten, das Nötigste an Geschirr für kleine Mahlzeiten.

In der ersten Nacht schlafe ich schlecht. Die Matratze ist ge-wöhnungsbedürftig. Ich spüre jede Stepp-Naht. Darunter lose harte Bretter. Mitten in der Nacht kracht eins davon mit einem Höllenlärm herunter. Gott sei Dank ist bisher nur ein Apparte-ment belegt.

Der nächste Morgen. Um sieben Uhr stehe ich auf. Die Sonne zeigt sich schon. Es ist mucksmäuschenstill. Noch scheint die kleine Ansammlung von Häusern mit ihren Bewohnern im Tief-schlaf. Ich schnappe meinen Rucksack, ziehe feste Schuhe an. Wo bin ich gelandet? Um die Ecke des kleinen Mini-Marktes zwei weitere herrliche Buchten mit feinstem Sandstrand. Ziegen knabbern an dem wenigen Grün. Der Wind streicht sanft über meine Haut. Weit und breit keine Menschenseele. Ich ziehe mei-ne Kleidung aus, tauche ein in das kristallklare Wasser. Ich bin angekommen.

Hier werde ich sieben Wochen bleiben und schreiben.

1953 - Der Schwur am Brunnen

Aufbruchstimmung in Deutschland. Die ersten Motorroller und VW-Käfer eroberten die Straßen. Ich war dreizehn Jahre alt, Schülerin eines Real-Gymnasiums für Mädchen in Frankfurt am Main. Mein verehrter Lehrer Müller aus der Volksschule hatte mich ermutigt, die Aufnahmeprüfung für die „höhere Schule“ zu machen. „Ich weiß, dass du das schaffst!“ Und ich habe es geschafft.

Von Anfang an fühlte ich mich in der neuen Schule unwohl. Die Mädchen kamen aus so genannten „besseren Kreisen“. Ihre Väter waren Juristen, Journalisten oder Kaufleute. Manche Mütter hatten eine akademische Ausbildung. Meine Mutter war Hausfrau und mein Vater ein verheirateter Mann. Damals habe ich mich geschämt, wenn ich mich für die unterschiedlichen Namen rechtfertigen musste. „Wieso das denn?“, fragten die Klassenkameradinnen. Ich war anders als sie, fühlte mich ausgegrenzt, argwöhnisch beäugt.

Im Sommer 1953 wurde unsere Klasse für ein Radio-Hörspiel ausgewählt. Wir waren sofort elektrisiert: Man würde unsere Stimmen im Radio hören! Unsere Namen! Zuhause beschwor ich meine Mutter, bis zur Sendung ein modernes Radio zu besorgen. Wir hatten noch einen „Volksempfänger“ aus der Nazi-Zeit.

Wenige Tage nach der Ankündigung, ging eine Lehrerin durch die Reihen und verteilte Texte für die bevorstehenden Probeaufnahmen. Als ich nach einem Blatt greifen wollte, raunte sie: „Das kannst du nicht.“ Es war, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Dieser Satz brannte sich in mein Herz. Wie in Trance sah ich die Lehrerin an mir vorbeigehen. In diesem Moment war ich wie gelähmt, unfähig, mich zu wehren. Hinter meinem Rücken wurde getuschelt. „Die kann das nicht.“ In mir wuchs die Empörung. „Ihr werdet es schon sehen! Euch werde ich es zeigen! Ich bin besser als ihr alle zusammen!“

Noch ein Mädchen aus meiner Klasse durfte nicht mitmachen. Waltraud, eine pummelige, schwarzhaarige Schülerin, mit der ich manchmal den Schulweg teilte. Als der Unterricht zu Ende war, nahm ich Waltraud zur Seite. Ich wollte mir ein Versprechen geben und dazu brauchte ich eine Zeugin. In der Nähe der Schule gab es einen Brunnen, an dem ich manchmal das Wasser beobachtete, das aus der oberen Etage heraussprudelte. Dort wollte ich einen Schwur ablegen. Ich war tief verletzt, aber auch voller Empörung. Ich vermutete, dass meine unklaren familiären Verhältnisse hinter der Ablehnung standen. Man wollte mich nicht. Ich passte nicht in dieses Elite-Gymnasium. Diese Diskriminierung forderte meinen Widerstand heraus. „Die werden schon sehen“, sagte ich zu Waltraud. „Was meinst du denn?“ Ich zerrte Waltraud an der Jacke, damit sie mitkam.

Am Brunnen angekommen, zog ich ein Zehn-Pfennig-Stück aus meinem kleinen Geldbeutel und warf es ins Wasser. Ich legte Mittel- und Zeigefinger meiner rechten Hand übereinander und sagte zornig und mit zitternder Stimme: „Hiermit schwöre ich: „Ich werde es allen zeigen und ich werde euch beweisen, dass ich eines Tages im Radio sprechen werde!“ Ich bekräftigte es noch einmal: „Ich schwöre es!“ Waltraud war fassungslos. „Wie willst du das denn machen?“, fragte sie. „Warts ab, du wirst es sehen.“ Ich war überzeugt: „So wird es kommen.“

1969 – 16 Jahre später

Ein Freitagnachmittag. Kurz vor Feierabend. Lutz Horstmann, ein junger Realisator des Regionalprogramms von Radio Bremen Fernsehen, kam aufgeregt in mein Büro. „Kennst du jemand, der mir morgen auf Französisch ein Interview machen kann?“ „Mit wem?“ „Mit Jean Claude Pascal, dem Sänger.“ Ich zögerte keinen Moment: „Ja, ich. Ich kann dir das machen.“

Da war sie, die Chance, meinen Schwur als Dreizehnjährige am Brunnen in Frankfurt zu verwirklichen. Wahrscheinlich hatte dieses Versprechen jahrelang in meinem Unterbewusstsein geschlummert, hatte meine Fantasie angeregt und mich Wege gehen lassen, die auf diesen Moment hingearbeitet haben. Angst kroch in mir hoch. Jetzt nicht kneifen, dachte ich. Vielleicht eine einmalige Gelegenheit. Ich war fest entschlossen, diesen Moment am „Schopfe zu packen“.

Dazwischen lagen sechzehn Jahre mit Enttäuschungen und geplatzten Träumen: Das Aus am Gymnasium, eine belastende Erfahrung mit fünfzehn, die ich lange tief in mir verborgen hielt, die spektakuläre Hochzeit mit einem Griechen in Athen, die Rückkehr nach Deutschland. Nach mehreren Umwegen landete ich bei Radio Bremen als Sekretärin in der Produktionsabteilung. Schon ein halbes Jahr später bewarb ich mich auf eine freigewordene Stelle als Assistentin in der Abteilung Kultur und Gesellschaft. Von Anfang an wurde ich in die Arbeitsabläufe einer Redaktion einbezogen. In dieser Zeit verantwortete unsere Abteilung zum Beispiel die Filme „Halbgötter in Weiß“ von Ramon Gill - „Warum ist Frau B. glücklich?“ von Erika Runge – „Rote Fahnen sieht man besser“ von Theo Gallehr und Rolf Schübel. Sehr bald schon durfte ich auch selbstständig Aufgaben übernehmen.

„Kannst du denn Französisch?“, fragte der junge Mann. „Ja, kann ich, ich wollte ja mal Dolmetscherin werden und habe einige Monate in Neuchâtel an einer Sprachschule Französisch gebüffelt.“ „Ach ja? In Ordnung, wenn du dir das zutraust.“ „Würde ich das sonst sagen?“, bemühte ich mich, unbefangen zu reagieren. Dann sagte er noch, dass die Dreharbeiten ins Wasser fielen, falls es regnen würde. Er habe keinen Beleuchter, deshalb käme nur ein Dreh im Freien infrage. Ich schluckte. „Ok, wann soll es denn losgehen?“ Meine Stimme klang normal. Aber unter meinen Achselhöhlen, brach mir der Schweiß aus. „Um neun im Foyer“, verabschiedete er sich.

Hatte ich mir zu viel vorgenommen? Würde ich diese Aufgabe meistern? Was sollte ich fragen? Ich wusste von Jean Claude Pascal nur, dass er Sänger war. Und wie er aussah. In einer Zeitung hatte ich ein Foto von ihm gesehen. Er lehnte lässig mit einer auffallend langen Zigarettenspitze in der Hand an einem Baum. Ich hatte noch nie ein Interview gemacht und schon gar nicht in einer mir nicht vertrauten Sprache. Mindestens zwei Jahre hatte ich kein Französisch mehr gesprochen. Ich rief im Archiv an. „Könnt ihr mir einige Unterlagen zu Jean Claude Pascal rüberschicken. Ich soll den morgen interviewen.“ Da es kurz vor Feierabend war, waren die Kollegen nicht begeistert. „Du hättest dich auch eher melden können!“ Die Unterlagen kamen mit dem letzten Bus, der mehrmals am Tag zwischen Hörfunk und Fernsehen hin und her pendelte. Die beiden Häuser lagen einige Kilometer voneinander entfernt. Mit einem Kloß im Hals fuhr ich mit den Informationen über den Sänger mit der Schmuse-Stimme nach Hause.

Jean Claude Pascal war der Sohn eines erfolgreichen Textil-Industriellen in Paris. Mit siebzehn Jahren hatte er gegen die deutsche Besatzung in Frankreich gekämpft, was ihm einen Orden einbrachte. Er hatte Jura und Wirtschaftswissenschaft an der Sorbonne in Paris studiert und später als Designer und Model bei Dior und Hermès angeheuert. Seine Kostümentwürfe brachten ihn mit der Schauspielerei in Kontakt. Romy Schneider und Brigitte Bardot waren unter anderen seine Kinofilm-Partnerinnen. 1961 gewann er mit „Nous les amoureux“ („Wir, die Verliebten“) den Eurovision Song Contest. Eine poetische Erzählung von zwei Menschen, deren Liebe die Gesellschaft nicht zulässt. Der Text war so geschickt formuliert, dass die meisten Menschen von einem heterosexuellen Paar ausgingen. Dass damit zwei Männer gemeint sein konnten, galt in den sechziger Jahren als Tabu.

Nachdem ich alles gelesen hatte, fing ich an, Fragen zu formulieren. Bis nach Mitternacht grübelte ich daran. Dann besprach ich ein Tonband, hörte meine Fragen mehrmals ab und fiel um drei Uhr morgens todmüde ins Bett.

Der nächste Morgen. Trüb, aber ohne Regen. Das Chanson mit Jean Claude Pascal wurde in der Nähe des Bremer Hauptbahnhofs Playback aufgenommen. Dem Sänger wurde von einem Tonträger ein bereits produziertes Musikstück vorgespielt, dazu bewegte er synchron seine Lippen. Diese Prozedur wurde aus verschiedenen Kameraperspektiven einige Male wiederholt. Währenddessen ging ich im Stillen meine Fragen durch.

Jean Claude Pascal kam mir freundlich entgegen. Verlegen sagte ich, mein Französisch sei so lala, ich hätte aber Fragen vorbereitet. Er antwortete charmant, ich soll einfach loslegen. Die ersten Minuten liefen ohne Panne ab. Dann wagte ich es, ihn auf den Inhalt des Eurovisions-Songs anzusprechen und damit auch auf das Thema „Homosexualität“. Er stutzte kurz und stellte dann eine Gegenfrage. Oh je, was jetzt? In Sekundenschnelle entschied ich mich, mein Konzept über den Haufen zu werfen und einfach mit ihm zu plaudern. Dadurch entwickelte sich ein lockerer Schlagabtausch zwischen uns. Heute weiß ich nicht mehr, wie das Interview überhaupt weiter ging. Jedenfalls überreichte er mir zum Abschied ein Porträtfoto mit einer Widmung: „Für Heide alles Gute.“ Für den Sänger war es ein gewohnt routinierter Auftritt. Für mich ein aufregendes Ereignis. Ich grübelte den Rest des Tages bis in die Nacht, was ich hätte besser machen können. Der junge Realisator versicherte mir, alles sei in Ordnung, doch es beruhigte mich nicht.

Wenige Tage später wurde der Song mit Teilen meines Interviews gesendet. Ich fühlte mich nach der Sendung vor dem Fernseher wie ein Häufchen Elend. Warum hatte ich nicht diese Frage gestellt? Warum bin ich nicht ganz anders auf seine Antworten eingegangen? Zu spät. Ich hatte mein erstes Interview in den Sand gesetzt, davon war ich überzeugt.

Am nächsten Tag schlich ich mich durch die Hintertür in den Sender. Ich hatte Angst, Kolleginnen oder Kollegen zu begegnen. Ich war absolut sicher, sie würden meine Unsicherheit kritisch hinterfragen. Niemand kam. Niemand rief an. Mein Unbehagen wuchs von Minute zu Minute.

Am späten Vormittag betrat ein gutaussehender Mann, Mitte dreißig, mein Büro. „Das waren doch Sie gestern Abend“, sagte er und zeigte mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf mich. Es war Robert Gerhard, der Assistent des damaligen Intendanten Hans Abich. Jetzt bin ich gefeuert, schoss es mir durch den Kopf. Ich sah mich schon im Geist meine Sachen packen. „Ich soll Ihnen Grüße von Herrn Abich bestellen. Ihre lebendige, unkonventionelle Art des Interviews hat ihm gut gefallen. Er ermuntert Sie, auf diesem Weg weiterzumachen.“

So begann mein Weg bei Radio Bremen. Er sollte fast vierzig Jahre dauern.

Woher komme ich?

Meine Mutter und ihre Familie

Auf meinem Schreibtisch steht ein Foto von meiner Mutter und mir, aufgenommen Weihnachten 1940. Ich war sechs Monate alt. Sie hat mich auf dem Arm und strahlt glücklich in die Kamera. Ich sehe mich als interessiert schauendes Pummelchen mit abstehenden Ohren und dem Ansatz von Schlitzaugen. Und ich entdecke eine Ähnlichkeit mit meinem Vater.

Meine Mutter war sechsunddreißig, als ich zur Welt kam. Sie hatte fünf Geschwister, von denen zwei in jungen Jahren gestorben sind. Lorchen mit vierzehn Jahren an Diphtherie. Fritz wurde von einem betrunkenen Lastkraftfahrer überfahren und starb noch am Unfallort. Er war neunzehn Jahre alt. In der Nacht, in der meine Großmutter von seinem Tod erfuhr, hatte sich eine ihrer Haarsträhnen weiß gefärbt, so hieß es in meiner Familie.

Mein Großvater war Beamter bei der Deutschen Reichsbahn. Als ich geboren wurde, war er schon tot. Auf dem Foto ein schöner Mann mit einem Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart. Meine Mutter berichtete voller Stolz, dass sie als einzige seinen Bart kämmen durfte. Sie war seine Lieblingstochter. Die Ehe meiner Großeltern beschrieb meine Mutter als sehr glücklich. Über ihre eigene Kindheit war sie voll des Lobes: „Wir hatten zwar nicht viel, trotzdem wurde bei uns viel gelacht.“ Die Familie lebte in Oberrad, einem Vorort von Frankfurt. Das Klohäuschen war auf dem Hof, was vor allem im Winter eine Herausforderung darstellte. Meine Omi liebte es, ins Kino zu gehen. Das kostete damals 10 Pfennig. Sie sei so tief in das Geschehen auf der Leinwand eingetaucht, dass sie entweder tränenüberströmt nach Hause kam oder aber, je nach Thema, so herzhaft lachte, dass sie einfach jeden ansteckte. Sie war eine herzensgute Frau, die keinen Bettler abweisen konnte. Für mich war sie in meinen ersten fünf Lebensjahren eine sehr wichtige Bezugsperson.

Es gab noch einen Onkel und zwei Tanten: Rika hatte zwei Kinder: Charlotte und Kurt. Ihr Mann fiel kurz vor Kriegsende in Russland. Elli, meine andere Tante, war unglücklich mit einem Antiquitätenhändler verheiratet. Als sie schwanger wurde und eine Tochter gebar, verlangte ihr Mann, sie wegzugeben. Meine Großeltern beschlossen, ihre Enkeltochter Eleonore bei sich aufzunehmen. Sie wurde meine Patin und Eleonore mein zweiter Vorname. Wenn Lorle, so wurde sie in der Familie genannt, ihre Mutter besuchte und ihr Vater ungeplant nach Hause kam, musste sie sich in einem Schrank verstecken, um nicht von ihm entdeckt zu werden.

Ihre Lebensgeschichte berührt mich bis heute. Sie hatte eine unerfüllte, rein platonische Liebe. Man las sich gegenseitig Gedichte vor und teilte die Liebe zur Kunst und zur Musik. Als „Flecki“, so hieß der Angeschwärmte, durch einen Badeunfall ums Leben kam, stürzte Lorle das in tiefe Schuldgefühle. Sie war bis zu ihrem Tod überzeugt, er habe sich ihretwegen umgebracht. Später lebte sie mit einer Frau zusammen, was allerlei Gerüchte in der Familie provozierte. Irgendwann brach sie aus und heiratete einen älteren Mann mit drei pubertierenden Töchtern. Sie wollte Gutes tun und den Mädchen die verstorbene Mutter ersetzen, was gründlich schief ging. Nach drei Jahren ließ sie sich scheiden und zog wieder zu ihrer Freundin. In späteren Jahren war meine Mutter für Lorle eine wichtige Kameradin. Als sie nach deren Tod immer öfter krank wurde und unter Depressionen litt, kümmerte ich mich viele Jahre um sie. Sie starb hoch betagt in einem Seniorenheim in Frankfurt.

Mein Onkel Ludwig war Versicherungsvertreter. Seine Frau hätte seine Mutter sein können. Sie war wesentlich älter als er. Kinder hatten die beiden nicht. Nach Feierabend und an den Wochenenden malte er. Vorwiegend blühende Landschaften.

Meine Mutter arbeitete nach Abschluss der Volksschule als Maniküre in einem bekannten Frankfurter Friseursalon. Als junge Frau, zwischen fünfundzwanzig und dreißig, wurde sie von ihrer Firma in eine Dependance nach Oberbayern geschickt. Es muss eine sehr schöne Zeit für sie gewesen sein. Wenn sie davon erzählte, glänzten ihre Augen. „Fensterln“ sei an der Tagesordnung gewesen. Das hieß, dass die Burschen mithilfe einer Leiter in das geöffnete Fenster ihrer Angebeteten einstiegen, um dort mit ihr ein Schäferstündchen zu halten. Offiziell galt das damals als Tabu. Im Nachlass meiner Mutter fand ich Briefe und auch Fotos aus dieser Zeit. Sie zeigen große, gutaussehende, stattliche Männer.

Nach ihrer Rückkehr nach Frankfurt verliebte sie sich in den Abteilungsleiter eines Frankfurter Warenhauses. Einen Juden. Er war ihre große Liebe. Als er 1936 von einem auf den anderen Tag verschwand, ohne dass sie je wieder von ihm hörte, stürzte sie das in tiefe Verzweiflung. Sie magerte bis auf die Knochen ab, so erzählte es später meine Patentante. Wenn ich meine Mutter danach fragte, wehrte sie stets ab. Auch über meinen Vater sprach sie nur wenig. Er war einer ihrer Kunden. Auf einem Foto lehnt sie an der Autotür eines „Horch“, ein in der damaligen Zeit besonders kostbares Auto. Ihr kurzer Pagenkopf war von einem schicken Hut bedeckt. Im Hintergrund ist ein Landhotel zu sehen. Offenbar ein Wochenendausflug mit meinem Vater. Er war verheiratet. Seine Frau konnte keine Kinder bekommen. Die Liaison mit meiner Mutter dauerte vier oder fünf Jahre, genau weiß ich es nicht. Offenbar war von Anfang an klar, dass mein Vater sich nicht scheiden lassen würde. Geplant war ich nicht. Aber gewollt, so wurde es mir von der Familie meiner Mutter vermittelt. „Wir alle haben dich mit Freude erwartet.“

Meine Mutter und ich hatten eine symbiotische Beziehung, was nicht verwunderlich ist, da ich ja ohne Vater aufgewachsen bin. Auch in schwierigen Zeiten hielten wir zusammen. Ich liebte sie sehr. Die Frau meines Vaters erfuhr vom folgenreichen Seitensprung erst ein Jahr nach meiner Geburt Zu Besuch bei meinem Vater in seinem Büro, so erzählte sie es mir später, hatte sie in der Schublade Fotos von einem „süßen Baby“ gesehen. „Karl“, mahnte sie meinen Vater, „Du hättest mir auch sagen können, dass Johann (das war einer seiner Brüder) ein uneheliches Kind hat.“ Da musste mein Vater Farbe bekennen.

Psychologische Gedankensplitter

In meinem späteren Psychologiestudium lernte ich, dass ein Kind einen gesunden Egoismus entwickeln muss, um sich im Leben behaupten zu können. Nur dann kann es sich zu einer autonomen Persönlichkeit mit hinreichendem Gespür für seine Einzigartigkeit, seine Würde und seinen besonderen Fähigkeiten entwickeln. Es kann und muss auch lernen, die eigenen Grenzen selbst zu erkennen und gegebenenfalls zu akzeptieren, statt sich beliebige Grenzsetzungen von anderen vorschreiben zu lassen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist auch, dass es schon im Kleinkindalter mit seinen Gefühlen und Äußerungen beachtet und ernst genommen wird.

Ich gehörte anscheinend nicht zu diesen Glückskindern, denen das in den Schoß gelegt worden ist. Aufgewachsen ohne Vater - mit einer alleinerziehenden Mutter - geboren im Krieg – geriet ich schon sehr früh in die Falle, mich eher auf die Erwartungen und Bedürfnisse anderer einstellen zu müssen. Dieses Verhalten hatte ich derart verinnerlicht, dass ich davon überzeugt war, es handele sich um meine eigenen Wertvorstellungen und Ziele. Meine persönliche Wertschätzung speiste sich vor allem aus den Anerkennungen von anderen. Die waren anfangs dünn gesät. Konflikte wagte ich nicht auszuleben. Die Angst, die Liebe meiner Mutter zu verlieren, später auch die meines Vaters, war groß. Das riskiert kein Kind.

Dieses eingeübte Harmoniebedürfnis übertrug ich später auch auf meine anderen Beziehungen. Was dabei aber auf der Strecke blieb, war das Gespür für mich selbst, für den eigenen Wert und die eigenen Bedürfnisse. Als Psychologin könnte ich sagen: Die Fähigkeiten zur Selbstreflexion und zur Selbstachtung waren kaum vorhanden. Ein Kind in dieser Position definiert sich eher über das, was es für andere tut, nämlich deren Bedürfnisse zu erfüllen. Dabei gerät es unter Umständen auch in Gefahr, Macht über andere auszuüben, in dem es sich unverzichtbar macht. Ich tat viel für meine Mutter, möglicherweise zu viel, um Lücken ihrer eigenen Wünsche zu füllen, die ihr als Kind und vielleicht auch später, versagt geblieben sind. Zwei ihrer fünf Geschwister sind früh gestorben. Sie war drei Jahre alt, als noch eine Schwester geboren wurde, zehn als der erste Weltkrieg ausbrach. Sie hat nie geheiratet.

Tagebuch Nr. 2 - Eine glückliche Familie

Am Strand komme ich ins Gespräch mit einer Französin. In den ersten Tagen meines Hierseins, habe ich ihren sehr gut ausse-henden Mann mit den beiden Töchtern, im Alter von drei bis vier Jahren, beim Herumtollen im Wasser beobachtet. Mit In-brunst baut er Burgen mit ihnen, schaufelt eine Rinne, damit die hereinbrechenden Wellen abfließen können. Das Kunstwerk soll nicht zerstört werden. Alle drei sind intensiv beim Spiel.

Seine Frau sehe ich nur mit den Füßen im Wasser vorsichtig am Strand entlanglaufen. In einer, um ihren Körper geschlun-genen Brusttasche, trägt sie ein winziges Baby. Ich schaue inte-ressiert und frage nach dem Alter. „Elf Tage“, sagt sie. „Elf Tage, unglaublich! Das haben Sie gewagt - geht es Ihnen denn schon wieder gut?“ „Ja, sehr sogar. Als wir hier ankamen, war unser Sohn gerade acht Tage alt.“ Ich staune. Sie beruhigt mich. „Es ist ja nicht meine erste Geburt, da ist man nicht mehr so ängst-lich.“

In den folgenden Tagen sehe ich, wie sie ihrem Baby am Strand in einem Liegestuhl ganz ungeniert und entspannt die Brust gibt. Wir winken uns zu. Eine glückliche Familie, denke ich. Gleichzeitig werde ich ein wenig wehmütig: Wie oft hatte ich mir in der Kindheit eine „richtige“ Familie gewünscht.

Inzwischen habe ich eine „Ersatzfamilie“. Mit der Familie von Frankie fühle ich mich herzlich verbunden. Nach anfängli-cher Zurückhaltung haben mich alle liebevoll angenommen. Als sich Maria, die Enkelin, mit vierzehn taufen ließ und mich als Patin haben wollte, habe ich aus tiefstem Herzen zuge-stimmt.

Meine Kinderjahre

1943 waren meine Mutter, meine Omi und ich in den kleinen Ort Heckholzhausen im Westerwald evakuiert worden. Die Bombenangriffe in Frankfurt hatten immer mehr zugenommen.

Einige wenige Bilder vom Ende des Krieges am 8. Mai 1945 kann ich noch heute abrufen: Im Wind wehende weiße Fahnen auf den Dächern der Häuser. Kolonnen von offenen Autos mit vielen dunkelhäutigen Männern, waren an unserem Haus vorbei gedonnert, das direkt an der einzigen Durchgangsstraße des Dorfes lag. Einer der Jeeps hielt vor unserem Haus. Meine Omi riss mich an sich und hielt mich so fest, dass ich fast keine Luft bekam. Drei sehr große Männer stürmten in die Wohnstube. Ein Schwarzer war dabei. Er polterte in unser Schlafzimmer und warf sich mit Stiefeln auf eines unserer Betten. Meine Mutter kreischte. Die Omi weinte. An Schokolade erinnere ich mich, die die Soldaten an uns Kinder verteilten. Unser Wohnzimmer war eine Zeitlang von den Amerikanern besetzt.

Meinen fünften Geburtstag feierten wir noch mit meiner Omi. Bald darauf starb sie an Herzversagen. An ihre Beerdigung habe ich keinerlei Erinnerung. Einige Zeit ging ich noch in die Dorfschule. Wie wir mit unseren wenigen Habseligkeiten nach Frankfurt kamen, weiß ich nicht. Ich habe kein einziges Bild gespeichert.

Frankfurt lag noch in Trümmern, als meine Mutter mit mir 1947 aus dem Westerwald in unsere Heimatstadt zurückkehrte. Die Gegend, in die wir zogen, war mir gänzlich fremd. Große, wuchtige Häuser, breite Straßen. Ganz anders als auf dem Land. Dort hatte ich draußen in der Natur mit vielen Kindern aus dem Dorf gespielt, in Heuschobern getobt und auch eine erste Schulfreundin gefunden: Gerda Seelbach. Mein Vater, der damals mit Immobilien sein Geld verdiente, hatte uns eine Zweizimmerwohnung im Westend in der Nähe des Palmengartens besorgt. Einer bevorzugten Wohngegend.

Unsere Wohnung war klein: Ein Schlafzimmer mit einem großen Bett in der Mitte, ein kleiner Wohnraum mit einer Kommode und einer Ausziehcouch, auf der ich schlief, bevor unser erster Untermieter einzog. Die Küche war unser Lebensmittelpunkt. Sie war bestückt mit einem kleinen Geschirrschrank, der links an der Wand stand. Rechts, neben der Tür, die zum Balkon führte, dominierte ein großer Tisch den kleinen Raum. Gekocht und gebacken wurde auf einem Gasherd mit drei Platten und einem Backofen. Ich liebte es, wenn meine Mutter in der Küche hantierte und ich währenddessen Hausaufgaben machen durfte. Sie rumorte mit den Zutaten für die Mahlzeit, lief hin und her, manchmal brabbelte sie vor sich hin, wenn ihr ein Utensil fehlte. Ich mochte den Kochgeruch aus den Töpfen und Pfannen. In diesen Momenten fühlte ich mich umsorgt und geborgen. Wenn das Essen fertig war, packte ich meine Schulbücher zusammen, der Tisch wurde gedeckt und wir aßen.

Das ganz Besondere an der Wohnung war für mich das Badezimmer. Es war klein und schmal. Wenn man die Tür vom Flur aus öffnete, war es nur ein großer Schritt bis zur Toilette, die genau in der Mitte unter dem Fenster stand. Rechts an der Wand befand sich ein kleines Waschbecken, darüber ein viereckiger weiß umrahmter Spiegel. An der linken Wand füllte eine helle Badewanne die Länge des Raumes komplett aus. Diese Wanne war meine ganze Wonne. In die stieg ich so oft es eben ging. Ich konnte nicht genug bekommen von dem angenehm warmen Wasser, das ich immer wieder nachlaufen ließ. Dort fühlte ich mich wie von unsichtbarer Hand gehalten.

Ich erfand Geschichten mit Magiern und Feen, die ich mir selbst erzählte. Mein besonderer Freund war Kunibert, der Boss der Zauberer. Ich stellte ihn mir mit einem Stab in der Hand vor, mit dem er alles erreichen konnte, was er wollte. Manchmal bat ich ihn, mir ein Kätzchen zu zaubern, mit dem ich schmusen könnte. Als ich noch mit meiner Omi und meiner Mutter in dem kleinen Westerwalddorf gelebt habe, war ich eines Tages mit einer Katze nach Hause gekommen, die ich auf einem Bauernhof gefünden hatte. Ältere Dorfjungen hatten mir geholfen, die Katze in einen Sack zu stecken. Auf meinem Rücken schleppte ich das heftig zappelnde Tier nach Hause. Als ich den Sack öffnete, um meiner Mutter die Katze zu zeigen, sprang diese voller Panik aus ihrem Gefängnis und flüchtete. Ich habe sie nicht mehr wiedergesehen. Ein erster Verlust, der sich in mein Kinderherz einnistete.

Mit Kunibert besprach ich alles, was mich bewegte. Zum Beispiel, dass ich mich einsam fühle und niemanden zum Spielen hatte, wenn ich aus der Schule kam und meine Mutter nicht zu Hause war. Ich war absolut sicher, dass Kunibert alles hörte, was ich ihm anvertraute. Manchmal glaubte ich sogar, ihn antworten zu hören: „Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin ja bei dir.“ An Tagen, an denen mich die Traurigkeit übermannte, legte ich mich in das warme Badewasser. Wenn dann meine Mutter nach Hause kam und bemerkte, dass meine Haut schrumpelig war, schimpfte sie laut und ich beeilte mich, aus der Wanne zu hüpfen. Diese Badewanne war mein Refugium in der Zeit der Umgewöhnung vom Land in die Stadt.

Wenn das Fenster im Bad offenstand, hörte ich manchmal, da war ich dann schon zwölf, aus dem Nachbarhaus Gesang. Dann schlich ich mich ins Bad, saß mucksmäuschenstill auf dem Klodeckel und lauschte den ungewöhnlichen Klängen und Lauten. Sie kamen mir zwar komisch vor, weckten aber meine Neugierde. „Sie übt wieder“, sagte dann meine Mutter. Sie, das war, wie ich sehr viel später erfuhr, Anja Sylia, die große Wagner-Interpretin, die im Nachbarhaus wohnte und oft für ihre Auftritte probte.

Zwischen Elf und Dreizehn war ich oft krank. Erst wurde mir der Blinddarm entfernt. Dann der Nabelbruch operiert. Als der eiterte, musste ich ein zweites Mal ins Krankenhaus. Danach wurden mir die Mandeln rausgenommen. Mit zwölf stürzte ich auf dem Bauernhof meines Cousins im Taunus aus dem ersten Stock eines Heuschobers und fiel durch ein Loch in den Schweinestall. Dabei brach ich mir den rechten Oberarm. Bevor ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wurde mir ein Gestell angepasst, in dem der Arm am eingegipsten Oberkörper fixiert war. Drei Monate lang konnte ich nur auf dem Rücken liegend schlafen. Meine Mutter schnitt einige meiner Pullover auf, damit ich überhaupt etwas zum Überziehen für die Schule hatte. Ich lernte mit links zu schreiben, musste mich aber anstrengen, den Anschluss nicht zu verlieren.

Einmal im Jahr ging meine Mutter mit mir ins Café „Wipra“. Meistens am Karnevals-Sonntag. Ich war mit einem Piratentuch um den Kopf „verkleidet“. Meine Mutter hatte sich eine Blume ins Haar gesteckt. Wenn der Faschingszug vorbei war, in meiner Erinnerung dauerte das Stunden, versuchten wir im Café Wipra einen Platz zu erwischen. Wir spazierten von der Hauptwache aus in Richtung Dom, um dort ein Eis zu essen. Am Eingang begrüßten Papageien, die in großen Volieren saßen, lautstark die Gäste. Exotische Fische wurden in Aquarien zur Schau gestellt, selbst kleine Affen turnten in Käfigen rund um die Tische. Aus heutiger Sicht war das Tierquälerei, zumal ein frenetischer Lärm herrschte und die Räume mit Zigarettenqualm verpestet waren. Drinnen herrschte Gewimmel. Mütter und Familien mit ihren Kindern wollten einen Platz ergattern. Uns gelang es nur selten, dort auch zu verweilen. Aber diese exotischen Vögel, die uns einen Willkommensgruß entgegenkrächzten, sind mir im Gedächtnis geblieben.

Unsere Wohnung hatte zwei Balkone, ein kleiner vor dem Schlafzimmer und ein großer. Der große konnte sowohl von der Küche als auch von dem kleinen Zimmer betreten werden, das Jahrelang untervermietet war. Dort lagerten vorwiegend im Winter unsere Vorräte. Einen Kühlschrank hatten wir lange Zeit nicht. Wenn sich im Sommer der Eismann mit seiner lauten Klingel auf der Straße bemerkbar machte, kam die Hausgemeinschaft zusammen, um einen oder auch mehrere große Eisblöcke zu kaufen, damit die wichtigsten Lebensmittel wenigstens für einige Tage kühl gehalten werden konnten.

Im Sommer war der große, aber eher schmale Balkon, unser Lebensmittelpunkt. An meine Geburtstage im Juni habe ich die schönsten Erinnerungen. Dann wurde auf dem Balkon ein langer Tisch aufgebaut. Tanten, Großtanten und Cousinen aus dem Umland von Frankfurt reisten an, meine Mutter kredenzte zwei Erdbeertorten, auf der sie die Jahreszahl meines Geburtsdatums mit Sahne verziert hatte.

Der Höhepunkt für mich war, wenn eine Cousine meiner Mutter, die die meiste Zeit in Afrika lebte, mitgekommen war. Mit lebhaften, ausholenden Gesten erzählte sie spannende Geschichten. Einmal hatte ein Löwe vor einer Stalltür gestanden und überall herumgeschnüffelt. Alle im Haus hatten sich versteckt und keinen Mucks getan, bis er sich davon trollte. Ein anderes Mal war ihr Mann mit einem Auto unterwegs gewesen und eine Horde Elefanten hatte beinahe sein Auto umgeworfen. Da er sich ruhig verhalten hatte, war die Horde laut trompetend wieder abgezogen. Die Tante zeigte Fotos, auf denen dunkelhäutige Menschen zu sehen waren. Ihr Mann stand posierend mit einem Gewehr in der Hand vor einer Haustür. Meine Großtante war auf einem Acker zu sehen, mit einem riesigen Cowboyhut auf dem Kopf. Diese Bilder regten meine Fantasie an. Ich konnte nicht genug bekommen von ihren Erzählungen und malte mir aus, eines Tages dorthin zu reisen, um Giraffen, Löwen, Tiger und Elefanten aus der Nähe zu sehen. In welchem Teil Afrikas die Verwandten gelebt haben, weiß ich nicht. Was dort politisch geschah, darüber habe ich nie ein Wort gehört. Vielleicht aber wurde das auch in meiner Gegenwart nicht erzählt.

Als ich Jahre später bei einem Besuch in Frankfurt vor dem Haus stand, war ich erstaunt, dass der freischwebende Balkon nicht eingestürzt ist, bei den vielen Geburtstagsgästen.

Um die Ecke unserer Wohnung lag die Synagoge. An jüdischen Feiertagen stand ich mit meiner Mutter auf dem Balkon und beobachtete die Gläubigen. Ich fand vor allem die Männer mit ihren Käppis und langen Bärten interessant. Dann erklärte mir meine Mutter, dass bei den Juden ein religiöses Fest gefeiert wird. Mehr wusste sie auch nicht darüber zu sagen. Wir waren evangelisch, gingen aber nie zu einem Gottesdienst. Mein Vater war katholisch und auch er hat wohl selten eine Kirche von innen gesehen.

Bei gutem Wetter konnte man in der gegenüberliegenden Parterrewohnung zwei Frauen beim Sonnenbaden beobachten. Manchmal saß ein Mädchen in meinem Alter dabei. Ich sehnte mich danach, es kennenzulernen. „Die passen nicht zu uns“, sagte dann meine Mutter. Da ich keine Geschwister hatte, fühlte ich mich oft einsam, denn Freundinnen durfte ich nicht mitbringen. Jahre später war ich es, die niemand einladen wollte. Ich schämte mich, dass wir in so beengten Verhältnissen lebten.

Auf dem großen Balkon stand auch Hansi, mein Kanarienvogel, den ich heiß und innig liebte und dem ich das Sprechen beibringen wollte. Ich saß stundenlang vor seinem Käfig und flüsterte seinen Namen, bis ich heiser war: „Hansi, Hansi…“ Zurück kam nur ein aufgeregtes Zwitschern. Ich fand Hansi mit seinem gelben Federkleid wunderschön. Manchmal fragte ich ihn, ob er sich denn auch so einsam fühle in dem Käfig. Dann flog er aufgeregt hin und her, was ich als ein JA verstand. Ich versprach, ihm einen Spielgefährten zu besorgen. Doch dazu kam es nicht.

Eines Tages, beim Saubermachen auf dem Balkon, schlüpfte Hansi durch ein Türchen, das ich nicht richtig verschlossen hatte und flog davon, ehe ich auch nur reagieren konnte. Ich bat meine Mutter, Zettel zu schreiben, die ich an den Bäumen der Umgebung anbrachte. Obwohl ich von Haus zu Haus ging, um Hansi wiederzufinden, blieb er verschollen. Niemand hatte ihn gesehen. Auch Kunibert konnte Hansi nicht herbeizaubern. Ein zweiter tiefer Schmerz, der sich in meiner kleinen Seele verankerte. Ich war acht Jahre alt.

Mehr als dreißig Jahre später porträtierte ich in der Radio-Bremen- Reihe „Frauengeschichten“ die österreichische Schauspielerin und Sängerin Erika Pluhar. Inzwischen ist sie auch als Autorin erfolgreich. Bei der Vorbereitung des Films, stolperte ich über ihren Bestseller „Aus Tagebüchern“. Die Intensität, die Aufrichtigkeit, die schmerzvoll erlittenen Erfahrungen, die Erika darin beschreibt, haben mich tief angesprochen. In manchen Situationen, so unterschiedlich sie auch waren, fand ich mich wieder. Ich fühlte mich mit ihr seelenverwandt. Wie selbstverständlich entwickelte sich nach unserer ersten Begegnung eine bis heute andauernde aufrichtige Freundschaft.

In ihrem Buch erzählt Erika einen Traum, der mich an meinen Verlust von Hansi erinnerte. Er spiegelte genau meinen damaligen Schmerz, als mein geliebter Kanarienvogel davongeflogen war. Erika brachte dieses Gefühl stellvertretend für mich zum Ausdruck. Ich sah mich als Achtjährige auf dem Balkon stehen und voller Entsetzen meinen Hansi davonfliegen. Er hatte sich damals nur kurz auf einem Baum niedergelassen, ehe er über dem nächsten Häuserblock meinen Blicken entschwunden war. Voller Verzweiflung hörte ich mich wieder rufen: „Hansi, Hansi, komm zurück. Du bist doch mein Freund!“ Erikas Traum hatte meinen lang verdrängten Schmerz wieder ins Bewusstsein gebracht. Mein erstes Porträt über Erika Pluhar beginnt mit ihrer Traumaufzeichnung, die sie selbst liest:

„Nachts ein Gewitter. Ich stehe auf, die Fenster zu schließen. Da bemerke ich die Abwesenheit der beiden Vögel. Eine Käfigtür ist offen. Ich selbst habe höchstwahrscheinlich vergessen, sie zu schließen. Ich laufe zu Anna, weinend, nehme ein Valium. Lege mich wieder in mein Bett mit dem Wunsch zu sterben. Träume von Filmleuten, die in meinem Garten Sandhügel aufschütten, Holzgerüste aufstellen, mit dem Hinweis, sie müssten hier drehen. Es gelingt mir nicht, sie loszuwerden. Ich schreie und heule, aber die Menschen beachten mich nicht einmal und verwüsten weiterhin den Garten. Als mir das Herz wehtut vor Schmerz und Tränen, dringt Vogelgezwitscher in mein Bewusstsein. Ich stürze auf die Veranda. Einer der Vögel ist nicht weggeflogen durch das offene Fenster, sondern im Schutz des Hauses geblieben. Wir werden einen neuen Tristan für sie suchen müssen - irgendwie glaube ich, dass es Isolde ist, die geblieben ist. Für mich sind das Tragödien, kaum zu ertragen.“

Kurz nachdem ich ihre Aufzeichnungen „Aus Tagebüchern“ verschlungen hatte, war Erika Pluhar Gast in der Talksendung „3nach9“ im Fernsehen von Radio Bremen. Der damalige Moderator Wolfgang Menge trieb sie mit seinen Fragen derart in die Enge, dass sie während der Sendung in Tränen ausbrach. Diese Demütigung war später für sie das Signal: „Kein Moderator, kein Talkmaster, kein Journalist der Welt, wird mich je wieder so fassungslos und in Tränen erleben!“ Diese Entschlossenheit von Erika Pluhar: „So lasse ich nie mehr mit mir umgehen“, habe ich auch in meinem Herzen verankert.

Als ich sie in Wien anrief und mich mit „Radio Bremen Fernsehen“ meldete, war ich unsicher, wie sie reagieren würde. Ich befürchtete, sie könnte mich abwimmeln oder gar auflegen. Am Ende des Telefonats sagte sie: „Kommen Sie erstmal her, dann sehen wir weiter.“ Ich fuhr nach Wien mit einem Vorschlag im Gepäck: Ihre Tagebucheintragungen könnten die Grundlage für das Porträt über sie werden. Jeglicher Kommentar würde entfallen. „Eine interessante Idee“, kommentierte sie. Wir vereinbarten folgendes Konzept: Ich als Autorin des Films bestimme die Auswahl ihrer Tagebucheinträge. Erika liest die Passagen. Und so haben wir den Film auch umgesetzt.

„Frauengeschichten Erika Pluhar“ – ARD im Auftrag von Radio Bremen – 25.2.1982 (Kamera Reimar Fiedler /Schnitt Stephanie Rudolph)

Zusammen mit dem Kameramann Reimar Fiedler suchte ich die Motive, passend zu den jeweiligen Textpassagen. Bei manchen ihrer Aussagen war ich peinlich berührt. Zum Beispiel über ihre nicht sehr schmeichelhaften Äußerungen zu ihrem Ehemann André Heller. Konnte ich ihr zumuten, diesen Text zu lesen? „Ich bin mit allem einverstanden, du machst das schon“, sagte sie. Dieses Vertrauen hat mir gutgetan. Ich fühlte mich ihr sehr nah. Erika Pluhar las den Text im Off, das heißt, im Film hört man Erikas Worte, während André Heller und sie selbst bei Probeaufnahmen für ein abendliches Konzert in der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst im Hintergrund zu sehen sind.

„Mein Mann ist im Laufe unserer zweijährigen Ehe aus einem Liebenden zu einem Geschöpf des Ehrgeizes und der Genialität geworden. Alle Begabungen, die ich in ihm vermutet habe, blühen auf und streben mit Macht nach Macht. Er ist ein Gemisch aus Genie und Oberflächlichkeit. Er ist herzlos und feinfühlig, wahrhaft und maßlos verlogen…“

Abends trat Erika Pluhar gemeinsam mit André Heller auf. Sie sangen im Duett wienerische Lieder. Die beiden waren zum Zeitpunkt unserer Filmaufnahmen 1981 noch verheiratet, aber schon sieben Jahre getrennt. 1984 wurden sie geschieden. Ich wunderte mich, wie entspannt sie miteinander umgingen, nach allem Schmerzlichen, was sie in ihrer Ehe erlebt hatten. Sie sind befreundet geblieben.

Als Erikas Tochter Anna 1999 mit siebenunddreißig Jahren ganz plötzlich an einem Asthmaunfall mit Herzstillstand verstarb, war André Heller ein wirklicher Freund an ihrer Seite. „In dieser schrecklichen Zeit“, so sagte er es in einer Laudatio, die er für Erika Pluhar bei der Verleihung des Billy-Wilder-Preises hielt, habe Erika bei der Bewältigung dieses schmerzlichen Verlustes, ihre „Meisterprüfung“ abgelegt. Beim Drehen erzählte Erika, dass es André Heller war, der sie in ihren Anfängen zu ihren eigenen Texten ermutigte. Einer dieser Texte traf mich mitten ins Herz:

„Frau lauf weg, nimm dich selbst bei der Hand, Frau lauf weg, gebrauche deinen Verstand, schau dich um in deinem Land, sei dein eigener Musikant und niemals mehr dein eigener Denunziant.“

Ja, ja, jubelte ich innerlich: Erika sagt genau das, was ich empfinde: Lebe deine Wünsche, deine Träume, lass dich nicht fremd bestimmen, nicht einengen. Sei du selbst! Kaum gedacht, relativierte ich mein kurz aufgeblitztes Credo wieder. Darf man das denn? Ist das nicht egoistisch? Mit dem Gefühl „Ja aber“, habe ich mich lange auseinandergesetzt. Inzwischen weiß ich: Ja, ich darf, und zwar ohne schlechtes Gewissen.

Ähnlich elektrisiert haben mich auch Zeilen in meinem Porträt über die dänische Sängerin Gitte Haenning aus ihrem Song „Ich will alles…“

„…ich will leben, will mich geben, so wie ich bin und was mich kaputt macht, nehme ich nicht mehr hin…nie mehr bescheiden und stumm, nie mehr betrogen und dumm…“

2003 berührte mich ein Eingeständnis von Christine Westermann aus meinem „höchstpersönlich“-Porträt über sie. Im Interview sagte die Journalistin damals:

„ Die größten Verletzungen füge ich eigentlich mir selbst zu, in dem ich mich oft unterschätze, in dem ich oft denke, immer noch, immer weniger, aber immer noch, ich bin nicht gut genug und andere können das besser. Und vielleicht kommt mir ja mal einer drauf, dass ich nicht so gut bin, wie alle meinen.“

Dieser Satz führte mir noch einmal meine eigenen Ängste und Zweifel aus meiner Anfangszeit beim Fernsehen vor Augen. Er versöhnte mich mit meinem eigenen Misstrauen mir gegenüber. Es durfte also sein, mich zerrissen zu fühlen zwischen den Polen „Ich bin ok, ich kann was“ und dem Infragestellen „Bin ich wirklich so gut, wie ich gesehen werde?“ Christine Westermann hat in ihren klug geführten Interviews in der legendären Sendung „Zimmer frei“ viele Stars zu offenen und ungewöhnlichen Aussagen verleitet. In meinen Augen beweist das ihr Können. Die meisten Bücher von Christine Westermann sind Bestseller. Wie also war es möglich, dass die Journalistin, Autorin und Moderatorin, Zweifel an ihrem Können äußerte?

Texte und Aussagen, die mir vorkamen, als seien sie für mich geschrieben – in vielen konnte ich mich wiedererkennen. Es sollte noch lange dauern, bis ich zu meiner eigenen „Wahrheit“ gefunden hatte.

Psychologische Gedankensplitter

Schmerzliche Erinnerungen können eine merkwürdige Eigendynamik entwickeln. Man könnte meinen, dass sie stets präsent sind und uns lebenslang verfolgen. Vor allem dann, wenn es sich um traumatische Erlebnisse handelt. Ansonsten neigen wir jedoch häufig dazu, Schmerzliches auszublenden, zu verdrängen und reden uns ein, alles sei gut. Die Anlässe, bei denen uns die Bilder der Vergangenheit dann doch wieder einholen, können trivial sein: Mal ist es ein Geruch, eine Farbe, ein Geräusch, ein Liedtext und sie sind wieder präsent.

Ich fühlte mich mit Erika Pluhar seelenverwandt. Sie lebte und drückte aus, was ich lange Zeit nicht leben konnte. Sie traute sich, schonungslos Dinge zu sagen. Ich bewunderte sie dafür. Als Autorin und Film-Frau fühlte ich mich von ihr angenommen und wertgeschätzt. Durch ihr Vertrauen in meine Fähigkeiten verstärkte ich einen Teil meines instabilen Selbstwertgefühls. Das wiederum stachelte meinen Ehrgeiz an, mir Anerkennung und Zuwendung durch Leistung zu verschaffen. Ich wusste immer noch nicht, ob das die Lösung oder eine Sackgasse war. Lange Zeit noch blieb ich meinem Schema treu, durch Streben nach Anerkennung, mein Selbstwertempfinden zu verbessern. Ich war abhängig davon, was andere von mir sagten oder dachten. Die eigene Leistung zu würdigen, ohne Zustimmung von außen, war mir damals noch nicht möglich.

Tagebuch Nr. 3 – Messochóri