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Das Brechen der Steine kostet viele Arme und Beine, manchen fallen die Spitzhacken aus den Händen, und die Schwächsten werden ihre Opfer. Abgeblättert sind Jahre in verstopften Rinnsteinen gesprengter Straßen. Mützen liegen neben zerrissenen Hosen und aufgerissenen Schuhen an weggeschossenen Beinen. Leere Taschen der Verzweiflung sind festgefroren am Boden eines eisig fremden Winters. Daneben liegen abgebrochene Zigaretten, beschriebene Zettel und verknitterte Briefstücke unter dem Eis. Aus einer Brusttasche werden zwei Fotos gezogen, das eine mit dem Kopf einer alten Frau, das andere mit einer jungen Frau. Im untersten Taschenwinkel steckt noch ein Kreuz, wie es Mütter ihren Söhnen mit auf den Weg gaben. Nur wenig weiter reihen sich die Urnen, das werden sie auch in Zukunft tun. Dann der Jugend andere Träume, hört die Uhren ticken noch, doch andere sind schon still. Knoten reißen mit den Jahren und Mäntel fallen von den Nägeln, nicht anders geht's mit roten Roben, denn neue Zeiten gehn in neuen Schuhen mit neuen schwarzen Senkeln fest verschnürt. Von den Köpfen ziehen abgegriffene Mützen, die ihr Haar in dem, was war, verloren haben. Das Gedicht als Botschaft versucht, die Ketten der Kerkerung zu sprengen und aus dem Paradies der Freiheit zu berichten. Hoffnung ist das größte Angebot, es anzunehmen, ist die größte Chance, es auszuschlagen, bleibt die größte Tragik. Die Ansagerin sprach russisch durch den Lautsprecher. Darauf sagte Ilja Igorowitsch: "Mein Sohn, du musst gehn. Komm, lass dich umarmen; wer weiß, ob ich es noch einmal kann." Boris beugte sich zum Vater herab, der den linken Arm um den Hals des Sohnes legte, ihn fest an sich drückte und mehrere Male seine Stirn küsste. Dann ließ er ihn los , als gäbe er ihn endgültig frei. Ilja Igorowitsch zog ein angeknittertes Schwarzweißfoto aus seiner linken Jackentasche: "Nimm das Foto und hüte es! Es ist meine Mutter Katharina Zwetlana Baródin. Du sollst das Foto deiner Großmutter haben, deren Namen du trägst."
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Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Helmut Lauschke
Sprachhänge und Sprechlänge
Ansichten, Erinnerungen, Gedanken
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Kreuz als Wegekreuz des Schicksals
Abgegriffene Mützen ziehen von den Köpfen
Hoffnung ist das größte Angebot
Die Geschichte schreiben andere
Die Klippenprofile brechen von den Kanten weg
Obwohl menschlich der gerade Weg zu denken und zu gehen wäre
Wellen schlagen über Menschen hoch
Straßen und Städte gehören zum Unterwegssein
Es geht um die Wucht des Anstoßes
Zum Differential der Sprachlichkeit
Der Französisch-Unterricht und andere Erfahrungen am Augusta-Gymnasium für Mädchen
Wenn Winkel und Richtung der Kreise stimmen
Das Gedicht in Spruch und Anspruch
Wo das Wort nicht hingehört
Blut klebt an mehr als nur an den Diamanten
Da gibt es viele Geschichten
Mit Simon in einer kleinen Wohnung am Rande der Stadt und die Geschichte der Schülerin Ünett
Von der Knebelung der Zungen
Süß roch der Flieder in den Liederabend hinein
Von den Hängen zurück kommt das Echo
Ganz unten zwischen wertlosen Dingen
Das Auge braucht das Wasser
Bewegung ist Anlass, Gedanke und Zustand
Wie kann es sein, was ist
Ob mit der Zukunft noch zu rechnen ist
Wenn die Nächte länger werden
Die Frage ist, was mit wem sich noch verträgt
Hart gehen nächtliche Schläge gegen den Riegel
Der Denker als der Nichtgedachte
Aus der Vorlesung in der Psychiatrie
Das Geheimnis, das sich hinter dem Bild versteckt
Stunden malender Träumereien fliegen vorüber
In der Unterstadt gab es die Politik
Das Wort auf der Waage der Wahrheit
Erwartet wird, dass Entscheidendes geschieht
Stürme lassen Zeichenkämme erzittern
Sirenen beginnen über dem Dorf zu heulen
Gebrochene Bäume sperren den Weg
Wunsch nach Frieden dieser Zeit
Boris erschrak beim Ruf seines Namens
Impressum neobooks
Ansichten, Erinnerungen, Gedanken
Das Beste im Bild wie in der Dichtung kommt im Traum.
Wem der Griff an der Rolle entgleitet Gespräche mit Spitzhacken in den umliegenden Hängen beginnen unten. Oben haben die Hände Schwielen und die Füße Risse mit reißenden Schmerzen in den Waden und Köpfen.
Das Brechen der Steine kostet viele Arme und Beine, manchen fallen die Spitzhacken aus den Händen, und die Schwächsten werden ihre Opfer. Da ist wirklich ein Seil zwischen den Welten gespannt, das hoch den Abgrund überquert.
Wem der Griff an der Rolle der Seilbahn entgleitet, fällt zwischen den Welten ins Nichts und bricht in tausend Stücke. Keiner wird ihn am Namen wiedererkennen.
Hinter dem Salzstrauch liegen Muschel und Perle und daneben eine grünfleckige Mütze ohne Kopf. Wer kann es sein, dem die Schlinge umgehängt wurde und zwei andere, denen die Köpfe erhalten geblieben sind, dafür dem einen der Arm und dem andern die Beine abhanden kamen?
Da gehen die Rillen im Stein doch weiter zurück.
Aus Schalen blättern Worte, aus >geschälten< Hirnen fliehen die Gedanken, aus Mündern brechen Zähne, über die Lippen rinnt das Blut.
Abgeblättert liegen Jahre mit den Jahreszeiten in verstopften Rinnsteinen gesprengter Straßen. Mützen liegen neben zerrissenen Hosen und aufgerissenen Schuhen an weggeschossenen Beinen.
Leere Taschen der Verzweiflung sind festgefroren am Boden eines eisig fremden Winters. Daneben liegen abgebrochene Zigaretten und beschriebene Zettel, verknitterte Briefstücke unter dem Eisglas konserviert.
Aus einer Brusttasche werden zwei Fotos gezogen, das eine mit dem Kopf einer alten Frau, das andere mit einer jungen. Im unteren Winkel der Tasche steckt noch ein Kreuz, wie es Mütter ihren Söhnen mit auf den Weg gaben.
Das Kreuz als Wegekreuz des Schicksals, doch die Entscheidung ging den Kreuzträgern längst voraus. Vieles liegt noch unter brechenden Schollen verborgen.
Der Augenfalter sinkt herab, legt sich schräg aufs angewelkte Blatt. Beide Flügel sind ermattet, verschattet schwindet auch der Kopf.
Nicht weit von ihm stehen braune Krüge, nicht voll gefüllt mit frischem Wasser. Die Dämmerung bricht ein, blass werden Licht und Falter.
Nur wenig weiter reihen sich die Urnen, das werden sie auch in Zukunft tun. Aschenpfad und Scherbenplatz, dann der Jugend andere Träume, hört die Uhren ticken noch, doch andere sind schon still.
Knoten reißen mit den Jahren und Mäntel fallen von den Nägeln, nicht anders geht’s mit roten Roben und den Schleifen, denn neue Zeiten gehn in neuen schwarzen Schuhn mit neuen schwarzen Senkeln fest geschnürt.
Streifen ziehn Vergangenheit hinterher, abgegriffene Mützen ziehen von den Köpfen, die ihr Haar in dem, was war, verloren haben.
Die Offenbarung eines Geheimnisses möchte das Gedicht sein. Es schließt die große Zahl von Versuchen ein, sich mitzuteilen, den Andern im Anderssein zu finden und ihn aus dem Schlaf zu wecken.
Das Auf-ihn-Zugehen soll ihm helfen und ihn trösten, den das Leben so ins Elend gedrückt hat, dass er an Einsamkeit und Hunger leidet.
Dazwischen geraten die Worte des Gedichts, sie säubern, verbinden die Wunde und geben den Zuspruch, solange der Kranke und Verletzte die Hilfe braucht.
Und es steht außer Frage, dass es die vielen Menschen sind, die Zuspruch und Hilfe brauchen, weil sie in der blanken Not und an der Einsamkeit ersticken und keinen Ausweg sehen.
Das Gedicht als Botschaft versucht, die Ketten der Kerkerung zu sprengen und aus dem Paradies der Freiheit zu berichten und von dort Licht in die Dunkelheit zu bringen.
Hoffnung ist das größte Angebot, es anzunehmen, ist die größte Chance, es auszuschlagen, bleibt die größte Tragik.
Steilstufig stürzt das Wasser in die Tiefen, stumpf raunen die Stimmen, die nach oben riefen. Dazwischen, es ist kantig und scharf, gibt es Schläge von Stufe zu Stufe anders und manchmal mit Säge.
Menschen mögen Blumen, doch Blumen mögen keine Menschen, die Blumen brechen und sie vertrocknen lassen. Es ist die Verzweiflung, die von den Fesseln nach oben steigt und mit dem Finger hoch zum Himmel zeigt.
Dass Bäume nicht in den Himmel wachsen, das kommt den Zweifelsköpfen nicht in den Sinn. An den Fronten mit den Gräben brechen Achsen über Achsen, und das mit den Verlusten bringt dem Schürer den geplanten Gewinn.
Nun werden noch neue Gleise gelegt, die zur Einwelt mit dem Superhochhaus führen. Wer sich da ganz oben mit dem letzten Sagen hält, bleibt hinter dem Fenster und lässt sich nicht stören.
Denn die Geschichte schreiben andere, nicht die, die sie mit dem Leben bezahlen, oder die, die da vorn mit ihren Reden auf erhöhten Bühnen stehen.
Man kann es sehen, die Redenhalter beginnen zu wackeln, sie stolpern, stottern und vergehen.
Innere Erkenntnis und Ketten außen, es ist der Alltag im Leben der Völker. Kerkerung der Gedanken und Meinung, Schmerz der Ohnmacht, die Ketten zu sprengen.
Ansichten geben nicht die Aussicht frei mit Blick in die Weite von Landschaft und Leben. Gut und Böse stoßen heftig aufeinander und zerren sich entzwei, das tun sie seit Menschengedenken.
Darum spricht Sprache nicht nur in Worten, die man unterschiedlich versteht an unterschiedlichen Orten. Man spricht in Gebärden und mit Zeichen, denn das, was zu sagen ist, darf dialektisch nicht verweichen.
Aus der Asche verbrannter Völker soll das Neue entstehn, deren Ideen und Schöpfungen und Gedanken über die Zeiten hinaus reichen. Wie soll es mit den Gebärden, Bildern und Gestalten weitergehn, ob im hellen Tageslicht oder den nächtlichen Dämmerzeichen?
Vieles ist traumhaft verschleiert und wird verschleiert bleiben. Da brechen Klippenprofile alter Denkmäler von den Kanten weg.
Das Bekenntnis, welcher Art auch immer, kann dem hinterherlaufenden Vorwurf nicht entkommen. Viele Bekenntnisse richten sich gegen die Gefangennahme der unmenschlichen Art der Gefangenschaft.
Es ist der menschliche Geist, der sich mit den hohen, stacheldraht- und elektrisch bewehrten Mauern und Zäunen nicht abfindet und nicht abfinden kann, weil ihm diese Art der Kerkerung die Gedankenbewegung unterdrückt.
Zwar gibt es Wege der besseren Erkenntnis, die sich auch theoretisch folgerichtig aufzeigen lassen. Doch die praktische Erklärung bleibt kümmerlich oder aus, weil sich gerade in Bezug auf die Freiheit die theoretische Erkenntnis nicht in die Praxis dieser Zeit umsetzen lässt.
Die Aufrichtigkeit des Charakters hilft da nicht weiter, denn gerade die ist es, die mutwillig und verbrecherisch missverstanden und in das Gegenteil missbraucht wird, was die fürchterlichsten Quälereien für diesen Charakter zur Folge hat.
So geht gedanklich die Mutmaßung in die entgegengesetzte Richtung, obwohl menschlich der gerade Weg zu denken und zu gehen wäre.
Wir geben die Schwüre der Steine, des Sandes, wir gehen alleine und wenn’s sein muss außer Landes. Wir sammeln Muscheln, Gräten und Knochen, Geldmächte werden Völker in tiefste Armut unterjochen.
Graue Haare winden und wirbeln umher, die Lasten der Zeiten mit den Kriegen wiegen schwer, dass man sie schweigend verdammt und abschwört, doch ohne dass der mit der großen Schuld da hinhört.
Schwören, hören, zerstören, eng stehen die Ören beieinander. Über uns schweben die düsteren Warnzeichen der Vernichtung, viel zu schnell bahnen sich Flammen die Lichtung.
Windstöße brechen aus Wirbelstürmen heraus, schon brennen Städte und das alte Haus. Wo bleibt denn der Stoß zur Umkehr, dass das stürmende Vibrato sinke ins Meer?
Mitternacht und Träume, und was sonst noch ist wie Busch und Bäume. Urkraft steige auf, dass die Welle schäume!
Das Unterwegssein lenkt den ab, der eine Spur verfolgt, das Unterwegssein kann aber einlenken auf einen Pfad, den man lange gesucht, aber nicht gefunden hat.
Nehmen wir das Unterwegssein auf dem Weg in die Heimat, dann wird es oft schwer, die Richtung zu finden und zu halten, denn mit den Jahren hat sich das Unterste zuoberst gestülpt.
Der Pyhrnpass muss überwunden werden, wenn mit dem warmen Wind die südlichen Gerüche kommen. Andererseits wechselt das Klima auf dem Weg des Unterwegsseins.
Hoffnungsschwache stehen Hoffnungsstarken gegenüber, beide sehen das Ereignis, die Bewegung, das Unterwegssein, und beide achten auf die Atmung und schauen sich dabei sprachlos an.
Wie viele Jahre sind vergangen und werden noch vergehen, bis die Sprache gefunden wird, die auf beiden Seiten verstanden wird, mit der man Gedichte macht, die das Differential der Zeitlosigkeit bestehen?
Unterwegssein ist, wenn man die Heimat verloren hat und mit ihr die vertrauten Dinge der Kindheit und der Jugend. Straßen und Städte gehören zum Unterwegssein, ohne sich die Namen zu merken.
Es bedarf des Glücks, wenn unter dem Zirkumflex, das Gedicht sich aus den Worten heraus strecken soll. Denn der Alltag schlägt zu viele Hammerakzente dazwischen, dass es zu Zerreißungen statt zu den Dehnungen kommt.
Historisch rückschauend sind die Worte in der größeren Zahl schon schwer genug, als sie noch mit dem Gravis-Akzent weiter zu beschweren, was dann umso schwerer über die Lippen käme und kaum noch zu ertragen wäre.
Die “Genetik” der Orbiquität ist das Himmelsgeschenk, das asymptotisch die Orts- und Zeitgrenzen von Abfahrt und Ankunft aufhebt. Da schießt durch das Gedicht der Pfeil der zeitlosen Wahrheit und darüber hinaus des zeitlosen Anspruchs auf Wahrheit mit der stets neuen Mahnung, das Prinzip der Ehrenhaftigkeit und des Fleißes einzuhalten, zu erweitern und weiterzugeben.
Es kommt auf den Tisch, was auf den Tisch gehört. Hier finden Klärung und Reinigung der falschen Umhänge statt. Es geht ums Licht in der verdammten Dunkelheit. Es geht um die Wucht des Anstoßes zum “Panta rhei” und die erforderliche Aufmerksamkeit und Bereitschaft.
Es ist das Differential der Kunst, wenn aus den vielen Veränderungen und Wandlungen die gewünschte Verwandlung hervorgeht. Das wird umso wirkungsvoller, je weiter das Werk aus der Zeit seiner Entstehung auf der Zeitschiene Richtung Zeitlosigkeit fährt.
Es ist ein geistiger Trugschluss anzunehmen, dass das Werk in den Räumen der Ewigkeit verschwindet oder verlorengeht. Umgekehrt ist wahrscheinlich, dass je sprachlicher und aussprechender das Werk ist, die Sprachlichkeit auf der Zeitschiene Richtung Zeitlosigkeit zunimmt und schließlich eine monumentale Festigkeit erfährt.
Das Differential ist der Filter, der auch in der Kunst entscheidet, was durchfällt und was nicht. Das wiederum hängt ab von der Vision und Genialität der Ausführung. So oder so, die Sprache als Mittel des Ausdrucks ist notwendig und somit immer dabei. Wie anders wären Verständigung und Verständnis möglich, oder: Wie anders wären Missverständnisse aus- und wegzuräumen?
Das Differential der Sprachlichkeit entscheidet auf dem Prüfstand, was bleibt oder zerrinnt auf die Schiene In Richtung Zeitlosigkeit.
Adele Bardenbrecht entscheidet sich fürs Unterrichten von Französisch am Augusta-Gymnasium. Zu dieser Entscheidung haben wesentlich die Diskussionen mit den Eltern beigetragen, in denen Vater Bardenbrecht auf die Schwierigkeit verwies, Disziplinprobleme bei Jungen in der Oberstufe des Gymnasiums unter Kontrolle zu bringen. Mutter Brigitte zielte auf das zarte Nervenkostüm ihrer Tochter hin, die solche Probleme, wenn überhaupt, nur schwer hantieren würde. Da Montag ein Feiertag war, meldet sie sich am Dienstagmorgen gegen neun Uhr im Sekretariat bei Frau Grimmich, die ihr einen der beiden Wartestühle anbietet und sagt, dass Frau Oberstudiendirektorin Weißwasser in einer Besprechung sei, deren Dauer sie nicht abschätzen könne. So fasst sich Adele in Geduld und sieht aus der Fünf-Meter-Entfernung zu, wie Frau Grimmich auf ihrem Schreibtisch mit Eintragungen in die Kladde und dem Verschieben, Stapeln und Umstapeln von Heften und losen Papieren zugange ist. Das Telefon klingelt einige Male, in denen die Sekretärin mit freundlicher Bestimmtheit die Anrufer davon in Kenntnis setzt, dass Oberstudiendirektorin Weißwasser für die nächsten Stunden nicht zu sprechen ist. Ein Anrufer stellt mehrere Fragen, dass Frau Grimmich mit den Zeichen anfliegender Ungeduld zu kämpfen beginnt, was sie jedoch souverän meistert.
Es klingelt und mit Ende des Pausenzeichens setzt der Lärm durcheinander dringender Stimmen ein. Schülerinnen der Oberstufe wechseln sich ab, die das Sekretariat betreten und technische Fragen zum bevorstehenden Sportfest haben, die Frau Grimmich zur Zufriedenheit beantwortet. Es gibt Schülerinnen, die eintreten, ohne vorher angeklopft zu haben, dass Frau Grimmich diese Mädchen auf die Vorzüge der guten Erziehung hinweist. Adele beobachtet mit gewisser Neugier die späten Erziehungsversuche und wundert sich über die Gelassenheit, mit der die Schülerinnen die Zurechtweisung entgegennehmen, ohne einen roten Kopf zu bekommen oder ein Wort der Entschuldigung zu sagen. Sie zeigen keine Zeichen der Unsicherheit, wenn sie ihre Fragen an Frau Grimmich stellen, die sich dann bemüht, bei der Beantwortung der manchmal unnötigen Fragen die Ruhe ob der Dreistigkeit zu bewahren.
Die Fragen kreisen um die beiden Pole: erstens, ob gleich am Morgen die Sportkleidung zu tragen oder die Kleidung erst vor der Veranstaltung zu wechseln ist; und zweitens, ob Freunde als Zuschauer bei dem Sportfest zugelassen sind. “Was verstehen Sie unter Freunde?”, fragt Frau Grimmich die attraktive, voll proportionierte Schülerin der elften Klasse, die in der Antwort nicht herumdruckst und von den Jungen des anderen Gymnasiums spricht, die an der Veranstaltung ihr Interesse bekunden. Frau Grimmich, für die solche Fragen in den täglichen Routinebereich gehören, antwortet, dass sie diese Frage der Sportlehrerin stellen solle. Der Schülerin fällt darauf nichts ein. Sie verlässt das Sekretariat mit dem Gesicht der Unzufriedenheit. Frau Grimmich meint hinterher, als die Schülerin die Tür geschlossen hat und das Klingelzeichen zum Unterricht läutet, dass die gute Erziehung auch bei den Mädchen nachgelassen habe und bei vielen eine Mangelware geworden sei, die mit frühen Jahren die Jungens im Kopf haben, anstatt sich auf den Unterricht zu konzentrieren und seine Anforderungen zu erfüllen.
Adele kann dem nicht widersprechen und denkt an ihre Schulzeit, in der die Schule doch ernster genommen wurde. Auch treten Klaus Korn und Etienne Marcel, der eine als Kommilitone und der andere als junger Elektro-Ingenieur, in ihre Erinnerung, die durch mangelndes Steh- und Durchstehvermögen enttäuscht haben, der Kommilitone durch Unreife und der Elektro-Ingenieur durch Unverständnis mit dem fehlenden Fassungsvermögen, Vater eines mongoloiden Kindes geworden zu sein. Die abgebrochenen Beziehungen haben sie gelehrt, mit mehr Augenmaß dem anderen Geschlecht zu begegnen, weil Beziehungen meist zu früh die Intimzone berühren und dabei die Gefühle verletzen und die gesetzten Erwartungen zerreißen.
Nach einer halben Wartestunde, die den ersten Eindruck vom Betrieb am Mädchengymnasium gaben, tritt Frau Weißwasser, die Oberstudiendirektorin, mit dem straff zurückgekämmten Haar und einem Stapel von Heften unter dem linken Arm in Begleitung einer Primanerin ins Sekretariat. Sie bringt Bewegung ins Vorzimmer und begrüßt Adele mit Handschlag und dem Satz: “En Allemagne aussi, on laisse en repos ceux qui mettent le feu, et on persécute ceux qui sonnent le tocsin”, während die Primanerin die Sekretariatstür schließt. “Kommen Sie durch”, sagt Frau Weißwasser und öffnet die Tür zum Direktorzimmer, geht voraus und legt den Heftstapel auf den beladenen Schreibtisch. Sie gibt der Primanerin in Bezug auf die beschädigte geographische Weltkarte einige Anweisungen zur Reparatur, die darauf das Direktorzimmer verlässt und die Tür zum Sekretariat schließt.
“Nehmen Sie Platz, Frau Bardenbrecht”, sagt die Direktorin, die hinter dem Schreibtisch ihren Stuhl einnimmt. “Sie haben sich also für das Augusta-Gymnasium entschieden, und ich gratuliere Ihnen zu diesem Entschluss, Französisch an den beiden Klassen der Oberstufe zu unterrichten. Ich bin überzeugt, dass Ihnen das Unterrichten die Befriedigung im Lehrberuf bringen wird, wenn von den möglichen Störungen durch mangelnde Disziplin einmal abgesehen wird. Sollten Sie Probleme haben, die Disziplin herzustellen, dann zögern Sie nicht und lassen es mich wissen.” Adele wundert sich über die frühe Erwähnung von Disziplinproblemen und fragt Frau Weißwasser, ob es nicht schon früher diese Probleme an den Schulen gegeben habe. Die Direktorin sagt es mit einem dünnen Lächeln, dass es diese Probleme immer schon gegeben hat. Sie macht ein ernstes Gesicht, als sie bemerkt, dass die Disziplin von Jahr zu Jahr größere Probleme gibt, weil die Erziehung in den Elternhäusern immer mehr zu wünschen übrig lässt. Es sind die Schülerinnen der Unter- und der Mittelstufe, die durch mangelnde Konzentration, fehlende Mitarbeit und schnodderige Bemerkungen den Unterricht stören. Sie werden ermahnt, das mündlich und auch schriftlich, wenn es nötig ist. Doch gibt es Schülerinnen, bei denen eine Besserung nicht festzustellen ist, dass sie schließlich von der Schule verwiesen werden. “Neben der schulischen Grundausbildung für das Wissen kommen in zunehmendem Maße erzieherische Maßnahmen hinzu, was die Arbeit für die Lehrer erschwere.” So erklärt die Direktorin die gegenwärtige Lehrsituation am Augusta-Gymnasium für Mädchen. Sie bittet Adele Bardenbrecht, am Nachmittag um drei zur Schule zu kommen, damit sie dem Lehrerkollegium vorgestellt werden kann. Am Schluss fragt Frau Weißwasser, wie lange Adele in Frankreich gewesen sei. “Ein Jahr”, antwortet Adele, ohne auf die Einzelheiten ihrer Beziehung zu Etienne Marcel einzugehen.
Am Nachmittag ist Adele pünktlich im Sekretariat. “Nehmen Sie bitte Platz, ich bin gleich bei Ihnen”, ruft Frau Weißwasser durch die offene Tür aus dem Direktorzimmer. Die Dienststunden für Frau Grimmich waren beendet, denn der Schreibtisch im Sekretariat ist verwaist, die Tischplatte aufgeräumt und der Stuhl untergeschoben. Nach einigen Minuten kommt Frau Weißwasser aus ihrem Zimmer, geht auf Adele zu und gibt ihr die Hand. Sie bittet Adele, ihr zum Konferenzraum zu folgen. Es ist ein großer Raum im Parterre mit drei großen Fenstern zum Schulhof, in dem zwei hohe Birken stehen. An dem Tisch von sieben Meter Länge und einmeterfünfzig Breite hat das Lehrerkollegium die Plätze eingenommen. Lehrerinnen aller Altersgruppen und zwei Lehrer, von denen einer in den mittleren Jahren und der andere noch jung ist, verteilen sich an den Längsseiten des Tisches, acht auf der einen Seite und fünf auf der anderen Seite. Die Direktorin stellt Frau Bardenbrecht als neue Französisch-Lehrerin dem Kollegium vor und bittet sie, den Platz neben ihr auf einem der beiden Stühle in der Mitte der der Fensterfront zugewandten Längsseite des Tisches mit fünf sitzenden Kolleginnen einzunehmen.
Bei der Vorstellung nennt Frau Weißwasser die Namen der am Tisch sitzenden elf Kolleginnen und zwei Kollegen mit den jeweiligen Unterrichtsfächern. Die Vorstellungsrunde erfolgt im Uhrzeigersinn. Dabei hebt die Direktorin Frau Dr. Grosser hervor, die sich durch ihr blasses Gesicht mit den reloluten Zügen und dem weißen Haar auszeichnet und die älteste Kollegin an der Schule ist und seit siebzehn Jahren die Fächer Deutsch und Geschichte in der Mittel- und Oberstufe unterrichtet. Als vorletzten Kollegen erwähnt Frau Weißwasser den Studienassessor Klein, der am rechten Ende der Tischseite gegenüber sitzt. Der Assessor ist der Jüngste in der Tafelrunde, der den Dienst vor fünf Monaten angetreten hat und die Fächer Mathematik und Physik unterrichtet. Herr Klein steht bei Nennung seines Namens auf und schickt ein Lächeln der Direktorin, die es ihm in abgemilderter Form erwidert. Adele fällt auf, dass sein Name mit der körperlichen Kürze auf das Vollkommenste übereinstimmt.
Nach Beendigung der ersten Runde bittet Frau Weißwasser die eben vorgestellte neue Lehrkraft, einen kurzen Abriss aus ihrem Leben und Studium zu geben. Die Augen des Kollegiums richten sich mit dem Ausdruck des erhöhten Interesses und der Sympathie auf Adele, die sich auf einigen Gesichtern zum Lächeln der Zustimmung steigert, als sie erwähnt, dass ihr Vater der Missionspfarrer Peter Bardenbrecht ist, der durch seine Tätigkeit für die Waisenkinder und Gestrandeten einen geachteten Namen erarbeitet hat. Adele spricht von ihrer guten Kindheit in einer intakten Familie, wo Vater und Mutter zusammenstehen und die Probleme des täglichen Lebens mit den Brandungen mit vereinten Kräften angehen. Sie sagt, dass es der tiefe Glaube ihrer Eltern sei, der ihnen die Stärke gab, dass die Familie nicht an den Schlagwellen der großen Stürme zerbrach.
Adele erwähnt die Studienjahre an der Universität, in denen sie die Fächer klassische Philosophie, Latein und Französisch belegt und mit guten Prüfungsnoten abgeschlossen habe. Was sie nicht erwähnt, ist der Unfall in Österreich mit dem Schädelhirntrauma und der Kopfoperation in Innsbruck, den danach aufgetretenen epileptischen Anfällen und der zweiten Operation zur Entfernung eines Hirnhauttumors. Ungenannt bleiben auch die Beziehung mit dem Studenten Klaus Korn und der Schwangerschaft mit der Frühgeburt. Die Kurzehe mit dem jungen Elektro-Ingenieur Etienne Marcel behält sie für sich und so die Existenz des mongoloiden Simon, der aus dieser Kurzehe hervorgegangen ist.
Dem Kurzvortrag folgt eine Diskussion, in der sie unter anderem nach ihrem einjährigen Frankreichaufenthalt befragt wird. Es ist die Studienrätin Elgin, eine Mittvierzigerin mit blauen Augen, einer Brille auf dem schmalen Nasenrücken und den Grausträhnen im dunkelblonden Haar, die seit neun Jahren Englisch an der Oberstufe unterrichtet. Sie fragt, ob der Frankreichaufenthalt der Sprache galt oder noch andere Gründe hatte. Hier setzt Adele Bardenbrecht den Sprachpunkt obenan und sagt, dass ihre Sprachkenntnis und Ausdrucksfähigkeit durch das praktische Jahr in Frankreich die wesentliche Erweiterung und Vertiefung brachte. Bezüglich des zweiten Teiles der Frage, ob es noch andere Gründe für den Frankreichaufenthalt gab, sagt Adele, dass sie einige Freundschaften geschlossen habe, was der Wahrheit nicht entspricht und die in Brüche gegangene Kurzehe mit Etienne Marcel verbergen soll. Als würde er die Unebenheit in der Beantwortung des zweiten Teiles ahnen, fragt der kurzgewachsene Studienassessor Klein, ob die Erweiterung der Sprachkenntnis mit der Vertiefung der Ausdrucksfähigkeit nicht auch in der Bundesrepublick hätte erzielt werden können, wo es genügend Franzosen und französische Sprachinstitute gibt. “Das mag sein. Doch besser als die Sprache im Land ihrer Herkunft zu sprechen, kann es doch nicht sein”, erwidert Adele. Darauf stellt Studienassessor Klein keine weitere Frage.
Oberstudiendirektorin Weißwasser schließt das Vorstellungsgespräch, nachdem keine weiteren Fragen vom Kollegium der Tafelrunde kommen. Sie teilt der Kollegin Bardenbrecht mit, dass sie in der kommenden Woche, der ersten Maiwoche, mit ihrem Unterricht beginnen kann. Sie könne sich das Französisch-Buch bei ihr im Direktorat abholen, wo sie, Frau Weißwasser, ihr zeigen werde, wo der momentane Klassenstand ist, beziehungsweise mit welcher Lektion der Unterricht samt den grammatischen Übungen fortzusetzen ist. Es werden noch technische Dinge in der Änderung des Stundenplans für die Klassen der Oberstufe besprochen, die mit Eintritt von Frau Bardenbrecht in den Schuldienst notwendig geworden sind. Damit geht die Nachmittagsbesprechung zu Ende, und Direktorin Weißwasser dankt den Kolleginnen und Kollegen für ihr Erscheinen.
Adele Bardenbrecht folgt der Direktorin zum Direktorzimmer, wo Frau Weißwasser ihr das Französisch-Buch überreicht und auf die Lektion in etwa der Mitte des Textbuches verweist, wo der Unterricht abgebrochen ist und fortgesetzt werden soll. “Ziehen Sie sich das Buch zu Gemüte. Sie haben noch eine halbe Woche Zeit, sich mit dem Stoff vertraut zu machen”, sagt Frau Weißwasser. Adele fragt, ob der Unterricht bisher in der französischen Sprache gehalten wurde. Die Direktorin ist sich da nicht sicher. Sie schlägt aber vor, es in Zukunft zu tun. Adele ist derselben Meinung, was der Festigung der Fremdsprache außerordentlich dienlich ist. So verabschieden sich beide im guten Einvernehmen. Die Direktorin begleitet Frau Bardenbrecht im forschen Gang zur Tür zum Sekretariat und wünscht ihr für die neue Arbeit viel Erfolg.
