Stabile Seitenlage - Wilson Schmidt - E-Book

Stabile Seitenlage E-Book

Wilson Schmidt

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Beschreibung

In 18 Kurzgeschichten besucht Wilson eine Hochzeit, lernt seine neuen Nachbarn kennen, trifft Musikanten in der S-Bahn, sinniert über dunkle Jahreszeiten, wird ausgesperrt und begegnet Außerirdischen. Zum Schmunzeln, mit einem Augenzwinkern.

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Wilson Schmidt

Stabile Seitenlage

Kurzgeschichten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Outgesourct

Neue Nachbarn

Brustmigration

Der will nur spielen

Doctor Doctor, give me the news

Ein Vogel wollte Hochzeit machen

Im Fahrstuhl

Im Stau

What a waste

Last night a DJ saved my life

Öffentlicher Personennahverkehr

Quantensprung

Von Reisepässen und Nummern

Im Fahrstuhl II

Die Besucher

Es begibt sich aber zu einer Zeit

Oma

Ruhe in Frieden

Und zum Schluss

Impressum neobooks

Vorwort

Is this the real life?

Ja.

Outgesourct

Ein heißer Frühlingstag würde Berlin beschert werden, hatte der Wetteronkel im Radio gesagt – und so kam es auch.

Bereits um halb zehn Uhr morgens lag die Temperatur deutlich über 20 Grad. Da dies Mitte Mai und obendrein noch an einem Samstag und somit freien Tag geschah, hielt ich die Bezeichnung „Wetterphänomen“ für angemessen.

Frau Wilsons Haar in der Suppe war eine Fortbildungsveranstaltung, die sie in den Saal eines Bürokomplexes sperren und mich für einen ganzen Tag lang zum Strohwitwer machen würde – und ich war durchaus bereit, dies zu genießen. Die gemeinsame Tochter war ebenfalls ausgeflogen, um sich einen schönen Tag im Freundeskreis zu machen.

Ich drehte eine Runde mit dem Fahrrad, brachte mir zwei Schrippen vom Bäcker mit und freute mich auf meinen Tag und mein Vorhaben.

Mit der Aussicht auf ungestörte Ruhe am Strohwitwertag hatte ich gestern den alten abgewetzten braunen Koffer vom Dachboden geholt.

„Willst Du verreisen?“, hatte die Gattin verwundert gefragt.

„Keineswegs“, erwiderte ich, ließ die beiden Metall-Verschlüsse aufschnappen und offenbarte ihr mit einem strahlenden Lächeln den Inhalt des Koffers: Walt Disneys Lustige Taschenbücher, die ich als Kind gesammelt hatte.

„1 bis 104. Vollständig, nur die 97 fehlt“, erklärte ich in Erwartung, sie würde meine Begeisterung wenn schon nicht teilen, so doch wenigstens verstehen.

„Und?“ Frau Wilson schien nur mäßig interessiert.

„Die ersten Lustigen Taschenbücher, schau doch nur!“

Die Gemahlin schaute: in den Koffer, dann mich an und anschließend wieder in den Koffer.

Schließlich sagte sie: „Wenn Du den Krempel zur Müllabfuhr bringst, kannst Du auch gleich den alten Plattenspieler mitnehmen, der nicht mehr funktioniert.“

Ich begriff nicht.

Dann verstand ich – und war erschüttert.

Die Schrippen waren verspeist, der Kaffee getrunken. Ich entnahm dem Koffer einige Bände der Lustigen Taschenbücher, goss mir Cola ein, freute mich über das schöne Wetter, ging hinaus auf die Terrasse und machte es mir dort im Stuhl bequem. Dann vertiefte ich mich anderthalb Stunden lang in die Abenteuer von Micky und Donald, las von Kolumbusfaltern, von Dagobert Ducks erstem Kreuzer, von Pechvögeln und Panzerknackern.

Im Augenwinkel nahm ich wahr, wie sich in zwei Metern Entfernung die elektrischen Rollläden in Bewegung setzten und nach unten fuhren. Das ließ mich nur kurz aus „Donald in Hypnose“ aufschauen und nahm mir vor, mich der Sache später anzunehmen.

Vor wenigen Tagen hatte uns der Rollladen-Spezialist unseres Vertrauens nach monatelangem Bohren endlich weichgekocht und die alten zum Teil schon arg strapazierten Gurte kappen dürfen. Er installierte Motoren und Schaltuhren, die dafür sorgen sollten, dass wir fortan nur noch beobachten mussten, wie sich die Rollläden zu programmierten Zeiten hoben und senkten. Und das hatte bisher tatsächlich vorzüglich geklappt.

Ich legte das Buch beiseite. Dies konnte keineswegs eine von uns programmierte Zeit sein.

Bei Fehlfunktion genügte ein Anruf bei ihm, hatte der Rollladen-Mann gesagt und er würde die Sache im Handumdrehen in Ordnung bringen. Ich würde anrufen müssen. Mit dem Telefon, welches sich im Wohnzimmer befand. Hinter dem Rollladen. Hinter dem Rollladen, der als Hindernis die offene Terrassentür unüberwindbar machte. Dort, wo auch der Schalter angebracht worden war, mit dem die Rollläden zur Not manuell bedient werden konnten.

Ich schaute mich um. Erfreulicherweise ist die Terrassenseite unseres Hauses von anderen nicht einzusehen. Dies schützt vor neugierigen Blicken und vor peinlichen Situationen wie dieser, über die ich mir nunmehr einen Überblick zu verschaffen gedachte und einer ersten Bewertung unterzog:

Wilson – auf der Terrasse,

Haus – von der Terrassenseite trotz offener Terrassentür wegen des Rollladens nicht zu betreten,

Haus – durch Haus- und Kellertür mangels Schlüssel außerhalb des Hauses nicht zu betreten.

Fazit: Wilsons Haus für Wilson derzeit nicht zu betreten.

Verzwickt, aber es erschien mir lösbar.

Ein Zweitschlüssel ist für derartige Fälle bei Freunden hinterlegt.

Den zwanzigminütigen Fußmarsch würde ich selbst bei den sommerlich heißen Temperaturen bewältigen. Anlass zur Sorge bereitete mir indes mein Outfit und ließ mich meinen Plan ad acta legen: bis auf Boxer-Shorts war ich unbekleidet.

Den Anblick meines nackten Oberkörpers mute ich, abgesehen von der eigenen Familie, aus anatomischen Gründen lediglich Menschen zu, die das zweifelhafte Vergnügen haben, entweder medizinische Untersuchungen an mir durchführen zu müssen oder zeitgleich mit mir an einem in südlichen Gefilden gelegenen Strand im Urlaub zu weilen. Nur spärlich mit Boxer-Shorts bekleidet durch eine Drei-Millionen-Metropole zu laufen, entspricht weder meiner Natur noch meinem Verständnis eines gelungenen Auftritts.

Ich schlich um das Haus herum in der Hoffnung, ein offenes Fenster zu finden, durch das ich hätte hineinklettern können. Wie ich das als unsportlicher Kerl hätte bewerkstelligen können, hätte auf einem ganz anderen Blatt gestanden. Darüber musste ich mir allerdings keine Sorgen machen, denn alle Fenster schienen verrammelt. Sicher war ich mir nicht, denn irgendein Dussel hatte alle Rollläden heruntergelassen.

Dunkle Wolken zogen auf – nicht nur in meinem Kopf, sondern auch am Himmel. Davon hatte der Wetteronkel kein Wort gesagt.

„Berti!“, schoss es mir durch den Kopf.

Ich war nicht allein im Haus. Na ja, genau genommen war ich auch nicht im Haus. Genau das war ja mein Problem.

Berti war oben. Berti Wilson ist das Kaninchen der Familie. Bertis Käfig steht im Arbeitszimmer neben dem Schreibtisch. Von Berti zu erwarten, die Tür des Käfigs aufzubrechen, die Stufen hinunterzulaufen und die Taste für den Rollladen-Aufwärts-Fahrbetrieb zu betätigen, wäre vermessen gewesen. Von Berti war also keine Hilfe zu erwarten.

In der Ferne war Donnergrollen zu hören. Es hatte sich inzwischen merklich abgekühlt.

Erstes Ungeziefer in Form von Mücken fiel mich an.

Ich erinnerte mich, dass Frau Wilson erst in den späten Abendstunden nach Hause kommen würde. Es konnte gerade erst früher Nachmittag sein.

Das Telefon klingelte.

Jenes Telefon, welches sich hinter dem Eisernen Vorhang befand.

Mir kam die Idee, dass ich versuchen könnte, den Terrassentür-Rollladen per Hand hochzuschieben. Das bisschen Kunststoff sollte sich doch bewegen lassen. Ich verwarf die Idee jedoch sofort wieder. So ein Rollladen konnte einem derartige Eingriffe in seine Befindlichkeiten durchaus übel nehmen und verkanten, bis er sich gar nicht mehr bewegen ließ. Wer weiß, was das wieder kostete.

Das Telefon klingelte noch immer.

In Gedanken ging ich die drei wahrscheinlichsten Möglichkeiten, wer sich am anderen Ende der Leitung befinden konnte, durch:

eine schwerhörige alte Dame, die ihrer jüngeren Schwester in Posemuckel zum 104. Geburtstag gratulieren wollte, sich jedoch verwählt hatte.

„Margot, bist Du´s?“

„Nein, mein Name ist Wilson.“

„Warum gehen Sie denn an das Telefon meiner Schwester?“

„Sie scheinen sich verwählt zu haben.“

„Was ist denn mit meiner Schwester? Hat sie Probleme?“

„Nein, gute Frau, nicht Ihre Schwester, sondern ich habe Probleme. Sogar richtig große Probleme!“

Es konnte der Rollladen-Mann sein, der sich erkundigen wollte, ob wir mit den elektrischen Rollläden zufrieden sind.

Funktionieren ganz prima, Herr Rollladen-Mann. Nicht immer so wie sie sollten, aber ich brauche Sie ja nur anzurufen und Sie bringen das im Handumdrehen wieder in Ordnung. Leider komme ich nicht an das versch****** Telefon ran, weil es sich jenseits Ihres be******** Rollladens befindet.

Die dritte mögliche Anruferin schließlich war Frau Wilson, die während einer Fortbildungs-Pause bei Gebäck und Tee mal hören wollte, ob daheim alles in Ordnung wäre.

Ja, Liebling, alles bestens, ich habe mich zwar ausgesperrt, weder Telefon noch Hemd und Hose zur Hand, es donnert, mich fröstelt und die Mücken saugen mir das Blut aus dem Körper – aber hey, alles bestens!

Das Telefon klingelte nicht mehr.

Wo in Gottes Namen trieb sich eigentlich Frollein Wilson wieder herum?

Väter sollen angeblich eine besondere Beziehung zu ihren Töchtern haben. Mittels telepathischer Kräfte versuchte ich, meine Tochter mit meinen Gedanken zu bewegen, in Sorge um ihren Vater daheim vorbeizuschauen, um mit ihrem Erscheinen und vor allem mit ihrem Schlüssel meiner misslichen Lage ein Ende zu setzen.

Aber außer, dass ich Kopfschmerzen bekam, geschah nichts.

Dies machte mich traurig.

Da zieht man das Kind groß, gibt ihm Nahrung und festes Schuhwerk – und wenn es darauf ankommt, wird man als Vater schmählich im Stich gelassen.

Die Stunden verstrichen.

Auf den Nieselregen folgte schauerartiger Regen und auf den schauerartigen Regen folgte Hagel.

Frau Wilson fand mich um halb zehn Uhr abends zitternd und wimmernd vor der Terrassentür zusammengekauert unter der Fahrradplane.

Neue Nachbarn

„Wir bekommen neue Nachbarn.“

Neuigkeiten sind in den seltensten Fällen gute oder anders gesagt: gute Neuigkeiten sind rar.

Ob diese von der Gattin nur beiläufig erwähnte Nachricht eine gute oder eine schlechte war, würde sich ganz gewiss in den nächsten Wochen und Monaten zeigen.

Das Haus hatte, nachdem Schusters ausgezogen waren, ein Dreivierteljahr leer gestanden und war nun offensichtlich verkauft worden. Glaubt man den Tageszeitungen, ist Wohnraum in Berlin knapp. Nicht jedoch am Stadtrand, sondern in den angesagten Szenebezirken der Innenstadt, wo vielen vor lauter Hipness kaum Zeit bleibt, ihr Leben in geordnete Bahnen zu lenken, um später das zu führen, was man ein geregeltes Leben nennt und heute noch als spießig verdammt wird.

Schusters hatten Berlin den Rücken gekehrt und waren an den Ort zurückkehrt, aus dem sie einst gekommen waren.

Mit Schuster war ich in einvernehmlicher Reserviertheit ausgekommen: wir grüßten uns höflich und distanziert und vermieden engeren Kontakt, um ersteres nicht zu gefährden. Schuster war ein netter und zurückhaltender Kerl, der unter dem Pantoffel seiner Frau zu stehen schien. Gelegentlich hörten wir Frau Schuster mit ihrem unscheinbaren Mann schimpfen und toben. Schuster selbst hörten wir nie. Schuster wusste offensichtlich, dass manche Schlacht nicht zu gewinnen ist. Ohne Schuster in den sieben Jahren, in denen er mein Nachbar gewesen war, jemals näher kennengelernt zu haben, hielt ich ihn für einen weisen Mann.

Eines Tages hatte Schuster geklingelt, sich von Frau Wilson und mir verabschiedet, uns ein angenehmes Restleben gewünscht, hatte die Begriffe Heimweh und Frau in einen zweiten stimmigen Hauptsatz gepackt und war, nachdem er seine Verabschiedungsformel gefloskelt hatte, in seinem Auto, in dem seine Frau bereits ungeduldig zeternd wartete, von dannen gerauscht.

Nun, wo mir von Frau Wilson neue Nachbarn avisiert wurden, vermisste ich ihn zum ersten Mal. Schuster war berechenbar. Schuster und ich hatten uns arrangiert.

Schusters Abgang ließ mich die Angewohnheiten der restlichen Zaungäste noch schwerer als bislang ertragen. Dessen wurde ich mir nun bewusst.

Die fünfzehn Jahre alte Nachbarsgöre spielt Klavier. Zumindest versucht sie es. Es gelingt ihr nicht. Das weiß ich, weil sie stets bei geöffnetem Fenster spielt, so dass die Ohren der gesamten Nachbarschaft in Mitleidenschaft gezogen werden.

Lehmann, der verwitwet und daraus resultierend somit laut eigener Aussage erster Sorgen ledig einige Häuser weiter wohnt, lässt seinen Köter in unschöner Regelmäßigkeit vor unsere Einfahrt kacken und schert sich einen feuchten Kehricht darum, dass Hundebesitzer angehalten sind, die Hinterlassenschaften ihrer Lieblinge in diese kleinen Plastikbeutelchen zu verfrachten und ordnungsgemäß – darüber, was dies genau bedeutet, mag ich nicht weiter nachdenken – zu entsorgen.

Reimer, der zwei Häuser weiter wohnt und letztes Jahr in den vorzeitigen Ruhestand getreten ist, weiß unserer Bettruhe ein dröhnendes und jähes Ende zu bereiten, in dem er seine Harley-Davidson, mit der er sich sein Rentnerdasein jugendlich gestalten wollte und an der er täglich von früh bis spät herum zu schrauben scheint, sonntags in aller Herrgottsfrühe, wenn die berufstätige Restbevölkerung ihrem Erholungsschlaf frönt, röhren und knattern lässt.