Steirerquell - Claudia Rossbacher - E-Book
Beschreibung

Eine Handy-Nachricht lässt LKA-Ermittlerin Sandra Mohr das Blut in den Adern gefrieren. Ihre beste Freundin fleht panisch um Hilfe, ehe die Verbindung abreißt. Sandra begibt sich auf die Suche nach Andrea, die das Wochenende in einem Wellness-Hotel im Thermenland verbringen wollte. Aber wo genau? Und mit wem? Was ist Andrea zugestoßen? Ist sie untergetaucht? Oder wurde ihr die Vorliebe für verheiratete Männer zum Verhängnis? Als eine verkohlte Frauenleiche auftaucht, muss Sandra das Schlimmste befürchten …

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Sammlungen



Claudia Rossbacher

Steirerquell

Sandra Mohrs achter Fall

Impressum

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Steirerpakt (2017), Steirernacht (2016), Steirerland (2015),

Steirerkreuz (2014), Steirerkind (2013), Steirerherz (2012), Steirerblut (2011), Enter ermittelt in Wien (2016), Enter ermittelt (2013), SOKO Graz – Steiermark (2017), Wer mordet schon in der Steiermark? (2015), Griaß eich in der Steiermark (2013), Hillarys Blut (E-Book Only, 2016)

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2018 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2018

Lektorat: Claudia Senghaas

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Hannes Rossbacher

ISBN 978-3-8392-5688-6

Vorbemerkung

Für alle Leserinnen und Leser, die schon sehnsüchtig auf den achten Fall für Sandra Mohr und Sascha Bergmann gewartet haben. Spannende und unterhaltsame Stunden wünscht

Ihre Steirerkrimi-Autorin

Claudia Rossbacher

Reinischkogel, Oktober 2017 

*

www.claudia-rossbacher.com

facebook.com/Claudia.Rossbacher.Autorin

instagram.com/steirerkrimis

*

Ein Glossar der steirischen beziehungsweise österreichischen Ausdrücke und Abkürzungen befindet sich wie immer am Ende des Buches.

Prolog

Geliebt, gequält.

Stunde um Stunde.

Tag für Tag.

Gnadenlos.

Aufgegeben,

sich ihm hingegeben.

Gezeichnet fürs Leben,

der Anblick unerträglich.

Sein Eigentum

mit Haut und Haar,

mit Leib, aber ohne Seele.

Verloren, verbrannt.

 

Kapitel 1

Samstag, 2. August, Graz

1.

Sandra Mohr trennte die Verbindung mit ihrer Sprachmailbox und wandte sich wieder dem Stehtisch unterm Sonnenschirm zu. Der Schreck stand der Abteilungsinspektorin des LKA Steiermark ins Gesicht geschrieben. Die Nachricht ihrer Freundin hatte sie eben wie ein Fausthieb in die Magengrube getroffen und den Sektempfang im Park des Plabutscher Schlössls schlagartig vergessen lassen. »Hilf mir … bitte … komm … er ist …«, hallten die Worte in ihrem Kopf nach. Dem markerschütternden Schrei war ein dumpfer Knall gefolgt, der Andrea zum Schweigen brachte. Dann war die Verbindung abgerissen. Trotz der hochsommerlichen Hitze lief es Sandra eiskalt über den Rücken.

»Was ist denn mit dir los? Du bist ja auf einmal ganz blass. Ist jemand gestorben?«, witzelte Sascha Bergmann, der sich mit Sandra den Stehtisch im romantischen Schlosspark teilte. Mittlerweile waren auch all die anderen Tische von der Hochzeitsgesellschaft besetzt.

»Hoffentlich nicht«, murmelte Sandra geistesabwesend.

»Tja … Und wenn doch, dann wird sich halt wer anderer um die Leiche kümmern müssen«, spielte der Chefinspektor der Mordgruppe auf sein freies Wochenende an. Demonstrativ kippte er den restlichen Muskateller Sekt in einem Zug hinunter.

Abgesehen davon, dass Sandra ohnehin höchst selten über seine Witze lachen konnte, war ihr momentan überhaupt nicht zum Scherzen zumute. Seine Worte ignorierend, las sie die Uhrzeit von ihrem Handy ab. Es war eine gute Stunde vergangen, seitdem Andrea sie angerufen und um Hilfe angefleht hatte, rechnete sie zurück. Leider ohne ihr auf der Mailbox zu hinterlassen, wo sie sich befand, oder wer sie allem Anschein nach bedrohte. Sandra hatte den lautlosen Anruf während der Trauungszeremonie in der Göstinger Pfarrkirche zwar wahrgenommen, ihr vibrierendes Handy jedoch geflissentlich ignoriert. Ja, sie hatte noch nicht einmal nachgeschaut, wer sie sprechen wollte. Schließlich war heute nicht nur Bergmannsfreier Tag, sondern auch ihrer. Erst später, hier im Schlosspark, war ihr der entgangene Anruf wieder eingefallen, und sie hatte zum Handy gegriffen. Hoffentlich würde sie diese Verzögerung nicht bis an ihr Lebensende bereuen.

»Darf’s für Sie noch ein Glas Sekt sein?«, drängte sich der Kellner in ihre Gedanken.

Gut gelaunt tauschte Bergmann sein leeres Sektglas gegen ein volles vom Serviertablett ein.

Sandra lehnte dankend ab und griff stattdessen zu einem Glas mit Mineralwasser. Einerseits war ihr Sektglas ohnehin noch halb voll, andererseits machte sich nach dem ersten Schreck ein flaues Gefühl in ihrem Magen breit. Zudem musste sie einen klaren Kopf behalten, wollte sie Andrea helfen. Falls es dafür nicht schon zu spät war. Doch wo mit der Suche nach der Freundin am besten beginnen?

»Seit wann lässt du freiwillig Muskateller Sekt an dir vorüberziehen?«, unterbrach Bergmann ihre Überlegungen. »Jetzt mache ich mir aber ernsthaft Sorgen um dich.«

Sandra warf ihm einen genervten Blick zu.

Noch immer grinsend winkte Bergmann die junge Kellnerin herbei, die ein Tablett mit Häppchen vor sich hertrug, und langte mit beiden Händen zu. Den weißen Porzellanlöffel mit der kunstvoll drapierten Garnele schob er sich gleich in den Mund, um sich im nächsten Augenblick noch einen Löffel vom Tablett zu nehmen. Erst dann ließ er die Kellnerin weiterziehen.

Sandra trat von einem Bein auf das andere. »Andrea hat mir vorhin auf meine Mailbox gesprochen«, verkündete sie.

Bergmann kaute genüsslich auf seiner Garnele herum. Bis ihm Sandra von der besorgniserregenden Nachricht ihrer Freundin erzählte. Endlich verflüchtigte sich sein Grinsen. Das kaviargekrönte Tatar vom Saibling und das Ziegenkäseröllchen im Speckmantel rührte er vorerst nicht mehr an. Auch ihm war die Sorge um Andrea jetzt deutlich anzumerken. Immerhin kannte er Sandras Freundin recht gut. In den letzten Monaten war sie einige Male als Babysitterin für seine Tochter eingesprungen, wenn seine Exfrau aus Wien die Kleine wieder einmal bei ihm abgeliefert hatte, um mit ihrem Chef in den Süden weiterzufahren, was immer die beiden dort trieben.

Erst heute in aller Herrgottsfrüh hatten Sandra, Bergmann und Sarah gemeinsam Andrea besucht, die extra hiergeblieben war, um die beiden Damen – die große wie die kleine – für die Hochzeit zu frisieren, ehe sie ins Wochenende aufbrechen wollte. Die schnürlglatten weizenblonden Haare der Siebenjährigen hatte sie zu »Prinzessinnenlöckchen« eingedreht, anschließend Sandras halblange hellbraune Haare – passend zum Dirndl – zu einer Kranzfrisur eingeflochten, die Bergmann ausgiebig belächelte. Aber was verstand ein zugezogener Wiener schon von Trachtenmode? Auch wenn der Chefinspektor immerhin vier Jahre lang in der steirischen Landeshauptstadt lebte, wo volkstümliches Gewand nun einmal zum Lifestyle dazugehörte, weigerte er sich beharrlich, Lederhose, Steireranzug und Co zu tragen. Er käme sich darin verkleidet vor, beteuerte er bei jeder Gelegenheit. Und so war er auch zur heutigen Trachtenhochzeit ihrer beiden Kollegen, Miriam Seifert und Stefan Baumgartner, in einem klassischen hellen Leinenanzug erschienen. Wenigstens waren seine zerschlissenen Jeans, das schmuddelige T-Shirt und die ausgelatschten Sneakers, die er meistens trug, an diesem Festtag zu Hause geblieben.

»Probier doch noch einmal, Andrea anzurufen. Vielleicht hebt sie ja jetzt ab.« Bergmann schob sich den Löffel mit dem Fischhäppchen nun doch in den Mund, während Sandra seinem Vorschlag folgte.

»Wieder nur die Mailbox …« Mit einem Seufzen trennte sie die Verbindung. »Verdammt!«

»Lass uns mal in Ruhe überlegen«, sagte Bergmann. »Sie wollte das Wochenende in einer Therme verbringen«, erinnerte er sich, was Andrea in der Früh erwähnt hatte. »Hat sie gesagt, in welcher?«

Sandra zuckte mit den Schultern. »Nein, aber ganz bestimmt ist sie nicht allein dorthin gefahren.«

»Und mit wem ist sie unterwegs?«

»Wenn ich das wüsste, hätte ich längst versucht, ihre Begleitung anzurufen.« In Bergmanns Gegenwart hatte Andrea keinen Namen genannt. Und Sandra war diskret genug gewesen, nicht nachzufragen. Wenn es etwas zu erzählen gab, war ihre Freundin üblicherweise die Erste, die ihr das auf die Nase band. Ob Sandra es nun hören wollte oder nicht. Ausgerechnet heute war sie jedoch nicht in ihre Pläne eingeweiht. Und so wusste sie nicht viel mehr als Bergmann. Nämlich, dass Andrea das Wochenende in einem Wellness-Hotel im steirischen Thermenland verbringen wollte. Über alles Weitere konnte sie nur spekulieren.

Ziemlich sicher ging sie davon aus, dass Andrea mit einem Mann unterwegs war. Wahrscheinlich mit ihrem verheirateten Zahnarzt, von dem sie zuletzt immer wieder erzählt hatte, den Sandra jedoch weder persönlich noch namentlich kannte. Vielleicht gab es aber auch schon wieder einen neuen Mann, mit dem sich die lebenslustige Andrea vergnügte. Möglicherweise hatte ihre beste Freundin doch mehr Geheimnisse vor ihr, als Sandra glaubte.

»Du weißt es also nicht … Aber du hast doch bestimmt einen Verdacht.« Bergmann griff zu seinem Sektglas und nippte daran.

»Ich weiß nur, dass Andrea seit einigen Monaten mit ihrem Zahnarzt liiert ist. Ein verheirateter Mann wie üblich …« Sandra biss sich zu spät auf die Zunge. Die letzten Worte hätte sie besser nicht ausgesprochen, auch wenn sie der Wahrheit entsprachen.

Bergmann hakte prompt nach. »Wie üblich?« Er stellte sein Sektglas ab und rückte die Sonnenbrille auf seiner Nase zurecht.

Obwohl die blau getönten, verspiegelten Brillengläser seine Augen verbargen, spürte Sandra den bohrenden Blick, den er üblicherweise dann aufsetzte, wenn er tatverdächtige Personen verhörte. Sie räusperte sich erst einmal, ehe sie ihm antwortete. »Na ja … Andrea lässt sich meistens mit verheirateten Männern ein. Auch wenn das nicht unbedingt absichtlich geschieht. Ihr Unterbewusstsein scheint sie vor festen Bindungen bewahren zu wollen«, verriet sie ihm nur zögerlich und angesichts der Notlage.

»Damit sind die Fronten von Anfang an klar«, meinte Bergmann.

Sandra nickte. »Und die Gefahr, dass die Herren mehr von Andrea möchten, als sie zu geben bereit ist, hält sich in Grenzen«, fügte sie hinzu.

»Mehr als Sex?«, fragte Bergmann.

»Du würdest dich damit begnügen, schon klar. Manch einem reicht das aber nicht. Dummerweise sind auch Ehemänner nicht davor gefeit, sich zu verlieben. Spätestens dann fangen die Scherereien an.«

Bergmanns Augenbrauen tauchten kurz über dem silberfarbenen Rahmen seiner Sonnenbrille auf. »Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um«, zitierte er ausgerechnet aus dem Alten Testament. Dabei hatte der ehemalige Klosterschüler der katholischen Kirche längst den Rücken gekehrt.

»Umgekommen ist wegen Andrea, soweit ich weiß, noch keiner«, erwiderte Sandra. »Wenn es ihr in einer Beziehung zu eng wird, tritt sie den Rückzug an. Sie sagt immer, dass sie nicht die ganze Kuh kaufen möchte, wenn sie doch nur ab und zu ein Glas Milch trinken will.« Sie nahm einen Schluck Wasser.

»Ich kenne diesen Spruch.« Bergmann schob sich nun doch noch den dritten und letzten Porzellanlöffel in den Mund.

Sandra hätte schwören können, dass es nicht der Geschmack des Ziegenkäseröllchens im Speckmantel war, der ihn gedanklich beschäftigte. »Lebst du seit deiner Scheidung etwa auch nach dieser Devise?«, fragte sie.

»Kommt ganz auf die Kuh an«, erwiderte Bergmann mit vollem Mund. »Aber in diesem Fall …« Er brach den Satz ab und kaute den Bissen fertig.

»In welchem Fall denn?«, hakte Sandra nach.

Der Chefinspektor schluckte hinunter. »Na, in Andreas Fall«, antwortete er und spülte mit Sekt nach.

Sandra verstand noch immer nicht.

»Mein Gott, sie hat diesen Spruch auch vor mir ein paarmal erwähnt.« Bergmann klang auf einmal unwirsch.

Sandra stutzte. Die beiden waren einander offenbar viel vertrauter, als sie angenommen hatte. »Hat Andrea mit dir auch über ihren Zahnarzt gesprochen?«, wollte sie wissen.

Bergmann schüttelte den Kopf. »Hätte ich Zahnschmerzen gehabt, dann vielleicht …« Sein süffisantes Grinsen verschwand hinter der geblümten Vliesserviette.

»Sie hat ihn immer ›Herr Doktor‹ genannt, wenn sie von ihm gesprochen hat. Läutet da vielleicht etwas bei dir?«, fragte Sandra weiter.

»Warum hätte sie ausgerechnet mit mir über einen anderen Mann reden sollen?« Bergmann warf seine Serviette genervt auf den Tisch zurück.

Ausgerechnet? Auf einmal läutete bei Sandra etwas – nämlich die Alarmglocken. »Sag mal, habt ihr beiden etwa …?« Beim bloßen Verdacht krampfte sich ihr ohnehin schon flauer Magen zusammen. Jetzt war ihr richtig übel. Rasch hob sie die Hand, um Bergmann von einer Antwort abzuhalten. Den säuerlichen Geschmack, der ihr in der Kehle brannte, würgte sie hinunter. »Vergiss meine Frage wieder. Ich will es gar nicht wissen«, meinte sie gequält.

»Was willst du nicht wissen? Ob ich mit Andrea geschlafen habe?«, fragte Bergmann, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Sandra schloss ihre Augen. »Bitte nicht, Sascha«, stöhnte sie.

»Du bist doch nicht etwa eifersüchtig, Liebling?« Der Gedanke amüsierte ihn hörbar.

Sandra riss die Augen auf und starrte ihn wütend an. »Das nun ganz bestimmt nicht! Und nenn mich ja nie wieder so!«, fauchte sie ihn an.

Prompt drehte sich die unbekannte Dame am benachbarten Stehtisch nach ihr um, während die zweite Fremde und deren beiden männliche Begleiter belustigte Blicke austauschten.

Bergmann grinste bis über beide Ohren.

Nur mit allergrößter Beherrschung konnte Sandra den unbändigen Drang unterdrücken, ihm ihren mittlerweile abgestandenen Sekt ins Gesicht zu schütten. Nicht genug, dass er sie schon wieder mit diesem unverschämten Kosenamen ansprach – noch dazu in aller Öffentlichkeit und in der Nähe einiger Polizeikollegen –, fühlte sie sich von ihm und ihrer besten Freundin hintergangen.

Hatten die beiden tatsächlich miteinander geschlafen? Andrea hatte den Schwerenöter ja von Anfang an »zuckersüß« gefunden, erinnerte sich Sandra, die diese Einschätzung weder damals noch heute teilte. Seine Tochter hatte die beiden einander wohl näher gebracht, als ihr lieb war. Sie trank einen weiteren Schluck Mineralwasser.

Und wenn schon? Was störte sie eigentlich so sehr daran, fragte sie sich, als sie das Glas wieder absetzte. Bergmann und Andrea waren beide erwachsene ungebundene Menschen, die tun und lassen konnten, was sie wollten. Und mit wem sie wollten. Warum sollte sie also eifersüchtig sein? Nein, das war sie ganz bestimmt nicht. Sie war lediglich irritiert, dass ihr die Freundin ausgerechnet von der Affäre mit ihrem Vorgesetzten nichts erzählt hatte. Falls es eine solche überhaupt gab. Immerhin war es doch auch möglich, dass Bergmann sie nur wieder einmal am Schmäh hielt und zur Weißglut treiben wollte. Was ihm zweifellos gelungen war. Und zwar zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, während sie um das Leben ihrer Freundin bangte.

Sandra griff nach der Horsd’œuvre-Karte, hob ihr Kinn an und fächelte sich Luft zu. Selbst im Schatten des Sonnenschirms hatte es inzwischen mehr als 30 schwüle Grad Celsius. Eine Abkühlung war vorerst nicht in Sicht. So verregnet dieser Sommer bisher gewesen war, für dieses Wochenende waren Sonnenschein, tropische Temperaturen und lokale Gewitter vorhergesagt, von denen hier momentan aber nichts zu sehen war. »Was du privat treibst, hat mich noch nie interessiert«, raunte sie Bergmann wild fächelnd zu. »Denk lieber nach, wie wir Andrea am schnellsten finden können.«

»Kann ich mir ihre Nachricht einmal anhören?«, fragte Bergmann, endlich wieder mit dem angemessenen Ernst.

»Sicher …« Noch einmal rief Sandra ihre Mailbox an und reichte ihm das Handy über den Stehtisch.

Bergmann lauschte Andreas Hilferuf regungslos, ehe er Sandra das Telefon zurückgab.

»Sollen wir die Fahndung nach ihr rausgeben?«, fragte sie.

Der Chefinspektor fuhr sich mit der Hand übers unrasierte Kinn. »Wir müssen ja nicht gleich aus dem Vollen schöpfen«, meinte er. »Auch wenn es so klingt, als würde Andrea bedroht werden, ist auf der Sprachnachricht doch nur ihre Stimme zu hören. Keine andere. Vielleicht wurde sie gar nicht bedroht, sondern hatte einen Verkehrsunfall und befindet sich jetzt in einem Krankenhaus. Das sollten wir zu allererst überprüfen.«

»Und wer ist dann dieser ›Er‹, auf den sie sich bezieht?«

»Ihr Unfallgegner?«, spekulierte Bergmann. »Oder jemand, der mit ihr im Auto gesessen ist?«

Auszuschließen war das freilich nicht, musste ihm Sandra rechtgeben.

»Hat sie denn Verwandte, die in einem Notfall zu verständigen wären?«, erkundigte sich Bergmann.

»Nicht, dass ich wüsste. Ihre Eltern sind tot. Geschwister hat Andrea auch keine. Nur eine Tante in Fürstenfeld. Falls die noch lebt.« Just in jener Stadt, in der Sandras Vater nach der Scheidung von ihrer Mutter den Polizeidienst versehen hatte, schweifte sie gedanklich in die eigene Vergangenheit ab. Im dortigen Landeskrankenhaus war der starke Raucher Jahre später seinem Lungenkrebs erlegen. »Andrea ist in Fürstenfeld aufgewachsen und in die Schule gegangen«, fuhr sie fort. »Außerdem müsste es noch einen Sohn von dieser Tante geben, der seit etlichen Jahren in Graz lebt. Zu ihrem Cousin hat Andrea aber meines Wissens schon ewig keinen Kontakt mehr.«

»Und wie heißen ihre Verwandten?«

Sandra schüttelte den Kopf. »Die Namen sind mir leider entfallen. Es ist schon eine Weile her, dass Andrea über sie gesprochen hat.«

»Hmm … Vielleicht hat sie sich ja auch mit ihrem Gschamsterer gestritten, und der ist handgreiflich geworden«, überlegte Bergmann laut.

Ihre Freundin war zwar alles andere als ein armes Hascherl, das sich von Männern unterdrücken ließ, aber vor Gewaltausbrüchen waren auch selbstsichere Frauen wie Andrea nicht gefeit, überlegte Sandra.

»Wenn sie sich in keinem Krankenhaus befindet, sollten wir schleunigst diesen Zahnarzt ausfindig machen«, meinte Bergmann.

»Ich habe zu Hause einen Reserveschlüssel von ihrer Wohnung. Den hol ich mir jetzt und schau mich dann mal dort um. Vielleicht findet sich ein Hinweis auf ihren ›Doktor‹ oder die Therme, in der sie das Wochenende verbringen wollte. Oder auch irgendeine andere Spur …« Sandra legte ihren provisorischen Fächer auf den Tisch zurück.

»Heißt das, ich soll allein hierbleiben?«

»Du bist doch gar nicht allein hier. Deine Tochter läuft dort drüben mit ihrer neuen Freundin herum. Kann Sarah eigentlich schwimmen?« Mit einer Kopfbewegung deutete Sandra zu den beiden kleinen Mädchen hinüber, die etwas abseits zwischen den Büschen und Bäumen herumtollten.

»Ja, kann sie. Warum?«

»Weil sich dort drüben ein Teich befindet«, warnte Sandra. Sie war zwar noch nie hier gewesen, doch hatte ihr Miriam diese und andere Hochzeits-Locations im Internet gezeigt, ehe sie sich fürs Plabutscher Schlössl entschied.

»Um Sarah musst du dir keine Sorgen machen«, meinte Bergmann.

Sandra nickte. Umso mehr sorgte sie sich um Andrea.

»Ich erkundige mich mal, ob es in den letzten Stunden Unfälle gegeben hat«, versprach Bergmann. »Danach rufe ich dich an. Und du meldest dich bei mir, wenn du in Andreas Wohnung auf Hinweise stößt. Keine Alleingänge, ist das klar?«

Was sollte das jetzt wieder heißen? Glaubte der Chefinspektor etwa, dass sie nicht Herrin der Lage war, nur weil es sich um ihre Freundin handelte, die mutmaßlich in Gefahr schwebte?

Wortlos wandte sich Sandra ab und stakste auf ihren ungewohnt hohen Absätzen durchs Gras – direkt auf die großgewachsene Blondine im Brautdirndl und deren Bräutigam zu. Wenigstens von ihren frischvermählten Kollegen wollte sie sich noch verabschieden und ihnen eine schöne Hochzeitsreise wünschen.

2.

Auf den ersten Blick konnte Sandra in der Wohnung ihrer Freundin nichts Ungewöhnliches entdecken. Das Türschloss hatte sie zweifach versperrt vorgefunden. Eingebrochen worden war demnach nicht. Wenn Andrea in einen Kampf verwickelt gewesen war, dann bestimmt nicht hier. In keinem der Räume. Die Außenjalousien waren alle heruntergelassen, um die ansonsten lichtdurchflutete Dachterrassenwohnung am Lendplatz vor der Hitze zu schützen. Sandra hatte es dabei belassen und das Licht eingeschaltet.

Nach einem ersten Streifzug durch die Räume, der sie nichts Böses vermuten ließ, nahm sie das Vorzimmer noch einmal genauer unter die Lupe. Der Autoschlüssel, der sich üblicherweise in der Schatulle auf der Kommode befand, war nicht an seinem Platz. Entweder hatte Andrea ihn woanders hingelegt oder mitgenommen, was nicht zwangsläufig auch bedeuten musste, dass sie mit ihrem Auto unterwegs war. Vielleicht hatte sie den Schlüssel ja nur aus Gewohnheit mitgenommen. Ob ihr feuerroter Mini auf dem Dauermiet-Parkplatz in der nahen öffentlichen Parkgarage stand, wollte Sandra später noch überprüfen.

Ihr nächster Blick fiel auf die schwarze Lederjacke. Ein Lieblingsstück ihrer Freundin, das an der Garderobe hängen geblieben war. Bei den hochsommerlichen Wetteraussichten für die kommenden Tage nicht weiter verwunderlich. Vielmehr hatte sich Sandra bereits heute Morgen gefragt, warum Andrea im Hochsommer in eine Therme fuhr. Wo sie doch das Meer über alles liebte. Üblicherweise hob sie sich ihre Wellnessurlaube für die kühleren Jahreszeiten auf. Wenn es draußen ungemütlich war, genoss sie es umso mehr, im warmen Thermalwasser zu schwimmen und in der Sauna zu schwitzen. Andererseits konnte sie sich ja auch in einem Sportbecken abkühlen. Vielleicht sogar in einer Kältekammer, wie sie mancherorts zu Therapiezwecken eingesetzt wurden. Eine solche wäre Sandra momentan gerade recht gekommen. Unter dem engen Dirndlleib klebte ihre Bluse schon seit geraumer Zeit am Körper. Sosehr sie Andrea um die gepflegte, üppig bepflanzte Dachterrasse mit Blick auf den Schloßberg und den Uhrturm beneidete, so unerträglich fand sie die Temperaturen, die an solchen Hundstagen in der Wohnung unter dem Flachdach herrschten. Vor allem dann, wenn es in der Stadt auch nachts nicht mehr richtig abkühlte.

Sandra nahm sich die Taschen der Lederjacke vor und fand ein Taschentuch und eine angebrochene Packung mit Kaugummis, die die Zähne aufhellen sollten. Nirgendwo war jedoch ein Autoschlüssel zu entdecken.

Der Schuhkasten, der bis zum Plafond reichte, wies etliche Lücken auf. Entweder die Schuhfetischistin hatte wieder viel zu viele Paare ins Wochenende mitgenommen, oder sie hatte sich in letzter Zeit von einigen getrennt.

Vorbei am mannshohen goldgerahmten Vintage-Spiegel begab sich Sandra ins Wohnzimmer. Sie verzichtete darauf, den Laptop der Freundin hochzufahren. Das Passwort kannte sie ohnedies nicht. Den Computer mitzunehmen, um ihn von einem IT-Experten überprüfen zu lassen, erschien ihr dann doch übertrieben. Bislang gab es keinen konkreten Hinweis auf ein Verbrechen, lediglich diesen ungeklärten Hilferuf. Der bloße Gedanke daran jagte Sandra kalte Schauer über den verschwitzten Rücken. Doch sosehr sie sich auch um Andrea sorgte, sah sie sich privat in ihrer Wohnung um. Und nicht als LKA-Ermittlerin. Jedenfalls noch nicht. Gefahr in Verzug bestand, objektiv betrachtet, keine. Sandra musste vor allen Dingen gelassen bleiben und sich nicht in etwas hineinsteigern.

Die Hoffnung, zwischen den Zeitschriften einen Prospekt oder ein Flugblatt zu finden, die das Reiseziel der Freundin preisgaben, zerschlug sich als Nächstes. Die Suche danach wollte Sandra später im Altpapiersammelkorb in der Küche fortsetzen. Obwohl Andrea wahrscheinlich ohnehin online, telefonisch oder womöglich gar nicht selbst ihren Kurzurlaub gebucht hatte.

Zuvor aber wollte Sandra noch die Ordner im Bücherregal durchforsten. In einem fand sie Versicherungspolizzen, im anderen Dokumente und Zeugnisse, im nächsten Rechnungen und Korrespondenz. Während sie in den Belegen stöberte, musste sie mehrmals gähnen. Ein Schreiben an die Krankenkassa erweckte schließlich ihre Aufmerksamkeit. Sie überflog die erste Seite des Schriftstücks, der einige weitere zusammengeheftete Blätter folgten. »… bitte ich Sie um anteiligen Kostenersatz laut beiliegender Zahnarztrechnung vom 12. Juni 2014 …«, las sie sich die entscheidende Stelle selbst laut vor, um danach den Klemmbügel zu öffnen, den Brief zu entnehmen und umzublättern – zur Kopie einer Honorarnote. »Doktor Axel Luttenberger«, las sie weiter. »Zahnarzt in Graz … Na bitte, wer sagt’s denn?« Der Anflug eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. Wenn ihre Vermutung zutraf, hatte sie soeben Andreas Liebhaber ausfindig gemacht. Und damit hoffentlich auch ihren aktuellen Reisebegleiter.

Sandra holte ihr Handy aus der Tasche, um die Kontaktdaten der Zahnarztpraxis zu fotografieren, die im Bezirk St. Peter firmierte. Danach wählte sie die Telefonnummer. Eine weibliche Tonbandstimme verkündete die Ordinationszeiten. Am Dienstag um 13 Uhr war die Praxis wieder für Patienten geöffnet. Anrufe für Terminvereinbarungen wurden am selben Wochentag bereits ab 9 Uhr entgegengenommen. In Notfällen solle man sich an die Ambulanz der Universitätsklinik wenden. Während Sandra noch dem Tonband lauschte, klopfte ein neuer Anruf an. »Bergmann«, las sie murmelnd vom Display ab und nahm das Gespräch an.

»Es hat heute Vormittag einen Autounfall auf der A2 bei Gleisdorf gegeben!«, verkündete der Chefinspektor ungefragt, dafür umso lauter, um die Blasmusik zu übertönen.

Der Bräutigam war selbst Trompeter bei der Polizeimusik, die dem Brautpaar wohl gerade ein Ständchen darbrachte. Sandra musste ihr Handy auf Abstand halten, wollte sie keinen Gehörsturz riskieren.

»Warte! Ich geh mal schnell rein!«, plärrte Bergmann. Die Musik dröhnte weiterhin aus dem Handy.

»Hallo? Sascha?« Sandra schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Wenn nur Andrea nichts Schlimmes zugestoßen war.

»Hörst du mich jetzt besser?«, meldete sich Bergmann lautstark zurück. Die Musik war nur noch leise im Hintergrund zu hören.

»Ja, du musst nicht mehr schreien. Also, was ist nun mit diesem Unfall?«, fragte Sandra besorgt. »War Andrea darin verwickelt?«

»Nein. Eine Familie aus Polen und ein junger Mann aus dem Bezirk Südoststeiermark. Sind alle nur leicht verletzt beziehungsweise gar nicht.«

Sandra atmete erleichtert auf.

»Hast du irgendwelche Hinweise in der Wohnung gefunden?«, wollte Bergmann wissen.

»Ein Zahnarzthonorar. Ob es uns weiterhilft, kann ich noch nicht sagen.« Sandra berichtete ihm von den Ordinationszeiten und meinte, dass sie die Wohnung weiter durchsuchen wollte. Danach noch die Garage.

»Soll ich dir Gesellschaft leisten? Dann geht es schneller. Ich könnte Sarah ja mitbringen.«

»Bleib du schön, wo du bist. Oder willst du dich vor dem Tanzen drücken? Du hast es Sarah doch versprochen …« Sandra konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wenn es etwas gab, das der Chefinspektor noch weniger mochte, als am Steuer eines Autos zu sitzen, war es Tanzen. Überhaupt zu Volks- oder Schlagerklängen, die er ebenso sehr verabscheute wie Musicals. Jazzmusik war viel mehr nach seinem Geschmack. Dieser konnte Sandra wiederum nur bedingt etwas abgewinnen. Die bekannten, gefälligeren Nummern, die das breite Repertoire der Polizeimusik Steiermark miteinschloss, gefielen ihr. Mit atonalen Passagen fühlte sie sich jedoch akustisch überfordert.

»Danke, dass du mich daran erinnerst«, erwiderte Bergmann.

»Gern geschehen. Du könntest versuchen, die private Adresse und Handynummer von Doktor Axel Luttenberger herauszufinden. Vielleicht erreichen wir ihn heute noch«, sagte Sandra.

Bergmann versprach, sich darum zu kümmern. »Außerdem werde ich in sämtlichen Krankenhäusern nachfragen lassen«, fügte er hinzu.

»Ich schicke dir gleich die Daten der Zahnarztpraxis. Und dann hör ich mich noch im gemeinsamen Freundeskreis um«, meinte Sandra abschließend. Irgendjemand wusste vielleicht, wohin Andrea gefahren war. Oder mit wem. Falls weder Bergmann noch sie mit ihren Recherchen erfolgreich waren, wollte sie als Nächstes alle Unterkünfte im Thermenland kontaktieren. Vom nördlicher gelegenen Bad Waltersdorf bis Bad Radkersburg im Süden der Steiermark. Was keineswegs garantierte, dass sie Andrea auf diese Weise fand. Schließlich war ihr »Herr Doktor« verheiratet und wohl kaum unter seinem richtigen Namen im Hotel abgestiegen, befürchtete Sandra. Sofern ihre Freundin überhaupt mit ihm unterwegs war.

Kapitel 2

Ihr Körper war bleischwer, als sie zu sich kam. Gefühlt wog er eine Tonne. Der Schmerz hämmerte unaufhörlich in ihrem Schädel. Im Rhythmus ihres Herzschlags. Wumm, wumm, wumm … Direkt hinter den Augen. Sie zwang sich dennoch, sie zu öffnen.

Stiche. Wie Messerklingen durch die Augenhöhlen. Um sie herum alles schwarz.

Sie schaffte es, den Kopf zu drehen. Nach links und wieder zurück. Dann ein Stück nach rechts. Wumm, wumm, wumm …

Zwinkern. Durch den bohrenden Schmerz hindurch in die Finsternis starren.

Die Finsternis starrte zurück.

Ein muffiger Geruch. Feucht wie in einem Keller.

Ihre Gliedmaßen waren steif, gefühllos. Angebunden lag sie da. Die Beine gespreizt. Die Arme über dem Kopf fixiert.

Noch einmal zwinkern. Ins tiefschwarze Nichts.

Schmerz. Panik. Eine heiße Woge erfasste ihren Körper. Dabei hatte sie eben noch vor Kälte gezittert. Wumm, wumm, wumm … Ihr Schädel drohte zu explodieren. So fühlte es sich wenigstens an.

Der Schrei um Hilfe blieb ihr im Hals stecken. Der Mund ließ sich nicht öffnen. War er zugeklebt? Oder zugenäht?

Die nächste Panikwelle drohte sie zu ersticken. Wenn sie nicht ruhig durch die Nase atmete. Wumm, wumm, wumm …

Nachdenken. Sie musste nachdenken. Sich erinnern. Wo war sie? Was war mit ihr geschehen?

Ein Bild blitzte durch ihren Kopf. Ein Mann. Den sie schon einmal wo gesehen hatte. Aber wo? Die Erinnerung zerplatzte. Ließ sich nicht mehr zurückholen. Wie ein Traum. Eben noch real, war er im nächsten Moment schon wieder fort. Nicht mehr greifbar. Aus dem Gedächtnis gelöscht. Wumm, wumm, wumm …

Der Schmerz breitete sich weiter aus, zerrte an ihren Schultern. Am schlimmsten war, dass sie nichts sehen konnte. Außer dem schwärzesten Schwarz, das sie jemals wahrgenommen hatte. Was, wenn sie blind war? Der Gedanke traf sie mit voller Wucht. Verzweifeltes Schluchzen. Tränen liefen über ihre Wangen, in die Ohren hinein. Waren da überhaupt noch Augen? Konnte man ohne Augen weinen? Und warum taten sie so weh?

Wieder die Panik. Ringen nach Luft. Luft war alles, was jetzt zählte. Nicht weinen, nur atmen. Ein und aus. Möglichst ruhig durch die Nase. Ein und aus.

Tatsächlich ebbte die Panik ab. Die Angst aber blieb. Kalte, tiefschwarze Angst, die sie nun wieder frösteln ließ. Wie der Kellergeruch. Und die höllischen Kopfschmerzen. Wumm, wumm, wumm …

Kapitel 3

Immer noch Samstag, 2. August, Graz

 

 

Sandra lehnte am Fensterbrett ihres offenen Küchenfensters und blickte gedankenverloren auf die Straße hinunter, während sie zum wiederholten Mal dem Freizeichen im Handy lauschte.

Von den gemeinsamen Bekannten wusste niemand, wo sich Andrea aufhielt. Keiner von denen, die Sandra bisher erreicht hatte, hatte in den vergangenen Stunden mit der abgängigen Freundin Kontakt gehabt. Nirgendwo sonst, außer bei Sandra, war ein Notruf eingegangen. Sogar Sybille hatte sie vorhin angerufen, zu der sie schon seit Jahren keinen Kontakt mehr pflegte. Die sendungsbewusste Esoterikerin ging ihr schlichtweg auf die Nerven. Das Angebot, die Tarotkarten nach Andreas momentaner Situation zu befragen, lehnte Sandra dankend ab. Fehlte nur noch, dass Sybille in ihre Glaskugel schaute, um Andrea zu orten. Offenbar lebte sie mehr denn je in ihrem geisterhaften Paralleluniversum.

Zwischendurch hatte sich Bergmann bei Sandra gemeldet und ihr die privaten Daten von Doktor Axel Luttenberger durchgegeben. Außerdem wusste er zu berichten, dass weder eine Andrea Neuhold noch eine unbekannte Frau an diesem Tag in ein Krankenhaus eingeliefert worden war.

»Luttenberger?«, meldete sich die Männerstimme auf einmal so forsch, dass Sandra zusammenfuhr.

Vielleicht wäre es doch besser gewesen, Bergmann den Mann befragen zu lassen. Andererseits wollte sie ihre Freundin nicht in die Bredouille bringen. Wenn der Herr Doktor erfuhr, dass außer der engsten Vertrauten seiner Geliebten noch jemand anderer von seiner außerehelichen Affäre wusste, war er bestimmt nicht begeistert. Deshalb hatte Sandra lieber selbst zum Handy gegriffen. Doch vermutlich war ihm auch das nicht recht.

Sie holte tief Luft und wandte sich vom Küchenfenster ab, das wie alle anderen Fenster in ihrer Wohnung offenstand, um durchzulüften. Endlich wehte draußen eine Brise. Möglicherweise war ja das angekündigte Gewitter im Anmarsch, das die Hitze und damit auch den schädlichen Feinstaub aus der Stadt vertreiben würde. »Guten Abend, Herr Doktor Luttenberger«, sagte Sandra auf dem Weg ins Wohnzimmer. Ihr Glas mit Aroniasaft nahm sie mit. Erst neulich hatte sie den leicht säuerlichen, herben Geschmack der angeblich so gesunden Apfelbeere für sich entdeckt. »Verzeihen Sie bitte die späte Störung. Mein Name ist Mohr. Sandra Mohr …« Sie hielt inne, um die Reaktion des Mannes abzuwarten. Vielleicht hatte Andrea ihren Namen ja mal vor ihm erwähnt, sodass er eins und eins zusammenzählen konnte.

»Sollte ich Sie kennen? Sind Sie eine Patientin von mir?« Der Herr Doktor klang noch immer unwirsch.

»Nein, das nicht … Ich bin auf der Suche nach meiner Freundin.« Sandra stellte ihr Glas auf dem Couchtisch ab und sank aufs Sofa.

»Und die suchen Sie ausgerechnet bei mir? Am Wochenende? Um diese Uhrzeit? Woher haben Sie überhaupt meine private Handynummer?«, fragte der Mann noch einen Tick unfreundlicher.

»Andrea Neuhold heißt meine Freundin. Ich denke, Sie kennen sie …«

Schweigen.

»Sind Sie noch dran, Herr Doktor Luttenberger?«

Sandra vernahm ein Räuspern. »Ja, bin ich … Ich denke, ich kenne Frau Neuhold. Sie ist eine Patientin von mir. Ich fürchte aber, dass ich Ihnen trotzdem nicht weiterhelfen kann.«

»Sie sollten es zumindest versuchen.« Jetzt war es Sandra, die forsch klang.

»Ach ja? Und warum? Ist ihr etwas zugestoßen? Oder wollen Sie mich erpressen?«

Doktor Axel Luttenberger wusste offenbar wirklich nicht, dass sie Polizistin war. Dann sollte es vorerst auch dabei bleiben, entschied Sandra. »Nein, das will ich nicht, Herr Doktor. Wie kommen Sie darauf? Womit könnte ich Sie denn erpressen?«, erwiderte sie.

»Was wollen Sie dann von mir?«

»Unsere gemeinsame Freundin scheint in Gefahr zu sein. Sie hat heute Mittag eine Nachricht auf meiner Mailbox hinterlassen, weil sie offenbar dringend Hilfe brauchte. Seither ist sie spurlos verschwunden. Und ich glaube, dass Sie wissen könnten, wo ich nach ihr suchen soll. Muss ich noch deutlicher werden?«

»Nicht nötig. Andrea ist verschwunden, sagen Sie …« Luttenberger seufzte. »Bei mir ist sie jedenfalls nicht.«

»Dann sind Sie heute Morgen nicht mit ihr in die Therme gefahren?« Dass Andreas Auto nicht in der Tiefgarage parkte, hatte Sandra schon vor einigen Stunden festgestellt.

Wieder folgte ein Räuspern. »Nein. Wir wollten uns um 14 Uhr in Loipersdorf treffen. Ich bin aus Wien angereist, direkt von einem Zahnärztekongress. Andrea sollte aus Graz dorthin kommen.«

Loipersdorf bei Fürstenfeld, notierte sich Sandra geistig. »Was heißt, sie sollte? Ist sie denn nicht gekommen?«, hakte sie nach.

»Nein. Ich habe vergeblich im Hotel auf sie gewartet.«

»Sind Sie jetzt noch immer dort?«

Wieder verneinte der Herr Doktor. »Ich habe gegen 18 Uhr wieder ausgecheckt, weil sich Andrea bis dahin weder bei mir gemeldet hat noch an ihr Handy gegangen ist. Inzwischen bin ich wieder zu Hause.«

»Dann wissen Sie auch nicht, ob Andrea vielleicht später doch noch im Hotel angekommen ist?«

»Woher denn? Sie hat sich bis jetzt nicht bei mir gemeldet. Und ich habe es dann auch nicht mehr bei ihr versucht. Ehrlich gesagt war ich bis zu Ihrem Anruf eben ziemlich angefressen auf sie, weil ich angenommen habe, dass sie mich versetzt hat.«

Dass Andrea ihre Männer auf Abstand hielt, wenn sie sich von ihnen in die Enge getrieben fühlte, oder die Affäre gleich beendete, war Sandra bekannt. Ebenso, dass ihr Zahnarzt vor einigen Monaten verkündet hatte, sich wegen ihr scheiden lassen zu wollen, was Andrea vehement abgelehnt hatte. Sie bevorzugte das sorglose Leben der Geliebten und genoss möglichst nur die angenehmen Seiten der Liebe. Den Alltag überließ sie gern der jeweiligen Ehefrau. Dass sie zum vereinbarten Termin nicht erschien, ohne diesen vorher abzusagen, passte jedoch nicht zu ihr. »Sie haben also keine Ahnung, warum Andrea nicht gekommen ist.«

»Nein … Es sei denn, sie hatte eine Vorahnung.«

»Was denn für eine Vorahnung?«

»Nun ja, im Vertrauen und weil Sie ohnehin schon von unserer Liaison wissen, die Sie hoffentlich für sich behalten: Es hätte unser letztes gemeinsames Wochenende werden sollen«, erklärte Luttenberger. »Ich wollte die Beziehung beenden. So kann ich einfach nicht mehr weiterleben …« Wieder folgte ein Seufzen.

Das war Sandra neu. Auch Andrea hatte heute Morgen noch nichts von der bevorstehenden Trennung geahnt, glaubte sie zu wissen. Die Freundin war bestens gelaunt gewesen und hatte sich auf das Wochenende gefreut. Außerdem wäre sie zum Schlussmachen ganz bestimmt nicht extra nach Loipersdorf gefahren. Das ließ sich schließlich auch in Graz erledigen. Oder in aller Kürze übers Handy. Wie es Julius damals getan hatte, erinnerte sich Sandra an den letzten Anruf ihres Verflossenen.

Möglicherweise hatten sich Andrea und der Herr Doktor doch wie vereinbart im Hotel getroffen und miteinander gestritten, wie Bergmann spekuliert hatte. Der Streit konnte eskaliert sein, und Andrea hatte ihren Notruf bei Sandra abgesetzt. Nein, es war keinesfalls ausgeschlossen, dass Axel Luttenberger seiner Geliebten etwas angetan hatte. Immerhin waren die meisten Gewalttaten Beziehungstaten. Feinde hatte Andrea, soweit Sandra bekannt war, keine. Es sei denn, Luttenbergers Frau hatte von der Affäre ihres Mannes Wind bekommen. Dann hatte sie möglicherweise doch eine Feindin. Aber würde Frau Luttenberger ihre Nebenbuhlerin gleich verschwinden lassen? Oder Andrea aus Angst vor ihr flüchten? »Weiß Ihre Ehefrau von Ihrem Verhältnis?«, fragte Sandra.

»Um Gottes willen, nein …«

Dafür, dass er sich angeblich für seine Geliebte hatte scheiden lassen wollen, klang seine Antwort ziemlich bestürzt, fand Sandra. »Wann haben Sie Andrea denn zum letzten Mal gesehen?«

»Mittwochabend. Geschlafen habe ich dann aber zu Hause. Ich musste zeitig am Donnerstagmorgen zu diesem Kongress nach Wien aufbrechen.«

»Haben Sie sich in letzter Zeit mit Andrea gestritten?«

Luttenberger verneinte neuerlich. Dass er Sandra von seinen Trennungsabsichten freiwillig erzählte, sprach nicht gerade dafür, dass er eine Gewalttat vor ihr verbergen wollte. Immerhin gestand er damit ungefragt einen potenziellen Konflikt und ein mögliches Tatmotiv ein. Oder aber er setzte seine vermeintliche Offenheit ganz gezielt ein, um Sandra vorzugaukeln, dass er keine strafbare Tat zu verheimlichen hatte. Welchen Grund gab es sonst, das geplante Beziehungsende zu erwähnen? »In welchem Hotel sind Sie heute Nachmittag abgestiegen?«, fuhr sie fort.

»Im ›Himmelreich‹.«

»Unter Ihrem Namen?«

Nochmals Räuspern. »Ich habe für Doktor Axel Brunner und Andrea Brunner reserviert und eingecheckt.«

»Und welche Zimmernummer hatten Sie, Herr Doktor Brunner?« Sandra betonte absichtlich den falschen Namen, was Doktor Luttenberger ein halbherziges Lachen oder vielmehr ein Gackern entlockte.

»413«, antwortete er wieder ernst. »Darf ich mich auf Ihre Diskretion verlassen, Frau Mohr? Aus Rücksicht auf Birgit, meine richtige Ehefrau …«

Hätte der Mann mal lieber keine Affäre mit Andrea begonnen – aus Rücksicht auf seine richtige Ehefrau, dachte Sandra. Andererseits war Frau Luttenberger nicht ihr Problem, sondern ihre verschollene Freundin. »Dürfen Sie. Es sei denn, Sie haben etwas mit Andreas Verschwinden zu tun.«

»Das habe ich ganz bestimmt nicht. Würden Sie mich bitte anrufen, sobald Sie etwas Neues in Erfahrung bringen? Ich mache mir jetzt nämlich auch große Sorgen um Andrea.«

Sandra versprach Doktor Luttenberger, sich gegebenenfalls wieder bei ihm zu melden, und verabschiedete sich. Dasselbe tat er umgekehrt auch. Anschließend versuchte sie zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Tag ihre Freundin zu erreichen. Wiederum vergeblich. Danach suchte sie die Telefonnummer des genannten Hotels in Loipersdorf heraus und rief dort an, um sich nach Andrea Brunner, Zimmer 413, zu erkundigen.

Die Dame sei bereits abgereist, hieß es dort. Ansonsten könne man aus Datenschutzgründen keine Auskunft über Hotelgäste erteilen.

Also würde sie doch den offiziellen Weg beschreiten müssen, entschied Sandra mit Blick auf ihre Armbanduhr. Trotz der späten Stunde wählte sie Bergmanns Nummer.

Kapitel 4

Sonntag, 3. August, Loipersdorf bei Fürstenfeld

1.

Sandra parkte den schwarzen Audi A6 auf dem Parkplatz vor dem Hoteleingang, der den Gästen des »Himmelreich« zum Aus- und Einladen des Gepäcks zur Verfügung stand. Für längere Aufenthalte gab es eine Parkgarage, an der sie eben vorbeigefahren war. Gähnend stellte sie den Motor ihres Dienstwagens ab und löste den Sicherheitsgurt. Die Sorge um die verschwundene Freundin hatte sie in der vergangenen Nacht nur unruhig schlafen und viel zu früh aufstehen lassen. Dementsprechend zeitig war sie bereits aufgebrochen, um die Suche nach Andrea fortzusetzen. Vorerst einmal ohne den Chefinspektor, den sie nicht schon im Morgengrauen hatte aufwecken wollen. Immerhin war heute sein freier Sonntag, auch wenn er sich angesichts der Lage bereiterklärt hatte, sie zu unterstützen. Noch aber war Andrea nicht zur Fahndung ausgeschrieben. Und die Befragungen im Hotel konnte Sandra genauso gut allein durchführen.