Süßer Wermut - Jakob Bergen - E-Book

Süßer Wermut E-Book

Jakob Bergen

0,0

Beschreibung

Die Geschichte eines Lebens voller Emotionen, Verliebtsein und der Suche nach Glück. Eine echte, tiefe Liebe die aus Verzweiflung entsteht und durch die Sorgen des Alltags zu ersticken scheint - Doch dann nimmt die Geschichte eine ungeahnte Wendung. Eine spannende und emotionale Erzählung.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2013

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jakob Bergen

Süßer Wermut

Jakob BergenSüßer Wermut

© 2013 Lichtzeichen Verlag GmbH, Lage Umschlag und Satz: Gerhard Friesen ISBN: 9783869549873 Bestell-Nr.: 548987

E-Book Erstellung: LICHTZEICHEN Medien www.lichtzeichen-medien.com

Einleitung

Es ist vielleicht für den Leser nicht uninteressant zu erfahren, wie dieses Buch entstanden ist. Es war in Russland, als ich 1988 mit meinen schwachen Schreibkenntnissen begann zu schreiben. Ich hatte keine Schreibmaschine, nicht passendes Papier, wenig Zeit, zudem auch keine Ausbildung. Aber trotz allem wollte ich gerne schreiben. Es war einfach mein großer Wunsch und später auch mein Hobby.

Und dann, nach etwa einem Jahr, als der von Hand geschriebene Roman in erster Schreibung fast fertig war, begann ich mit der Suche nach einem Verlag. Wie viele ehemalige Bürger der Sowjetunion wissen, war es in Russland, wo jedes Wort und jede Zeile strengstens kontrolliert wurden, leider nicht so einfach, ein Buch zu veröffentlichen. Aber ich wollte wenigstens probieren, meine Träume und Pläne zu verwirklichen.

Eines Tages fuhr ich in der Winterzeit in die Stadt Orenburg. Aus der Zeitung hatte ich die Adresse von dem sogenannten „Schriftsteller-Verein“. Ich fand das Haus, öffnete die Tür ins Sprechzimmer und stand plötzlich vor drei Männern, die am Tisch saßen.

„Guten Tag“, grüßte ich sie freundlich und weil sie mich alle so neugierig anschauten, war ich im ersten Moment verunsichert. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Dann wurde mir aber Platz angeboten und bald saß ich vor ihnen am Tisch. Der Anfang war gemacht.

Auf meine Frage hin, ob ich wirklich beim Schriftstellerverein sei, wurde es mir von einem der Herren bestätigt und ich bemühte mich zu erklären, was ich wollte. Dann wurde ich gefragt:

„Welchen Beruf haben Sie?“

„Ich bin ein einfacher ‚Kolchosnik‘.“ (Landarbeiter)

„Und Ihre Bildung? Haben Sie ein Institut beendigt? Oder früher einmal was geschrieben?“

„Nein“, antwortete ich und wusste schon im Voraus, wie die ausgebildeten Schriftsteller auf mich reagieren würden.

„Und Sie haben einen Roman geschrieben?“

„Ja, man kann sagen. Es ist vielleicht kein richtiger Roman, aber ich habe geschrieben, wie ich konnte.“

Die Männer hinter dem Tisch lächelten, während ich daneben saß und, wie ein Kind, zitternd meine Wintermütze in den Händen knetete. Meine Hoffnung, ein Buch zu veröffentlichen, wurde mit jeder Sekunde geringer...

Ich sagte, dass mein Werk erst in handschriftlicher Form sei, noch korrigiert und mit der Schreibmaschine geschrieben werden müsse und dass ich deswegen auch gekommen sei, um nachzufragen, wie das alles sein müsste.

Die Männer wunderten sich immer mehr. Sie sahen und hörten an meiner Sprache, dass ich wirklich ein ungebildeter Mensch war.

Nachdem ich ihnen alles erzählt hatte, erklärten sie mir, wie ein Manuskript auszusehen habe, um es bei ihnen einzureichen. Dann lobten sie mich noch ganz herzhaft, dass ich es gewagt hatte, einen Roman zu schreiben. Anschließend verabschiedete ich mich von den „mächtigen“ Männern und machte mich auf den Weg nach Hause.

Das war der Anfang von der „Geburt“ dieses Werkes.

Nach einiger Zeit gab ich das handgeschriebene Material ab zum Abtippen und dann lag es eine lange Zeit unberührt da. Erst nach einigen Jahren, schon in Deutschland, versuchte ich das Manuskript zur Korrektur abzugeben, aber das klappte nicht wegen meiner materiellen Verhältnisse.

Wieder vergingen Jahre. Ich wurde Rentner, wollte noch immer etwas schreiben und dann begann ich mit Bücherübersetzungen aus dem Deutschen ins Russische. Dazu gehörten kleine Bücher wie „Genovefa“, „Heinrich von Eichenfels“, „Wasserflut am Rhein“, „Rosa von Tannenburg“ und andere. Sie wurden veröffentlicht, aber mein erster Roman lag noch immer im Bücherschrank und wartete auf seine Zeit. Im Laufe der Jahre schrieb ich andere Bücher, „Margarita und der KGB-Agent“, „Katharina“, „So lebten wir in Russland“ und andere. Insgesamt zehn Bücher.

Inzwischen versuchte ich wieder, jemand meinen Liebesroman anzubieten. Ein Verlag übernahm ihn und er wurde in der Ukraine in russischer Sprache unter dem Titel „Sladkaja Polynj“ (Süßer Wermut) veröffentlicht. Einige Jahre später versuchte der gleiche Verleger, das Buch ins Deutsche zu übersetzen, es klappte aber nicht. Dann verging noch einige Zeit und als ich wenig Beschäftigung hatte, entschied ich mich, das Material noch einmal durchzuarbeiten, einiges zu verändern und es selber ins Deutsche zu übersetzen. So entstand endlich dieses Buch „Süßer Wermut“ in deutscher Sprache.

Womöglich fehlen in diesem Roman die negativen Personen, was den Kontrast des Inhalts immer verringert, aber dagegen kommt das Thema Liebe, Zärtlichkeit und geistiges Gefühl sehr ausdrücklich zum Tragen.

Und jetzt unmittelbar zum Buch „Süßer Wermut“. Womöglich möchtest du, sehr geehrter Leser, am Anfang wissen, um was es sich in diesem Buch handelt. Dann rate ich dir, ganz aufmerksam dieses Vorwort zu lesen.

Wenn wir in Betracht ziehen, dass jeder Mensch seine eigene Meinung hat wie auch seine persönliche, geistliche Überzeugung, und das ist so, dann erlaube ich mir, im Voraus zu sagen, für wen dieses Buch interessant sein wird und für wen nicht.

Zum Beispiel, wenn jemand meint, dass ein Ehepaar ohne Liebe glücklich zusammen leben kann, dann ist dieses Buch für denjenigen nicht passend, weil solcher Mensch die wahrhaftige Liebe gar nicht kennt und deswegen beim Lesen mit den vorkommenden Personen auch kein Mitgefühl erleben kann.

Das Buch ist auch uninteressant für Menschen, die nicht glauben, dass die Liebe ein Menschenleben verändern kann, auch, wenn derjenige fast sein ganzes Leben in Sünden verlebt hat. Ob du, lieber Leser, ein Christ bist oder auch nicht und gerne erleben möchtest, wie ein Sünder ein Zeugnis ablegt, dann wird dieses Buch für dich bestimmt wichtig und interessant sein. Wie gesagt, es gibt leider Menschen, welche die Kraft der Liebe nicht akzeptieren, oder, noch klarer gesagt, der Meinung sind, dass über und von der Liebe zu reden eine Schande sei. Besonders für ältere Leute. Für solche Menschen ist dieses Buch auch nicht geeignet, weil es sich hier von Anfang an um hochwertige und sehr wichtige Gefühle handelt. Gefühle, welche wir Liebe nennen!

Solltest du, lieber Leser, aber einer von denen sein, der da glaubt, dass man mit guten Werken, Achtung und Liebe einen anderen Menschen gewinnen und ihn damit näher zu Gott bringen kann, dann rate ich dir, dieses Buch unbedingt von Anfang bis Ende zu lesen, bis zur letzten Seite. Erst dann kann man den Inhalt dieses Buches ganz verstehen. Ein Sprichwort lautet: „Alles ist gut, was gut endet.“ Der Begriff passt auch zu dieser Geschichte.

Wie schon gesagt, Christen möchten nicht gerne über Liebe zwischen den Menschen sprechen. Aber kann jemand Gott lieben ohne Liebe zu anderen Menschen? Es ist kein Geheimnis, dass eine Beziehung ohne Liebe keinen Menschen glücklich machen kann. Aber, wie wir wissen, ist die Liebe auch sehr vielseitig. Man kann die Liebe auch missbrauchen, sie mit sündigen Taten vertauschen, aber sollten wir dann von solchen Taten nicht wissen wie auch nicht sprechen?

Wenn wir so eine Geschichte lesen, dann erinnern wir uns womöglich auch an unsere eigene Vergangenheit, was in jedem Fall auch nützlich sein kann. Dann können wir vielleicht auch besser unsere eigenen Fehler in uns sehen und verstehen.

Die Liebe ist eine derart starke Kraft, welche imstande ist, sogar über Menschen zu regieren, sie zu leiten, manchmal auch gegen ihren eigenen Willen. Deswegen wird auch gesagt: „Liebe macht blind“. Ist das gut oder schlecht? Eine komplizierte Frage. Wie bekannt ist, steht über Liebe auch in der Bibel viel geschrieben. Vor allem über Liebe zu Gott, aber auch zu unseren Mitmenschen.

Also können wir annehmen, dass Liebe in jedem Fall besser und wichtiger ist als Feindschaft, Uneinigkeit und Hass. Aber können wir Menschen mit der Liebe immer richtig verfahren? Das ist eine andere Frage. Und deswegen kann man auch in einem Roman wie diesen nicht immer nur Positives schildern. Das Menschenleben ist mal richtig, mal falsch, eines gefällt uns, das Andere nicht, aber wir müssen es oft annehmen, wie es ist. Wichtig ist, dass wir Menschen nicht vergessen, dass wir kein Recht haben, unter dem Namen Liebe Gottes Gesetze zu verletzen. Solange die Liebe rein, wahrhaftig und ehrlich ist, kann sie keine Sünde sein, weil sie von Gott eingesetzt ist. Menschen dürfen Liebe nicht mit körperlichem Vergnügen vertauschen. Obwohl solche Gefühle auch dazu gehören, ist das Erste aber wichtiger und wertvoller.

Manchmal sagen ältere Leute: „Was? Du liest Liebesromane?! Nein, das ist nichts für alte Leute...!“ Aber hat die Liebe wirklich eine Altersbegrenzung? Es ist vielleicht sinnvoll zu erwähnen, dass einige Menschen gar nicht wissen, was echte Liebe ist und was sie für eine Wirkung hat? Eine Frau sagte mal, dass sie ihrem Ex-Freund das Schlechteste auf der Welt wünscht, weil er sie verlassen hat... Ist das Liebe? Ein anderer Mann verließ seine Ehefrau deswegen, weil sie zu wenig Geld verdiente. Ist das Liebe?

In früheren Zeiten hat mal eine alte Dame zu ihrer Freundin gesagt: „Mensch! Heirate doch den alten Witwer, der hat ja eine Zentrifuge!“ (Milchschleuder)

So was gibt es auch, aber vielleicht sollten wir mal erfahren, dass es auch andere Liebe gibt. Wenn jemand auf sein eigenes Glück und Leben verzichtet, um andere Menschen glücklich zu machen, ist das echte, wertvolle Liebe! Von solcher Liebe steht in diesem Buch geschrieben. Von einer Liebe, die am Anfang nicht gesetzlich und womöglich ohne Gottes Willen begann, dann aber zuletzt zwei Seelen gläubig wurden und den richtigen Weg zu Gott fanden. Und das auch durch Liebe und Gottes Gnade.

Jakob Bergen

Zum vollen Glück auf der Erde braucht jeder Mensch Glaube, Hoffnung und Liebe...

1. Kapitel

„Artur Iwanowitsch, kommen Sie bitte ins Büro“, sagte der Direktor des Kombinats, als er an dem Arbeitsplatz von Artur Hofmann vorbei ging. Artur Iwanowitsch arbeitete da als Schlosser in der Abteilung für Haushaltsgeräte. Er war etwa 40 Jahre alt und das war auch alles, was seine Kollegen über ihn wussten. Aufrichtig gesagt, ging sein Privatleben auch niemanden etwas an. Zudem wollte der kaum bekannte Herr Hofmann auch nicht viel über sich selbst erzählen. Er war einfach ein zurückhaltender Mann.

Der Arbeitstag hatte gerade erst begonnen. In der Abteilung war viel Technik, die repariert werden sollte, nicht irgendwann, sondern so schnell wie möglich, während des Arbeitstages. Und gerade deswegen gefiel es Hofmann nicht, dass der Direktor, Nikolaj Grigorjewitsch, während der Arbeitszeit ihn unterbrochen hatte. Aber wie gesagt: Die Obrigkeit sieht besser... Man hat sich zu unterstellen. Diese Einstellung hatte sich auch Artur Iwanowitsch zueigen gemacht.

„Was hat dem Direktor nicht gefallen?“ dachte Hofmann, während er ihm folgte. Eigentlich hatte er keine Angst vor dem Vorgesetzten oder Direktor, wie er genannt wurde, weil Hofmann um seine Fähigkeiten und Stellung im Kollektiv gut wusste. Das Arbeitspensum war festgelegt und er lag mit seiner Arbeit voll im Plan, auch wenn es oft große Anstrengungen kostete.

„Kaum hatten die beiden die Schwelle des Arbeitszimmers überschritten, begann der Direktor das Gespräch:

„Artur Iwanowitsch, ich möchte Ihre Meinung hören oder, richtiger gesagt, mich in einer wichtigen Sache von Ihnen beraten lassen!“ Der Direktor schaute Hofmann in die Augen und sagte:

„Setzen Sie sich bitte, Artur Iwanowitsch. Unser Gespräch kann womöglich etwas länger dauern.“

Hofmann setzte sich in den weichen Sessel, der vor dem Schreibtisch des Direktors stand, und wartete.

„So, so“, dachte er bei sich, seinen Blick auf den Verwalter richtend, „also soll ich ihn beraten...“ Eigentlich wunderte ihn das nicht besonders, weil er ein hohes Dienstalter hatte und über gute Fachkenntnisse verfügte. Die Kunden waren stets mit seiner Arbeit zufrieden und das hatte nicht nur einen Wert für das gesamte Kombinat, sondern auch für den Direktor. Hofmann wunderte sich nur, dass er alleine zu dem Gespräch gebeten wurde. Es war kein Geheimnis, dass solche Visiten im Büro auch oft unerwünschte Folgen hatten. Unter den Arbeitern wurden sie als „Reinigung“ bezeichnet.

„Sie, Artur Iwanowitsch“, begann der Direktor, „kennen unsere Arbeitsumstände wie auch den jämmerlichen Zustand unserer Kombinatsräume. Dass sich die Kundenaufträge vermehren, wissen Sie auch. Unsere räumlichen Kapazitäten sind momentan ausgeschöpft. Langfristig beschäftigen wir uns mit dem Ausbau der einzelnen Abteilungen, aber wie können wir jetzt, in unserer Lage, trotz allem produktiv weiter arbeiten?“ Hofmann saß still da und wusste noch immer nicht, was er mit all dem zu tun hatte.

„Also“, fuhr der Direktor fort, „momentan können wir unseren Kunden nicht vieles bieten, obwohl wir dazu verpflichtet sind. Sind Sie damit einverstanden?“ Der Direktor schaute Hofmann in die Augen.

„Ja, Nikolaj Grigorjewitsch, da stimme ich Ihnen zu. Aber wie kann ich Ihnen helfen? Warum erzählen Sie mir das alles?“

„Das erkläre ich Ihnen gleich, Artur Iwanowitsch. Die Sache ist folgende: Zum Beispiel, der Fernsehmeister ist für Reparaturen verantwortlich, ist aber kaum mit der eigentlichen Arbeit beschäftigt. Er hat mehr, wie Sie sicher wissen, mit den ganzen Formularen, Papieren und Bürokratie zu tun als mit seinen unmittelbaren Aufgaben. Diese Arbeit mit den Papieren könnte doch ein weniger qualifizierter Mitarbeiter ausführen. Es würden nicht so viele Fernseher und andere Geräte unbearbeitet bei uns stehen, wenn der Meister weniger belastet wäre. Und jetzt sage ich Ihnen, Artur Iwanowitsch, warum ich dies alles erzähle.“ Der Direktor verschob einige Papiere vor sich auf dem Schreibtisch, als ob er nach etwas suchte, und führte das Gespräch weiter:

„Ich verstehe, dass es für Sie, Artur Iwanowitsch, schwierig ist, in einer solchen räumlichen Enge zu arbeiten, deswegen frage ich Sie jetzt auch: „Können wir denn nicht unsere Arbeit anders organisieren? Ich sage es ganz aufrichtig. Ich sehe nur eine Möglichkeit und das ist die Zusammenleitung Ihrer Abteilung mit der Reparaturannahme.“

„Wie meinen Sie das?“ fragte Hofmann unzufrieden und etwas gespannt. Der Direktor schaute ihn an und sagte:

„Ich kann ja nichts anderes machen. Raummäßig haben wir keine andere Möglichkeit und so müssen wir eben etwas unternehmen. Zu uns kommt jetzt eine Frau. Sie ist Friseurin, aber weil diese Stelle schon besetzt ist, habe ich ihr die Stelle in der neuen Warenannahme angeboten. Wir müssen jetzt nur die Arbeit so organisieren, dass Sie sich nicht gegenseitig stören und die Arbeit effektiver wird.“

„Also wollen Sie, Nikolai Grigorjewitsch, dass eine unbekannte Frau in meiner Abteilung arbeiten soll? Eine Frau, die mich mehr stören als nützlich sein wird?“

„Aber doch nicht so, Artur Iwanowitsch! Warum haben Sie solche Meinung? Diese Frau ist nicht ganz jung, sieht seriös aus und wird Sie bestimmt nicht stören. Zudem benötigt sie nicht viel Platz, nur einen Tisch und das ist alles. Es ist ja nur für eine kurze Zeit. Wenn unser Kombinat ausgebaut ist, bekommt die Frau ein separates Zimmer. Bis dahin aber wird sie in ihrer Abteilung die Bestellungen annehmen müssen. Wie sie wissen, ist dieser Raum der größte.“

„Ich weiß nicht, Nikolai Grigorjewitsch, ich würde viel lieber allein, ohne unnötige Leute, in meiner Abteilung arbeiten. Verstehen Sie, ich kann einfach nicht arbeiten, wenn mich ständig jemand von der Seite beobachtet.“

„Ach, Artur Iwanowitsch! Wenn das aber eine schöne, anständige Frau ist? Wäre es Ihnen dann auch unangenehm, in ihrer Nähe zu sein? Außerdem kann sie Ihnen auch noch die Haare schneiden..., vielleicht sogar kostenlos!“ fügte der Direktor hinzu. Hofmann aber fand die Sache gar nicht witzig und antwortete:

„Nein, Nikolai Grigorjewitsch, die Frau interessiert mich nicht, auch wenn sie eine Königin wäre. Wenn Sie, Genosse Direktor, aber keine andere Lösung haben, dann soll es eben so sein, wie Sie es wünschen. Sie sind der Vorgesetzte und ich werde mich bemühen, mich Ihnen unterzuordnen. Aber eines wünsche ich mir doch, dass diese ‚schöne‘ Frau mich nicht bei der Arbeit stört.“

„Aber selbstverständlich!“ sagte der Direktor und lächelte zufrieden.

Als Hofmann sich erhob, um das Zimmer zu verlassen, sagte der Direktor:

„Artur Iwanowitsch, wenn es kein Geheimnis ist, dann stillen Sie bitte meine Neugierde. Sagen Sie: Wenn diese Frau ein Mann wäre und in Ihrer Nähe sitzen würde, wäre es Ihnen lieber?“ Hofmann bekam ein rotes Gesicht, überlegte kurz und antwortete:

„Sie verstehen mich womöglich nicht, Nikolaj Grigorjewitsch. Ich sage noch einmal: Es ist mir gleich, wer neben mir arbeitet. Ich glaube, Sie wissen, dass ich kein Frauenliebhaber bin.“

„Ich bitte um Entschuldigung, Artur Iwanowitsch, aber ich habe den Eindruck, dass Sie die Begegnung mit dieser Nadeshda vermeiden möchten. Ist das so?“

„Aber nein, Nikolaj Grigorjewitsch! Warum sollte ich das vermeiden wollen? Sie kann hier ruhig arbeiten!“

„Entschuldigen Sie nochmals. Es war natürlich nicht ernst gemeint!“ antwortete der Direktor und sagte: „Ich fragte nur, weil die Frau Sie kennt.“

„Sie kennt mich?“

„Ja, so hat sie es mir gesagt.“

„Wie bitte ist ihr Name?“

„Einen Augenblick“, sagte der Direktor und schaute in die Unterlagen auf seinem Schreibtisch, „ihr Name ist Lewitzkaja. Nadeshda Petrowna Lewitzkaja.“

Hofmann überlegte und sagte:

„Ich kenne diese Frau nicht. Ehrlich gesagt, will ich sie auch nicht kennen lernen.“

„Komisch“, sagte der Direktor, entschuldigte sich noch einmal und fügte hinzu: „Dann machen wir es wie besprochen?“

„Selbstverständlich, Nikolaj Grigorjewitsch. Machen Sie es, wie Sie wollen! Meine Meinung habe ich gesagt“, entgegnete Hofmann und fragte: „Wann fängt sie an?“

„Je schneller, desto besser! Ich hoffe, schon morgen.“

„Gut!“ antwortete kurz Hofmann und verließ das Büro.

Die Angestellte Nadeshda Petrowna, welche die Geräte annehmen sollte, war altersmäßig schwer einzuschätzen. Sie sah noch jung aus, hatte zwei Kinder und, wie Hofmann später erfuhr, hatte früher auch einen Mann gehabt.

Von Nationalität war sie eine Deutsche. Der Vater war auch, wie Tausende andere, unschuldig verhaftet und erschossen worden, die Mutter war verstorben und sie selbst bei Verwandten aufgewachsen. Weil sie mit anderen zusammen verschleppt war und unter Menschen anderer Nationalität lebte, beherrschte Nadeshda nicht vollständig die deutsche Sprache. Nach ihrer Heirat mit einem Russen oder Ukrainer bekam sie auch einen russischen Namen, Lewitzkaja.

Die kurze Zeit, in der sie mit ihrem Mann zusammen gelebt hatte, empfand sie nur als Qual und Enttäuschung, weil ihre Liebe in der Ehe nicht gegenseitig war. Wie gesagt, Nadeshda war nicht nur enttäuscht, sondern auch wirklich unglücklich. Nur weil sie einen wunderbaren Charakter hatte, konnte sie alles überwinden. Und trotz allem glaubte sie an die große Liebe, welche sie aber nie erlebt hatte. Darüber aber hatte Nadeshda Petrowna noch nie gesprochen. Echte Liebe bewahrte sie in sich, in ihrem Herzen auf. Sie glaubte, wenn zwei liebende Menschen sich zusammen bemühen, dann finden die auch ihr großes Glück. Wenn Nadeshdas Freundinnen beim Gespräch zu ihr sagten, dass sie ihr Leben noch vor sich habe und das Glück auch noch mit vierzig Jahren kommen kann, winkte sie nur immer ab und sagte:

„Ich habe zwei Kinder und für sie will ich leben.“

Aber wie es sich bald herausstellte, kannte Artur Iwanowitsch die Frau tatsächlich. Ihre Bekanntschaft hatte schon vor langer Zeit stattgefunden. Deswegen war es auch nicht verwunderlich, dass Hofmann sich nicht mehr an sie und ihren Namen erinnerte und die Begegnung einfach vergessen hatte.

Es war damals ein Zufall oder besser gesagt ein Unglück gewesen, das Artur mit Nadeshda zusammen geführt hatte. Es war im Winter, als Nadeshdas Sohn noch klein war. Dieser lief auf dem ersten dünnen Eis Schlittschuh. Plötzlich brach das Eis und der kleine Junge fiel ins eiskalte Wasser. Ohne Hilfe hätte der Junge es nicht geschafft, bis ans Ufer zu kommen. Artur Iwanowitsch war damals in Ufernähe und holte den Kleinen aus dem Wasser.

Viele Menschen kamen anschließend ans Ufer gelaufen, nachdem das Kind schon gerettet war. Der Junge lag nass auf der kalten Erde, unweit der Einbruchstelle. Keiner bemerkte den Mann mit seiner nassen Bekleidung. Alle schauten auf den Jungen, um welchen sich bereits die hinzugeeilten Ärzte kümmerten.

Als auch die Mutter zur Unfallstelle kam und ihren Sohn sah, nahm sie ihn auf die Arme, drückte ihn fest an sich und war froh, dass er noch lebte. Dann schaute sie sich neugierig um, um zu sehen, wer ihrem Kind das Leben gerettet hatte. Artur Iwanowitsch stand etwas abseits und wrang sein nasses Hemd aus.

„Mein Söhnchen! Mein geliebtes Kind!“ wiederholte Nadeshda unter Tränen. Vor Schreck und Aufregung konnte die Mutter sich schlecht konzentrieren. Sie bedankte sich bei den Ärzten und drückte ihr Kind noch fester an sich, um es mit ihrem eigenen Körper zu wärmen. Dabei flüsterte sie ihm zärtlich beruhigende Worte zu. Erst dann bemerkte sie den halbnackten Mann, von welchem noch immer kaltes Wasser tropfte. Mit ihrem Sohn auf dem Arm eilte Nadeshda zu ihm. Sie ahnte, dass er der Retter ihres Sohnes war und sagte:

„Ich sehe, Sie sind ein guter Mensch, Sie haben meinen Sohn aus dem Fluss gezogen, vielen Dank dafür...!“ Unentschlossen stand sie vor Hofmann und fuhr weiter, mit Tränen in den Augen: „Ich weiß nicht, wie ich mich bei Ihnen bedanken kann, sagen Sie mir wenigstens Ihren Namen!“

„Machen Sie sich keine Sorgen. Ich brauche keine Dankbarkeit“, antwortete Artur Iwanowitsch und versuchte, sein nasses Hemd wieder anzuziehen. Dann sagte er, um die Frau nicht zu beleidigen:

„Mein Name ist Hofmann.“

Der Sohn von Nadeshda Petrowna stand zitternd daneben und schaute hoch zu seinem Retter. Die glückliche Mutter schaute Artur Iwanowitsch in die Augen, umarmte und küsste ihn.

„Entschuldigen Sie mich!“ sagte Nadeshda und setzte fort: „Für mich sind Sie von heute an eine sehr geschätzte Person und wenn es Gottes Wille ist, dann möchte ich mich für Ihre großartige Tat erkenntlich zeigen. Ich weiß noch nicht wie, möchte aber nicht in Ihrer Schuld stehen.“

Seit diesem Ereignis hatten die beiden sich nie mehr gesehen, aber Nadeshda Petrowna hatte sich Arturs Namen gemerkt und sah vor sich noch immer den halbnackten Mann, der ihren Sohn gerettet hatte. Sie wusste auch bei ihrer Bewerbung, wer der Schlosser Hofmann war.

Sie freute sich darauf, im gleichen Betrieb mit Hofmann zu arbeiten. Nicht, dass sie sich Hoffnung machte, mit ihm eine nähere Beziehung einzugehen, sondern weil sie einfach spürte, dass Hofmann ein guter Mensch war und das Arbeiten mit ihm angenehm sein würde.

Artur Iwanowitsch Hofmann hatte fast keine Erinnerungen an seine Eltern. Er hatte in seinem Leben viel Leid erfahren. Seine gläubigen Eltern hatten ihn seit frühester Kindheit religiös erzogen. Sein Vater wurde auf Grund seines Glaubens ständig von den Machtorganen verfolgt. Dann, zu Beginn des 2. Weltkrieges wurde die Familie gewaltsam aus dem Wolgagebiet ausgewiesen, wo viele Deutsche lebten. Sie, wie einige hunderttausend andere Menschen deutscher Nationalität wurden nach Kasachstan deportiert. Das Familienoberhaupt, der Vater, war um diese Zeit schon abwesend. Er wurde gleich zu Beginn des Krieges verhaftet. Das harte Schicksal hatte das Leben und die Träume der jungen Familie zerstört. Artur Hofmann wurde Waise und kam in ein Kinderheim. Später, als erwachsener Mann, zog er ins Uralgebiet, in ein Dorf namens Gorny. Vor langer Zeit hatten Jäger in dieser fast menschenleeren Gegend ein paar Holzhäuser aufgebaut. Sie dienten als Unterkunft in der Jagdsaison. Später siedelten da auch andere Leute an. Sie suchten ihr Glück in der Stille, weit weg von Hast und Lärm. Mit der Zeit wurde die Siedlung immer größer. Mit Einzug der Sowjetmacht, vielleicht auch schon früher, wurden in dieses Taigagebiet politisch Verurteilte verbannt. Jahrzehnte später wurde hier ein großes Holzwerk aufgebaut. Die Siedlung bekam auch einen Laden, eine Schule und andere nötige Betriebe und Geschäfte. Und, wie gesagt, nach Abschluss der Berufsschule fand auch Artur Hofmann da seine neue Heimat. Zuerst lebte er in einem Jugendheim. Dann heiratete er. Wie es aber oft geschieht, erfüllten sich Hofmanns Pläne und Wunsche nicht. Sein Glück und die erste Liebe verwandelten sich recht bald in ein großes Unglück...

In Arturs Seele wurde der Glaube an Gott immer kälter, obwohl er noch einige Zeit die Gottesdienste besuchte. Wahrscheinlich verlor er seinen Glauben deshalb, weil sein Leben sehr hart war. Als er noch im Kinderheim lebte, wurde Artur im atheistischen Geist erzogen, kommunistisch und gottlos. Später hatte er gute, gläubige Menschen getroffen, besuchte durch sie auch wieder das Gebetshaus. Dann heiratete er und es schien, dass in seinem Leben alles in Ordnung sei. Leider war es nicht so. Es erwischte ihn wieder ein großes Unglück.

Nur kurze Zeit lebten Hofmanns in Liebe und Einigkeit. Dann starb kurz nach der Geburt ihr erstgeborene Sohn. Artur schien dies große Unglück zu überleben, wenn nicht noch ein schlimmeres gefolgt wäre...

Seine junge Frau Sinaida war schon während der Schwangerschaft krank. Bei der Geburt hatte sie so gelitten, dass sie danach lange Zeit im Krankenhaus bleiben musste. Dadurch hatte das junge Ehepaar viel Leid erlitten. Jeder neue Tag schien düsterer zu werden. Vor allem für Artur. Zu allem Unglück erwies sich noch, dass seine Ehefrau nicht nur körperlich, sondern auch geistig krank wurde. Wahrscheinlich kam das von den vielen Medikamenten oder durch eine erbliche Veranlagung. So erklärten das die Ärzte. Der unglückliche Artur erfuhr erst viel später, dass Sinaidas Mutter in ihren jungen Jahren auch den Verstand verloren hatte. Während seiner Besuche im Krankenhaus merkte Artur schon, dass mit seiner Frau etwas nicht stimmte. Aus unerklärlichen Gründen wollte sie mit ihm nicht mehr sprechen, freute sich nicht über sein Kommen und wenn sie sprach, dann alles durcheinander.

Zuerst dachte Artur, dass es die Folgen der Narkose und der Medikamente war. Er wandte sich an den behandelnden Arzt und bat ihn um eine Erklärung. Der aber konnte den unglücklichen Artur auch nicht trösten. Die junge Mutter, deren Kind gestorben war, hatte auch ihre eigene Gesundheit verloren. Bis in die späten Abende saß Artur am Bett seiner Frau. Er wollte sie trösten und ihr Hoffnung geben, er sagte ihr, dass sie noch Kinder bekommen und gesund leben würden, aber die Situation wurde nicht besser. Sinaida wollte ihm nicht zuhören. Artur konnte sich nicht erklären, warum sie so aggressiv war. Vorher hatten sie doch so glücklich zusammen gelebt. Sie hatten alles zusammen gemacht, sich über jede neu gekaufte Sache gefreut. Und jetzt, nach der Geburt ihres Kindes, war Sinaida so ganz anders geworden.

„Du hast an allem Schuld!“ sagte Sinaida zu ihrem Mann bei einem Besuch im Krankenhaus. „Du hast mich nie geliebt und wolltest kein Kind. Deshalb ist es auch gestorben! Ich will nicht mehr mit dir leben und du brauchst nicht mehr ins Krankenhaus zu kommen!“

Wegen dieser Worte hatte Artur sehr gelitten. Schweigend hörte er seiner Frau zu und schämte sich, dass die anderen Kranken dieses Gespräch mit anhörten. Der Unglückliche wusste nicht, wie er seine Frau trösten und ihr helfen könnte. Den Ärzten wie auch den Mitpatienten war bewusst, dass die Frau ihren Verstand verloren hatte. Doch keiner wusste Abhilfe zu schaffen. Am schlimmsten aber litt Artur. Er war so niedergeschlagen, dass er keine Lebenskraft mehr hatte. Er mauerte sich in seinem Unglück ein und lebte so, wie er gerade noch Kraft dafür hatte. Er pflegte seine Frau, ging zur Arbeit und hatte keine Hoffnung auf ein besseres Leben.

So schwierig das Leben auch war, gewöhnte Artur sich an sein Schicksal. Er lebte mit seiner Frau unter einem Dach, aber, wie gesagt, war sehr unglücklich...

Wie der Direktor versprochen hatte, begann am nächsten Tag die Umstellung. Neben dem Raum, wo Artur Iwanowitsch mit der Reparatur der Technik beschäftigt war, befand sich noch ein Korridor. Von seiner Abteilung aus, die größer als alle anderen war, gingen die Arbeiter in verschiedene Richtungen. Nun wurde der gemeinsame Korridor mit einer Holzwand geteilt, der Raum wurde kleiner, aber dadurch bekam die neu angestellte Frau einen kleinen Arbeitsplatz. In eine tragende Wand wurde ein Durchbruch für eine Tür gemacht und ein Schild angebracht: „Annahme und Ausgabe von Bestellungen.“

Der Umbau dauerte einige Tage und dann bekam Nadeshda Petrowna Lewitzkaja endlich ihren Arbeitsplatz. Wunderbarerweise hatte die Frau ganz schnell eine außergewöhnliche Arbeitsatmosphäre geschaffen. Das empfand besonders Artur Iwanowitsch.

In den ersten Tagen nach dem Umbau verhielt sich Hofmann so, als ob er die neue Mitarbeiterin gar nicht bemerkte. Trotz allem erregte ihn ihre Anwesenheit in gewisser Weise. Er war es gewohnt, ohne Zuschauer zu arbeiten. Jetzt hatte er das Gefühl, als beobachte ihn jemand ständig. Die neue Frau lenkte ihn unbewusst ab, auch wenn Nadeshda ihm keine Aufmerksamkeit schenkte. Von ihrer Seite aus war alles in Ordnung. Keiner störte den Anderen, aber Artur fühlte sich nicht wohl neben einer Frau. Es lag wahrscheinlich an seinem Charakter. Er fand einfach keine passenden Worte für ein Gespräch. Jede neue Bekanntschaft fiel ihm schwer, aber wenn die ersten Hemmungen bewältigt waren, verwandelte sich Hofmann in einen herzlichen Gesprächspartner. Das war sein Charakter.

Unwillkürlich beobachtete Hofmann die erste Zeit Nadeshda Petrowna und hörte aufmerksam ihren Gesprächen mit den Kunden zu. Artur merkte ganz bald, dass sie sich benehmen konnte und immer höflich war. Wenn es nötig war, verhielt sie sich zurückhaltend und zeigte sich immer von ihrer besten Seite. All diese Eigenschaften schätzte Artur. „Was kann besser sein als ein ruhiger Charakter?“ überlegte Hofmann und dachte dabei an Nadeshda.

Die ersten Tage sprachen sie kaum miteinander. Morgens, wenn sie zur Arbeit kamen, grüßten sie einander und tauschten ein paar allgemeine Worte aus, über das Wetter und so weiter. Manchmal sprachen sie noch über die Arbeit, aber persönliche Gespräche führten sie nicht.

Wer weiß, ob sie überhaupt jemals gute Bekannte geworden wären, wenn nicht ihr Arbeitsverhältnis stattgefunden hätte... Die Beiden suchten kaum Anlass für nähere Kontakte, aber sie arbeiteten immer näher zusammen und mussten ab und zu einander helfen. Erst, als Artur Hoffman erfuhr, dass die neben ihm sitzende Frau eine Deutsche war, gewann sie für ihn an Bedeutung. Einige Male, wenn in der Nähe keine fremden Leute waren, sprach Nadeshda Artur in deutscher Sprache an. Es klang natürlich sehr komisch, mit einem bemerkenswerten Akzent, aber die paar Worte waren für sie sehr wertvoll. Sie waren wie eine Brücke zwischen ihnen.

Im Laufe der Zeit entdeckte Artur Iwanowitsch, der keine weibliche Gesellschaft mehr gewohnt war, dass ihm diese Frau immer wichtiger wurde. Er spürte in sich längst verloren gegangene Gefühle wie Gegenseitigkeit, Mitleid und Freundschaft. Natürlich nicht in dem Sinne, dass er sich verliebt fühlte, aber diese Frau gefiel ihm einfach als eine gute Partnerin.

So verging die Zeit, der Frühling kam und Hofmanns Seele erlebte im gewissen Sinne auch eine Frühlingsstimmung. Der Schnee war fast ganz geschmolzen, nur im Hof unter den Bäumen waren noch einige schmutzige Schneeflecken übrig geblieben. Die warmen Sonnenstrahlen drangen durchs Fenster und gaben den Menschen kund, dass auch der Sommer nicht mehr weit sei.

Mit Eintritt des Frühlings wurde der nicht entsorgte Herbstmüll um das Gebäude herum immer mehr sichtbar. Meistens wurden die Aufräumarbeiten an speziellen sogenannten „Subbotniks“ (Samstagen) ausgeführt. Dies natürlich umsonst, als soziale Leistung. Dieses Jahr wurde eine Ausnahme gemacht. Der Direktor wollte die Aufräumarbeiten ohne Anweisung von oben durchführen. Die Aktion wurde rechtzeitig angekündigt. Am besagten Tag kamen die Leute mit den notwendigen Gerätschaften und in Arbeitskleidung. Einige hatten sogar Taschen mit Essen mitgebracht, weil sie nicht wussten, wie lange dieser außerordentliche Arbeitstag dauern würde. Außerdem machte das gemeinsame Essen im Kreise der Kollegen Spaß.

Früher arbeiteten die Leute an solchen „Subbotniks“ nicht besonders fleißig, ohne Enthusiasmus, aber diesmal war es anders. Die Angestellten gaben sich Mühe und hatten Spaß. Vielleicht deswegen, weil sie sich alle während des langen Winters nach Arbeit an der frischen Luft gesehnt hatten. Überall hörte man Lachen, Witze und verspürte die gute Laune.

Artur Iwanowitsch und Nadeshda Petrowna arbeiteten zusammen. Nicht dass es so gewollt war, aber es ergab sich einfach. Nadeshda kehrte im Vorgarten das Laub vom Vorjahr zusammen und Artur fuhr es mit einer Handkarre weg. Dann tauschten sie die Aufgaben. Die meiste Zeit arbeiteten die Beiden unter einem großen Ahornbaum, vor dem Fenster ihrer Abteilung.

„Es wäre nicht schlecht, hier ein Blumenbeet anzupflanzen“, sagte Nadeshda Petrowna, „ich bin mir aber nicht sicher, ob Blumen hier blühen würden. Unter dem Baum ist immer nur Schatten.“

„Da haben Sie recht“, antwortete Hofmann, arbeitete aber weiter. Nadeshda schaute nach oben auf die mächtigen Ahornzweige und sagte weiter: „Man könnte es aber probieren, ich mag Blumen.“

Hofmann antwortete nicht und arbeitete schweigend weiter. Nadeshda beobachtete ihn von der Seite und dachte: „Warum ist er so verschlossen?“

Als Artur nächstes Mal sich ihr näherte, um die halb verrotteten Blätter in den Korb zu füllen, sprach sie ihn wieder an:

„Artur Iwanowitsch, sind Sie der Meinung, dass wir uns heute einen Tee verdient haben?“ Hofmann schaute ihr lächelnd in die Augen und antwortete:

„Meiner Meinung nach nicht nur einen Tee. Wir arbeiten ja schon ohne Rauchpause.…“

„Das ist ja das Problem, Artur Iwanowitsch, dass Sie nicht rauchen! Deswegen gibt es für uns keinen Grund, eine Pause einzulegen!“ antwortete Nadeshda, fügte aber hinzu:

„Das ist natürlich ein Witz. Mir gefällt es nicht, wenn die Männer rauchen. Ich sage meinem Sohn immer, dass er nicht rauchen soll, sonst werden die Mädchen ihn nicht mögen...“

„Hat ihr Mann auch nicht geraucht?“ fragte Hofmann, weil er kein anderes Thema für das Gespräch finden konnte.

„Oh, mein Mann?! Er hat geraucht, getrunken und gab keine Acht auf meine Bitten. Es gibt solche Menschen, die nicht reagieren auf die Wünsche Anderer. Sie denken nur an sich.“

„War ihr Mann wirklich so ein grausamer Mensch, dass er die Bitten einer so reizenden Frau ignorierte?“

„Reizende, sagen Sie? Danke! Wann habe ich solche Worte zuletzt gehört...?! Aber ist ja gut. Wahrscheinlich bin ich Besseres nicht wert...“ Artur sagte darauf nichts. Um das Gespräch fortzusetzen, fragte Nadeshda:

„Und Sie, Artur Iwanowitsch, hören Sie auf Ihre Frau?“ Die Antwort auf diese Frage interessierte sie wirklich. Sie schaute Hofmann in die Augen und wartete. Artur dachte nach und antwortete:

„Nadeshda Petrowna, ich höre mehr auf die Stimme meines Herzens.“ Nadeshda merkte, dass die Frage nicht passend war, fragte aber weiter:

„Und was sagt Ihr Herz, wenn ich fragen darf?“

„Oh, das ist eine sehr komplizierte Frage, weil ein Menschenherz immer flüsternd spricht. Wissen Sie, das Herz akzeptiert keine Lüge, bittet aber die Wahrheit zu bewahren, was oft sehr wichtig ist.“

„Nun, wenn das so ist, dann bitte ich Ihr Herz um Entschuldigung, Artur Iwanowitsch. Sonst sieht es so aus, als ob ich Ihre persönlichen Geheimnisse erforschen möchte.“

„Natürlich entschuldige ich Ihnen, Nadeshda Petrowna, obwohl ich bei Ihnen keine Schwächen feststellen kann. Jeder Mensch trägt in sich Gutes und Schlechtes.“

„Einverstanden, Artur Iwanowitsch, aber glauben Sie mir, ich habe noch nicht vergessen, das Sie meinen Sohn gerettet haben. Ich bin Ihnen noch immer etwas schuldig.“

„Ach so? Und wie wollen Sie das anstellen, wenn Sie meinen, dass Schulden getilgt werden müssen?“

Dann lachten sie beide. Nadeshda errötete und sagte: „Wissen Sie was, Artur Iwanowitsch? Nach der Arbeit spendiere ich Ihnen eine Tasse Tee. Einverstanden?“

„Aber natürlich! Solches leckere Vergnügen lehne ich nicht ab, Nadeshda Petrowna. Wenn Sie eine Teeliebhaberin sind, dann haben wir was gemeinsam.“

„Das freut mich“, antwortete Nadeshda lächelnd und sagte, „dann wird es mein Dank für Ihre Gefälligkeit sein.“

„Wieso denken Sie, dass ich ein guter Mensch bin? Vielleicht trügt der Schein.“

„Das glaube ich nicht. Mein Herz hat ein Gespür dafür, was gut oder böse ist.“ Nach einer kurzen Pause, während Artur Iwanowitsch die letzten Blätter zusammenkehrte, fügte Nadeshda hinzu:

„Artur Iwanowitsch, ich schwatze womöglich viel zu viel, aber denken Sie bitte nicht, dass ich eine leichtsinnige Frau bin.“

„Auf keinen Fall, Nadeshda Petrowna! So etwas denke ich nicht! Sie sind aber eine lustige Frau und das finde ich gut.“

„Das bin ich, nur leider ist das Leben nicht immer lustig.“

„Ach, ja...“ antwortete nachdenklich Hofmann, wollte aber nicht das Thema vertiefen.

Als die Arbeit zu Ende ging, fragte Artur Iwanowitsch zwei seiner Kollegen in der Nähe:

„Männer, ist es nicht an der Zeit, Mittag zu essen?“ Einer der Beiden schaute auf seine Armbanduhr und sagte:

„Natürlich! Wo ist denn unser Leiter? Es wäre gut zu wissen, was uns nach dem Mittagessen erwartet.“

„Was? Nach dem Mittagessen? Natürlich gehen wir in die Sauna!“ erwiderte der Andere und stellte den Spaten zu Seite.

Die jungen Männer zogen eine Zigarettenschachtel aus ihrer Tasche und begannen zu rauchen.

Hofmann wollte schon nach Hause gehen, aber er hatte noch auf die Anweisungen vom Direktor zu warten. Als er so da stand, hörte er plötzlich Nadeshdas Stimme. Sie sagte laut:

„Hallo, Männer...! Entschuldigung, Kavaliere! Die Damen laden euch in den Speisesaal ein! Beeilt euch, sonst kommt ihr zu spät!“

Daraufhin drehten sich die Männer um und sahen fragend auf die lächelnde Nadeshda. Ob sie wohl einen Witz machte...?

„Was schaut ihr mich so an?“ fragte diese, „kommt, bewegt euch!“

„Wohin laden Sie uns ein?“ fragte Hofmann, der sich nicht ganz schlüssig war. Nadeshda Petrowna wiederholte:

„Artur Iwanowitsch, nehmen Sie die jungen Leute mit und kommen Sie in den Saal Tee trinken!“

Nach diesen Worten verschwand Nadeshda hinter der Tür. Hofmann fand es unhöflich, jetzt fort zu gehen, wenn seine Kollegin ihn so herzlich eingeladen hatte.

Einer der Männer meinte:

„Sollten wir Männer nicht auch was organisieren?“ Was das Wort „organisieren“ bedeutete, wussten alle und Hofmann antwortete darauf:

„Nein, Kolja, es ist nicht nötig, lieber essen wir ohne Alkohol und gehen nach Hause.“

Im Saal erwarteten die Männer bereits mit Tee gefüllte Gläser. Für sich hatte Nadeshda Petrowna einen emaillierten Krug genommen, weil es keine Gläser mehr gab. In der Tischmitte lag ein großer „Pirog“ (Kuchen). Als Hofmann das sah, ging er zu seinem Arbeitstisch, holte aus der Schublade sein Butterbrot heraus, setzte sich an den Tisch und sagte:

„Bitte, probiert auch mein ‚Gericht‘.“

Am liebsten hätte Nadeshda Petrowna jetzt hier allein mit Artur Iwanowitsch gesessen. Das war jetzt aber nicht möglich.

„Ist dies aber ein feierliches Essen!“ sagte begeistert der Radiotechniker Kolja und fügte hinzu:

„Sie verwöhnen uns mit solchen Leckereien, Nadeshda Petrowna. Lasst uns jeden Samstag Subbotniks organisieren!“ Nadeshda lächelte nur und freute sich, dass ihre Mitarbeiter so gerne den selbstgebackenen Kuchen aßen.

„Eigentlich macht sie das ganz toll“, sinnierte Artur Hofmann in Bezug auf Nadeshda. Nachdem alle gegessen hatten und im Aufbruch waren, sagte Nadeshda laut:

„Wollt ihr mich alleine Geschirr spülen lassen?“

„Wirklich, Männer“, sagte jemand, „hier ist Selbstbedienung!“

„Genau“, antwortete lachend Nadeshda und räumte die Gläser zusammen. Artur Iwanowitsch saß, in Gedanken versunken, da... Keiner wusste, was ihm durch den Kopf ging. Als die meisten gegangen waren, schaute Hofmann Nadeshda an und sagte:

„Nun gut, Nadeshda Petrowna, das haben Sie heute gut gemacht. Danke für den Tee und den leckeren Kuchen. Jetzt gehen wir satt und zufrieden nach Hause.“

Die letzten Mitarbeiter waren schon im Flur. Nadeshda packte die übrig gebliebenen Essenssachen ein und merkte, dass auch Hofmann gehen wollte. Sie fragte ihn:

„Artur Iwanowitsch, haben Sie Schlüssel von der Eingangstür?“

„Nein, Nadeshda. Sie haben doch morgens aufgeschlossen!“

Nadeshda suchte in ihrer Manteltasche, holte das Taschentuch heraus und in dem Moment fiel der Schlüssel auf den Boden. Hofmann stand neben ihr und bückte sich augenblicklich, um den Schlüssel hochzuheben. Auch Nadeshda bückte sich und so stießen sie mit den Köpfen zusammen.

„Entschuldigung“, sagte Nadeshda und lachte über die witzige Situation. Während sie zum Schlüssel griff, legte auch Hofmann seine Hand auf ihre. Dann lachten sie beide, schauten sich an und standen langsam auf. Nadeshda bekam augenblicklich rote Wangen und schaute Artur Iwanowitsch in die Augen. Der Blick traf ihn bis ins Innere, aber er bemühte sich, seine Gefühle nicht zu zeigen und zu ignorieren, dass er flüchtig ihren Körper berührt hatte.

Schweigend verließen sie das Arbeitszimmer. Artur Iwanowitsch schloss die Tür ab und gab Nadeshda Petrowna den Schlüssel. Dann verabschiedeten sie sich.

Nadeshda Petrowna eilte nach Hause zu ihren Kindern und vergaß schnell diesen unbedeutenden Vorfall. Bei Hofmann war es ganz anders. Er konnte die angenehmen und aufregenden Gedanken nicht einfach abschütteln.

„Was ist das?“ fragte er sich, „ich bin keine 18 und keine 25 Jahre mehr alt! Warum habe ich dann solche Gefühle? Habe ich nie einen weiblichen Körper gespürt? Was heißt Körper - ich habe sie ja kaum berührt!“ Bei diesen Gedanken schämte er sich über sich selbst. Viele Jahre hatte er nicht derart gespürt, auch nicht an Frauen gedacht und jetzt plötzlich solche Gefühlswallung...? Lag das an dieser Frau? War sie etwas Besonderes...?

Zu Hause angekommen, bemühte Hofmann sich, von den unerwünschten Gedanken loszukommen, aber was er auch machte und wo er sich befand, er sah immer Nadeshda vor sich. Ja, Artur schaffte es einfach nicht, den besonderen Augenblick vom Samstag zu vergessen... Mit einem gewissen Schamgefühl wartete er auf den kommenden Montag, nicht, um zur Arbeit zu gehen, sondern, um Nadeshda zu sehen.

„Nein! Du darfst nicht an eine andere Frau denken! Du bist verheiratet, auch wenn deine Frau krank ist. Irgendwann hast du diese Frau geliebt, doch die Gefühle haben sich mit der Zeit verändert.“

Der unglückliche Ehemann Hofmann gab sich viel Mühe, seine kranke Frau zufrieden zu stellen und mit allem zu versorgen. Wenn sie sich aufregte, wurde sie aggressiv. Wie schwierig das alles für ihn war, wusste Gott allein.

An diesem Abend bat Hofmann Gott vor dem Schlafengehen, ihn von seinen üblen Gedanken und Gefühlen zu befreien. Lange lag er noch wach in seinem Bett und dachte über sein Schicksal nach. „Ich muss strenger zu mir selbst sein“, dachte er, während seine Frau ruhig schlief, „und darf mich nicht an einen fremden ‚Rock‘ hängen. Andererseits, warum müssen einzelne Menschen leiden, wenn sie glücklich sein könnten, ohne dabei anderen zu schaden? Ja, es gibt Moral und Gesetze. Aber es gibt auch besondere Umstände. Wer braucht aber Moral, Gewissen, Treue, Würde und so weiter, wenn sie den Menschen nur zur Last sind?!“

Diese Gedanken quälten Artur immer öfter, aber er konnte mit niemanden darüber sprechen. Nur im Gebet fand er Trost und Erleichterung, aber auch nur für kurze Zeit. Artur versuchte, gegen seine Gefühle zu kämpfen, aber die Kraft der Natur war stark.

Endlich kam der Montag und Hofmann nahm seine Arbeit auf. Zum Glück behelligte Nadeshda ihn nicht mit vielen Fragen und erwähnte auch nicht das vergangene Wochenende.

So verging die Zeit, ohne dass etwas Besonderes passierte. Artur und Nadeshda gewöhnten sich daran, nebeneinander zu arbeiten. Nur hatte der Schlosser Hofmann eine gewisse innere Unruhe und das Verlangen, mit Nadeshda näher zu kommen. Ab und zu saß diese während der Arbeitszeit ohne Beschäftigung an ihrem Tisch und las in der Zeitschrift „Ogonjok“, während Artur sie unauffällig von der Seite beobachtete. Ja, er wagte kaum zu hoffen, dass er mit dieser Frau mehr als eine geschäftliche Verbindung haben würde, und doch sehnte er sich danach. Zwei Kräfte, zwei Stimmen kämpften in ihm. Die eine sagte: „Lass dein Glück nicht an dir vorbei gehen. Sie liebt dich!“ Die andere Stimme flüsterte gegensätzlich: „Bleib vernünftig, Artur! Du bist verheiratet und hast kein Recht auf Liebe mit einer anderen Frau!“

Ja, es war so. Seine Frau interessierte sich nicht mehr für ihn. Ihr Zustand war mal besser, mal schlechter und sogar die Ärzte hatten keine Hoffnung auf Genesung. Für Artur war das eine sehr schwere Prüfung, wie auch eine unerträgliche Qual. Er wusste, wie er als gläubiger Mensch leben sollte, aber unter den Umständen war es nicht so einfach. Der unglückliche, noch recht junge Mann zweifelte von Zeit zu Zeit sogar an seinem Glauben:

„Warum darf ich nicht leben wie alle Menschen? Warum und wofür soll ich leiden und kein Recht auf Glück und gegenseitige Liebe haben? Wer hat einen Nutzen davon, wenn ich körperlich wie auch seelisch leide? Geht es davon jemand besser? Ist das Gottes Wille?“

Solche Gedanken beunruhigten Artur Hofmann immer öfter.

Wenn der gesundheitliche Zustand seiner Frau sich verschlechterte und sie besonders aggressiv wurde, konnte Hofmann nicht mehr mit ihr klar kommen und brachte sie ins Krankenhaus. Nach Ablauf von einem oder eineinhalb Monaten kehrte sie dann wieder nach Hause zurück. Ehrlich gesagt, ging es ihm besser, wenn seine Frau nicht da war. Trotz aller Umstände hatte er nicht vor, seine Frau zu verlassen.

„Sina ist meine Frau und ich habe sie zu lieben und für sie zu sorgen. Nicht nur, weil ich es versprochen habe, sondern weil sie mich irgendwann auch wirklich geliebt hat.“

Er war aber auch nicht frei von anderen Gedanken und er wusste selbst, dass sie sündig waren.

„Vielleicht ist es kein Verbrechen, wenn ich eine Beziehung zur anderen Frau habe? Vielleicht vergibt mir Gott diese Sünde? Er selbst, der Schöpfer des Universums, hat ja die Frau für den Mann geschaffen. Wenn meine Ehefrau mich nicht als Mann benötigt, warum darf ich dann nicht mit einer anderen Frau glücklich sein? Früher war es doch auch üblich, dass gottesfürchtige Männer nicht nur eine, sondern viele Frauen hatten. Habe ich dann kein Recht auf Liebe mit einer anderen Frau? Womöglich hat der liebe Gott mir selbst Nadeshda geschickt, damit wir beide ein bisschen Glück in unserem Leben finden.“

Solche Fragen gaben Hofmann keine Ruhe. Besonders, wenn er alleine zu Hause war. Dann war er unmotiviert, etwas zu tun, und hatte keinen Appetit. In solchen Momenten zog er sich ganz zurück.

Zwei Monate waren vergangen, seitdem Artur Iwanowitsch und Nadeshda zusammenarbeiteten. Sie kannte immer noch nicht seine Familienumstände. Aber man spürte, dass er etwas verheimlichte. Jedes Mal, wenn das Gespräch persönlich wurde, versuchte er es so schnell wie möglich zu beenden. Aber Nadeshda wollte ihn auch nicht ausfragen. Es war ja nicht ihre Sache.

„Jeder hat sein privates Leben“, dachte Nadeshda, „wenn der Mensch sein Geheimnis nicht preisgeben möchte, dann sollte man auch nicht in seine Seele eindringen.“

Nadeshda Petrowna war schon lange Zeit eine geschiedene Frau und bereute es nicht. Das Leben mit ihrem Ex-Mann war sehr schwer gewesen, weil dieser sie immer verachtet und verspottet hatte. Er hatte sie wohl auch nie geliebt. Das war für Nadeshda sehr schmerzhaft. Ihre innere Stimme sagte ihr jetzt, dass Hofmann ein ganz anderer Mensch war.

Eines Tages, als Artur Iwanowitsch noch vor Arbeitsschluss nach Hause eilte, fragte Nadeshda ihn:

„Wahrscheinlich vermisst Ihre Frau Sie sehr, weil Sie so nach Hause eilen!“ Die Frage kam für Hofmann unerwartet, aber weil er den Humor seiner Kollegin schon kannte, erlaubte er sich auch einen Witz. Er sagte:

„Nein, Nadeshda Petrowna, ich habe keine Frau und weil Sie mit mir nichts zu tun haben wollen, eile ich zu einer anderen Freundin.“ Solchen Witz hätte Hofmann sich früher nie erlaubt. Er sah Nadeshda in die Augen und dachte daran, wie schön sie sei. Er sah in den Augen auch einen Schelm leuchten.

„Artur Iwanowitsch, wenn es sich um eine Verabredung handelt, dann dürfen Sie sich nicht verspäten. Sie werden ja wohl nicht lügen...“

„Danke! Aber warum denken Sie so? Trauen Sie mir nicht?“

„Artur Iwanowitsch, ich schätze Sie als einen anständigen Menschen ein. Ich würde nur sagen, Sie sind ziemlich zurückhaltend.“

„So? Das war mir nicht bewusst.“

„Ist Ihnen wenigstens bewusst, dass Sie eben nicht die Wahrheit gesagte haben?“ fragte Nadeshda und lachte.

Dieses Lachen und ihr freundlicher Blick bezauberten Hofmanns Herz. Aber er hielt sich zurück, zog seinen Mantel an und ging zum Ausgang. Als er die Tür schon geöffnet hatte, drehte er sich nochmals um, so, als ob er etwas vergessen hatte:

„Nadeshda Petrowna!“

„Ja, was ist, Artur Iwanowitsch?“

„Auf Wiedersehen!“ Er sah sie an und wartete auf eine Antwort. Aber Nadeshda hatte den Satz nicht sofort verstanden. Mit Verzögerung sagte sie dann doch:

„Ja, ja, Artur Iwanowitsch! Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Verabredung!“ Hofmann verließ den Raum.

„Ein seltsamer Mensch...“, dachte Nadeshda, „aber er ist sehr gutherzig. Warum nur vertraut er sich mir nicht an? Vielleicht ist er wirklich unverheiratet...?“

Nadeshda schaute durchs Fenster und wandte ihren Blick zum großen Ahornbaum. Unter ihm hatten sie mit Artur am großen Subbotnik gearbeitet. Nadeshda erinnerte sich an jedes Wort, das Artur damals gesagt hatte, auch an die letzten Worte zum Abschied. Ja, er meinte, sie wolle nichts von ihm wissen.…

Ach, Artur Iwanowitsch! Wer fragt uns Frauen schon, was wir wollen...? Plötzlich öffnete sich die Tür und eine Männerstimme unterbrach Nadeshdas Gedanken:

„Guten Tag! Nehmen Sie Waschmaschinen zur Reparatur an?“

„Ja, selbstverständlich...“, antwortete Nadeshda automatisch. Aber etwas später dachte sie wieder an Hofmann und seine Worte.

In den nächsten Tagen passierte nichts Ungewöhnliches. Artur und Nadeshda unterhielten sich während der Arbeitszeit nicht oft. Nadeshda meinte, dass er selbst ein Gespräch anfangen müsse, wenn er es für nötig hielt. Artur aber war so mit den Problemen seines Lebens beschäftigt, dass er sich eine Annäherung an eine fremde Frau nicht erlauben konnte. Oder richtiger gesagt, nicht wollte. Er wusste, dass das eine Sünde war. Schließlich, hatte er früher mal vor dem Altar versprochen, bei seiner Sinaida in guten und schlechten Tagen zu bleiben, bis zum Tod.

Eines Tages, sie tranken in der Pause gerade Tee, fragte Nadeshda teils scherzhaft, teils neugierig:

„Nun, Artur Iwanowitsch, wie war Ihre Verabredung mit der Freundin?“

„Welche Verabredung?“

„Die vor drei Tagen, als Sie es so eilig hatten!“

„Ach die...“, antwortete lachend Hofmann und fuhr fort, „wissen Sie, ich habe das schon vergessen.“

„Aber Artur Iwanowitsch! Darf man so schnell seine Geliebte vergessen?“ Artur stellte das halbleere Glas auf den Tisch, hob den Kopf und schaute Nadeshda ganz ernst in die Augen. Sie merkte gleich, dass er etwas Wichtiges sagen wollte. Und wahrhaftig, er sagte:

„Nadja, ich liebe dich!“

Sie schaute ihn ein paar Sekunden an, überlegend, und erwiderte:

„Artur Iwanowitsch, Sie machen wieder Witze, aber sind sie diesmal nicht zu ernst?“ Sie sah in seine Augen und wartete. Artur schwieg. Dann streckte er seinen Arm über den Tisch aus und berührte ihre Hand. Es war ein Moment, in dem Gefühle lauter als Worte sprechen.

Nadeshda spürte die Wärme seiner Hand und senkte ihre Augen. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Dann sagte sie leise:

„Artur Iwanowitsch, lassen Sie das bitte. Es darf nicht sein. Uns kann jemand sehen. Wir sind keine jungen Leute mehr.“

„Nadja, glaube mir, ich mache heute keine Witze. Du hast das Recht, meine Liebe abzulehnen, und ich möchte dich nicht verletzen, aber ich habe eine Bitte: Mache dich über meine Worte und Gefühle bitte nicht lustig!“

Hofmann stand auf, ging zur Tür und schloss sie ab. Nadeshda hörte das Schlüsselgeräusch, drehte sich zu Artur um und stand auf. Was Hofmann jetzt machte, überraschte sie.

„Artur Iwanowitsch, was machen Sie?“ Bevor sie noch etwas sagen konnte, umarmte Artur Nadeshda, drückte sie an sich und sie spürte durch ihr dünnes Kleid seine heißen Hände... Artur schaute ihr in die Augen und bedeckte ihren Mund mit heißen Küssen...

Das war ein Moment, in dem zwei verliebte Menschen ihre große Liebe wie ein Feuer im Herzen spüren.

„Artur Iwanowitsch, wir handeln nicht richtig“, sagte Nadeshda. Er sagte nichts. Seiner Meinung nach, war sein Handeln rechtfertigt. Nadeshda befand sich noch immer in Arturs Händen. Als er sie noch stärker an sich drückte, spürte er keinen Widerstand. „Also ist sie einverstanden und erlebt die gleichen Gefühle wie ich“, dachte Hofmann, während er noch immer den süßen Kuss auf seinen Lippen spürte...

Trotz seines großen Verlangens, diesen Moment zu verlängern, ließ er Nadeshda doch los. Nadeshda bekam rote Wangen und glühte wie Feuer. Das war nicht nur das Liebesgefühl, sondern auch noch Scham. Noch ein paar Augenblicke schaute Artur ihr in die Augen und dann ging er zur Tür, um aufzuschließen. Die Mittagspause ging zu Ende und jeden Augenblick konnten Leute herein kommen.

Als Artur und Nadeshda wieder an ihren Arbeitstischen saßen, schaute sie ihn an und fragte ganz ernst: „Meinen Sie nicht, Artur Iwanowitsch, dass wir etwas leichtsinnig handeln? Zudem ist es hier kein passender Ort für Liebeserklärungen.“

„Nadja, findest du mich wirklich so abscheulich?“

„Warum sagen Sie so etwas, Artur Iwanowitsch? Das ist nicht das, was ich meine. Ich denke, Sie wissen, dass ich keine alleinstehende Frau bin. Aber auch das ist nicht alles. Sie haben wahrscheinlich auch eine Familie und deswegen dürfen wir uns nicht so leichtsinnig verhalten.“