Tausche Alltag gegen Leben - Franziska Schmitt - E-Book

Tausche Alltag gegen Leben E-Book

Franziska Schmitt

0,0
7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Karriere, Freunde, Freizeit – eigentlich läuft alles ganz prima für die Mittdreißigerin Franziska Schmitt. Wenn da nicht dieses Gefühl wäre, die Sorge, dass das jetzt schon alles war. Und so fasst sie einen mutigen Entschluss: Sie kündigt nach über zehn Jahren ihren Job, löst die Wohnung auf und verabschiedet sich von Familie und Freunden, um ein Jahr alleine durch Asien zu reisen und Antworten auf ihre Fragen zu finden. Tatsächlich wird diese Reise ihr Leben verändern, denn von einem dubiosen Wahrsager in Thailand erfährt sie Aufschlussreiches über ihre Zukunft, und obendrein kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung auf Bali …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2013

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Franziska Schmitt

Tausche Alltag gegen Leben

Meine Reise ins Glück

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Karriere, Freunde, Freizeit – eigentlich läuft alles ganz prima für die Mittdreißigerin Franziska Schmitt. Wenn da nicht dieses Gefühl wäre, die Sorge, dass das jetzt schon alles war. Und so fasst sie einen mutigen Entschluss: Sie kündigt nach über zehn Jahren ihren Job, löst die Wohnung auf und verabschiedet sich von Familie und Freunden, um ein Jahr alleine durch Asien zu reisen und Antworten auf ihre Fragen zu finden. Tatsächlich wird diese Reise ihr Leben verändern, denn von einem dubiosen Wahrsager in Thailand erfährt sie Aufschlussreiches über ihre Zukunft, und obendrein kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung auf Bali …

Inhaltsübersicht

Motto

Prolog

Lahmgelebt

Urlaub kann ja jeder

»Sprechen Sie Asiatisch?«

Tausche Alltag gegen Leben

Auf die Nase geküsst

»Reisen ist nicht gut für Sie!«

Wiedersehen auf 3000 Metern

Im Kulturschock

Kopfüber Down Under

Aufbruch im goldenen Land

Epilog

An ein Mädchen, das noch lebt.

An ein Mädchen, dessen Seele lächelnd schwebt.

An ein Mädchen, viel zu tough, es durch den Wolf zu dreh’n.

Ich danke dir, du hast mich an mich erinnert.

Ich und ich war'n einander schon so fremd.

Ich komm zu mir, du hast mich an mich erinnert.

Ohne dich hätt die Welt mich überschwemmt.

aus: »Erinnert« von Silly

Prolog

Folgen Sie mir«, sagte der Mann und lächelte mich freundlich an. Er war fast einen ganzen Kopf kleiner als ich, und ein buntes, weites Gewand umspielte seine hagere Gestalt.

Ich atmete tief durch, zog meine Schuhe aus und trat hinter ihm in eine beeindruckende Halle mit Steinfußboden und bunten Fenstern, durch die warmes Tageslicht fiel. Obwohl es draußen deutlich über dreißig Grad heiß war, umfing mich hier drin eine angenehme Kühle. Mein Blick wanderte über die hellgrün gestrichenen Wände und blieb an wunderschönen alten Holzmöbeln hängen, die entlang dieser Wände aufgestellt waren. Sie wirkten antik und sehr schwer und waren mit kunstvollen Schnitzereien verziert.

Große Glasvasen mit traumhaften Liliensträußen säumten den Eingang, und die Blüten verströmten ihren unverkennbaren Duft. An der Stirnseite der Halle entdeckte ich eine Art Altar, ebenfalls bunt geschmückt mit Verzierungen und frischen Blumen.

Wir hatten nun fast die Tür an der anderen Seite der Halle erreicht, und meine Aufregung wuchs. Noch einmal drehte ich mich um, doch der Mann bedeutete mir erneut mit einer Geste, ihm zu folgen. Nun gab es kein Zurück mehr. Bald schon würde ich den ersehnten Blick in meine eigene Zukunft werfen.

 

Der Mann hatte nun die Tür zu einem angrenzenden Raum geöffnet und winkte mich auffordernd zu sich. Ich beeilte mich, zu ihm aufzuschließen, und begleitete ihn in ein Zimmer, das vergleichsweise schlicht und praktisch eingerichtet war. Auf einem Schreibtisch, der beinahe vollständig von Papierstapeln bedeckt war, entdeckte ich einen Computer. An den Wänden reihten sich Bücherregale aneinander, in denen sich eindrucksvolle alte Folianten befanden. Offenbar wurden in diesem Raum die geschäftlichen Angelegenheiten geregelt.

Der Mann nahm am Schreibtisch Platz und bot mir ebenfalls einen Stuhl an. Dann erklärte er mir, dass er der Assistent des Meisters sei und wir zuerst einige Formalitäten zu klären hätten, bevor der Meister persönlich mit mir sprechen und die Prozedur beginnen würde.

Während er die Papierstapel nach irgendetwas durchsuchte, wanderte mein Blick beinahe ehrfurchtsvoll über die Buchrücken der Folianten. Welches Wissen diese alten Werke wohl enthielten?

Nur noch ein paar Minuten, und ich würde endlich Antworten erhalten. Antworten auf all die Fragen, die mich so lange beschäftigt hatten. Mein ganzes Leben, vom ersten bis zum letzten Tag, würde der Meister vor mir ausbreiten, und ich würde endlich erfahren, ob der Weg, den ich eingeschlagen hatte, der richtige war.

Schon als ich das erste Mal vor vielen Jahren über die geheimnisvollen Palmblattbibliotheken in Indien gelesen hatte, wusste ich, dass ich eines Tages hierherkommen wollte, um mir aus meinem persönlichen Palmblatt vorlesen zu lassen.

Man sagt, dass an diesen spirituellen Orten das Wissen über die gesamte Menschheit gesammelt sei. Niedergeschrieben auf einzelnen Palmblättern, eines für jeden Menschen, der jemals auf der Erde gelebt hat. Darauf festgehalten sind der Tag der Geburt sowie der Tag des Todes und die wichtigsten Stationen und Ereignisse in der jeweiligen Biographie. Die markantesten Einschnitte, die Weggabelungen, an denen man die großen Entscheidungen zu treffen hatte. An genau so einer Weggabelung befand auch ich mich gerade.

Ich war zwar kein besonders gläubiger oder spiritueller Mensch, aber die Vorstellung, dass es ein solches kosmisches Weltwissen wirklich gab, dass es einen Ort gab, an dem wir möglicherweise mehr über unser persönliches Schicksal erfahren konnten, faszinierte mich. Zwar war ich nicht gerade interessiert daran, das genaue Datum meines Todes zu kennen, aber nichtsdestotrotz war ich auf der Suche nach Antworten. In den letzten Wochen und Monaten war mein Leben vollkommen auf den Kopf gestellt worden. Alles hatte sich geändert, nichts war so, wie ich immer automatisch angenommen hatte, dass sich die Dinge entwickeln würden. Ich war auf der Suche nach Erkenntnis, nach Orientierung. Und ich hoffte, hier beides zu finden.

 

»Sind Sie bereit?«, fragte der Mann. »Dann kann es losgehen. Ich werde Ihnen vorab einige Fragen stellen, damit wir Ihr persönliches Palmblatt finden.«

Mein Herz schlug nun vor Aufregung bis zum Hals.

»Lassen Sie uns beginnen«, fuhr er mit feierlicher Stimme fort. »Zunächst benötige ich Ihren genauen Namen und Ihr Geburtsdatum.«

Ich nannte ihm beides, und der Sekretär notierte meine Antworten auf einem Blatt Papier. Anschließend wollte er die Namen meiner Eltern und Großeltern wissen. Obwohl ich aufgeregt war, bekam ich sogar alle Mädchennamen auf Anhieb zusammen und buchstabierte sie ihm. Nach einigen Nachfragen hatte er alles, was er brauchte, notiert und überflog die Angaben mit einem zufriedenen Nicken.

Gleich wird er mein Palmblatt holen, dachte ich aufgeregt, aber noch war es nicht so weit. Es folgten weitere Rituale, die, so erklärte mir der Assistent des Meisters, dazu dienen sollten, das richtige Palmblatt zu finden.

»Gut. Ich habe jetzt alles, was ich brauche«, sagte er nach einer gefühlten Ewigkeit. Meine Nervosität war nun fast nicht mehr auszuhalten. In meinem Magen kribbelte es vor Aufregung.

»Kommen Sie mit. Ich bringe Sie jetzt in den Lesesaal. Dort wird der Meister Sie in wenigen Minuten empfangen.«

Er erhob sich von dem Schreibtisch und ging zur Tür. Ich beeilte mich, ihm zu folgen. Nun wurde es Ernst, gleich lernte ich den Meister kennen, gleich brachten sie mein Palmblatt. Zwischendurch hatte ich schon befürchtet, dass sie es nicht finden würden oder es am Ende keins für mich gab, aber jetzt waren alle meine Zweifel verflogen.

Mit klopfendem Herzen verließ ich hinter dem Sekretär das Zimmer. Erneut schritten wir durch die große Halle mit dem prächtigen Altar und traten aus dem Gebäude. Die Sonne blendete mich, und ich kniff instinktiv die Augen zusammen. Wir überquerten einen kleinen Weg, und der Mann öffnete die Tür zu dem gegenüberliegenden Gebäude. Hinter dieser Tür wartete eine weitere Halle auf uns – das Herz der Palmblattbibliothek. Der Ort, an dem der Meister die Lesungen abhielt.

Ich war erstaunt, wie nüchtern diese Halle ausgestattet war. Auch sie hatte einen Steinfußboden und große bunte Glasfenster. Jedoch konnte ich außer einem imposanten goldenen Thron genau in der Mitte der Halle keine weiteren Möbel entdecken. Ich folgte dem Assistenten des Meisters, der geradewegs auf den Thron zuging. Als er davorstand, drehte er sich zu mir um.

»Warten Sie hier«, forderte er mich auf. »Der Meister wird gleich kommen.«

Ohne ein weiteres Wort verließ er die Halle, schloss die Tür hinter sich und ließ mich alleine vor dem mächtigen Thron zurück.

Es war nun absolut still um mich herum, und ich konnte mein Herz schlagen hören. Gleich war es so weit.

 

Einige Minuten vergingen, ohne dass ein Geräusch von draußen hereindrang. Ich betrachtete die Heiligenbilder an den Wänden, die mich zum Teil freundlich, zum Teil auch ein wenig grimmig zu mustern schienen.

Weitere Minuten vergingen. Meine Handflächen waren vor Aufregung ganz feucht geworden.

Auf einmal hörte ich ein Geräusch draußen an der Tür. Dann öffnete sie sich.

Lahmgelebt

Der Tag, an dem ich zum ersten Mal auf die Idee kam, meinen Alltag an den Nagel zu hängen, war ein Montag.

Es war ein langer Tag gewesen, und ich war heilfroh, endlich zu Hause zu sein. Ich war um vier Uhr aufgestanden, um den ersten Flieger nach Hamburg zu nehmen. Ein Meeting, ein Mittagessen und einen ungemütlichen Rückflug später schloss ich nun todmüde, aber erleichtert meine Wohnungstür auf.

Kaum stand ich im Flur, hörte ich schon mein Telefon klingeln. Kurz nach halb acht. Der wöchentliche Anruf meiner Großmutter. Sie lebte in Leipzig, und wir sahen uns nur alle paar Wochen, wenn ich sie von München aus besuchen kam. Dazwischen telefonierten wir regelmäßig. So wusste ich immer, wie es ihr ging, und auch sie konnte an meinem Leben Anteil nehmen.

Eigentlich war ich an diesem Abend gar nicht in der Stimmung, etwas von mir zu erzählen. Am liebsten hätte ich mich in die Badewanne gelegt und mich anschließend mit einem guten Buch unter die Bettdecke verzogen. Zögernd schaute ich das Telefon an. Meine Omi konnte schließlich auch nichts dafür, dachte ich seufzend und nahm ab.

»Hallo Franzi«, begrüßte sie mich gleich vergnügt. »Na, wo habe ich dich denn jetzt weggeholt?«

Ich gab mir größte Mühe, ebenfalls gute Laune vorzuspielen. »Ach, Omi, ich komme gerade von einer Dienstreise. Ich war heute in Hamburg.«

Da ich ein paar Jahre in Hamburg gelebt hatte und die Hansestadt noch immer sehr vermisste, fiel es mir nicht schwer, fröhlich zu klingen, als ich ihr davon erzählte. Wir tauschten eine Weile unsere Neuigkeiten aus, und schließlich gelang es mir, über meinen Schatten zu springen und meine schlechte Laune abzuschütteln. Meine Stimmung hellte sich auf, und ich berichtete ihr von der Bergwanderung, die ich am Tag zuvor mit meinen beiden Freundinnen Steffi und Elke unternommen hatte. Es war ein herrlicher Tag gewesen, und der Ausblick vom Gipfel über die bayerischen Voralpen hatte mich den Ärger der Arbeitswoche fast vergessen lassen.

Meine Omi hörte mir zu, und ich wusste, dass sie sich für mich freute. Ich liebte es, in der Natur zu sein, und ich nutzte jede Gelegenheit, um nach der Woche im Büro zumindest meine Freizeit im Grünen zu verbringen.

»Sag mal, Franzi«, begann meine Omi auf einmal, »hast du denn nicht mal wieder jemanden kennengelernt? Jemanden, der genauso gerne wandern geht wie du?«

Na prima, dachte ich, und meine gute Laune war mit einem Schlag wieder verflogen. Nun durfte ich auch noch meiner neunzigjährigen Großmutter erklären, was es bedeutete, als Single in der Großstadt zu leben. Heute blieb mir auch einfach gar nichts erspart. Was wollte sie hören? Wie es sich anfühlte, sich auf Singlebörsen im Internet herumzutreiben oder am Sonntagnachmittag alleine spazieren zu gehen?

»Ach, Omi«, wiegelte ich ab, »wenn der Richtige an meiner Tür klingelt, rufe ich dich sofort an. Versprochen.«

Danach versuchte ich, das Gespräch so schnell wie möglich zu beenden. Es war ein unerfreulicher Tag gewesen, und ich fühlte mich leer und erschöpft und wollte einfach nur noch meine Ruhe. Der Geschäftstermin war anders verlaufen, als ich erhofft hatte, das Mittagessen hatte deutlich länger gedauert als geplant, und so war mir keine Zeit mehr geblieben, wenigstens ein paar meiner früheren Lieblingsecken in Hamburg einen Besuch abzustatten. Stattdessen war ich zum Flughafen gehetzt, um meinen Rückflug nicht zu verpassen.

Erschlagen und auch ein bisschen enttäuscht hatte ich das Gate erreicht, kurz bevor das Einsteigen begann. Ich hatte mich auf einen Sessel im Wartebereich fallen lassen und kurz die Augen geschlossen. Da hatte ich den Herrn neben mir – einen Anzugträger um die fünfzig – so laut in sein Handy rufen hören, dass der halbe Flughafen es mitbekam: »… der braucht mal dringend einen Schuss vor den Bug, damit er weiß, dass sich die Zeiten geändert haben.«

Na wunderbar, hatte ich gedacht, auf Ruhe brauche ich hier wohl nicht zu hoffen. Genervt hatte ich wieder die Augen geöffnet und die Leute um mich herum beobachtet. Hauptsächlich waren es Männer, die irgendwie alle gleich aussahen: dunkler Anzug, Handy am Ohr, und sie wirkten unheimlich wichtig, wie sie da so telefonierten. Es ging um Bilanzen, Zahlen, ein neues Software-System oder den Chef eines anderen Bereichs, der »einfach unfähig« sei und »zu feige, unbequeme Entscheidungen zu treffen«.

Endlich wurde zum Boarding aufgerufen. Langsam hatte ich meine Jacke und Tasche zusammengepackt und überlegt, ob ich noch einen Moment sitzen bleiben sollte, bis die meisten eingestiegen waren. Mir hatte das frühe Aufstehen noch in den Knochen gesteckt, und ich war nicht sehr scharf darauf gewesen, lange in der Schlange zu stehen. Offenbar war ich die Einzige, die so dachte. Die Geschäftsmänner jedenfalls sprangen wie auf Kommando auf, und dann hatte das große Drängeln begonnen. Anscheinend zählte nur, als Erster an Bord zu sein. Warum eigentlich? Gab es einen Preis zu gewinnen, von dem ich nichts wusste? Es spielte doch nun wirklich keine Rolle, ob man mit dem ersten, zweiten oder letzten Drittel in die Maschine gelangte. Der Platz war ja bereits gebucht, den konnte einem keiner mehr wegnehmen. Und Raum für Gepäck war auch genug vorhanden. Zur Not konnte man den Laptop auch unter den Vordersitz schieben, dann hatte man ihn nach dem Starten auch schneller wieder zur Hand.

Ich hatte den Kopf geschüttelt. Was sollte das denn? Aber natürlich hatte ich es gewusst: Es ging nicht darum, als Erster in der Maschine zu sein, sondern darum, das Alpha-Tier rauszulassen. Es den anderen zu zeigen. Mich hatte dieses Verhalten in diesem Moment so richtig angewidert. Das war es also, worauf es ankam? Darauf sollte man stolz sein können? Wenn erfolgreich bedeutet, so zu sein, dann pfeife ich auf Erfolg, hatte ich trotzig gedacht.

Als ich ein paar Minuten später meinen Platz erreicht hatte, hatte ich zu allem Überfluss festgestellt, dass der Mann, der am Gate so laut telefoniert hatte, direkt neben mir saß. Und natürlich war er schon wieder oder immer noch in sein Telefonat vertieft gewesen. Erst als der Flieger bereits in Richtung Startbahn gerollt war und die freundliche Stewardess ihn zum dritten Mal aufgefordert hatte, das Handy auszuschalten, war er widerwillig dazu bereit gewesen.

Ich hatte ihr insgeheim gedankt, dass sie hartnäckig insistiert hatte und ich von seinen weiteren Ausführungen am Telefon hatte entkommen können. Aber meine Erleichterung hatte nicht lange angehalten, denn nun hatte er seine Taktik geändert. Handy und Laptop hatte er nicht benutzen dürfen, und einfach mal die Augen schließen und ausruhen, das war natürlich nichts für eine Führungskraft wie ihn. Was war also geblieben? Richtig: Er hatte die große Tageszeitung herausgeholt und sie geräuschvoll auseinandergefaltet. Da er es gewohnt war, so viel Raum in Anspruch zu nehmen, wie er wollte, hatte es ihn auch nicht im Geringsten gestört, dass er mir seine Zeitung dabei direkt vors Gesicht gehalten hatte.

»Könnten Sie bitte Ihre Zeitung auf Ihrem Platz lesen?«, hatte ich ihn mit einem leicht gereizten Unterton gebeten.

Er hatte mich leicht verblüfft angeblickt, offenbar war er keinen Widerspruch gewohnt. Aber zumindest hatte er seine Lektüre nun nicht mehr direkt vor mir ausgebreitet.

Um mich abzulenken, hatte ich nach dem Magazin gegriffen, das ich beim Einsteigen aus einem der Zeitungsständer mitgenommen hatte. Ich hatte es auf meinen Schoß gelegt, es aber nicht geöffnet. Eigentlich war ich viel zu müde gewesen, um zu lesen. Ich hatte die Augen geschlossen und an unsere Wanderung von gestern gedacht. An die majestätischen Bergspitzen der Voralpen, die blauen Gebirgsseen und die tiefe Zufriedenheit, die mich erfüllt hatte, als ich den Gipfel erreicht hatte. Wann hatte ich mich eigentlich das letzte Mal im Job so glücklich und mit mir selbst im Reinen gefühlt?

 

Wann war ich das letzte Mal mit meinem Privatleben so richtig zufrieden, dachte ich nun seufzend. Das Telefonat mit meiner Omi ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Auch wenn ich es nicht gerne zugab, sie hatte mit ihrer Frage den Finger zielsicher in die Wunde gelegt. Natürlich genoss ich einerseits meine Freiheit als Single, wusste es zu schätzen, dass ich spontan sein und tun und lassen konnte, was ich wollte. Meine Freundinnen anrufen und etwas unternehmen, ohne auf einen Partner Rücksicht nehmen zu müssen. Den Sonntag mit einem Buch auf der Couch verbringen und nicht die Schwiegereltern besuchen müssen. All das eben.

Andererseits gab es hin und wieder auch die schwachen Momente, in denen ich mich danach sehnte, nicht alleine frühstücken zu müssen. Mich oben auf dem Berg an meinen Freund zu kuscheln und mit ihm gemeinsam die Aussicht zu genießen. Nicht noch schnell auf dem Heimweg etwas beim Asiaten zu bestellen, sondern für zwei Personen zu kochen. Natürlich wollte ich abends lieber mit den Worten »Hallo, schön, dass du da bist« als von meiner leeren Wohnung begrüßt werden.

Auch wenn ich an den meisten Tagen mit meinem Single-Dasein kein Problem hatte, auf Dauer war ich einfach kein Einzelkämpfer, sondern ein »Teamplayer«. Wenn ich zurückdachte an früher, erinnerte ich mich, dass ich immer die Vorstellung gehabt hatte, mit Mitte dreißig einen Mann und eine eigene Familie zu haben. Ich hatte es einfach automatisch angenommen und nie in Frage gestellt. Jetzt war ich Mitte dreißig, aber eine Familie war nicht mal in Sichtweite.

Zumindest einen Partner wünschte ich mir, wenn ich ehrlich war, doch sehr: morgens gemeinsam aufwachen, abends gemeinsam einschlafen. Zusammen lachen, wenn ein Glas kaputt geht oder das Essen anbrennt. Miteinander reden, einander verstehen. Kompromisse füreinander eingehen. Jemanden haben, der für mich da war und der mich für ihn da sein ließ. Ja, ich hätte gern eine richtige große Liebe gehabt, die auch nicht so leicht an Schwierigkeiten zerbrach.

Was soll’s?, dachte ich, im Grunde bin ich doch zufrieden mit meinem Leben. Ich hatte schließlich alles. Doch sosehr ich mich auch anstrengte, mich selbst davon zu überzeugen, desto weniger gelang es mir.

Um mich auf andere Gedanken zu bringen, nahm ich erneut das Magazin in die Hand, das ich im Flugzeug ungelesen in meine Tasche gestopft hatte. Es war ein Reisemagazin. Auf jeder Seite ging es um atemberaubende Landschaften, aufregende Kulturen und faszinierende Städte. Plötzlich blieb mein Blick an einem Foto hängen: Es zeigte einen See irgendwo, der nicht von dieser Welt zu sein schien. Er war rundum perfekt, dunkelblaues Wasser, kleine Fischerboote und idyllische Hügelketten am Horizont.

Ich konnte nicht aufhören, das Foto anzustarren und den Anblick dieses Sees in mich einzusaugen.

Schluss. Genug. Mir reicht es. Ich will nur noch weg von hier, schoss es mir auf einmal durch den Kopf. Und dann setzte sich das Gedankenkarussell in Gang: War das jetzt schon alles, würde mein Leben immer so weitergehen? Immer nur Arbeit, die mir meine Kraft raubte, mir aber nichts zurückgab? Der Traum von der Liebe, würde er jemals für mich in Erfüllung gehen? Oder würde sich nur ein grauer Alltag an den nächsten reihen? Wie war ich eigentlich in dieses Hamsterrad geraten, das sich Leben nannte? Und wie sollte ich mein Leben ändern?

Natürlich waren mir derlei Gedanken schon häufiger gekommen. Sie begleiteten mich seit langem durch den Alltag wie der Stau auf dem Weg zur Arbeit. Normalerweise hatte ich sie kurz zugelassen und sie dann schnell wieder weggeschoben, irgendwohin in die hintersten Winkel meines Gehirns. Auch jetzt kämpfte ich gegen meine trübe Verfassung an, so gut ich konnte. Doch es gelang mir nicht. An diesem Tag, so schien es, vermochte nichts mich aufzuheitern.

Ein Gefühl des Unbehagens hatte sich schon länger in mir ausgebreitet, ohne dass ich es wahrgenommen hatte. Jetzt drängte es sich geradezu in mein Bewusstsein und überforderte mich vollkommen. Was war heute nur mit mir los? Lag es an dem Telefonat mit meiner Omi, an dem Tag in Hamburg, dem Rückflug oder daran, dass alles zusammengekommen war?

Ratlos ging ich ins Bett und schaltete das Licht aus. Ich hatte das Gefühl, als hätte sich der Himmel über mir unbemerkt immer weiter zugezogen. Nun, da ich es wahrgenommen hatte, war er bereits nachtschwarz und wolkenverhangen. Mich beschlich eine Ahnung, dass er so schnell nicht wieder aufreißen würde.

Dass sich gerade ein wahrer Wirbelsturm anbahnte, der keinen Stein auf dem anderen lassen sollte, konnte ich noch nicht ahnen.

***

Eigentlich bin ich eine überzeugte Optimistin. Das war ich schon immer. Auch wenn es mal nicht rundlief, war ich felsenfest davon überzeugt, dass schon alles gut werden würde.

Das Leben erschien mir immer bunt und aufregend. Hamburg, München – ich liebte es, in der Großstadt zu leben, wo ich von Angeboten und Möglichkeiten geradezu überschwemmt wurde. Eigentlich stammte ich aus einem kleinen Dorf in Brandenburg, ganz in der Nähe von Potsdam. Aufgewachsen bin ich zu DDR-Zeiten. Als die Mauer fiel, war ich 15 Jahre alt. Zu jung, um wirklich viel mitzubekommen, aber alt genug, um Erinnerungen an diese Zeit zu haben. Wie alle meine Freunde war auch ich bei den Pionieren gewesen und hatte mein Halstuch mit Freude getragen. Es hatte uns Spaß gemacht, und dass bitterer Ernst dahintersteckte, war uns als Kindern natürlich nicht bewusst gewesen. Der Staat, in dem ich aufwuchs, hatte nicht lange genug bestanden, um Einfluss zu nehmen auf mein Leben als Erwachsene. Ein großes Glück für mich.

Als ich 1993 mein Abitur in der Tasche hatte und mir im frisch wiedervereinigten Deutschland Möglichkeiten offenstanden, von denen meine Eltern nur hätten träumen können, war ich vor allem ratlos. Was nun?

Die Schule hatte mich nicht weiter geprägt. Ich war immer eine gute Schülerin gewesen und hatte meinen Abschluss ohne größere Probleme geschafft. Aber Ideen, wie es danach weitergehen sollte, hatte ich nicht.

Meine Eltern schlugen mir vieles vor, doch keine ihrer Ideen konnte mich wirklich überzeugen. Auch meiner Schwester Dinah – drei Jahre jünger als ich – fiel es schwer, mir etwas zu raten.

»Studier doch BWL«, riet mir ein Onkel, »damit kannst du später alles machen.«

Klingt gut, dachte ich. Eine Entscheidung musste her, also probierte ich es tatsächlich mit dem BWL-Studium. Die Zeit an der Uni war leicht und unbeschwert. Ich genoss meine Freiheit, und damals packte mich zum ersten Mal das Fernweh. Als eine der Ersten in meinem Jahrgang meldete ich mich für ein Auslandssemester und verbrachte ein viel zu kurzes, dafür aber umso lustigeres halbes Jahr in den Niederlanden. Direkt im Anschluss meines Studiums, das Diplom hatte ich gerade in der Tasche, schien es mir ratsam, meine Englischkenntnisse aufzupolieren, und so zog es mich für ein weiteres knappes halbes Jahr nach England. Allein an einem fremden Ort mit einer fremden Sprache, überall warteten neue Eindrücke auf mich, es war einfach großartig! Meine Reiselust war geweckt – allerdings musste ich sie vorerst hintanstellen, denn wichtiger war mir nach meinem Abschluss, einen Job zu finden.

Auch wenn die Arbeitsplätze zu dieser Zeit nicht gerade auf der Straße lagen, war ich zuversichtlich, dass ich Glück haben würde. Ich war jung, gut ausgebildet und voller Tatendrang. Was sollte schon schiefgehen? Und tatsächlich: Ein großer internationaler Industriekonzern mit Sitz in Hamburg suchte eine Marketingfachfrau. Das war genau mein Ding. Ich bewarb mich, sie luden mich ein, und ich bekam die Stelle. Ich platzte vor Stolz und konnte es kaum abwarten, in Hamburg neu anzufangen.

In die Hansestadt hatte ich mich auf Anhieb verliebt. Stundenlang konnte ich am Hafen sitzen, den Containerschiffen zuschauen und die Atmosphäre in mich aufnehmen. Zum ersten Mal wohnte ich nun in einer Großstadt, und es war wunderbar.

Der Job war genau das, was ich mir immer gewünscht hatte. Alles war neu und aufregend, ich hatte tolle Kollegen, und mit Feuereifer stürzte ich mich in die Arbeit. Es gab viel zu tun: Marktforschung betreiben, Produktanforderungen definieren, Markteinführungen von neuen Produkten vorbereiten und durchführen, Messeauftritte organisieren, Ansprechpartner für den Vertrieb sein und so weiter. Ich ging auf in meinem Beruf, fand alles hochspannend. Natürlich musste ich viele Überstunden machen, aber das störte mich nicht. Der Job machte Spaß, und ich war so stolz darauf. Dass ich immer später das Büro verließ, fiel mir gar nicht weiter auf.

Nach ungefähr fünf Jahren bekam die glänzende Fassade meines Arbeitslebens erste Risse. Immer häufiger hatte ich das Gefühl, nur noch dasselbe zu tun, nicht mehr gefordert zu sein, mich in meinem Beruf zu langweilen. Auch wenn die Inhalte sich änderten, passierte doch immer nur dasselbe.

Ich war noch nicht bereit für Routine, also streckte ich meine Fühler aus. Während eines Seminars lernte ich einen Kollegen aus einer anderen Abteilung kennen. Er erzählte mir von einem neuen Geschäftsbereich, der aufgebaut werden sollte – allerdings in Bayern. Dafür wurden noch Leute mit Marketingerfahrung gesucht. Ich war begeistert: Aufbauarbeit! Das kam genau zur richtigen Zeit!

Kurz entschlossen rief ich den Bereichsleiter an. Nach einigen Gesprächen und Verhandlungen wurden wir uns einig. Ich brach meine Zelte im Norden ab und zog einmal komplett durch die Republik nach München. Da war ich gerade dreißig.

»Ich habe keine Ahnung von Marketing. Aber es ist eine Schlüsselposition und muss funktionieren. Deshalb habe ich Sie eingestellt.« Mit diesen Worten empfing mich mein neuer Vorgesetzter an meinem ersten Arbeitstag. Prima, dachte ich. Ich hatte freie Hand, konnte eigentlich nichts falsch machen – es gab ja keinen Vergleich, da wir bei null anfingen. Und erneut stürzte ich mich voller Elan und Begeisterung in die Arbeit.

Während der ersten Jahre war ich voller Motivation, arbeitete manchmal fünfzig, sechzig Stunden pro Woche, reiste quer durch Europa und hatte das Gefühl, ein großartiges Leben zu führen.

Mir fehlte nichts, ganz im Gegenteil: Die Arbeit lenkte mich davon ab, dass es in meinem Privatleben zu kriseln begann. Mein damaliger Freund und ich hatten uns in Hamburg kennengelernt und dort zusammengelebt. Als man ihm eine interessante neue Stelle im Rhein-Main-Gebiet anbot, unterstützte ich ihn. Ich hatte Verständnis für seine Situation und konnte auch mit einer Fernbeziehung gut leben. Als ich allerdings nach Bayern zog, begann schleichend unsere Krise. Wir versuchten einiges, um wieder zueinanderzufinden, aber nach fünf gemeinsamen Jahren trennten wir uns schließlich. Ich hatte lange daran zu knabbern, denn eigentlich hatte ich die Trennung nicht gewollt.

Doch ich blickte nach vorn: Gut, ich war nun wieder Single und hatte noch keine eigene Familie, wie ich es eigentlich immer gehofft hatte. Sicher fehlte mir etwas von Zeit zu Zeit, aber so war es eben. Dafür baute ich mir in München einen neuen Freundeskreis auf, der vielleicht sogar eine Art Ersatzfamilie für mich wurde.

Meine Freundinnen, allen voran Steffi und Elke, waren in einer ähnlichen privaten und beruflichen Situation, und so füllten wird das, was an freier Zeit für unser Privatleben »übrig« blieb, gemeinsam. Wir verabredeten uns zu Koch- oder Restaurantabenden, gingen ins Kino, ins Theater oder in die Oper. Am Wochenende fuhren wir in die Berge oder an einen der Seen, und wir machten sogar mehrmals zusammen Urlaub.

Alle waren wir bei irgendeiner Singlebörse angemeldet, und wir verbrachten viele Stunden mit dem Auswerten unserer Erlebnisse mit »potenziellen Partnern« – wobei die Gespräche darüber meistens wesentlich vergnüglicher waren als die Treffen selbst. Ich genoss die Zeit mit meinen Freundinnen, und ich vermisste nichts. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, ein erfülltes, spannendes und abwechslungsreiches Leben zu führen – beruflich wie privat.

In meinem anfangs so geliebten Job war ich jetzt nach einigen Jahren am Ziel. Das Marketing war aufgebaut. Prozesse und Instrumente standen. Eigentlich wäre nun der ideale Zeitpunkt für neue Ideen, für neue Projekte, für neue Herausforderungen. Möglicherweise auch für berufliche Veränderung, für Aufbruch, für eine ganz neue Richtung. Ich überlegte, ob ich im selben Unternehmen bleiben oder noch einmal umziehen und an einem ganz anderen Ort neu anfangen wollte.

Eigentlich war es eine spannende Zeit. Etwas Neues gestalten, das war doch genau mein Ding.

Aber seit jenem verhängnisvollen Montag, an dem ich zum ersten Mal die dichten Wolken über meinem Leben bemerkt hatte, hielt mich irgendetwas zurück. Das vage Gefühl des Unbehagens, es blieb auch in den kommenden Wochen und ging nicht mehr weg. Nach einer Weile brachte es schließlich noch die Zweifel mit. Führte ich wirklich das Leben, das ich mir gewünscht hatte? War es das jetzt?

Immer weniger wusste ich eine Antwort darauf. Dafür fielen mir häufiger Dinge auf, die mich störten, und zwar so sehr, dass ich sie auf einmal nicht länger ignorieren konnte. Vor allem in meinem beruflichen Umfeld gab es zunehmend Situationen, die mich nervten.

Einige Wochen nach meiner Dienstreise nach Hamburg saß ich abends noch mit ein paar Kollegen in einem Restaurant zusammen. Zunächst sprachen wir über die Arbeit und die aktuellen Projekte. Das Essen war gut, der Wein schmeckte, die Stimmung war gelöst. Mit der Zeit wurde es privater, und wir alle erzählten, was bei uns gerade so anstand. Auf einmal merkte ich, dass mich irgendetwas störte. Ich kam nicht gleich darauf, was es war. Dann realisierte ich es. »Ein alter Schulfreund von mir, er ist übrigens in der ersten Managementebene einer Unternehmensberatung …«, erzählte gerade ein Kollege. Drei Sätze später konterte ein anderer: »Meine Schwester, die einzige weibliche Bereichsleiterin in einem großen Konzern …« Der nächste schaltete sich ein: »Mein Vater, Inhaber einer sehr renommierten Anwaltskanzlei …« Erstaunt und auch befremdet folgte ich den Erzählungen meiner Kollegen und fragte mich, warum sie es nötig hatten, so penetrant unauffällig auf Titel und Positionen ihrer Verwandten und Freunde hinzuweisen. War das denn wirklich etwas so Wichtiges?

Warum legten wir nur so viel Wert auf Titel und große Erfolge, fragte ich mich. War die Schwester weniger Schwester, wenn sie nicht Bereichsleiterin geworden wäre? Der Vater weniger Vater, wenn er nicht in der renommierten Kanzlei arbeitete? Und wäre der Freund kein Freund, wenn er »nur« Produktmanager wäre? Warum mussten wir alle immer weiter, höher, schneller sein? Warum waren wir nur stolz, wenn wir es weit nach oben schafften? Warum zählten Titel und Positionen mehr als zum Beispiel Charakter, Charme oder Lebensfreude? Warum hatten wir immer das Gefühl, etwas Besonderes, etwas unglaublich Erfolgreiches darstellen zu müssen? Waren das wirklich unsere Werte, unsere Maßstäbe?

Wenig später hörte ich in einer Talkshow den Moderator und Schriftsteller Dieter Moor sagen: »Man muss auch scheitern dürfen.« Ich verliebte mich auf der Stelle in diesen Satz. Er sprach mir aus dem Herzen, und das, obwohl ich selbst noch nie »gescheitert« war. Auch wenn sich mein Leben alles andere als erfolgreich anfühlte.

Was mir jahrelang so spannend und aufregend erschienen war, nervte mich jetzt nur noch, und ich wollte auf keinen Fall dazugehören. Wenn ich von nun an auf Dienstreisen war, ließ ich den Laptop am liebsten in der Tasche und griff stattdessen zu meinem MP3-Player oder einem Buch. Am liebsten hätte ich mich noch umgezogen, den Hosenanzug gegen Jeans und Pulli getauscht. Statt der Laptop-Tasche mit dem Rucksack reisen, wie schön wäre das! Ach ja, mein Rucksack. Wann hatte ich den eigentlich zuletzt mitgehabt? Wann war ich eigentlich zuletzt unterwegs gewesen? In irgendeinem Land, in dem ich nur für mich war, weil es mich interessierte, und nicht, weil es um Marketingkonzepte ging?

Aber was sollte ich tun? Ich wusste keine Antwort. Stattdessen machte ich einfach so weiter wie bisher, versuchte, die düsteren Gedanken zu verdrängen. Etwas weniger genervt zu sein. Doch als der Frühling in den Sommer überging, spürte ich, dass ich unendlich müde geworden war. Ich hatte mich lahmgelebt. Und ich war verwirrt: Wie hatte es nur so weit kommen können? Warum hatte ich den Spaß an meinem Leben verloren? Und: Ging dieses Gefühl von allein wieder weg?

Ich fühlte mich immer verlorener, als steckte ich in einer Sackgasse ohne Ausweg. Oder in einem Spaceshuttle, das durch ein fremdes Universum irrte, in dem es gar nicht sein wollte. Und mir wurde bewusst, dass ich nicht mehr herausfand. Ich konnte nicht vor und nicht zurück.

Wenn ich morgens aufwachte, brauchte ich immer länger, bis ich aufstehen konnte. Manchmal lag ich in meinem Bett und es fiel mir schwer, mich nur zu bewegen. Arme und Beine lagen reglos neben mir, als würden wir nicht zusammengehören. Stundenlang verharrte ich dann in derselben Position, auf die linke Seite gerollt, Beine angewinkelt, und starrte aus dem Fenster. Was war nur mit mir los? Warum hatte ich keine Lust und keine Kraft mehr? Zu gar nichts. Ich verbrachte ganze Tage mit Nichtstun, fuhr immer mehr den Kontakt zu meinen Freundinnen herunter, ich wollte sie nicht mit meiner nahezu depressiven Laune belästigen. Auch von meiner Familie zog ich mich zunehmend zurück.

Was passierte nur mit mir?, fragte ich mich. Die anderen hatten das doch auch nicht. Die kamen doch auch klar mit ihrem Leben. Was machte ich falsch?

Was war das hier, eine Midlife-Crisis? Burnout? Wie lange dauerte so was? Würde das von alleine wieder vorbeigehen? Und wenn ja, wann?

 

Zumindest einen Lichtblick gab es: Steffi und ich hatten im Juli eine Reise in die Mongolei gebucht. Das war schon immer ein Traum von mir gewesen, und umso mehr freute ich mich, als sich meine Freundin meinen Reiseplänen anschloss. Wir hatten einen halbwegs günstigen Anbieter gefunden, der eine Gruppenreise organisierte. Eigentlich war das nicht unser Ding, aber die Beschreibung klang einfach zu gut: Drei Wochen lang mit Jeeps durch die Mongolei fahren, Land und Leute kennenlernen, in Zelten und manchmal in Jurten übernachten und echten Nomadenfamilien begegnen. Darauf sollten wir uns vorbereiten, indem wir unser Repertoire an deutschen Volksliedern aufpolierten, informierte uns der Reiseveranstalter. Offenbar waren die Mongolen nicht nur ein gastfreundliches, sondern auch ein sehr musikalisches Volk, und sie schätzten es, die Lieder ihrer Gäste zu hören. Steffi und ich hatten viel Spaß, uns gegenseitig vorzusingen, was uns noch aus dem Musikunterricht im Gedächtnis geblieben war.

Ich war voller Begeisterung über die anstehende Reise und konnte es kaum abwarten, endlich in den Flieger zu steigen. Doch bis es so weit war, würde es noch ein paar Wochen dauern, und ich setzte mir als Ziel, zumindest noch so lange durchzuhalten.

An dem Wochenende vor dem Urlaub klingelte abends das Telefon. Da ich wusste, dass es meine Schwester Dinah war, nahm ich ab. Sie hatte die letzten Wochen hartnäckig dagegengehalten, wenn ich versuchte, mich zu Hause einzuigeln. Ich kannte meine Schwester, sie erlaubte mir nicht, dass ich mich gehenließ. Ihr konnte ich nichts vormachen, bei ihr musste ich noch nicht einmal versuchen, gute Laune vorzutäuschen. Dinah kannte mich einfach zu gut.

Obwohl meine Schwester in Berlin lebte, sahen wir uns regelmäßig. Ich hing sehr an meiner Familie, und ich setzte mich ungefähr alle sechs Wochen freitagabends ins Auto und fuhr Richtung Norden. Bei meinen Eltern war es ganz anders als in München. Viel ruhiger, und vor allem erholsam. Es war der Ort, an dem ich nicht »spielen«, mich nicht »behaupten« musste. Hier war ich weit weg von meinem Alltag und deshalb unbeschwert wie eh und je.

Dieses Wochenende hatte Dinah allein bei unseren Eltern verbracht, und sie erzählte mir ausführlich davon. Als sie fertig war, fragte sie: »Und du, Franzi, wie geht es dir? Was hast du die letzten Tage so getrieben? Wolltest du dich nicht mit Steffi und Elke treffen?«, fragte sie.

»Ach, weißt du, ich hatte so viel zu tun. Mir hat es dieses Wochenende einfach nicht so gut gepasst«, wich ich ihr aus.

Die Wahrheit war, ich hatte einfach gar nichts gemacht und die Verabredung mit meinen Freundinnen abgesagt, weil ich mich zu nichts aufraffen konnte.

»Was hattest du denn so viel zu tun?« Typisch Dinah, sie ließ sich nie einfach abspeisen.

»Ich habe noch etwas Arbeit mit nach Hause genommen, weil ich das sonst vor meinem Urlaub nicht mehr alles schaffe. Und weil ich keine Lust darauf hatte, hat alles länger gedauert als geplant. Mir macht mein Job eben zurzeit nicht so richtig viel Spaß«, gab ich zu. »Und mein Privatleben auch nicht. Und die Stadt irgendwie auch nicht mehr.«

»Das geht doch jetzt schon seit Monaten so, Franzi«, entgegnete meine Schwester besorgt. »Dann ändere doch was. Mit dem Job kannst du doch gleich anfangen, das lässt sich doch am leichtesten beeinflussen. Ich schicke dir gleich nachher alle Links zu Jobbörsen, die ich habe. Und du meldest dich sofort an! Und kauf dir eine Zeitung und guck dir die aktuellen Stellenangebote an. Vielleicht findest du ja bald was Spannendes.«

Das fehlte mir gerade noch. Eigentlich war ich in Gedanken längst im Urlaub. Aber natürlich hatte Dinah recht. Es konnte auf Dauer nicht so weitergehen. Anfangs hatte ich noch gedacht, das sei nur eine Phase, die vorüberging. Doch wenn ich ehrlich war, wusste ich, das würde nicht einfach von alleine weggehen. Ich musste etwas tun.

Die Vorfreude auf den Urlaub hatte mich für den Moment abgelenkt, aber natürlich würde ich nach nur drei Wochen wieder zurück sein. Zurück ins »Business«, zurück zu »großen Erfolgen«, zurück in den Trott.

Ja, ich konnte mir einen neuen Job suchen. Ich war jung genug und hatte langjährige Erfahrung im Marketing. Aber ganz tief in meinem Innern wusste ich, dass das meine Probleme nicht lösen würde. Ich brauchte keinen neuen Job. Alles, was mich jetzt nervte, würde mich auch mit einer neuen Arbeit wieder nerven. Das war nicht die Lösung.

»Ja, das könnte ich schon machen«, versuchte ich, Zeit zu gewinnen. »Aber was soll ich denn in meine Bewerbung schreiben? Warum sollte mich irgendjemand nehmen? Was kann ich denn schon?«

»Meine liebe Franzi, die eigentliche Frage lautet doch: Was willst du?« Dinah brachte es mal wieder auf den Punkt.

Ertappt. Kleinlaut gab ich zu, dass mir auf diese Frage zurzeit nur eine einzige Antwort einfiel: keine Ahnung.

Das verschlug selbst meiner Schwester erst mal die Sprache. Leise sagte sie: »Mensch, Schwesterchen, du musst bald was ändern. Sonst gehst du vor die Hunde.«

Das saß. Ich? Vor die Hunde? Wow, das war drastisch!

An diesem Abend dachte ich lange über alles nach. Dinahs Worte hatten mich sehr getroffen, aber sie hatte recht: Es musste sich etwas ändern.

Ich fing schon an, mir selbst auf die Nerven zu gehen mit meiner Unzufriedenheit. Wo war meine Fröhlichkeit geblieben, meine Lebensfreude? Wie konnte ich sie wiederfinden?

Wann hatte ich mich zuletzt wirklich lebendig gefühlt? Ich dachte nach. Na klar, im Urlaub. Wenn ich Zeit hatte für mich, Zeit, fremde Länder zu entdecken. Auf Reisen zu gehen!

Mit meinem Ex-Freund war ich wochenlang in Asien gewesen. Nach unserer Trennung hatte mich Südamerika fasziniert, und ich hatte davon geträumt, dorthin zu fahren. Leider hatte ich niemanden davon begeistern können, doch davon ließ ich mich nicht abhalten. Kurzerhand plante ich die Reise eben für mich alleine – und machte es. Drei Wochen lang zog ich mit meinem Rucksack durch Ecuador und hatte eine grandiose Zeit.

Eigentlich war es doch genau das, was ich wollte. Ich wollte wieder Lust am Leben, an Unternehmungen mit meinen Freunden haben. Überhaupt mehr Interesse an anderen Menschen aufbringen. Neue Leute kennenlernen, Abenteuer erleben, frische Impulse bekommen.

Seitdem sich dieses Unbehagen in mein Leben geschlichen hatte, ertappte ich mich immer öfter dabei, dass ich wie früher vom Fernweh gepackt wurde. Dann verschlang ich Bücher von Aussteigern und Weltenbummlern oder surfte im Internet auf der Suche nach neuen Reiseblogs.

Damit konnte ich Stunden verbringen, so sehr faszinierte mich, was den Bloggern alles widerfuhr, wenn sie durch die Welt zogen, die unterschiedlichsten Orte besuchten, fremde Kulturen kennenlernten. Oft versank ich geradezu in der Lektüre, reiste im Geiste mit ihnen, erfreute mich an ihren Fotos und Beschreibungen. Es war nicht nur eine allzu willkommene Flucht vor meinem Alltag, sondern rief auch wehmütige Erinnerungen an meine eigenen Reiseerfahrungen zurück. Meine Fernreisen hatten mich nach Kuba, Laos, Kambodscha, Ecuador, Kenia, Thailand, Vietnam geführt und nun bald in die Mongolei.