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Theodora Papadopoulou al Marouwanis Schwarm ist seit ihrer Kindheit, seit der ersten Begegnung, der jüngere Bruder vom Studienfreund ihrer Tante (und Stiefmutter) Anastasia. Er steht ihr auch bei, als sie in die Heimat ihres Vaters müssen, doch schon mit den Plänen zurück nach Griechenland zu fliehen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Ein Rückblick…
Es war Ende November. Anastasia Papadopoulou stand vor Atalandi und Christoforos Ampelourgos auf dem Landgut der Familie. Sie hatte ihre Nichte und ihren Neffen – Theodora und Theodoros bei sich, die Kinder von ihrer Schwester Michaelia und deren Geliebten, Jamal al Marouwani. Der Prinz aus den Emiraten würde die Mutter der zwei Kinder nie heiraten, doch Michaelia schien das egal zu sein – genauso egal wie die Kinder ihr waren, wenn der Vater nicht in Athen war.
Atalandi kam zögernd auf sie zu. „Ana, Orestis hat uns alles erklärt… bitte entschuldige, dass wir so ungehalten reagiert haben, als wir erfuhren, dass er schwul ist und du … nun ja… ihm geholfen hast das vor uns zu verstecken. Wir haben seinen Freund Stephanos kennen gelernt und … das ist für uns auch okay.“ begann sie.
Christoforos zog sie an seine breite Brust und sagte: „Er will unsere Firma nicht übernehmen, aber Astianax, unser zweiter Sohn ist umso interessierter.“
Lächelnd reichte Stephanos, der Freund von Orestis Ampelourgos ihr die Hand. „Schön die beste Freundin von meinem Lebensgefährten kennen zu lernen. Ich bin Stephanos.“ „Oh, ähm… ja, ich bin Anastasia, Ana… und das sind meine Nichte Theodora und mein Neffe Theodoros.“ stellte Anastasia sich und die beiden Kinder vor.
Orestis schnaubte. „Hat die „gnädige Frau Michaelia Papadopoulou, die Geliebte von Prinz Hochwohlgeboren“ mal wieder keine Zeit für die zwei? Ist er mal wieder in den Emiraten und sie will die Kinder nur loswerden um sich ihren Terminen bei Maniküre, Pediküre und Kosmetiker und ihren Shopping-Tripps zu widmen?“ fragte er verächtlich.
„Orestis!“ zischte Anastasia. Er hob die Hände. „Ja, ist schon gut! Du weißt, ich mag die zwei Krümel, aber mal ernsthaft, Ana, ich finde es eine riesige Sauerei, dass deine Schwester die beiden immer auf dich abwälzt und sie nur „braucht“ wenn der Vater da ist!“
„Lass uns nicht drüber reden. Ich habe die zwei gern um mich und Kostas Galanis, mein Chef, mag die zwei auch und sie können nach der Schule jederzeit zu mir in die Firma kommen.“
Anastasia arbeitete in einer kleinen Lederwarenfabrik als Schnittdirektrice und Designerin. Und wer in diesem Betrieb arbeitete, gehörte für den Inhaber zur Familie – samt Kindern und Ehepartnern. Und was Kostas Galanis betraf, gehörten Theodora und Theodoros zu ihr, ganz gleich, dass sie „nur“ Nichte und Neffe waren.
„Theo Kostas ist immer total nett. Er hat Theodoros und mir zum Geburtstag sogar dieses Jahr einen Lederrucksack geschenkt den Theia Ana entworfen hat.“ Theodora grinste ihre Tante an. Sie hatte das Astianax, dem jüngeren Sohn der Ampelourgos‘ erzählt.
Der Teenager grinste das kleine Mädchen an. „Und, willst du auch bei der Olivenernte helfen?“ fragte er die Kleine. „Klar! Onkel Orestis hat doch angerufen, dass ihr Hilfe braucht und Tante Ana hat gesagt sie kommt – und wenn sie kommt und hilft, dann kommen wir auch und helfen!“
Anastasia lächelte. Es war Wochenende und die Erntehelfer streikten gerade. In seiner Not hatten die Eltern von Orestis offenbar akzeptiert, dass er einige ehemalige Kommilitonen und Freunde kontaktierte, damit diese halfen. Sie begrüßte einige der AKTO-Studenten – auch aus den Jahrgängen nach ihr und Orestis, mit denen sie ab und an zu tun gehabt hatten.
Thekla, eine etwas jüngere Absolventin seufzte. „Ich werde verrückt, du arbeitest echt bei Galanis Lederwaren? Das ist ein Traumjob!“ Anastasia grinste. „Ja, ist es wirklich.“
Christoforos Ampelourgos klatschte in die Hände. „So, dann will ich mal einteilen, wer welche Bäume übernimmt.“
Er sah in die Runde. „Ana, du bist schon mal zum Ernten hier gewesen, nimmst du Cleophane und Despina mit und zeigst ihnen wie es geht?“ Anastasia nicke.
„Ich nehme Theo und Thea mit, Papa!“ Astianax ließ sich davon auch nicht abbringen und die Zwillinge nickten begeistert. Ihnen war es ganz recht, dass sie mit jemandem der nur einige Jahre älter als sie war, die Erfahrung einer Olivenernte machen konnten.
Kapitel 1
Die Zeit war wie im Flug vergangen. Zwei Jahre war es nun her, dass die Arbeiter auf der Olivenplantage gestreikt hatten. Doch nun bestimmte das normale Treiben, der vertraute Rhythmus der Tage das Leben auf dem Gut der Familie Ampelourgos. Heute aber war ein besonderer Tag. Kein Erntetag, kein gewöhnlicher Samstag – sondern der Geburtstag von Theodoros und Theodora. Acht Jahre alt wurden die Zwillinge – ein Tag, auf den sie sich seit Wochen gefreut hatten.
Ihr Vater, Jamal bin Abdullah Qadir al Marouwani – der zweitgeborene Sohn des Emirs von Bhakem, dem größten und zugleich reichsten aller Emirate – war, wie so oft, in seiner Funktion als Sportminister auf Reisen. Dienstlich, angeblich – zumindest hatte er das den Kindern erzählt, und auch seiner Geliebten, Michaelia, der Mutter der Zwillinge. Und wie so oft kam kein Anruf, keine Nachricht, wahrscheinlich käme nicht einmal eine verspätete Grußkarte. So gut wie jedes Jahr würde Jamal einige Wochen später mit einem Berg an Geschenken kommen.
„Mama, wir…“, begann Theodora zögerlich, ihre Stimme vorsichtig, als würde sie durch ein Minenfeld waten. Doch Michaelia Papadopoulos, ihre Mutter, verzog das Gesicht in einer Mischung aus Genervtheit und Müdigkeit. Sie presste eine Hand gegen die Stirn und ließ ein übertriebenes Stöhnen hören.
„Nerv mich nicht, Thea! Ich habe schlimme Kopfschmerzen – und nachher habe ich meinen Termin bei Panos. Meine Haare sehen fürchterlich aus. Ich kann mich so nicht blicken lassen!“
Theodoros warf seiner Schwester einen resignierten Blick zu. Er kannte dieses Schauspiel. Er ballte kurz die Hände, dann sagte er ruhig, aber bestimmt: „Ich ruf Tante Ana an.“
Doch da klingelte es an der Tür. Als Theodoros sie öffnete, stand bereits wie erwartet Tante Anastasia, liebevoll „Tante Ana“ genannt - auf der Schwelle – in den Armen ein großer Stapel Geschenke, ihr Lächeln so freundlich und liebevoll wie die beiden es von ihr gewohnt waren.
„Happy Birthday, ihr zwei Süßen!“ rief sie herzlich, fast ein wenig zu laut.
Michaelia trat mit halb geschlossenen Augen in den Flur. Ihr Blick war genervt, ihre Stimme gereizt. „Musst du so schreien? Ich habe Migräne! Wenn du schon hier bist, nimm die Kinder mit irgendwohin. Ich habe nachher meinen Termin bei Panos – und vorher brauche ich absolute Ruhe!“
Anastasia erstarrte. Ihr Lächeln gefror. Fassungslos musterte sie ihre Schwester.
„Sag mal, bist du noch ganz bei Trost? Heute ist der Geburtstag deiner Kinder – und das Einzige, was dich interessiert, ist dein Friseurtermin?“
Michaelia hob abwehrend die Hand. „Du hast ja keine Ahnung! Versuch du mal, mit diesen Kopfschmerzen irgendetwas auf die Reihe zu kriegen!“
Sie griff in ihre Designertasche, zählte für beide je zwei Fünfziger ab und drückte sie wortlos den Kindern in die Hand.
„Hier – macht, was ihr wollt. Aber bitte, seid leise!“
Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um, stapfte zum Schlafzimmer und schloss mit einem hörbaren Klick die Tür hinter sich. Stille.
Theodora wischte sich verstohlen eine Träne von der Wange. Ihr Bruder trat näher zu ihr und legte den Arm um ihre Schulter. Anastasia spürte, wie ihr die Wut heiß in den Nacken stieg. Sie atmete tief durch, beugte sich dann zu den Zwillingen hinunter und drückte sie fest an sich.
„Wie wäre es, wenn wir ein bisschen Kuchen holen und zu eurer Nenntante Atalandi und eurem Nennonkel Christo aufs Landgut fahren? Dort feiern wir euren Geburtstag – richtig. Mit allem Drum und Dran.“
„Oh ja!“ rief Theodora. „Meinst du, Astianax ist auch da?“
„Das finden wir gleich raus. Theo, willst du bei Atalandi anrufen?“
„Hi Theia Atalandi, können wir zu euch kommen?“ hörten Theodora und Anastasia Theodoros kurz darauf ins Telefon sprechen. „Ja? Super! – Wir haben heute Geburtstag… Ja, Mama hat halt Kopfschmerzen… will zum Friseur… war letztes Jahr auch so…“
„Wir bringen auch Kuchen mit!“ rief Theodora im Hintergrund.
Anastasia übernahm das Gespräch. Atalandi schnaubte hörbar am anderen Ende.
„Ich backe sofort einen Blechkuchen und schick Christo los, um eine richtige Torte zu besorgen! Deine Schwester ist wirklich… also ehrlich. Wenn sie nicht will, feiern wir eben bei uns. Und sagt den beiden: Sie bleiben über Nacht. Morgen ist Sonntag, da machen wir ein Geburtstagsfrühstück mit allem!“
Kurze Zeit später hatten die Kinder ein paar Sachen gepackt, und die kleine Gruppe machte sich auf den Weg. Die Fahrt führte vorbei an weiten Feldern, Zypressenalleen und sanften Hügeln, bis schließlich die weißen Mauern des Landguts in Sicht kamen.
Noch ehe sie die Klingel erreichen konnten, flog die Haustür auf. Astianax, barfuß und mit einer Schürze um die Hüfte, stand dort mit leuchtenden Augen.
„Alles Liebe zum Geburtstag, Thea, Theo!“ rief er, und umarmte die beiden jüngeren Kinder warmherzig. „Hi Anastasia! Kommt rein, ich hab mich riesig auf euch gefreut!“
Im Haus duftete es nach Vanille, Butter und Zitrone. Aus der Küche kam Atalandi, die Ärmel hochgekrempelt, ein Hauch Mehl auf der Stirn und ein Lächeln, das die ganze Müdigkeit der Welt vergessen ließ.
„Ein Blechkuchen ist im Ofen, die Beeren-Joghurt-Torte steht kühl, und Christo ist in der Stadt unterwegs, um noch eine große Torte zu holen. Astianax, bring die Kinder ins Wohnzimmer. Ana, hilfst du mir kurz?“
Theodoros und Theodora verschwanden kichernd mit Astianax. Kurz darauf hörte man ihren Jubel.
„Theia Ana! Sie haben Girlanden aufgehängt!“ rief Theodora begeistert aus dem Wohnzimmer. Anastasia lächelte und flüsterte leise: „Danke, Atalandi… das bedeutet den Kindern so viel – und mir auch.“ Die ältere Frau lächelte liebevoll
„Das war Astianax mit Orestis und Stefanos. Die beiden Großen sind nochmal los – Orestis hat gesagt, er hätte noch kein Geschenk gefunden. Und ihr gehört zu unserer Familie, Ana.“
„Und eins für mich bringt er auch mit!“ grinste Astianax um die Ecke.
Atalandi zog Anastasia, die Frau, von der sie eigentlich irgendwann gedacht hatte, dass diese ihren älteren Sohn Orestis heiraten und ihre Schwiegertochter werden würde, wobei sich herausgestellt hatte, dass Orestis viel interessierter an Stefanos Sotiris, einem jungen Arzt war, in die Küche. Ihre Augen wurden ernst.
„Seit wann ist Michaelia so? So völlig… gleichgültig?“
Anastasia seufzte. „Sie war nie besonders warm. Und seit Jamal kaum mehr kommt, vergräbt sie sich in Oberflächlichkeiten – Mode, Kosmetik, Termine. Heute hat sie den Kindern einfach je zwei Fünfziger in die Hand gedrückt und ist verschwunden. Ich hätte ihr am liebsten eine reingehauen.“
„Und deswegen feiern wir jetzt hier. Und nächstes Jahr auch wieder. Und so lange, bis sie oder dieser Trottel von Vater endlich begreifen, was Familie bedeutet. Ich finde es unglaublich, dass dieser Kerl sich auch so wenig aus dem Geburtstag seiner Kinder macht!“
In diesem Moment kamen Christo, Orestis und Stefanos mit Taschen voller Leckereien zurück.
„Ah, schön, ihr seid schon da!“ sagte Christo, als er Anastasia sah. „Wo sind die Geburtstagskinder?“
„Im Wohnzimmer – mit unserem Jüngsten“, antwortete Atalandi mit einem Nicken.
Während die Männer zu den Kindern gingen, begannen Atalandi und Anastasia, den Tisch im Esszimmer zu decken. Kerzen wurden angezündet, Teller aufgestellt, Servietten gefaltet.
Dann war es Zeit für die Geschenke: Bücher, Puzzle, Malsets – und von Stefanos ein wunderschönes Kleid für Theodora und ein Olympiakos-Trikot für Theodoros.
Die Kinder strahlten. Sie drückten jeden Einzelnen voller Dankbarkeit. Nichts davon war selbstverständlich – und doch fühlte es sich irgendwie absolut richtig an.
„Wir müssen auch Theo Kostas ein Stück vom Kuchen mitbringen!“, rief Theodoros.
„Na klar! Und weil er euch so schöne Lederjacken gemacht hat, backen wir ihm morgen einen Kuchen!“, sagte Atalandi und winkte alle an den Tisch.
„Und nächstes Jahr“, fügte Christo mit einem Lächeln hinzu, „darf jeder von euch Freunde mitbringen. Heute war’s zu spontan, aber nächstes Mal feiern wir groß.“
Theodora betrachtete glücklich das zierliche Armband mit Heiligenbildchen, das Astianax ihr überreicht hatte – offenbar ein Geschenk mit viel Bedacht ausgewählt. Theodoros freute sich über seine neue Armbanduhr, auch wenn Anastasia ahnte, dass sein Vater sie wohl als „unpassend“ oder „billig“ bezeichnen würde.
Aber heute – nur heute – spielte das keine Rolle. Heute war ein Tag voller Wärme, Lachen, Menschen, die sich kümmerten, und Erinnerungen, die nicht so schnell verblassen würden. Ein Tag, an dem sie einfach nur Kinder sein durften – geliebt, gehört und gefeiert.
Kapitel 2
Drei Wochen später kam Jamal, der Vater der Zwillinge, wieder nach Athen zurück. Er hatte seine Aufgaben als „Sportminister“ erledigt und war jetzt da, um den Geburtstag seiner Kinder wenigstens nachträglich mit ihnen zu feiern. Gemeinsam mit Michaelia und den Zwillingen saß er dem luxuriösen Penthouse, das sie bewohnten, und überreichte ihnen glänzende Geschenkboxen mit liebevollem Lächeln. Theodoros bekam die neueste Playstation, Theodora ein aktuelles iPad mit schimmerndem Case, und beide erhielten obendrein noch nagelneue iPhones, die fast teurer waren als alles, was sie sich gewünscht hatten. Theodoros verzog leicht angewidert – von seinen Eltern unbemerkt – das Gesicht, als er in einer Schachtel eine goldene Rolex fand. Die Uhr, die er von der Familie Ampelourgos bekommen hatte, mochte nicht so teuer, so hochwertig sein, doch sie war ihm hundertmal lieber! Und Theodora reagierte ähnlich, als sie das goldene Armband mit Diamanten von Cartier auspackte.
Später gingen sie in ein vornehmes Sternerestaurant mit Blick auf die Akropolis. Weiße Tischdecken, Glasglocken über dem Hauptgang, flüsternde Kellner. Es war alles auf maximale Wirkung hin inszeniert – und doch blieb die Atmosphäre seltsam kalt. Die Kinder aßen schweigend von ihren perfekt angerichteten Tellern, sie mochten die darauf befindlichen Lebensmittel nur zur Hälfte, während die Erwachsenen sich demonstrativ über Weine und Dekoration unterhielten.
Alles in allem war es ein ebenso trostloser, nachgeholter Geburtstag wie schon in den Jahren zuvor. Die Zwillinge hatten pflichtbewusst gelächelt, höflich gedankt und sich Mühe gegeben, gute Miene zu machen – aber das Einzige, was ihnen wirklich Freude bereitete, war die Anwesenheit ihres Vaters. Ein paar Stunden mit ihm zu verbringen, war ein seltenes Geschenk, das nicht vieles aufwiegen konnte.
Schon am nächsten Morgen hatte Michaelia neue Pläne. Sie wollte zu irgendeiner Vernissage – unbedingt gesehen werden, im Gespräch bleiben, dazugehören. Die Zwillinge bemerkten genau, dass ihr Vater eigentlich lieber bei ihnen geblieben wäre. Doch Michaelia hatte ihn wie so oft fest im Griff. Mit weicher Stimme, honigsüß und kalkuliert, säuselte sie: „Schatz, du bist das deiner Stellung schuldig! Was glaubst du, was deine Eltern sagen werden, wenn du dich nicht zeigst? Und wenn sie dann noch von unseren Kindern erfahren? Sie holen sie zu sich, machen aus ihnen das, was du warst – ein gehorsamer kleiner Prinz, erzogen mit kalter Härte…“
Diese angedeutete Bedrohung hatte sich wie ein dunkler Schatten über die Kindheit der Zwillinge gelegt. Theodora und Theodoros hatten schon sehr früh begriffen, dass Jamals Eltern – der mächtige Emir und seine immerhin drei Frauen – nichts von ihnen wissen durften. Michaelia sprach immer wieder davon, sie seien ihr „kleines schmutziges Geheimnis“, ein Stolperstein, den sie lieber verstecken wollte. Und wenn die Kinder es wagten, Wünsche oder Ansprüche zu äußern, dann drohte sie unverblümt mit dem, was ihnen angeblich blühte:
„Wenn der Emir von euch erfährt, dann werdet ihr ihm ausgeliefert! Dann landet ihr in irgendeinem arabischen Waisenhaus und werdet so richtig auf Linie gebracht!“ Und mit kaltem Lächeln fügte sie oft hinzu, vor allem zu Theodora: „Du weißt doch, was man mit Mädchen im Orient macht, oder? Mit zehn wirst du verheiratet, an irgendeinen Greis, der am meisten Kamele zahlt. Dann läufst du verhüllt durch die Gegend, mit Burka und allem drum und dran! Und wenn du nicht parierst, setzt es Prügel oder Peitschenhiebe! Und wenn du dich richtig daneben benimmst öffentlich, da können dann alle gaffen wie du wie ein räudiger Hund verdroschen wirst!“
Sie wusste genau, wie sehr Theodoros seine Schwester liebte – und dass diese Angst auch ihn traf. Jamal war in solchen Dingen deutlich zurückhaltender. Doch obwohl er diese Erzählungen nie bestätigte, zerstreute er sie auch nicht. Er schwieg. Und sein Schweigen wog schwer.
An diesem Nachmittag, während Michaelia sich bereits für die Vernissage zurechtmachte, sagte Jamal zögernd: „Mikki, was machen wir mit unseren Kindern? Ich glaube nicht, dass die Ausstellung für sie geeignet ist. Die Werke des Malers… na ja… sie sind kaum jugendfrei.“
Michaelia verdrehte die Augen. „Dann ruf Ana an. Sie kann sich um sie kümmern! Dafür ist sie ja da, nicht wahr?“
Theodoros hatte das Gespräch durch die offene Tür gehört. Enttäuscht und mit einem leisen Seufzer ging er zu seiner Schwester. „Thea… Mama hat wieder andere Pläne. Papa soll bei Tante Ana anrufen. Aber – wir könnten doch bei Tante Atalandi fragen, ob Onkel Christo uns abholt?“
Theodora hob den Kopf, ihre Augen leuchteten. „Oh ja! Sie wollte doch was mit dem neuen Olivenöl machen! Und ich darf bestimmt helfen! Und Astianax hilft auch mit!“
Theodoros grinste. Ihm war längst klar, dass seine Schwester ein wenig in den inzwischen sechzehnjährigen Astianax verschossen war. Aber das störte ihn nicht im Geringsten – im Gegenteil: Der Junge behandelte Theodora mit Respekt, passte auf sie auf wie ein großer Bruder. Und das gab auch Theodoros ein gutes Gefühl.
Christoforos Ampelourgos, der inzwischen wie eine Art Großonkel für die beiden war, erklärte sich am Telefon sofort bereit, die Kinder abzuholen – wie immer zuverlässig, warmherzig und ohne große Worte. Anastasia war erleichtert, denn in der Fabrik, in der sie arbeitete, war gerade Hochbetrieb. Sie wusste: Die Kinder würden auf dem Landgut nicht nur gut versorgt sein, sondern auch einfach Kind sein dürfen.
Eine halbe Stunde später traf sie ein. Jamal kam mit einem freundlichen, fast entschuldigenden Lächeln auf sie zu. „Anastasia, du kannst dir nicht vorstellen, wie dankbar ich dir bin, dass du dich um unsere Kinder kümmerst. Ich würde ja gern selbst mehr für sie da sein, aber… ich habe Angst, dass Mikki etwas Dummes tut, wenn sie nicht genug Aufmerksamkeit bekommt…“
Anastasia presste die Lippen zusammen. „Ja, ich weiß. Sie könnte deinen Eltern von den beiden erzählen. Aber mal ehrlich, Jamal – was würde sie dann verlieren? Dich. Deinen Einfluss. Deinen Geldfluss. Ihr ganzes sorgloses Leben, das du ihr finanzierst.“
Er seufzte. „Ich würde dir gern eine Wohnung schenken… irgendwo, was Schönes, in einem guten Viertel, mit genug Platz – auch für unsere Kinder, wenn’s nötig ist.“
Anastasia funkelte ihn an. „Ich bin nicht interessiert. Ich liebe Theo und Thea wie meine eigenen, aber ich bin nicht dein Kindermädchen. Und ganz sicher nicht deine heimliche Zweitfrau. Für die Rolle der Geliebten hast du ja meine Schwester.“
Sie wandte sich ab, bereit, zur Arbeit zurückzukehren. „Es ist allerdings beruhigend zu wissen, dass du die beiden wenigstens ein bisschen liebst. Und jetzt entschuldige mich, ich habe noch genug zu tun. Die Kinder langweilen sich sicher, aber offenbar ist ihnen sogar das lieber, als hier zu bleiben oder mit irgendeinem Kindermädchen durch die Stadt zu spazieren…“
Jamal schmunzelte traurig. „Die Kinder haben ihre Mutter, die sie liebt… mehr brauchen sie nicht.“ Anastasia schnaubte. „Michaelia liebt die Kinder nicht, Hoheit! Sie hat die Kinder als Altersversorgung bekommen, damit du sie weiterhin aushältst!“ Jamal lächelte hintergründig. „Das weiß ich – aber das meine ich nicht…“
Als er sich von den Zwillingen verabschiedete und mit Michaelia davonging, führte Anastasia die beiden zur Näherei in der Firma von Kostas Galanis. Dieser empfing die Zwillinge freundlich. „Ah, meine Frau hat Kekse gebacken – frisch, mit Zimt und Honig. Setzt euch, macht eure Hausaufgaben, dann holt euch Christo später ab.“
Während die Kinder am Tisch saßen und eifrig schrieben, bemerkte Kostas, wie aufgebracht Anastasia war. „Was ist los?“ fragte er sanft.
„Der Vater hat einen Knall,“ fauchte sie. „Ich habe ihm gesagt, er soll ein Kindermädchen einstellen. Seine Antwort? Zitat: ‚Die Kinder haben ihre Mutter, die sie liebt…‘ Ich frage dich, Kostas: Wo ist diese Mutter? Eine Frau, die sich nur für Vernissagen und teure Kleider interessiert, nicht verheiratet ist, die Kinder nur bekommen hat, um ihren Lebensstil abzusichern – und die ihnen die Liebe verweigert, die sie so verzweifelt suchen!“
Kostas nickte ernst. „Ich glaube, Jamal sieht dich längst als Mutter seiner Kinder, nicht Michaelia. Und seien wir ehrlich: Du liebst sie, als wären sie deine eigenen.“
„Ja“, murmelte Anastasia. „Aber ich bin nicht ihre Mutter. Und trotzdem reißen sie sich darum Michaelias Liebe zu gewinnen – nur um dann wieder zurückgestoßen zu werden. Sobald Jamal da ist, tut sie kurz so, als wäre sie liebevoll… aber nach zwei Tagen dreht sich alles nur noch um sie. Und er… er sieht es und lässt es zu.“
Eine Stunde später kam Christoforos. Die Kinder sprangen auf, um ihn zu begrüßen. Er umarmte Anastasia herzlich. „Heute Abend kommst du bitte mit zum Essen. Atalandi hat dein Bett schon frisch bezogen.“
„Sag ihr danke. Ich komm gern“, antwortete sie mit einem echten Lächeln.
Als sie abgefahren waren, kam Kostas in die Näherei. „Gut zu wissen, dass die beiden gut aufgehoben sind. Letzte Woche haben sie mir ganz begeistert von ihrer Feier erzählt.“
Anastasia schmunzelte. „Ja, die Ampelourgos-Familie hat sich wirklich Mühe gegeben. Es war improvisiert, nichts Großes, aber ehrlich. Und weißt du, was beim nachgeholten Geburtstag vorgestern passiert ist?“
Kostas hob fragend eine Augenbraue. „iPhones. iPad. Playstation, Rolex und Cartier-Schmuck! Die zwei sind acht Jahre alt! Was bekommen sie wohl zum Achtzehnten? Einen Lamborghini? Und dann dieses sterile Abendessen in einem Lokal, das nicht mal kindgerechte Gerichte hatte…“ wetterte Anastasia.
Kostas verzog das Gesicht. „Wenn er so weitermacht, werden sie irgendwann zu kleinen verwöhnten Monstern…“ Dann aber wurde sein Ton weich. „Aber wir kämpfen dagegen an. Wir alle – die Ampelourgos, du, ich, unsere Ikogenia hier in der Fabrik. Und weißt du was? Wenn wir nicht aufgeben, haben wir am Ende die besseren Karten. Dann werden Theo und Thea anständige, aufrechte junge Menschen. Und genau das zählt.“ Anastasia lächelte ihren Chef dankbar an.
Kapitel 3
Mit ihren sichtbar angeekelten Eltern im Schlepptau waren Theodora und Theodoros an einem heißen Vormittag durch die quirlige Varvákios Agorá, die geschäftige Markthalle von Athen geschlendert. Für sie war es wie jedes Mal ein kleines Abenteuer, voller Farben, Stimmen und Gerüche – eine lebendige Bühne des echten Lebens, das sie durch ihre Zeit mit ihrer Tante Anastasia kannten, mit der sie hier öfter einkauften. Für Jamal und Michaelia hingegen war es der reinste Spießrutenlauf durch eine Welt, die ihrer Ansicht nach bestenfalls aus dem Fenster einer Limousine betrachtet gehörte.
Was die Zwillinge ihren Eltern jedoch nicht erzählt hatten: Auch Atalandi Ampelourgos wollte an diesem Tag mit ihrem Sohn Astianax in die Markthalle kommen. Der Familienbetrieb der Olivenölproduzenten belieferte einen kleinen Spezialitätenstand mit frisch abgefülltem Olivenöl der Spitzenklasse, und sie wollte gleichzeitig die Gelegenheit nutzen, um Fisch, frisches Gemüse und Fleisch für das Wochenende einzukaufen. Theodora hatte sich darauf gefreut, Astianax zu treffen – sie hatte ihn schon fast zwei Wochen nicht mehr gesehen, da ihre Eltern ausnahmsweise einmal häufiger zuhause gewesen waren, was bedeutete, dass Michaelia keinen Anlass sah (oder fand), die Zwillinge an Anastasia „abzuschieben“.
„Wie das hier stinkt! Unfassbar! Ich… ich muss brechen, wenn ich noch länger bleibe!“ jammerte Michaelia und presste ein mit Chanel No. 5 parfümiertes Taschentuch gegen ihre Nase. Auch Jamal verzog angeekelt das Gesicht, während er versuchte, möglichst nicht mit irgendetwas oder irgendwem in Berührung zu kommen. Im Gegensatz zu ihren Eltern fühlten sich die Zwillinge jedoch sichtlich wohl – sie bewegten sich vertraut zwischen den Ständen, winkten lachend bekannten Gesichtern zu und plauderten mit einzelnen Händlern, die sie freundlich begrüßten, als wären sie Teil einer größeren Familie.
Schließlich landeten sie vor einem großen Fischstand, wo die beiden mit strahlenden Augen riefen: „Hallo Tante Estia! Hallo Onkel Ioannis!“ Das ältere Ehepaar, das den Stand betrieb, winkte fröhlich zurück. Ioannis, ein kräftiger Mann mit wettergegerbtem Gesicht und Lachfalten in den Augenwinkeln, hob die Hand zum Gruß, während seine Frau Estia sofort den Tresen verließ, um die Kinder mit offenen Armen zu umarmen.
Doch Jamal schnappte sofort ein: „Das sind keine Verwandten!“ Seine Stimme war kalt und scharf wie ein Messer. „Aber Papa, das sind unsere Wahltante und unser Wahlonkel! Sie kennen uns schon, seit wir denken können!“ versuchte Theodora zu erklären. „Keine Widerrede!“ fuhr Jamal sie an – und ehe die Kinder sich versahen, hatte er Theodoros eine Ohrfeige verpasst, deren Knall durch den Lärm der Markthalle schnitt. Theodora wollte ihren Bruder verteidigen, doch sie bekam ebenfalls eine scharfe Abfuhr. Die beiden hielten mit Mühe die Tränen zurück, während Estia entsetzt herbeigeeilt war und die Zwillinge liebevoll in die Arme schloss.
„Was sind Sie nur für ein roher Mensch, dass Sie Ihre Kinder schlagen – hier, in aller Öffentlichkeit! Und das auch noch vor unserem Stand!“ sagte Ioannis Meksis mit frostiger Stimme. „Sie sollten sich in Grund und Boden schämen, Herr al Marouwani!“
Michaelia trat nun vor, aufgebracht, wütend – aber nicht wegen der Ohrfeige. Sondern weil man sich erdreistet hatte, ihren Partner zu kritisieren. „Das sind meine Kinder! Ich dulde nicht, dass sie sich mit diesem… diesem Gesindel hier abgeben!“ zischte sie und zerrte die Zwillinge von Estia fort. „Los jetzt – raus hier! Ich halte diesen widerwärtigen Gestank keinen Moment länger aus!“
Gerade in diesem Moment kamen Atalandi und Christoforos Ampelourgos mit Astianax um die Ecke. Die Zwillinge hellten sofort auf. „Thea! Theo!“ rief Astianax erfreut und lief ein paar Schritte auf sie zu.
Jamal, der die Szene mit kühlem Blick verfolgte, schaltete schnell um: „Theodoros, Theodora – wer ist das?“ „Das ist mein Freund Astianax mit seinen Eltern – also Tante Atalandi und Onkel Christoforos. Orestis, Astianaxs Bruder, ist ein guter Freund von Tante Ana,“ sagte Theodora und reckte das Kinn trotzig. Zur allgemeinen Überraschung wurde Jamals Miene sofort freundlicher. Er trat einen Schritt vor und reichte Christoforos die Hand: „Ah, Herr Ampelourgos! Frau Ampelourgos! Astianax! Ich bin Jamal bin Abdullah Quadir al Marouwani – der Vater von Theodora und Theodoros.“
Christoforos nickte langsam und erwiderte den Händedruck. „Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich muss zugeben, ich bin etwas überrascht. Ihre Kinder nennen uns normalerweise ‚Onkel‘ und ‚Tante‘ – wie Sie ja gerade hörten.“ Jamal schmunzelte leicht. „Wenn Sie Freunde von Anastasia sind und unsere Kinder Sie so ins Herz geschlossen haben, dann meinetwegen. Solche Herzensbindungen sind wichtig.“
Doch Theodoros hatte noch nicht vergessen, was wenige Minuten zuvor passiert war. „Und warum dürfen wir dann Tante Estia und Onkel Ioannis nicht so nennen? Die kennen wir schon viel länger!“ Atalandi mischte sich ein, ihre Stimme mild, aber mit klarer Kante: „Ach, das Ehepaar Meksis? War das nicht der Stand, an dem deine kleine Heldentat stattfand, Theo?“ Jamal runzelte die Stirn. „Heldentat?“ „Oh, hat Ihr Sohn das nicht erzählt?“ Atalandi hob die Augenbraue, sah dann aber, dass Jamal offenbar wirklich keine Ahnung hatte.
Bevor jemand antworten konnte, jammerte Michaelia erneut los: „Können wir jetzt bitte gehen? Ich sterbe hier gleich! Mein Magen dreht sich um! Ich brauche ein kühles Getränk, ein ruhiges Restaurant, vielleicht ein feuchtes Tuch für die Stirn…“ Jamal seufzte – fast unsichtbar – dann wandte er sich an die Ampelourgos‘: „Darf ich Sie zum Essen ins Tudor Hall einladen? Ich würde mich freuen, wenn Sie meine Gäste wären.“
Christoforos zögerte einen Moment, warf einen Blick auf die Zwillinge, die alles andere als begeistert aussahen, dann antwortete er höflich: „Vielen Dank. Das ist sehr großzügig. Das Tudor Hall ist doch im King George Hotel, nicht wahr?“ „Ganz genau.“
Auf dem Weg zum Hotel fragte Theodora vorsichtig: „Papa, dürfen wir mit Onkel Christo und Tante Atalandi fahren?“ Doch Jamal winkte ab. „Nein, ihr fahrt mit uns. Herr Andros wird euch chauffieren – und eure Freunde finden den Weg schon allein.“
Wenig später saßen die Erwachsenen in der opulenten Atmosphäre des Restaurants, während die drei Minderjährigen der Gruppe an einem kleineren Nebentisch Platz genommen hatten. Astianax blätterte ungläubig durch die Menükarte. „Wer gibt denn bitte 40 Euro für eine Vorspeise aus? Und was sind denn ‚Blattgold-Ravioli‘? Kann man das überhaupt essen?“
Theodoros grinste trocken. „Meine Mutter liebt dieses dekadente Zeug. Vor allem, wenn sie es vor anderen Leuten bestellen kann, um Eindruck zu schinden.“ Theodora fügte hinzu: „Aber sie weiß gar nicht, was sie da eigentlich isst. Wenn sie wüsste, dass in den Briesstücken Gehirn ist – sie würde schreiend weglaufen!“ Alle drei kicherten, während Michaelia am Nachbartisch schwärmte, wie zart das Wagyu sei und wie „zauberhaft“ die Gänselebersauce schmecke.
Astianax schüttelte den Kopf. „Und so lebt ihr? Immer nur solche Restaurants?“ „Nur wenn Papa da ist. Ansonsten? Toastbrot, Joghurts und viel Lärm. Außer wenn wir bei Tante Ana sind – oder bei euch, das ist wie Urlaub.“
Nach dem Dessert – Theodoros und Theodora wählten ein raffiniertes Schokoladenmousse, während Astianax sich für einfaches Eis entschied – verabschiedeten sich die Familien höflich.
Astianax nahm Theodora zum Abschied in den Arm. „Ich freue mich schon, wenn du bald wieder zu uns kommst… bei uns kannst du einfach du selbst sein. So gefällst du mir am allerbesten!“ Theodora errötete leicht und erwiderte das Lächeln.
Auf dem Rückweg zur Wohnung in Kolonaki meckerte Michaelia pausenlos: „Wieso hast du diese Provinzler überhaupt eingeladen? Die passen doch eher in eine Taverne mit Plastiktischdecken, aber nicht in ein Spitzenrestaurant! Die Kinder verderben sich mit solchen Kontakten ihren sozialen Aufstieg!“
Doch Jamal unterbrach sie diesmal scharf: „Diese ‚Provinzler‘, wie du sie nennst, sind gebildet, fleißig, ehrbar – und echte Freunde unserer Kinder. Und vielleicht hättest du es bemerkt, wenn du dich jemals wirklich für Theodoros und Theodora interessiert hättest.“
Michaelia schnaubte, beleidigt, und sprach den restlichen Abend kaum noch ein Wort mit ihm.
Keine zwei Tage nach Jamals Abreise – auch diesmal war er auf einer Geschäftsreise in seiner Funktion als Sportminister im Auftrag von Bhakem – rief Michaelia – es war Freitagnachmittag - schließlich Anastasia an. „Hol diese Blagen endlich ab! Ich habe Kopfschmerzen und keine Geduld für ihr Gejammer! Sie treiben mich in den Wahnsinn mit ihrem Genörgel!“
Anastasia antwortete nur trocken: „Ich hole sie gleich. Bereite ihnen wenigstens ein bisschen Kleidung vor.“ Und eine Stunde später nahm sie die beiden erschöpften, aber erleichterten Kinder mit zu sich nach Hause.
Kapitel 4
Theodora sah sich ein wenig unbehaglich um… zaghaft… Ihre Eltern waren tödlich mit dem Auto verunglückt, beide… Zugegeben, irgendwie hatte sie die beiden geliebt… es waren immerhin Vater und Mutter, aber andererseits war das Verhältnis immer sehr distanziert, fast kalt gewesen…
Der Tod ihrer Eltern ließ sie seltsam unberührt… Theodora hätte es in ihrem Alter vielleicht noch nicht so formulieren können, aber tief in ihr nagte die Frage: Warum stehen wir hier? Warum standen sie und ihr Bruder neben Tante Ana auf diesem kleinen Friedhof im Dorf in dem ihre Mutter – und auch Tante Ana – geboren worden waren, in dem sie sich aber kaum je aufgehalten hatten – höchstens, wenn die Großeltern aus Deutschland im Sommer da waren, und hörten dem griechisch-orthodoxen Geistlichen zu, der über dem offenen Grab das Weihrauchfass schwenkte und aus der Bibel predigte – und das auch noch auf Altgriechisch, das kaum jemand verstand?
Sie versuchte, sich an das Gesicht ihrer Mutter zu erinnern – wirklich zu erinnern. An etwas Warmes, Weiches, Behütendes. Doch da war nur ein gefrorenes Lächeln, ein kühler Blick, ewige Migräne, Termine bei Friseur, Maniküre, Pediküre oder irgendwelche gesellschaftlichen „Ereignisse“ für die sie bedenkenlos beiseite – oder zu Tante Anastasia abgeschoben worden waren…eine erhobene Augenbraue, wenn sie oder Theo mal wieder „nicht gesellschaftstauglich“ gewesen waren.
Die Frau, die beerdigt wurde, verband sie nicht mit dem Wort Mutter – und schon gar nicht mit einem zärtlichen Mama. Mama, das war immer Tante Ana gewesen. Auch wenn sie sie nie so genannt hatten. Ihr Vater war oft unterwegs gewesen, in ihrem Leben nicht so präsent…
„Können wir nach Hause?“ flüsterte Theodoros, der neben ihr stand, leise zu Anastasia hinüber. „Mir ist kalt und es ist langweilig. Sie hat sich doch eh nie für uns interessiert. Papa vielleicht mal ab und zu, wenn er da war. Aber der liegt ja nicht mal hier.“
„Nein, den haben die ja weggeholt“, bemerkte Theodora tonlos. „Mit uns wollten die ja nichts zu tun haben.“
„Die wissen von uns zum Glück nicht! Glaubst du, ich will, dass du an irgendeinen alten Knacker für Kamele verkauft wirst?“ flüsterte Theodoros erschrocken. Energisch schüttelte Theodora den Kopf. „Wobei… irgendwie hätte ich Yaya Basmaa und Pappous Abdullah schon gern mal kennen gelernt… Manchmal glaube ich, dass unsere Mutter… übertrieben hat…“
Ihre Stimme war nicht laut, aber traurig mit einem Hauch Bitterkeit. Anastasia seufzte und zog beide Kinder näher an sich heran, als wolle sie ihnen körperlich Schutz geben vor dieser Welt, die sie beide viel zu früh viel zu gut kannten.
