Tausend Zeichen - Angelika Waldis - E-Book

Tausend Zeichen E-Book

angelika waldis

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Beschreibung

Tausend Zeichen schleust das wunderbar verrückte Leben Tag für Tag in unser Gehirn. Je Tausend Zeichen, höchstens, ist der Umfang der hier gesammelten Notizen der Autorin Angelika Waldis. In lustvoller Kürze, 330-mal, hat sie Bestürzendes, Liebenswertes und Absurdes aus dem sogenannten Alltag festgehalten. Sanfte und böse kleine Lektüren! "Die geglückte Balance der unterschiedlichen Regungen sorgt für eine wunderbar leichte Lektüre und den ganz eigenen Ton des Textes." Neue Zürcher Zeitung (zum Roman "Aufräumen") "Angelika Waldis hat ein ausgezeichnetes Einfühlungsvermögen und weiß schon fast erschreckend genau, wie Menschen ticken." books (zum Roman "Marktplatz der Heimlichkeiten") "Wie hinreißend mischt sich Traum und Realität, Leben und Tod, Gleichgültigkeit und Liebe! Wie leicht wird das Schwere erzählt!" Sächsische Zeitung (zum Roman "Die geheimen Leben der Schneiderin")

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Tausend Zeichen

sind so sanfte wie böse Notizen einer Autorin – über Bestürzendes und Liebenswertes und Absurdes aus dem sogenannten Alltag:

Kürzlich fuhr ich im Tram stadteinwärts und hörte einer Frau und einem Mann zu, ich nehme an, es waren eine Frau und ein Mann, des Lippenstifts und der Krawatte wegen. Es war ein Ehepaar, ich nehme an, es war ein Ehepaar, sie sprachen weder freundlich noch unfreundlich miteinander. Ihr Thema war eine Badewanne, ich nehme an, es war eine Badewanne, es war etwas, in dem man ausrutscht, außer man tut eine Gummimatte rein, die aber regelmäßig zu reinigen ist, weil sich dort gerne Pilz ansiedelt. »Wenn du ausrutschst, dann hast du das Geschenk«, sagte die Frau, ich nehme an, sie meinte nicht ein Geschenkpaket mit einer bunten Schleife, sondern ein gebrochenes Hüftgelenk oder so. Die beiden waren alt, ich nehme an, sie waren alt, er hatte erstaunlich große Ohren, und sie reckte den Kopf hoch, damit ihr Hals nicht schwabbelte. Sie waren gut gekleidet und waren sauber, ich nehme an, sie waren sauber, wozu hat man denn eine Badewanne.

Angelika Waldis, Kindheit und Lehrerausbildung in Luzern, Germanistikund Anglistikstudiuman der Uni Zürich, Arbeit als Journalistin. Heute lebt sie in der Nähe von Zürich. Ihre Kurzgeschichten und Romane – über das Dramatische und Absurde im täglichen Umgang mit sich und den anderen – wurde mehrfach ausgezeichnet. Angelika Waldis ist verheiratet mit dem Gestalter und Autor Otmar Bucher; sie haben einen Sohn, eine Tochter sowie drei Enkel.

»Tausend Zeichen« ist erstmals unter dem Titel Tage, Tage erschienen, auf der Website der Autorin:

www.angelikawaldis.ch

Dies und das und überhaupt

Für Fini, Uma, Pila, Tut, Tizi und Tinto

31. Dezember 2016

Sie dachte, er käme. Er kam nicht, sie litt, sie vergaß. Ein anderer kam, sie dachte zu lieben. Die Jahre kamen, sie dachte zu hassen. Es gab Krieg, es gab Flucht. Ende 2016 kam er doch, sie schrie und verzieh. Sie dachte, er bliebe. Aber er verschwand. Ein Roman in acht Sätzen statt auf achthundert Seiten, bestückt mit drei Protagonisten sowie mit Gedanken und Emotionen und Spannung und Erotik und Gegenwartsbezug. Was will man mehr? Vielleicht bei den Satzzeichen eingestreut ein bisschen Pferdegeruch oder Lavendelduft? Bitte rubbeln.

26. Dezember 2016

In diesen positiv beladenen und mit Glückwünschen, Geschenken und Gaumenfreuden überschäumenden Feiertagen denke ich mir, ein paar ausgleichende Festtage im Jahreslauf täten wohl. Zum Beispiel im April: allgemeiner Lügentag. In Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und quer durchs gemeine Volk muss öffentlich gelogen werden, dass es kracht – und ohne Berichtigung. Im Juli: 24-Stunden-Hungerfestival. Im September: europäischer Schimpf- und Fluchtag. Mündlich und schriftlich und in sämtlichen Medien. Im November: Selige Unkaufswoche. Jegliche Käufe sind untersagt, von saudischem Öl bis zu norwegischen Wollsocken. Über einen Dispens von den vier neuen Feierlichkeiten entscheiden die sieben Zwerge unter dem Vorsitz von Rumpelstilz.

25. Dezember 2016

Weil in den engen Kurven bergab das Tram immer quietscht, verstehe ich vom Gespräch der beiden Frauen nur ein paar Fetzen. »… Mutter«. Und noch einmal: »… Mutter.« »Wann?« »Vor einem halben Jahr.« Tram in Kurve. »Es geht auch ohne, ganz klar, aber du spürst schon, dass sie weg ist.« »Braucht Zeit, hä?« »Du sagst es. Manchmal vergess ich total, dass ich keine mehr habe, und dann wieder spür ich plötzlich dieses Ziehen.« Tram in Kurve. »Braucht Zeit, oder?« »Ich sag dir eins: So zu bluten wie eine Sau, das ist das Letzte. Jetzt darf ich dann wieder Velo fahren, endlich.« Tram in Kurve. »Nein, Kari will sowieso keine Kinder. Was soll ich also mit einer Gebärmutter.« Tram hält an.

18. Dezember 2016

Wieder mal im Zug nach Luzern, wieder mal am Rotsee vorbei, diesmal schimmert er tiefdunkel unter einem Nebelschleier, die Uferbäume liegen zur Hälfte im Wasser, schwarz, kahl, und flugs geistert die Dichterin Droste-Hülshoff herbei, mit ihren Versen vom Knaben im Moor: O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,/wenn es wimmelt vom Heiderauche,/sich wie Phantome die Dünste drehn/ und die Ranke häkelt am Strauche … Die Reisende neben mir studiert in der Gratiszeitung die Angebote des Tages, Rollschinken, Frühtulpen, Herrensocken, und knabbert an einem Daumennagel. Als ich ein Kind war, ging die Familie hier auf den Sonntagsausflug. Zuerst mit dem Fährmann über den See, ihm fehlte eine Hand, er hielt das Ruder mit einem eisernen Haken, dann vorbei am Frauengefängnis, eine weiße Flagge auf dem Dach bedeutete, dass gerade niemand eingesperrt war, dann weiter über die sanften Hügel und durch die Obstbaumwiesen.

17. Dezember 2016

Draußen ist es zwei Grad über null, der Garten ist raureifweiß, die Katz sitzt drinnen am Fenster mit Blick aufs Vogelhaus. Dort ist ein Hin und Her, ein An- und Abflug, ein Flattern und Flüchten. Die ganze Vogelmeute wäre beste Katzenbeute, außer Elster, Specht und Eichelhäher, die wären eine Nummer zu groß. Die Katz sitzt reglos, nur die Schwanzspitze zittert. Kohl-, Blau- und Schwanzmeise, Spatz, Kleiber, Buchfink und Amsel, Amsel, Amsel. Bös irritierende Wesen, die können, was die Katz nicht kann: fliegen. Sie schaut und schaut, die kleine Masochistin. So wär’s, wenn man mich an eine Sushi-Bar setzte, die Hände auf den Rücken gebunden, und auf dem Laufband zögen Teller um Teller mit Köstlichkeiten an mir vorbei. Ich hol der Katz jetzt was Leckeres aus dem Kühlschrank.

15. Dezember 2015

Morgen fahre ich ins Tessin an eine Abschiedsfeier. Ein Mann hat sich umgebracht. Er hat einen Text hinterlassen, der an der Feier vorgelesen werden soll. Und er hat einen Schock hinterlassen bei denen, die ihn liebten, die ihn mochten. Er muss gewusst haben, dass man ihm diesen Schock schwer verzeiht, aber es blieb ihm wohl keine andere Wahl. Ich habe ihn nicht so gut gekannt, dass ich trauern müsste. Es gab ein paar gute Gespräche, ein paar fröhliche Tafelrunden, ein paar Familienbilder. Auch wenn wir uns einige Mal umarmt hatten, kannte ich ihn eigentlich nur von weitem. Er war ein schöner, freundlicher, gescheiter Mensch. Gesund, soviel ich weiß. Als er sich erschoss, war er fünfundachtzig Jahre alt. Wunsch: Dieser Todesschatten lege sich nicht für immer auf der Erinnerung nieder.

10. Dezember 2016

Weiß nicht, welche Google-Welle mich auf die Website von BIID geschwemmt hat. Weiß nur, dass ich um ein Unverständnis reicher bin. BIID ist ein Akronym von Body Integrity Identity Disorder. Wer an BIID leidet, will zum Beispiel sein Bein amputiert haben, denn sein Hirn will das Bein nicht anerkennen. Er denkt an nichts mehr anderes als an Amputation. Aber die Ärzte weigern sich, das Bein ist ja gesund. Also klappt er in der Freizeit das Bein hoch, bindet es an den Oberschenkel, geht mit einer Krücke spazieren und ist dann einigermaßen glücklich. Auf dem Forum der Website tauschen sich die »BIIDler« aus, über den Leidensdruck, die Scham, über die Höhe der Amputationsstelle, über das Glück, einen Stumpf anzufassen … Weltweit soll es mehrere Tausend Betroffene geben – meistens Männer –, die einen Körperteil weghaben wollen, meistens das linke Bein. Fassungslos schaue ich beim Tippen auf meine Finger. Ich möchte zum Glück keinen loshaben.

9. Dezember 2016

»Ihalootepuloovl!«, singt ein kleines Mädchen und tanzt an der Kasse des Autobahn-Cafés vorbei. Tanzt um die Tische. Freude, kleiner Götterfunken, Tochter aus Elysium (Schiller, bisschen umgetextet). »Ihalootepuloovl!« Ich habe einen roten Pullover, heißt das, und wer es nicht versteht, kann es sehen: Der kleine Götterfunken trägt einen roten Pullover. »Ihalootepuloovl!« Dass man sich so über einen roten Pullover freuen kann. Sogar deswegen tanzen muss! Das steckt an. Auf der Weiterfahrt im Auto fangen wir an zu singen: »Ihalootepuloovl!«

27. November 2016

Heute Morgen ist der Nebel bis auf den Waldboden gesunken. Die Baumkronen waren umhüllt, die Stämme verschleiert, sie waren zu erahnen, Herden von Giraffengeistern. Der Nebel war so dicht, dass ich meinte, beim Vorwärtsgehen sein Gewicht zu spüren, zum Glück war der Weg noch sichtbar, ich konnte meine Füße an frischen Pferdeäpfeln vorbeisteuern, die dampften noch, was für ein Grau-in-Grau-Gemälde. Es war genau die Stimmung, in der man die Erscheinung eines Einhorns oder eines weißen Hirschs erwarten könnte, und da brach auch tatsächlich etwas aus dem Gebüsch, gelbschwarz, groß, eine Riesenhummel, die vor dem Winter noch kein passendes Erdloch gefunden hat, ein Jogger war’s. Ganz kurz wurde ich von seinem unfrohen Blick gestreift.

25. November 2016

Les sanglots longs des violons de l’automne … Das schöne Verlaine-Gedicht habe ich mir als Schülerin ins Hirn geschrieben, ich kann es noch immer. …blessent mon coeur d’une langueur monotone … Hip Dent, ruft das Hirn dazwischen. Tout suffocant et blême, quand sonne l’heure … Hip Dent! Hip Dent! ruft das Hirn wieder. Was soll das? Ich schaue im Internet nach und erfahre: Hip Dent ist eine feine Einbuchtung zwischen dem Ende des Oberschenkelknochens und der Hüfte, und Models mit Hip Dent sind zurzeit besonders begehrt. Richtig, das habe ich vor Kurzem in einer Zeitung gelesen und, so scheint es, im Hirn direkt neben Verlaine gespeichert. … je me souviens des jours anciens et je pleure … Hip Dent. Et je m’en vais au vent mauvais qui m’emporte deça, delà, pareil à la feuille morte. Hip Dent. Hip Dent. Hüft-Delle. Hip Dent. Bitte, liebes Hirn, könntest du vielleicht das Gedicht stehen lassen und Hip Dent löschen? So sorry, Mister Verlaine.

13. November 2016

Heute ist der Dreizehnte. Wem die Dreizehn Angst macht, ist ein Triskaidekaphobiker, hat jeden Monat ein-mal Bauchschmerzen wie die Frau vorm Eisprung. Die Gemeinde Benken SG wollte auch dieses Jahr einen Wirtschaftspreis für lokale Unternehmer verleihen, aber der Preisträger lehnte ab – es wäre die 13. Ausgabe des Preises gewesen. Es ist furchtbar, woran der Mensch leiden kann, will oder muss, die Zahl der Phobien ist unbegrenzt. Der Erste hat Panik bei der Dreizehn, der Zweite kann keine Triskaidekaphobiker aushalten, der Dritte hat Angst vor Phobien, dem Vierten reicht ein Spinnchen … und so weiter … und der Dreizehnte hat Angst vor sich selbst. Der Allmächtige hat bei der Erschaffung der Welt zu jedem erdenklichen Ding noch einen phobischen Schatten geschaffen. Es ging grad in einem.

12. November 2016

Ich muss einen steinigen steilen Hang runterklettern, schwierig, aber da seh ich gelbe Geländer im Fels, kann mich festhalten und schaff es nach unten, so wie der vor mir, mein Ehemann? Jetzt sind wir die Bekannte los, die wir loshaben wollten. Nein, sie ruft von oben: Wartet, ich komme auch. Ein blöder Traum mehr, denk ich, als ich erwache. Und zum ersten Mal fällt mir ein: Bestimmt komme ich auch vor in den Träumen anderer. Die klettern mir an gelben Geländern davon, und weiß der Teufel, in was für abstruse Geschichten sie mich im Traum verwickeln. Ich bin darin eine Figur, die man ungefragt verwenden kann. Eigentlich ein recht unangenehmer Gedanke.

10. November 2016

Schadenfreude ist eine tiefgehende Freude. Schade, dass man sie nicht zeigen darf. Es ist eine unkorrekte Freude, vielleicht wollen sie die Englischsprechenden deshalb nicht in ihrem Wortschatz: Im Cambridge Advanced Learner‘s Dictionary wird Schadenfreude mit »Schadenfreude« übersetzt. Muss man deutsch denken, um sich so richtig hässlich zu freuen? Auch »Weltschmerz« und »Wanderlust« haben es ins Englische geschafft. Auch »Doppelgänger« und »Poltergeist«. Bei solchen Transaktionen könnte man fast denken, es gebe typisch deutsch Gedachtes und typisch deutsch Gefühltes. Das wäre aber ein Trugschluss – und der heißt auf Englisch anders.

9. November 2016

Breaking News aus den USA: Es gibt keine demokratische Präsidentin! Der republikanische Horrorclown hat gewonnen! Was für ein Hohn. Was für ein Sturz aus der Zuversicht. Good old Hoffnung wurde der Schädel gespalten. Das macht traurig, und Angst macht es auch. Was wird der unberechenbare Trumpator mit seinem Land anstellen? Und was mit dem Rest der Welt, also mit uns? Dieser schwarze neunte November hat bereits ein Kürzel: Eleven/Nine – in Anlehnung an die Tragödie von Nine/Eleven.

7. November 2016

Ein altes Büchlein ist mir in die Hände geraten – Max Bolliger, Gedichte, 1953. Ich muss so fünfzehn Jahre alt gewesen sein, als ich meiner Mutter aus dem Büchlein das Inhaltsverzeichnis vorlas und so tat, als sei es ein Gedicht. Sie hörte andächtig zu, stutzte ein wenig. Als ich laut herauslachte, lachte sie erleichtert mit. Ach, Mutter, ich würd’s dir gern noch mal vorlesen:

Hände

Einer traurigen Frau

Auch das ist gut

März

Ganz ohne Schwere

Kleiner Vogel

Meiner Mutter träumte

Du gehst vorbei

Wie von weit

Vorherbst

Auf dem Hügel

Zu einer Bienenwachskerze

Freude

23. Oktober 2016

Der Schriftsteller Julian Barnes (mag ihn sehr!) spricht in einem Zeitungsinterview vom Unbehagen bei Lesungen. Er zitiert Philip Larkin (viel gewürdigter englischer Poet, hab’s gegoogelt!), der Lesungen nicht mochte und sagte: »I don’t want to go around pretending to be me.« Wie schön ist das umschrieben, dieses unangenehme Gefühl, ich müsse mich so darstellen, wie die anderen mich zu sehen glauben. So zu tun, als sei ich ich. Vielen Dank, Mister Larkin, Ihre Bemerkung tut wohl. Hilft mir auch durch lästige philosophische Gespräche über das Finden des Ichs. Ich hab’s nämlich gar nie gesucht.

15. Oktober 2016

Wir stürzten immer tiefer in die Kauforgie, der Einkaufswagen war schon randvoll, Stockfisch, Feigen, Socken, Oliven, Teller, Käse, Pullover, Birnen, Besen, Mandeltorte, alles durcheinander. Der Gigasupermercato gleich jenseits der Grenze war neu für uns, und da wir doch schon mal hier waren, wo es alles gab, was Herz, Gaumen und Augen begehrten, griffen wir zu, schon fast berauscht. Aktion, Aktion! Vor dem Joghurt-Regal war ich aufs Mal stocknüchtern. Zwei Stück hätte ich kaufen wollen, jedoch war das Regal gewiss acht Meter lang und sechs Tablare hoch und präsentierte eine schon fast obszöne Masse von Joghurtsorten, Joghurtgrößen, Joghurttypen. Zu viel des ach so Guten. Ich verließ den Tempel des heiligen Aktionius, holte draußen tief Luft und stellte befriedigt fest, dass ich diese nicht kaufen musste.

14. Oktober 2016

Beim Kastaniensuchen im Tessin kam mir ein Mann entgegen und verschwand abrupt seitwärts zwischen den Bäumen, so als wollte er nicht gesehen werden. Es regnete, ich kletterte den Pfad hoch und bückte mich mal da, mal dort nach einer extragroßen Frucht. Besonders ergiebig war ein mächtiger Baum am Waldrand, hier hatte noch niemand gesammelt, alle Läden des Ferienhauses dahinter waren verschlossen, keiner da. Doch, da war wieder dieser Mann, er kehrte hastig um, als er mich sah, so als hätte er etwas vergessen. Vielleicht ein Flüchtling, dachte ich, ist über die nahe Grenze gekommen und hat in dem Haus einen heimlichen Unterschlupf gefunden. Vielleicht saß eine ganze Gruppe dort drin, rauchte und fror und öffnete Konservendosen. Wenn es so wäre, ich würde sie nicht verraten, dachte ich. Der Mann hatte eher dunkel ausgesehen, wie etwa ein Pakistaner. Oder wie ein Tessiner, so fiel mir plötzlich ein. Alte Eselin, dachte ich, packte Sack und Hirngespinste und machte mich auf den Heimweg.

10. Oktober 2016

Nächsten Monat ist Präsidentschaftswahl in den USA. Kandidat Trump ist derart unmöglich, dass wohl Kandidatin Clinton gewinnt. Und damit ist dann der mächtigste Mensch der Welt eine Frau. Seit Tausenden von Jahren waren Männer an der Macht, sagten, was Frauen durften, sei’s im Staat, sei’s in der Religion, in nomine Domini. Die Frau war ja lediglich ein Geschöpf aus Adams Rippe. Oder, wie Schopenhauer schrieb: »… eine Art Mittelstufe zwischen dem Kinde und dem Manne, als welcher der eigentliche Mensch ist.« Oder wie Aristoteles sagte: »Das Weibchen ist ein verkrüppeltes Männchen.« Und jetzt – so sieht’s aus – wird so eine Art Mittelstufe bzw. ein verkrüppeltes Männchen demnächst Chefin der Vereinigten Staaten und Tonangeberin der Welt! Herrgott, was sagst du dazu?

9. Oktober 2016

Das Hirn meines Gegenübers mit nichts als meiner Denkkraft manipulieren – das geht nicht. Ich hoffe, dass es nie gehen wird. Denn würde es gehen, könnte mein Gegenüber dasselbe mit mir tun, was für eine Horrorvorstellung. Im Swiss Cybathlon Race der ETH Zürich steuerten gestern halsabwärts komplett gelähmte Menschen kleine Figürchen – Avatare – durch ein Computerspiel. Sie ließen sie springen, tanzen, rutschen, mit Hilfe ihrer Gedanken und einer Gehirn-Computer-Schnittstelle, die ihre Gedanken las. Es war so großartig wie unheimlich. Die Technologie wird weiterentwickelt werden. Irgendwann wird man mit Gedankensteuerung Roboter aktivieren können. Es ist mir irgendwie recht, dass ich das nicht mehr erleben werde.

7. Oktober 2016

In Deutschland hat jedes fünfte Kind zwischen drei und sieben Jahren eine psychische Störung. Sagt das Robert-Koch-Institut in Berlin. Was soll ich daraus schließen? Ich entscheide mich mal dafür: In Deutschland sind vier von fünf Kindern zwischen drei und sieben Jahren langweilig, fad, durchschnittlich, angepasst, einfallsarm, farblos, uninteressant, mittelmäßig. Armes Deutschland, sage ich da. Oder soll ich besser dem Robert-Koch-Institut nicht so ganz trauen? Übrigens: Die Zahl verordneter Tagesdosen von Ritalin und ähnlichen Medikamenten soll innerhalb eines Jahrzehnts von 8 auf 55 Millionen gestiegen sein. Wenn das nicht jedem fünften Kind hilft, dann bestimmt jedem fünften Pharmaunternehmen.

6. Oktober 2016

»Garstonom« steht in der Zeitung. Nur ein Druckfehler. Aber der Gastronom wird sich ärgern. Und mich bringt’s zum Lachen. Ich schäm mich auch ein bisschen. Spätschämen könnte man es nennen: Die Nachbarin damals in den Siebzigern, eine Ostdeutsche mit unschönen Erinnerungen und unschönen Zähnen, schwärmte davon, einmal nach Paris zu reisen. Fast sehnsüchtig sagte sie: »Ich würde so gern mal in einem Birsto sitzen.« Sie konnte nicht Französisch, die Nachbarin, und sie konnte auch nicht nach Paris, sie starb kurze Zeit später. Ich hab sie damals heimlich ausgelacht, nur wegen eines einzigen falsch platzierten Buchstabens. Und ich hab sie nicht vergessen, nur wegen eines einzigen falsch platzierten Buchstabens.

4. Oktober 2016

Das Haus ist alt, die Wasserleitungen sind alt, und wir sind alt. Als das Wasser laut wie der Rheinfall aus dem Rohr in den Keller rauschte, waren wir hilflos. Was bislang auf dem Boden gestanden hatte, begann im Wasser zu schaukeln, Schuhe, Körbe, Kleinkram. Wir stopften, rannten, retteten. Es schien, als sprudle das Wasser des ganzen Quartiers aus unserer Röhre. Fast zielgerichtet floss es in den Nebenraum, zur Kellerbibliothek mit gesammelter Belletristik aus fünfzig Jahren. Das war’s dann, ihr Dichter und Dichterinnen, jetzt werdet ihr verschimmeln, dachte ich und beschloss, dem Weinen nachzugeben, tat’s dann doch nicht, war ja schon nass genug, triefnass. »Die Feuerwehr kommt ab fünf Zentimeter Wasserhöhe«, sagte der rettende Mann von der städtischen Wasserversorgung. Wir hatten nur drei Zentimeter.

27. September 2016

»Hör endlich auf«, sagt die Katz, »so ungemütlich zu tun.« Vier Bücher knallen vor ihr auf den Boden, sie springt auf und setzt sich gleich wieder. »Was machst du da eigentlich«, sagt sie, »auf jeden Fall machst du Staub. Und warum stehst du auf der Leiter und stöhnst?« Ich sage ihr, dass ich Bücher entsorge. »Die Psychologie-Bücher und die Gedichtbände, verstehst du, Katz?« Nein, tut sie nicht. Sie sagt, sie wisse nicht, warum wir Gedichte überhaupt erst in diese Dinger da reinschreiben und dann zum Lesen wieder hervorholen. »Wir dichten direkt in die Luft«, sagt die Katz. »Das ist viel effektiver.« Sie hat wohl recht. »Bitte, dichte was, Katz!« Sie überlegt und kratzt dann mit der Pfote etwas hinterm Ohr hervor: »Alte Freundin steht auf Leiter und weiß ganz und gar nicht weiter.« Das sei schön, sage ich, besonders die »Freundin«. Und besonders die Zeilenfall- und Interpunktionsangaben mit der Schwanzspitze. »Also«, sagt die Katz, »kommst du jetzt endlich ins Bett?«

21. September 2016

Ich fuhr mit dem Auto um die Kurve, da riss oder platzte etwas in seinen Innereien, »puff«, kaum hörbar, aber es war das Ende. Mit dem vorhandenen Schwung konnte ich noch bis zum Straßenrand steuern, stellte das Pannendreieck auf, rief den Pannendienst an. Ich öffnete die Motorhaube, glänzend lag der Motor vor mir, kam mir vor wie ein großes Gedärme in einem stillen Leib. Ein paarmal noch drehte ich den Schlüssel, doch es ertönte nur endlos Gewinsel, kam mir vor wie sich verflachende Linien auf dem Monitor kurz vor Herzstillstand. Der Pannenhelfer fuhr vor, lud das Auto auf seinen Abschlepper, kam mir vor wie Sarg und Leichenwagen. Zwölf Jahre war ich mit dem Auto rumgefahren, aber erst jetzt fühlte ich so was wie eine sentimentale Verbindung. Nichts mehr zu machen, sagte der Garagist am Telefon. Zahnriemen gerissen. Ich wusste nicht mal, dass mein Auto einen Zahnriemen gehabt hatte. »Schade«, sagte der Garagist. »Mein Beileid«, sagte er nicht.

20. September 2016

Ein Jugendbuch von 1937, grüner Leinenumschlag, auf der ersten Seite der Name meiner Schwester, Schönschrift, Tinte, Hilfslinien mit Bleistift. Auf der letzten Seite ein Eintrag meiner Tochter, gut dreißig Jahre später. »Empfehlbar«. Sie hat als Kind eine Zeitlang Bibliothekarin gespielt und unsere Bücher entsprechend beschriftet. War wohl nicht sonderlich begeistert von dem grünen Buch. Es heißt »Pedronis muss geholfen werden«. Ich kann mich an die Geschichte erinnern, sie war einigermaßen aufregend, traurig und von deutlicher Moral. Geschrieben hat sie Oskar Seidlin, geboren als Oskar Koplowitz in Oberschlesien, 1933 in die Schweiz und später nach USA emigriert, Literaturwissenschaftler. Er lebt nicht mehr, und sein grünes Jugendbuch ist vergessen. Zwar habe ich es kürzlich meiner Schwester überreicht, und sie sagte überrascht: »Oh, da schau ich gern wieder mal rein.« Nach ihrem Reinschauen wird das Leben des Buchs dann wohl definitiv zu Ende sein. Ja, auch Bücher sterben.

18. September 2016

Die Tollkirschen sind reif. Schwarz, glänzend. Direkt am Waldwegrand. Man braucht nur die Hand auszustrecken, um sie zu pflücken. Ich frage mich, warum der Förster sie da stehen lässt. Sonst lässt er doch vernichten, was ihm nicht ins Konzept passt, zum Beispiel böse Neophyten wie das Drüsige Springkraut und den Japanischen Knöterich. Zehn bis zwölf Tollkirschen braucht’s, um einen Erwachsenen umzulegen, für Kinder reicht die Hälfte. Wär gut möglich, dass mal ein paar Kinder auf die schöne Atropa Belladonna aufmerksam werden … Leicht süßlich sollen sie schmecken, die tödlichen Beeren. Ob der Förster, der freundliche Mann, gar was Mörderisches im Sinn hat? Nein, der Förster wohl nicht. Der Mörder ist immer der Gärtner.

10. September 2016

Kein sonderlich schöner Bau, das Hotel Waldhaus in Sils Maria. Seit 1908 thront es auf seinem Hügel mit Zinnen, Türmchen, Erkern. Fast würde man es naserümpfend links liegen lassen, wüsste man nicht, welche Geistesgrößen da mal abgestiegen sind, um auf Nietzsches jahrzehntealten Spuren zu wandeln: Mann, Hesse, Einstein, Jung, Adorno, Benn, Kästner … Also nichts wie rein in die vornehme Höhle, wo Kultur fast von den Wänden trieft. Diskret spielen Musiker zum Afternoon Tea auf, lautlos bringen Kellner Kännchen und Kelche, gedämpft wabern Gespräche über die Tische, sanft schimmert Waldesgrün durch die hohen Fenster. Und dann steht dort draußen plötzlich ein Reh, rupft Gras, schaut nicht mal rein. Wir und die ganze gebildete, feinsinnig plaudernde Horde sind ihm egal. So ein Reh taucht auch auf in Kästners Gedicht »Vornehme Leute«: Sie haben ihren Smoking an./Im Walde klirrt der Frost./Ein kleines Reh hüpft durch den Tann./Sie haben ihren Smoking an/und lauern auf die Post.

7. September 2016

Der Regionalzug hielt, ich sah nicht, wie die Station hieß. Nur wenige Leute stiegen aus und ein. Im vorderen Teil des Waggons weinte jemand herzzerbrechend. Eine Frau. Schluchzte, wimmerte, schrie. So schmerzerfüllt, als hätte man ihr für immer ihr Kind von der Brust gerissen. Auf dem Sitz hinter mir sagte eine Männerstimme trocken: »Da weint jemand.« Das Weinen war furchtbar. Tut man da was oder tut man nichts, fragte ich mich. Mir gegenüber saß eine junge Muslimin mit Kopftuch. Sie stand kurz entschlossen auf und begab sich Richtung Elend. Als sie wiederkam, fragte ich, ob man helfen könne. Sie schüttelte den Kopf. Die weinende Frau schluchzte ins Handy, deutete sie an. »Problem anderes ist«, sagte sie in gebrochenem Deutsch. Sie hatte getan, was ich hätte tun sollen. Ich hätte ihr etwas Anerkennendes sagen müssen. Aber nicht mal das tat ich. Das wilde Schluchzen dauerte noch an bis zur nächsten Station. Die hieß Wiesendangen.

31. August 2016

Heute früh war ich schwimmen. Die ersten paar Meter See lagen noch im Schatten, ich schwamm mit selbstverordneter Vorfreude möglichst rasch durchs Kühle hinaus in die Sonne, und dort genoss ich Zug um Zug die wunderbar glitzernde Fläche. So geht’s mir manchmal mit Büchern: Ich mühe mich ab mit ersten Kapiteln und plötzlich bin ich mitten in einer faszinierenden Weite und in einem wunderbaren Licht und kann nicht genug davon bekommen. Weg ist das anfängliche Frösteln, nur noch Lust ist da – und Spannung, weil man so viel Tiefe unter sich weiß. Es kommt auch vor, dass ich das Buch schon nach ein paar Seiten entschlossen zuklappe, weil es für mich zu kalt ist. Dann spritzt immer ein bisschen Beschämung auf.

30. August 2016

Seit gestern Mittag ist es mir endgültig klar, dass ich alt bin. Ich hatte für die Enkel aufwendig gekocht, Bohnen aus dem Garten, Nudeln Bolognese, zum Dessert einen süßen Auflauf. Das Essen fand Anklang, der Schulfreund eines Enkels saß mit am Tisch, und es wurde eifrig geredet. Nicht über Surfboards, YouTube, Burgers. Nicht über Smartphones, Sneakers, Open-Airs. Über Max Frisch und Homo Faber! Über Faber in Mexiko! Faber auf dem Schiff! Faber in Griechenland! Über Sabeths rötlichen Rossschwanz und den Kamm in der hinteren Tasche ihrer Hose! Über griechische Tragödien und den Ödipus-Komplex! Sie sind mir davongewachsen, dachte ich fassungslos. Ich kam mir ein bisschen verlassen vor, so wie wenn der Bus, statt zu halten, an einem vorbeifährt. Die kostbaren eigenen Bohnen hab ich dann doch noch gegessen.

28. August 2016

Niemand geht in dieses Dorf oben am Berg. Vielleicht mal ein paar Ziegen oder ein Bauer, der einen Platz für seinen Bienenkasten sucht. Das Dorf ist kaputt, seit einem Felssturz im letzten Jahrhundert verlassen. Der Weg hinauf ist steil und versteckt. Ich hab ihn im Sommer 07 per Zufall gefunden und acht Jahre später erneut gesucht. Zu schön ist es zwischen den Ruinen: Man sieht noch Ein- und Durchgänge, Rundbögen, ein paar hellblaue Farbreste an den Wänden, einen Brunnen mit Kuppel, schräge Grabsteine. Die Bäume sind alte Riesen. Feige, Granatapfel, Maulbeere, Nuss, Olive. Nur Holz und Steine liegen auf den Pfaden, kein Fitzelchen Plastik. Tief unten schimmert die türkische Ägäis, ein abgestürzter Himmel. Was sich bewegt: sehr sacht ein Wind, kaum merklich eine Schildkröte und möglicherweise die Zeit. Wenn Letztere nichts dagegen hat, ginge ich gerne wieder mal hin.

18. August 2016

Die Zahnlose Schließmundschnecke habe ich noch nie gesehen. Wenn ich sie mir vorstelle, denke ich an Gesichter im Speisesaal eines Altersheims. Ist nicht nett, ich weiß. Wer gibt den Lebewesen eigentlich ihre Namen? Egal. Hauptsache, die vom Aussterben bedrohte Zahnlose Schließmundschnecke