Verlag: Heyne Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Theo Boone - Unter Verdacht E-Book

John Grisham

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E-Book-Beschreibung Theo Boone - Unter Verdacht - John Grisham

Theo Boone in höchster GefahrDer 13-jährige Theo Boone, der allseits bekannte und beliebte »Junganwalt« von Strattenburg, erfährt plötzlich, was es bedeutet, auf der anderen Seite zu stehen: Er wird verdächtigt, in einem Computerladen eingebrochen zu haben! Theo bekommt es mit der Angst zu tun, denn eines ist klar: Irgendjemand hat etwas gegen ihn. Und dieser jemand schreckt vor nichts zurück …Der 13-jährige Theo Boone ist nicht nur der jüngste Anwalt in der beschaulichen Kleinstadt Strattenburg, er ist aufgrund seiner Hilfsbereitschaft auch einer der beliebtesten Jungen an seiner Schule. Als in einem Computerladen eingebrochen wird und die Diebesbeute kurz darauf in Theos Schulspind auftaucht, fällt er aus allen Wolken: Wer nur hasst ihn so sehr, dass er ihn zum Gegenstand polizeilicher Ermittlungen machen will? Im Handumdrehen steht der unbescholtene Theo unter Verdacht und hat alle Mühe, seine Unschuld zu beweisen. Seine Angst wird noch dadurch gesteigert, dass jemand mehrmals die Reifen seines Fahrrads aufschlitzt – und einen nicht gerade kleinen Stein durch die Scheibe der Boone’schen Kanzlei wirft, als Theo gerade am Fenster steht …

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E-Book-Leseprobe Theo Boone - Unter Verdacht - John Grisham

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THEODORE BOONE: THE ACCUSED

bei Dutton Children´s Books / Penguin, New York

Copyright © 2012 by Boone & Boone LLC

Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München,

unter Verwendung eines Fotos von © Weston Colton/Rubberball/Corbis

Redaktion: Charlotte Lungstraß

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 9783-641-10975-2

www.heyne-fliegt.de

V003

Eins

Angeklagt war ein wohlhabender Mann namens Pete Duffy, der des Mordes beschuldigt wurde. Polizei und Staatsanwaltschaft waren davon überzeugt, dass Mr. Duffy seine attraktive Ehefrau in ihrem eleganten Heim am sechsten Loch des Golfplatzes erdrosselt hatte, auf dem er an diesem Tag ganz allein eine Runde gespielt hatte. Wurde er verurteilt, musste er den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen. Bei einem Freispruch konnte er den Gerichtssaal als freier Mann verlassen. Wie sich herausstellen sollte, befanden ihn die Geschworenen nicht für schuldig – aber auch nicht für unschuldig.

Es war Duffys zweiter Prozess. Vier Monate zuvor hatte Richter Henry Gantry das erste Verfahren für fehlerhaft erklärt und alle nach Hause geschickt – auch Pete Duffy, der gegen Kaution auf freiem Fuß geblieben war. In den meisten Mordprozessen konnten sich die Beschuldigten die Kaution nicht leisten und wanderten daher bis zur Verhandlung hinter Gitter. Aber Mr. Duffy hatte sowohl Geld als auch gute Anwälte. Daher hatte er sich, nachdem seine Frau von der Polizei tot aufgefunden worden war, frei bewegen können, obwohl ihn die Staatsanwaltschaft des Mordes bezichtigte. Er war in der Stadt gesehen worden – in seinen Lieblingsrestaurants, bei den Basketballspielen im Stratten College, in der Kirche (häufiger als sonst) und natürlich regelmäßig auf dem Golfplatz. Seiner ersten Verhandlung hatte er trotz der drohenden Gefängnisstrafe – zumindest äußerlich – unbeeindruckt entgegengesehen. Im zweiten Verfahren hatte die Staatsanwaltschaft jedoch einen neuen Augenzeugen aufgeboten, und angeblich war Pete Duffy deswegen äußerst nervös.

Der Augenzeuge war Bobby Escobar, ein neunzehnjähriger illegaler Einwanderer, der am Tag der Ermordung von Mrs. Duffy auf dem Golfplatz gearbeitet hatte. Er hatte beobachtet, wie Mr. Duffy ungefähr zur Todeszeit sein Haus betrat und es kurz darauf in aller Eile wieder verließ, um sein Golfspiel fortzusetzen. Aus verschiedenen Gründen hatte sich Bobby erst gemeldet, als die Verhandlung bereits begonnen hatte. Nachdem Richter Gantry Bobbys Geschichte gehört hatte, hatte er das erste Verfahren für fehlerhaft erklärt. Jetzt, wo Bobby bereit war auszusagen, rechneten die Bürger von Strattenburg, die den Duffy-Fall aufmerksam verfolgt hatten, mehrheitlich mit einem Schuldspruch. Es war so gut wie unmöglich, jemanden zu finden, der Pete Duffy nicht für den Mörder seiner Frau hielt.

Und praktisch alle wollten bei der Verhandlung dabei sein. Ein Mordprozess war im Strattenburger Gericht ein seltenes Ereignis, denn in Stratten County gab es nicht viele Morde. Als sich um acht Uhr morgens die Türen des Gerichtsgebäudes öffneten, bildeten sich daher schnell lange Schlangen. Die Geschworenen waren bereits drei Tage zuvor ausgewählt worden. Das Drama im Gerichtssaal konnte beginnen.

Um 8.40 Uhr sorgte Mr. Mount in der achten Klasse für Ruhe, damit er die Anwesenheitsliste verlesen konnte. Alle sechzehn Jungen waren da. Nur die ersten zehn Minuten des Schultags fanden im Klassenzimmer statt, danach ging es zum Spanischunterricht bei Madame Monique.

Mr. Mount hatte es eilig. »Männer, ihr wisst, heute ist der erste Verhandlungstag von Runde zwei im Verfahren gegen Pete Duffy. Beim ersten Prozess durften wir ja beim ersten Verhandlungstag dabei sein, aber bekanntermaßen habe ich diesmal keine Genehmigung dafür bekommen.«

Mehrere Jungen pfiffen und buhten.

Mr. Mount hob die Hände. »Das reicht. Unsere verehrte Direktorin Mrs. Gladwell hat dafür Theo erlaubt, sich die Eröffnung der Verhandlung anzusehen und uns Bericht zu erstatten. Bitte, Theo.«

Theodore Boone sprang auf und ging mit dem entschlossenen Schritt, den er sich bei seinen Vorbildern im Gerichtssaal abgeschaut hatte, nach vorne. Wie ein echter Jurist hielt er einen gelben Block in der Hand. Er stellte sich neben Mr. Mounts Schreibtisch, legte eine kurze Pause ein und blickte die Klasse an wie ein Prozessanwalt die Geschworenen.

Seine Eltern waren beide Anwälte, und er war praktisch in ihrer Kanzlei groß geworden. Während die anderen Achtklässler der Strattenburg Middleschool Sport trieben, Gitarrenunterricht nahmen und überhaupt das taten, was normale Dreizehnjährige so tun, trieb er sich in Gerichtssälen herum. Recht war sein Hobby. Da er sich ständig damit beschäftigte und immer auf dem Laufenden war, galt er als unangefochtene Autorität für juristische Fragen. Auf diesem Gebiet konnte ihm niemand das Wasser reichen – zumindest niemand in Mr. Mounts Klasse.

»Ihr wart ja beim ersten Verhandlungstag vor vier Monaten dabei«, begann Theo. »Das heißt, ihr kennt die Beteiligten aus dem ersten Verfahren und wisst, wo ihr Platz ist. Staatsanwalt und Verteidiger sind dieselben. Mr. Duffy bleibt Mr. Duffy. Aber die Geschworenen haben gewechselt, und dann gibt es noch den neuen Augenzeugen, der im ersten Prozess nicht ausgesagt hat.«

»Schuldig!«, brüllte Woody ganz hinten im Raum. Andere stimmten mit ein.

»Also gut«, sagte Theo. »Stimmen wir ab. Wer hält Pete Duffy für schuldig?«

Vierzehn der sechzehn Schüler hoben ohne jedes Zögern die Hand. Nur Chase Whipple, das verrückte Genie, war wie immer anderer Meinung als die Mehrheit und hatte die Arme vor der Brust verschränkt.

Theo, der nicht abgestimmt hatte, war entsetzt. »Das ist doch lächerlich! Wie könnt ihr für schuldig stimmen, wenn die Verhandlung noch nicht einmal angefangen hat? Wir haben keine Zeugenaussagen gehört, wir wissen gar nichts. In unserem Rechtssystem gilt ein Angeklagter als unschuldig, solange seine Schuld nicht bewiesen ist. Wenn Pete Duffy heute Morgen den Verhandlungssaal betritt, ist er als unschuldig zu betrachten. Und das bleibt auch so, bis alle Zeugen ausgesagt haben und den Geschworenen sämtliche Beweise vorliegen. Schon mal was von der Unschuldsvermutung gehört?«

Mr. Mount stand in einer Ecke und beobachtete, wie Theo zu Hochform auflief. Es war keineswegs das erste Mal. Der Junge war ein Naturtalent, der Star des Debattierclubs der achten Klasse, für den Mr. Mount als Fachschaftsberater zuständig war.

Theo echauffierte sich immer noch über das vorschnelle Urteil seiner Klassenkameraden. »Es darf keine begründeten Zweifel an der Schuld des Angeklagten geben. Habt ihr das schon vergessen? Was ist bloß los mit euch!«

»Schuldig!«, brüllte Woody erneut, was ihm einige Lacher einbrachte.

Theo wusste, dass er auf verlorenem Posten stand. »Okay, okay«, sagte er. »Kann ich jetzt gehen?«

Die Glocke schrillte laut, und alle sechzehn Jungen rannten zur Tür. Theo schoss in den Gang und flitzte zum Sekretariat. Miss Gloria, die Schulsekretärin, telefonierte gerade. Sie mochte Theo, weil seine Mutter sie bei ihrer ersten Scheidung vertreten hatte. Außerdem hatte Theo sie einmal inoffiziell beraten, als ihr Bruder mit Alkohol am Steuer erwischt worden war. Kaum hatte sie Theo das gelbe Formular mit der von Mrs. Gladwell unterzeichneten Unterrichtsbefreiung ausgehändigt, da war er auch schon wieder weg. Die Uhr über ihrem Schreibtisch zeigte genau 8.47 Uhr.

Am Fahrradständer draußen an der Fahnenstange sperrte Theo seine Kette auf, schlang sie um den Lenker und trat kräftig in die Pedale. Wenn er sich an die Straßenverkehrsordnung hielt, brauchte er fünfzehn Minuten bis zum Gericht. Wenn er jedoch die üblichen Abkürzungen nahm, den einen oder anderen Fußweg nutzte, hie und da quer über ein Privatgrundstück fuhr und mindestens zwei Stoppschilder missachtete, konnte er es in etwa zehn Minuten schaffen. Heute hatte er keine Zeit zu verlieren. Er wusste, dass der Gerichtssaal bereits überfüllt sein würde. Nur mit viel Glück würde er überhaupt einen Sitzplatz bekommen.

Er flitzte einen Fußweg entlang, flog zweimal ein Stück durch die Luft und schoss durch einen Garten, dessen Besitzer ihm wohlbekannt war. Es handelte sich um einen unangenehmen Zeitgenossen, der Uniform trug und sich wie ein Polizeibeamter aufführte, obwohl er eigentlich nur Teilzeit-Wachmann war. Dieser Buck Boland (hinter seinem Rücken auch Buck Bolognese genannt) trieb sich gelegentlich im Gericht herum.

»Verschwinde, Junge!«, brüllte eine laute, wütende Stimme, als Theo durch den Garten raste und nach links abbog. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Mr. Boland einen Stein nach ihm warf, der ihn nur haarscharf verfehlte. Theo legte noch einen Zahn zu.

Das war knapp, dachte er. Vielleicht suchte er sich doch besser eine andere Route.

Neun Minuten, nachdem er die Schule verlassen hatte, hielt Theo mit quietschenden Reifen vor dem Gerichtsgebäude von Stratten County, kettete sein Rad in aller Eile am Fahrradständer an und stürzte ins Gebäude. Er sprintete die Prachttreppe hinauf und lief zu Richter Gantrys Sitzungssaal. Vor den schweren Türen standen die Zuschauer bereits Schlange. Die Scheinwerfer der Fernsehkameras tauchten die Menge in grelles Licht, und mehrere Gerichtsdiener versuchten mit grimmiger Miene, für Ordnung zu sorgen. Wenn Theo einen von ihnen nicht ausstehen konnte, dann war es ein gewisser Gossett, ein griesgrämiger alter Mann. Unglücklicherweise erwischte ihn genau dieser Gossett dabei, wie er sich durch die Wartenden schlängelte.

»Wo willst du denn hin, Theo?«, knurrte er ihn an.

Wohin wohl?, dachte Theo. Wohin will ich wohl, wenn nicht zum größten Mordprozess in der Geschichte des County? Aber mit vorwitzigen Bemerkungen kam er nicht weiter.

Er zückte die Unterrichtsbefreiung. »Ich darf mir die Verhandlung ansehen, die Direktorin hat es ausdrücklich genehmigt«, erklärte er zuckersüß.

Gossett riss ihm das Formular aus der Hand. Seiner finsteren Miene nach zu urteilen, drohte Theo ein schreckliches Schicksal, falls sich die Bescheinigung als nicht ausreichend erwies.

Theo wollte schon anbieten, Gossett beim Lesen behilflich zu sein, biss sich aber auf die Zunge.

»Das ist von der Schule. Für den Zutritt zum Sitzungssaal gilt das nicht. Hast du die Erlaubnis von Richter Gantry?«

»Ja«, sagte Theo brav.

»Lass sehen.«

»Ich habe nichts Schriftliches. Richter Gantry hat mir mündlich erlaubt, mir die Verhandlung anzusehen.«

Gossetts Miene verfinsterte sich weiter. Er schüttelte gewichtig den Kopf. »Tut mir leid, Theo. Der Saal ist voll. Es gibt keine Sitzplätze mehr. Wir müssen schon Leute wegschicken.«

Theo nahm seine Befreiung und tat, als wäre er den Tränen nah. Er ging ein paar Schritte rückwärts, drehte sich um und verschwand in dem langen Korridor. Als er außer Sichtweite war, schlüpfte er durch eine schmale Tür und lief eine Versorgungstreppe hinunter, die sonst nur vom Hausmeister und den Servicetechnikern benutzt wurde. Im Erdgeschoss folgte er einem dunklen, engen Gang, der unter dem großen Sitzungssaal hindurchführte, und landete schließlich in einem Aufenthaltsraum, in dem sich die Justizangestellten in ihren Pausen zu Kaffee, Donuts und dem neuesten Klatsch versammelten.

»Ja, hallo, Theo!«, sagte die hübsche Jenny, die Theo von allen Angestellten hier mit Abstand am liebsten war.

»Hallo, Jenny!« Er lächelte und marschierte lässig durch das kleine Zimmer zu einem Versorgungsschrank, hinter dem eine weitere geheime Treppe lag. In früheren Jahrzehnten waren die Häftlinge vom Gefängnis auf diesem Weg direkt in den großen Sitzungssaal gebracht worden, um ihren Richtern gegenüberzutreten, aber jetzt wurde sie kaum noch genutzt. Das alte Gerichtsgebäude war ein Labyrinth aus engen Gängen und schmalen Treppenhäusern, und Theo kannte sie alle.

Durch eine Seitentür neben den Geschworenenbänken gelangte er in den Sitzungssaal. Die Luft war erfüllt vom aufgeregten Geschnatter der Zuschauer, die auf ein ganz großes Drama hofften. Uniformierte Wachmänner schlenderten umher, unterhielten sich miteinander und taten wichtig. Vor der Haupttür drängten sich immer noch Menschen, die in den Saal wollten. Links im Raum, in der dritten Reihe hinter dem Tisch der Verteidigung, entdeckte Theo ein vertrautes Gesicht.

Es war sein Onkel Ike, der seinem liebsten (und einzigen) Neffen einen Platz freigehalten hatte. In aller Eile drängte sich Theo durch die Reihe und quetschte sich neben Ike.

Zwei

Ike Boone war früher Anwalt gewesen, in derselben Kanzlei wie Theos Eltern. Die drei Boones hatten in einer Sozietät zusammengearbeitet, bis Ike mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Seine Verfehlungen waren so gravierend gewesen, dass die Anwaltskammer des Staates seine Zulassung widerrief. Jetzt arbeitete er als Buchhalter und Steuerberater für verschiedene Strattenburger Kleinunternehmer. Er hatte im Grunde keine Familie und war zu einem unzufriedenen alten Mann geworden, der sich selbst für einen einsamen Wolf und gesellschaftlichen Außenseiter hielt. Sein Rebellentum zeigte er, indem er sich kleidete wie ein alter Hippie und das lange weiße Haar zu einem Pferdeschwanz zusammenband. Auch jetzt trug er ein typisches Ike-Outfit: ausgelatschte Sandalen ohne Socken, verblichene Jeans und rotes T-Shirt unter einer karierten Freizeitjacke mit ausgefransten Ärmeln.

»Danke, Ike«, flüsterte Theo, während er es sich gemütlich machte.

Ike lächelte wortlos. Theo saß zwischen Ike und einer attraktiven Dame mittleren Alters, die er noch nie gesehen hatte. Als er sich umblickte, entdeckte er unter den Zuschauern mehrere Anwälte. Seine Eltern waren angeblich viel zu beschäftigt, um ihre Zeit in der Verhandlung zu verschwenden, aber Theo wusste, dass sie sich brennend dafür interessierten. Seine Mutter war eine angesehene Scheidungsanwältin mit vielen Mandanten, sein Vater hatte sich auf Immobiliengeschäfte spezialisiert und ging nie vor Gericht. Theo wollte eines Tages ein berühmter Prozessanwalt werden, der sich von Scheidungen und Immobilien fernhielt. Oder er wurde ein weiser Richter, wie sein Freund Henry Gantry. Das war noch nicht entschieden, aber er hatte ja noch jede Menge Zeit. Schließlich war er erst dreizehn.

Die Geschworenenbänke waren leer, und da Theo schon viele Verhandlungen gesehen hatte, wusste er, dass die Geschworenen zuletzt in den Verhandlungssaal geführt wurden. Hoch über dem Richtertisch hing eine große quadratische Uhr, und um 8.59 Uhr betraten die Staatsanwälte – wie üblich mit wichtiger Miene – durch eine Seitentür den Sitzungssaal. Angeführt wurden sie von Jack Hogan, einem alten Haudegen, der seit vielen Jahren in Strattenburg Kriminelle jagte. Im ersten Prozess vor vier Monaten hatte Hogan Theo mit seinem Auftreten vor Gericht schwer beeindruckt. Wochenlang hatte er damals überlegt, Staatsanwalt zu werden, ein Mann, auf den die ganze Stadt blickte, wenn ein furchtbares Verbrechen geschah. Mr. Hogan war von verschiedenen jüngeren Staatsanwälten und Ermittlern umgeben. Es war ein beeindruckendes Team.

Der Tisch der Verteidigung auf der anderen Seite des Gangs war verlassen – von Pete Duffy war weit und breit nichts zu sehen. Direkt dahinter, in der ersten Reihe, entdeckte Theo jedoch Omar Cheepe und seinen Kumpanen Paco, zwei zwielichtige Gestalten, die die Verteidigung als Schnüffler und Unruhestifter angeheuert hatte. Die Zuschauer machten es sich gemütlich. Nach einem Blick auf die tickende Uhr wunderte Theo sich sehr, dass bisher nur die Vertreter der Anklage eingetroffen waren. Richter Gantry legte großen Wert auf Pünktlichkeit. Als sich um Punkt neun immer noch nichts rührte, wanderten die Blicke der Menge zur Uhr. Es wurde 9.05 Uhr, dann 09.10 Uhr. Um 9.15 Uhr kam schließlich das Team der Verteidigung herein und nahm Platz. Die Leitung hatte Clifford Nance, ein bekannter Prozessanwalt, der im Augenblick jedoch blass und hilflos wirkte. Er beugte sich über die Schranke, um mit Omar Cheepe und Paco zu reden. Da war etwas faul, so viel war klar.

Von Pete Duffy, der neben Clifford Nance am Tisch hätte sitzen sollen, fehlte jede Spur.

Omar Cheepe und Paco verließen abrupt den Raum.

»Bitte erheben Sie sich!«, rief ein Gerichtsdiener um 9.20 Uhr.

Richter Henry Gantry betrat durch eine Tür hinter dem Richtertisch mit wehender schwarzer Robe den Saal.

»Hört, hört, das Strafgericht des Zehnten Distrikts tagt nun unter dem Vorsitz des ehrenwerten Henry Gantry«, fuhr der Gerichtsdiener fort. »Möge jeder seine Angelegenheiten vortragen. Gott segne dieses Gericht.«

»Bitte nehmen Sie Platz«, sagte Richter Gantry, und die Zuschauer, die sich noch gar nicht richtig erhoben hatten, plumpsten wieder auf ihre Stühle.

Richter Gantry starrte Clifford Nance finster an und holte tief Luft. Alle Anwesenden folgten seinem Blick. Nance wurde noch blasser.

»Mr. Nance, wo ist der Angeklagte Peter Duffy?«, fragte Richter Gantry schließlich.

Clifford Nance erhob sich widerstrebend. Er räusperte sich, und als er schließlich sprach, klang seine sonst so volle Stimme heiser und gebrochen. »Ich weiß es nicht, Euer Ehren. Mr. Duffy hätte heute Morgen um sieben Uhr zur Vorbereitung der Verhandlung zu mir in die Kanzlei kommen sollen, aber er ist nicht erschienen. Er hat sich weder telefonisch noch per Fax, E-Mail oder SMS bei mir oder meinen Mitarbeitern gemeldet. Wir haben immer wieder versucht, ihn telefonisch zu erreichen, aber vergeblich. Bei ihm zu Hause ist auch niemand. Im Augenblick suchen wir noch, aber es sieht so aus, als wäre er verschwunden.«

Theo traute seinen Ohren nicht, und allen anderen im Saal schien es ebenso zu gehen.

Ein Polizeibeamter erhob sich. »Darf ich etwas sagen, Euer Ehren?«

»Bitte«, sagte Richter Gantry.

»Wir wurden nicht informiert. Wäre uns das vorher gemeldet worden, hätten wir die Fahndung einleiten können.«

»Dann tun Sie das eben jetzt«, erwiderte Richter Gantry unwirsch. Offensichtlich hatte ihn die Abwesenheit von Pete Duffy völlig aus dem Konzept gebracht. Er schlug mit dem Hammer auf den Tisch. »Eine Stunde Unterbrechung. Bitte informieren Sie die Geschworenen, sie sollen es sich da hinten gemütlich machen.« Damit verschwand Richter Gantry durch die Tür hinter seinem Richtertisch.

Einen Augenblick lang herrschte im Zuschauerraum ungläubiges Schweigen. Keiner rührte sich, als müsste Pete Duffy doch noch jeden Augenblick hereinkommen. Dann war hie und da ein Flüstern zu vernehmen, ein paar leise Worte folgten, bis schließlich Bewegung in die Menge kam. Verschiedene Zuschauer standen auf und gingen im Saal umher. Allerdings verließ keiner den Raum, weil niemand riskieren wollte, nicht mehr eingelassen zu werden. Sicher würde Pete Duffy gleich eintreffen, sich für die Verspätung mit dem Hinweis auf eine Reifenpanne oder einen ähnlichen Vorfall entschuldigen, und die Verhandlung würde ihren Gang gehen.

Zehn Minuten verstrichen. Staatsanwälte und Verteidiger trafen sich auf halbem Weg und begannen in gedämpftem Ton ein Gespräch. Jack Hogan und Clifford Nance steckten die Köpfe zusammen und runzelten besorgt die Stirn.

»Was meinst du, Ike?«, fragte Theo leise.

»Sieht aus, als hätte er sich abgesetzt.«

»Was bedeutet das?«

»Eine ganze Menge. Duffy hat seine Kaution mit einer Immobilie gesichert, um sein Erscheinen vor Gericht zu gewährleisten. Die ist auf jeden Fall weg. Wenn er tatsächlich untergetaucht ist, kann ihm das allerdings ziemlich egal sein, weil er für den Rest seines Lebens auf der Flucht sein wird – bis sie ihn erwischen.«

»Werden sie ihn denn erwischen?«

»Wahrscheinlich schon. Sein Gesicht wird überall zu sehen sein – im Internet und auf Fahndungsplakaten, die in den Postämtern und in jeder Polizeistation im Land aushängen. Mit großer Wahrscheinlichkeit finden sie ihn, aber es gibt eine Reihe berühmter Fälle, in denen die Flüchtigen nie gefasst wurden. Normalerweise gehen solche Leute außer Landes, nach Südamerika oder so. Wundert mich echt, dass Pete Duffy schlau genug dafür ist.«

»Schlau?«

»Überleg doch mal, Theo. Der Mann hat seine Frau ermordet. Zu seinem Glück wurde das erste Verfahren für fehlerhaft erklärt. Nochmal wird das nicht passieren, das weiß er, also droht ihm eine lebenslange Gefängnisstrafe. Da würde ich mich auch lieber absetzen. Wahrscheinlich hat er irgendwo Geld versteckt. Er besorgt sich neue Papiere, einen neuen Namen, vielleicht hat er einen Komplizen, der ihm hilft. So wie ich Duffy kenne, ist bestimmt eine junge Frau im Spiel. Gar nicht so dumm, wenn du mich fragst.«

Ike ließ die Sache wie ein spannendes Abenteuer klingen, aber Theo hatte so seine Zweifel. Während sich der Stundenzeiger der zehn näherte, starrte er auf den leeren Stuhl des Angeklagten und wollte einfach nicht glauben, dass Pete Duffy die Kaution hatte verfallen lassen, um nun den Rest seines Lebens auf der Flucht zu sein.

Omar Cheepe und Paco tauchten wieder auf und besprachen sich mit Clifford Nance. Dem Kopfschütteln, dem eindringlichen Flüstern und den besorgten Blicken nach zu urteilen, hatte sich die Lage nicht verbessert. Pete Duffy war und blieb verschwunden.

Ein Gerichtsdiener rief Verteidiger und Staatsanwälte zusammen und geleitete sie zu einer weiteren Besprechung ins Richterzimmer. An den Geschworenenbänken standen Polizeibeamte herum und erzählten sich Witze. Im Saal wurde es immer lauter, weil die enttäuschte Menge zunehmend unruhig wurde.

»Das wird mir zu langweilig, Theo«, erklärte Ike. Ein paar Zuschauer hatten den Saal bereits verlassen.

»Ich bleibe noch«, erwiderte Theo, der keinen Wert darauf legte, mit leeren Händen in die Schule zurückzukehren und sich durch den Unterricht zu quälen. Die Befreiung galt ausdrücklich bis dreizehn Uhr, und das wollte Theo nutzen, Verhandlung hin oder her.

»Kommst du heute Nachmittag vorbei?«, fragte Ike. Es war Montag, und die Boone’sche Familientradition verlangte, dass Theo Ike jeden Montagnachmittag in seinem Büro besuchte.

»Logisch«, sagte Theo.

Ike lächelte. »Dann bis später.«

Nachdem er gegangen war, wog Theo Vor- und Nachteile der Situation ab. Er war enttäuscht, dass der größte Strafprozess in der jüngeren Geschichte von Strattenburg nun auf Eis lag und er sich das Kräftemessen zwischen Jack Hogan und Clifford Nance entgehen lassen musste. Andererseits war er erleichtert, dass Bobby Escobar nicht gezwungen sein würde, auszusagen und Pete Duffy zu identifizieren. Theo hatte wesentlich dazu beigetragen, dass Richter Gantry im ersten Prozess überhaupt von Bobbys Existenz erfuhr. Ihm war bewusst, dass Duffys Anwälte und Handlanger – vor allem Omar Cheepe und Paco – ihn genau beobachteten. Darauf konnte Theo gut verzichten.

Die Uhr tickte, und die Menge wartete immer noch. Theo war jedoch bereits zu dem Schluss gekommen, dass Pete Duffys plötzliches Verschwinden eine gute Sache war. Zumindest für ihn selbst. Er freute sich darüber, auch wenn das egoistisch war.

Hinter Theo hatten zwei Männer eine Meinungsverschiedenheit. Leise stritten sie darüber, wieso Duffy überhaupt gegen Kaution freigekommen war.

»Ich wette, Gantry bekommt deswegen Ärger«, sagte der erste Mann.»Duffy hätte bis zur Verhandlung hinter Schloss und Riegel bleiben müssen, genau wie jeder andere Mordverdächtige. In einem Mordverfall gibt es sonst doch auch keine Kaution. Gantry ist nur eingeknickt, weil Duffy Geld hat.«

»Das bezweifle ich«, widersprach der zweite Mann. »Ich finde es völlig richtig, wenn ein Beschuldigter gegen Kaution freikommt. Solange die Schuld nicht bewiesen ist, gilt immer noch die Unschuldsvermutung. Warum die Leute einsperren, bevor sie überhaupt verurteilt sind? Das gilt auch für Mord. Nur weil jemand Geld hat, darf man ihn nicht zusätzlich bestrafen. Duffy musste eine Million Dollar als Sicherheit hinterlegen. Dafür hat er eine Immobilie eingesetzt, und keiner hatte was dagegen. Zumindest bis jetzt nicht.«

Theo sympathisierte mit dem zweiten Sprecher.

»Ja genau, bis jetzt«, hielt der erste Mann dagegen. »Die Kaution sollte dafür sorgen, dass er vor Gericht erscheint. Hat ja bestens geklappt. Der Kerl ist nicht hier. Hat sich abgesetzt, ist untergetaucht, verduftet. Den sehen wir nie wieder, nur weil Gantry ihn auf Kaution freigelassen hat.«

»Die finden ihn schon noch.«

»Kann ich mir nicht vorstellen. Wahrscheinlich liegt er gerade in Mexico City bei einem Schönheitschirurgen unterm Messer, der sich bei den Drogenbaronen eine goldene Nase verdient hat. Ich wette, Pete Duffy wird nie gefunden.«

»Und ich wette zwanzig Dollar, dass er in dreißig Tagen wieder da ist und hinter Gittern sitzt.«

»Abgemacht! Zwanzig Dollar.«

Bewegung kam in den Saal, und die Gerichtsdiener nahmen eilig Haltung an. Die Verteidiger und Staatsanwälte kehrten aus Richter Gantrys Zimmer zurück und gingen zu ihren Tischen. Die Zuschauer huschten zu ihren Plätzen und verstummten.

»Bleiben Sie sitzen«, blaffte ein Gerichtsdiener. Richter Gantry nahm seine Position am Richtertisch ein und ließ den Hammer lautstark niedersausen.

»Bringen Sie die Geschworenen herein.«

Es war elf Uhr geworden, bis die Geschworenen im Gänsemarsch hereinkamen und ihre Plätze auf den Geschworenenbänken einnahmen.

»Mr. Nance, wo ist der Angeklagte?«, fragte Richter Gantry mit strengem Blick auf Clifford Nance, als alle saßen.

Nance erhob sich widerstrebend. »Euer Ehren, ich weiß es nicht. Unser letzter Kontakt mit Mr. Duffy war gestern Abend um halb elf.«

Richter Gantry sah Jack Hogan an. »Mr. Hogan.«

»Euer Ehren, uns bleibt keine Wahl. Wir beantragen, das Verfahren für fehlerhaft zu erklären.«

»Und mir bleibt nichts anderes übrig, als dem Antrag stattzugeben.«

Dann wandte sich der Richter an die Geschworenen. »Meine Damen und Herren, es sieht so aus, als wäre der Angeklagte Pete Duffy untergetaucht. Er war bis zur Verhandlung gegen Kaution auf freiem Fuß und ist nun offensichtlich verschwunden. Die örtliche Polizei fahndet nach ihm, das FBI ist bereits informiert. Ohne den Angeklagten gibt es keine Verhandlung. Ich entschuldige mich für die Unannehmlichkeiten und bedanke mich noch einmal dafür, dass Sie bereit waren, Ihren Bürgerpflichten nachzukommen. Sie sind entlassen.«

Eine Geschworene hob vorsichtig die Hand. »Euer Ehren, was ist, wenn er heute Nachmittag oder morgen gefunden wird?«

Richter Gantry schien nicht mit einer Frage aus dieser Richtung gerechnet zu haben. »Das kommt wohl darauf an, wie er gefasst wird. Wenn er zum Beispiel versucht, heimlich das Land zu verlassen, und erwischt wird, wird er sich hier auch deswegen verantworten müssen. Da das seine Verhandlungsstrategie beeinflussen dürfte, hätte er Anspruch auf einen Aufschub. Falls er aber irgendwo in der Stadt auftaucht und einen guten Grund dafür nennen kann, dass er heute Morgen nicht erschienen ist, verfällt die Kaution oder Sicherheitsleistung, er wandert ins Gefängnis, und ich beraume schnellstmöglich einen neuen Verhandlungstermin an.«

Damit war die Geschworene ebenso zufrieden wie Theo.

»Das Gericht vertagt sich«, sagte Richter Gantry und ließ den Hammer niedersausen.

Theo drückte sich im Saal herum, bis ein Gerichtsdiener das Licht ausschaltete. Notgedrungen radelte er dann Richtung Schule. Zwei Straßen weiter tauchte ein schwarzer Jeep Cherokee auf, der auf gleicher Höhe mit ihm blieb. Das Beifahrerfenster öffnete sich, und Pacos schwarzer Kopf erschien. Er lächelte, sagte aber nichts.

Theo trat auf die Bremse, und der Wagen rollte an ihm vorbei. Was wollten die von ihm?

Er war so verstört, dass er spontan in einen Fußweg einbog, um sich quer durch einen Privatgarten zu verdrücken. Während er noch einen Blick über die Schulter warf, verstellte ihm ein breit gebauter Mann den Weg und packte seinen Fahrradlenker.

»He, du da!«, brüllte er, obwohl er Theo direkt vor der Nase hatte.

Es war Buck Bolognese, und er kochte vor Wut.

»Lass dich nie wieder in meinem Garten blicken!«, blaffte er, ohne den Lenker loszulassen.

»Okay, okay. Tut mir leid«, stotterte Theo, der jeden Augenblick mit einer Ohrfeige rechnete.

»Wie heißt du?«, fuhr Bolognese ihn an.

»Theodore Boone. Lassen Sie mein Fahrrad los.«

Bolognese steckte in einer schlecht sitzenden billigen Uniform, auf deren Ärmeln die Aufschrift »ALL-PROSECURITY« eingestickt war. An seinem Gürtel hing eine ziemlich große Pistole.

»Halt dich von meinem Garten fern, verstanden?«

»Verstanden«, sagte Theo.

Bolognese ließ los, und Theo trat in die Pedale. Noch einmal gut gegangen. Plötzlich freute er sich geradezu auf die Schule und sein sicheres Klassenzimmer.

Drei

Theo meldete sich im Sekretariat und gab seine Befreiung ab. Seine Klasse hatte gerade Chemie, und Theo wollte nicht mitten in die Stunde platzen. Stattdessen ging er zu Mr. Mounts winzigem Büro, das sich im selben Gang befand wie sein Klassenzimmer. Die Tür stand offen. Theo hatte Glück: Mr. Mount saß an seinem Schreibtisch, aß ein Sandwich und sah sich auf seinem Laptop die Lokalnachrichten an.

»Setz dich«, sagte er, und Theo ließ sich auf dem einzigen Besucherstuhl nieder.

»Dann wissen Sie also Bescheid«, stellte Theo fest.

»Allerdings. In den Nachrichten wird ausführlich darüber berichtet.« Mr. Mount schob seinen Laptop ein paar Zentimeter näher an Theo heran, damit er besser sehen konnte. Der Sheriff sprach gerade zu einer Horde Reporter. Offenbar sei Mr. Duffy spurlos verschwunden, eine Hausdurchsuchung sei ergebnislos geblieben. Beide Autos, ein Mercedes und ein Ford-Geländewagen, stünden abgeschlossen in der Garage. Mr. Duffy habe am späten Sonntagnachmittag wohl allein Golf gespielt. Ein Caddy habe gesehen, wie er in einem Golfcart den Platz verließ und in Richtung seines Hauses am sechsten Loch fuhr – wie üblich, wenn er eine Runde gespielt hatte. Am Sonntagabend um 22.30 Uhr habe Pete Duffy mit Clifford Nance telefoniert und – nach Aussage von Nance – mit seinen Verteidigern einen Termin für sieben Uhr morgens vereinbart, um sich ausführlich auf die Verhandlung vorzubereiten.

Pete Duffy lebte gut drei Kilometer östlich der Stadt in einer relativ neuen Siedlung namens Waverly Creek, einer Luxus-Wohnanlage, deren Mittelpunkt drei Golfplätze waren. Der Schutz der Privatsphäre wurde hier ganz großgeschrieben. Das Kommen und Gehen an den Toren wurde rund um die Uhr von Sicherheitspersonal und Kameras überwacht. Der Sheriff zeigte sich überzeugt, dass Pete Duffy Waverly Creek nicht im Schutz der Dunkelheit durch eines der Tore verlassen hatte.

»Ich nehme an, er hat eine der Schotterpisten genommen, die auf das Gelände führen«, spekulierte er. Es war ihm deutlich anzumerken, dass er nicht viel für Reporter übrighatte.

Bisher gebe es allerdings keinerlei Hinweise darauf, wie Pete Duffy geflohen war. Zu Fuß, mit dem Rad, einem Roller, Pkw oder Golfcart – das sei bisher nicht zu klären gewesen. Der Zulassungsbehörde zufolge besitze Duffy allerdings weder Roller, Motorrad noch sonst ein anmeldepflichtiges Fahrzeug.

Mit mehr oder weniger unsinnigen Fragen bombardiert erklärte der Sheriff, es gebe erstens keine Anhaltspunkte dafür, dass ein Komplize an Duffys Flucht beteiligt gewesen sei, zweitens keinen Abschiedsbrief, falls er von einer Brücke gesprungen sein oder sich für einen anderen dramatischen Abgang entschieden haben sollte, drittens keinen Hinweis auf Fremdeinwirkung, also einen geheimnisvollen Unbekannten, der Duffy ausgerechnet in der Nacht vor seiner Verhandlung entführt habe, und viertens keinen Augenzeugen, der Duffy beobachtet hätte, nachdem ihn der Caddy mit seinen Golfschlägern hatte wegfahren sehen.

Schließlich hatte der Sheriff genug und verabschiedete sich. Der Nachrichtensender schaltete zurück ins Studio, wo die Moderatoren sich an einer hochtrabenden Analyse der dürftigen Fakten versuchten.

»Also, wo steckt er?«, fragte Mr. Mount, während er an seinem Brot kaute.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mitten in der Nacht zu Fuß in den Wäldern verschwindet«, meinte Theo. »Was ist Ihre Theorie?«

»Ein Komplize. Duffy ist kein Outdoor-Mensch, der wüsste gar nicht, wie man im Wald überlebt. Ich wette, er hat sich nach Mitternacht, als die Nachbarn fest schliefen, aus dem Haus geschlichen, das Rad genommen, um keinen Lärm zu machen, und ist dann über irgendeinen Feldweg ein paar Kilometer zu dem Treffpunkt gefahren, an dem ein Komplize mit einem Fahrzeug auf ihn gewartet hat. Dann haben die beiden das Rad in den Kofferraum oder, wenn es ein Pick-up war, auf die Ladefläche geworfen und sind los. Da die Verhandlung erst für neun Uhr angesetzt war, hat ihnen das einen Vorsprung von sechs bis acht Stunden verschafft.«

»Sie sind ja ganz schön interessiert«, stellte Theo belustigt fest.

»Na klar. Du nicht?«

»Schon, aber so genau wie Sie habe ich mir das noch nicht überlegt. Was glauben Sie, wo er jetzt ist?«

»Die Polizei hat keine Ahnung, mit was für einem Fahrzeug die beiden unterwegs sind. Das heißt, solange es keine weiteren Hinweise gibt, können sie sich frei bewegen. Duffy könnte überall sein.«

»Meinen Sie, er wird gefasst?«

»Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie ihn nicht kriegen werden. Vielleicht war es wirklich die perfekte Flucht, vor allem, wenn er einen Komplizen hatte.«

Mr. Mount war Mitte dreißig und für Theo mit Abstand der coolste Lehrer an der Schule. Früher war Mr. Mount Anwalt bei einer riesigen Kanzlei in einem Chicagoer Wolkenkratzer gewesen. Sein Bruder war immer noch als Anwalt tätig, sein Vater und Großvater waren ebenfalls Juristen gewesen. Mr. Mount selbst hatte jedoch irgendwann genug gehabt von den langen Arbeitstagen und dem enormen Druck und hatte seinen Job gekündigt. Er unterrichtete für sein Leben gern, und obwohl er sich nach wie vor als Jurist fühlte, fand er das Klassenzimmer viel wichtiger als den Gerichtssaal. Als Fachschaftsberater war er für den Debattierclub der achten Klasse zuständig, dessen Star Theodore Boone war. Dadurch war zwischen beiden eine enge Freundschaft entstanden.

Während sie sich auf dem Laptop die Nachrichten ansahen, gingen ihnen die wildesten Szenarien durch den Kopf. Wie mochte Pete Duffy die Flucht gelungen sein?

»Ich nehme an, das wird morgen im Sozialkundeunterricht Thema sein«, meinte Theo.

»Machst du Witze? Die ganze Stadt wird von nichts anderem reden.«

Die Glocke schrillte, und Theo hatte es plötzlich sehr eilig. Die Mittagspause war nur zwanzig Minuten lang, da war die Zeit kostbar. Die Gänge füllten sich schlagartig mit Schülern, die von den Unterrichtszimmern zu ihren Schließfächern und in die Cafeteria unterwegs waren.

Die Strattenburg Middleschool war einige Jahre zuvor renoviert worden. Zu den beliebteren Neuerungen zählten die modernen Spinde. Die tiefen, breiten Schränke waren aus Holz und schepperten nicht wie die alten Metallkästen, die jahrzehntelang die Gänge gesäumt hatten. Schlüssel waren überflüssig, weil jeder Spind mit einem Tastenfeld ausgestattet war, auf dem die persönliche Geheimzahl eingeben werden musste.

Theos Code war 58343 für Judge,