Tierärztin aus Leidenschaft - Anni Lechner - E-Book

Tierärztin aus Leidenschaft E-Book

Anni Lechner

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Beschreibung

Die junge Tierärztin Kerstin steht vor den Scherben ihres Lebens. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten wollte sie eine eigen Praxis eröffnen und hat deswegen ihren Job in der Tierklinik gekündigt. Doch nun betrügt er sie. Um auf andere Gedanken zu kommen, besucht Kerstin zusammen mit ihrer Großmutter deren Geburtsort Marzling. Die hübsche junge Frau sorgt für Aufsehen unter den Burschen des Dorfes, vor allem Xaver Hirzl ist sehr interessiert an ihr. Doch viel sympathischer ist ihr der junge Bauer Paul Hofreither. Als Kerstin dem geldgierigen Dorftierarzt in die Quere kommt, eskaliert die Situation – Paul Hofreithers beste Kuh wird vergiftet und Kerstin muss all ihr Können aufbringen um sie zu retten. Doch schafft sie es? Dieser und die zwei weiteren spannenden Romane „Jetzt wird endlich alles gut“ und „Ich habe den Falschen gehasst“ sind in diesem Buch enthalten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Anni Lechner

Tierärztin aus Leidenschaft

Jetzt wird endlich alles gut

Ich habe den Falschen gehasst

Anni Lechner: Band 25, Tierärztin aus Leidenschaft ... und zwei weitere spannende Romane

Copyright © by Anni Lechner

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Verlagsagentur Lianne Kolf.

Überarbeitete Neuausgabe © 2017 by Open Publishing Verlag

Covergestaltung: Open Publishing GmbH – Mathias Beeh

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Erlaubnis des Verlags wiedergegeben werden.

eBook-Produktion: Datagroup int. SRL, Timisoara

ISBN 978-3-95912-234-4

Tierärztin aus Leidenschaft

Der Stadtpark wirkte um diese Jahreszeit noch kahl. Nur die Osterglocken steckten ihre weißen und gelben Köpfe aus der kalten Erde. Kerstin hatte jedoch keinen Blick für diese ersten Frühlingsboten. Sie starrte mit brennenden Augen auf das Paar, das eng umschlungen auf der Bank saß und alles um sich herum vergessen zu haben schien.

Es waren tatsächlich Sven und Manuela, wie es ihr Frau Winter, die Sekretärin der Tierklinik, angekündigt hatte. Kerstin hielt nicht besonders viel von Frau Winter und noch weniger von deren Gerüchten. Trotzdem war sie in den Park gekommen, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen. Ihre Hoffnung, die Sekretärin hätte nur wieder einmal eine ihrer böswilligen Bemerkungen vom Stapel gelassen, hatte sich jedoch nicht erfüllt.

Es tat weh, Sven mit der anderen zu sehen, und das nach all den Träumen, die sie miteinander geteilt hatten. Plötzlich drehte sie sich um und rannte davon, ohne das Paar noch einmal anzusehen. Sie kehrte jedoch nicht mehr in die Tierklinik zurück. Den spöttischen »Ich habe es dir doch gesagt«-Blick der Sekretärin würde sie noch früh genug sehen.

Zunächst lief Kerstin ziellos durch die Stadt. Nach einer Weile gelang es ihr jedoch wieder, klar zu denken. Gleichzeitig fühlte sie eine fürchterliche Wut in sich aufsteigen. Nur auf Svens Rat hin hatte sie letzte Woche ihren Job gekündigt, um in Ruhe die gemeinsam geplante Tierarztpraxis vorbereiten zu können. Kerstin überlegte kurz, ihre Kündigung zurückzunehmen, zuckte dann aber mit den Schultern. Sie würde ihre Tierarztpraxis trotzdem einrichten, nur eben ohne Sven. Allerdings konnte sie es nicht ohne Unterstützung tun. Doch wenn es jemanden gab, der ihr helfen konnte, dann war es ihre Oma.

*

Erika Schmitz sah durch das Wohnzimmerfenster ihre Enkelin kommen und wartete bereits an der Tür, als diese klingelte. »Grüß dich, Kerstin. Das freut mich aber, dass du Zeit gefunden hast, wieder einmal bei mir vorbeizuschauen.« Obwohl die alte Frau seit mehr als fünfzig Jahren im Rheinland lebte, konnte sie ihre oberbayrische Herkunft nicht verleugnen, sobald sie den Mund auftat.

»Hallo, Oma!« Kerstin küsste ihre Großmutter auf die Wange und trat ein. Erika eilte rasch in die Küche, um Kaffee und Kuchen zu holen. Sie ahnte bereits, was ihre Enkelin von ihr wollte. Doch wofür hatte sie in ihrem Leben gespart, wenn nicht dafür, ihren Kindern oder Enkeln helfen zu können.

Während Erika die Tassen aus dem Schrank holte, musterte sie Kerstin verstohlen. Weder die ausgewaschene Jeans noch das wegen seines bequemen Sitzes ausgewählte T-Shirt konnten deren gute Figur verbergen. In Erikas Jugend war man als Mädchen vielleicht etwas kräftiger in den Hüften und auf der Brust gewesen. Trotzdem fand Erika, dass ihre Enkelin fantastisch aussah. Helles, fast leuchtendes Haar umspielte ein ebenmäßiges Gesicht mit großen, blauen Augen und einem zierlichen Näschen. Nur der ungeschminkte Mund wirkte vielleicht etwas zu energisch.

Kerstin ließ die Musterung still über sich ergehen und widmete sich derweil dem ausgezeichneten Käsekuchen ihrer Großmutter. Kummer schien Hunger zu machen, denn erst nach dem dritten Stück fühlte sie sich so weit gestärkt, um auf ihr Ziel zugehen zu können. »Du, Oma, darf ich dich etwas fragen?«, begann sie vorsichtig.

»Jederzeit«, erwiderte die alte Frau lächelnd.

»Du, Oma, du weißt ja, dass ich mich in der Tierklinik einfach nicht mehr wohlfühle. Die interessanten Fälle raffen unsere beiden Chefs an sich und für mich bleiben eigentlich nur die Hunde mit Verdauungsstörungen und die von Würmern geplagten Katzen übrig.«

»Du warst vor einem Jahr, nachdem du dein Studium abgeschlossen hattest, eigentlich ganz froh, in der Tierklinik anfangen zu können«, wandte Erika ein.

Kerstin füllte sich und der Großmutter Kaffee ein, bevor sie antwortete. »Das stimmt, Oma. Ich bin auch nicht unglücklich über dieses Jahr. Doch jetzt will ich lieber auf eigenen Füßen stehen.«

»Höchstens auf einem, weil das andere Bein dieser Sven wäre.« Erika hatte aus ihrer Abneigung gegen Kerstins Freund nie einen Hehl gemacht. Daher wunderte sie sich, als Kerstin ihn nicht verteidigte, sondern nur kurz und bitter auflachte.

»Vergiss Sven. Er hat mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun.«

Erikas Augen leuchteten bei diesen Worten auf. »Darf ich fragen, was er angestellt hat. Ist es um Geld gegangen?«

»Um eine andere Frau«, erwiderte Kerstin knapp.

Die Großmutter spürte ihren Kummer. Sie war jedoch lebenserfahren genug, um zu wissen, dass die Zeit das beste Heilmittel war. »Du solltest ihm nicht nachweinen. So einer wie der hat dich nicht verdient. Mit wem zieht er denn herum. Kenne ich sie?«

»Es ist die Manuela. Sie war schon immer ein falsches Stück«, brach Kerstin den Stab über ihre langjährige Bekannte.

»Ich bin froh, dass dieses Verhältnis noch früh genug aufgeflogen ist«, erklärte Erika. »Es wäre nicht auszudenken gewesen, wenn ihr eure Gemeinschaftspraxis bereits eingerichtet gehabt hättet.«

»Du hilfst mir also«, rief Kerstin aufatmend.

Erika strich ihr mit einer zärtlichen Geste über das Haar und nickte. »Ich helfe dir. Aber glaubst du, dann keine Hunde mit Darmproblemen mehr verarzten zu müssen?«

Kerstin sah ihre Großmutter wie ein nach Zuneigung bettelnder Welpe an. »Natürlich muss ich es tun. Aber weil es zu meinem Beruf gehört und nicht, weil ein misslauniger Chef es von mir fordert.«

»Wie viel Geld brauchst du dazu?«, wollte Erika wissen.

Kerstin senkte betroffen den Kopf. »Jetzt, wo der Sven nichts mit dazu steuern wird, leider sehr viel. Ich möchte aber nicht, dass du selbst in Schwierigkeiten kommst. Lieber nehme ich einen Kredit auf.«

Erika zog sie an ihren hübschen Ohren. »Warum so bescheiden? Ralf hat mir sogar vorgeschlagen, mein Häuschen zu verkaufen, nur damit ich ihm genug Geld für sein geplantes Unternehmen geben kann.«

»Das kannst du unmöglich tun. Lieber verzichte ich auf meine Praxis und arbeite noch ein paar Jahre in der Tierklinik«, rief Kerstin entsetzt.

»Jetzt beruhige dich wieder.« Die Großmutter hob begütigend die Hände und zwinkerte Kerstin listig zu. »Natürlich lasse ich mich darauf nicht ein. Außerdem ist Ralfs Kompagnon in meinen Augen noch windiger als dein verflossener Sven. Wenn der ihn nicht übers Ohr haut, zweifle ich an meiner Menschenkenntnis. Nein, mein Häuserl bleibt mir, solange ich lebe. Aber vom Ersparten kann ich dir schon was geben. Ralf hingegen wird warten müssen, bis er mit etwas Soliderem kommt.«

»Danke, Oma. Aber ...«

»Kein Aber«, unterbrach Erika ihre Enkelin resolut. »Ich habe ja schließlich nur zwei Enkelkinder. Und dich mag ich immerhin lieber als Ralf. Eine Bitte hätte ich allerdings noch.«

Das Funkeln in Erikas Augen ließ Kerstin hellhörig werden. »Also, heraus mit dem Pferdefuß.«

Erika sah ihre Enkelin nachdenklich an. »Ich habe Sehnsucht nach meiner Heimat, Kerstin. Ich möchte gerne wieder einmal nach Marzling zurück und meine alten Freunde sehen. Ich bin zwar noch gut beieinander, wie man dort sagen würde. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn du mitkämest. Schließlich kann einem leicht was passieren.«

»Das wollen wir nicht hoffen.« Kerstin war von diesem Vorschlag nicht gerade begeistert. Sie hatte ihre Großmutter als Kind ein paar Mal nach Marzling begleitet und konnte sich kaum mehr an diesen Ort erinnern. Damals hatte sie sich geärgert, in Oberbayern Ferien machen zu müssen, während ihre Schulfreundinnen von Griechenland, Teneriffa oder gar von der Karibik schwärmen konnten. Da ihr die Großmutter das Geld für die Praxiseinrichtung geben wollte, konnte sie sie nicht vor den Kopf stoßen. Schließlich wollte sie sich nicht mit Ralf, dem einzigen Sohn ihrer Tante Heidi, auf eine Stufe stellen. Der sah Oma Erika wirklich nur als Melkkuh an.

»Wann fahren wir?«, fragte sie daher tapfer.

»Sobald du dich für drei oder noch besser für vier Wochen freimachen kannst.«

Erika zeigte so viel Freude, dass sich Kerstin fast ein wenig schämte, diese Reise als lästiges Übel anzusehen. »Wenn du willst, können wir morgen fahren. Ich habe genug Resturlaub, um mir das leisten zu können. Außerdem brauche ich dann die dummen Gesichter meiner Kollegen nicht mehr zu sehen.« Als ihre Großmutter dankbar nickte, ergriff sie den Telefonhörer und wählte die Nummer der Tierklinik an. Sollte Frau Winter doch ruhig denken, Svens Untreue hätte ihr das Herz gebrochen. Als Kerstin darüber nachdachte, fand sie es gar nicht einmal so übel, ein paar Wochen von hier weg zu kommen. Es gab ihr den nötigen Abstand zu dem Vergangenen, und sie konnte ihre Pläne mit neuer Energie verfolgen.

*

Marzling sah aus wie aus einem Bilderbuch geschnitten. Die große, weiß gekalkte Kirche stand mit ihrem kupfergekrönten Zwiebelturm genau in der Mitte des Ortes. Davor erstreckte sich der Marktplatz mit dem Rathaus, den wichtigsten Geschäftshäusern und dem wuchtigen »Gasthof zum Löwen«. Um den Dorfkern herum lag ein gutes Dutzend Bauernhöfe mit weiß gekalkten Mauern und roten Ziegeldächern. Etwas oberhalb des Ortes, auf das Rothörndl zu, schloss sich eine Neubausiedlung im alpenländischen Stil an.

»Die haben in den letzten Jahren ganz schön gebaut«, rief Erika überrascht und machte Kerstin dann auf einen einzeln stehenden, großen Hof aufmerksam, der majestätisch auf die anderen Anwesen herabsah.

»Das dort oben ist der Hofreitherhof.«

»Ein Reiterhof?« Kerstin machte sich bereits Hoffnungen, einem ihrer Hobbys frönen zu können.

»Das ist der Hofreither, kein Reiterhof«, korrigierte ihre Großmutter sie. »Der Hofreither war in meiner Jugend der größte Bauer im Tal. Und so wie er aussieht, hat sich da nix daran geändert.«

Kerstin warf dem imposanten Hof einen raschen Blick zu und nahm sich vor, so bald wie möglich hinauf zu wandern. Die Aussicht von dort oben musste herrlich sein.

Erika sprach unterdessen eifrig weiter. »Der Löwenwirt hat auch ganz schön renoviert«, sagte sie, als der Gasthof in Sicht kam. »Fast hätte ich dort ja selbst Wirtin werden können. Der Wirtsmichl ist mir damals nämlich arg nachgestiegen. Aber ich habe mich in den Otto verliebt, als der im Auftrag seiner Firma in den Ort gekommen war, und bin ihm bis ins Rheinland gefolgt.«

Kerstin hätte gerne im Gasthof übernachtet. Ihre Großmutter hatte sich jedoch in den Kopf gesetzt, bei ihren Verwandten in Marzling zu bleiben. Früher waren diese ebenfalls Bauern gewesen. Doch als Kerstin in die Hofeinfahrt einbog, fand Erika den ehemaligen Stall zu einer Werkstatt umgebaut. Die alte Scheune hatte man der besseren Aussicht auf das Rothörndl wegen abgerissen.

Ein kräftig gebauter Mann mittleren Alters arbeitete im Freien an einem Traktor. Als er das Auto mit der fremden Nummer sah, wischte er sich die Hände an einem Büschel Putzwolle sauber und kam darauf zu. In dem Augenblick, in dem er die Insassen erkannte, erschien ein freudiger Ausdruck auf seinem Gesicht. »Ja, grüß dich, Tante Erika. Das ist aber schön, dass du auch wieder einmal vorbeischaust. Und das ist also die Kerstin. Mein Gott, als ich dich das letzte Mal gesehen hab, warst du noch ein kleines Schuldirndl. Jetzt ist ja direkt eine Schönheit aus dir geworden. Da werden unsere Marzlinger Burschen aber Augen machen.« Er streckte dabei den beiden Frauen nacheinander die Rechte entgegen.

Kerstin fühlte ihre Hand wie in einen Schraubstock eingezwängt. Sie war froh, als der Mann sie wieder losließ und zum Haus eilte, um den Besuch anzukündigen. »Wer war denn das?«, raunte sie ihrer Großmutter zu.

»Das ist der Hansi, der Älteste von meinem Bruder Sepp. Er ist Mechaniker geworden, weil unser Hof zu klein war, um auf die Dauer ertragreich zu sein«, klärte Erika sie auf. Zu mehr kam sie nicht, denn ein halbes Dutzend Leute stürmte auf sie zu. Hans` Ehefrau Cilly fiel Erika als Erste um den Hals.

»Wir haben uns so gewünscht, dich wieder einmal zu sehen, Tante Erika. Das letzte Mal war ja bei der Beerdigung der Oma vor drei Jahr.«

»So lang ist das schon her? Mein Gott, wie die Zeit vergeht«, rief Erika verwundert.

Ihr Bruder Sepp begrüßte sie als Nächster. Danach kamen ihre Schwägerin Maria und Hansis und Cillys Kinder Sebastian, Thomas und Martin an die Reihe. Wastl, ein sehniger, gut aussehender Bursche Mitte zwanzig, stieß bei Kerstins Anblick einen anerkennenden Pfiff aus.

»Wenn ich dich so ansschau, ärgert’s mich direkt, weil wir so eng verwandt sind. Du tätest mir wirklich gefallen.«

Auch sein gerade volljährig gewordener Bruder Thomas himmelte Kerstin mit wahren Dackelaugen an. Nur der fünfzehnjährige Martin hatte noch nicht genug für Frauen übrig, um beeindruckt zu sein. Er eilte dafür zu Kerstins Auto und holte die beiden schweren Koffer heraus.

»Was seid ihr denn für zwei Büffel«, schalt Cilly ihre älteren Söhne. »Lasst euren kleinen Bruder schuften, während ihr selbst Maulaffen feilhaltet.« Der Tadel fruchtete, denn Thomas und Wastl rissen Martin die Koffer fast aus den Händen und trugen sie ins Haus.

»Was habt ihr denn da eingepackt, Ziegelsteine etwa?«, fragte Thomas, als er an Erika vorbeikam.

»Bloß ein paar Sachen, die wir unbedingt brauchen«, antwortete Kerstin lächelnd. »Aber wenn dir der Koffer zu schwer ist, kann ich ihn auch selbst tragen.«

Das konnte Thomas nicht auf sich sitzen lassen, und er folgte Wastl ins Haus. Erika drehte sich unterdessen zu ihrer Enkelin um. »Na, Kerstin, gefällt’s dir hier?«

»Die Landschaft ist wirklich ned übel«, gab Kerstin nach einem kurzen Rundblick zu. »Vor allem der Berg dort ist schön. Der sieht ja fast wie eine kleinere Kopie des Matterhorns aus.«

»Das ist das Rothörndl«, erklärte Cilly ihr bereitwillig. »Es ist mir zwar nie wie das Matterhorn vorgekommen. Aber jetzt, wo du es sagst, seh ich selbst die Ähnlichkeit.«

»Das wär ein Slogan für den Marzlinger Fremdenverkehr«, wandte ihr Mann Hans lachend ein. »Kommen sie nach Marzling, dem Zermatt der bayrischen Alpen. Unser Rothörndl ist der kleine Zwillingsbruder vom Matterhorn.«

Die anderen lachten, als sie es hörten. Nur sein Vater schüttelte abwehrend den Kopf. »Das wär ja noch schöner, wenn wir und unser schönes Bayernland uns hinter jemand anderem verstecken müssten. Was gehen uns die Schweizer an. Die können wegen mir zehn Matterhörner haben. Aber unser Rothörndl ist einmalig.«

»Recht hast du, Sepp«, stimmte ihm Erika zu.

»Und wer recht hat, zahlt eine Maß«, spottete Cilly. »Aber weil wir gerade beim Bier sind. Kommt doch erst einmal herein, damit ich euch eine Brotzeit herrichten kann. Ihr habt nach der langen Fahrt gewiss Hunger.«

»Wir haben zwar unterwegs gegessen. Aber ein bisserl was geht immer noch in den Magen hinein, meinst du ned, Kerstin?« Hier unter ihren Verwandten fiel Erika unwillkürlich wieder in den Dialekt ihrer Jugend zurück.

Kerstin hingegen fühlte sich ein wenig fremd. Sie nickte aber tapfer und folgte den anderen ins Haus. Eine deftige bayrische Brotzeit brachte aber auch ihr die gute Laune schnell wieder zurück.

*

Am nächsten Morgen wurde Kerstin von unbekannten Geräuschen geweckt. Metallisches Geklapper drang durch das offene Fenster ihres Schlafzimmers herein, dazu ein dröhnendes Brüllen wie von einem halben Dutzend zorniger Drachen. Erst nach einigen Augenblicken begriff sie, dass es die Kühe des Nachbarhofes waren, die so laut muhten.

Kerstin warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr und stöhnte auf. Es war noch nicht einmal sechs Uhr morgens. Um die Zeit schlief sie sonst immer noch süß und selig. Doch so, wie sich die Drachenkühe anhörten, konnte sie das Schlafen vergessen. Sie stand auf und ging ins Badezimmer. Nach einer ausgiebigen Dusche und der vergeblichen Suche nach ihrem Föhn stieg sie mit einem um den Kopf gewickelten Handtuch die Treppe ins Erdgeschoss hinab.

Cilly war bereits in der Küche und buk Pfannkuchen. Als sie Kerstin hereinkommen sah, begrüßte sie sie lachend.

»Guten Morgen, Kerstin, du bist heute aber schon früh auf. Dich hat wohl die Vorfreude auf unsere schöne bayrische Landschaft nimmer schlafen lassen.«

»Eher das Gebrüll der Tiere aus dem Stall dort drüben. Das hört sich ja schrecklich an. Bekommen die vielleicht nicht genug zu fressen?«

»Da kommt wohl die Tierärztin in dir durch«, sagte Cilly lachend. »Das sind die Kühe von unserem Nachbarn Hirzl. Verhungern tun sie zwar ned. Sie kriegen aber zu viel Heu und zu wenig Kraftfutter. Das passt ihnen ned.«

»Wegen der BSE-Gefahr ist es in der heutigen Zeit nicht einmal so schlecht, auf Kraftfutter zu verzichten«, wandte Kerstin ein.

»Ja, das mit dem BSE ist wirklich schrecklich«, erwiderte Cilly leise. »In der Hinsicht bin ich wirklich froh, dass mein Hans kein Bauer geworden ist, sondern Mechaniker. Aber am Ende sind doch bloß wieder die Bauern die armen Hunde, die alles ausbaden müssen. Die Futtermittelfabrikanten, die den Dreck ins Futter gemischt haben, um noch mehr Profit zu machen, die jammern jetzt, weil das Geschäft nimmer läuft, und fordern Unterstützung vom Staat. Du wirst sehen, die kriegen sie auch, anstatt dass man die Kerle einsperrt, wie es sich eigentlich gehört. Der Depp ist der Bauer, weil der sich ned wehren kann. Aber wie soll er denn wissen, was in dem Futter drinnen ist, das ihm das Lagerhaus auf den Hof bringt.« Cilly redete sich direkt in Rage. Kerstin war jedoch nicht bereit, ihre Aussagen so ohne Weiteres hinzunehmen.

»Du hast noch jemanden vergessen, der wie du sagst, der Depp ist, nämlich die Verbraucher. Wenn man daran denkt, was es in den letzten Jahren alles für Nahrungsmittelskandale gegeben hat, könnte einem angst und bange werden. Und wenn sich wirklich jemand mit BSE infiziert, hilft ihm keiner von denen, die jahrelang ihren Profit gemacht haben.«

»Du hast leider nur allzu recht«, gab Cilly zu. »Aber der Mensch muss halt einmal essen. Und du kannst versichert sein, dass ich schon darauf schau, was ich auf den Tisch bring. Vom Hirzl tät ich gewiss kein Stück Rindfleisch nehmen, weil der alleweil bloß das billigste Futter kauft. Wenn, dann hol ich’s vom Hofreither Paul. Der ist nämlich sehr akkurat, was das Futter für seine Viecher angeht. Was von dem seinen Hof kommt, tät ich mit verbundenen Augen essen.«

Kerstin blickte unwillkürlich durch das Küchenfenster zum Hoftreitherhof hinauf und fragte sich, was das für ein Mann war, dem ihre Tante so uneingeschränkt vertraute.

Cilly schnupperte misstrauisch und nahm mit einem schnellen Griff die Pfanne vom Herd. »Vor lauter reden wär mir jetzt doch glatt der Pfannkuchen angebrannt.« Sie unterzog den Pfannkuchen einer genauen Prüfung und legte ihn dann doch auf den bereits fertigen Stapel. »Der geht schon noch«, sagte sie zu Kerstin, während sie den Teig für den nächsten Pfannkuchen in die Pfanne tat.

»Wenn man die Pfannkuchen so sieht, bekommt man fast Appetit«, antwortete Kerstin.

»Willst du einen haben? Dort vorne im Schrank sind Tassen und Teller. Nimm von jedem zwei Stück heraus, dann können wir schon einmal frühstücken. Für uns alle wär der Platz am Tisch doch eh ein wengerl arg eng.«

Kerstin betrachtete den riesigen Küchentisch und die schwere, hölzerne Eckbank und dachte sich, dass dort mindestens zehn Leute Platz finden würden. Sie tat aber ihrer Verwandten den Gefallen und deckte den Tisch. Cilly fand aber trotz der vier Pfannkuchen, die sie aß, noch genug Zeit zum Reden. Kerstin begnügte sich mit zwei Pfannkuchen und damit, ihrer Verwandten zuzuhören. Es ging vor allem um Cillys Söhne, auf die sie sichtlich stolz war, aber auch um Kerstins geplante Tierarztpraxis. Ihre Großmutter hatte am Abend vorher davon berichtet und auch erwähnt, dass sie ihr das entsprechende Startkapital geben würde.

Kerstin war es nicht gewohnt, dass sich andere Leute mit ihren Plänen beschäftigten, und gab daher ausweichende Antworten. »Weißt du, Cilly. Eigentlich habe ich noch gar keine Ahnung, wie das Ganze aussehen soll. Ich muss mir noch einige Gedanken darüber machen.«

»Vielleicht solltest du einmal mit dem Frombeck Valentin reden. Das ist nämlich unser Viechdoktor. Der kann dir sicher den einen oder anderen Tipp geben«, schlug Cilly vor.

»Wenn ich eine Praxis auf dem Land übernehmen wollte, sicher. Ich werde mich aber in der Stadt einrichten und glaube nicht, dass euer Tierarzt große Erfahrungen mit kranken Kanarienvögeln und übergewichtigen Perserkatern aufzuweisen hat.«

»Da kannst du schon recht haben. Der Frombeck kennt sich wirklich besser mit Rindviechern und Schweinen aus. Aber es ist gewiss ned falsch, ihn zu fragen«, bohrte Cilly nach.

»Ich kann es mir ja mal überlegen«, erwiderte Kerstin seufzend. Zu ihrer Erleichterung war Cilly mit dieser halben Zusicherung zufrieden und ging auf ein anderes Thema über.

Eine halbe Stunde später waren sie mit dem Frühstück fertig. Während Cilly den Tisch für die nächsten hungrigen Mäuler vorbereitete, verließ Kerstin das Haus und schlenderte die Straße entlang. Es ist wirklich schön hier, dachte sie beim Anblick des Rothörndls und der übrigen Berge, die das Marzlinger Tal umgaben. Da Ostern erst kurz zurücklag, glitzerten die Gipfel und Hänge noch weiß. Nur das Rothörndl machte seinem Namen alle Ehre und strahlte das Morgenrot in sämtlichen roten Farbtönen wider.

Kerstin schritt rasch aus und erreichte nach etwa einer Viertelstunde den Hofreitherhof. Das Anwesen lag bei ihrer Ankunft noch im Schatten, doch die ersten Sonnenstrahlen tasteten bereits mit ihren leuchtenden Fingern über die schneeweißen Wände des Wohnhauses. Es war ein wunderschönes Bild, das sich tief in Kerstins Herz einprägte. Noch während sie diesen Anblick aus vollem Herzen in sich aufsog, schob ein Mann einen großen Milchtank zur Hofeinfahrt heraus. Er grüßte Kerstin so freundlich, als wäre sie eine alte Bekannte und betrachtete sie mit sichtlichem Wohlgefallen.

Kerstin starrte ihn an und wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Der Mann war groß und schlank und sah trotz des einfachen Arbeitskittels einfach toll aus. Sein Gesicht war trotz der frühen Jahreszeit von gesunder Bräune, und seine Zähne leuchteten strahlend weiß aus einem energisch wirkenden Mund. Kerstin schätzte ihn auf knapp unter dreißig. Obwohl der Milchtank sichtlich voll und schwer war, schien er sich damit zu spielen.

»Guten Tag«, antwortete Kerstin, der einfiel, seinen Gruß noch nicht erwidert zu haben.

»Sie sind wohl fremd hier«, fragte der Bauer.

Kerstin nickte. »Ich komme aus Wesseling, wenn Ihnen der Ort etwas sagt.«

»Das ist doch irgendwo im Rheinland oben«, erwiderte er. Er musterte Kerstin kurz von der Seite und kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Sie haben sich eine eigenartige Zeit für Ihren Urlaub ausgesucht. Die Skisaison ist vorbei, und der Sommertourismus hat noch ned angefangen.«

»Ich habe mir die Zeit nicht ausgesucht, sie ist mir ausgesucht worden«, erklärte ihm Kerstin lachend.

»Sind Sie vielleicht auf Kur hier? Marzling ist nämlich ein staatlich anerkannter Luftkurort.« In seiner Stimme klang Verwunderung, dass eine so junge und blühend aussehende Frau wie Kerstin krank sein könnte.

»Das bin ich auch nicht«, erwiderte sie lachend. »Ich begleite meine Oma, die wieder einmal ihre Heimat sehen wollte.«

»Dann sind Sie gewiss die Schmitz Kerstin«, sagte ihr der Mann direkt auf den Kopf zu.

Kerstin starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. »Woher wissen Sie das?«

»Ich brauch bloß eins und eins zusammenzählen. Die Strasser Erika ist die einzige aus unserer Gemeinde, die ins Rheinland hineingeheiratet hat. Und da sie bloß eine Enkelin hat, ist die Auswahl ned groß.«

»Wenn Sie wissen, wer ich bin, sollten Sie mir auch Ihren Namen nennen. Sonst sind Sie mir gegenüber arg im Vorteil.«

»Gern, ich bin der Hofreither Paul«, stellte der Bauer sich vor.

»Ihnen gehört also der prachtvolle Hof hier«, rief Kerstin aus. »Auf mich wirkt er wie der König aller Höfe in dieser Gegend.«

»Das haben Sie schön gesagt«, erwiderte Paul sichtlich erfreut. »Wenn ich so auf das Dorf hinabschau, komm ich mir manchmal wirklich wie ein König vor. Da heroben fühl ich mich frei und ungebunden wie der Wind.«

»Das haben jetzt Sie sehr poetisch ausgedrückt«, stimmte ihm Kerstin zu und drehte sich noch einmal zum Hof um.

Paul bemerkte ihren sehnsüchtigen Blick und entschied sich von einem Augenblick zum anderen. »Wollen Sie sich den Hof ned anschauen? Ich bring bloß noch schnell die Milch zur Sammelstelle.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, schob er den Milchtank noch ein Stück den Weg entlang und stellte ihn neben der Straße ab.

»Der Gassner kann die Milch auch ohne mich absaugen«, erklärte er Kerstin, als er zurückkam.

»Der Gassner ist wohl der Fahrer des Molkereiwagens, der die Milch abholt«, schloss Kerstin aus seinen Worten und setzte stolz hinzu, dass sie doch ein wenig Bescheid wüsste, wie es auf einem Bauernhof zuginge. Paul Hofreither achtete nicht so darauf, sondern führte sie auf den großen Stall zu, der gut vierzig Milchkühe barg.

Während er stolz von seinen Tieren berichtete, dachte er kurz daran, dass die meisten Städterinnen sich bei seinem Vortrag rasch langweilen würden. Kerstin machte jedoch ganz und gar nicht diesen Eindruck. Sie hörte ihm aufmerksam zu und stellte von Zeit zu Zeit sogar Fragen. Ihr Verständnis imponierte ihm, und bevor er sich versah, fühlte er, dass er sich zum ersten Mal seit seinen Sturm- und Drangjahren wieder verliebt hatte.

Kerstin fühlte ähnlich. Ihr imponierte der Bauer, der ihr selbstbewusst, aber ohne zu prahlen seinen Besitz zeigte und sie zwar nicht mit Worten, aber mit seinen Blicken fühlen ließ, wie sehr sie ihm gefiel. Unwillkürlich verglich sie ihn mit ihrem Exfreund Sven. Der war höchstens zwei Jahre jünger als Paul, wirkte gegen ihn aber wie ein unreifes Jüngelchen.

»So, nachdem ich Sie schon über den ganzen Hof geschleift hab, wär eine kleine Brotzeit ned schlecht«, erklärte Paul und öffnete einladend die Haustür.

Als Kerstin einen Moment zögerte, setzte er hinzu, dass es hier nicht Sitte wäre, einen Gast hungrig gehen zu lassen.

»Also gut, ich will Sie nicht kränken«, sagte sie und freute sich dabei, noch länger mit ihm reden zu können.

Paul führte sie ins Wohnzimmer und rief dort nach seiner Haushälterin. Eine in Ehren ergraute Frau steckte den Kopf zur Tür herein und kniff überrascht die Augen zusammen, als sie Kerstin entdeckte.

»Was gibt’s, Bauer?«, fragte sie.

»Richt uns eine Brotzeit her, Resi. Schau aber zu, dass du diesmal die guten Sachen auftischst und ned wie das letzte Mal bloß Stadtwurst und Leberkäs.«

»Wurst ist Wurst«, maulte die Haushälterin. Sie verschwand aber, als Paul sie scharf anblickte. Er war sich sicher, dass sie ohne eine Rüge auch diesmal nur das billigste Zeug auftischen würde. Ein Mal hatte er es hingenommen, doch ein zweites Mal durfte es nicht mehr geben.

»Sie wird schon ein bisserl alt und wunderlich, die Resi, aber sonst ist sie eine gute Haut«, erklärte er Kerstin in dem Bestreben, den leichten Mangel in der Haushaltsführung seines Hofes zu entschuldigen. Weder er noch die junge Frau ahnten jedoch, was Resi wirklich dachte. Die Haushälterin war zwar ebenso wie das übrige Gesinde der Ansicht, dass sich ihr Bauer allmählich zum Heiraten umschauen sollte. Die hübsche Kerstin war als »preußische Städterin« allerdings nicht der Typ Frau, der für Resi als Bäuerin auf dem Hofreitherhof infrage kam. Da man Männern aber nicht trauen konnte, brachte sie zwar die bestellte Brotzeit herein, setzte sich dann aber auf einen Stuhl in der Ecke und ließ das Paar nicht aus den Augen.

Schließlich hatte ihr die Kumpfmüllerin von Aigling beim letzten Kirchgang einen Zwanzigeuroschein in die Hand gedrückt. Dafür sollte sie sich bei Paul Hofreither für deren Tochter Rosa verwenden. Doch was sie jetzt sah, gefiel ihr nicht besonders. Im Vergleich zu Kerstin beschränkten sich Rosas Vorzüge nur auf ihre Rechtschaffenheit und einem fundierten Wissen in der Hauswirtschaft. Ihre Defizite sprangen jedoch buchstäblich ins Auge, denn im Gegensatz zu Kerstin war Rosa alles andere als attraktiv. Allerdings war Schönheit kein Punkt, den Resi gelten ließ. Ein Bauer brauchte kein hübsches Zuckerpüppchen, sondern eine Frau, die zugreifen konnte. Und in der Nacht im Bett machte man eh das Licht aus.

Anders als Resi freute sich Paul Hofreither uneingeschränkt über seinen Gast. Es war für ihn ein Genuss, Kerstin ansehen und mit ihr reden zu können. Um diesen Augenblick so lange wie möglich zu erhalten, forderte er Resi auf, noch eine Kanne Kaffee zu kochen. Doch da schlug die Wanduhr an und erinnerte Kerstin daran, dass sie eigentlich nur für ein paar Minuten spazieren hatte gehen wollen.

»Ich glaube, ich muss wieder nach Hause. Sonst bekommt meine Großmutter womöglich noch Angst, ich wäre fahnenflüchtig geworden und wieder nach Hause gefahren.« Sie stand mit einem schelmischen Lächeln auf und reichte Paul die Hand. »Auf Wiedersehen, Herr Hofreither.«

»Sollten wir ned besser du zueinander sagen«, wandte er ein. »Herr Hofreither hört sich ziemlich gestelzt an.«

»Auch nicht schlimmer als Fräulein Schmitz«, erwiderte Kerstin lachend. »Aber ich bin einverstanden. Sagen wir also du zueinander. Ich bin die Kerstin ...«

»Und ich der Paul.«

Resi verzog angewidert den Mund. »Kerstin, was ist denn das für ein Name?« Sie erntete dafür einen zornigen Blick Pauls, entschloss sich aber, ihn nicht zu beachten. »Also, was ist jetzt, Bauer. Soll ich jetzt noch einen Kaffee kochen oder ned? Wenn ich noch länger herumstehen muss, wird das Mittagessen ned fertig.«

»Ich hab dich ned aufgehalten.« Paul wusste nicht, ob er sich mehr über Resis patzige Art ärgerte oder darüber, dass Kerstin schon gehen wollte. Die Haushälterin spürte, dass mit ihm im Moment nicht gut Kirschen essen war, und trollte sich murrend in die Küche.

Kerstin atmete auf, als die alte Frau verschwunden war. »Also dann, bis bald«, verabschiedete sie sich von Paul.

»Bis bald«, erwiderte er. Es klang wie eine Bitte. Kerstin war gerne bereit, sie zu erfüllen.

*

Auf dem Heimweg drehte sich Kerstin mehrmals um und betrachtete den Hofreitherhof. Es war wirklich ein stattliches Anwesen, mit einem sehr stattlichen Bauern, wie sie lächelnd zu sich selbst sagte. Vielleicht war diese Reise ins Gebirge gar nicht einmal so schlecht. Ein kleiner Flirt mit Paul Hofreither schien genau das Richtige zu sein, um Sven vergessen zu können. Kerstin nahm sich vor, Cilly genauer über ihn auszufragen.

»Ja, hoppla, wen haben wir denn da?«

Ganz in ihre Gedanken versunken hatte Kerstin nicht auf den Weg geachtet und wäre beinahe gegen einen Mann gelaufen. Auf seinen Ruf hin blieb sie sofort stehen. Er kam jedoch näher und fasste sie bei den Schultern.

»Grüß dich Gott, schöne Frau.«

Kerstin fand seinen Griff ebenso unangenehm wie seine Stimme, die trotz der schmeichelnden Worte irgendwie unangenehm klang. Auch sein Aussehen gefiel ihr nicht besonders. Er war zwar groß, aber hager, und sein längliches Gesicht wirkte wie mit einem scharfen Messer aus einem Holzklotz geschnitzt. Sein Haar war hell, wie ausgebleicht, und obwohl er sich sicher viel im Freien aufhielt, empfand sie seine Hautfarbe als fahl.

»Guten Tag.« Kerstin grüßte frostig und entwand sich seinen Händen.

»Ja, da legst dich nieder und stehst nimmer auf. So was Schönes kommt selten zu uns nach Marzling. Du wohnst wohl unten beim Löwenwirt?« Der Mann machte deutlich, dass er die unverhoffte Begegnung ausbauen wollte.

Kerstin hatte keine Lust dazu und wollte weitergehen, doch da trat er ihr einfach in den Weg.

»Ich bin der Hirzl Xaver, und das dort ist mein Hof!«

»Schön für Sie.« Kerstin warf einen kurzen Blick auf das Anwesen. Obwohl die Gebäude groß und wuchtig erschienen, hielten sie keinen Vergleich mit dem Hofreitherhof aus. Vom Stall blätterte bereits der Putz ab, und auch das Wohnhaus hatte einen neuen Anstrich dringend nötig.

»Und wer bist nachher du?«, fragte Hirzl. Da Kerstin nicht antwortete, legte er den Kopf zurück und versuchte, sie von oben herab anzusehen. »Du wohnst wohl beim Löwenwirt, was?«, wiederholte er. »Du hast es wohl auch mit der Lunge zu tun, wie so viele Madln aus der Stadt.« Hirzls letzte Liebschaft war eine Sekretärin aus Frankfurt gewesen, die wegen der reinen Bergluft hierhergekommen war. Daher nahm er an, dass es bei Kerstin ebenso war.

»Übrigens, am Samstag ist Tanz im «Löwen». Ich lad dich ein«, gab er sich großzügig, um der jungen Städterin zu imponieren.

Kerstin musterte ihn mit einem spöttischen Blick. »Danke, aber ich habe keinen Bedarf. Und jetzt Adieu.« Bevor Hirzl reagieren konnte, drehte sie ihm den Rücken zu und schritt davon.

Hirzl starrte ihr nach und fand, dass er noch keine schönere Frau als sie gesehen hatte. Zu seiner Verwunderung ging sie jedoch nicht bis zum Löwenwirt, sondern bog vorher in den Mechanikerhof ein, wie das Strasseranwesen im Volksmund genannt wurde. Er kratzte sich nachdenklich am Kopf. »Könnt das vielleicht eine Verwandte aus dem Rheinland sein, die zum Strasser gekommen ist?« Da er sich diese Frage selbst nicht beantworten konnte, folgte er Kerstin, sowie sie im Wohnhaus verschwunden war. Hirzl hatte Glück, denn als er das Anwesen erreichte, kam gerade Wastl aus der Werkstatt heraus.

»Ja, grüß dich, Xare. Was ist denn jetzt schon wieder kaputtgegangen«, rief Wastl dem Bauern zu.

Hirzl erinnerte sich nur ungern an die unbezahlten Rechnungen, die er Wastls Vater schuldete. »Nix ist kaputtgegangen. Ich kann ja auch so einmal bei euch vorbeischauen.«

Wastl hob lachend die Hände. »Gott bewahre, ich wär der Letzte, der dir das verbietet. Aber neugierig wär ich dann doch, was dich hertreibt.«

»Bloß die Neugier«, gab Hirzl offen zu. »Ich hab eben einen sauberen Hasen zu euch gehen sehen und wollt wissen, ob das eure Cousine aus Wesserding sein kann.«

»Wesseling heißt die Stadt«, korrigierte ihn Wastl lachend. »Aber sonst hast du schon recht. Das war die Kerstin. Aber bei der bleibt dir das Maul sauber. Das ist kein Urlaubsgspusi für dich wie letztens deine Sekretärin.«

»Was du schon wieder hast. Ich hab halt mit dem Madl ein paar Mal geredet. Und schon machen die Leut aus einer Mücke einen Elefanten«, sagte Hirzl ärgerlich.

Da er seinen Bekannten gegenüber mit dem Erfolg bei der Frankfurterin entsprechend angegeben hatte, verzog Wastl spöttisch das Gesicht. »Jetzt tu ned so, als wenn du ein Heiliger wärst. Außerdem geht’s mich nix an, ob du mit einem Stadthaserl herumpoussierst oder ned. Die Kerstin geht dir aber gewiss ned auf dem Leim. Die ist viel zu vernünftig dazu.«

Hirzl wischte diesen Einwand mit einer Handbewegung beiseite. »Als wenn ein Weibsbild jemals vernünftig wär.«

»Die Kerstin schon. Die hat nämlich studiert und ist seit einem Jahr Tierärztin in Wesseling. Sie macht sogar bald ihre eigene Praxis auf.«

»Was du ned sagst. Dafür braucht man aber eine schöne Stange Geld«, platzte Hirzl heraus.

»Freilich«, antwortete Wastl grinsend. »Ihre Großmutter ist ja ned arm.«

Hirzl fasste Wastl am Arm und zog ihn zur Seite. »Du, mich hat schon lang interessiert, wie deine Verwandten im Rheinland eigentlich leben. Erzähl mir ein bisserl was.«

Wastl war einigermaßen stolz auf seine kluge und erfolgreiche Cousine, so dass es Hirzl wenig Mühe bereitete, ihn auszuhorchen.

»Dreißigtausend Euro steuert der Kerstin ihre Großmutter zu«, rief er sichtlich beeindruckt, als er die Summe hörte, die Erika am Abend ihren Verwandten gegenüber erwähnt hatte.

»Für den Anfang einmal«, erzählte Wastl weiter. »Später erbt die Kerstin gewiss auch das Haus ihrer Großmutter, oder wenigstens die Hälfte davon. Außerdem hat sie selbst Ersparnisse. Die könnte sich die Praxis auch allein einrichten.« Hier übertrieb Wastl ein bisschen. Es machte ihm jedoch Spaß, dem für seine Finanznöte bekannten Nachbarn diese Tatsachen unter die Nase zu reiben. Er wusste allerdings nicht, dass er damit Hirzls Interesse an Kerstin nur noch mehr steigerte. Hübsche Mädchen gab es viele auf dieser Welt, doch hübsche Mädchen mit Geld waren äußerst dünn gesät. Keine einzige Bauerntochter, die bereit war, auf einem Bauernhof einzuheiraten, besaß nach Hirzls Wissen eine Mitgift, die sich mit Kerstins zu erwartendem Vermögen messen konnte. Und selbst wenn, war kaum eine bereit, in ein heruntergekommenes Anwesen wie seines einzuheiraten. Die schauten lieber auf die Anhöhe hinauf, wo Paul Hofreither ein einschichtiges Leben führte.

Hirzl hielt sich zwar nicht für schlechter als Paul. Er beneidete diesen jedoch sehr um den schönen Hof und in gewisser Weise auch um sein gutes Aussehen. Doch wenn er es jetzt richtig anfasste, hatte ihm die Vorsehung einen wahren Goldfisch in den Weg gelegt.

»Ich dank dir recht schön für die Auskunft, Wastl. Dafür zahl ich dir am Samstag beim «Löwenwirt» eine Halbe. Aber jetzt Servus, ich muss zurück an die Arbeit.« Damit verabschiedete er sich von dem jungen Burschen und kehrte in freudiger Erwartung auf seinen Hof zurück.

*

Kerstin ahnte nichts davon, dass Hirzl sie schon als seine zukünftige Braut ansah. Und selbst wenn, hätte sie darüber wohl nur gelacht. Ihre Laune war einfach viel zu gut, um sich durch irgendetwas ärgern zu lassen. In gewisser Weise war sie Hirzl sogar dankbar. Durch ihn hatte sie nämlich von dem Tanzabend am kommenden Samstag erfahren. Sie stellte es sich einfach himmlisch vor, an Pauls Arm über das Parkett zu schweben. In ihrem Zimmer probierte sie spielerisch ein paar Walzerschritte und fand, dass es hervorragend klappte. Ein Blick auf die Kleidung, die sie mitgebracht hatte, dämpfte ihren Enthusiasmus jäh. Außer ein paar Jeans, Sweatshirts und zwei Pullover für kältere Tage hatte sie nichts dabei. Sie ärgerte sich darüber. Doch sie hatte zu Hause nicht absehen können, wie dringend sie hier ein hübsches Kleid brauchen würde.

Doch jetzt wollte sie zum Tanzen gehen. Vor allem aber wollte sie Paul gefallen. Doch was genau sie anziehen sollte, wusste sie erst, als sie an dem Abend Cilly in einem hübschen Dirndlkleid sah.

»Hast du dir das selbst geschneidert?«, fragte sie neugierig.

Cilly sah sie verwundert an. »Wie kommst du denn darauf?«

»Ich habe es mir halt gedacht, weil es doch sehr ländlich wirkt. Aber es sieht wirklich nicht schlecht aus«, druckste Kerstin herum.

»Gefällt es dir etwa?« Erika musterte ihre Enkelin und fand, dass sie in einem hübschen Dirndlkleid einfach bezaubernd aussehen müsste.

»Also, ich hab das meine beim Schleibinger in Grünbach gekauft«, erklärte Cilly eifrig. »Wenn ihr wollt, fahr ich euch gern hin.«

»Das wär lieb von dir, Cilly. Ich tät mir nämlich auch einmal wieder ein Dirndl kaufen. Und wer weiß, vielleicht findet auch die Kerstin was Passendes.« Erika war Feuer und Flamme für diese Idee und hoffte, dass ihre Freude ansteckend wäre. Zu ihrer Verwunderung musste sie Kerstin nicht einmal zureden. Das Mädchen sah noch einmal Cillys zart geblümtes Dirndlkleid und nickte.

»Wir bleiben ja doch ein paar Wochen hier, Oma. Da kann ich nicht die ganze Zeit in Jeans herumlaufen. Außerdem habe ich gehört, dass am Samstag Tanz sein soll?«

»Daher weht also der Wind«, rief Cilly lachend. Sie wurde aber sofort wieder ernst. »Haben dir etwa meine Buben zugesetzt?«

Kerstin schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe es durch Zufall erfahren und hätte Lust, hinzugehen.«

»Recht hast du«, pflichtete ihr die Großmutter bei. »Wenn wir schon einmal in Marzling sind, wollen wir auch was erleben. Weißt du was, Kerstin? Wir fahren heut Nachmittag nach Grünbach und suchen zwei hübsche Dirndlkleider für uns aus. Ich bin sicher, dass dir Rosa sehr gut stehen wird.«

Bis vor Kurzem hätte Kerstin den Vorschlag, ein rosa Kleid zu tragen, mit einem schallenden Gelächter beantwortet. Jetzt überlegte sie kurz und fand, dass diese Farbe wirklich gut zu ihr passen würde.

*

Kerstins letzte Zweifel schwanden angesichts der Schaufenster des Trachtenmodegeschäftes Schleibinger. So viele hübsche Modelle hatte sie nicht erwartet. Da sie nicht in einem Einheitsstil gefertigt waren, stellte jedes Kleid ein kleines, eigenständiges Kunstwerk dar. Während sie noch schaute, ließ sich Erika bereits von der Ladeninhaberin beraten. Schon bald hatte sie sich für ein dunkelgrünes Dirndl mit weißer Bluse und roter Schürze entschieden.

»Gefällt es dir, Kerstin?«, fragte sie ihre Enkelin voller Stolz.

Kerstin betrachtete das Kleid und nickte. »Es gefällt mir ausgezeichnet. Was hältst du davon, wenn ich mir etwas Ähnliches kaufe?«

»Also, im Partnerlook wollen wir dann doch ned auftreten«, sagte Erika lachend. »Obwohl dir grün sicher auch gut stehen tät. Was meinen Sie dazu, Frau Schleibinger?«

Die Ladenbesitzerin musterte Kerstin mit einem fachfraulichen Blick und stimmte der Großmutter zu. »Ein helles Grün mit einer rosa Schürze wär meiner Ansicht nach ideal.« Sie holte auch gleich ein entsprechendes Kleid aus dem Lager und bat Kerstin, es anzuprobieren.

Kerstin verliebte sich auf Anhieb in das wunderschöne Dirndl und betete, dass es ihr passte. Frau Schleibinger hatte jedoch einen Glücksgriff getan. Als Kerstin in das Kleid schlüpfte, schien es fast, als wäre es extra für sie genäht worden. Sosehr die Ladenbesitzerin auch suchte. Die Stecknadeln, mit denen sie kleine Änderungen markieren wollte, blieben dort, wo sie waren.

»Also, so was hab ich in meiner ganzen Zeit als Trachtennäherin noch ned erlebt«, rief Frau Schleibinger überrascht und trat einen Schritt zurück, um Kerstin richtig betrachten zu können. »Also, wenn ihr mich fragt, das und kein anderes. Obwohl das Dirndl ned grad billig ist«, setzte sie mit einem raschen Blick auf das Preisschild hinzu.

Erika machte eine wegwerfende Handbewegung. »Auf ein paar Euro mehr oder weniger kommt’s mir wirklich nicht an. Die Hauptsache ist, dass die Kerstin was hermacht. Und das tut sie in dem Kleid.«