Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wann nehmen wir den Fuß vom Gaspedal des Lebens? Wann beginnen wir, uns an uns selbst zu erinnern und was ermutigt uns dazu? Jeder Mensch trägt seine Geschichten in sich, die wiederentdeckt und entstaubt werden möchten. Heike Severin hat sich für dieses Buch auf die Stille eingelassen, um ihren Erinnerungen Raum zu geben. In ihrer neuen Wahlheimat Schweden und im Herbst ihres Lebens angekommen, blickt die Autorin zurück auf Jahre, die sie mit der Überholspur ihres Lebens bezeichnet. In leichter, poetischer Sprache macht sie alte Plätze sichtbar und sucht nach Antworten auf noch offene Fragen. Sie spürt ihren russischen Wurzeln nach, erzählt von Kindheit und Jugend in der DDR und der turbulenten Nachwendezeit, den Herausforderungen als Unternehmerin, als Mutter und dem ewigen Konflikt zwischen Verantwortung, Schuldgefühlen und der Sehnsucht nach Raum und Zeit für sich ganz allein. Ein Buch, das sich der heiklen Frage nach dem gelungenen Leben gelassen stellt. Ein Buch, das vom Luxus schwärmt, nackt im glasklaren Wasser eines schwedischen Sees zu baden. Ein Buch, das erinnert und sich auch den Themen der heutigen Zeit stellt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Meine Schreibstube in Schweden
Bullerbü oder Die große Sehnsucht
Bücher und ihre Menschen
Meine Lieder und Gott
Mein Glaube an Wunder
Meine Wurzeln sind in Russland
Brief an mein Kind
Mein Ego oder Der gehört mir
Wohnen ist Menschsein
Luxus und was ich sonst noch brauche
Krieg und Gesellschaft
Henrike, Herrin des Hauses
Tränen waschen den Staub von der Seele
Das erste Mal, als Wolli und ich nach unserer Auswanderung wieder nach Deutschland reisten, befiel mich auf der Autobahn in Richtung Berlin ein unangenehmes Gefühl. Unruhe stieg in mir auf und ich bemerkte, dass wir ständig von anderen Autos überholt und geschnitten wurden. Was war da los? Dann wurde mir plötzlich klar: Wir fuhren viel zu langsam. Das nahm man uns übel und zeigte es uns auch. In Schweden sind auf der Autobahn maximal 110 bis 120 Stundenkilometer erlaubt, auf der Landstraße gemütliche 80 Stundenkilometer üblich. Auch wir hatten anfänglich so unsere Schwierigkeiten, uns an das reduzierte Tempo zu gewöhnen, aber nach einer Weile empfanden wir es als entspannend. Es schien, als würde auch unser Lebenstempo durch die gemäßigtere Geschwindigkeit auf der Straße etwas verlangsamt. Auf der Autobahn in Deutschland, kurz hinter Rostock, wurde ich aus meinen Bullerbü-Träumereien in das reale Leben zurückkatapultiert. Mein Gott, klar, die haben es alle eilig, ein dringender Geschäftstermin, die Geburt des ersten Kindes, das Treffen mit der Freundin, von der die Ehefrau nichts weiß. Denn es sind ja vorwiegend die Männer, die sich ihren Adrenalinkick auf der Autobahn holen. Mitunter gibt es sicher auch mal eine Frau, die diesen Geschwindigkeitsrausch braucht, aber das wird die Ausnahme sein. Ich stellte mir vor, wie es sein muss, mit 200 und mehr Stundenkilometern über die Autobahn zu fegen, die Konzentration ganz auf die Straße gerichtet, die Umgebung ausgeblendet, die Atmung heftig, vielleicht läuft auch noch AC/DC im Radio, natürlich in der entsprechenden Lautstärke. Da darf kein Fehler passieren, einfach so auszuscheren würde ins Chaos führen und auch noch andere Menschen ins Unglück stürzen.
Plötzlich war ich mit meinen Gedanken nicht mehr auf der Autobahn. Ich sah mich verbissen am Lenkrad des Lebens sitzend, nicht nach links und rechts schauend, in viel zu hoher Geschwindigkeit, mir kaum eine Pinkelpause gönnend. Und wehe, es stellte sich mir jemand in den Weg, das ging gar nicht. Es gab nur die Überholspur und oft saß ich auch alkoholisiert am Steuer meines Lebens. Augen zu und durch war meine Devise. Aber wer lebt schon bewusst, wenn er jung ist? Ich wurde jäh aus meinen Gedanken gerissen, als Wolli heftig bremsen musste, weil ein BMW-Fahrer vergessen hatte, dass er eigentlich die Ausfahrt vor uns nehmen wollte. Also Spurwechsel von der Überholspur an unserer Motorhaube vorbei in Richtung Ausfahrt, willkommen zurück in Deutschland.
Es war für mich eine sehr schwere Entscheidung gewesen, nach Schweden auszuwandern. Das macht man ja nicht mal eben so, mit 62 Jahren. Für Wolli war das einfacher, Schweden war schon immer sein Traumland. Er spricht die Sprache, weil er bereits als junger Mann ein paar Jahre in Stockholm gelebt und gearbeitet hat. Wir sind seit fast 25 Jahren zusammen und beide zum zweiten Mal verheiratet. Vielleicht hat mich unbewusst die Sehnsucht nach Stille getrieben, den Schritt wirklich zu gehen.
Die Gedanken, die ich auf der Autobahn über mein bisheriges Leben hatte, haben mich auch nach unserer Rückkehr in Schweden nicht losgelassen, haben sich in meinem Kopf eingenistet, es sich gemütlich gemacht und vermitteln nicht den Eindruck, mich in naheliegender Zukunft wieder zu verlassen. Sie scheinen sich einig zu sein, sind fordernd und werden immer lauter. Es tauchen Erinnerungen auf und ich versuche, sie zu sortieren, was mir aber nicht gelingt.
In unserem Haus gibt es eine kleine Wohnung unterhalb unserer eigenen, die wir eigentlich vermieten wollten. Wenn ich allein sein möchte, dann gehe ich in diese Räume, in denen nur ein Stuhl steht.
Ich setze mich also auf diesen Stuhl und werde ganz ruhig, ein wohliges Gefühl von Zufriedenheit macht sich breit, das immer deutlicher wird, je häufiger mich die Sehnsucht nach Stille an die Hand nimmt und hierhin führt. Da sitze ich also, allein, und plötzlich melden sie sich wieder zu Wort, meine Untermieter im Kopf. Gedanken, Bilder aus meiner Kindheit schieben sich in meinen Raum, ohne anzuklopfen, alte Plätze tauchen auf, die Wohnung, in der meine Familie lebte, als ich Kind war. Ich spüre das Verlangen, etwas aufzuschreiben, aber ich habe keinen Stift und kein Papier dabei. Auch befürchte ich, dass dieser wunderbare Moment sich verflüchtigt, wenn ich den Raum jetzt verlasse, um Schreibutensilien zu holen. Ich dachte bislang immer, mein Unterbewusstsein habe meine Kindheit nahezu ausgeblendet. Aber nein, ich sehe Bilder, ganz deutlich, was passiert hier? Aus diesem wohligen Gefühl heraus entwickelte sich eine Idee, ein Wunsch, den ich mich gar nicht traute auszusprechen. Wir haben ein Mehrfamilienhaus in Schweden gekauft, eine alte Villa, um die Wohnungen zu vermieten. Wie sollte ich meinem Mann nur beibringen, dass ich eine eigene kleine Wohnung haben möchte? Eines Tages jedoch schien es plötzlich sonnenklar, unumgänglich, und ich sah meinen Schreibtisch am Fenster ganz deutlich vor mir. Den Schreibtisch, den ich damit assoziiere, Zeit zu haben, Zeit nur für mich, die Stille zu hören, in sie einzutauchen, sie mit allen Sinnen wahrzunehmen, mich auf sie einzulassen, die Erinnerungen, die diese Stille dann durchbrechen werden, aufzuschreiben. Dafür braucht es Raum und nun nehmen meine Träume Gestalt an, der Raum öffnet sich. Ich nehme zum ersten Mal wahr, dass ich Zeit habe. Das ist nicht nur vorübergehend, stelle ich verwundert fest, schaue nach hinten links und rechts, als verfolgte mich jemand, aber nein, niemand in der Nähe. Ich nehme wahr, dass Stille ist, die ich brauche, ebenso wie den Raum, den ich noch nie ganz allein für mich hatte.
So richte ich mir eine eigene Wohnung in unserem Haus ein. Welch ein Luxus, meine erste eigene, kleine Wohnung, nun ist es ausgesprochen und wir beginnen mit der Einrichtung meiner Schreibstube, hier in Schweden. Aus zweiter Hand kauften wir einen stabilen Holztisch und vier Stühle, stellten ihn vor das Fenster, natürlich nur einen Stuhl und den Tisch, ist ja klar. In der Küche stehen seit heute die alte Kaffeemaschine aus unserem ehemaligen Bistro, der Casa Boheme, sowie ein wenig Geschirr, ein paar Sorten Kräutertee und Honig. Wenn ich an meinem Tisch sitze und schreibe, dann kann ich zu meiner linken Seite aus dem Fenster in den Park sehen, geradeaus steht meine Gesangsanlage und rechts davon in der Ecke mein Frida-Kahlo-Bett. Das ist ein altes Himmelbett, das ich bunt angemalt und mit Masken, Bildern und Stoffen dekoriert habe. Noch ist nicht geplant, dass ich auch hier schlafe, aber ich könnte es, nur darauf kommt es an. Ich werde mir auch eine neue Zahnbürste für meine Wohnung kaufen. Auf meinem Schreibtisch in meinem neuen Domizil stehen Kerzen, Bücher und ein altes Foto von Zenta Maurina. Ich habe es neben meinen Laptop gestellt. Sie war eine lettische Schriftstellerin, die ich sehr bewundere. Ich weiß, dass sie mir bei meiner Wortfindung behilflich sein wird. Glaub dran oder nicht, ich jedenfalls glaube daran.
Es ist Samstag, ein grauer und verregneter Herbsttag. Ich sitze am Fenster und beginne in mich hineinzulauschen, gebe mich den Gedanken und Erinnerungen hin, genieße die Ruhe, lasse mich ein, schaue immer mal wieder in den Park. Manchmal kann ich hören, wie der Regen zärtlich bittend auf das Blechfensterbrett tropft. Vielleicht möchte er sich ein wenig aufwärmen. Er hat meinen Pfefferminztee mit Zitrone und Honig entdeckt, das prasselnde Feuer im Kaminofen und denkt, mein Gott, hat die es gut. Ja, das hat sie. Was für ein Tag hier in Långban, mitten in Värmland, in Schweden.
Es ist still und ich sauge diese Stille nun schon seit Wochen auf wie ein Schwamm, endlos, denn er bekommt offensichtlich nie genug davon. Ich hingegen denke, jetzt muss doch auch mal wieder gut sein mit der Stille, geh mehr unter Leute, sonst vereinsamst du noch völlig. Aber nein, der Möchtegernruheschwamm in mir bittet flehentlich um noch mehr davon, wenn Besuch droht oder Wolli und ich eingeladen werden. Dann scheint er im Kreis zu springen, fast wütend zu werden. Was soll ich tun? Wie viel Stille brauche ich und was will sie mir sagen? Wann ist es genug? Schlummert da noch etwas in mir, kommt da noch was zum Vorschein, wenn es darf, wenn ihm Raum gegeben wird? Wenn der Drang nach Stille so groß ist, dann muss ich dem doch nachgeben? Nie zuvor hätte ich Raum, Zeit und Geld gehabt, so in mich hineinlauschen zu können. Die Zeit war vorher noch nicht reif dafür. Ich denke, dass alles seinen richtigen Zeitpunkt bekommt und den richtigen Ort. Und nun bin ich also in Schweden gelandet, sitze in meiner Schreibstube und beginne, mich an mich zu erinnern. Das war auf der Überholspur meines bisherigen Lebens nicht möglich. Die Geschwindigkeit war einfach zu groß, Lebensabschnitte sind schlicht gar nicht mehr da, ausgeblendet. Hier in Schweden beginne ich nun mit dem Versuch, mein Leben in all seinen Facetten zu verstehen, möchte mich an das Gute erinnern. Zu viele Jahre war ich Opfer meiner Vergangenheit, meiner Lebensumstände und habe die Schuld dafür natürlich oft bei anderen gesehen. Ist ja klar, das macht man halt so, wenn man es nicht besser weiß. Ein Hier und Jetzt gab es nicht. Es gab nur eine bedauernswerte Vergangenheit und eine Zukunft, in die ich ängstlich, ohne Vertrauen blickte. Was sollte sie schon anderes bringen als ein Leben, das ich so nicht wollte. Als ich eine junge Frau war, war mein Leben oft nur ein Existieren, wie essen, ohne Hunger zu haben. Okay, dann mach ich das mal. Wenn es mir gut ging, glaubte ich, dass ich das nicht verdient hätte, dann kam ich mir vor wie eine Diebin.
Und doch sind selbst in diesem Leben Schätze vergraben und die möchte ich finden, sie hervorholen, sie ausbuddeln. Es gibt viele Geschichten in meinem Leben, die unter dem Mäntelchen der Vergessenheit darauf warten, dass ich sie wiederentdecke, entstaube, anders wahrnehme und aufschreibe, davon bin ich überzeugt. Hier in Schweden kommen sie zum Vorschein, melden sich zu Wort und ich ahne bereits, dass sie mir etwas zeigen möchten. Vielleicht möchten sie ein anderes Bild in mir entstehen lassen als das, das im dunklen Verlies meiner vagen Erinnerungen an mein gelebtes Leben existiert? Mein Leben auf der Überholspur war vielleicht doch ein ganz besonderes, geht es darum? Erinnerung klopft an, bittet um Einlass. Noch schaue ich nur durch einen Spalt in der Tür, wer steht da und klopft so bestimmend? Ich bin noch etwas ängstlich, aber ich weiß auch, dass ich sie in naher Zukunft öffnen werde, um mich den Fragen der Erinnerung zu stellen. Wer bist du, Heike? Wer warst du als Kind, wer, als du jung warst, und wer war die Frau in der Mitte deiner Blüte? Warum bist du geworden, wer du bist? Welche Menschen hat dir das Leben zur Seite gestellt, um deine Aufgaben zu entdecken und zu lösen? Durch welche Begegnungen und Umstände wurdest du geprägt? Welche Menschen hast du übersehen, welche verletzt? Mit welchem Lebensplan in der Tasche hast du deine Lebensreise angetreten? Geht letzten Endes doch noch alles in die richtige Richtung? Hatte alles einen Sinn? Ist er aufgegangen, dein Lebensplan, liebe Heike? Inzwischen ist es dunkel geworden und still. Ich puste die Kerzen aus, fahre meinen Computer herunter, atme zufrieden einmal tief durch und gehe nach oben zu Wolli, der schon mit dem Abendbrot auf mich wartet. Alles fühlt sich so gut und richtig an. Ich schließe für einen Moment meine Augen und sage ganz leise Danke.
Heute ist ein neuer Tag in meinem Schwedenleben, die Herbstsonne lockt mich relativ früh aus dem Haus. Ich ziehe mir eine warme Jacke an, schnappe mir meinen Kaffee und gehe runter in den Garten. Es riecht nach Laub, und der Geruch erinnert mich daran, dass wir als Kinder im Herbst immer Kastanien sammelten, um sie dann für ein paar Pfennige an den Förster zu verkaufen. Ich setze mich auf eine Bank, um dem bunten Treiben der Blätter ein wenig zuzusehen. Die meisten haben ihren Tanz in diesem Herbst schon getanzt, liegen auf dem Boden und sind der Verwesung preisgegeben. Für diesen einen, nur für diesen einen Tanz haben sie gelebt. Meine alten Riesenbäume werden kahl, verlieren darüber sicher nicht einen Gedanken und, wie es scheint, auch nicht ein Fünkchen ihres Stolzes, so nackt und bloß, wie sie nun schon dastehen. Und das brauchen sie auch nicht, denn sie wissen, dass im nächsten Jahr wieder neue Blätter treiben. Sie wissen um den ewigen Kreislauf des Werdens, des Neubeginns und des Vergehens. Ich schaue ihnen zu und denke: Es wäre schön, wenn wir Menschen von ihnen lernten. Wann habe ich damit begonnen, den Fuß vom Gaspedal meines Lebens zu nehmen? Wann habe ich zu sehen begonnen und warum? Hier auf der Bank sitzend, im Herbst meines Lebens, in meinem ersten Herbst in Schweden, beginne ich mich zu erinnern, und ich frage mich, ob es mir wohl gelungen ist, das Leben.
Mit dem Begriff Bullerbü verbinde ich eine große Sehnsucht und ich glaube, das geht vielen Menschen so. Sie hat das wirklich gut hinbekommen, die Astrid Lindgren, in uns Menschen den allgegenwärtigen Traum von Geborgenheit, die stille Sehnsucht nach dem einfachen, naturnahen Leben, einer unbeschwerten Kindheit in einer großen, wohlbehüteten Familie zu bewahren. Dafür werden wir sie immer lieben, weil sie uns mit ihren Erzählungen für den kurzen Moment des Lesens einlädt, wohlig in eine heile Welt einzutauchen, eingemummelt bis zur Nasenspitze in eine kuschelige Decke und somit unauffindbar für den Rest der Familie. Doch irgendwann wird es Zeit, das Buch wieder aus der Hand zu legen und zurückzukehren in die wirkliche Welt. Ich lebe in Schweden, also ganz nah dran an Bullerbü. In Wirklichkeit aber ist er ziemlich weit weg von mir, der Mittelhof in Sevedstorp, wo Lasse, Bosse und Lisa wohnen. Genau gesagt, sind es 328 Kilometer bis zu ihnen und ich ziehe es vor, sie in diesem Jahr noch nicht zu besuchen, stattdessen lieber von meinem Schreibtisch aus eine Erinnerungstour in meine eigene Kindheit zu unternehmen. Für mich waren die Jahre, in denen ich Kind war, eine einzige Katastrophe und ich dachte lange, mein Unterbewusstsein habe bis auf ein paar Episoden alles komplett ausgeblendet. Aber seit ich in Schweden bin, taucht der ein oder andere Gedanke an diese Zeit wieder auf, stellt sich kurz vor und taucht dann wieder ab. Ich versuche, ihn zu greifen, aber da ist er auch schon wieder verschwunden und ich denke ans Aufschreiben. Wenn ich meine Gedanken schriftlich festhalte, dann können sie mir nicht mehr entkommen. Und ich möchte sie für mich festhalten, die Bruchstücke meiner Kindheit, die keine Kindheit war, weil ich gefühlt nie Kind war. Im Aufschreiben, im Festhalten liegt für mich auch die unausgesprochene Hoffnung, doch noch ein Überbleibsel meines Kindseins zu finden.
Meine Eltern waren selber noch Kinder, als ich zur Welt kam, und nach mir gebar meine schöne Mutter jedes Jahr ein Kind, bis wir alle sechs komplett waren. So hatten meine Eltern im Alter von gerade 26 Jahren sechs wunderbare Kinder. Ich erinnere mich nicht an Umarmungen, Kuscheleinheiten, Trost, vorgelesene Märchen, Geborgenheit, und richtig gemacht haben wir auch nichts. Das Einzige, woran ich mich noch erinnere, ist, dass meine Mutter in den ersten Jahren immer gesungen hat, später dann nicht mehr. Ich frage mich, was hat sich der Storch nur dabei gedacht, warum immer vor die Tür meiner Eltern? Ich meine, Baruth hatte 2.000 Einwohner, da hätte er doch die ein oder andere Tür finden können, um sein Päckchen abzulegen? Aber gut, das ist eben so passiert und nun mussten alle Beteiligten das Beste daraus machen. Meine Mutter, mein Vater, meine Geschwister und ich waren mit unserer Lebenssituation komplett überfordert, alle. Als meine Mutter mit unserem jüngsten Bruder nach der Entbindung nach Hause kam, sagte ich zu meinem anderen Bruder, der im Bettchen stand: »Du wirst immer mein liebster kleiner Bruder bleiben.« Später wollte der Kleinste dann oft bei mir schlafen. Ich höre ihn noch heute, wie er darum bettelte: »Will bei Heita schlafen, will bei Heita schlafen.« Als ich acht Jahre alt war, übernahmen meine Eltern ein Restaurant. An vieles in dieser Zeit kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich vermute, es war eine schwere Zeit, die mein Unterbewusstsein weitestgehend ausgeblendet hat. Und doch gibt es Erinnerungen an meine Kindheit.
Wir lebten in einem Mietshaus, das der Familie Herrmann gehörte. Sie hatten ein Lebensmittelgeschäft, das von Herrn Herrmann, dem Hauswirt, mit strengem Zepter geführt wurde. In dicken, roten Lettern stand »Lebensmittel« in Schreibschrift über den großen Schaufenstern des Ladens geschrieben. In einem der drei Schaufenster stand für uns Kinder, fast in Augenhöhe, ein großes Aquarium, in dem Karpfen schwammen.
Oft standen wir davor, drückten uns die Nasen platt und ahmten die Mundbewegungen der Fische nach. Sie schwammen nichtsahnend ihre Runden, bis sie von Herrn Herrmann mit dem Käscher herausgeangelt, aus dem Leben gerissen und den Kunden mitgegeben wurden. Er führte sein Geschäft sehr korrekt, alles war sauber und wohlsortiert. Aber wir Kinder hatten bei ihm nicht viel zu lachen. Oft meckerte er über etwas für uns meist Belangloses. Genau deshalb, und auch wegen der Fische, beschlossen wir eines Tages, ihn zu bestehlen. Meine beiden jüngeren Schwestern und ich schmiedeten einen Plan, den wir noch am selben Abend in die Tat umsetzten. Im Hausflur unten standen, je nach Saison, Früchte und Gemüse in Holzkisten für den Laden. Abends, wenn wir allein waren – unsere Eltern waren ja noch im Restaurant – schlichen wir uns aus unserer Wohnung, ohne im Hausflur Licht zu machen. Es waren nur zwei Treppen hinunter bis in die Durchfahrt des Hauses. Zwei Treppen, die über den glücklichen oder unglücklichen Verlauf unserer Einkaufstour entschieden. Wenn irgendwo eine Tür zu hören war, verschwanden wir ganz schnell wieder in unserer Wohnung und warteten auf den nächsten stillen Moment. Wir schlichen wie Diebe die Treppen hinunter und das waren wir ja auch. Dann standen sie vor uns, die Kisten mit den essbaren Schätzen. Wir hatten also von dieser kühnen Entscheidung an regelmäßig Äpfel, hin und wieder gab es Pfirsiche oder Birnen, und manchmal standen leider nur Kisten mit Tomaten im Flur, die ihre frischeste Zeit bereits hinter sich hatten. Ab jetzt lächelten wir nur noch in uns hinein, wenn uns Herr Herrmann mal wieder aus einer Laune heraus beschimpfte. Trotzdem versuchten wir, ihm aus dem Weg zu gehen, wenn es nur irgend möglich war. Denn eins war uns Kindern klar: dass man nicht stehlen darf und dass es einen Riesenkrach geben würde, wenn unser Vater davon erführe. Und ich war noch aus einem anderen Grund hin- und hergerissen.
