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"Die persönlichen Erinnerungen Hans-Georg Müllers über ein sehr bewegtes und tatkräftiges Leben." "Mit viel Mut, Willenskraft, aber auch erstaunlicher Kreativität und List stemmte sich der Autor im Kreise seiner Familie und Freunden gegen die rigorosen, leidvollen Absperr- und Sicherungsmaßnahmen des DDR-Grenzregimes." (Dr. Torsten Dressler)
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Dieses Buch widme ich meinen Eltern, insbesondere meinem Vater, der Motor und Antrieb des Tunnelbaus war und meinen leider schon verstorbenen Freunden Lucie und Niels Martin Aagaard und Hans Willner, die mit mir zusammen den Tunnel bauten.
Bedanken möchte ich mich bei meiner Frau Anne und meinen Kindern Heike, Anja und Holger, die mich während des ganzen Entstehungsprozesses von der ersten leeren Seite bis hin zu dieser nun vorliegenden Ausgabe moralisch und auch tatkräftig unterstützt haben.
Weiterer Dank gilt Regina Fichtner, die die erste Version zu Papier brachte.
Franziska Müller danke ich dafür, dass sie meine nach Gefühl gesetzten Kommata dazu überreden konnte, sich den Gesetzen der Interpunktion zu unterwerfen.
Herrn Thorsten Dressler danke ich dafür, dass er meinen Tunnel in mühsamer Kleinarbeit ausgrub, dokumentierte und für die freundliche Rezension der zweiten Auflage meiner Memoiren
Und schließlich danke ich auch allen anderen Beteiligten, die mich bei der Umsetzung meines Buchprojektes gefördert haben.
3. Auflage, Feuchtwangen, im Juli 2022
Vorwort und Rezension
Großmutters Quarkkeulchen
Einführung
Tunnelbau
Die politische Situation
Mein Ursprung
Kindheit
Ruinen
Grundschule
Erste Erfahrungen in Botanik und Zoologie
Ruinen 2
Ruinen 3
Familie
Technik
Weitere sozialistische Entwicklungen des Umfeldes
Erste Handarbeit
Sozialismus
Karlchen
Der 17. Juni
Ruinen 4
Radprofis
Freunde
„Freiwilliger“ Ernteeinsatz
Klassenfahrt
Liegau
Marxistische Dialektik
Großeltern
Oberschule
Erste Liebe
Zweite Liebe
Latein
GST*
Polytechnischer Unterricht
Zeitvertreib
Sport
Anstand
Pingel
Vor dem Mauerbau
Fluchtvorbereitung
Mulus
Führerschein
Berlin SO 36
Universität
Die Mauer
Erster Fluchtversuch
Zweiter Fluchtversuch
Ernteeinsatz 2 - zwischendurch
Dritter Fluchtversuch
Zweites Krankenpflegepraktikum und Marxistische Dialektik (Aufbaukurs)
Fleischliches
Fertsch*
Anhang
Index
Säxsch
Quellenangaben
Abbildungsverzeichnis
Dr. Hans-Georg Müller, Trümmerbahn, Quarkkeulchen und Tunnelflucht, 2. Auflage
Warum schreibt heute jemand wie Dr. Hans-Georg Müller ein Lebensbericht oder Buch über Zeiten und Fluchten, die mittlerweile über ein halbes Jahrhundert vergangen sind?
Die persönlichen Erinnerungen Hans-Georg Müllers über ein sehr bewegtes und tatkräftiges Leben seit nunmehr über 70 Jahren lassen trotz ernster Themen wie die schwere Nachkriegszeit und die besondere Wohn- und Lebenssituation mit der Berliner Mauer und der deutschen Teilung als dramatisches Kapitel die komischen Seiten nicht aus.
Mit viel Mut, Willenskraft, aber auch erstaunlicher Kreativität und List stemmte sich der Autor im Kreise seiner Familie und Freunden gegen die rigorosen, leidvollen Absperr- und Sicherungsmaßnahmen des DDR-Grenzregimes. Seine Beschreibungen der persönlichen Ereignisse um den legendären und selbst gegrabenen Aagaard-Fluchttunnel von Glienicke/ Nordbahn nach Berlin-Reinickendorf im Winter 1962 bis zur Flucht im März 1963 verdeutlichen den ungebrochenen Freiheitswillen. Der Mauerbau am 13. August 1961 als ultima ratio wurde für sehr viele DDR-Bürger zur dramatischen Schicksalsfrage: Sollte man sich den gegebenen politischen Bedingungen anpassen und im selbst durchschauten DDR-Unrechtsstaat eingesperrt bleiben oder trotz aller Todesgefahren mehrere Fluchtversuche in den Westen wagen, um ein Leben in Wahrheit und Freiheit führen zu können?
Mit ungewöhnlicher Genauigkeit schildert Hans-Georg Müller, heute Arzt in Feuchtwangen, aus der Sicht eines jungen, wissensdurstigen Mannes seine Kindheit in Dresden, seine Jugendzeit in der DDR und seine Zeit als Student der Medizin in Ost-Berlin. Eine entscheidende Zäsur setzte aber die spektakuläre und gefährliche Tunnelflucht nach Westberlin nach zuvor gescheiterten Fluchtversuchen.
Sein leidenschaftlich geschriebener Lebensbericht vermittelt einen sehr persönlichen Einblick in den Alltag eines jungen, tatenlustigen und lebensfrohen Mannes im Nachkriegsdeutschland bis in die Mitte der 1960er Jahre, schildert eindrucksvoll den Zusammenhalt, aber auch das Misstrauen zwischen den Leuten, das Hin- und Hergerissen sein zwischen Hoffnung und Verzweiflung, um selbstbestimmt als freier Mensch zu leben. Man muss sich nur allein den einzigartigen Moment des unbeschreiblichen Glücks vorstellen, als die Grabenden nach Monaten am Ende und Ziel des Fluchttunnels ankamen: eine enge, klaustrophobische Röhre, die nur improvisiert war und mit einfachsten Mitteln gegraben wurde. Sie drohte jederzeit einzustürzen und die Tunnelgräber lebendig zu begraben oder oberirdisch konnten die Flüchtlinge von den Grenzern verhaftet oder gar erschossen werden. Es gab aber eine ungeheure Energie und den ungebrochenen Willen, um sich in die Freiheit zu graben. Sie waren bereit, sogar ihr Leben dafür aufs Spiel zu setzen, um mit ihren Familien, Verwandten und Freunden dorthin zu gelangen. Seine geschilderten Erinnerungen vermitteln eben jene Empathie, die uns Lesern verständlich macht, warum die Familien Müller und Aagaard sowie Freunde sich wochenlang unter ständiger Lebensgefahr, körperlicher Anstrengung und seelischer Anspannung durch den märkischen Untergrund gegraben haben.
Hans-Georg Müller ist sowohl Akteur als auch genauer Beobachter der damaligen Ereignisse: er schildert es so plastisch, als wäre man selbst dabei gewesen - informativ sowie zugleich spannend als auch unterhaltsam.
Wenn Sie diese Autobiographie in ihren Händen halten, freuen Sie sich, mit Hans-Georg Müller sozusagen gemeinsam auf eine besondere und authentische Lebensreise zurückzugehen und für sich selbst viele neue Anregungen und Erkenntnisse für ein couragiertes Leben zu gewinnen. Man kann es auch mit den Worten von Elie Wiesel, US-Schriftsteller, Holocaust-Überlebender und Friedensnobelpreisträger, abschließend sagen: "Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden." Die Freiheit stellt ein ungeheuer kostbares Gut dar.
Es ist mir als Archäologe und Freund der Familie Müller zugleich eine Ehre und Freude, dieses Geleitwort für Hans-Georg Müller zu schreiben, da die Ausgrabung des Aagaard-Fluchttunnels fast 50 Jahre später meine bislang spektakulärste und ergreifendste Entdeckung im Berufsleben wurde. Die Verknüpfung der wissenschaftlichen Auswertung mit den Zeitzeugenberichten, die vielen Begegnungen mit ihnen als Protagonisten, macht das Besondere daran aus. Ihre Motivation, Entschlossenheit und Lebensfreude hinterlässt einen tiefprägen den Eindruck.
Mit diesem Buch kann sich Hans-Georg Müller am Abend seiner langen ärztlichen Verpflichtung in der Praxis gern darauf konzentrieren, Zeitzeuge, Historiker und Schriftsteller in Einem zu sein. Glück, Liebe und Freiheit kann man nicht festhalten, aber man kann es wie er immer wieder suchen und auch finden.
Torsten Dressler Archäologe u. Zeithistoriker
Glienicke/Nordbahn, 15.05.2014
Zutaten:
600 g mehligkochende Kartoffeln
500 g Magerquark
150 g Mehl
50 g Zucker
2 P Vanillezucker
1 Eigelb
Zitronenabrieb von 1 Zitrone
50 g Rosinen
Zucker und Zimt zum Bestreuen
Butterschmalz oder Pflanzenfett zum Ausbacken
Zubereitung:
Pellkartoffeln am Vortag kochen, abpellen, reiben oder durch eine Kartoffelpresse drücken.
Quark, Mehl Zucker, Vanillezucker, Eigelb, Zitronenabrieb und Rosinen zum Kartoffelteig geben und gut verkneten.
Aus dem Teig gleich große Portionenabstechen, flach (oval) formen.
In einer Pfanne das Butterschmalz gut erhitzen und die Quarkkeulchen von beiden Seiten goldgelb ausbacken und gut abtropfen lassen.
Mit Zimtzucker bestreuen und servieren.
Dazu passt Apfelmus oder Apfelkompott,
Guten Appetit!
Jedes Jahr fahre ich zum Kardiologen-Kongress nach Berlin, so auch dieses Jahr. Auf der Rückfahrt war Stau auf der Stadtautobahn bis zum Funkturm* und weiter auf der Avus* bis zum Berliner Ring angesagt. Also fuhr ich quer durch Berlin die alte B96 Richtung Birkenwerder, um von da auf die Autobahn und den Berliner Nordring zu kommen. Ich kam vorbei an Straßen und Häusern, die ich noch aus meiner Studentenzeit kannte. Lange war ich nicht mehr da, über dreißig Jahre. Und doch gab es vieles was unverändert war. Überall noch gute, alte Bekannte. Bauten im ehemaligen Ostteil der Stadt, am Alexanderplatz, der Oranienburger Straße, Kreuzberg, Mitte, und im Westen Gesundbrunnen, Wedding, Studentenwohnheim Triftstraße, Müllerstraße, Reinickendorf, Hermsdorf, Frohnau.
Wie oft war ich 1963 und in den nächsten Jahren im Westen diese Strecke gefahren, um an den Ort meiner Tunnelflucht zu gelangen. Magische Kräfte ziehen mich immer wieder dahin. So auch heute. Ich kann einfach nicht an der Ottostraße in Glienicke vorbeifahren. Ich möchte einen kurzen Blick auf das Gelände werfen, unter dem ich mich in den Westen grub.
Ich biege in die kurze Ottostraße ein. Die erste Überraschung: Die Straße ist jetzt geteert. Bei meinem letzten Besuch vor zwei Jahren war alles noch aus schönem Berliner Sand. Vor dem Fluchthaus Aagaard stehen drei Stahlstelen*. Dort sind Stasi*-Fotos von unserem Tunnel zu bewundern. Ein Archäologe hat unseren Tunnel wieder ausgebuddelt, wie ägyptische Grabkammern, und alles dokumentiert und bebildert.
Die Erinnerung an meine Flucht 1963 ist wohl schon etwas verblasst. Die Vergangenheit und meine Taten als archäologisches Objekt zu entdecken, berührt mich. Was, wenn anstelle des im Tunnel gefundenen Fensterrahmens meine Knochen ausgegraben worden wären. Ich entsinne mich wieder an den Tag des Durchbruchs. Ich lag vor dem Tunnelausgang. Wir hatten es geschafft. Nur noch loslaufen und ich war im Westen. Seit dem Bau der Berliner Mauer hatte ich mir damals diese Situation gewünscht. Täglich hatte ich mir vorgestellt, wie es wäre, im Westen zu sein.
Die Menschen flohen aus der DDR auf abenteuerliche Weise. So mit der unterirdischen Nord-Süd S-Bahnlinie, als Trittbrettfahrer vom Bahnhof Friedrichstraße mit Interzonenzügen, über den Stacheldraht, die Mauer, durch Abflusskanäle, mit dem Paddelbot, versteckt in einem LKW, oder mit falschem Ausweis. Nun lag sie zum Greifen nah vor mir, die Freiheit. Ich musste nur aufstehen und losrennen.
Ich erinnerte mich an die Stunden vor dem Ausstieg aus dem Tunnel. Das gepresste Atmen, unterdrücktes Husten, die raschelnden Bewegungen der Menschen im Sand, die ebenso ungeduldig wie ich darauf warteten, endlich den Tunnel verlassen zu können.
Helmut war als erster in den Tunnel gekrochen. Die Minuten waren quälend langsam vergangen, nachdem er vor mir im Schutz der Dunkelheit aus dem Ausstieg gekrochen war. Geduckt war mein Freund den leicht abfallenden Hang zu dem etwa zwanzig Meter vor uns liegenden Einfamilienhaus hinuntergelaufen.
Hinter der links angebauten Garage hatte ihn die Nacht verschluckt. Helmut und ich hatten den Tunnel vom Haus unseres Freundes Michael überwiegend mit bloßen Händen gebaut. Genauer, voran gegraben hatten wir in dem weichen Sand mit den Händen. Wir transportierten der Aushub in einer Braten-Kasserolle zum Tunnel Einstieg, wo er von Michael in einen Eimer geleert wurde. Das Haus lag in der DDR, im Ort Glienicke etwa 60 m vom Grenzzaun nach West-Berlin entfernt.
Die Äste der über uns stehenden Fichten hatten sich mit Feuchtigkeit vollgesogen, so dass schwere Tropfen auf die Wurzeln der Bäume und auf den Eingang platschten. Der Tunnelausstieg lag im Garten eines Einfamilienhauses an der Veltheimstraße in Frohnau. In der Straßenoberfläche spiegelte sich das Licht der Laternen auf dem regennassen Asphalt.
Michael und Helmut kannten sich in West-Berlin wesentlich besser aus als ich. Sie hatten vor dem Mauerbau ihre Arbeitsstellen im Westteil der Stadt. Wie viele Ostberliner hatten sie sich dort täglich aufgehalten und am Wochenende auch zum Vergnügen, sofern es zu Hause nichts zu werkeln gab.
Ich studierte dagegen an der im Osten liegenden Humboldt Universität. Vor der Teilung Berlins fuhr ich nur selten mit Freunden zum Bahnhof ZOO, um am Kurfürstendamm in ein Kino zu gehen. Dort gab es für Ostberliner Ermäßigung beim Eintritt. Für einen Studenten mit magerer Börse waren Besuche im Café Kranzler* oder einem Bierlokal unerschwinglich, weil das Ostgeld 1:7 in einer Wechselstube umgetauscht werden musste. Zudem war dieser Umtausch von den Ostbehörden unter Strafe gestellt. Man durfte sich dabei nicht erwischen lassen. Aber jeder tauschte, und so gab es diese Wechselstuben an allen Ecken Berlins.
Als Studenten beschränkten wir uns darauf, die Schaufenster am Ku-Damm* anzusehen und dabei festzustellen, dass es dort wenige Dinge gab, die ein Ostberliner Student gebrauchen konnte. Alles war exklusiv und teuer. Vor dem Mauerbau besuchte ich mit Freunden Lokale am Stuttgarter Platz, ich erinnere mich an ein türkisches Lokal unter den S Bahn Brücken. Hier gab es feingewürzte Fleischspeisen, Fladen und andere Mehlspeisen in Nischen mit gedämpftem Licht und türkischer Musik. Man konnte sich auf jeden freien Platz setzen.
Auch am Nollendorfplatz gab es einige Studentenlokale, in die wir gerne gingen. Gelegentlich bestaunten wir im KaDeWe* die Angebote. Das war es aber schon alles, was ich über die West Berliner Geographie wusste.
In Ost-Berlin gab es in den HO Gasstätten kein gedämpftes Licht, und man musste brav im Eingangsbereich warten, bis der Kellner einem einen freien Platz anwies. Dieses Verfahren konnte man durch eine Schachtel West Zigaretten erheblich beschleunigen.
In den zu Westberlin gehörenden Vororten kannte ich mich gar nicht aus. Vom Ost Umland war die eigentliche Grenze auch schon lange vor dem Mauerbau durch eine 5 km breite Sperrzone umgeben, in der man Gefahr lief, durch VoPos* kontrolliert und nach dem Zweck des Aufenthalts gefragt zu werden. Unser Fluchtort Frohnau gehörte zu den nördlichsten Bezirken von West-Berlin. Dieser war mir durch seine charakteristische Lage als Zipfel in das DDR-Gebiet auf der Berliner Karte im Gedächtnis geblieben.
Ehe die Gruppe, die jetzt hinter mir lag, mit den Füßen voran in den Tunnel gekrochen war, hatten wir besprochen, in welcher Reihenfolge das geschehen sollte. Der Erste sollte nach dem Ausstieg die nahe gelegene Polizeiwache in West-Berlin aufsuchen und dort für unseren Ausstieg Polizeischutz besorgen. Wir hatten Angst, ohne Absicherung aus dem Tunnel zu steigen. Eine Gruppe von dreizehn Menschen wäre leicht einer Grenzstreife auch in der Nach aufgefallen. Durch West-Rundfunk und Fernsehen wussten wir, dass die DDR-Soldaten auf Flüchtlinge häufig auch dann noch schossen, wenn diese schon die Sperranlagen überwunden hatten und sich im Westen befanden. Eine Entdeckung wollten wir nicht riskieren, weil auch Behinderte und Kranke im Tunnel lagen.
Nur knappe drei Meter hinter dem letzten Drahtzaun der Sperranlage waren wir mit dem Ausstieg an die Oberfläche gekommen. Ganz genau konnten wir nicht graben, weil wir die genaue Distanz nur schätzen konnten. Die Breite des unterquerten Nachbargrundstücks war uns nicht bekannt. Wir wussten nur, dass der Todesstreifen etwa 25 m breit war, der die Zonengrenze zum Osten hin abschloss. Wie viel Platz dieser Streifen aber vom Nachbargrundstück beanspruchte, war ebenfalls nicht sicher. Wir hatten eine Tunnellänge von etwa 50 Metern geschätzt. Wenn ich meinen Kopf vorsichtig aus der Tunnelöffnung schob, konnte ich gegen den wolkenverhangenen Nachthimmel den sonst beleuchteten Sandstreifen erkennen, auf dem die „Grenzorgane“* auch mit Hunden patrouillierten. Jetzt gegen zweiundzwanzig Uhr war hinter dem Zaun keine Bewegung zu erkennen. Aber das bedeutete keine Sicherheit. Es war gut möglich, dass die Grenzposten eine kleine Rauchpause auf der Terrasse des nächsten Einfamilienhauses eingelegt hatten und im nächsten Moment um die Ecke biegen würden. Ich bekam Angst und dachte, wir würden schon vom hinter uns liegenden Grenzstreifen mit Nachtgläsern beobachtet. War da nicht ein Lichtreflex gewesen? Aber alles blieb still.
Die Tunnelmündung befand sich mitten im Wurzelwerk dreier Fichten, die etwa die Eckpunkte eines gleichschenkligen Dreiecks von einem Meter Abstand besetzten. Vom Osten aus hatten sie wie ein Baum ausgesehen. Seit Stunden fiel ein leiser Nieselregen über West-Berlin und dem im Norden der Stadt liegenden Bezirk Frohnau. Die Wiesenfläche über dem Tunnel war noch mit Schnee bedeckt und tief gefroren. Der Winter 1963 war bitterkalt. Die Temperaturen bewegten sich auch Tags um -30°C. Alle hatten im März von der schneidenden Kälte die Nase voll, und warteten darauf, dass die Sonne nun endlich Wärme ausstrahlte. Wir Tunnelbauer hofften jedoch, dass die Kälte noch eine Weile anhielt, weil durch sie über unserem Stollen die Erde noch hart wie Beton gefroren war. Nur auf dem Südhang hatte die kräftige Märzsonne die Wiese in der Umgebung des Ausstiegs schon aufgetaut und bis auf einige Reste auch den Schnee abgeschmolzen.
Jetzt in der Nacht war es im Tunnel wesentlich wärmer als draußen. So kroch ich lieber wieder etwas zurück und stellte meine Beobachtungen ein. Ich beruhigte die hinter mir liegenden Verwandten von Helmut, die ungeduldig darauf drängten, nun endlich den Tunnel verlassen zu können. Dieser Wunsch wurde mit der Bemerkung unterstrichen, dass doch die Atemluft in der engen Röhre nicht mehr lange ausreichen könne.
Ehrlicherweise hätte ich zugeben müssen, dass wir uns darüber keine Gedanken gemacht hatten. Ich beruhigte die Menschen hinter mir, dass ein leichter Luftzug zu spüren sei, und das bedeute ausreichende Luft. Zum Glück war das auch so.
Durch die gemeinsame, mühsame und gefährliche Grabe-Arbeit hatte sich zwischen Michael, Helmut und mir eine Männerfreundschaft entwickelt. Beide rauchten, sobald sie eine Hand frei hatten. Meine Eltern rauchten auch beide und versorgten mich reichlich mit Glimmstengeln, so dass ich auch anbieten konnte. So stieg mein Nikotinkonsum auf über 30 Zigaretten pro Tag an. Ich stellte mir manchmal vor, dass die Kameradschaft bei Soldaten wohl ähnlich gewesen sein musste, wenn sie im Schützengraben lagen. Soweit zu erhalten, rauchten wir Westzigaretten, gerne ohne Filter wie Rothändle und Juno (aus gutem Grund ist Juno rund), aber auch die in der DDR produzierte Marke Turf oder die vom VEB Jasmazi in Dresden hergestellte Kyrazi (in der noblen Blechschachtel) schmeckten uns.
Durch unsere gemeinsame Buddelei über fast ein halbes Jahr hatte sich, wie ich glaubte, auch bei großem Altersunterschied zwischen ihm und mir, eine besondere Freundschaft entwickelt. Die handwerkliche Planung des Tunnels lag bei Michael und Helmut. Hatten wir eine Tätigkeit erledigt, fragte ich gern nach der nächsten Aufgabe in sächsisch: „Was mach mern nu?“ Das brachte mir bei Helmut den Spitznamen „watnnu“ ein. Aber wie stark ist eine solche Freundschaft belastbar? Würde sie ausreichen, Helmut, der nun schon in Freiheit war, zu uns zurück an den Tunnel zu bringen? Aber er hatte ja auch seine Familie im Tunnel.
In zwei Meter Abstand hinter mir, teils verdeckt durch die Bewegungen der nächsten Flüchtlinge, brannte trüb eine der elektrischen Christbaumkerzen, die wir als Beleuchtung für den Tunnel zweckentfremdet hatten. Hinter mir lagen mein Bruder und noch weitere elf Flüchtlinge. Wir hatten vor dem Einstieg verabredet, möglichst nur bei Gefahr zu sprechen. So waren alle in der Gruppe hinter mir meist mucksmäuschenstill.
Ich sah auf das Leuchtzifferblatt meiner „West-Uhr“, auf die ich sehr stolz war, hatte ich mir doch diese noch vor dem Mauerbau von meinem selbst verdienten Geld in der Joachimsthaler Straße am Bahnhof Zoo in einem der vielen Schmuck-Läden gekauft.
Das Uhrengeschäft lag neben „Aschinger“, einem damals bekannten Schnell-Imbiss, in dem man preiswert für fünf Groschen Erbswurst-Suppe haben konnte und je nach Hunger so viele Brötchen kostenlos dazu bekam, wie man mochte. Das wurde von uns Studenten reichlich genutzt. (Den Begriff „Ossi“ gab es da noch nicht, sonst hätte ich ihn an dieser Stelle verwendet).
Es war mittlerweile schon 22.30 Uhr. Vorsichtig sah ich über den Tunnelrand nach draußen. Noch immer regnete es. Damals hätte es des vor unseren Augen liegenden, frisch geputzten schmucken, westlichen Einfamilienhauses nicht bedurft, um festzustellen, dass wir unsere Tunnelröhre erfolgreich bis auf Westberliner Gebiet vorgetrieben hatten. Schon allein die Tatsache, dass nach 22 Uhr eine Straßenlaterne in einem Außenbezirk noch leuchtete, war für Ostberliner oder DDR-Verhältnisse völlig undenkbar. Nach 22 Uhr wurden die meisten Ostberliner Straßenlaternen, zumindest in den Außenbezirken, aus Stromersparnisgründen abgeschaltet.
Nach geglückter Flucht musste ich bei Reisen in die Bundesrepublik vom Flughafen Tempelhof aus fliegen und durfte zunächst nicht auf der Transit-Autobahn* durch die DDR fahren, weil ich sonst wegen Republikflucht beim Passieren der DDR verhaftet worden wäre. Kam ich nachts mit dem Flugzeug zurück, so konnte man im Anflug auf Tempelhof, bei der üblichen Schleife Ost und West sehr deutlich unterscheiden: West-Berlin war lichterfüllt und von bunten Neonreklamen überzogen. Diese hell illuminierte Stadt wurde von dem perlschnurartig beleuchteten Todesstreifen nach Ostberlin hin abgegrenzt, welches in tiefer, bedrohlicher Dunkelheit versank.
Auch kann ich mich nicht an eine einzige glatte Asphaltstraße im Osten entsinnen. Der Asphalt war dort meist rau und höckerig. Sogar auf der Autobahn oder den asphaltierten Überlandstraßen verlief der Belag in Wellenform. Keine Möglichkeit also für Straßenlaternen im Osten, sich im Asphalt zu spiegeln. Vielleicht waren sie aus diesem Grund auch so hässlich mit einem Betonmast und einer Milchglasglocke oben darauf.
Die Ungeduld bei den hinter mir im Tunnel liegenden Menschen wuchs. Fast die halbe Tunnellänge war mit Flüchtlingen gefüllt. Da lagen hinter mir mein Bruder, meine Eltern, Michael mit Frau und Mutter, Helmuts Frau und die drei, überraschend erschienen Bekannten von Helmut. Noch immer war von Helmut oder einem Polizeischutz nichts zu hören oder zu sehen.
Wir überlegten, ob wir nicht dem Drang nachgeben sollten, einfach aus dem Tunnel zu stürmen. Die Mutter Michaels wurde wegen ihrer Gebrechen mit Stricken auf einer Luftmatratze durch den Tunnel gezogen und konnte nach der langen Zeit nicht mehr liegen. Allein hätte sie durch die enge Röhre nicht kriechen können. Zurücklassen wollte sie Michaels Familie auch nicht. „Die Oma muss mit, tot oder lebendig“, war einer der Sprüche von Michaels Frau, die sich mir fürs Leben eingeprägt haben. Das lange Liegen in der Kälte, ohne eine Möglichkeit, sich zu bewegen, wurde nun für sie zur Qual. Michael und Rosi, Helmuts Frau, mochten dem Leid nicht länger untätig zusehen und drängten auf den Ausstieg. Leise stimmten wir uns nochmals ab. Dann einigten wir uns aber doch darauf, dass wir noch eine Stunde im Tunnel aushalten wollten.
Ich dachte an einen meiner Studienfreunde, dem ich mein Paddelboot geschenkt hatte und an meine Seminargruppe an der Humboldt-Universität in Berlin. Ich hoffte, sie würden durch meine Flucht keine Unannehmlichkeiten haben und durch den Stasi nicht etwa der Mitwisserschaft beschuldigt werden. Ich fürchtete, dass meine Freunde zumindest einem Verhör durch den Stasi unterzogen wurden, weil ich ähnliches bei Verwandten und Bekannten von „Republikflüchtlingen“ miterlebt hatte. Nach dem Mauerfall habe ich mit meinen Freunden darüber geredet. Sie wurden nicht belästigt.
Offenbar war dem Stasi meine Flucht nicht aufgefallen, soweit ich dem Archiv der Staatsicherheit entnehmen konnte. Im Protokoll zu unserem Tunnel steht auch nur, dass durch den „Aagaard-Tunnel“ vermutlich ein Zahnarzt aus Dresden mit seinen Söhnen floh. Das wurde vermutet, weil der PKW meines Vaters, ein Wartburg verlassen im Ort gefunden wurde.
Wie mochte es meinem Vater gehen, der weiter hinten mit meiner Mutter in der engen Röhre lag? Dachte er an all das, was er in der DDR zurückließ, sein Auto, die ganze Wohnungseinrichtung, die gut ausgestattete Praxis und das große Wochenendgrundstück in Liegau-Augustusbad? Was erhofften sich wohl Michael und Lore, von deren Haus aus wir den Tunnel gebaut hatten?
Mussten sie nicht fürchten, dass das Gebäude nach Entdeckung der Flucht abgerissen und einplaniert wurde, wie so viele Häuser im Ort in Grenznähe? Was wurde aus ihrem Friseurgeschäft und dem schönen, hellbrauen Schäferhund Ajax, den wir im Haus hatten zurücklassen müssen? Bei dem Gedanken an Michael fiel mir wieder unser gemeinsamer Freund Helmut ein. Wo mochte er wohl stecken? War ihm vielleicht etwas zugestoßen oder war er überfallen worden? Vom Tunnelausstieg bis zur Polizeiwache waren es nach seiner Einschätzung nicht mehr als 15 Minuten und die waren mehrfach vergangen. Es musste etwas passiert sein oder gab es sonst einen vernünftigen Grund für sein langes Ausbleiben? Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass kriminelle Aktivitäten in West-Berliner Außenorten damals kaum zu befürchten waren, vor allem nicht um diese Nachtzeit. Ganz undenkbar erschien mir auch, dass er sich einfach abgesetzt hatte und uns hier im Tunnel liegen ließ. Hoffentlich hatte er sich nicht beim Übersteigen des Gartenzaunes des vor uns liegenden Grundstücks verletzt, vielleicht sollte ich doch besser nachsehen.
Abbildung 1: Vater und Sohn Ottostraße 2012
Abbildung 2: Ausgegrabener Aagaard Tunnel
Abbildung 3: Ausgegrabener Aagaard Tunnel
Abbildung 4: Stasibild Tunnelhaus
Abbildung 5: Stasizeichnung Fluchttunnel
Vater hatte herausgefunden, dass sich bei seinen Patienten in der Dresdener Zahnarztpraxis ein Angehöriger der Nationalen Volksarmee befand, der an der Berliner Grenze diente. Die SED* hatte ganz bewusst Soldaten aus Sachsen als Grenzwächter eingesetzt, damit der Schießbefehl nicht durch persönliche Beziehungen unter Berlinern in Frage gestellt werden konnte. Dieser Grenzsoldat war an einer für uns besonders interessanten Stelle Berlins eingesetzt. Es war der Bezirk Frohnau an der Grenze zum DDR-Außenbezirk Oranienburg. Die Außengrenzen waren zwar ebenfalls gut bewacht, aber im Vergleich noch nicht so wie die Sektorengrenzen der innerstädtischen Abschnitte. Bestanden die Sperranlagen in der Innenstadt Berlins schon aus Mauern, so begnügte man sich in der Peripherie zunächst mit Stacheldraht.
Der befragte Grenzsoldat beschrieb uns eine sogenannte Enklave, eines der vielen Teilstücke und Inseln, die von Berlin aus in die DDR hinaus, aber auch umgekehrt von Ostberlin oder DDR-Gebiet nach Westberlin hineinragten.
Es handelte sich dabei um den sogenannten „Sandkrug“, der sich von Glienicke Nordbahn in Richtung Frohnau auf Westberliner Gebiet vorschob und mit einem Schlagbaum vom DDR-Gebiet abgetrennt war. Bis zur Einführung des 5-Kilometer-Sperrgürtels, den man später nur mit Begründung und unter Ausweiskontrollen betreten konnte, war es zunächst noch möglich, in solche Grenzstreifen zu gelangen, wenn man eine Bestätigung dortiger Bewohner vorweisen konnte.
Unser Grenzsoldat, der ebenfalls zu den gemusterten und zwangsverpflichteten jungen Leuten gehörte, die mit den kommunistischen Prinzipien der DDR nichts anfangen konnten, nannte uns den Namen eines Schreiners in diesem Grenzstreifen, dem wir uns nach seiner Auffassung anvertrauen könnten.
Vater meldete sich bei diesem Anwohner zunächst telefonisch an und besuchte ihn wenige Tage später im Sperrgebiet. Das Haus war nur wenige Meter vom Stacheldraht entfernt. Leicht hätte man mit einer Leiter vom Küchenfenster aus die Sperren überwinden können.
Vater breitete nun ohne Vorbehalte seine Fluchtgedanken vor dem Besitzer des Hauses aus. Wie im Grunde von uns nicht anders erwartet, hörte dieser sich zwar Vaters Fluchtwünsche an, äußerte Verständnis, lehnte aber dann eine persönliche Beteiligung ab. Erst vor einigen Wochen war sein Sohn in den Westen geflohen. Die Familie wurde der Mithilfe verdächtigt, und es stand auf Messers Schneide, ob sie auf Grund dieser Flucht ihr Haus würden verlassen müssen.
Der Sohn spielte sehr gut Klavier, was jeder im Ort wusste. Die Einwohner des kleinen Ortes berichteten amüsiert, dass einen Monat nach der Flucht in der Nacht Klavierspiel aus dem Haus erklang, und jeder wusste, dass der Sohn für einige Stunden über den Stacheldrahtzaun in das elterliche Haus zurückgekommen war, um am Morgen wieder zu verschwinden.
Mein Vater erbat sich Stillschweigen über dieses Gespräch, was ihm versprochen und auch eingehalten wurde. Er hatte wohl das Vertrauen des Handwerkers gewonnen, denn zum Abschied bekam er die Adresse eines Einwohner Glienickes der offenbar auch schon laut über seine Flucht in den Westen nachgedacht hatte.
Zum ersten, vorsichtigen Kontaktgespräch schickte mein Vater zunächst meine Mutter. Sie erzählte dem Hausbesitzer von der Einschätzung des Schreiners. Bald wurden sie sich einig, gemeinsam einen Weg in den „Westen“ zu suchen. Mutter hatte uns berichtet, dass das Haus zwar in der Nähe der Grenze stand, aber doch immerhin noch etwa 50 m entfernt.
Schon wegen der Grenznähe wäre es unklug gewesen, sich zu weiteren Gesprächen in diesem Haus zu treffen. Zu groß war die Gefahr, dass den Grenz-Soldaten Fremde verdächtig erschienen. So verabredeten Familie Aagaard und Müller, genauere Fluchtdetails in unserer Wohnung in Dresden zu besprechen.
Durch ein Inserat hatte mir mein Vater ein möbliertes Zimmer zum Studienanfang zunächst in der Grätzstraße gemietet. Dies Wohnung lag unmittelbar an der Sektorengrenze. Die betagte Wirtin musste sich wiederholt im Krankenhaus behandeln lassen. Die Räume wurden nicht geheizt und gelüftet. Der Weg von dort an die Universität war auch sehr lang, so dass ich in die Nähe vom Alex zog.
Das Zimmer in der Koppenstraße befand sich in Sichtweite des Ostbahnhofs. Ich konnte die meisten Vorlesungen zu Fuß erreichen, und was wichtig war, auch die Mena.
Telefon hatten damals nur wenige Haushalte, meist dann, wenn Kabel noch aus der Vorkriegszeit lagen. Auch meine neuen Wirtsleute hatten keinen Anschluss.
So war der Kontakt mit den Eltern nur per Brief möglich, oder durch ein Gespräch mit einem der wenigen, öffentlichen Telefone am Alex* oder Ost-Bahnhof. Bei meiner Rückkehr aus einer Vorlesung fand ich eines Tages im Spätherbst 1962 ein Telegramm* vor, mit dem Inhalt, ich solle sofort nach Dresden fahren, weil der Großvater erkrankt sei. Klartext bei Telefonaten oder Telegrammen war wegen der Stasi-Schnüffeleien gefährlich. So vermutete ich schon, dass Großvater nicht wirklich krank wäre, sondern dass es sich wieder um eine neue Fluchtidee meines Vaters handeln würde.
Durch den zurückliegenden Ernteeinsatz war ich für meine Verhältnisse reich. Ich besaß an die 400 Ostmark, abzüglich einer Gitarre im Wert von 350 OM. So konnte ich mir eine Fahrkarte leisten und fuhr umgehend von meiner Studentenbude, die ja in unmittelbarer Nähe des Ostbahnhofs lag, mit dem D-Zug* nach Dresden. Unterwegs spielte ich den Weltmann und genehmigte mir im Speisewagen zwei Fläschlein Radeberger Pilsner „Goldhälschen“, die es speziell in der Bistrobar des Zugrestaurants Mitropa gab. Die damalige Werbung für Radeberger Bier lautete: „Export schafft Freude, Genuss und Zufriedenheit“. Allerdings nur im Ausland, denn „Goldhälschen-Export“ gelangte selten in den freien Ladenverkauf. Im Gegensatz zu Ost-Berlin als Schaufenster zum Westen, war in Dresden städtebaulich und in der Versorgung der Bevölkerung Öde.
Das Westfernsehen hatte seinen erfolgreichen Start hinter sich und fand auch in den DDR-Haushalten immer weitere Verbreitung. Im „Fernen Osten“ allerdings, in Sachsen, hatten die meisten Menschen keinen Fernseher. Mit einem solchen Gerät hätten sie ohnehin nichts anfangen können, weil hier das Westfernsehen nicht empfangen werden konnte. Das Ostfernsehen war mit Ausnahme der Witze von Eberhard Kohrs oder „Ein Kessel Buntes“ todsterbenslangweilig. Dennoch glaubte man, dem Westen auch in der Werbung nacheifern zu müssen, und so wurden die ersten DDR-Produkte auch im Fernsehen mit typisch sozialistischen Namen beworben wie „Teled“, was nichts mit Television zu tun hatte, sondern textiles Leder hieß, und „Bebo“, der Trockenrasierer von Bergmann-Borsig. Die Werbung war schlecht und halbherzig, wusste doch jeder DDR-Bürger, dass die offerierten Dinge nicht oder nur in geringer Zahl erhältlich waren.
Die nach einem undurchsichtigen Schlüssel verteilten Produkte wurden häufig nach persönlichen Beziehungen verschoben. So waren beispielsweise im Herbst 1960 dem gesamten Landkreis Dresden ganze zwölf Kofferradios* zugeteilt worden. Ich hatte mir schon lange ein solches Radio gewünscht. Damals gab es aber in der gesamten Stadt kein solches Gerät zu kaufen. Vater hatte einem seiner Patienten, einem Dispatcher* der HO Dresden darüber berichtet, dass in ganz Dresden kein Kofferradio für seinen Sohn aufzutreiben sei. Nun rief dieser Patient plötzlich an und teilte Vater mit, dass ein Radio in Königstein gelandet war und dort für uns reserviert sei. So fuhr Vater mit dem Auto 35 km nach Königstein und kam zu meiner großen Freude mit einem schönen, mit grünem Kunststoff überzogenen Apparat wieder zurück. Dieses Radio hatte noch keine Wellenbegrenzung. Die damalige Radio-Technik ist heute schwer vermittelbar. Die analogen UKW-Sender konnten mittels eines Frequenz-Rades eingestellt werden. Drehte man das Rad über die Radiofrequenz hinaus, konnte man dort auch den Polizeifunk empfangen. So konnte ich vor allem später in Berlin die Polizeisender mithören, was in manchen Nächten sehr spannend war.
Während der Zugfahrt von Berlin nach Dresden machte ich mir weiter Gedanken über den Grund der Benachrichtigung.
Ich vermutete schon, dass das Telegramm etwas mit unseren Fluchtplänen zu tun haben könnte. Anrufen wäre vielleicht von einer Telefonzelle im Bahnhof in Berlin möglich gewesen, doch befürchtete ich, dass das Telefon der Eltern abgehört wurde. So spekulierte ich weiterhin, fand aber keine einleuchtende Erklärung. Am Bahnhof Dresden-Neustadt angekommen fuhr ich mit der Straßenbahn Linie 3 bis zum Sachsenplatz und marschierte, durch die zwei Bier etwas angedudelt, die restlichen zwei Kilometer nach Hause.
Dort angekommen fand ich meinen Vater schon in bester Argumentationsstärke, in der Wohnung umherlaufend und heftig mit beiden Armen gestikulierend, unterstützt durch mehrere Flaschen „Bols alter Weinbrand“. Still hörten ihm zwei mir unbekannte Männer zu, die mir vom Vater als Michael und Helmut aus Berlin Glienicke vorgestellt wurden. Beide waren aus Berlin auf Einladung meiner Mutter mit Helmuts Seitenwagen-Motorrad gekommen. Nach längerem Vortrag meines Vaters stimmten sie zu, über einen Fluchtversuch in den Westen zu beraten.
Der direkte Weg durch den Stacheldraht erschien aber zu riskant. So einigte man sich darauf, das Haus der Aagaards, als Ausgangspunkt für eine Flucht in Erwägung zu ziehen. Vater hatte sich schon ausgiebig mit allen denkbaren Möglichkeiten auseinandergesetzt und war davon überzeugt, dass ein Tunnel gebaut werden müsse. Dies begründete er damit, dass von unseren drei Familien zehn Personen in den Westen gebracht werden müssten. Der Hausbesitzer Michael war von dieser Idee zunächst überhaupt nicht zu überzeugen, konnte aber einen besseren Vorschlag auch nicht machen. Schließlich einigten wir uns darauf, eine Tunnelflucht zumindest durchzuspielen. Nach einem kleinen, kalten Abendbrot mit „Bemmchen“, harten Eiern, Harzer Roller und Leberwurst wurden dann die ersten Details besprochen.
Als erstes erfanden wir eine Geschichte, wie sich die Familien Willner, Aagaard und Müller kennen gelernt hätten. Diese sollte ich auch erzählen, falls ich auf dem Weg zu Aagaards Haus angehalten und verhört würde. An diese erfundene Geschichte hielt sich jeder, auch noch nach geglückter Flucht.
So ein Märchen hielten wir für erforderlich, falls es zu einem Stasi Verhör käme, auch um freundliche, hilfsbereite Menschen wie den Schreiner in Glienicke zu schützen. Die Bekanntschaft wurde auf einen gemeinsamen Ostseeurlaub der Familien zurückgeführt. Wir sahen uns sogar einen Super 8 Film eines solchen gemeinsamen Aufenthaltes von Michael und Helmut an.
Zunächst einigten wir uns darauf, dass es wohl sicherer sei, einen Tunnel selbst und ohne fremde Hilfe zu bauen. Bei einem Tunnelbau vom Westen her konnte man nicht sicher sein, ob die Beteiligten nicht Stasi Kontakte hatten.
Unsere Familie bestand aus vier Leuten: Meine Eltern, mein Bruder und ich. Michael hatte Frau und Kind und eine schwerbehinderte, kaum gehfähige Mutter. Dazu kamen noch Helmut und seine Frau. Eine offene Flucht, das heißt eine Flucht direkt über den Stacheldraht, mit so vielen Menschen schied aus. Es war uns allen klar, dass weder mein Vater noch der Grundstückseigentümer einen Fluchttunnel mit eigener Hand bauen konnten. Vater musste seine Praxis weiterführen. Es hätte sicher Aufsehen erregt, wenn er plötzlich von der Bildfläche verschwunden wäre.
Auch Michael musste immer sichtbar bleiben. Jedes Haus und jede Familie in Grenznähe hatte einen der sogenannten „Freundschaftssoldaten“ von der NVA* zugeordnet bekommen, welcher Spitzeldienste zu leisten hatte. Dieser musste im Gegensatz zu anderen Soldaten der NVA nicht routinemäßig den Standort wechseln. Die Freundschaftssoldaten hielten sich längere Zeit im Ort auf und kannten die persönlichen Familienverhältnisse der Einwohner ebenso wie der Pfarrer, wahrscheinlich sogar besser. Es wäre nun sehr verdächtig gewesen, wenn dieser Familienspitzel nach dem Hauseigentümer das Grundstück betreten, und der Besitzer sich plötzlich in Luft aufgelöst hätte, weil er gerade damit beschäftigt war, einen Tunnel zu schaufeln. Also brauchten wir mindestens noch zwei Leute zum Graben.
Michaels Haus befand sich ca. 50 Meter von den Grenzanlagen entfernt. Es war ohne Keller gebaut worden. Dies war ein Vorteil, weil nur unterkellerte Häuser von den Grenzsoldaten auf Tunnel kontrolliert wurden. Allerdings kam erschwerend hinzu, dass zur Grenze noch ein Einfamilienhaus lag, unter dem wir hindurch graben mussten.
Es gab aus dem Ort bereits zwei Tunnelbauten, den „Thomas“- und den „Erwin Becker“-Tunnel 1962. unter der Oranienburger Straße gebaut, unter der ehemaligen B 96.
Der Hausbesitzer Michael war eines der vielen Allround-Genies, die es nach dem Krieg gab, die sich für keine Arbeit zu schade waren und auch jede Aufgabe meisterten. Er hatte sein Haus in Eigenbau errichtet und war bis zum Mauerbau in einer großen Westberliner Firma für Kran- und Hebetechnik beschäftigt, die auch im Bühnenbau arbeitete und in den damals modernen Autokinos die Leinwände anbrachte. Michaels Frau besaß im Ort ein gut gehendes Friseurgeschäft. Zur Familie gehörten noch die zuckerkranke, fast blinde, stark übergewichtige Großmutter und ein schulpflichtiger Sohn von zehn Jahren. Im Ort hatte Michael einen Freund, der wie er durch den Grenzzaun von seiner Tätigkeit in West-Berlin und seinen Kindern in Westdeutschland getrennt worden war. Helmut war aus gesundheitlichen Gründen Frührentner und hatte damit ausreichend Zeit für unseren Plan.
Er wollte ebenfalls die DDR verlassen und erwies sich handwerklich mindestens so geschickt wie Michael. Als Bau-Helfer wurde ich bestimmt, nachdem ich ohnehin in Berlin wohnte und Studenten bekannter Weise einen Nebenjob brauchen. So wurde Übereinstimmung darin erzielt, dass dieser Frührentner zusammen mit mir den Tunnel bauen sollte. Die genauen Einzelheiten des Planes sollten nun durch ein Gespräch mit allen Beteiligten in unserer Wohnung in Dresden festgelegt werden.
Michael und Helmut hatten sich zunächst skeptisch die Vorschläge meines Vaters angehört. Vater wäre der ideale Pharma-Vertreter gewesen. In seiner glühenden Rede wuchsen die Aussichten einer erfolgreichen Tunnelflucht ins Unermessliche, währenddessen die zu erwartenden Komplikationen sich mit jedem Glas Weinbrand allmählich in Nichts auflösten. Diese Euphorie sprang schließlich auch auf Helmut und Michael über, und alle gemeinsam beschlossen wir, den Worten umgehend die Tat folgen zu lassen.
Vater gab mir auf dem Weg nach Berlin noch mit: „Hans-Georg, dann grab mal!“. Die Sentimentalität nehme ich mir, mich an den Klang der väterlichen Stimme zu erinnern. Er sagte nämlich Hans-GeORG, mit Betonung der zweiten Silbe. Alle anderen Sachsen sagten Hans-GEEORSCH, mit Betonung des E.
Hans-Georg hieß ich immer, wenn es etwas zu tun gab, wie Gartenzäune streichen, Hecke schneiden, Beerenobst pflücken, Löwenzahn eliminieren. Sonst nannte mich die Familie Schorschi, oder bei besonderer Leutseligkeit „Meier eins“. Mein Bruder rangierte dann logischerweise als „Meier zwei“.
Zunächst wurde ich bei Aagaards als armer, in Berlin studierender Verwandter im Ort Glienicke eingeführt. Die Hausfrau zeigte mich überall in Glienicke herum “Det is Schoorschi, der studiert in Berlin. Der is wie Salzsäure. Er frisst sich überall durch“. Ein solches Verhalten wird ja von Studenten geradezu erwartet. So war ich in Glienicke selbst bei den „Grenzern“ bald gut bekannt und konnte mich im Sperrgebiet ungehindert bewegen.
Schon zu Beginn unserer Fluchtbemühungen hatte sich Vater Messtischblätter* von der Berliner Grenze besorgt. Auf diesen Messtischblättern, die meist noch aus der Vor-DDR-Zeit stammten, waren die geographischen Entfernungen maßstabsgerecht gezeichnet. Auf Karten der DDR waren Entfernungen und Wege oft absichtlich verzeichnet, um den „Klassenfeind“* in die Irre zu führen.
Die Beschaffung der Blätter allein hätte in der DDR den Tatbestand der Spionage erfüllt, wäre es offenbar geworden. Woher Vater diese Pläne hatte, verriet er selbst mir nicht. Michael und Helmut hatten beschlossen, mir die theoretische Planung des Tunnelbaus zu übertragen. Zumindest, so glaube ich, wollten sie eine Kontrolle der Ergebnisse ihrer praktischen Fähigkeiten. Wobei sie sicherlich mehr dem praktischen Ergebnis ihrer Arbeit trauten als dem Ergebnis meiner Berechnungen.
Die Schwierigkeit für meine Planung lag darin, dass trotz der Messtischblätter sich die Grundstücksgrenzen in ihrem Verlauf nicht ganz exakt berechnen ließen. Wir mussten den Tunnel unter dem Keller eines Nachbargrundstückes hindurch zu einem in Westberlin liegenden Einfamilienhaus vorantreiben. Am Ende des Nachbargrundstückes, das zugleich auch Zonengrenze und Grenze nach Westberlin war, befand sich ein Hang mit etwa 20% Gefälle zur Veltheimstraße im Westberliner Bezirk Hermsdorf. Michael wusste zwar, wie groß die Parzelle seines Grundstücks war, aber nicht genau, wie breit das seines Nachbarn.
Fragen konnte man diesen auch nicht, um keinen Verdacht zu erregen. Außerdem bestand offenbar nicht das beste Verhältnis zwischen den Nachbarn, wie mir schien.
Wir planten, den Tunnel nicht gerade zur Grenze zu bauen, sondern ihn in zwei Krümmungen in Form eines „S“ anzulegen. Wir dachten, uns auf diese Weise besser für den Fall schützen zu können, dass unser Vorhaben während der Flucht entdeckt würde. Grenzposten, die nach uns durch den Tunnel gekrochen wären, hätten nicht ohne weiteres direkt auf uns schießen können. Die Schüsse würden zunächst Sand treffen und uns damit nach Möglichkeit einen Zeitvorsprung verschaffen, um so den Tunnel unverletzt verlassen zu können. Auf dem Papier errechnete sich für mich eine Länge von etwa 52 Metern. Die Höhe hatten wir mit 1 Meter und die Breite mit 60 Zentimetern als ausreichend vorgesehen.
Michael wollte schon lange vor dem Mauerbau eine Terrasse an sein Haus anbauen. Deshalb hatte er zwei große Flügeltüren in die Westwand des Gebäudes eingelassen, die etwa 60 cm oberhalb des Fußbodens des Wohnzimmers endeten.
