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Jeder liebt sie. Doch keiner kennt sie. Keiner wird sie je kennen... Hast du dich schon einmal gefragt, wer deine Mutter wirklich ist? Wer sie vor dir war? Wer sie immer sein wollte? Oder bist du selbst Mutter und fragst dich, ob du stets alles richtig gemacht hast? Ob dein Kind so für dich fühlt, wie du es tust? Mütter und Kinder werden sich beide in diesem Buch an vielen Stellen wiederfinden. Hierin werden Facetten von Müttern und Kindern kritisch beleuchtet und die Abgründe so mancher Seele erhellt. "Über den Wert einer Mutter" wirft subtile Fragen auf, die man sich vielleicht nie traute, sie zu stellen und gibt Antworten, die einem nicht immer gefallen werden. Glaube nicht alles auf den ersten Blick, sondern trau dich, das, was du liest, zu hinterfragen und lass dir Zeit, darüber nachzudenken. Denn wirfst du erst einmal einen Blick hinter die Kulissen, erkennst du bald den wahren Wert einer Mutter… Acht Kurzgeschichten erzählen die schönen und die unschönen Momente im Leben von Müttern und deren Kindern. Liebe, Hass, Angst und Schmerz sind in diesem Buch untrennbar miteinander verwoben. Dabei ist die Handschrift Ribeiros wieder unverkennbar - die Kurzgeschichten lesen sich wie ein Roman. Jede Erzählung hat zwar ihre eigene Handlung und kann autark gelesen werden. Alle Antworten auf die Fragen, die du dir beim Lesen stellen wirst, erhältst du aber nur, wenn du das Werk als Ganzes betrachtest. Ribeiros 'Über den Wert einer Mutter' ist das zweite Buch des Autors, der mit seinen gesellschaftskritischen Texten nicht nur Fragen aufwirft, sondern mittels seiner Werke auch dazu anregt, über das Leben nachzudenken. Ein Buch, das unsere Mütter - aber auch uns als ihre Kinder - in ein ganz anderes Licht rückt und das zum Nachdenken animiert.
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Seitenzahl: 105
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Über den Wert einer Mutter
Fragen. Antworten.
Luca Ribeiro da Silva
Impressum
Texte:© Copyright by Luca Ribeiro da Silva Umschlag:© Copyright by Luca Ribeiro da Silva
Verlag:
Luca Ribeiro da Silva, c/o AutorenServices.de
Birkenallee 24, 36037 Fulda
Druck und digitale Veröffentlichung:
epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Für Mama,
denn du weißt, dass den Wert deines Daseins
kein gesprochenes und geschriebenes Wort
wiedergeben kann
Dann hackt euch doch weiter die Augen aus!
Die Wahrheit findet ihr so auch nicht heraus!
"Du hast jahrelang nur zugesehen!"
Schweigen.
Die blasse, kranke Frau, die sich an jenem Vormittag schon bestimmt vier oder fünf Bier eingeflößt hatte, um ihrer sinnlosen Existenz zu entkommen, konnte ihr nicht einmal in die Augen sehen.
Die Frau, die ihr vor achtundzwanzig Jahren das Leben schenkte, saß dort, auf dem abgeranzten Barhocker in ihrer kleinen, verquarzten Siffbude und blickte teilnahmslos zu Boden.
"Du scheiß widerliches Miststück! Du hast jahrelang einfach zugesehen!"
Sie wusste nicht, ob es die Überlastung war, die ihr so zugesetzt hatte oder ob ihr vegetatives Nervensystem kurz vor dem völligen Kollaps stand. Jedenfalls war sie so wütend darüber, sie dort so kauern zu sehen, dass sie vor Rage fast zu hyperventilieren begann. Ihr Puls raste und von ihrer Stirn rann kalter Schweiß hinunter, immer den Hals entlang und sammelte sich im Dekolletee.
Zu einem richtigen Gespräch zwischen den beiden war es noch nie wirklich gekommen. Zumindest konnte sie sich an keines erinnern. Seit sie denken konnte, sah sie in ihrer Mutter eine fragile Frau; verletzlich, die sich selbst nichts wert war.
Stets war ihre Mutter mit allem überfordert gewesen. Und so versuchte sie erst, ihre Sorgen im Alkohol zu ertränken und später auch mit härteren Substanzen aus ihrer Welt zu entrinnen. Doch ihre Tochter, die heute – wohl das letzte Mal – zu ihr kommen sollte und auch nur, um ihr zu sagen, wie tief sie sie verabscheute – sie hatte ihre Mutter in dieser einsamen Welt aus seelischem Schutt und Geröll zurückgelassen und vergessen.
Bis heute wird ihre Tochter des Nachts von Erinnerungen gequält. Erinnerungen, an die Momente, in denen sie sich die Wärme ihrer Mutter gewünscht hätte. An die Momente, als sie da lag, verwaist, verstört und vergewaltigt.
Geronnenes Blut von ihrer gebrochenen Nase hatte ihr damals im Rachen geklebt; sie versuchte, zu schlucken, doch es gelang ihr nicht. In dem kleinen Kinderzimmer hing, obwohl sie schon acht gewesen war, immer noch das Mobile aus besseren Zeiten. Ihre Mutter hatte es nie entfernt, vielleicht auch in der Hoffnung, es fungierte als Traumfänger oder als Quell des Guten, der die schlechte Aura, die sie umgab, einsaugen und vernichten sollte.
Während ihrer Pubertät war ihre Mutter nie präsent.
Nicht, als sie mit zwölf zum ersten Mal mit ihrer Clique auf dem Friedhof, unweit von ihrem Zuhause, Wodka probierte. Eine halbe Flasche, um genau zu sein.
Ein 'Zuhause' - das war es für sie ohnehin nie gewesen.
Ihre Mutter war nicht präsent, als sie in ihrer Gothic-Phase mit vierzehn im Badezimmer versuchte, sich mit seinen rostigen Rasierklingen die Pulsadern aufzuschneiden.
Sie war nicht präsent, als sie ein paar Monate, nachdem sie aus der Jugend-Klapse entlassen wurde, gleich den nächsten Suizidversuch unternahm - dieses Mal auf der Mädchentoilette in der Schule, mit Alkohol und Tabletten. Es war ein Kumpel gewesen, der Lunte gerochen, sie schließlich noch rechtzeitig gefunden und den Krankenwagen alarmiert hatte. Ihre Mutter hatte von all dem nichts mitbekommen. Als der Notarzt eintraf, um sie in die Klinik zu fahren, in der man ihr dann den Magen auspumpte, hatte diese sich im Wohnzimmer ihrer Junkiehöhle gerade einen ‚Stein‘ gegönnt; war sie doch mittlerweile auf Meth umgestiegen.
Ihre Mutter war weder bei ihrer Abschlussfeier, noch begleitete sie ihre Tochter zu deren unzähligen Therapiesitzungen bei Psychologen und Psychiatern, die ihr alle immer wieder dazu geraten hatten, ihre Mutter doch endlich dazu zu animieren, an den gemeinsamen Sitzungen teilzunehmen.
Ihre Mutter hatte für sie keinen Wert. Nicht einmal einen Mehrwert.
Mit sechzehn war sie ausgezogen, lebte in einer Wohngruppe für junge Mädchen. Dort lernte sie Nadya kennen, eine junge, aus Eritrea stammende Sozialarbeiterin.
Nadya war eine junge Bachelorabsolventin, die erst mit acht Jahren nach Deutschland kam und mit dem Job als Sozialarbeiterin in der Wohngruppe ihre erste Stelle nach dem Studium angetreten hatte.
Ihr Deutsch war makellos, ihr Tigrinya dafür ziemlich eingerostet, hatte sie ja auch kaum noch Gelegenheit gehabt, in ihrer Landessprache zu kommunizieren. Manche hier Geborene hätten sich eine dicke Scheibe von ihrer gestochenen Ausdrucksweise abschneiden können. Nadya war eine bildschöne Frau. Zierlich, grazil, mit pechschwarzen Augen und dunklen Locken; die Mähne wild, so glich sie einer Löwin.
Und das war sie auch für sie: Nadya war die Löwin, die sie fortan fast ihr halbes Leben lang verteidigte. Vor dem Jugendamt, dem Richter, dem Rektor, dem ersten Chef, der Kassiererin, der besten Freundin. Sie schritt stets ein, wenn es brenzlig wurde, war immer da, wenn man sie brauchte. Als sie Nadya kennen lernte, war diese selbst erst fünfundzwanzig. Und doch schaffte sie es, ihr all das zu geben, was ihr fehlte; was sie zuvor nie kannte: Wärme, Schutz, Geborgenheit, Vertrauen, sogar das Gefühl, geliebt zu werden.
In der Wohngruppe lebten noch elf andere Mädels. Auch Britta, die fette Kartoffelfotze, wie sie liebevoll von allen genannt wurde. Sie war die einzige Deutsche in der Wohngruppe. Ayse, Gülbahar, Jehona, Nurten, Meltem, Svetlana, Celine, Vesna, Leonora und Xhanita entstammten alle der 'zweiten Generation'. Die zweite Generation beschreibt Kinder von Immigrantinnen, die meist im Zuge der Gastarbeiterwelle nach Deutschland kamen. Viele von ihnen waren Türkinnen, manche kamen aus dem Kosovo oder dem Rest der ehemals jugoslawischen Gebiete. Celine war als Französin ein recht seltenes Exemplar häuslicher Gewalt; so schien es ihr, als ging es in den westeuropäischen Staaten doch meist ein wenig gesitteter zu, als in den temperamentvollen Südländern.
Zumindest kassierte sie von ihrem temperamentvollen Stiefvater, der ebenso wie ihre Mutter aus Rumänien kam, meist erst ein paar ordentliche Schläge, bevor er sie auf übelste Art vergewaltigte. Ihre Mutter war dabei meist fort. Außer Haus, neuen Stoff besorgen. Falls sie das nicht war, lag sie zugedröhnt im Nebenzimmer. Manchmal bildete sie sich ein, sie hörte sie wimmern. Konnte aber auch genauso gut sein, dass sie sich wieder übergeben musste. Die Kombination aus Alkohol, harten Drogen und leerem Magen vertrug sich meist nicht so gut.
Und ebenso wenig taten es ihre 'Eltern'. Es glich schon fast einem Ritual: nachdem er heim kam, ging er rüber zu ihrer Mutter und haute ihr erst mal auf die Fresse. Einen besonderen Anlass hierzu bedurfte es selten - ihre bloße Anwesenheit; nein: ihre schiere Existenz schien schon genug zu sein, um seine Wut zu entfachen. Um sich wieder abzureagieren, vögelte er anschließend ihre Tochter und spritzte seinen Zorn mit knapp sechzig Sachen in sie hinein, um danach erneut auf ihre Mutter losgehen zu können. Man sagt, der Moment, in dem ein Kerl abschießt, ist der ehrlichste im Dasein eines Typens. Nun, immer wenn es ihm kam, glaubte sie das sofort, denn dann sah er genauso dämlich aus, wie er auch war, sodass sie - obwohl sie ihre prekäre Lage nicht wirklich dazu veranlasste - am liebsten losgelacht hätte.
Jehona und Meltem waren ihre engsten Verbündeten während der Zeit, in der sie in der Wohngruppe lebte. Mit ihnen übte sie meist unter Aufsicht ihrer mittlerweile engsten Vertrauten, Nadya, das gewaltfreie Kommunizieren, das Austauschen, das Füreinander-da-sein.
Gemeinsam kochten sie, machten Ausflüge, fuhren raus aus der Stadt, ins Grüne. Einmal waren sie alle zusammen auf dem Wasen, dem Herbstfest auf dem großen Gelände in Bad Cannstatt, das meist nur im Frühjahr- und Herbst zum Anlass der beiden Volksfeste genutzt wurde.
Nadya trank keinen Alkohol. Sie war orthodoxe Christin, wie es fast alle Eritreerinnen sind. Im Zelt blamierte sich Nadya fast, als sie nach einer 'alkoholfreien Maß' fragte. Sie hatten Spaß. Sie lachten, sangen, redeten miteinander.
Natürlich sprachen sie auch über die alten Zeiten. Die Damals-Zeiten. Damals, was für manche der Mädchen nur einen Steinwurf entfernt lag. So war die Wohngruppe von Vesnas Elternhaus nur drei Straßenecken entfernt gelegen.
Meltem hatte Ähnliches erlebt wie sie selbst. Erst wurde sie von ihrem Vater ‚nur‘ mit Stöcken verprügelt. Ein paar Monate später hatte man ihr diese Stöcke dann gewaltsam ins Rektum eingeführt, nachdem sie anfangs ausschließlich vom Vater, später von Vater und Onkel und kurz vor der Zuweisung in die Wohngruppe sogar noch von ihrem eigenen Bruder vergewaltigt wurde.
‚Damit sie besser gedehnt ist‘, sagte ihr Onkel. Immerhin kann das Arschloch einer Vierzehnjährigen ganz schön widerspenstig sein, nennt es sich ja auch nicht umsonst Schließmuskel. Erst, als der Vater ihr ein Messer an die Kehle drückte, nachdem sie ihm damit gedroht hatte, ihn anzuzeigen, realisierte Meltem, wer in jenem bizarren Bild eigentlich fehlte.
Meltem hatte zu ihrer Mutter in ihren Kindheitstagen stets ein tolles Verhältnis gehabt. Sie war die typisch-türkische ‚Anne‘ gewesen, die sie mit selbst gebackenen Baklava verwöhnte und mit ihr und ihrem Bruder gemeinsam auf den Spielplatz ging. Die häusliche Gewalt war zwar im Hause Akaya stets präsent gewesen; so misshandelte Meltems Vater erst exklusiv die eigene Frau, bevor ihm dieses Spiel zu dröge wurde und er seinen Frust über die drohende Arbeitslosigkeit und die fehlenden Sozialkontakte außerhalb des familiären Rahmens an der gemeinsamen Tochter ausließ. Meltems Bruder Ali, der kleine Prinz, blieb natürlich stets unangetastet.
Anfangs dachte Meltem, ihre Mutter hatte nur Angst gehabt, ihre Tochter gegenüber dem gewalttätigen Vater zu verteidigen. Später, als sie sich bei ihr ausweinen wollte, merkte sie, dass ihre Mutter Teil des Ganzen war. Die mütterliche Nähe war einer tiefen, kargen Kluft gewichen. Einer Kluft, die im Laufe ihrer Entwicklung zu einem immer größeren Graben werden sollte. Und so kam es, dass immer, wenn Meltem nach Hilfe rufen wollte, wenn die drei Ungeheuer wieder über sie herfielen, die Mutter ihre Zimmertüre schloss. Dann wurden Heimatgesänge aufgedreht, die die Geräuschkulisse aus im Nichts verhallenden, stumpfen Hilfeschreien, wildem Gestöhne und qualvollen Schmerzlauten übertönen sollten.
Nadya hatte zu ihr immer gesagt, dass das, was sie von Meltem unterschied, die Tatsache sei, dass Meltem nie leise war.
Sie war stets leise gewesen. Hatte im Stillen gelitten, wenn ihr Stiefvater sie fragte, welchen Gürtel sie heute spüren wolle.
Die erste Ausbildung, die sie begann, brach sie nach einer Weile wieder ab. Schuld daran war eben dieses stille Schweigen, das sie anderen, meist ihr unbekannten Männern gegenüber, nie überwinden konnte. Es war, als ob ihr eine Stimme fehlte. In der Wohngemeinschaft, zusammen mit Meltem und Jehona oder bei den Spaziergängen mit Nadya konnte sie sich ausdrücken, fühlte sich lebendig, als ein Jemand. Selbst gegen die Kartoffelfotze Britta konnte sie sich behaupten. Das war alles kein Problem.
Sobald man sie aber aus diesem sicheren Schutzraum herausnahm, war das alles vorbei, ihr Selbstbewusstsein wich und zurück blieb eine leere Hülle, die sie an ihre Mutter erinnerte. Man merkte ihr an, dass die Kühle, die sich durch ihr Leben gezogen hatte, zu einer vernichtenden Kälte geworden war, sobald man sie alleine den Versuch starten ließ, etwas aus ihrem Leben zu machen. Ihr fehlte die warme Aura, die Löwenstärke - kurzum: all das, was Nadya ausstrahlte.
Eines Abends, kurz bevor sie raus musste, saß sie mit Nadya in der kleinen Gemeinschaftsküche zusammen.
Sie rauchte noch, das Kiffen und das Saufen allerdings hatte sie eingestellt. Mehr oder weniger auf ärztlichen Rat hin. Insbesondere ihr Gynäkologe riet ihr von der Kombination aus THC und der Pille ab.
Damals waren es noch zwei Wochen bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag gewesen. Sie wusste, dass sie mit Eintritt der Volljährigkeit aus der WG fliegen würde. Das Jugendamt hielt zwar eine Palette an ‚Starthilfen‘ ins Leben nach der Wohngemeinschaft bereit, die interessierten sie aber alle nicht. Ein paar der Mädels waren schon ausgezogen. Entweder aus Gründen des Alters oder weil sich die Situation in ihren Familien angeblich gebessert hatte. Reintegration in das familiäre Gefüge wurde in den Leitlinien der Jugendämter großgeschrieben.
Sie interessierte das alles einen Scheißdreck.
Für sie gab es keine Reintegration, da man dort, wo es kein familiäres Gefüge gab, auch nicht re-integriert werden könnte.
