Über die Wupper und zurück - Sylvia A.M. Mandt - E-Book

Über die Wupper und zurück E-Book

Sylvia A.M. Mandt

0,0

Beschreibung

Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wie nach problematischer Nachkriegskindheit und -jugend ein glückliches Leben gelingen kann, verlässt Julia ihr Elternhaus und ihre Heimatstadt. Im Studium, im Beruf und als "Aussteigerin sucht sie an verschiedenen Orten und bei unterschiedlichen Menschen ihr Glück. Dabei erlebt sie Turbulenzen und Enttäuschungen und könnte manches Mal sprichwörtlich "über die Wupper gehen", was im Bergischen Land und darüber hinaus soviel bedeutet wie "verloren, pleite oder kaputt gehen bedeutet. Gibt es eine Rettung? Die Autorin beschreibt in ihren autobiografisch inspirierten Geschichten gesellschaftliche und individuelle Entwicklungen vom Ende des zweiten Weltkriegs bis zur Mitte der 80- er Jahre.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Prolog

Teil I

Angekommen?

Allerlei Veränderungen

Katz und Maus

Nachbarskinder

Weihnachten ist schön

Bayerische Impressionen

Nicht nur ein Spiel

Ostseeinspiration

Kleines Mädchen, große Frauen und ein Mann

Zuhause

Wunder

Eine seltsam lange Reise

Verlängerung

Der Ernst des Lebens

Sommergefühle

Immer irgendwas

Bleibt anders

Osterfeuer

Im Rückspiegel

Raimund

Drama in drei Akten

Change

Teil II

Das Leben studieren

Love, Sex and Soul

Meer und mehr

Lehrjahr

Glücklich in Köln – und ein Abschied

Wie geht Liebe?

Sommersemester

Neuland

Szenen einer Ehe

Korsischer Sommer

Hagen

Tagebuch

Schatten der Vergangenheit

Wer mit wem warum wohin

Klassenfahrt

Simon

Kinder, Kinder

Hin und weg

Nichts gelernt, oder?

La dolce vita

Zeitenwechsel

Vom Scheitern

Wieder mal ankommen

Rosenmontag

Epilog

Für Felix

Wo lernen wir uns gegen die Wirklichkeit wehren die uns um unsere Freiheit betrügen will und wo lernen wir träumen und wach sein für unsere Träume damit etwas von ihnen Wirklichkeit wird?

Erich FriedGedichte Band 3 Wagenbach

„Julia, was möchtest du werden, wenn du groß bist?“

„Glücklich“, sagte ich.

Prolog

Ich ziehe um. Mal wieder. Zum wievielten Mal eigentlich? Ziemlich oft jedenfalls. Die letzten Kisten werden gerade im Umzugswagen verstaut. Ich schaue mich noch einmal in der leeren Wohnung um, öffne sicherheitshalber die Türen des Einbauschranks im Flur – und darin dann diese eine Schublade. Da liegt etwas, ganz hinten: Das kleine, alte Fotoalbum aus meiner Kindheit! Nicht auszudenken, wenn ich es hier vergessen hätte, wenn es verloren gegangen wäre! Ich habe es lange nicht mehr angesehen und öffne den schwarzen Pappeinband.

Auf der ersten Seite das Hochzeitsfoto von Else und Friedrich, Schleier auf Elses Locken, Rosen und Flieder in ihrem Arm. Daneben Friedrich in Uniform. Solingen, 19. Mai 1944, steht unter dem Foto. Nach der Hochzeit sind sie wieder nach Berlin zurück, dorthin, wo sie im Krieg lebten und arbeiteten.

Das nächste Foto zeigt mich, knapp zweijährig, an der Hand von Else, meiner blassen Mutter. Eine große Schleife ziert mein Haar, Mama schmückte mich gern. Daneben die gute alte Frau Hoppe, in deren altes Schieferhaus in Vaters Heimatstadt Solingen die Eltern nach dem Krieg eingezogen sind. Die Oma Adelheid, Mutters Mutter, kam erst kurz bevor das Foto entstand – allein, nach einer langen, beschwerlichen Flucht aus Schlesien – in Solingen an und wohnte nun auch dort.

Auf dem nächsten Foto, schwarz-weiß wie die anderen, zieht der Großvater, Vaters Vater, mich in einem Leiterwagen durch den wunderschönen Garten, der zu Frau Hoppes Haus gehört. Ich lache und vergesse offensichtlich für diesen Moment die unheimliche Ziegelsteinwand am Ende des Gartens. Ich sollte erst Jahrzehnte später erfahren, warum die Erwachsenen ein großes Geheimnis darum machten.

Ostern 1949. Ich war kurz zuvor drei Jahre alt geworden, trage ein feines Kleidchen, Opa trägt Anzug und Fliege. Ich halte stolz einen Hund aus Pappmaché, bezogen mit echtem weißem Fell, unter dem Arm. Ein Geschenk vom Opa. Den Hund nannte ich Schneeweißchen. Seltsam, die Oma Gretchen, Vaters Mutter, ist auf keinem der Fotos zu sehen. Ich erinnere mich jetzt, dass sie fast nie zu uns kam. Sie musste sich um ihre alte, blinde Mutter kümmern. Von der „Muma“, wie sie genannt wurde, gibt es hier ein verblasstes und verknittertes kleines Foto.

Auf dem nächsten Bild stehe ich neben meiner Cousine Klara, daneben die Tante Hilda, Vaters Schwester, und ihr Mann, der sehr magere Onkel Anton. Er war erst kurz zuvor aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause gekommen. Wir alle sehen ernst aus.

Das letzte Foto: „Weihnachten 1949“. Wohnzimmer im Haus der Großeltern. Die ganze Familie neben dem großen, üppig geschmückten Weihnachtsbaum mit den brennenden Kerzen. Der Opa am Harmonium, alle singen.

Ich sehe plötzlich, ganz ohne Foto, den Großvater in seinem Kotten. Er sitzt vor dem Schleifstein. Ich höre die Schleifgeräusche, habe den Geruch von Metall und Schleifmittel in der Nase. Jedes Mal, wenn ich dort war, hob er mich an dem Musterschrank mit all den verschiedenen Rasiermessern hoch, und ich durfte mir aus einer Dose auf dem obersten Fach Zuckermandeln nehmen. Die liebte ich – und den Opa noch viel mehr.

„Kommst du, Julia? Wir sind so weit!“, ruft Felix.

„Einen kleinen Moment, ich muss noch den ersten Umzug meines Lebens gedanklich zu Ende bringen!“

„Erzähl“, sagt er, nimmt mir das Album aus der Hand, blättert.

„Ich denke gerade an den Großvater. Er war kurz nach meinem vierten Geburtstag schwer erkrankt. Eine Woche später war er tot. ‚Mama, wie geht tot?’ habe ich gefragt. Ich verstand die Erklärungen nicht, habe immer wieder nach dem Opa gefragt. Bei seiner Beerdigung muss ich das Blumensträußchen regelrecht ins Grab ‚gepfeffert‘ haben, das wurde noch lange in der Familie erzählt. Dass der Opa da unten im Sarg liegen sollte, das hatte ich mir nicht vorstellen können.

Einen Monat später zogen wir um in das Haus, in dem der Großvater gestorben war. Der Vater, die Mutter und ich, wir saßen mit den letzten Sachen im alten Hanomag. Plötzlich fiel mir auf, dass Schneeweißchen fehlte. ‚Ach, Julchen‘, hatte der Vater gesagt, ‚den ollen Hund hab ich weggeworfen, der war doch schmutzig‘.“

„Ende einer unbeschwerten Kindheit?“, fragt Felix.

„Unbeschwert war diese Kindheit nie, der Großvater und Schneeweißchen sind oftmals Trost für mich gewesen.“

„Das musst Du mir alles erzählen“, sagt Felix in meine Nachdenklichkeit, „besser noch, du schreibst alles auf, du schreibst doch gerne.“

„Wär’ ich ein Buch zum Lesen, würdest du mein Leser sein?“

„Ach, das Lied sang Daliah Lavi vor ungefähr dreißig Jahren! Ja, ich würde sehr gerne dein Leser sein. Aber jetzt ziehst du gerade um, danach fängst du sofort mit dem Schreiben an! Versprochen?“

Wir lachen, küssen uns und gehen Arm in Arm zum Umzugswagen.

Ich ziehe um, mal wieder. Zu Felix. Wie bei jedem Umzug sehne ich mich danach, endlich anzukommen. Wird Felix’ Haus der Hafen sein, in dem ich ankern kann – für länger? Gar für immer? Wird Felix der Hafenmeister sein, dem ich mich und alles, was ich bin und habe, anvertrauen kann, sogar schreibend über mein bisheriges Leben?

Verlockend! Dazu müsste ich diesmal ankommen – und bleiben …

Teil I

1950 -1966

Angekommen?

Ich hatte mich verloren, suchte nach mir in diesem Haus, von dem alle sagten, es sei jetzt mein Zuhause. Ein Haus mit zehn Räumen und fünf Treppen vom Keller bis zum Speicher.

„Pass auf!“, hieß es, wenn ich mich auf den Weg machte, mich zu finden, oder „Geh in dein Zimmer!“ Aber dieses Zimmer war noch nicht meines. Es war viel größer als die kleine Dachkammer, die meine gewesen war, mit Kinderbettchen und Spielsachen. Dieses Zimmer hier sei Großvaters Büro gewesen, sagte der Vater. Nie zuvor war ich hier gewesen, hatte den Großvater hier nicht erlebt. Ich fühlte mich unwohl.

Manchmal schlich ich heimlich die Treppen hinunter zum Wohnzimmer, dann über die Kellertreppe, an der Waschküche vorbei und von dort die Steintreppe hinab in den Kotten. Was ich natürlich nicht durfte! Außerdem führte aus dem Kotten eine Tür nach draußen in den Hof und zu den Gärten. Dort sollte ich ebenso wenig unbeaufsichtigt hin.

„Untersteh dich!“, drohte der Vater. Mich aber zog es immer wieder in den Kotten, denn hier unten schwebte noch der metallische Geruch über den Schleifsteinen, hier fühlte ich mich dem Großvater nah. Ganz oben im Musterregal entdeckte ich sogar die Dose mit den Zuckermandeln. Selbst wenn ich sie hätte erreichen können, ich hätte keine mehr essen mögen. Der Kotten war ein seltsamer Ort für mich geworden, an dem ich außer der Nähe zu ihm auch den Verlust des Großvaters empfand.

Erst heute fällt mir auf, dass damals kaum jemand mehr über ihn sprach. Die Erwachsenen waren beschäftigt, immer, mit irgendetwas. Der Vater ging arbeiten, die Mutter räumte, wusch und putzte, die Großmutter zog sich in die Dachkammern zurück, um die blinde Muma zu versorgen.

Die Tante Hoppe und die Oma Adelheid, an die ich mich immer hatte wenden können, wenn ich mich allein fühlte, wohnten nun nicht mehr in unserer Nähe – jedenfalls nicht nah genug, als dass ich alleine hätte hingehen können. Stattdessen lernte ich die Einsamkeit kennen, die meine Begleiterin wurde.

„Quengle nicht, geh in dein Zimmer spielen!“, sagte der Vater, wenn ich traurig war und Zuspruch brauchte. Aber womit sollte ich mich beschäftigen? Bilderbücher, ein paar Bauklötze und eine namenlose alte Stoffpuppe waren auf Dauer langweilig. Und Schneeweißchen gab es nicht mehr.

Dazu kam später noch diese Nachricht: Ab Mai, dem nächsten Monat, würde die Mutter mitarbeiten gehen! Ich kannte in der Nachbarschaft nur Hausfrauen, die nirgendwohin arbeiten gingen.

„Ich werde in einer Firma als Stenotypistin arbeiten, das war ja auch bis in den Krieg hinein in Berlin meine Arbeit“, sagte sie nicht ohne Stolz, und dann zum Vater. „Aber dazu brauche ich deine Erlaubnis!“

„Klar! Das Geld können wir gut gebrauchen, dann können wir uns mehr leisten, vielleicht sogar ein neues Auto“, sagte der Vater und stimmte zu.

„Und ich, Mama? Nimmst du mich mit zur Arbeit?“, fragte ich.

„Nein, das geht im Büro nicht. Die Großmutter ist den ganzen Tag hier, sie passt auf dich auf. Abends sind der Vati und ich dann wieder zu Hause.“ Sie schien glücklich zu sein über diese weitere Neuerung in unserem Familienleben. Ich war es nicht.

Die Großmutter, die im Haus immer beschäftigt war, blieb mir fremd. Niemand war für mich da. So träumte ich mich manchmal in eine schönere Welt, wenn ich den lebhaften Vögeln in den Bäumen vor dem Haus beim Spielen zusah.

„Du träumst mit offenen Augen!“, schalt mich der Vater.

Ich war angekommen in diesem Haus und in dem neuen Leben.

Äußerlich, nicht mit dem Herzen.

Allerlei Veränderungen

Jeden Morgen vor acht Uhr fuhr der Vater stolz mit dem neuen, himmelblauen Buckeltaunus zuerst die Mutter in die Firma, dann weiter ins Stadthaus, wo er arbeitete.

Ich stand zum Abschied am Fenster und winkte.

Bis abends war ich nun mit der Großmutter und der Urgroßmutter allein.

„Ihr werdet euch aneinander gewöhnen“, hatte die Mutter gesagt, „die Oma kocht gerne und gut.“

Es stimmte, die Oma kochte Mittagessen, zu dem auch manchmal der Vater nach Hause kam. Wenn er weg war, kochte sie Pudding oder Schokoladensuppe mit Eischnee. Das war so lecker, dass ich die Oma nach und nach auch ganz nett fand. Wir brachten der alten, blinden Muma ein Schälchen davon nach oben ins Dachzimmer. Solche Speisen konnte sie noch essen, sie hatte ja keine Zähne mehr. Die Großmutter fütterte sie, und ich hielt dabei oftmals Mumas raue Hand.

„Kleines Julchen“, sagte sie mit leiser Stimme, „liebes Kind. Komm!“ Sie streckte die Arme nach mir aus und sagte: „Ich möchte wissen, wie du aussiehst.“ Vorsichtig griff sie mir ins Gesicht und befühlte meine Haare.

Einmal, als die Großmutter gerade nicht in der Nähe war, stellte ich mich leise vor die Muma hin, schloss meine Augen und berührte ihr Gesicht. Sie erschrak und schrie laut auf. Die Großmutter eilte herbei.

„Was hast du getan? Los, ab in dein Zimmer!“

Sie verstand nicht, dass ich die Muma verstehen wollte. Ich verstand, dass ich die Muma vorher hätte fragen sollen.

Eines Vormittags, die Großmutter war gerade von der Küche nach oben gegangen, schrie sie: „Oh mein Gott!“

Ich lief hinauf. Die Großmutter stand starr vor dem Bett, darin die Muma, den Mund und die blinden Augen weit geöffnet.

„Sie ist tot“, sagte die Großmutter und weinte.

Ich stieg auf die Fußbank, die immer vor diesem Bett stand, streichelte die kühle Hand, küsste die blasse Wange und hatte jetzt eine Ahnung, wie tot geht: Es wird alles ganz still, innen und außen. Wir saßen noch lange bei der Muma.

„Wir können das Kind jetzt nicht gebrauchen“, sagte der Vater, den die Großmutter später angerufen hatte. Dann brachte er mich zur Oma Adelheid. Die nahm mich erst einmal in den Arm und machte später Reibekuchen mit Apfelkompott, mein Leibgericht.

Am Abend holte mich der Vater wieder ab. Als er die Haustür aufschloss, rief die Großmutter: „Hilda, komm schnell!“ Sie und die Tante spannten ein großes Bettlaken vor den geöffneten Sarg, der im unteren Flur stand. Für einen Moment sah ich die Muma, die mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen dort friedlich zu schlafen schien.

Warum sollte ich sie jetzt nicht sehen? Warum gingen die Erwachsenen Kindern gegenüber mit dem Tod so um, dass sie ihnen entweder gar nichts erklärten oder Gefühle wie Angst und Schrecken erzeugten, die doch gar nicht dorthin gehörten?

Bei Mumas Begräbnis habe ich das Sträußchen auf angemessene Weise ins Grab geworfen. Danach gab es bei Tante Hilda Kaffee und Streuselkuchen. Der Vater und Onkel Anton bevorzugten das eine und das andere Gläschen Wodka, rauchten eine Zigarette nach der anderen und redeten vom Krieg in Russland und den überstandenen Gefahren.

Dann fragte der Vater: „Weißt du noch, Tönn, wie wir uns in das Zimmer von der Muma geschlichen haben?“

„Dat wor aber lang vor dem Kriech, und wir woren jung und übermütich“, sagte der Onkel Anton, der nur den Dialekt der Stadt, in der wir lebten, sprach, nämlich Solinger Platt.

„Genau“, sagte der Vater, „sie saß wie immer im Sessel, und wir haben unsere alten, stinkenden Socken vor ihrer Nase hin und her geschwenkt!“

Beide brachen in schallendes Gelächter aus.

Onkel Anton schlug sich auf die Schenkel und rief: „Un weißt du noch, Männe, wie se in ihrem Schlesisch jefragt hätt: ‚No, jibt’s wieder Käse? ‘ und wir schnell die Trepp runterjerannt sind?“

„Weil wir uns vor Lachen kaum halten konnten! Darauf trinken wir noch einen. Nastrovje!“

Die Frauen sahen sich kopfschüttelnd an, Klara kicherte. Mir tat die Muma jetzt noch leid, und ich streichelte in Gedanken ihre Hand.

Katz und Maus

Die Großmutter war nun auch allein – wie ich. Wir verbrachten mehr Zeit zusammen und gewöhnten uns an einen Lebensrhythmus, der weitgehend vom Arbeitsrhythmus der Eltern vorgegeben war.

Auch im Haus änderte sich einiges. Aus der Schleiferei wurde ein Abstellraum für allerlei Dinge, die Schleifsteine waren verschwunden. Nur das große Musterregal, das mich wehmütig an den Großvater erinnerte, blieb stehen. Die Dose mit den Mandeln gab es nicht mehr, der Vater hatte gründlich aufgeräumt. Im Regal bewahrte die Großmutter jetzt Lebensmittel auf, denn der Raum blieb auch im Sommer kühl. Sie ärgerte sich oft darüber, dass der in Papier gewickelte Käse immer wieder angenagt war.

„Mäuse“, sagte sie und zeigte mir zum Beweis den kleinen schwarzen Mäuseschiet, der überall im Keller zu finden war. Ich wartete darauf, endlich einmal eine Maus zu sehen.

Als ich einmal krank war, hohes Fieber hatte und tagsüber in der Wohnküche auf dem Sofa liegen durfte, war es endlich so weit. Die Großmutter bügelte, und im Zimmer breitete sich schläfrige Stille aus. Da sah ich plötzlich unter dem Küchenbuffet ein zierliches graues Tier, das sich, auf seinen Hinterbeinchen stehend, ausdauernd putzte.

„Sieh mal“, flüsterte ich, „ich glaube, da ist ein Mäuschen!“

„Wo?“, fragte die Großmutter, stellte das Bügeleisen ab und bückte sich, um unter den Schrank zu blicken. Aber da war das Tier schon weg. „Du hast im Fieber geträumt“, sagte die Oma. „Und erzähl ja nichts der Mutter!“ Mittlerweile war ich daran gewöhnt, dass die Eltern erst abends nach Hause kamen. Die Großmutter und ich hatten ein fast freundschaftliches Verhältnis entwickelt, in dem wir manchmal auch Verbündete waren. Ich erwähnte also den Eltern gegenüber nichts von der Maus.

An einem Wochenende, es muss ein Sonntag gewesen sein, denn samstags arbeitete die Mutter auch bis mittags, kochte sie für uns. Ich saß am Küchentisch und ging meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Malen, nach. Plötzlich schrie die Mutter laut und kletterte auf einen Küchenstuhl.

Ich sprang auf: „Mama, was ist?“

„Eine Maus!“, schrie sie. „Hier im Spülenschrank.“

Ich schaute nach, aber nichts bewegte sich.

„Da ist nichts.“

Doch die Mutter stieg erst vom Stuhl herab, als ich den Spülenschrank geschlossen hatte.

„Friedrich“, trug sie dem Vater später auf, „sorg bitte dafür, dass die Maus wegkommt!“

Klara hatte mir vor kurzem von dem Film Die Stadtmaus und die Feldmaus erzählt, den sie in der Schule gesehen und der für beide Mäuse kein gutes Ende genommen hatte. Im Feld waren die Mähdrescher die größte Gefahr, im Haus Katzen und Fallen. Drohte den Mäusen nicht nur in jenem Film, sondern auch in unserem Haus Lebensgefahr? Oh ja! Am nächsten Tag presste der Vater ein Speckstückchen in den runden Ausschnitt eines kleinen Holzgestells, spannte dann ein Drahtgestell in eine Öse und sagte: „Fertig ist die Mausefalle!“ Ich betete am Abend, dass Mäuse nur Käse mögen, wie in jenem Film.

Am nächsten Tag rief mich der Vater in den Keller und hielt mit Daumen und Zeigefinger ein mausetotes Tier am Schwanz hoch. Mir schossen Tränen in die Augen.

„Stell dich nicht so an!“, sagte er. „Geh und zeig der Mutter die Maus. Dann sieht sie, dass sie jetzt keine Angst mehr haben muss.“

Der Vater grinste, als ich die Maus ängstlich und mit spitzen Fingern am Schwanz fasste und zur Treppe ging.

„Else! Else, komm mal schnell!“, rief er. Ich stand auf der halben Treppe, als die Mutter an der Kellertür erschien. Die Tür öffnen, mich mit der Maus sehen und wie von Sinnen schreien, das war eins. Da erschrak ich selbst und schleuderte das tote Tier rückwärts dem Vater mitten ins Gesicht. Der lachte nun nicht mehr, schalt mich eine dumme Gans und schlug mir gleich darauf rechts und links ein paar Ohrfeigen.

Seit diesem Ereignis sprach niemand mehr über die Mäuse im Haus, und ich machte um die Fallen, die der Vater aufstellte, einen großen Bogen.

Ein, zwei Mal in der Woche ging ich mit der Großmutter zur Tante Hilda. Die Tante brauchte nicht mitzuarbeiten wie die Mutter. Der Onkel Anton hatte seine Scherenfabrik wieder in Schwung gebracht und verdiente mehr Geld als der Vater und die Mutter zusammen, das hatte ich sie sagen hören. Tante Hilda machte den Führerschein und bekam ein eigenes kleines Auto. Damit fuhr sie mit Klara oft in die Stadt zum Einkaufen. Klara wurde immer wieder neu eingekleidet. Wenn sie aus den Kleidern ein wenig rausgewachsen war, durfte ich sie übernehmen. Manchmal konnte ich es gar nicht abwarten, bis ihr eine Bluse oder ein Rock nicht mehr gefielen oder passten. Das Allerbeste aber war, dass Klara zu Weihnachten einen Hund bekommen hatte, genauso einen, wie ich ihn aus Bilderbüchern kannte und mir schon seit Langem wünschte: Klein und schwarz und fröhlich. Er sprang auf mich zu, wenn ich zu Besuch kam, wedelte mit dem Schwanz und ließ sich kurz von mir streicheln. Dann schaute er auf die Cousine und lief zu ihr. Ich wollte einen eigenen Hund, nur für mich. Ich war viel allein, nur immer mit der Großmutter. Der Vater duldete keine Besuche von den Nachbarskindern und wollte nicht, dass ich ohne Anwesenheit von Erwachsenen mit ihnen draußen spielte.

„Ich möchte so gern einen Hund“, bettelte ich.

„Kommt nicht in Frage! Höchstens einen mit vier Rädern unter den Pfoten!“, sagte der Vater.

„Ich hätte doch nur die Arbeit damit“, sagte die Großmutter.

„Eine Katze vielleicht“, schlug die Mutter vor. „Wir hatten früher auch Katzen. Die machen nicht so viel Arbeit und fangen Mäuse.“

Kurz darauf berichtete die Mutter, dass eine Kollegin eine Siamkatze abzugeben habe.

„Nicht mit mir“, sagte der Vater.

„Oh bitte!“, bat ich, denn eine Katze schien mir besser zu sein als gar kein Tier.

„Lasst es uns doch mal versuchen“, sagte die Mutter.

Die Großmutter seufzte.

So kam Mietz ins Haus. Ihre großen blauen Augen, die dunklen Ohrspitzen und Pfoten und das helle, seidige Fell nahmen alle für sie ein und entlockte dem Vater ein versöhnliches „Ist ja ganz hübsch.“

Ich freute mich, auch wenn Mietz ganz anders war, als ich es mir vorgestellt hatte. Eine Katze ist eben kein Hund. Mal setzte sich das Tier zur Großmutter und ließ sich streicheln, mal legte sie sich schnurrend zum Vater auf die Küchenbank. Sie sah zu mir auf, wenn ich sie rief, kam aber selten. Im Garten ging sie eigene Wege und kehrte erst abends wieder ins Haus zurück. Manchmal kratzte sie mich. Allein das Spiel mit einem Wollknäuel, das wir ab und zu ausdauernd betrieben, ließ mich derlei Enttäuschungen immer mal wieder vergessen.

Als alle gerade dabei waren, sich an Mietz zu gewöhnen, veränderte sie sich mit einem Schlag. Sie rannte wild durchs Haus, versteckte sich hinter dem Sofa, schrie laut, sprang in die langen Wohnzimmergardinen und riss dort Löcher.

Die Mutter sprach von Zuständen, die Katzen manchmal hätten. Die Großmutter hatte ja gleich geahnt, dass die Arbeit an ihr hängen bleiben würde, und nahm die Gardinen ab.

„Das Tier braucht eine Abkühlung“, sagte der Vater, füllte einen Eimer mit kaltem Wasser, packte Mietz im Nacken und tauchte die schreiende Katze bis zum Hals ins eisige Bad. Auch die Mutter und die Großmutter schrien, verhinderten aber nichts. Ich weinte. Der Vater warf das zitternde Bündel von sich, als mein Blick dem seinen begegnete, und ich wurde der lodernden Wut gewahr, die ich schon manches Mal bei ihm gesehen hatte. Da wusste ich, dass ich mich von der Katze trennen würde. Mietz sollte entkommen nach irgendwo, wo es ihr besser ergehen würde. Nur weg von hier.

Ich hingegen blieb. Hatte ich eine Wahl?

Nachbarskinder

(kleine Vokabelliste am Ende der Geschichte)

Gitti und ich hatten die alten Wolldecken auf der Bleiche hinter den Häusern ausgebreitet. Die Großmutter hatte in der Waschküche Bettwäsche in den Bottich mit heißem Wasser gelegt und musste nun für längere Zeit stampfen und schwitzen. Wir Mädchen vertieften uns zunächst in das Spiel mit unseren Puppen. Gitti, die seit ein paar Wochen mit ihrer Mutter und der älteren Schwester im Dachgeschoss des Nachbarhauses wohnte, war genau so alt wie ich. Wir hatten uns schnell angefreundet und waren beide glücklich, eine Spielkameradin zu haben.

Plötzlich hörten wir Ulrike rufen: „Kommt ens her, ich zeich öch jet!“ Der Vater hatte mir verboten, mit der älteren Ulrike zu spielen. Sie und ihr Bruder gingen in die Hilfsschule.

„Das ist kein Umgang für euch“, hatte der Vater schon mehrmals gesagt und war sich darin mit Gittis Mutter einig.

Gitti und ich verstanden das nicht. Ulrike hatte immer Ideen, auf die wir beide nie gekommen wären. „Kommt ens her, ich zeich öch jet!“, rief sie uns wieder zu. Sie sprach Solinger Platt, wie es in den Familien und auf der Straße fast nur gesprochen wurde, und sie waren stolz auf ihren Dialekt, der sie von dem der Leute in Remscheid oder Wuppertal unterschied. Die Großmutter, die Tante Hilda und der Vater sprachen Dialekt, und manche, wie Onkel Anton, konnten gar kein Hochdeutsch. Ich verstand und konnte Platt sprechen, sollte es aber nicht. Die Mutter und Oma Adelheid verstanden die Solinger Mundart nicht. Vielleicht sprachen sie deshalb manchmal schlesisch, was hier niemand verstand.

Auch Gitti verstand Ulrike nicht. Aber wenn sie rief, war auch Gitti sofort neugierig. Gerade hielt Ulrike eine leere, alte Konservendose hoch.

Ihr roter Schopf leuchtete in der Sonne, und die blauen Augen schauten herausfordernd aus dem runden Sommersprossengesicht, als sie erneut rief: „Los, kommt her, ich zeich’ öch, wie men Motsche mackt!“ Motsche kannte ich, von dem aufgeweichten Lehm auf den Gartenwegen nach einem Gewitterregen oder wenn unten an der Beeke das Hochwasser zurückging. Jetzt war alles trocken, die Sommersonne schien seit Tagen ohne Unterbrechung. Wie konnte sie da Motsche machen?

Ulrike führte uns zu einem umgegrabenen Gartenbeet und häufte mit einem Suppenlöffel trockene Erde in die Konservendose, dann goss sie aus einer Gießkanne Wasser darauf. Sie rührte, bis ein dicker brauner Brei entstanden war: Motsche!

„Hault ens die Häng op“, sagte sie und kippte dann den Inhalt der Dose in unsere Handschalen.

„Iiih!“, rief sie nun lachend, „ihr haat Kacke an de Häng.“

Gitti und ich schrien angeekelt, als ob es wirklich wahr wäre, und liefen zur Wiese, um die Hände im Gras abzustreifen.

„Ihr Schisshasen“, hörten wir sie uns hinterherrufen. Aber dann: „Kommt mit in unsere Wäschköch, do könnt ihr die bekackten Finger wäschen!“ Mit gesenktem Kopf trotteten wir hinter ihr her zum Siedlungshaus, in dem sie mit ihrer Mutter, der Großmutter und dem älteren Bruder wohnte. Als wir dort an der Hoftür ankamen, stand Ralf, ein kleiner Junge aus der Nachbarschaft, in der Nähe.

„He, du kleinen Knüörwel“, rief Ulrike, „komm ens her, met dir stimmt jet nit.“

Wie wir erkannte auch er Ulrikes Autorität an, kam zu uns rüber, und wir drei folgten Ulrike durch den Kellerraum, der auch einmal ein Kotten gewesen war. Die Leute erzählten, dass der Vater von Ulrike und ihrem Bruder, der früher auch Schleifer war, im Krieg geblieben sei.

Während Gitti und ich am Waschbecken die Hände abgespülten, hörten wir, wie Ulrike Ralf befahl: „Los, op den Desch mit dir!“ Sie nahm den Wäschekorb von dem alten Tisch, der mitten im Raum stand, und sah zu, wie Ralf umständlich hinaufkletterte und sich hinlegte. „Do hant wir et. De Duweschlach es open. Ich mot kieken, ob dat Düwken noch drinnen is.“

Gitti und ich standen drei Meter entfernt und starrten gebannt auf das Geschehen. Ulrike knöpfte den oberen Knopf, der die kurze Hose noch zusammenhielt, auf und lachte. „Lurd ens he, de Piepmatz! Söffer dem kleinen Mann die jrute Welt zeigen?“

In diesem Moment stürmte Ralfs Mutter in den Keller und schrie: „Ihr verdorbenen Bälger, das wird Folgen haben!“ Sie zog ihr Kind vom Tisch, dass ihm die Hose auf die Sandalen rutschte, und zerrte es wutschnaubend aus dem Keller. Die angedrohten Folgen fielen sehr unterschiedlich aus.

Mit Ulrikes Mutter Grete, die meist im Bett lag und die wir nur im Nachthemd und ohne Zähne manchmal kurz am Fenster sahen, sprach Ralfs Mutter Elfriede nicht. Sie waren seit Jahren zerstritten, und von ihnen hieß es in der Siedlung nur „Et Fried un’ et Jriet hant Striet!“

Schlimm war die Angelegenheit für Gittis Mutter. Sie war eine zurückhaltende Frau. Vielleicht hatte sie Angst, ins Gerede zu kommen, und gab Gitti zwei Wochen Stubenarrest. Auch ich hatte mit Schlägen oder anderen Strafen gerechnet. Der Vater aber lachte über „dat verklemmte Fried“ und meinte, wir Mädchen müssten früh genug mit allen Widerwärtigkeiten des Lebens vertraut gemacht werden. Ich durfte aber weiterhin nicht mit Ulrike spielen.

Kleine Vokabelliste

Weihnachten ist schön

Heiligabend. Alle Jahre wieder. Ein Kind in Erwartung. Vorfreude auf das Besondere, das Beglückende, das die Erwachsenen schürten. Auf der Treppe sitzend sang es alle Weihnachtslieder, die es kannte, und das waren viele. „Kehrt mit seinem Besen ein in jedes Haus. Es ist ein Ross entsprungen …“ Die Großmutter schmunzelte, verbesserte die falschen Wörter jedoch nicht.

Die Mutter war derweil gestresst. Alles sollte perfekt sein. Dabei hatte sie sich mit den Einkäufen mal wieder viel zu viel zugemutet: Schlips, Oberhemd und Socken. Schals, Handschuhe und Gesichtscreme. Puppenkleid, Farbkasten und Wintermantel. Nüsse und Süßigkeiten. Rotkohl und die polnische Gans.

Alles hatte sie besorgt nach den Überstunden im Büro. Auch an Heiligabend ging sie bis mittags dorthin und kaufte dann noch ein paar Geschenke in letzter Minute, weil sie fürchtete, es seien nicht genug.

Der Vater hatte im Amt ab mittags mit seinen Kollegen auf ein frohes Fest angestoßen und fiel zu Hause als Hilfe aus. Es gab Streit, alle Jahre wieder, weil alles an der Mutter hängen geblieben war.

Bis auf das Begießen der Gans. Das hielt die Großmutter für ihren wesentlichen Beitrag. Das Kind sang „Stille Nacht, heilige Nacht“, und der Vater schlief seinen Rausch aus, während die Mutter nur hin- und herzulaufen schien.

Wenn das Essen auf den Tisch kam, kehrte Frieden ein. Der Vater aß kräftig und lobte den Gänsebraten. Das Kind kaute ungeduldig an einer Keule.

Dann, endlich läutete das Christkind (oder war es der Vater?) das Glöckchen zum dritten Mal: Bescherung. Der Baum stand endlich gerade im eisernen Ständer, lange genug hatte der Vater geflucht. Geschenke lagen darunter, die Kerzen brannten, die Großmutter nahm die Schürze ab.

Aller Augen ruhten auf dem Kind. Das tat, was von ihm erwartet wurde: Es freute sich. Es konnte sich so freuen, dass die Erwachsenen eine Freude daran hatten. Die meiste Freude hatte ich, das Kind, als ich vom Christkind eine wunderschöne große Puppe bekam. Ihr Kopf, die Arme und die Beine waren aus Porzellan, ihr langes Haar war zu zwei dicken Zöpfen geflochten, und sie trug ein feines Kleidchen mit weißer Schürze.

„Sie heißt Christrose“, sagte die Mutter.

„Pass auf, dass sie nicht schmutzig wird“, sagte die Großmutter.

Und der Vater fügte streng hinzu: „Kopf, Arme und Beine sind zerbrechlich. Lass sie nur nicht fallen, sonst kannst du die Christrose wegwerfen!“

Freude und Sorge begleiteten mein Spiel mit Christrose, ich war vorsichtig beim Aus- und Anziehen, beim Füttern und Fahren mit dem Puppenwagen, den ich von Klara bekommen hatte. Trotz aller Vorsicht hatte Christrose irgendwann einen Sprung quer über ihr Gesicht.

„Neeeiiin!“, riefen die Mutter und ich.

„Ich habe dich gewarnt!“, sagte der Vater.

Ich liebte meine Christrose auch mit ihrer Verletzung sehr!

Vor dem nächsten Weihnachtsfest war Christrose verschwunden. Ich suchte sie überall und fragte alle, wo sie sein könnte. Aber niemand hatte sie gesehen.

Ich war unglücklich.

„Warte nur, zu Weihnachten wirst du dich wieder freuen können!“, sagte die Großmutter.

Tatsächlich saß unter dem Christbaum eine große Puppe mit Porzellankopf, zwei dicken Zöpfen und einem Kleid mit Schürze. Aber Christrose war es nicht. Ich war traurig, die Eltern enttäuscht. Ich habe mit dieser Puppe nie so innig gespielt wie mit Christrose.

Weihnachten blieb Weihnachten, wie es immer war, mit einer überforderten Mutter, dem schon vorfeiernden Vater, dem Krach, der die Gans begießenden Großmutter und vor allem dem gemeinsamen Singen nach der Bescherung, von „O du fröhliche“ bis „O Tannenbaum“, und wenn die Kerzen an der Fichte heruntergebrannt waren, dann wurde die Nacht still.

An den Feiertagen fanden die Verwandtenbesuche statt. Erst bei Oma Adelheid, dann bei Onkel Anton, der Tante und Klara. Es wurde geschenkt und gegessen. Die beiden Männer erzählten vom Krieg. Weihnachten in Russland. Dazu tranken sie Steinhäger oder Wodka. Die Frauen ließen sich nach getaner Küchenarbeit ein Gläschen Eckes Edelkirsch schmecken.

Auf der Heimfahrt schlief ich im Auto ein.

Nach den Feiertagen, der Vater und die Mutter gingen wieder ins Büro, briet die Oma Gretchen – die neue Schürze umgebunden – fettige Reste und Haut von der Gans aus. Das ergab ein Töpfchen Gänseschmalz und krosse Naschereien direkt aus der Pfanne.

Der Weihnachtsbaum blieb noch bis zum Geburtstag der Großmutter Mitte Januar stehen. Da rieselte er schon sehr, überall lagen Tannennadeln im Wohnzimmer.

Als er draußen auf den Hof geworfen wurde, war er fast kahl. Nur ein paar verschlungene Lamettafäden erinnerten an seine Pracht.

Drinnen war alles plötzlich so leer.

Bayerische Impressionen

Nach Ostern, ich war gerade sechs Jahre alt geworden, kam ich in die Schule. Das Respekt einflößende Gebäude am Kannenhof lag genau gegenüber dem Siedlungshaus, in dem wir wohnten.

Ich sehe mich noch auf dem Einschulungsfoto am Schultor stehen, mit Dauerwelle, der ersten meines Lebens, die die Mutter mir an den Osterfeiertagen gewickelt hatte, damit ich schön aussehe. Ich war mir selbst fremd an dem Tag, mit der neuen roten Strickjacke, von Oma Adelheid eigens für diesen Anlass gefertigt, dem rot-bunt karierten Faltenrock, weißen Kniestrümpfen, Lackschuhen mit Fesselriemchen und der großen Schultüte.

Die Mama hatte mich wieder fein gemacht und konnte bei dem Ereignis nicht dabei sein. Die Arbeit ging vor. Dafür hatte der Vater kurz sein Büro verlassen und schaute von gegenüber aus dem Küchenfenster zu.

Ich fand die erste Schulzeit aufregend und interessant, obwohl die Erwachsenen bedeutungsvoll sagten, jetzt beginne der Ernst des Lebens. Ich freute mich, dass ich nun nicht mehr den ganzen Tag mit der Großmutter verbringen musste, sondern mit Gitti und meiner Banknachbarin Marie lernen und in den Pausen spielen konnte.

Fräulein Berges war unsere Lehrerin. Der Unterricht bei ihr machte viel Spaß. Sie ermunterte, lobte und führte manche ungeschickte Hand, wenn diese den Griffel so verkrampft hielt, dass er leidvoll auf der Tafel quietschte. Ich schrieb sehr gerne. Rechnen ging so.

Ein halbes Jahr später kam ich stolz mit diesem ersten Eintrag im hellblauen Zeugnisheft nach Hause: „Julia hat einen guten Anfang gemacht. Fleiß: sehr gut.“

„Am Anfang ist alles noch leicht, du wirst sehen, im nächsten Halbjahr sieht das schon anders aus“, sagte die Großmutter.

Inzwischen wusste ich, dass die Großmutter immer gerne das Schlechte annahm, und der Vater war ihr darin ähnlich: „Ruh’ dich nicht auf den ersten Lorbeeren aus!“

Nur die Mutter freute sich ohne Einschränkung.

Ermahnungen waren auch überflüssig, denn ich würde immer wieder für das nächste Lob von Fräulein Berges lernen.

Im Turnen hatte ich nur ein „befriedigend“. Ich war enttäuscht, weil ich mich gern bewegte. Die Turnlehrerin jedoch scheuchte uns meist zur Musik ihres kleinen Akkordeons durch die winzige Sporthalle, die nicht größer war als ein Klassenraum. Wir Kinder rannten hin und her, bis wir ganz verschwitzt waren. Für die weiteren Übungen gab es eher Befehle als Anleitungen. Der Vater, der das einmal hörte, als die Fenster im Turnraum und gegenüber in unserem Haus geöffnet waren, sagte: „Man könnte glauben, sie wäre beim Kommiss gewesen!“ Er war ja selbst dabei gewesen, wie er sagte, musste es also wissen!

Es waren die ersten Sommerferien meines Lebens. Gitti, Marie und ich spielten zusammen auf den Wiesen und in den Gärten hinter dem Haus. Eines Abends kamen die Eltern außergewöhnlich fröhlich von der Arbeit nach Hause.

„Wir machen auch Urlaub“, sagte der Vater. „Nächste Woche geht’s los, wir fahren nach Bayern!“

Die Augen der Mutter strahlten: „Elsbeth freut sich genauso wie ich!“ Elsbeth und die Mutter waren Zwillingsschwestern. Sie sahen sich zum Verwechseln ähnlich, wie die wenigen Fotos aus ihrer Kindheit bestätigten.

„Warum haben sie dann auch noch so ähnliche Namen?“, hatte Oma Gretchen einmal gefragt, „damit waren sie doch noch schwerer auseinanderzuhalten!“

„Das war ihr Vater schuld!“, hatte Oma Adelheid erklärt. „Wir hatten vor der Geburt nur ein Kind erwartet, das Else heißen sollte. Als mein Mann die uns überraschende Geburt von zwei nahezu gleichen Mädchen anzeigen sollte, hatte er den spontan vereinbarten zweiten Namen Irmgard in der Meldestelle vor Aufregung vergessen und brachte nur noch Else und – äähh – Elsbeth heraus!“

Die Zwillinge, so erzählte es Oma Adelheid, konnte niemand im Dorf und in der Schule auseinanderhalten. Sie haben sich schon als Kinder einen Spaß daraus gemacht, Lehrer und Mitschüler mit „Bäumchen-wechsel-dich-Spielchen zu verwirren.

Nach der Handelsschule suchten sie in Berlin Arbeit, und lernten dort im Krieg ihre späteren Männer kennen. Nach dem Krieg zog Else mit Friedrich nach Solingen und Elsbeth mit ihrem späteren Mann Sigmund nach Bayern.

Seitdem hatten sich die Zwillinge nicht mehr gesehen. Die Vorfreude auf ein Wiedersehen war entsprechend groß.

„Und ich?“, fragte ich, fürchtend, mit der Oma Gretchen zurückbleiben zu müssen.

„Na, du kommst natürlich mit in deinen ersten Sommerferien! Das muss doch gefeiert werden!“, beruhigte mich die Mutter.

Ich fand es schade, dass Gitti nicht mitkommen konnte! Aber der Buckeltaunus war so vollgepackt, dass nichts und niemand neben mir Platz gehabt hätte.

„Du hast zwei Cousinen und einen Cousin dort, wirst also genug Spielkameraden haben“, sagte die Mutter. Ich hatte von den Kindern schon ein Schwarz-Weiß-Foto gesehen, mit ihrer Mutter, die immer noch genau so aussah wie meine. Neben ihr saßen die drei Kinder, der Sohn Micha, ungefähr so alt wie ich, dann Moni, mit rundem Gesicht und einem viel zu kurzem Pony, wie ihn die Mutter auch mir manchmal zu schneiden pflegte - und daneben Geli, das kleine Blondschöpfchen mit großen blauen Augen. Die Kinder hatten sich für das Foto auf einer Bank vor einem Fenster um die Mutter geschart. Durch das Fenster waren hohe, nackte Felsen zu sehen.

„Das sind die Alpen“, sagte der Vater, „die werden wir auch sehen. Und deine Verwandtschaft wohnt in einem Schloss!“

Diese dunklen Berge machten mir Angst. Bei uns waren Bäume auf den eher runden Bergen, aber auf denen auf dem Foto sah ich nicht einen einzigen Baum, nur grauen, spitzen Stein. Irgendwie gefährlich, fand ich. Auf das Schloss war ich allerdings sehr gespannt.

Am Samstagnachmittag ging es endlich los. Ich winkte der Großmutter aus dem Rückfenster, bis sie ganz klein geworden war. Anfangs fuhren wir über die Autobahn, irgendwann ging es über einfache, schmale Straßen und durch größere und kleinere Orte. Als es dunkel wurde, fragte ich:

„Wann sind wir da?“

„Morgen früh“, sagte der Vater.

Die Mutter schlug vor, noch mal irgendwo auszutreten, bevor es Nacht werde.

„Wir sind doch gerade erst losgefahren, schlaft jetzt am besten.“ Das kannten wir schon! Wenn der Vater fuhr, wollte er möglichst keine Unterbrechung. Erst mitten in der Nacht, als er mit dem Kanister Benzin in den Tank nachfüllen musste, konnten wir uns endlich im Gras am Straßenrand erleichtern. Es war stockfinster, kein Auto fuhr auf der Straße.

Später las ich auf einem gelben Verkehrsschild: „Nürnberg 38 Kilometer“. Ich wollte wissen, ob wir bald da sein würden.

„Wenn du noch eine Runde schläfst, wirst du schon die Berge sehen können“, versprach der Vater.

Durch das Holpern des Autos wachte ich irgendwann auf. Es war so hell, dass ich zunächst kaum in der Lage war, etwas zu erkennen. Doch als ich die Augen richtig öffnen konnte, sah ich zwischen den Bäumen am Straßenrand, erleuchtet von der aufgehenden Sonne, eine hellgraue, hohe Bergkette aufgereiht vor uns stehen. „Boh, sind das die Alpen? Sind die aber groß!“

„Alle Mann aussteigen, antreten zum Waschen!“

Es war zwar außer der Mutter und mir niemand da, aber der Vater gab oft Befehle für eine ganze Mannschaft.

Am Rand der Straße plätscherte ein Bach und sprang munter über kleine und große Steine. Der Vater schöpfte mit beiden Händen Wasser in sein Gesicht. Die Mutter und ich schrien schon beim Eintauchen der Hände laut auf: „Ist das kaaalt!“

„Klar“, sagte der Vater, „das kommt hoch oben aus den Bergen, da liegt noch Schnee! Siehst du die weißen Stellen dort oben? Das ist die Zugspitze mit ihrem Gletscher. Da liegt ewiges Eis.“

Jetzt war ich hellwach. Ewiges Eis, das war unglaublich. „Können wir da rauf?“, fragte ich.

„Theoretisch schon“, erklärte der Vater. „Es gibt auf der österreichischen Seite die Tiroler Zugspitzbahn und ein paar Skiseilbahnen. Aber das heben wir uns für ein nächstes Mal auf.“

„Gott sei Dank“, freute sich die Mutter, die Höhenangst hatte. Wir verließen wach, erfrischt und neugierig den kleinen Bach.

„Ist es noch weit?“, fragte ich.

„Da vorne kommt ein Schild“, sagte der Vater. „Rechts ab geht es nach – wohin?“

„Sch-lo-ss Kra-nz-bach“, las ich langsam vor und erhielt ein seltenes Lob vom Vater: Lesen hätte ich wohl schon gelernt im ersten Schulhalbjahr.

Nach einer kurvenreichen Strecke durch den Wald lag auf einer Lichtung das mächtige Haus, dahinter das beeindruckende Bergpanorama.

„Das soll ein Schloss sein?“, fragte ich enttäuscht, als ich das graue Gebäude mit den gezackten Giebeln sah.

„Es war wohl mal als Schloss gedacht“, sagte die Mutter, „nach dem Krieg war es ein Krankenhaus für amerikanische Soldaten, und jetzt ist es ein Erholungsheim. Dein Onkel Sigmund ist hier Arzt und sein Vater der leitende Pfarrer.“

Meine Enttäuschung hielt an, als wir das Schloss betraten. Auch innen auf den langen Fluren mit vielen Zimmern fehlte mir der königliche Glanz, den ich – aus welchen Gründen auch immer – erwartet hatte.

Onkel und Tante kamen uns entgegen, er im weißen Kittel und sie, die Tante, sah wirklich genauso aus wie die Mutter.

Ich wollte ihre Hand nicht loslassen, als sich die Beiden umarmten. So etwas gab es noch nicht einmal in den Märchen, die ich kannte. Und obwohl mich das Foto vorbereitet hatte, war mir das Original unheimlich.

Der Onkel sagte: „Ganz der Vater“, als er mich begrüßte. Ich kannte das schon von anderen Leuten, die uns zusammen sahen. Dann habe ich immer an den Opa gedacht, und daran, dass ich lieber ihm ähnlich gewesen wäre.

Ich fragte nach dem Cousin und den Cousinen.

„Die sind schon draußen auf den Feldern. Jetzt gibt es erst einmal Frühstück für euch. Du wirst sie später kennenlernen“, sagte die Tante.

Später war abends. Micha, Moni und Geli kamen erst zum gemeinsamen Abendessen mit der ganzen Familie, auch die Großeltern aßen mit uns.

Micha schien der Anführer der kleinen Geschwisterbande zu sein und erzählte von den Erlebnissen des Tages. Moni, etwas jünger, sagte kaum ein Wort, und Geli, die Jüngste, fragte: „Kommst du morgen mit uns nach draußen, Julia?“ Ich schaute die Eltern an. Beide nickten.

Das war der Startschuss für ein vollkommen anderes Leben, als ich es bisher kannte. Wir Kinder waren vom Frühstück bis zum Abend draußen, striegelten die Pferde und misteten die Ställe aus, fuhren mit den Heuwagen über die Felder, aßen Pflaumen und Äpfel direkt vom Baum, plantschten im Bach und bauten Dämme. Wir hatten den ganzen Tag nur Badesachen an. Manchmal haben wir am Abend unseren Müttern Sträuße aus Korn-, Mohnblumen und Margeriten gepflückt, die beide gleichermaßen liebten.

Eine solch unbeschwerte Freiheit hatte ich zu Hause auf dem Hof hinter den Siedlungshäusern noch nie erlebt.

Ich schlief im Zimmer der Eltern, was ich schade fand. In einem Zimmer mit den Cousinen wäre es sicher lustiger gewesen. Ich war allerdings abends so müde, dass ich im Bett sofort in Tiefschlaf fiel.

Eines Morgens wurde ich durch leises Sprechen und Flüstern wach. Es waren die Stimmen der Mutter und der Tante, die auch erstaunlich ähnlich waren. Das war fast unheimlich.

Die Mutter fragte: „Woher hatte er denn das Morphium?“

„Na, er als Arzt musste es den Kriegsversehrten geben, die Arm oder Bein oder beides verloren hatten. Die hätten sonst die Schmerzen und das Sterben nicht ertragen.“

„Klar, verstehe, aber warum hat er es selbst genommen?“

„Ein so behüteter und verwöhnter junger Mann wie er! Du weißt doch, wie sensibel er war und ist. Das Zeug war seine Krücke, um das Grauen im Lazarett zu überstehen. Er hätte das sonst nicht ausgehalten, hat gedacht, er würde wahnsinnig.“

„Und jetzt?“

„Den Entzug hat er geschafft. Es war irre schwer für ihn und natürlich auch für mich, die ich ihm bei den mir nicht vertrauten Arbeiten assistieren musste. Ohne seine Eltern, die auch alles für ihn taten, hätten wir das nicht überstanden.“

„Du, ich glaube, das Kind wird wach“, sagte die Mutter, als ich mich im Bett bewegte. „Wir sehen uns beim Frühstück.“

Ich, die ich mich gerade mal umgedreht und damit das Gespräch beendet hatte, verstand wenig von der Unterhaltung, wusste nicht, was Morphium und Lazarett und die Zusammenhänge waren.

Ich wusste nur, dass es etwas Schlimmes und Bedrückendes hier gab, worüber man nicht offen sprechen konnte. Auch hier war also nicht alles gut, wie ich zunächst geglaubt hatte. Mutters Spruch „Unter jedem Dach ein Ach!“ hatte sich bewahrheitet.