Ultreya auf dem Camino - Dominik Trottier - E-Book

Ultreya auf dem Camino E-Book

Dominik Trottier

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Beschreibung

Ausgelöst durch seine nach dem Abitur wachsende Wanderlust, begab sich Dominik Trottier im April 2012 auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Aufgrund eines geplatzten Traums, beschäftigten ihn viele ungeklärte Fragen, auf die er auf dem über achthundert Kilometer langen Pilgerweg durch Nordspanien die richtigen Antworten zu finden hoffte. Seine dortigen Erfahrungen und unzähligen Begegnungen dokumentiert der Autor nun in seinem literarischen Debüt "Ultreya auf dem Camino".

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Dominik Trottier

Ultreya auf dem Camino

ein Reisebericht vom Jakobsweg
Zum Buch
Ausgelöst durch seine nach dem Abitur wachsende Wanderlust, begab sich Dominik Trottier im April 2012 auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Aufgrund eines geplatzten Traums, beschäftigten ihn viele ungeklärte Fragen, auf die er auf dem über achthundert Kilometer langen Pilgerweg durch Nordspanien die richtigen Antworten zu finden hoffte. Seine dortigen Erfahrungen und unzähligen Begegnungen dokumentiert der Autor nun in seinem literarischen Debüt Ultreya auf dem Camino.
Zum Autor
Dominik Bernhard Trottier, Jahrgang 1991, ist als Sohn hessischer Eltern in Beverly, Massachusetts, USA, geboren und ab seinem ersten Lebensjahr im bayerischen Schwabenland aufgewachsen. Neben seiner Muttersprache Deutsch, spricht er Englisch und Spanisch. Nach dem Abitur in Augsburg, scheiterte er beim Auswahlverfahren für die Pilotenausbildung bei der Lufthansa und ging daraufhin auf den Jakobsweg. Anschließend zog er nach Berlin und studierte dort Digital Film Design. 2016 begann er schließlich seine berufliche Laufbahn als Compositor in London, wo er an den visuellen Effekten von aktuellen Kinoproduktionen arbeitete. Heute lebt der Debütautor in seiner Wahlheimat Vancouver in Kanada und geht dort seiner aufstrebenden VFX Karriere nach.
Mehr zum Autor: www.dominik-trottier.de
Im Sinne des Persönlichkeitsrechts, wurden die Namen und andere Angaben einiger der in diesem Buch beschriebenen Personen entfremdet.
© 2019 Dominik Trottier
Alle Fotos vom Autor privat
Covergestaltung und Karte: Dominik Trottier
Druck: epubli - www.epubli.de; ein Service der Neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin
ISBN Taschenbuch: 978-3-748501-76-3
ISBN eBook: 978-3-748504-78-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
»Your work is going to fill a large part of your life, and the only way to be truly satisfied is to do what you believe is great work. And the only way to do great work is to love what you do. If you haven’t found it yet, keep looking. Don’t settle. As with all matters of the heart, you’ll know when you find it.«
- Steve Jobs, Rede vor den Absolventen
der Standford Universität (12. Juni 2005)

Inhalt

Vorwort
Südfrankreich
04. April 2012: Saint-Jean-Pied-de-Port
Navarra
05. April 2012: Roncesvalles
06. April 2012: Zubiri
07. April 2012: Pamplona
08. April 2012: Puente la Reina
09. April 2012: Estella
10. April 2012: Los Arcos
La Rioja
11. April 2012: Logroño
12. April 2012: Nájera
13. April 2012: Santo Domingo de la Calzada
Kastilien und León
14. April 2012: Belorado
15. April 2012: Agés
16. April 2012: Burgos
17. April 2012: Castrojeriz
18. April 2012: Frómista
19. April 2012: Carrión de los Condes
20. April 2012: Sahagún
21. April 2012: El Burgo Ranero
22. April 2012: León
23. April 2012: León
24. April 2012: Villar de Mazarife
25. April 2012: Astorga
26. April 2012: Foncebadón
27. April 2012: Ponferrada
28. April 2012: Villafranca del Bierzo
Galicien
29. April 2012: O Cebreiro
30. April 2012: Sarria
01. Mai 2012: Portomarín
02. Mai 2012: Palas de Rei
03. Mai 2012: Arzúa
04. Mai 2012: Santiago de Compostela
05. Mai 2012: Fisterra
Nachwort

Vorwort

Als ich im März 2012 nach mehrmonatiger Vorbereitung aufgrund einer Bewerbung nach Hamburg flog, glaubte ich fest daran, meinen Traum wahr werden lassen zu können. Lange habe ich auf diesen Tag gewartet, um mir endlich meinen Wunsch erfüllen zu können. Den Wunsch vom Traumberuf. Schon als kleines Kind war ich immer davon fasziniert.
Je älter ich wurde, desto mehr wuchs das Interesse an dem Beruf. Neben Feuerwehrmann, Lokführer oder Baggerfahrer, war mein erster ernstzunehmender Berufswunsch tatsächlich von Dauer und hält bis heute an.
Nach erfolgreich absolviertem Abitur, habe ich mich Ende 2011 schließlich bei einer der weltweit größten Airlines ziviler Luftfahrt für eine Ausbildung zum Piloten beworben. Nur wenige Wochen später erhielt ich von der Lufthansa eine Einladung zur Berufsgrunduntersuchung beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).
Anhand mehrerer Tests soll hierbei festgestellt werden, ob der Bewerber grundsätzlich für den Beruf des Piloten geeignet ist. Abgefragt werden unter anderem Englisch-, Mathematik-, Physik- und Technikkenntnisse. Aber auch Bereiche wie Konzentration, logisches Denkvermögen und Merkfähigkeit werden geprüft.
Sofern diese Instanz erfolgreich durchlaufen wird, folgt innerhalb der nächsten Monate die sogenannte Firmenqualifikation. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen nimmt der potentiell spätere Arbeitgeber an dieser Stelle die Persönlichkeit und damit die Konzerntauglichkeit der Bewerber unter die Lupe. Mithilfe unterschiedlicher Stresstests, wie etwa dem Interview mit einem renommierten Auswahlkapitän, Streitgespräche mit Psychologen und einem Flug im Simulator, wird festgestellt, ob die Kandidaten die grundlegenden Eigenschaften mitbringen, die es zum zukünftigen Lufthansa Mitarbeiter braucht.
Besteht man auch diese Teststufe, entscheidet sich letztlich bei der medizinischen Untersuchung, dem Medical, ob man eine Zusage für die Ausbildung bekommt und somit dem Traum vom Fliegen ein ganzes Stück näher rückt.
Nur ein Bruchteil der Bewerber besteht alle drei Untersuchungen, die sich über mehrere Monate verteilen. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber man geht von etwa sechstausendfünfhundert Bewerbern im Jahr aus, von denen es lediglich fünf bis acht Prozent nach Bremen zur Verkehrsfliegerschule, beziehungsweise später zum Lufthansa Airline Training Center nach Phoenix in Arizona schaffen.
Die Bewerbung selbst kostet keinen müden Cent. Sogar Ausgaben für An- und Abreise sowie eine Übernachtung werden von einer in meinen Augen recht großzügigen Pauschale abgedeckt, die die Lufthansa den Bewerbern zurückerstattet. Auf diese Weise kann wirklich jeder sein Glück versuchen, ohne dafür tief in die Tasche greifen zu müssen. Das handhaben andere Airlines grundverschieden. Air Berlin beispielsweise zwackt jedem Bewerber rund vierhundert Euro ab, um überhaupt erst am Eignungstest teilnehmen zu können. Auch bei Swiss Air, ein Tochterunternehmen der Lufthansa, werden immerhin knapp zweihundert Euro fällig, wobei sich das Bewerbungsprozedere dort auf einen nochmal deutlich längeren Zeitraum ausbreitet. Die Anfahrtskosten, geschweige denn eine Übernachtung im teuren Zürich, werden hier nicht übernommen.
Des Weiteren unterscheidet sich die Lufthansa von anderen Fluggesellschaften auch darin, dass sie die Ausbildung der Nachwuchspiloten komplett vorfinanziert. Erst nach Berufseinstieg und der Auszahlung des ersten Gehalts, beginnen die Berufsanfänger den Kredit für ihre Ausbildung zu tilgen.
Zwar ist es möglich über eine private Flugschule aus eigener Tasche an die ersehnte Fluglizenz zu gelangen, allerdings stellt dies aufgrund der enorm hohen Kosten ein nur wenig kalkulierbares finanzielles Risiko dar. Denn die Garantie anschließend einen Job zu bekommen, fehlt hierbei gänzlich.
Wer bereit ist sich für bis zu zwölf Jahre dem Militär zu verpflichten, für den stellt nicht zuletzt die Ausbildung zum Flugzeugführer bei der Luftwaffe eine durchaus in Betracht zu ziehende Alternative dar. Nach dieser Zeit können sich Bundeswehrpiloten auf die zivile Luftfahrt umschulen lassen und sich damit bei kommerziellen Airlines weltweit bewerben. Da die Ausbildung und deren Folgejahre jedoch auch Auslandseinsätze in Krisengebieten beinhaltet, habe ich diese Option für mich persönlich frühzeitig ausgeschlossen.
Um Berufspilot zu werden und zukünftig das Cockpit sein Büro taufen zu können, ziehen die meisten Aeronauten in spe wohl gerade wegen den attraktiven Konditionen ausschließlich die Ausbildung bei der Lufthansa in Erwägung. Kaum einer der vielen jungen Luftfahrt-Enthusiasten lässt sich diese Gelegenheit entgehen, was sich folglich Jahr für Jahr in Form einer buchstäblichen Bewerberflut auswirkt. Dass sich bei der Airline mit dem Kranich auch Hinz und Kunz bewerben, macht sich spätestens bemerkbar, wenn man schließlich im Prüfungsraum des DLR in Hamburg zwischen neununddreißig weiteren Bewerbern sitzt und den Blick einmal im Raum schweifen lässt.
Vereinzelt hocken da total entspannte Kandidaten, die nichts zu verlieren haben und gänzlich unvorbereitet einfach ihr Glück herausfordern. Völlig gelassen raten sie einfach darauf los, ohne zu wissen worum es wirklich geht.
Auf der anderen Seite zittern hier junge Menschen um die Chance ihres Lebens. Sie wissen, warum sie hier sind und was auf dem Spiel steht. Diese Bewerber, zu denen auch ich mich zähle, haben sich lange und äußerst intensiv auf die Berufsgrunduntersuchung vorbereitet. Dabei galten neben einigen Standardwerken, vor allem sämtliche Erfahrungsberichte aus dem Internet als die wichtigste Lektüre. Schließlich ist es essentiell, sich vorab ein möglichst detailliertes Bild vom Ablauf der Tests zu machen.
Die Bewerbung bei der Lufthansa bietet nicht nur die ganz große Gelegenheit, einen der in unserer Gesellschaft wohl angesehensten Berufe bei einer der wohl renommiertesten Konzerne auszuüben, sondern sich zudem auch einen dauerhaften Fensterplatz ganz vorne im Flugzeug sichern zu können. Beides sind zweifelsohne hoch motivierende Argumente, aber es geht um so viel mehr als das. Es geht um meine Leidenschaft, der Traum vom Beruf des Piloten.
Der Druck ist enorm hoch. Gehört man nicht zu den Glücklichen, bleiben einem die Türen zur Pilotenausbildung bei der Lufthansa für immer verschlossen. Die Tests sind einmalig und lassen sich nicht wiederholen. Sollte ich bei den Untersuchungen scheitern, hat sich mein Traum ausgeträumt.
Da ich zuvor noch nie in Hamburg gewesen bin, hing ich zum Sightseeing drei Übernachtungen an meinen eigentlichen Aufenthalt an. Die Hansestadt gefiel mir gut, weshalb ich eigentlich nur sehr ungern schon die Heimreise antreten wollte.
Um am Bahnhof dann auf die obligatorisch verspätete Deutsche Bahn zu warten, setzte ich mich zunächst auf eine Bank. Plötzlich klingelte mein Handy.
»Hi, Mum«, nahm ich den Anruf meiner Mutter entgegen.
»Post von der Lufthansa«, flüsterte sie nur nervös.
Wow, das ging schnell. Aus Internetforen war ich informiert, dass Zu- und Absagen bereits wenige Tage nach den Tests im Briefkasten landen können. Angeblich soll es aber auch Fälle gegeben haben, in denen die ersehnte Post durchaus mehrere Wochen auf sich hat warten lassen. Besonders schlaue Füchse behaupteten außerdem herausgefunden zu haben, dass sich schon allein anhand des Formats des Briefumschlags entweder die frohe Nachricht oder die Hiobsbotschaft erkennen lässt.
»Mach ihn auf«, war alles, was ich zittrig über die Lippen bekam.
Meine Mutter zögerte nicht eine Sekunde, den Kuvert zu öffnen und mir den gesamten Inhalt des Briefs laut vorzulesen. Doch schon der erste Satz genügte, um mir einen alles entscheidenden Tritt in die Magengrube zu verpassen.
Von einem Moment auf den nächsten hatte sich meine größte Befürchtung bewahrheitet. Eine Absage. Der Traum war geplatzt. Und ich am Boden zerstört. Die anschließend fast sechsstündige Zugfahrt nachhause war grausam.
Weil ich über Jahre derart viel Hoffnung in die Bewerbung bei der Lufthansa gelegt hatte, verschwendete ich zuvor kaum Gedanken an Arbeit, Ausbildung oder Studium. Für mich persönlich war mein beruflicher Werdegang absolut klar.
Daher hielt ich es auch nicht für notwendig mich zu fragen: »Was wäre wenn…?«
Nun aber hatte ich die Gewissheit. Aus mir wird kein Pilot. Ich muss einen anderen Weg gehen.
Fürs Erste brauchte ich vor allem zwei Dinge. Zeit, um mir über meine Zukunft Gedanken zu machen. Und Abstand, um den Kopf freizubekommen sowie zuhause nicht tagtäglich an die Monate der vergeblichen Vorbereitung erinnert zu werden.
Auf der Suche nach einem neuen Ziel, einer neuen Herausforderung und nicht zuletzt einem Erfolgserlebnis, fasste ich mir einen ganz besonderen Weg ins Auge. Ich hoffte, dass mich dieser Vergangenes verarbeiten lassen und für Neues öffnen würde.
Anfang April 2012, nur zwei Wochen nach den Untersuchungen beim DLR, saß ich schließlich im Fernreisebus nach Südfrankreich. Ich begab mich auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Dort wurde ich in dreißig Tagen nicht nur zum Pilger, sondern auf knapp achthundert Kilometern auch zu einem anderen Menschen. Meine Erfahrungen habe ich in diesem Buch festgehalten.
Augsburg, im Mai 2012
Dominik Trottier

Südfrankreich

04. April 2012: Saint-Jean-Pied-de-Port

Ich fühle mich jetzt schon wie gerädert. Dabei bin ich noch keinen Meter gepilgert. Die alles andere als komfortable, planmäßig etwa vierundzwanzigstündige Busfahrt nach Bayonne im Süden Frankreichs fordert mich und meinen Körper bereits dermaßen heraus. Ich bin todmüde und kann mir nur schwer vorstellen, ab morgen mehrere Dutzend Kilometer Tag für Tag quer durch Spanien gen Westen zu flanieren. Alleine der Gedanke daran, das mit meinem viel zu schweren Gepäck zu tun, nimmt mir einen Teil der noch anhaltenden Vorfreude.
Als ob die Fahrt nicht schon lange und unangenehm genug gewesen wäre, verzögert sie sich zum Ärger aller Fahrgäste um ganze fünf Stunden. Da die Hydraulik des Buses einen Defekt aufwies, musste der Fahrer rechts anhalten und nach kurzer Inspektion telefonisch ein Ersatzteil ordern.
Mitten in der Pampa, nur wenige Kilometer von meinem eigentlichen Zielort entfernt, warten wir nun in den frühen Morgenstunden auf den französischen ADAC. Da wir keinerlei Informationen bekommen, wie lange das denn dauern könnte, gehe ich ähnlich wie bei Klausuren aus vergangenen Schultagen erstmal vom Schlimmsten aus. Vermutlich werden sich die Kollegen nämlich erstmal in aller Ruhe einen Kaffee gönnen und von Gott weiß woher anfahren müssen. Sollten sie aber unerwartet früher eintreffen, freue ich mich darüber umso mehr.
Um die Warterei zu überbrücken, habe ich nun die Qual der Wahl. Zwar ist es im Bus immerhin kuschlig warm, allerdings scheint nahezu jeder Fahrgast stark erkältet zu sein. Während ich hier Gefahr laufe, mich ihrer Riege anzuschließen, droht mir draußen an der immerhin frischen Luft, bei wiederum Minusgraden, der Hintern abzufrieren. Wie ich mich auch entscheide, in beiden Fällen scheint ein grippaler Infekt unausweichlich.
Für einen Augenblick überlege ich, ob ich nicht einfach von hier meine Pilgerreise beginnen soll. Allerdings verdränge ich diesen dummen Gedanken so schnell, wie er gekommen ist und begebe mich schließlich auf die Suche nach Sauerstoff.
Vor dem Bus bildet sich ein kleiner Stehkreis aus jungen Leuten, die ebenfalls vor der abgestandenen und längst aufgebrauchten Luft nach draußen geflohen sind. Ich schließe mich ihnen an und wir kommen ins Gespräch.
Es dauert nicht lange und schon haben wir unsere größte Gemeinsamkeit gefunden, die sich ausgesprochen noch etwas merkwürdig anhört: »Wir sind Pilger.«
Zwar haben wir noch keinen Fuß auf den Jakobsweg gesetzt, ein gemeinsames Ziel teilen wir aber schon jetzt.
Da wir seit mehr als vierundzwanzig Stunden kein Wort mehr gesprochen, geschweige denn mit jemand anderem uns über das Pilgern unterhalten haben, sind wir froh, nach dieser langen Zeit endlich Mitstreiter und Gleichgesinnte gefunden zu haben.
Während wir uns über die traumatische Busodyssee austauschen, stelle ich glücklich fest, dass ich soeben meine allerersten Pilgerbekanntschaften gemacht habe. Jedoch zeigt sich schnell, dass wir uns auf dem Jakobsweg voraussichtlich kein einziges Mal begegnen werden.
Abfahrt in Augsburg
»Steigt ihr auch in Bayonne aus?«, frage ich noch hoffnungsvoll.
Kollektives Kopfschütteln.
»Ich fange in León an. Das sind mindestens nochmal vier Stunden Fahrt von hier.«, stellt einer von ihnen ernüchternd fest.
Es folgen vier weitere Pilger, die erzählen, dass sie lediglich knapp zwei- bis dreihundert Kilometer vor Santiago auf dem Jakobsweg einsteigen werden. Eine von ihnen läuft sogar eine völlig andere Route, weiter nördlich direkt an der Küste entlang.
Offensichtlich bin ich in der Gruppe der Einzige, der sich vier Wochen Zeit genommen hat, um die meines Wissens wohl bekannteste und auch klassische Route des Jakobswegs zu pilgern, den Camino Francés. Von meinem gewählten Startpunkt werde ich knapp achthundert Kilometer zurücklegen müssen, um nach Santiago de Compostela zu gelangen.
Auf einmal kommen in mir starke Zweifel an meinem Vorhaben auf. War ich zu blauäugig, diese Reise ohne jegliche Pilgererfahrung anzutreten? Habe ich das Ganze womöglich total unterschätzt? Ist es übermütig oder gar naiv von mir zu glauben, morgen Früh bei Wind und Wetter die Pyrenäen überqueren zu können?
Vielleicht sollte ich auch einfach im Bus sitzen bleiben und nur etwa ein Drittel der ursprünglich geplanten Strecke laufen. Ich kann ja jederzeit wieder herkommen und dann das nächste Mal eine größere Distanz absolvieren.
Vor der Abreise war ich doch noch so zuversichtlich. Jetzt stell ich plötzlich alles in Frage. Ich wollte eine Herausforderung? Hier habe ich sie! Nach einem ersten Gespräch mit blutigen Pilgeranfängern wie mich selbst, bereits die Flinte ins Korn zu werfen und meine Ziele aus purem Respekt runterzuschrauben, entspricht nicht meinem sportlichen Ehrgeiz. In letzter Sekunde einen Rückzieher von meinem festen Entschluss machen? Mit diesem Gedanken kann und will ich mich nicht anfreunden und so bleibe ich nun dabei. Ich werde in Bayonne aussteigen und von dort mit dem Zug an den Ort fahren, wo schon so viele Menschen vor mir ihre ersten Pilgergehversuche erfolgreich unternommen haben.
Irgendwann tauchen die übermüdeten Mechaniker auf und reparieren unseren Bus im Halbschlaf. Wir vertreten uns noch ein wenig die Füße und als wir zurückkommen, kann die Fahrt endlich weiter gehen.
Nach nicht mal einer Stunde, nehmen wir im Morgengrauen schließlich eine Ausfahrt und halten nur wenige Meter später auf dem Seitenstreifen rechts an. Eine erneute Panne wird das wohl kaum sein. Oder?
Dann höre ich den Busfahrer über die Lautsprecher durchsagen: »Bayonne.«
Ach echt? Hier? Etwas provisorisch diese Haltestelle, aber bitte. Immerhin hat diese abenteuerliche Busfahrt nun ein Ende.
Weil ich im gesamten Bus tatsächlich der Einzige bin, der hier aussteigen möchte, geht auf einmal alles ganz schnell. Mit einem »Buen camino!« von meinen Pilgerkollegen verlasse ich den Bus. Draußen wird mir mein Rucksack vom Fahrer unsanft zugeworfen. Danach schließt er die Türen und fährt ab. Ohne mich. Ich stehe nur da und schaue dem Bus hinterher. Als er wieder auf die Autobahn auffährt, drehe ich mich um und versuche mich zu orientieren. Es scheint nun loszugehen.
Offiziell gesehen bin ich ja bereits ein waschechter Pilger. So steht es zumindest im credencial, meinem Pilgerausweis. Deshalb zähle ich die Busfahrt auch schon irgendwie zu meiner Pilgerreise. In gewisser Weise ist sie mein erstes Highlight. Hoffentlich folgen noch einige positivere Höhepunkte.
Lediglich meinen engsten Freunden habe ich von meinem Projekt erzählt. Das Projekt Jakobsweg. Bei allen Anderen sprach ich geheimnisvoll von einem »einmonatigem Spanienaufenthalt«.
Ähnlich geheimnisvoll läutete ich zudem meinen zeitweiligen social-media-Entzug ein, indem ich mit »Ich bin dann mal weg« einen vorerst letzten Statuseintrag auf Facebook verfasste. Eigentlich war ich davon überzeugt, dass viele den Titel des überaus erfolgreichen Buchs kennen und schlussfolgern würden, dass ich mich auf den Jakobsweg begeben werde. Offensichtlich war es aber nicht offensichtlich genug. Zumindest lautete der erste Kommentar auf meinen Eintrag: »Wohin geht´s?«
Es geht zunächst nach Saint-Jean-Pied-de-Port. Ein an Spanien grenzendes, französisches Städtchen, in dem ich und voraussichtlich viele Andere das Pilgerabenteuer beginnen werden.
Von dort werde ich dann ab morgen frohen Mutes die besagten achthundert Kilometer durch Nordspanien marschieren und dabei gleich vier spanische Regionen kennen lernen: Navarra, La Rioja, Kastilien und León sowie Galicien. Außerdem schlängelt sich der Camino Francés durch viele interessante und mir aus dem Spanischunterricht bekannte Großstädte wie Pamplona, Logroño, Burgos, León und schließlich Santiago de Compostela.
Während ich am Stadtrand von Bayonne das Industriegebiet durchquere, bin ich zunächst etwas überfordert mit der Situation. Der Busfahrer hat mich geradezu irgendwo im Nirgendwo aussteigen lassen. Lange Zeit irre ich einfach nur dumm umher und finde nichts, was mir den Weg zum Bahnhof dieser Stadt weist.
Schließlich spreche ich einen Passanten auf dem Gehweg an. Ich habe Glück, denn er kann mir helfen und immerhin auf Spanisch eine kurze Wegbeschreibung geben. Dazu deutet er mit seinem Finger in die Richtung, in der die estación de tren liegen muss.
Dort angekommen, verpasse ich aufgrund meiner Irrwege leider meinen Zug um wenige Minuten. Der Nächste fährt erst wieder in etwa drei Stunden ab. Also nutze ich die Zeit, kaufe mir ein Ticket, esse bei herrlichem Sonnenschein ein leckeres Sandwich Le Complet und schreibe zum ersten Mal in mein schwarzes Büchlein rein.
Letzteres habe ich in ähnlicher, wenn auch weitaus weniger ausführlicher Form, vergangenes Jahr im November auf der Interrail Europareise mit zwei meiner besten Kumpels getan. Dort führte ich allerdings Buch über total uninteressante Abfahrtszeiten unserer Züge und lediglich vereinzelte Geschehnisse vom Tag. Wir wollten unsere Tour bestmöglich dokumentieren, hatten aber nur selten Zeit und Lust ausführlich über sie zu schreiben. Also haben wir unsere Reise überwiegend mit einem Camcorder in Bild und Ton festgehalten, was uns natürlich schnell auf die Idee gebracht hat, ein Video daraus zu schneiden. Aus dem geplanten Video wurde schließlich ein richtiger Film, der mit einer Länge von über neunzig Minuten bei Familie und Freunden für viel Unterhaltung gesorgt hat. Bewegtbild war das ideale Medium, um unsere Erinnerungen teilen und verewigen zu können.
Für die Pilgerreise habe ich nun völlig andere Beweggründe. Jedoch möchte ich auch hier viele meiner Erfahrungen festhalten, um sie anschließend mit meinen Eltern, meiner Schwester und auch mit Freunden zu teilen.
Ich reise alleine, habe viel Zeit mitgebracht und verspüre fast schon das Bedürfnis, meine Gedanken in Schrift zu verewigen. Wenn ich alt und senil bin, werde ich mich glücklich schätzen, anhand dieser Notizen auf meine Pilgerfahrt zurückblicken zu können. Und auch wenn ich an dieser Stelle bereits in der hoffentlich fernen Zukunft in Nostalgie zu schwelgen wage, so möchte ich es später nicht bereuen müssen, meinen Jakobsweg in keiner Form festgehalten zu haben.
Ich sitze jetzt im Zug und sehe mir die anderen Fahrgäste an, die zweifelsohne aus demselben Grund hier sind wie ich. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass es zu dieser Jahreszeit schon so viele Leute auf den Jakobsweg zieht. Unter ihnen gibt es bestimmt einige hartgesottene Pilgerveteranen, aber ich werde in diesem Zug bei Weitem nicht der Einzige sein, der sich zum ersten Mal auf den Jakobsweg begibt. Das macht mir Mut und lässt mich nun endgültig nicht mehr daran zweifeln, dass ich hier definitiv richtig bin. Pyrenäen? Her damit!
Unfreiwillig fange ich an zwischen den Anderen und mir Vergleiche aufzustellen. Zwar ist mein Rucksack noch nicht mal annähernd voll gepackt, aber selbst als Pilgerlaie weiß ich, dass er viel zu schwer und vermutlich auch etwas zu groß ist. Das Volumen umfasst nämlich ganze fünfundsiebzig Liter und lässt sich bei Bedarf sogar nochmal um zehn Liter erweitern. Abgesehen von meinen Wanderschuhen, deutet vermutlich auch meine Kleidung auf alles andere als einen erfahrenen Pilger hin.
Auf den zweiten Blick fallen meine Klamotten aber gar nicht mal so sehr aus dem Raster, der Größenunterschied unserer Backpacks allerdings umso mehr. Ich hatte ihn mir vergangenes Jahr hinsichtlich der einmonatigen Europareise zugelegt und bin damit bestens zurechtgekommen. Je größer der Rucksack, desto mehr nimmt man natürlich mit. Mit Proviant wog er etwa dreiundzwanzig Kilogramm. Kein Problem, wenn man sich fast ausschließlich mit dem Zug fortbewegt. Vierzig Kilometer am Tag zu Fuß gehen möchte ich damit aber nicht.
Für den Jakobsweg setzte ich mir daher zum Ziel, das Gewicht mindestens zu halbieren und nur das Allernötigste einzupacken. In meinem Fall sind das folgende Dinge: eine lange und zwei kurze Hosen, eine Jacke, zwei Funktionsshirts, ein Deutschlandtrikot, eine Mütze, eine Sonnenbrille, drei Paar Socken, vier Unterhosen, Schlafsack, ein kleines Kissen, Zahnputzzeug, Deo, Reiseapotheke, zwei kleine Handtücher, eine 1 ½ Liter Aluminiumflasche, Wanderstöcke, ein zweites Paar Schuhe, Rückflugticket, Personalausweis, etwas Lesestoff, eine Digitalkamera, eine Karte mit Höhenprofil und mein OUTDOOR Reiseführer.
Im aktuellen Zustand wird er mir auf Dauer zu schwer sein. Ich werde mich wohl oder übel schon bald von ein paar dieser bereits recht wenigen Dinge trennen müssen.
Im Zug mir schräg gegenüber sitzt Paulo Coelho, der brasilianische Schriftsteller und Autor des Weltbestsellers Der Alchimist. Natürlich ist er es nicht wirklich, aber er sieht ihm zumindest verdammt ähnlich. Neugierig und interessiert überlege ich aus welchem Land er kommen könnte. Aufgrund seines äußerst lässigen Auftretens vermute ich, dass er die Reise nicht zum ersten Mal macht. Total entspannt isst er genüsslich einen Joghurt und summt dabei irgendwas vor sich hin. Danach checkt er mehrmals sporadisch sein Handy, schaut aus dem Fenster und betrachtet die Landschaft. Als Paulo sich dann bei einem jungen Pärchen wegen einer Kleinigkeit mit »grazie« bedankt, verrät er schließlich seine Herkunft.
Volltreffer! Mein Tipp wäre italienischer Opernsänger gewesen.
Nach etwa einer Stunde und fünfzig gefahrenen Kilometern hält der Zug an. Ich steige aus dem Pilgerexpress aus und sehe wie Einige mit ihrer Kamera vermutlich ein und dasselbe Bild knipsen. Ihr Motiv ist das Schild am Bahnhofsgebäude, auf dem der Name des Orts in großen Druckbuchstaben zu lesen ist.
ST-JEAN-PIED-DE-PORT.
Für einen kurzen Moment überlege ich es ihnen gleichzutun. Allerdings kostet es mich in diesem Moment ernsthaft Überwindung, die Kamera aus dem Rucksack zu fischen, nur um ein Foto zu schießen, das es ohnehin vielfach im Internet gibt. Warum soll ich mir die Mühe machen, noch ein weiteres beizusteuern? Also lasse ich es sein. Hier auf dem Jakobsweg bin ich kein Tourist, sondern Pilger.
Und während ich so darüber nachdenke, ob es sich überhaupt gelohnt hat die Kamera mitzunehmen, schließe ich mich dem Pulk in Richtung Ortskern an. Einige Pilger sehen wirklich sehr routiniert aus und wissen offensichtlich genau wo es lang geht. Ich lasse mich ein wenig zurückfallen und folge ihnen blind.
Direkt vor mir läuft das junge Paar aus dem Zug. Erst jetzt sehe ich, dass sie den Jakobsweg nicht zu zweit, sondern mit ihrem Hund gehen werden. Genau wie die Herrchen, hat auch der kleine Vierbeiner einen eigenen Rucksack, den er tapfer auf dem Rücken trägt.
Es geht bergauf, an diversen Geschäften vorbei und Menschen, die uns einen buen camino wünschen. Auf einmal biegt die Kolonne nach links ab und betritt nacheinander ein Gebäude. Vor dem Eingang angekommen, erkenne ich, dass es sich hierbei um das offizielle Pilgerbüro handelt, in dem es ordentlich zugeht.
Ein Neuankömmling nach dem anderen wird hier mit seinem oder ihrem Anliegen abgefertigt. Alle sind natürlich scharf auf den allerersten Stempel im credencial. Sofern man noch keinen hat, kann man sich auch ohne Weiteres einen neuen Pilgerausweis ausstellen lassen. Neben Informationsblättern für die anstehende Etappe, erhalten Pilger zudem Auskunft über die lokalen Herbergen.
Ich stelle mich in die wartende Schlange und muss aufpassen, dass ich mit meinem großen Rucksack in dem engen Raum nichts umwerfe. Erneut schaue ich mir die Gesichter der Pilger an. Mit meinen zwanzig Jahren bin ich hier das Küken, so viel steht fest. Zu meiner Erleichterung kann ich aber auch einige jüngere Pilger ausmachen, die wohl in dem früheren Zug saßen. Ich frage mich, ob sie als Gruppe angereist sind oder sich hier erst kennen gelernt haben.
Bevor ich mir weitere Gedanken über sie machen kann, wird ein Platz frei und ich setze mich. Total überdreht und euphorisch möchte der Mann von mir auf Spanisch wissen, welche Sprachen ich denn spreche.
»Alemán, ingles y castellano!«, antworte ich ihm nicht weniger euphorisch.
Überglücklich informiert er sich nun wiederum auf Englisch nach meinem Anliegen.
»Ich hätte gerne einen Stempel und ein Bett.« Schon notiert er sich meinen Namen und stempelt den ersten sello in meinen Pilgerausweis. Abschließend drückt er mir noch einen gelben Zettel mit einer Nummer in die Hand. Ich solle der Frau draußen vor der Tür mit der Gruppe folgen. Bevor ich das Pilgerbüro verlasse, schnappe ich mir noch rasch eine große Jakobsmuschel aus dem Körbchen auf seinem Tisch und werfe ein paar Euro in die daneben stehende Spendenkasse. Ich habe mir sagen lassen, dass die concha del peregrino an jedem Rucksack absolute Pflicht sei.
Draußen schließe ich mich der Frau mit der wartenden Gruppe an. Als ich auf mich aufmerksam mache, gibt sie in knappen Worten zu verstehen, dass wir nun vollzählig seien und losgehen können.
Während wir der wortkargen Dame hinterherlaufen, spricht mich eine junge Pilgerin an und möchte wissen, woher ich komme. Ich stelle mich ihr kurz vor und frage sie dann dasselbe. Ihr Name ist Yoo-kyung, sie kommt aus Südkorea und ist mir auf Anhieb äußerst sympathisch. Nicht zuletzt, weil sie mir freundlicherweise auf meine unsichere Nachfrage hin ihren Vornamen buchstabiert.
Da wird mir plötzlich wieder bewusst wie sehr ich mich darauf gefreut habe, in den kommenden Tagen und Wochen Menschen aus aller Welt kennenzulernen und mit ihnen interessante Gespräche zu führen. Für Yoo-kyung ist der Jakobsweg bestimmt nicht nur eine Wanderung durch Spanien. Um den camino gehen zu können, hat sie einen wirklich weiten Weg von zuhause auf sich genommen. Noch kenne ich sie zwar nicht, aber alleine die Tatsache, dass sie hier ist, zeigt ihre Überzeugung und das finde ich bereits äußerst bemerkenswert. Für mich als Europäer dagegen ist die Reise ein Katzensprung. Sollte ich den Jakobsweg wegen irgendetwas abbrechen müssen, kann ich innerhalb weniger Stunden einfach nachhause fliegen. Diese Möglichkeit hat Yoo-kyung nicht.
Lange können wir uns nicht unterhalten, denn da stehen wir schon vor der Herberge, in der wir heute Nacht Quartier beziehen werden. Wir zeigen der Frau unsere Nummer auf dem Zettel und sie weist uns den Weg in die Schlafräume. Dort angekommen, stelle ich glücklich fest, dass die gesamte junge Meute von vorhin im selben Zimmer nächtigt wie ich. Das freut mich, da ich auf diese Weise auch den Rest von ihnen kennenlerne. Wir legen unsere Rucksäcke ab und stellen uns dann nacheinander vor.
Ein junger Kerl, dessen Gesicht und dunkle, lockigen Haare mir irgendwie bekannt vorkommen, macht den Anfang. Er heißt Luis und läuft den Weg mit seiner Freundin Claire. Sie sind sechsundzwanzig Jahre alt und wohnen zusammen in Texas. Bevor sie die nächste Stufe in ihrer langjährigen Beziehung nehmen, wollen sich die beiden mit dem Jakobsweg nochmal gemeinsam vor eine große Herausforderung stellen. Da Luis gebürtig aus Mexiko stammt, sprechen beide neben Englisch, auch fließend Spanisch. Muy bien, denke ich mir und freue mich schon bald meine Kenntnisse meiner bevorzugten Fremdsprache weiter ausbauen zu können.
Danach sind zwei Jungs an der Reihe, die ebenfalls aus Südkorea kommen, aber etwas älter sind als Yoo-kyung. Sie kennen sich untereinander nicht, jeder von ihnen ist alleine angereist. Die Namen der Jungs finde ich nochmals etwas schwieriger auszusprechen, geschweige denn aufzuschreiben. Das werde ich dann bei späterer Gelegenheit nachholen.
Mit ihrer etwas schüchternen Art hält sich Yoo-kyung recht kurz. Nach unserem knappen Gespräch vor wenigen Minuten, erfahre ich nun allerdings noch, dass sie nach dem Jakobsweg noch eine Reise nach Dublin anschließen wird.
Als nächstes stellt sich der wohl äußerlich Auffälligste in der Gruppe vor. Auffällig deshalb, da er neben einem Nasenpiercing, an beiden Ohren auch große Tunnels trägt. Sein Name ist Mark, er kommt gebürtig aus Kolumbien und lebt in den Niederlanden. Er spricht natürlich ebenfalls Spanisch, aber auch fließend Holländisch und Englisch. Auch Mark macht einen sehr sympathischen Eindruck auf mich.
Zuletzt stelle ich mich noch in feinstem Schulenglisch namentlich vor und erzähle, dass ich in den USA geboren und in Deutschland aufgewachsen bin. Da ich nie gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehe, halte auch ich mich recht kurz. Meine Spanischkenntnisse möchte ich dann aber doch nicht unerwähnt lassen: »… pero solo un poquito.«
Wie in einer anonymen Selbsthilfegruppe, heißen mich meine neuen Pilgerfreunde im Einklang willkommen: »Hey, Dominik.«
Zufrieden schauen wir in die Runde und stellen fest, dass wir »multicultural« sind.
Wir bereiten unsere Betten, befestigen die Jakobsmuscheln an unseren Rucksäcken und gehen anschließend gemeinsam zum supermercado etwas Proviant für die morgige, erste Etappe einkaufen. Dabei unterhalten wir uns viel und lernen uns besser kennen. Ich schätze mich äußerst glücklich, von Beginn an in Gesellschaft von sympathischen Mitstreitern zu sein.
Auf dem Weg zurück zur Herberge erzähle ich Luis, dass er mich an irgendeinen Schauspieler erinnern würde: »I just don’t know which one…«
Als ob er das nicht zum ersten Mal gehört hätte, fragt er grinsend: »Are you sure?«
Mark geht es offensichtlich genauso wie mir. Doch dann fällt es ihm ein: »Now I know! You look a lot like Legolas from The Lord of the Rings! You know, the Orlando Bloom character?«
Er hat Recht, an den habe ich auch gedacht. Luis fängt an zu lachen und behauptet, dass es wohl auch schon viele Leute gegeben hätte, die in ihm Justin Timberlake oder Harry Potter sehen würden. »But I’m fine with Legolas«, scherzt er und hat offensichtlich keine Einwände gegen seinen neuen Spitznamen, auf den wir Luis nach nicht mal zwei Stunden seit unserem Kennenlernen taufen.
Bestens gelaunt beschließen wir in ein Restaurant zu gehen und gemeinsam zu Abend zu essen. Also legen wir die Einkaufstüten in unserem Zimmer ab und begeben uns auf die Suche nach einer guten Adresse.
Nachdem wir einige in die engere Auswahl ziehen, entscheiden wir uns letztlich für einen lecker anmutenden Italiener. Auf der Terrasse schieben wir drei Tische zusammen, sodass wir nebeneinander Platz nehmen können. Um gleich mal auf unsere erfolgreiche Ankunft in diesem schönen Örtchen und den morgigen Beginn unserer Pilgerfahrt anzustoßen, bestellen wir Wein und Bier. Die Wahl des Essens fällt nicht ganz so leicht. Einige von uns wagen es bereits das Pilgermenü für zehn Euro zu bestellen. Ich dagegen kann nach längerer Überlegung der Pizza Prosciutto nicht widerstehen.
Es wird der erste Gang des Pilgermenüs serviert. Suppe. Suppe mit irgendetwas nicht genau Identifizierbarem darin. Ob es Fleisch oder Gemüse ist, lässt sich leider weder äußerlich noch geschmacklich so richtig feststellen. Jeder darf mal davon probieren. Der Gesichtsausdruck danach ist bei allen gleich. Das sorgt in der Gruppe für großes Gelächter. Keiner denkt auch nur daran zu reklamieren, dass die Suppe absolut ungenießbar ist. Einer der beiden Südkoreaner isst sie am Ende sogar ganz tapfer auf, sieht aber nicht wirklich glücklich dabei aus.
Anschließend kommt der zweite Gang. Fleisch. Ähnliche Enttäuschung, deutlich mehr als die Hälfte bleibt wieder übrig. Erneut werden Teller einander gereicht. Jeder von uns verzieht das Gesicht und stellt ein weiteres Mal fest, dass dieses Pilgermenü »disgusting« ist. Bis auf den Südkoreaner isst hier keiner auf.
Dann bekomme auch ich endlich meine Pizza und bin froh, dass ich diese bestellt habe. Sie sieht nicht nur appetitlich aus, sondern schmeckt auch ganz gut. Zumindest werde ich davon satt und kann auch noch den Anderen davon abgeben.
Mit dem Nachtisch des Pilgermenüs verhält es sich wie mit den zwei Gängen zuvor. Auch hier trauen sich ein paar Tapfere zu kosten, dieses Mal lässt aber auch der wohl Hartgesottenste unter ihnen sein Dessert nach zwei Bissen stehen. Zwei einfache Kugeln Schokoladeneis hätten es in meinen Augen getan, aber hier hat es der Koch wirklich zu gut mit uns angehenden Pilgern gemeint.
Wenigstens lassen wir uns den Wein und das Bier schmecken. Davon bestellen wir gleich nochmal nach, um auch ja gut schlafen zu können. Trotz der Enttäuschung bei den Pilgermenügerichten, könnte die Stimmung nicht besser sein. Wir können es kaum abwarten, morgen den ersten Fuß auf den Jakobsweg zu setzen.
Mehr angetrunken als gesättigt, werfen wir noch einen kurzen Blick in die Kirche von Saint-Jean und torkeln anschließend zurück zur Herberge.
Das war ein sehr gelungener Abend, nun kann ich die Augen aber kaum mehr offen halten. Schließlich bin ich jetzt seit über vierzig Stunden ohne Schlaf. Irgendwie gelingt es mir noch auf das Stockbett zu klettern, bevor ich total erschöpft eindöse.
heute: ca. 1.480 km (mit dem Bus) | verbleibend: 800 km (zu Fuß)

Navarra

05. April 2012: Roncesvalles

An diesem Morgen wache ich total verwirrt auf. Ich habe keine Ahnung, wo ich hier bin und woher das Tröten, Piepsen und die Musik kommt? Leicht panisch versuche ich die Uhrzeit von meiner Armbanduhr abzulesen. Das helle Display blendet mich und ich brauche ein paar Sekunden bis ich die Ziffern erkennen kann. 05:00. Das kann nicht sein. Steht die nicht noch auf Winterzeit? Also ist es sechs Uhr morgens. Aber was zur Hölle ist hier los? Wo bin ich?
Mit einem Mal wird es verdammt hell. Im ersten Moment sehe ich nur verschwommen. Dann gelingt es mir ein paar silhouettenhafte Gestalten auszumachen, die merkwürdig gähnende Geräusche von sich geben. Ich versuche zu verstehen, was hier vor sich geht.
Plötzlich wird mir alles klar. Wo ich hier bin, was hier los ist und wer diese Leute sind. Ich liege hier im Schlafsaal einer Herberge in Saint-Jean-Pied-de-Port, werde heute meine Reise auf dem Jakobsweg beginnen und diese vermeintlich fremden Menschen sind meine ersten Pilgerfreunde.
Nach dieser Erkenntnis macht jemand das Licht wieder aus. Erleichtert lasse ich mich in mein Kissen plumpsen. Ich bin noch viel zu müde, um jetzt die Pyrenäen zu überqueren. Lasst mich schlafen!
Viel mehr Schlaf wird mir nicht gewährt, denn nur eine halbe Stunde später höre ich erneut diverse Wecker im Raum Lärm machen. Dieses Mal stehen aber auch ihre Besitzer auf. Ein weiteres Mal wird der Schalter für die grelle Deckenlampe betätigt. Alles andere als hellwach, quäle ich mich dann auch irgendwie aus dem Bett, ziehe meine Schuhe an und schwanke im Halbschlaf zum comedor, der Essstube, wo es hoffentlich ein anständiges Frühstück gibt. Ich habe Hunger und da ich keinen Kaffee trinke, wünsche ich mir leckere, warme Semmeln mit Eiern, Käse, Schinken und Nutella, um Energie für die erste Etappe zu tanken. Es gibt ja Brunch-, Lunch- und Dinner-Typen. Ich bin auf jeden Fall mehr so der Breakfast-Typ. Zudem sagt man ja auch, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit am Tag ist.
Leider ist der Begriff Mahlzeit mit dem, was uns hier aufgetischt wird, völlig überbewertet. Das vermeintliche Frühstück entpuppt sich lediglich als zwei Scheiben labberiges Toastbrot mit Butter und längst abgelaufener Marmelade. Dazu gibt es eine Tasse Tee oder wahlweise Kaffee. Alles nicht allzu lecker, aber der Hunger treibt es rein.
Nach dem enttäuschenden Frühstück weicht der Hunger und macht Platz für die aufkommende Nervosität. Gleich ist es soweit und es geht los mit unserer allerersten Etappe auf dem Jakobsweg.
Zurück im Zimmer stehen einige Pilger bereits in den Startlöchern. Also packe auch ich schnell meinen Rucksack, schmiere meine Füße zur Prophylaxe mit einer Antiblasencreme ein und ziehe mir meine Wanderboots an. In weiser Voraussicht, dass es auf knapp eintausendfünfhundert Meter geht, trage ich heute den Zwiebellook. Mein Reiseführer behauptet, dass dieser auf der Etappe total angesagt sei. Zudem hält er mich nicht nur warm, sondern macht meinen Rucksack auch ein paar Gramm leichter. Praktisch.
Yoo-kyung, ihre zwei Landsmänner, deren Namen ich nach wie vor nicht richtig kenne, und Mark sind bereit. Ich habe meinen Backpack auch schon auf dem Buckel. Luis und Claire lassen es etwas ruhiger angehen. Wir sollen schonmal ohne sie loslaufen. Da wir ohnehin dasselbe Tagesziel haben, verabschieden wir die beiden hoch motiviert mit: »Buen camino! See you in Roncesvalles.«
Gleich als wir die Herberge verlassen, stellt uns der Jakobsweg bereits vor eine erste Entscheidung. Es gibt zwei mögliche Routen, um zu unserem heutigen Etappenziel Roncesvalles zu gelangen. Von der Distanz und dem Höhenprofil unterscheiden sie sich nur geringfügig. Jedoch verläuft der eine Weg überwiegend an der Landstraße entlang und der andere direkt über die Pyrenäen.