Unter blühenden Magnolien - W. C. Heinz - E-Book

Unter blühenden Magnolien E-Book

W. C. Heinz

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Beschreibung

1944 marschiert der damals 29-jährige Heinz – gemeinsam mit Ernest Hemingway – als einer der ersten amerikanischen Kriegsreporter mit den US-Truppen über Belgien nach Deutschland ein. Seine zahlreichen Depeschen, die er in den Wochen zwischen September 1944 und Februar 1945 aus dem Hürtgenwald nach Hause an die New York Sun kabelte, sind nicht nur eindringliche Augenzeugenberichte. Sie sind Shortstorys, von eindringlicher Prägnanz und großer poetischer Kraft. In ihrer Konzentration auf individuelle Schicksale und der von Hemingway beeinflussten Lakonie lassen sie schon die Reporterlegende erkennen, zu der Heinz nach dem Krieg in den USA werden sollte. Am 6. Juni 2019 jährt sich zum 75. Mal die Landung der Alliierten in der Normandie. Der D-Day bildete einen der Wendepunkte in der europäischen und insbesondere der deutschen Geschichte. Heute gibt es so gut wie keine Zeitzeugen mehr, die von jenen dramatischen Wochen, Tagen und Stunden berichten können, als Nazi-Deutschland endgültig besiegt wurde. Umso mehr sind wir heute auf literarische Zeugnisse angewiesen, und wie so oft ist hier der Blick von außen besonders erhellend: Zumal wenn der, der da von außen blickt, ein so kluger, einfühlsamer und sprachgewandter Beobachter ist wie der amerikanische Journalist W. C. Heinz.

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W.C.HEINZ

Unter blühenden Magnolien

KRIEGSREPORTAGEN

Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von

Wilfred Charles Heinz, 1915 bis 2008, gilt in den USA als Reporterlegende. Als Co-Autor schrieb er mit am Erfolgsroman MASH, als Sportjournalist war er regelmäßig in SPORT, LIFE, The Saturday Evening Post, Esquire, True, Collier’s und Look zu lesen. 2001 wurde Heinz in die National Sportscasters and Sportswriters Association Hall of Fame aufgenommen und 2004 in die International Boxing Hall of Fame.

Dominik Fehrmann, geboren 1971, übersetzt Romane, Sachbücher und journalistische Texte aus dem Englischen. Er lebt in Berlin. 2017 erschien bei Steidl der von ihm herausgegebene und übersetzte Sportreportagenband Die stille Saison eines Helden. Die besten amerikanischen Sportgeschichten.

INHALT

Cover

Titel

Über den Autor

DEPESCHEN

Fahrt nach Mons im Mondschein (4. September 1944)

Belgier bitten Yanks um Waffen (7. September 1944)

Deutsche zu gehetzt, um Tote zu begraben (19. September 1944)

Sun-Reporter in erobertem Bunker (5. Oktober 1944)

Kirchgang bei Geschützdonner (16. Oktober 1944)

Einfallstor nach Aachen verriegelt (22. Oktober 1944)

Dawson hält Stellung vor Aachen (23. Oktober 1944)

Fronturlaub zu vergeben (24. Oktober 1944)

Infanterie stapft durch den Regen an die Front (13. November 1944)

GIs in deutscher Kirche (20. November 1944)

Im Hürtgenwald (5. Dezember 1944)

Yanks ziehen los zum Angriff (18. Dezember 1944)

GIs hören Nazis ab (19. Januar 1945)

Deutscher Profiboxer gefangen (1. Februar 1945)

Vernehmung gefangener Nazis (2. Februar 1945)

Jene erste Nacht an der Front (14. Februar 1945)

Captain hilft verliebter Russin (23. Februar 1945)

Stadtführung durch Köln (7. März 1945)

Geburtshilfe an der Front (16. März 1945)

Leichen von 2.500 Nazi-Opfern entdeckt (12. April 1945)

Unter blühenden Magnolien (18. April 1945)

Heinz lernt russische Trinksitten kennen (30. April 1945)

Reaktionen auf Hitlers Tod (2. Mai 1945)

ERINNERUNGEN

Der Morgen, an dem sie die Spione erschossen (1949)

Letzte Tage und Stunden (1979)

Spuren eines Krieges (1964)

NACHWORT

Impressum

DEPESCHEN

FAHRT NACH MONS IM MONDSCHEIN

MONS, BELGIEN, 4. SEPTEMBER 1944 – Als Kriegsreporter lernst du eine Menge Leute kennen, und einige von ihnen bleiben dir in Erinnerung und einige von ihnen vergisst du. Aber wie lange du auch lebst, immer wird dir der Major in Erinnerung bleiben, der dich nach Mons gefahren hat.

Es war Samstagabend. Es war kaum sechs Stunden her, dass du mit der Hauptkolonne der US-Panzertruppen die belgische Grenze überquert hattest, und die Einheit, mit der du unterwegs warst, biwakierte etwa acht Kilometer vor Mons, während einige Panzer weitergefahren waren, um die Stadt einzunehmen.

Du warst nicht weitergefahren, weil du an diesem Tag schon einen langen Weg hinter dir hattest und verdreckt und müde warst. Außerdem hattest du ein Haus gefunden, in dem es ein freies Doppelbett mit sauberer Bettwäsche gab und in dem die Bewohner ihre Befreiung feierten und dich gebeten hatten zu bleiben. Da konnte Mons warten.

Das würde herrlich sein, dachtest du, zumal du so übereilt aufgebrochen warst, dass du nun ohne Schlafsack dastandst, und außerdem ist Bettwäsche ein Luxus, für den man im Krieg fast alles gäbe. Und als du über die Bettwäsche sprachst und darüber, wie herrlich das sein würde, lerntest du den Major kennen, der sagte, er habe schon seit Ewigkeiten nicht mehr in Bettwäsche geschlafen. Also ludst du ihn ein, neben dir zu schlafen, und er nahm an.

Ihr beiden gingt zum Haus und holtet einen Krug voll Wasser. Ihr wuscht und rasiertet euch beim Licht einer Taschenlampe, und dann gingt ihr zurück zum Gefechtsstand, um zu hören, welche Nachricht es von der Vorhut gab. Nach einer Weile kam die Meldung, dass die Panzer Mons erreicht hätten und in der Stadt ausgiebig gefeiert werde.

Und dann fandst du, dass es doch eine ziemlich gute Story wäre, in Mons mit dabei zu sein, der ersten belgischen Stadt, in die US-Truppen eingerückt waren.

Es war nett vom Major, wie du jetzt weißt, dass er dir anbot, dich nach Mons zu fahren. Er sagte nur, wenn du wolltest, würde er dich hinfahren, und dann saßt ihr da und spracht über die Chancen, es bis nach Mons zu schaffen, und der Major redete ganz offen.

Er erklärte, dass unsere Panzer zwar in Mons seien, er aber nicht sagen könne, wie es mit der Straße dorthin aussehe. Zweifellos gebe es beiderseits der Straße Deutsche, an denen unsere Panzer vorbeigefahren seien. Er wies auf den hellen Mondschein hin, aber er sagte, wenn du wolltest, würde er dich hinfahren.

Und irgendwie wusstest du, dass er das hinbekommen würde, weil du wusstest, dass er einer dieser Kerle war, die alles hinbekommen, sogar im Krieg.

Er war ein sanftmütiger Kerl, dieser Major, aber er war einer dieser Kerle, in deren Beisein man sich sicher fühlt, ganz gleich, wohin sie einen mitnehmen. Er kam irgendwo aus den Carolinas, und er war ein junger, schlanker, zäher, gut aussehender Kerl mit blauen Augen und leiser Stimme und dieser Ausstrahlung, alles hinzubekommen.

Also beschlosst ihr, in den Jeep zu steigen und nach Mons zu fahren. Es war eine Fahrt, die dir immer in Erinnerung bleiben wird, so wie dir der Major immer in Erinnerung bleiben wird.

Vorm Losfahren legte der Major seinen Karabiner zwischen die Sitze, aber er sagte kein Wort, und schon wart ihr draußen auf der Straße. Es war eine jener herrlich silbrigen Nächte. Es war fast Vollmond, und es ging eine leichte Brise, und zu beiden Seiten der Straße sangen die Pappeln, genauso, wie sie auch in den Vereinigten Staaten singen.

Und obwohl der Weg hier und da von dunklen Waldstücken gesäumt wurde, war dir nicht bange, weil du wusstest, dass der Major einer dieser Kerle war, mit denen man überallhin fahren kann.

Als ihr in Mons ankamt, war da gar nichts los. Am Stadtrand standen die Panzer, aber im Zentrum war kein Geräusch zu hören und kein Mensch zu sehen, nur Schatten und Mondlicht auf den steinernen Fassaden der Häuser. Etwa zehn Minuten lang fuhrt ihr langsam durch die Stadt und dann zurück.

Auf dem Rückweg spracht ihr über vieles. Ihr spracht über den Mond, von dem der Major sagte, es sei ein Carolina-Mond. Du sagtest, es sei ein Vermont-Mond, und dann spracht ihr darüber, wie herrlich es sein würde, in Bettwäsche zu schlafen.

Unterwegs kamt ihr wieder an dunklen Waldstücken vorbei, aber du wusstest, dass nichts passieren würde, denn du hattest das Gefühl, dass du mit dem Major überallhin fahren könntest.

Es war eine herrliche Fahrt durch die kühle, silbrige Stille jener Nacht, und als ihr im Camp ankamt, bedauertest du, dass es vorbei war. Ihr hattet den Jeep gerade geparkt und wart dabei, ihn mit Zweigen zuzudecken, als ein GI ankam und sagte, dass der Colonel den Major sprechen wolle.

»Warten Sie nicht auf mich«, sagte der Major. »Hauen Sie sich aufs Ohr, aber lassen Sie mir etwas Platz, ich bin nämlich hundemüde.«

Dann folgte der Major dem GI, und du gingst ins Haus und legtest dich ins Bett, und jetzt kommt es dir so vor, als seist du sofort eingeschlafen. Als du aufwachtest, war es nach sechs, und du konntest draußen die Motoren laufen hören. Erst hattest du den Major völlig vergessen, doch dann sahst du sein Rasierzeug und seine Zahnbürste, und du hattest ein komisches Gefühl, obwohl du dir mehrmals sagtest, das sei albern, weil der Major nicht einer jener Kerle war.

Du gingst zum Gefechtsstand, und dort erzählte es dir einer der Captains. Er sagte, der Major und ein Lieutenant hätten noch einmal nach Mons fahren müssen. Als sie auch am Morgen nicht wieder zurück waren, hatte man einen Sergeant die Straße hinunter geschickt, und der hatte am Straßenrand den Jeep gefunden, von Kugeln durchsiebt, und dann hatte er unweit in einem Graben die Leichen des Majors und des Lieutenants gefunden.

Da gingst du zurück in das Zimmer und suchtest die Sachen des Majors zusammen und gabst sie dem Militärpfarrer. Und auch jetzt kannst du es noch nicht glauben. Weil dir nämlich der Major, der dich nach Mons gefahren hat, immer als einer dieser Kerle in Erinnerung bleiben wird, die alles hinbekommen, sogar im Krieg.

BELGIER BITTEN YANKS UM WAFFEN

MIT DEN US-PANZERTRUPPEN IN BELGIEN, 7. SEPTEMBER 1944 – Die völlige Zerschlagung der deutschen Armeen in Frankreich macht den Kampf um Belgien vergleichsweise zu einem Spaziergang. Im Moment fahren die US-Panzertruppen, sieht man von kleinen Widerstandsnestern ab, praktisch ungehindert durchs enge Tal der Maas, ein Gelände, das die Deutschen, hätten sie noch irgendwelche Kräfte, in eines der blutigsten Schlachtfelder dieses Feldzugs verwandeln könnten.

Während die US-Panzerkolonnen beiderseits der Maas in Richtung deutscher Grenze rollen, wird dir unweigerlich klar, was die Deutschen hier anrichten könnten, wenn sie dazu noch in der Lage wären. Über euch erhebt sich eine durchgehende Kette von Hügeln und steilen Felswänden, und es ist kaum zu glauben, dass ihr an dieser natürlichen Befestigung praktisch ohne Gegenwehr vorbeizieht.

Eigentlich rechnest du jeden Moment damit, dass die Deutschen irgendwo entlang dieser Höhen das Feuer eröffnen, aber es geschieht nicht, und ihr rückt stetig vor, nicht etwa von Gefecht zu Gefecht, sondern von Jubelfeier zu Jubelfeier.

Auf ihrem Vormarsch durch Namur, Andenne und Huy sind die Jungs dieser Panzerdivision der 1. US-Armee von der begeisterten Bevölkerung immer wieder mit Blumen und Küssen überhäuft worden. Und sie haben euphorische Berichte von der völligen Demoralisierung der vertriebenen Deutschen gehört. In vielen Fällen haben sich die Deutschen kaum eine Stunde vor Ankunft unserer Vorhut überhastet zurückgezogen, entweder in kaum noch fahrbereiten Autowracks oder zu Fuß in die Wälder.

Dennoch ist diese Art Vormarsch nicht ganz unkompliziert. So ist den Mitgliedern der belgischen »Weißen Armee«, der hiesigen Bürgermiliz, nur schwer zu erklären, dass man keine Zeit hat, jene Deutschen gefangen zu nehmen, die sich nachweislich in den Wäldern versteckt halten. Ebenso schwer zu erklären ist, dass man im Augenblick keine Waffen entbehren kann, mit denen sie losziehen und sich die Deutschen selbst holen könnten.

Das ist deshalb schwer zu erklären, weil der Krieg in der Vorstellung dieser Männer und Jungen eine simple Sache ist. Sie meinen, der Krieg wäre vorbei, wenn man nur genug Deutsche umbrächte. Sie sagen dir, sie wüssten genau, wo Deutsche sind, und gäbe man ihnen genug Waffen, um diese Deutschen umzubringen, wäre der Krieg hier und jetzt vorbei. Es ist nicht leicht, diesen fast schon hysterischen Menschen die Dinge zu erklären.

Es ist auch nicht leicht, diesen überglücklichen Menschen zu erklären, dass es besser wäre, sich mit dem Feiern zurückzuhalten. Es gibt in dieser Panzerkolonne einen französischen Verbindungsoffizier, zu dessen Aufgaben es gehört, den Leuten zu raten, noch keine Fahnen rauszuhängen oder Armbinden anzulegen, sondern damit bis zum Eintreffen der US-Infanterie zu warten. Es gab Fälle, in denen Deutsche in unserem Rücken erneut in Städte eingedrungen sind und Feiernde ermordet haben, doch in der Stunde ihrer Befreiung lassen sich diese Menschen nicht zügeln.

Es ist auch schwer, ihnen zu erklären, warum man nicht anhalten und mitfeiern kann. Immer wieder musst du an diesen Zwischenfall in einer Kleinstadt denken, als plötzlich aus der jubelnden Menge ein Mann aufs Trittbrett eines fahrenden Jeeps sprang.

Dieser Mann war ganz in Schwarz gekleidet, mit schwarzer Fliege und schwarzem Hut, und du versuchtest, ihn abzuwimmeln, aber er fuchtelte weiter mit seinem freien Arm herum und rief immer wieder, dass er der Bürgermeister sei. Während sich der Jeep langsam durch die Menge schob, sagtest du ihm, wie erfreut du seist, den Bürgermeister kennenzulernen, aber dass er nun absteigen müsse.

»Aber ich bin der Bürgermeister, ich bin doch der Bürgermeister«, rief er immer wieder. »Sie müssen zum Rathaus kommen und mitfeiern. Sie müssen.«

Es brauchte einige Zeit, um den Bürgermeister vom Jeep herunterzubekommen, aber kaum einen Kilometer weiter war er schon wieder da, stand wieder auf dem Jeep und rief, dass er der Bürgermeister sei und man zum Rathaus kommen und mitfeiern müsse. Auch Spaziergänge haben ihre anstrengenden Momente.

DEUTSCHE ZU GEHETZT, UM TOTE ZU BEGRABEN

MIT DER 1. US-ARMEE IN DEUTSCHLAND, 19. SEPTEMBER 1944 – In einem dunklen Kiefernwald auf der Siegfriedlinie summieren sie heute für Deutschland den Preis zweier Kriege. Was die Amerikaner hier erledigen, ist gewissermaßen eine simple Additionsaufgabe, denn sie fügen den Vätern von 1914 die Söhne von 1944 hinzu.

Es ist ein wunderschöner Wald, dieser rheinische Wald, der mitten auf dem breiten Streifen der Siegfriedlinie liegt. Es ist einer dieser dunklen, kathedralenartigen Orte, an dem alte Kiefern kerzengerade in Reihen stehen.

Dieser Krieg ist anders als der vorherige. Es ist ein Krieg, in dem die Amerikaner diejenigen sind, die den deutschen Vätern die deutschen Söhne hinzufügen, weil die Deutschen dafür keine Zeit haben.

Als du heute mitten in diesem deutschen Wald auf diesen deutschen Friedhof gestoßen bist, warst du wie geblendet von dem Weiß verputzter Wände, das unterhalb des Dunkelgrüns der Bäume aus der Düsternis hervorstach. Es war ein spanisch anmutender Ort, mit Portiken und Rundbögen, und als ihr darauf zufuhrt, hoppelte ein weißes Kaninchen vor eurem Jeep über den Weg, und der Fahrer bremste, um es vorbeizulassen. Denn sogar im Krieg bremsen Menschen, um ein Kaninchen vorbeizulassen, obwohl über den Köpfen die Granaten jaulen.

Gegen die weißverputzten Wände hob sich das Grün geometrischer Hecken ab, und unter den Portiken standen Amerikaner mit Gewehren über der Schulter oder in der Hand. Es war eine Infanteriekompanie, und sie erzählten dir, dass sie am vorigen Abend in diesen deutschen Friedhof eingerückt waren.

Du gingst eine Säulenhalle entlang und hinein, und dort sahst du, wofür die Deutschen in diesem Krieg keine Zeit haben, weil sie so gehetzt sind.

Auf dem grauen Steinfußboden standen Töpfe mit Strauchpflanzen und dahinter fünfzehn braune Holzsärge. Darin lagen deutsche Söhne, die den deutschen Vätern nicht hinzugefügt worden waren, weil die Deutschen dafür keine Zeit gehabt hatten.

Du wusstest nicht, wie lange diese deutschen Söhne dort schon in ihren Särgen lagen, aber es mussten mehrere Tage gewesen sein. An jeden Sarg war mit Reißzwecken ein weißes Pappschild geheftet, auf dem der jeweilige Name stand, immer in derselben deutschen Schrift, und auf einem der Särge lag ein welkendes Gebinde roter und weißer Dahlien mit einem weißen Band, auf dem in deutschen Lettern stand: »Unserem Kameraden ein letzter Gruß«.

Aus diesem Raum gingst du in einen Flur mit mehreren Türen. Hinter einer der Türen sahst du zwei Deutsche auf Bahren liegen, die aus Ästen und aus Latten von Holzkisten bestanden, und man hatte ihnen graue deutsche Decken über die Gesichter gezogen, genau wie über die Gesichter der Deutschen, die vorne in den Särgen auf dem grauen Steinfußboden lagen, weil die Deutschen keine Zeit gehabt hatten.

Als du schließlich aus der Säulenhalle heraustratst und den Schotterweg hinuntergingst, ließest du die Söhne hinter dir. Dieser Weg war der Weg ihrer Väter, und er war gesäumt von niedrigen immergrünen Pflanzen und Lorbeersträuchern, deren Blätter vor Feuchtigkeit glänzten. Bei den Vätern angelangt, konntest du unschwer erkennen, dass sie diesen Weg schon vor langer Zeit gegangen waren. Auf ihren Grabsteinen, inmitten von Büschen, standen Jahreszahlen – 1914, 1916, 1918 –, aber man brauchte gar nicht auf die Daten zu schauen, denn der graue Granit der Grabsteine war längst an einigen Stellen schwarz und an anderen grün geworden.

All diese Gräber waren mit Efeu bewachsen, und auf mehreren standen Töpfe mit Begonien. Auf einigen lagen Sträuße vertrocknender Gladiolen, Astern und Zinnien. Und droben, über den hoch aufragenden Kiefern, jaulten noch immer die Granaten, denn das hier war noch immer die Front.

Du erinnerst dich an einen Grabstein, in den ein ovales Porzellanschild eingelassen war, auf dem in brauner Farbe die uniformierte Gestalt dieses Vaters von 1916 abgebildet war. Und du erinnerst dich an einen anderen Grabstein, dessen Aufschrift teils alt, teils neu war, weil sie am 12. April 1943 den Sohn aus Nordafrika hierher zurückgebracht hatten, um ihn dem Vater hinzuzufügen.

Eine Viertelstunde gingst du zwischen den Gräbern der Väter umher, während droben die Granaten jaulten, und dann machtest du kehrt, und wo die Gräber der Väter aufhörten, gab es unter den Bäumen noch etwas anderes. Es war ein efeubedecktes Grab am Fuß einer Granitsäule. In die Säule war die Gestalt eines Mannes gehauen, der eine Fahne in der Hand hielt. Die Hemdsärmel des Mannes waren hochgekrempelt, und um den rechten Arm trug er eine Hakenkreuzbinde, und auch die Fahne in seiner linken Hand zeigte ein Hakenkreuz.

Dieser Mann war kein Vater, und er war kein Sohn. Er war ein Braunhemd, der Anfang der Dreißigerjahre bei einem der gescheiterten Putschversuche ums Leben gekommen war, und deshalb verwunderte es nicht, ihn genau hier vorzufinden, wo die Väter aufhörten und die Söhne begannen.

So also stehen die Amerikaner, während droben die Granaten jaulen, in diesem dunklen Kiefernwald auf der Siegfriedlinie vor einer seltsamen Aufgabe. Ihnen obliegt es, den Vätern von 1914 die Söhne von 1944 hinzuzufügen und für Deutschland den Preis zweier Kriege zu summieren.

SUN-REPORTER IN EROBERTEM BUNKER

IN EINEM BUNKER AUF DER SIEGFRIEDLINIE, 5. OKTOBER 1944 – Als die Yanks die Stahltür mit einer Bazooka aufsprengten und die Deutschen sich ergaben, fand man drinnen drei verwundete und einen toten Deutschen. Als du jetzt bei Regen und Dunkelheit dort hineinstolpertest, saßen die Yanks im gelben Licht einer Kerze um einen mit Goldbrokatstoff bedeckten Tisch, während auf einem deutschen Grammophon deutsche Schallplatten liefen, und die Deutschen ließen dauernd das im Nebenraum stehende Telefon klingeln.

»Schlaumeier, diese Nazis«, sagte ein junger Captain. »Die wissen, dass wir hier drin sind, und trotzdem lassen sie dauernd dieses Telefon klingeln. Vielleicht sollen wir drangehen, damit sie ganz sicher sein können. Oder wir sollen drangehen, weil es eine Sprengfalle ist. Aber wir gehen nicht dran.«

Also klingelte nebenan das Telefon immer wieder von Neuem, mit einem metallisch-dumpfen Ton, und jener Captain, nämlich Captain Albert Burton aus Worcester in Massachusetts, sagte, die Yanks hätten etwas in die Glockenschale gestopft, weil es einfach zu laut gewesen sei. Einigen Jungs sei es irgendwann auf die Nerven gegangen, aber jetzt mache es ihnen nichts mehr aus.

Heute morgen bei Tageslicht hast du festgestellt, dass dieser Bunker halb in einen Abhang eingegraben ist, an einer Straße gegenüber einem ehemaligen Hotel aus rotem Backstein. Als sie dich gestern herführten, im Regen und in der Dunkelheit, konntest du nicht einmal den Abhang erkennen. Sie sagten dir immer wieder, dass du auf dem schlammigen Weg bleiben solltest, weil es zu beiden Seiten Minen gebe, aber du konntest nicht einmal den schlammigen Weg erkennen, und du verstehst noch immer nicht, wie sich die Jungs hier in solchen Nächten überhaupt zurechtfinden.

Auch als sie dich an der aufgesprengten Stahltür und dem Wachposten vorbei in den engen Gang geführt, die innere Stahltür geöffnet und dich eingelassen hatten, konntest du nichts erkennen. Es war so feucht, dass deine Brille beschlug, und so nahmst du sie ab, und die Yanks machten das Grammophon aus, und ihr gabt euch die Hände, und dann führte Captain Burton dich herum.

Im nächsten Raum war es nahezu stockfinster, aber du konntest etwa zwanzig Jungs ausmachen, die in dreistöckigen, bis zur Decke reichenden Stahlrohrbetten schliefen. An diesen Raum schloss sich ein sehr kleiner an, der zu einer Art Nachrichtenzentrum umfunktioniert worden war, und ein paar GIs saßen dort bei Kerzenschein auf dem Boden um ein Funkgerät herum.

»Jetzt geht’s wieder los«, sagte der Captain, und du verstandst nicht, woher er das so früh wusste, aber kaum hatte er es gesagt, hörtest du das Jaulen und spürtest den Luftstoß, und dann gab es einen Knall und noch einen und noch einen und noch einen und noch einen, und es schien, als würden nicht nur der Bunker und der Erdboden drumherum, sondern auch die Häuser auf der anderen Straßenseite durchgerüttelt.

»Wie ich schon anmerkte«, sagte der Captain, »diese Nazis sind verrückt. Sie versuchen, die provisorische Brücke zu treffen, die unsere Pioniere da hinten gebaut haben. Jedes Mal, wenn sie etwas hinüberrollen hören, feuern sie drauflos. Sie verschwenden viel Zeit und Material.«

»Mir wurde eingebläut, dass Bunker steinerne Särge sind«, sagte Lieutenant Herbert Avery aus Queens Village, 89-32 210th Place, und dann hörte das Knallen und Rütteln und Beben allmählich auf. Du setztest dich an einen Tisch unters Licht zweier in Weinflaschen steckender Kerzen, und Major Ben Ammons aus Jackson in Tennessee holte eine Karte hervor und zeigte dir, wie sie den Fluss überquert und die Pioniere eine provisorische Brücke gebaut hatten, während das Flusstal unter ständigem Beschuss der Jerrys stand. Und dann erklärten sie dir, wie sie in den Bunker eingedrungen waren, und wie die Jerrys noch von Raum zu Raum gekämpft hatten, denn dafür ist der Bunker gebaut, und dann luden sie dich zu einem Glas Jerry-Wein ein.

Sie holten eine große Flasche hervor und zogen den Korken, und dann brachten sie Gläser, die dieselbe Form wie die Coca-Cola-Gläser in den Erfrischungshallen in den Vereinigten Staaten hatten und auf der Seite dieselbe Schnörkelschrift, nur dass da »Kaiser Cola« stand.

»Wie ich schon anmerkte«, sagte der Captain, »die Nazis sind verrückt.«

Dann zeigten sie dir, was sie hier drin noch alles gefunden hatten, Tabakspfeifen und Damenunterwäsche und Kameras und Schreibmaschinen, und als sie gerade das Grammophon ankurbeln wollten, damit du etwas Nazi-Swing hören könntest, fing im Nebenraum das Telefon wieder an zu klingeln.

Die Jungs warteten, bis du es ja auch gehört hattest, und dann legten sie diesen sogenannten Swing auf, der nach amerikanischem Maßstab eher auf 1925 zu datieren wäre. Anschließend legten sie »Deutschland, Deutschland über alles« auf, und das Grammophon quietschte und krächzte, denn die Schallplatte war völlig abgenutzt.

Während der Plattenspieler lief, feuerten die Deutschen immer wieder mal drauflos und ließen buchstäblich die Erde beben. In einer der Feuerphasen kam ein vom Regen durchnässter GI herein und nahm den Helm ab und lehnte seinen Karabiner gegen die Wand und sagte, an niemand Bestimmten gerichtet, dass es mit diesen Deutschen immer dasselbe sei.

»Jedes Mal, wenn ich hier drin bin«, sagte er, »halten sie still. Jedes Mal, wenn ich hinausgehe, feuern sie los.«

Der GI blickte wirklich betrübt drein, und der Captain konnte nicht umhin, zu lachen und zu sagen, dass die Deutschen, wie er schon angemerkt habe, verrückt seien.

So saß man um den Tisch herum, und immer mal wieder kam jemand rein oder ging jemand raus in die Dunkelheit, und dann stand alle fünf Minuten einer vom Tisch auf und kletterte in eines der Stockbetten am anderen Ende des Raumes. Bald saß niemand mehr da außer dem Lieutenant, der der diensthabende Offizier war. Irgendwann ersetzte er die heruntergebrannte Kerze in einer der Flaschen durch eine neue, und dann ging er hinüber zu einem Ventilator und drehte eine Kurbel.