Vanderbilt - Anderson Cooper - E-Book

Vanderbilt E-Book

Anderson Cooper

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Beschreibung

Als der elfjährige Cornelius Vanderbilt zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf dem kleinen Boot seines Vaters zu arbeiten begann, das im New Yorker Hafen Vorräte transportierte, konnte niemand ahnen, dass er eines Tages durch Rücksichtslosigkeit, Gerissenheit und ein krankhaftes Verlangen nach Geld zwei Imperien aufbauen würde – eines in der Schifffahrt und eines im Eisenbahnwesen. Beide machten ihn zum reichsten Mann Amerikas. Nach seinem Tod im Jahr 1877 stritten sich die Erben um sein gewaltiges Vermögen und säten familiäre Zwietracht, die nie ganz verheilen sollte. Anderson Cooper, der Urururenkel von Cornelius Vanderbilt, erforscht gemeinsam mit der Historikerin Katherine Howe die Geschichte seiner legendären Familie und ihres immensen Einflusses. Cooper und Howe erwecken die Vorfahren zum Leben, die das Familienimperium aufbauten, sich im Reichtum des Commodore sonnten, verschwenderische Galas veranstalteten und damit zum Synonym für den ungezügelten amerikanischen Kapitalismus und die High Society wurden. Aus einem einzigartigen Insider-Blickwinkel geschrieben, erzählen Cooper und Howe von den Triumphen und Tragödien einer amerikanischen Dynastie, die bis heute ihresgleichen sucht.

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Seitenzahl: 471

Veröffentlichungsjahr: 2022

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ANDERSON COOPER

KATHERINE HOWE

VANDERBILT

ANDERSON COOPER

KATHERINE HOWE

VANDERBILT

Aufstieg und Fall einer amerikanischen Dynastie

Aus dem Englischen von Almuth Braun

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

1. Auflage 2022

© 2022 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Die englische Originalausgabe erschien 2021 bei HarperCollins unter dem Titel Vanderbilt. The Rise and Fall of an American Dynasty. © 2021 by Anderson Cooper. All rights reserved.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Projektleitung: Fabian Neidl

Übersetzung: Almuth Braun

Redaktion: Rainer Weber

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer

Umschlagabbildung: picture-alliance / akg-images

Satz: abavo GmbH, Buchloe

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-95972-596-5

ISBN E-Book (PDF) 978-3-98609-127-9

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98609-128-6

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.finanzbuchverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de.

Für Wyatt.

A. C.

Für meine Mutter, Katherine S. Howe, und für Charles.

K. H.

»Armer Vanderbilt! Wie ich Sie bemitleide, und das meine ich ernst. Sie sind ein alter Mann und sollten ein wenig Ruhe genießen können, und trotzdem müssen Sie kämpfen, sich selbst verleugnen und auf erholsamen Schlaf und Seelenfrieden verzichten, weil Sie so dringend Geld brauchen. Ich fühle immer mit einem Mann, der so von Armut beherrscht wird wie Sie. Verstehen Sie mich nicht falsch, Vanderbilt. Ich weiß, dass Sie siebzig Millionen besitzen. Aber Sie wissen und ich weiß, dass es nicht der Besitz eines Mannes ist, der Reichtum ausmacht. Nein, Reichtum ist, mit dem zufrieden zu sein, was man hat. Das ist Reichtum.«

— MARK TWAIN, PACKARD MONTHLY, MÄRZ 1869

INHALT

Stammbaum der Familie Vanderbilt

Einführung

Vorwort The Breakers

Teil I Der Aufstieg

Kapitel 1 Der Tycoon

Kapitel 2 Van der Bilt

Kapitel 3 Der Schwätzer und der Namensvetter

Kapitel 4 Die Gesellschaft, wie ich sie vorfand

Kapitel 5 Venezianische Prinzessinnen

Kapitel 6 Amerikanischer Hochadel

Teil II Der Niedergang

Kapitel 7 Scheitern ist ausgeschlossen

Kapitel 8 Mit dem Schiff in die Tiefe

Kapitel 9 Ein Sieg mit Beigeschmack

Kapitel 10 Wie ein Schlüsselroman

Kapitel 11 Gloria in La Côte Basque

Kapitel 12 Die letzte Vanderbilt

Nachwort Weihnachtsabend

Danksagung

Literaturverzeichnis

EINFÜHRUNG

»Einst traf William Dean Howells die Feststellung, ›Die Ungleichheit ist dem amerikanischen Herzen so lieb und teuer wie die Freiheit selbst‹, und das ist nur einen Schritt von etwas entfernt, das man mit Fug und Recht als eine Definition der amerikanischen Gesellschaft bezeichnen könnte: nämlich, dass alle Menschen zwar gleich geboren sein mögen, aber die meisten von uns den Großteil ihres Lebens damit verbringen, so ungleich zu sein wie nur möglich.«

— CLEVELAND ARMORY, Who Killed Society?

Mit sechs nahm mich mein Vater zum Bahnhof Grand Central Terminal in New York mit, damit ich mir die beeindruckende Bronzestatue meines Ur-Ur-Urgroßvaters »Commodore« Cornelius Vanderbilt ansähe. Sie stand auf einem hohen Podest auf der Südseite des Bahnhofs, den er hatte erbauen lassen, und öffnete den Blick auf die Vanderbilt Avenue und ein Hotel, das einst ebenfalls nach ihm benannt war.

Ich wusste nur wenig über die Vanderbilt-Dynastie. Meine Mutter Gloria Vanderbilt sprach nur selten über ihre turbulente Kindheit oder die zänkische Familie, in die sie 1924 geboren worden war. Mein Vater Wyatt Cooper war während der Depression auf einer kleinen Farm in Mississippi aufgewachsen, die so weit von dem palastartigen Anwesen der Vanderbilts entfernt war, wie man sich nur vorstellen kann. Aber er wollte, dass ich die außergewöhnliche Geschichte meiner Mutter und die komplizierten Gefühle, die diese Geschichte in ihr auslöste, verstand.

Als wir in die Stadt fuhren, um uns die Statue anzusehen, erzählte mir mein Vater, der Commodore sei ein knallharter Geschäftsmann und unerbittlicher Vater und bei seinem Tod der reichste Mann Amerikas gewesen. Ich bin sicher, dass er noch mehr sagte, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Immerhin war ich damals erst sechs Jahre alt. Ich erinnere mich jedoch, dass ich auch Wochen nach unserem Ausflug noch davon überzeugt war, dass sich alle Großeltern, nachdem sie gestorben sind, in Statuen verwandeln.

Für eine lange Zeit in meinem Leben wollte ich nichts mit den Vanderbilts zu tun haben. Die wenigen Cousins der Vanderbilts, die ich kennengelernt habe, mag ich sehr gerne, aber ich wollte mich nie näher mit der Familiengeschichte beschäftigen, weil ich das Gefühl hatte, dass sie nichts mit meinem Leben zu tun hatte. Die Vanderbilt-Dynastie ist schon vor langer Zeit untergegangen, und meine Eltern hatten dafür gesorgt, dass ich wusste, dass ich als Erwachsener kein »Vanderbilt-Geld« oder einen Treuhandfonds erben würde. Sie wollten, dass ich ein unabhängiger Mensch werde, und dafür bin ich ihnen dankbar. Ich glaube nicht, dass ich denselben inneren Antrieb gehabt hätte, wenn ich in der Gewissheit aufgewachsen wäre, dass irgendwo eine goldgefüllte Schatztruhe auf mich wartet.

Ich habe immer größte Anstrengungen unternommen, um meine Blutsverwandtschaft mit den Vanderbilts zu verschweigen. Wenn jemand es herausfand und mich fragte: »Wie war das, als Vanderbilt aufzuwachsen?«, antwortete ich immer das Gleiche. »Keine Ahnung«, sagte ich dann, »ich bin ein Cooper.« So habe ich mich immer gesehen und tue es immer noch. Ich blicke auf die große Familie meines Vaters, die tief in der Erde von Mississippi verwurzelt ist, und habe mir ihre Geschichte zu eigen gemacht.

Nach dem Tod meiner Mutter im Jahr 2019 und der Geburt meines Sohns Wyatt im darauffolgenden Jahr änderte sich jedoch meine Perspektive. In den Wochen nach ihrem Tod sah ich Dutzende von Kisten durch, die sie in ihrem Apartment und ihrem Kunststudio aufbewahrt hatte. Sie waren angefüllt mit Aufzeichnungen, Tagebüchern, Dokumenten und Briefen. Sie hob alles auf – handschriftliche Notizen von ihrer Tante Gertrude Vanderbilt Whitney und Schulbücher meines Großvaters Reginald Vanderbilt, in denen er als Kind herumgekritzelt hatte. Ich fand alte Testamente und Finanzunterlagen, und als ich die ganzen Schriften las, die von der Zeit und der langen Lagerung vergilbt und fleckig waren, begann ich die Stimmen der Menschen zu vernehmen, die ich nie kennengelernt hatte. Sie waren mehr als einfach die Figuren in einem Geschichtsbuch, mehr als eindimensionale Mitglieder einer amerikanischen Dynastie. Sie waren komplexe, emotionsbeladene Persönlichkeiten, was ihr inneres Leben weitaus faszinierender machte, als ihr öffentliches Image vermuten ließ.

Als mein Sohn geboren wurde, begann ich mich zu fragen, was ich ihm später wohl über sie erzählen will. Was hoffe ich aus ihrem Leben und ihren Entscheidungen zu lernen? Um diese Fragen beantworten zu können, begann ich, Recherchen über die Personen anzustellen, die ich so lange gemieden hatte. Über diese Familie. Meine Familie.

Die Geschichte der Vanderbilts ist sowohl einzigartig als auch auf eine profunde, universelle Weise amerikanisch. Es ist die Sage von Reichtum, Erfolg und Individualismus. Wie sich herausstellt, sind das aber nicht zwangsläufig die universellen Güter, für die sie unsere Kultur gerne hält. Einige wenige zentrale Mythen tauchen immer wieder in der Fantasie der Amerikaner auf: zum Beispiel, dass jeder erfolgreich sein kann, der bereit ist, hart dafür zu arbeiten, und dass dieser Erfolg umso anerkennenswerter ist, wenn er ohne jede Hilfe erreicht wurde. (Als ob irgendein Erfolg wirklich allein erzielt würde: Selbst der »self-made« Commodore erhielt im Alter von sechzehn Jahren einen entscheidenden Kredit von seiner Mutter.) Wir ertappen uns noch immer dabei, dass wir in die Huldigung des Unternehmertums, des Individualismus und, damit verbunden, des Reichtums nach Art von Horatio Alger einstimmen. Gleichzeitig glauben wir, dass wir letztlich alle gleich sind und gleich geboren wurden, und trotzdem vermuten wir insgeheim, dass die Reichen irgendwie besonders sind, dass sie über ein Geheimwissen verfügen, das der Rest von uns nicht besitzt. Jeden Tag können wir diese tief verankerte Annahme in unserer modernen Prominentenkultur und unserer Politik beobachten.

Mit diesem Buch wollten meine Co-Autorin Katherine Howe und ich der Frage auf den Grund gehen, wie einige Mitglieder der Vanderbilts – Menschen mit ganz eigenem Charakter, mit Schwächen und Marotten – ihr eigenes Leben empfanden. Die persönlichen Geschichten, die wir hier erzählen, konzentrieren sich auf einige wenige Familienmitglieder und nicht auf die große Entwicklung des Vanderbilt’schen Unternehmensimperiums oder der Ausdehnung des Eisenbahnschienennetzes in die Wildnis.

Commodore Cornelius Vanderbilt begründete eine Dynastie, die das »Gilded Age« bestimmte, die wirtschaftliche Blütezeit in den USA nach dem Sezessionskrieg, und sein Aufstieg war schwindelerregend. Er besaß eine geniale Fähigkeit und die Manie, viel Geld zu verdienen, aber seine Besessenheit von materiellem Wohlstand war schon fast pathologisch. Die Pathologie, die aus diesem Reichtum geboren wurde, infizierte jede nachfolgende Generation, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Eine Familiengeschichte über Erfolg und Reichtum wird in mancherlei Hinsicht auch eine Geschichte über Traurigkeit und Isolation. Es ist aber auch eine Geschichte über eine unerwartete Schmerzlichkeit und Wahrheit, die unser mit dem Namen »Vanderbilt« verbundenes Verständnis und unsere Erwartungen verändert – eine Wahrheit, von der wir glauben, dass wir sie bereits kennen.

Hinter der Druckertinte, die in die unzähligen Zeitungsartikel über die Aktivitäten der Vanderbilts floss, und hinter den prächtigen und vergänglichen Marmorwänden, die mit dem Geld des Commodore errichtet wurden, entfalteten sich jedoch die privaten Biografien – Leben, die von Unsicherheit und Chaos geprägt, die kompliziert und detailreich und manchmal rettungslos verloren, aber immer faszinierend waren. Dies ist die Geschichte des Aufstiegs und epischen Untergangs der Vanderbilt-Dynastie. Dies ist die Geschichte des größten amerikanischen Vermögens, das je verschwendet wurde.

VORWORT

The Breakers

30. März 2018

»Ganz gleich, ob ein Diener oder der Gastgeber oder ein anderes Mitglied der Familie einen Gast hinausbegleitet, die Tür wird nie geschlossen, bis der Gast in ein Auto eingestiegen ist oder sich zu Fuß auf den Weg gemacht hat.«

— Amy Vanderbilt’s Complete Book of Etiquette: A Guide to Gracious Living, Part III, »Home Entertaining« [1952]

Um vier Uhr musste Gladys The Breakers verlassen haben. So lautete die Frist, die man ihr gesetzt hatte. Vier Uhr. Am Karfreitag. Streng genommen war es keine Zwangsräumung. Es hatte weder einen Gerichtsprozess gegeben, noch hatte ein Sheriff ihr einen Räumungsbescheid ausgehändigt, keine dieser Peinlichkeiten. Dennoch war es ein Rauswurf.

Ihre Urgroßeltern Cornelius Vanderbilt II und seine Frau Alice hatten den dreistöckigen Sommersitz mit seinen siebzig Zimmern im Jahr 1895 gebaut, und seitdem hatte immer ein Vanderbilt darin gewohnt. Gladys sollte die Letzte sein. Sie arbeitete als Krankenschwester, hatte sich aber immer dem Erhalt des Anwesens und seiner Geschichte gewidmet, so wie es ihre Mutter getan hatte und vor ihr ihre Großmutter. Gladys war Mitglied in den Beratungsausschüssen der Preservation Society of Newport County, einer gemeinnützigen Organisation, die sich dem Erhalt des architektonischen Erbes in der Region Newport County widmet, und hatte stets ein waches Auge für die kleinsten Reparaturen und Wartungsarbeiten gehabt.

Niemand war so eng mit The Breakers verwoben wie Gladys. Immerhin war der prächtige Palast mit den dicken Samtkordeln, den kostbaren Kunstwerken und den auf Hochglanz gebohnerten Parkettböden für sie nicht einfach ein Museum, ein abstraktes Symbol für ein vergangenes Zeitalter, das nun die neugierigen Blicke einer halben Million Besucher pro Jahr erduldete. The Breakers war ein Zuhause. Ihr Zuhause. Ihre Geschichte. Gladys kannte jeden Riss in den Decken. Sie kannte jedes Knarren der Parkettdielen. Als Kinder waren sie und ihr Bruder Paul unter großem Getöse auf Tabletts, die sie sich in der Küche geliehen hatten, die glattpolierten Marmortreppen hinuntergeglitten, ein Vergnügen, das ihre Mutter als Kind von ihrem eigenen Vater gelernt hatte. Jeder Winkel ihres weitläufigen Apartments in der dritten Etage war mit solchen Erinnerungen angefüllt.

An jenem Märztag gab es nicht viele Besucher im Haus. Im Sommer ist Hochsaison, und im Winter dünnt sich der Besucherstrom deutlich aus, als würden sich die historischen Anwesen in Newport daran erinnern, dass es Zeit für einen Winterschlaf ist, ihr prächtiges Interieur mit weißen Laken zugedeckt. Diejenigen, die trotzdem kommen, um einen Blick auf eine vergoldete Vergangenheit zu werfen, müssen auf dem breiten Weg zum prächtigen Eingangstor dem steifen Wind trotzen, der ungestüm, vom Atlantik kommend, an ihnen zerrt. Die Besucher, die an jenem Karfreitag auf eine Führung warteten oder auf der Anlage spazieren gingen, nahmen wahrscheinlich nichts Ungewöhnliches wahr. Gladys’ Apartment war für Besucher gesperrt, daher konnte niemand sie, Paul und die wenigen Freunde sehen, die seit Monaten beim Packen geholfen hatten, nun den alten Otis-Aufzug mit großen reißfesten schwarzen Müllsäcken beluden und damit in den Keller fuhren. Vor ihrer letzten Fuhre traten sie nach draußen auf die Terrasse mit Blick über den Ozean und stießen mit Champagner kurz auf The Breakers an, im Gedenken an die Familie, die Freunde und ein Leben, das nun zu Ende ging.

The Breakers ist das größte und opulenteste Anwesen des Gilded Age – des »Vergoldeten Zeitalters« – in Newport, und es ist nach wie vor die beliebteste Touristenattraktion im Bundesstaat Rhode Island. Im Sommer rollt ein nicht enden wollender Konvoi von Reisebussen über die Ochre Point Avenue und einer nach dem anderen spuckt Besuchergruppen aus, die auf den gewundenen Pfaden, die sich entlang des Kliffs über dem Ozean ziehen, über knirschenden Perlkies laufen. Versteckt hinter zehn Meter hohen schmiedeeisernen, in Kalkstein gesetzten Toren, die an die Bollwerke in europäischen Hauptstädten erinnern, die gegen Aufstände und Unruhen schützen sollten, mutet das Anwesen wie ein italienischer Palazzo an. Doch anders als die echten Paläste der europäischen Aristokratie, denen seine Architektur nachempfunden ist, ist The Breakers neu … reich.

Als Cornelius Vanderbilt II dieses Anwesen errichten ließ, war er Präsident und Chairman der Eisenbahngesellschaft New York Central Railroad, des Unternehmens, das sein Großvater Commodore Cornelius Vanderbilt gegründet hatte, nachdem er sein erstes Vermögen im Transportgeschäft verdient hatte. Alice hatte den Architekten Richard Morris Hunt mit dem Bau einer Sommerresidenz in Newport beauftragt, nachdem das ursprüngliche Haus auf demselben Grundstück 1892 bis auf die Grundfesten abgebrannt war. Mit bienenhaftem Fließ bearbeiteten Steinmetze aus England Marmorblöcke, die aus Italien importiert worden waren. In nur zwei Jahren erhob sich The Breakers, das nach den Wellen benannt wurde, die sich am Fuße des Kliffs brechen, aus der Asche seines früheren Selbst – ein Tempel des Vanderbilt’schen Geldes und Ehrgeizes.

Verglichen mit dem Anwesen, das Cornelius II und seine Frau Alice in New York City besaßen, war The Breakers eher klein, und wenn sie es in Briefen oder Kalendern erwähnten, bezeichneten sie es schlicht als »Zuhause«, auch wenn ihnen die Pracht dieses Luxusanwesens durchaus bewusst war.

Die schiere Größe der Sommerresidenz hat etwas Unermessliches: siebzig Zimmer, deren Grundfläche sich eher in Hektar als in Quadratmetern ausdrücken lässt – insgesamt fast dreimal so groß wie das Weiße Haus. Die Wände des Morgensalons sind mit Platin ausgekleidet. Allein der erste Stock besteht aus einer Zimmerflucht, deren Größe eher an die Hotellobby eines Grandhotels erinnert als an ein Haus, das nur dazu dienen sollte, der Hitze schwüler Hochsommertage zu entfliehen. Es gibt separate Empfangsräume für Herren und Damen, wie es dem viktorianischen Sittenkodex entsprach, daneben eine große Halle, eingerahmt von einer Galerie mit Skulpturen von Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Industrie, wie man sie in einer Universitätsbibliothek finden würde, und mit Trompe-l’œil-Deckenfresken; ein Musiksalon mit vergoldeter Decke, ein Billardsalon im Stil des alten Roms – auch wenn diese Zivilisation nie von Billard gehört hatte – und ein Speisesaal mit einem Esstisch, an dem vierunddreißig Personen Platz fanden. In einer Bibliothek steht eine Bronzebüste von William Henry Vanderbilt II, dem Sohn des Eigentümers, der noch als Student in Yale gestorben war, eine zweite Marmorbüste des Vaters Cornelius Vanderbilt II und ein Kamin, der aus einem französischen Schloss aus dem 16. Jahrhundert stammte und der Neuen Welt und ihrem neuen Reichtum mit der Inschrift »Ich lache über großen Reichtum und vermisse ihn nie; am Ende zählt nur die Weisheit« ein historisches Flair verleihen sollte.

Bis vor wenigen Jahren kauften die Touristen, die einen Blick in diese geheime vergoldete Welt werfen wollten, ihre Eintrittskarten in einem Zelt, das neben einer Reihe mobiler Toilettenhäuschen stand; inzwischen reservieren die meisten ihre Tickets online. Die Führungen finden in mehreren Turnussen statt. In der strahlenden Sommersonne von Newport und der lauen Seeluft fällt das Warten nicht so schwer. Besucher des prachtvollen Anwesens aus dem Gilded Age werden nicht mehr angekündigt, wie es noch ein oder zwei Generationen zuvor üblich gewesen wäre. Von der Absperrung mit schweren Samtkordeln aus betrachten sie die Räume mit ihrem verschnörkelten Interieur, den mit Halbedelsteinen besetzten Wänden und den Badewannen, in die wahlweise Süß- oder Meereswasser direkt aus dem Ozean eingelassen wurde. Fotografieren ist erlaubt; nur wer ein Blitzlicht verwendet, muss mit einer strengen Ermahnung des Tourführers rechnen. Eine Einzelkarte für die Führung durch The Breakers kostet heute 26 Dollar; das entspricht rund 1 Dollar im Jahr 1913 – dem Monatslohn eines Küchenmädchens in der Vanderbilt’schen Küche. The Breakers hat nie einen Hehl aus seiner Beziehung zu Geld gemacht.

Cornelius Vanderbilt II war eng in alle Einzelheiten seines Bauwerks involviert, allerdings konnte er sein Anwesen nicht lange genießen. Im Jahr 1899 verstarb er an einem Schlaganfall, nur vier Jahre, nachdem The Breakers fertiggestellt worden war. Er wurde fünfundfünfzig Jahre alt. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1934 verbrachte Alice weiterhin jeden Sommer dort. Sie vererbte das Anwesen einer ihrer Töchter, Gladys Vanderbilt, die 1908 Laszlo Széchényi, einen ungarischen Grafen, geheiratet hatte und dadurch Gräfin Gladys Széchényi geworden war.

Wie es oft mit Dingen geschieht, deren Zweck darin besteht, Eindruck zu schinden, erwies sich The Breakers als eine enorme finanzielle Bürde. Allein die Instandhaltung des Hauses war eine Herausforderung, aber dann gab es auch noch einen großen Stall und eine 5,2 Hektar große sorgfältig gepflegte Garten- und Parklandschaft sowie zwei weitläufige Gewächshäuser für die Palmen und Blumen, die zur Dekoration der Sommerresidenz sowie des Anwesens in New York City gebraucht wurden. Haus und Grund erforderten eine ständig rotierende Armada aus Dienern und Arbeitern – Hauswirtschafterinnen, Gärtnern, Dienstmädchen, Stallburschen und, wenn jeder Platz am Esstisch besetzt war, einen Tischdiener für jeweils drei Gäste, die hinter den Kulissen agierten und für reibungslose Abläufe sorgten, und alle mussten bezahlt werden. Als The Breakers erbaut wurde, gab es keine föderale Einkommenssteuer. Nach der Ratifizierung des Sechzehnten Verfassungszusatzes im Jahr 1913 wurden die großen Vermögen des Gilded Age erstmalig von der Regierung besteuert, und Alice Vanderbilt war keine Ausnahme. Dann gab es noch die Grund- und Eigentumssteuern, die das Erbe der Gräfin beständig dezimierten, wie auch die Kosten der ständigen Reparaturen und Instandhaltungsarbeiten. Die Gräfin liebte The Breakers und hatte geschätzte 12,5 Millionen Dollar geerbt, was heute 340 Millionen Dollar entsprechen würde. Doch selbst dieses Vermögen reichte nicht aus. Im Zweiten Weltkrieg war ein Teil ihrer Vermögenswerte und ihres Grundbesitzes in Ungarn und der Tschechoslowakei konfisziert worden, und im Jahr 1948, als das Geld knapp wurde und sie verzweifelt nach einer Lösung suchte, um The Breakers in der Familie zu halten, beschloss sie, das Haus für 1 Dollar pro Jahr an die Preservation Society of Newport County zu verpachten, die daraufhin touristische Führungen durch das Anwesen anbot. Gladys verlegte ihre Wohnräume von den prächtigen Salons im ersten und zweiten in den dritten Stock, in dem ihr Bruder als Kind gewohnt hatte. Sie versperrte die große Freitreppe mit einem kleinen Tor, um neugierige Besucher von ihren Privaträumen fernzuhalten, und verwandelte eines der Zimmer der Bediensteten in eine Küche.

Die Vereinbarung mit der Preservation Society half der Gräfin, weil dadurch die Grundsteuern sanken, aber sie musste diese nach wie vor zahlen, so wie auch die Kosten der meisten großen Reparaturen. Zwar gelang es ihr, das Haus bis zu ihrem Tod im Jahr 1965 zu erhalten, aber ihre Kinder waren mit dem Unterhalt schon nach kurzer Zeit überfordert. Zwei Generationen, nachdem The Breakers erbaut worden war, gelangte das Anwesen dauerhaft in fremde Hände. Im Jahr 1972 ging der größte Teil des Mobiliars im Rahmen einer Schenkung an die Preservation Society über, die das Haus für 365 000 Dollar (2,3 Millionen Doller nach heutiger Rechnung) erwarb. Zum Vergleich: Cornelius Vanderbilt hatte das Haus 1895 für 7 Millionen Dollar gebaut, eine Summe, die heute 220 Millionen entsprechen würde. In den 77 Jahren seines Bestehens sah das Anwesen den Gegenwert von fast 218 Millionen Dollar verpuffen.

Der Verwaltungsrat der Preservation Society räumte einer der Töchter der Gräfin Széchényi, Sylvia Szápáry, ein lebenslanges Wohnrecht im dritten Stock ein. Sylvia, die von engen Freunden und Angehörigen Sylvie genannt wurde, verbrachte mit ihren Kindern Gladys, die nach ihrer Großmutter benannt war, und Paul jeden Sommer in The Breakers. Sylvie wachte mit Adleraugen über das Haus und sorgte dafür, dass es mit liebevoller Aufmerksamkeit gepflegt wurde. Sie schenkte oder lieh der Preservation Society Hunderte von Familienerbstücken und Fotos, damit sie für die Besucher ausgestellt wurden.

Dass die »heimlichen« Vanderbilts noch immer in The Breakers lebten, wenn auch auf einer unsichtbaren Etage, unterschied The Breakers von den anderen Anwesen des Gilded Age in Newport mit Blick auf den Atlantik, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts größtenteils ebenfalls in fremden Händen befanden, weil ihr Unterhalt die finanziellen Möglichkeiten ihrer Eigentümer überstieg. Die Tourführer betonten ausdrücklich, dass im oberen Stockwerk noch immer Mitglieder der Familie Vanderbilt lebten, so als handele es sich um eine seltene Spezies, die hinter Glas konserviert wurde. Manchmal erhaschten die Touristen einen kurzen Blick von Gladys, wenn sie ihren Hund spazieren führte, oder entdeckten jemanden, der über das Geländer im dritten Stock lugte, und wurden ganz aufgeregt, weil sie glaubten, sie hätten ein Mitglied der mysteriösen Vanderbilts gesehen, das wie ein Geist durch das Haus schwebte. Als Sylvie 1988 starb, sandte die Preservation Society Gladys und Paul einen Brief, indem sie ihnen das weitere Wohnrecht im dritten Stock einräumte, mit den Worten, es werde »hilfreich sein, unseren Gästen erzählen zu können, dass die Urenkel des ursprünglichen Eigentümers immer noch im Haus leben«.

Gladys Szápáry wollte den Besuchern – oder »Gästen«, wie ihre Mutter stets betont hatte – einen schönen Eindruck vermitteln. Sicher, sie nahm kein Blatt vor den Mund, wenn sie verbesserungswürdige Dinge sah, und ja, sie kritisierte bisweilen die Art und Weise, wie die Preservation Society mit den Belangen des Anwesens umging. Sie beklagte sich über die schrumpfenden Budgets für Reparatur- und Instandhaltungsarbeiten, da es immer irgendetwas gab, das einer Restauration oder einer vorbeugenden Instandhaltungsmaßnahme bedurfte, um das Anwesen vor dem Zahn der Zeit zu schützen: das Eingangstor, die belgischen Tapisserien über dem Treppenaufgang, zugige Fenster und Familienfotos, die im grellen Sonnenlicht ausbleichten. Gladys war die Schlossherrin, die über die unendliche Liste an Einzelheiten wachte, die die Verwaltung eines prächtigen Anwesens mit sich brachte – dieselben Einzelheiten, die eine Generation zuvor zum Verkauf des Hauses geführt hatten.

Im Jahr 2013 stiegen die Spannungen an und begannen vernehmlich zu knistern, als die Society vorschlug, auf dem unmittelbaren Grundstück des Hauses ein neues Besucherzentrum zu errichten, mit dem das zugige Ticketzelt und die mobilen Toilettenhäuschen ersetzt werden sollten. Gladys wollte, dass es auf der anderen Straßenseite gebaut würde, damit die originale Bowditch-Gartenlandschaft erhalten bliebe und die Vorstellung nicht zerstört würde, dass man mit einem Besuch von The Breakers in ein anderes Zeitalter eintaucht. Wenn irgend möglich, werden unangenehme Dinge in Newport hinter verschlossenen Türen und mit gedämpfter Stimme behandelt, aber dieser Zwist verwandelte sich in eine höchst öffentliche Schlammschlacht, die in Zeitungsartikeln, in Vorstandssälen und vor dem Richtertisch ausgetragen wurde. Die New York Times kommentierte, Newport als Ganzes verweigere sich jedem Wandel: Seinen Bewohnern missfalle es gründlich, dass die berühmte Segelregatta America’s Cup in andere Gewässer verlegt wurde,[1] dass Bob Dylan auf dem Folk Festival von 1965 mit einer E-Gitarre auftrat, und ganz gewiss lehnten sie die Vorstellung ab, auf dem Anwesen von The Breakers könnten Snacks und Schnellimbisse verkauft werden. Allerdings wies die Preservation Society darauf hin, das neue Besucherzentrum sei für Rollstuhlfahrer zugänglich. Der Wandel ließ sich nicht aufhalten. Der Wandel musste kommen. Im Jahr 2015 machte die Preservation Society in einem Schreiben an Gladys und Paul unmissverständlich deutlich, dass die Nutzung des dritten Stocks »jederzeit beendet werden kann«. Die Drohung war ausgesprochen.

»Ich warte darauf, dass sie meine Kleidung aus dem Fenster werfen«, bemerkte Gladys trocken gegenüber einem Reporter.

Diejenigen in Newport, die solche Dinge verfolgten, wussten, was Gladys alles für The Breakers getan hatte. Sie war klug, liebenswürdig und wurde in Newport sehr geschätzt. Als Teenager war sie ein fester Bestandteil von The Breakers gewesen, hatte im Souvenirshop Children’s Cottage gearbeitet, den Tourführern Gesellschaft geleistet, die Wächter besucht und jeden Morgen vor Öffnung die Messingscharniere an den Eichentüren auf Hochglanz poliert. Inzwischen war sie einigen Verwaltungsratsmitgliedern der Preservation Society allerdings ein Dorn im Auge, und sie wollten sie loswerden. Der Streit über das Besucherzentrum war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Gladys’ Bemühungen, den Bau zu verhindern, scheiterten. Die Preservation Society setzte ihren Willen durch. Das Besucherzentrum würde auf dem Grundstück des Anwesens errichtet werden. Und dort würden sogar Sandwiches verkauft werden.

Im Oktober 2017 wurde Gladys zu einer Besprechung in der Preservation Society zitiert. Dort wurde ihr mitgeteilt, dass ihr Leben aufgrund der Brandgefahr, die von den veralteten elektrischen Leitungen im dritten Stock ausgehe, nicht mehr sicher sei. Auch die Sanitärinstallationen seien so in die Jahre gekommen, dass ein möglicher Rohrbruch die Ausstellungsräume im zweiten Stock zerstören könne. Die Brandschutzgesetze erlaubten keine Nutzung der Räumlichkeiten im dritten Stock als Dauerwohnsitz. Bereits Jahre zuvor hatte Gladys angeboten, die Elektroinstallation gemäß den aktuellen Brandschutzbestimmungen zu überholen, ihre Vorschläge waren allerdings auf taube Ohren gestoßen. Sie konnte nicht viel tun. Sie war Gast in einem Haus, das sie als ihr Familienzuhause betrachtete, und war der Gnade von Fremden ausgeliefert.

Die Mitteilung der Preservation Society war nüchtern:

»Eine einjährige Studie, die von einem auf Gebäudekonservierung spezialisierten Architekten und einem ebensolchen Ingenieur durchgeführt wurde, hat ergeben, dass die Lüftungs- sowie die Elektro- und Installationssysteme zwar für eine Museumsnutzung vollkommen sicher, für Wohnzwecke aber auf gefahrbringende Weise veraltet sind, da eine solche Nutzung das Gebäude als solches als auch die Ausstellungsräume in Gefahr bringen würde. In Anbetracht dieser Ergebnisse werden Teile des 120 Jahre alten Installations- und Elektrosystems in den oberen Stockwerken des historischen Gebäudes entfernt … Das Vanderbilt’sche Familienapartment im dritten Stock, das von Paul und Gladys Szápáry, den Kindern der Gräfin Anthony Szápáry, bewohnt wurde, wurde von diesen freiwillig geräumt.«

Das war der letzte Akt einer jahrelangen Oper über den Machtkampf um die Deutungshoheit von The Breakers und die Frage, wer sein Nutznießer sein solle. Gladys erhielt die Mitteilung, sie könne bis Ende des Jahres bleiben. Danach erhalte sie lediglich Zugang zu den Räumlichkeiten, um Familieneigentum zu entfernen, wobei sie jeden Gegenstand von historischem Wert zu melden habe, um zu belegen, dass es sich nicht um Eigentum der Preservation Society handele. Im Verlauf der Jahrzehnte hatten sich die Grenzen zwischen dem, was der Familie gehörte, dem, was sie der Society zu nutzen erlaubt hatte, und dem, was der Society gehörte, vollkommen verwischt. Irgendwo auf diesem Weg hatte sich The Breakers von einer Familien-Enklave, in die die Öffentlichkeit einen privilegierten Einblick nehmen durfte, in ein öffentliches Kulturgut verwandelt.

Wie angeordnet, zog Gladys Ende Dezember jenes Jahres aus, durfte in den folgenden Monaten aber immer wieder zurückkehren, um ihre Sachen zu packen. Jedes Wochenende tauchten an empfindlich kühlen Morgen ein halbes Dutzend Freunde und Konservatoren aus der Stadt auf, um ihr dabei zu helfen, das Familieneigentum zu verpacken, zu etikettieren, aus dem Gebäude zu tragen, wegzufahren und irgendwo einzulagern. Mitarbeiter der Preservation Society hatten Möbel und andere Gegenstände, die ihrer Meinung nach im Rahmen von Schenkungen in das Eigentum der Society übergegangen waren, mit blauen Aufklebern versehen. Gladys war darauf vorbereitet. Sie war alte Aktenordner durchgegangen und hatte sorgfältig Dokumente und Quittungen über Leihgaben zusammengetragen, die sie und ihre Mutter der Society großzügig überlassen hatten – Fotos, Möbel, Babywagen und Taufkleider. Gladys hatte diese Dinge immer eines Tages in Dauerleihgaben verwandeln wollen, aber nun überlegte sie es sich anders. Es gab noch andere Museen und historische Gesellschaften, die diese Gegenstände mit Kusshand nehmen würden. Sie, Paul und ihre Freunde kauften Hunderte von Umzugskartons und verbrachten mehrere Monate damit, vier Generationen an Familiengeschichte zu verpacken. Die Louis-Vuitton-Truhen ihrer Großmutter und mehrere Kinderschlitten aus der Zeit des beginnenden 19. Jahrhunderts wurden vom Dachboden geholt. Sie fröstelten während des Packens, denn die Preservation Society hatte bereits die Heizung im dritten Stock abgestellt. Auf der Innenseite der Fenster bildete sich eine dünne Schicht aus Eiskristallen. Immer wenn die Sonne sie im Verlauf des Tages erwärmte, rannen Wassertränen über die Scheiben und tropften auf den Boden.

An ihrem letzten Tag verbrachte Gladys die letzten Stunden in The Breakers damit, die Böden zu wischen, die Lichter auszuschalten, Türen zu schließen und anschließend mithilfe ihres guten Freundes, des Konservators Jason Bouchard-Nawrocki, ihr Auto zu beladen. Bevor sie den Aufzug betrat, warf sie einen letzten Blick in die Räume, in denen sie einen so großen Teil ihres Lebens verbracht hatte und in deren gähnender Leere nun jeder ihrer Schritte auf den blanken Parkettböden widerhallte.

Als sich die fahle Nachmittagssonne schließlich von den Fenstern des Apartments im dritten Stock abwandte, fuhr sie mit dem Aufzug in den Keller. Sie ging vorbei am Souvenirshop, dessen Mitarbeiter angewiesen worden waren, nicht mit ihr zu sprechen – einige wandten sogar den Blick ab –, und verließ das Gebäude durch den Dienstboteneingang, der einzigen Tür, die sie je benutzt hatte, anstatt durch den prächtigen Eingang auf der Vorderseite. Der Dienstboteneingang war die Tür, durch die sie das Haus, das ihr Urgroßvater gebaut hatte, mit zwei Jahren zum ersten Mal betreten hatte, und durch diese Tür wollte sie es verlassen. Sie war müde. Ihr Gesicht fühlte sich steif an von der Kälte und ihrer Entschlossenheit, sich weder den Zorn noch die Trauer, die sie empfand, anmerken zu lassen.

Der Stabschef der Preservation Society Terry Dickinson, ein untersetzter ehemaliger Angehöriger der Navy, wartete an der Hintertür. Gladys ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen.

»Ich danke Ihnen, Terry, und wünsche Ihnen alles Gute«, sagte sie, als sie sich die Hand gaben.

Gladys stieg in ihr Auto, rollte vom kleinen rechteckigen Parkplatz die gewundene Auffahrt hinab, am Children’s Cottage vorbei und verließ die Anlage durch ein Seitentor.

Sie blickte nie zurück. The Breakers gehörte nun der Preservation Society of Newport County und der Öffentlichkeit – und vielleicht auch der Geschichte.

Diesem falschen Palast mit seinem Interieur, das direkt aus den altehrwürdigen Schlössern der europäischen Königshäuser entnommen scheint, haftet etwas genuin Amerikanisches an. Bei einem Rundgang durch The Breakers ist man auf den ersten Blick so von seinem Prunk und seiner Opulenz überwältigt, dass man meinen möchte, man streife durch die Prunksäle eines amerikanischen Versailles. Allerdings ist es ein revolutionärer Akt, in Turnschuhen durch den Spiegelsaal von Versailles zu laufen und jedes Detail zu fotografieren – immerhin wurde der französische Palast, einst das Zentrum der Regierung und der Macht von Gottes Gnaden, vom Volk gestürmt und in Besitz genommen und nie wieder zurückgegeben. The Breakers war das Zentrum der Aufmerksamkeit, der Mittelpunkt des Ruhms und des Neids, ohne je ein Machtzentrum gewesen zu sein. Das Haus ist ein Tempel der Exzesse.

Wenn der Mythos unseres Landes auf dem Glauben basiert, dass jeder reich werden kann, wenn er nur genug Grips und Charakterstärke aufbringt – oder, wie wir sehen werden, rücksichtslos genug ist –, dann ist The Breakers alles, was unsere Kultur uns zu wollen auffordert, und uns verspricht, wenn wir nur bereit sind, hart genug zu arbeiten. Wahrscheinlich ist es der drastischste Ausdruck der überladenen Versprechen des amerikanischen Traums.

Die Vereinigten Staaten, ein Land, das auf antiroyalistischen Prinzipien aufgebaut wurde, brachten nur zwanzig Jahre nach ihrer revolutionären Geburt den Stammvater einer Familie hervor, die sich selbst als amerikanische Majestäten betrachteten, ausgestattet mit entsprechenden Titeln und Palästen, um ihren Status unter Beweis zu stellen. Ihr Imperium sollte allerdings keine hundert Jahre überdauern, bevor es unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrach und von seiner eigenen Pathologie vernichtet wurde.

Teil I

DER AUFSTIEG

1

Der Tycoon

4. Januar 1877

»Diejenigen, die als Erste in einem unberührten Land ankommen, sind üblicherweise hart arbeitende Menschen, denn jede Hand wird gebraucht, Unterkünfte sind kostspielig, und es gibt weder die Muße noch das nötige Geld für die unmittelbare Herausbildung einer Aristokratie. Aus diesem Grund haben alle alteingesessenen amerikanischen Familien wie meine hier einfache und starke Wurzeln.«

— Amy Vanderbilt’s Complete Book of Etiquette, Introduction

Schwere Wolken hingen über der schlafenden Stadt. Ein böser Kälteeinbruch hatte in jener Woche das gesamte Land im Griff, und die Reporter campierten vor dem Stadtpalais in 10 Washington Place, drängten sich um ein Feuer, das aus einer Aschentonne züngelte, und stampften abwechselnd mit den Füßen auf, um das Blut in Zirkulation zu halten. Seit Monaten waren sie nun schon hier.

Drinnen lag ein herausragender Mann, um nicht zu sagen, ein überlebensgroßer Mann, im Sterben.

Er war ein Emporkömmling aus Staten Island, der 1846 im Alter von zweiundfünfzig Jahren den Bau des Stadtpalais überwacht hatte. Er war reich und hatte sein außerordentliches Vermögen im Transportgeschäft verdient, aber das war nur der Anfang gewesen.

Seitdem hatte er mehr als dreißig Jahre in dem großzügigen Stadtpalais gelebt und in dieser Zeit ein weiteres großes Vermögen als Aktionär von Eisenbahngesellschaften verdient. Allerdings hatte er nie erwogen, in ein größeres Haus umzuziehen oder ein solches zu bauen. Das »alte Geld« – die Knickerbockers und andere alteingesessene vermögende Familien vom Washington Square – machte einen Bogen um ihn, aber das kümmerte ihn nicht. Sein einziges Interesse galt dem Geld: es zu verdienen, es auszugeben und noch mehr zu verdienen. Die Gesellschaft von New York mochte die Nase über ihn rümpfen, aber am Ende konnte sie sein Vermögen nicht ignorieren. Niemand konnte das.

Das Haus selbst war ein solider, eleganter Backsteinbau mit Fassadenprofilen aus rötlich-braunem Sandstein. Hinter dem Haus führte ein Hof zu den Ställen entlang der Fourth Street. Die Salons im ersten Stock waren sehr gut ausgestattet, allerdings war das einzige kostbare Kunstwerk Hiram Powers Marmorbüste des herausragenden Mannes, die auf dem Gipfel seiner Macht angefertigt worden war – eine hoch aufgewachsene Gestalt mit lang gezogenem Gesicht, einem durchdringenden, berechnenden Blick und einem Wust an drahtigem Haar, das sich über seiner hohen Stirn erhob. Das war der Mann, dessen Worte alle Reporter hören wollten, den sie zitieren und von dem sie vielleicht sogar einen kurzen Blick erhaschen wollten: »The Commodore« Cornelius Vanderbilt.

Einige Monate zuvor hatten Reporter, die sich an der Tür von 10 Washington Place nach seiner Gesundheit erkundigt hatten, den alten Mann die Treppe herunterbellen hören: »Ich liege nicht im Sterben!« Aber das tat er. Seit acht quälenden, schmerzerfüllten Monaten lag er krank in seinem Schlafgemach aufgebettet, das mit einem Kontor und dem Boudoir seiner zweiten Gemahlin Frank Armstrong Crawford – benannt nach dem besten Freund ihres Vaters, als ihre Eltern noch glaubten, sie würden einen Sohn zur Welt bringen – verbunden war. Diese Räume wiesen nach Süden und hätten an einem weniger eisigen Wintertag die hellen Sonnenstrahlen durch die fransenbesetzten viktorianischen Vorhänge hereingelassen, die wahrscheinlich die Fenster säumten. An diesem Januarmorgen waren die Vorhänge aber ganz gewiss geschlossen.

Der Commodore war zweiundachtzig, und wenngleich man mit seinem Tod rechnete, war sowohl die Familie als auch die Stadt, zu deren Errichtung er beigetragen hatte, überrascht, als sich dieser tatsächlich einstellte. Am Abend zuvor, so wusste die New York Times zu berichten, habe er sich immerhin wohl genug gefühlt, um sich von seiner Bettstatt zu erheben und in einem Rollstuhl im Salon zu sitzen, seinem Lieblingszimmer, das von einem beeindruckenden Ölgemälde beherrscht wurde – ein Porträt seiner Mutter Phebe. Dort blieb er bis zehn Uhr abends, plauderte mit seiner Familie und einigen Freunden. Sein Sohn William H. Vanderbilt, den er Billy nannte, als er noch sein Lieblingssohn war, verbrachte einige Stunden mit ihm und vertraute dem Gesundheitszustand seines Vaters genug, um ohne große Besorgnis in sein eigenes Zuhause zurückzukehren.

Doch jedem Menschen schlägt irgendwann die Stunde; sie ereilte Commodore Vanderbilt noch vor dem Morgengrauen in seinem Bett. Gegen vier Uhr morgens berührte die Todesblässe seine Wangen, und kurz darauf versammelten seine Ärzte die Mitglieder des Haushalts vor seinem Bett. Die Times berichtete, der Commodore sei schwach, aber dankbar gewesen, dass seine Lieben um ihn versammelt waren. Er habe sie gebeten, einige seiner bevorzugten Kirchenlieder zu singen, um seinen Geist wach zu halten. Die Totenwächter, die von einem Reverend Doctor Charles Deem von der Kirche Church of the Strangers angeführt wurden – eine Kongregation aus versprengten Südstaatlern, in der sich Frank sehr engagierte –, stimmten in die andächtigen Lieder ein, und der Commodore versuchte vergeblich mitzusingen. Dann verloschen seine Augen, er tat einen letzten friedlichen Seufzer, und seine letzten Worte lauteten: »Das war ein schönes Gebet.«

So lautet die Version der Times. Sie ist gewiss schmeichelhaft und steht im Einklang mit viktorianischen Fantasien, wie ein gutes, schickliches Haus und das spirituelle Leben eines Mannes vom Format des Commodore beschaffen sein sollte. Aber entspricht sie der Wahrheit? Die begierigen Zeitungen hatten ständig auf Schlagzeilen über diesen überlebensgroßen Mann und seine letzten Tage gelauert. Die New Yorker Zeitung World berichtete, der Commodore habe beklagt, dass der Teufel hinter ihm her sei. Die New York Sun pflichtete ihr bei und verstieg sich zu der Behauptung, Vanderbilt habe seinem Arzt offenbart, er und der Allmächtige kämpften gemeinsam gegen den Teufel. Und die Todesursache? Die Times schrieb sein Ableben der »Erschöpfung« zu, die New-York Daily Tribune sah einen gänzlich anderen Grund, nämlich »venerische Exzesse«. Verschlimmert wurde das Ganze durch den Umstand, dass die Tribune bis zu seinem Tod fünf Jahre zuvor von Horace Greeley geleitet worden war, und der Commodore hatte Greeley immer als einen Freund betrachtet.

Frank hatte beständig über ihren Gatten gewacht, seit er zum ersten Mal das Bett hüten musste, und ihre eigene Version der Ereignisse in einem Tagebuch festgehalten. Sie hatte geglaubt, er werde im vorausgegangenen Mai versterben, als er von heftigen Schmerzschüben geschüttelt wurde und keine Medizin ihm Linderung zu verschaffen schien. »Dein Wille, Herr, geschehe«, erinnert sie sich den Commodore Ende Mai stöhnen zu hören, während sie und die Dienerschaft an seinem Bett standen, »aber wenn der Herr noch irgendetwas für mich zu tun hat, möge er das Wohlgefallen haben, die Schmerzen aufzuschieben und mich in die Lage zu versetzen, es zu vollenden.«

Am nächsten Tag, sagte sie, habe der Commodore seine Hand auf Franks Haar gelegt und gesagt, sie sei die letzte Verbindung, die ihn an das Leben auf Erden fessele – das gelte weder für seine Kinder, wohlgemerkt, noch für seine Enkel, nicht einmal für sein Werk (den Bau einer Eisenbahnstrecke in die amerikanische Wildnis oder den Bau eines Transportnetzes bis nach Nicaragua) noch für sein Vermögen (das alle Vermögen, die jemals in der Geschichte der amerikanischen Geschäftswelt angehäuft worden waren, überstieg). Doch als die Dunkelheit ihn in jenem Frühling umfing, schrieb Frank, sei er dankbar gewesen, dass er zur Gründung der Universität in Tennessee, die seinen Namen trug, habe beitragen können. Der Commodore hatte die Schule mit elf Jahren verlassen. Dass eine Universität nach ihm benannt wurde, erfüllte ihn wahrscheinlich mit tiefer Zufriedenheit. Ein erneuter Beweis, dass mit Geld alles möglich war.

Allerdings hatte der Commodore sich selbst im Verlauf der Jahre zahlreiche Denkmäler errichtet. Da waren die Schiffe und Eisenbahnen, die seinen Namen trugen, und die Selbstporträts, die er in Auftrag gegeben und seinen Lieblingskindern gewidmet hatte. Im Jahr 1866 hatte er den Saint John’s Park gekauft, eine üppige, exklusive Enklave, die von Varick Street, Beach Street, Hudson Street und Laight Street in Lower Manhattan begrenzt wurde und auf die gleiche elegante Weise angelegt worden war wie Gramercy Park. Er war von prächtigen Villen umgeben, mit einer würdevollen Kirche in der Mitte sich kreuzender Pfade, die zum nachmittäglichen Lustwandeln einluden. Vanderbilt ließ die ausladenden Bäume fällen, das Gras herausreißen und die Pfade zuschütten, um das Hudson River Railroad Depot zu errichten, ein Umschlagbahnhof und Lagergebäude für Frachtzüge, die aus New Jersey und anderen westlichen Punkten nach Manhattan einfuhren. Im Oktober 1869 (demselben Jahr, in dem der Commodore und Frank heirateten) ließ er nach Fertigstellung des Lagergebäudes hoch auf der westlich gelegenen Mauer eine Statue seiner selbst aufstellen, die auf beiden Seiten von einer Flachrelief-Skulptur voller Verweise auf sein Transportimperium und seine Eisenbahnen flankiert wurde – eine Zelebrierung seiner Triumphe über all diejenigen, die versucht hatten, geschäftlich mit ihm zu konkurrieren. Als die Skulptur enthüllt wurde, beschrieb die Zeitschrift The Nation sie als ein Denkmal »der Unverfrorenheit, des bedingungslosen Vorwärtsstrebens, der Skrupellosigkeit und der schamlosen Rücksichtslosigkeit gegenüber den Rechten oder berechtigten Meinungen anderer«. In den 1890er-Jahren hatte sich das Gebiet um das Gebäude in ein Elendsviertel verwandelt. Die prächtigen Villen, die einst den Park umgeben hatten, mit ihren gefliesten Böden und den Salons, die so weitläufig waren, dass man darin eine Quadrille tanzen konnte, waren in überfüllte Mietskasernen mit Waschzubern, Wäscheleinen und Ofenrohren verwandelt worden, die sich bis zu den Feuerstellen schlängelten. Heute ist diese Gegend ein Verkehrsknotenpunkt, der den Autoverkehr zu den Brücken von Williamsburg und Manhattan leitet. Die Statue, die der Commodore sich selbst zu Ehren errichtet hatte, wurde schließlich ungefähr zwei Meilen nördlich bis zum Grand Central Terminal versetzt, wo sie noch heute steht.

Am 1. Juni 1876, als sich sein Gesundheitszustand zu verschlechtern schien, verkündete der Commodore dem Vernehmen nach, er habe all seinen Feinden vergeben. »Ich hege keinen Groll gegen irgendjemanden«, erinnerte sich Frank ihn sagen zu hören, die keine Zweifel daran hatte, dass es umgekehrt viele Leute gab, die ihrem Gatten grollten. Am folgenden Tag flehte er, ihm möge die Kraft gewährt werden, sich nicht zu beklagen. Am elften Tag, einem Sonntag, zitiert ihn Frank mit den Worten: »Du warst mir ein treu ergebenes Weib und hast mir gutgetan. Die göttliche Vorsehung hat uns zusammengeführt, und ich hoffe, dass wir auch im Himmel vereint sein werden.«

Frank hatte den Commodore acht Jahre zuvor, am 21. August 1869, geheiratet, als er fünfundsiebzig war und sie dreißig. Sie, die in Mobile, Alabama, geboren wurde, war im Anschluss an die Niederlage der Konföderation mit ihrer Mutter in Not und Elend in den Norden gereist und schließlich in New York City gelandet. Dort suchten sie nach ihrem entfernten Cousin Cornelius Vanderbilt und schafften es, sich so gründlich einzuschmeicheln, dass Frank und der Commodore zu ihrer Hochzeit heimlich nach Kanada reisten, ein Jahr, nachdem seine erste Frau Sophia gestorben war. Bei der Trauung waren nur wenige von Franks Freundinnen anwesend und keines der Vanderbilt’schen Kinder.

Frank war eine unverhohlene Sympathisantin der Konföderierten, eine selbst ernannte Rebellin, und es war ihrem Einfluss und ihren Kontakten zu verdanken, dass der Commodore 1 Million Dollar für die Methodist Episcopal Church South spendete, um die Central University in Tennessee zu gründen, die schließlich ihm zu Ehren in Vanderbilt University umbenannt wurde. Theoretisch machte er dieses Geschenk als Geste des Friedens an den Süden, nachdem er der Union Navy mit der U.S.S. Vanderbilt ein Schiff im Wert von 1 Million Dollar geschenkt hatte. Mit dieser Finanzausstattung für die Universität konnte der Commodore seine öffentliche Anerkennung deutlich erhöhen.

Trotz der Berichte über seine Befürchtungen über den Teufel war Cornelius Vanderbilt nie ein Kirchgänger gewesen. Nur aufgrund Franks Engagement in der Church of the Strangers war Reverend Doctor Deems ein häufiger Gast am Krankenbett des Commodore, der den leidenden Mann zu Gebeten anleitete und mit Frank fromme Lieder anstimmte, um ihm Zuversicht zu geben. Deems’ Zuwendung für den Commodore wurde womöglich von dessen Spende in Höhe von 50 000 Dollar beflügelt, mit der die Strangers ihr Kirchengebäude erwerben konnten.

Einen Großteil des Monats Juni verbrachte der Commodore damit, sich über seine jüngere Frau den Kopf zu zerbrechen. Er erzählte jedem, der es hören wollte, wie gut sie zu ihm gewesen war, und wünschte laut, seine Familie könne das verstehen. Er wollte, dass sie mit ihm in der Familiengruft begraben würde, die er für viel Geld hatte errichten lassen – falls sie es wünschte. Am 5. Juni verlieh er seinem Wunsch Ausdruck, die Finanzausstattung der Universität zu vergrößern, und sagte Frank, sie solle ihr Vertrauen in seinen ältesten Sohn Billy setzen.

Laut Frank betete der Commodore Gott um Vergebung für seine Sünden und Verfehlungen und bat ihn, Er möge »die Herzen seiner Nachkommen rühren und sie alle überzeugen«. Wovon genau, ist nicht klar. Wahrscheinlich bezog er sich auf seine zweite Ehe, die er im vorgerückten Alter eingegangen war und die seine Töchter missbilligten, oder seine Pläne zur Aufteilung seines Vermögens. Als es hieß, sein Ende sei nah, waren die Kinder dieses herausragenden Mannes eines nach dem anderen eingetroffen, um ihm an seinem Krankenbett einen Besuch abzustatten. Nicht immer ließ er sie ins obere Stockwerk vor, wenn ihm nicht danach war. Am 11. Juni kam sein Sohn Cornelius am Washington Place vorbei, in der Erwartung, seinen Vater zu sehen, und wurde wieder fortgeschickt. Obwohl er den gleichen Namen trug wie der Commodore, war der jüngere Cornelius stets eine Quelle der Scham gewesen. Das sollte nicht einmal der nahende Tod ändern.

Frank versuchte, »Com«, wie sie ihren Gatten nannte, Gott näher zu bringen. Wenigstens über diesen Punkt herrscht keine Unstimmigkeit. Wahrscheinlich gab es nur wenige Männer, die am Morgen des 4. Januar 1877 stärker der Vergebung Gottes bedurften als Commodore Vanderbilt. Als meisterhafter Manipulator und Erfinder und Verbreiter seiner eigenen Legende schwelgte Cornelius Vanderbilt in der Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwurde, und genoss die Furcht der Männer, die mit ihm Geschäfte machten, und noch mehr die Furcht der Männer, die gegen ihn Geschäfte machten. Auch von seinen Kindern wurde er gefürchtet, deren Leben er mit Kontrolle und wertendem Urteil beherrschte. Mehr als alles andere ließ jedoch das Geld den Commodore aufblühen. Er hatte es aus der Wildnis herausgesprengt, indem er schier endlose Strecken an Eisenbahnschienen verlegte, und es mit Masten und Segeln und später mit Dampfschiffen aus dem Wasser gesogen. Als der letzte Atemhauch seinen Körper verließ, hinterließ dieser Mann ein veritables Denkmal aus Geld.

Cornelius Vanderbilt begann sein Leben mit so gut wie nichts. Er besaß kaum formale Bildung und doch hinterließ er, der nun todgeweiht in seinem Bett lag, umringt von seinen Ärzten, seiner Frau und ihrem Geistlichen, mehr Geld, als irgendein Amerikaner damals je angehäuft hatte: 100 Millionen Dollar – mehr als 2 Milliarden Dollar nach heutiger Rechnung –, eine Summe, die jede Vorstellungskraft überstieg.

Cornelius Vanderbilt wurde am 27. Mai 1794 in den ersten Jahren der neuen Republik auf Staten Island in einem kleinen, unscheinbaren Farmhaus geboren, einem Gebäude im typischen klassizistischen Stil des ausgehenden 18. Jahrhunderts, mit bescheidenen Schindeln, ordentlichen Fensterläden und einer tiefgezogenen Veranda. Die »van der Bilts«, die von einem Niederländer abstammten, der als Schuldknecht in die Neue Welt gekommen war, bevor er in Brooklyn seinen Claim absteckte, hatten auf Staten Island für fast ein Jahrhundert Landwirtschaft betrieben, als Cornelius geboren wurde. Nach übereinstimmenden Berichten war er ein unruhiger Junge. Die Familienfarm, die er bei seinem Tod noch immer besaß, zusammen mit einer kleinen Hütte in der Union Street, in der seine Mutter Phebe gelebt hatte und die zu verkaufen er sich aus Sentimentalität immer geweigert hatte, reichte bis zum Wasser. Als Kind beobachtete er vom Ufer, wie salzverkrustete Bootsmänner kleine Fähren durch die schwierigen Strömungen rund um Staten Island steuerten, ihre Kähne voll beladen mit Farmprodukten und, ganz gelegentlich, einem Passagier, und sich hier und dort ein paar Pennies verdienten. Cornelius’ Vater, dessen Namen er trug, war einer von ihnen.

Sein Vater war frei von Ehrgeiz. Er bestellte seine Felder, fischte, ernährte seine Frau und neun Kinder, und so gingen die Jahreszeiten auf Staten Island ineinander über, ein Jahr nach dem anderen. Der junge Cornelius, der von seiner Familie Cornele genannt wurde, kam nach seiner Mutter, zumindest was seine Pfiffigkeit betraf. Phebe war Engländerin, pragmatisch, konnte ausgezeichnet mit Geld umgehen und hatte ihre Farm bereits einmal vor einer Zwangsversteigerung gerettet, indem sie die erforderliche Summe in bar vorlegte – Geld, das sie heimlich gesammelt und in einer alten Uhr versteckt hatte.

Cornele ging nicht gerne zur Schule; er zog es vor, auf dem Zweimast-Segelschiff – auch Periauger genannt – seines Vaters zu arbeiten. Cornele war zwar noch ein Kind, aber er transportierte bereits Gemüse und Passagiere zwischen Staten Island und Manhattan – eine Entfernung von ungefähr fünf Meilen oder eine einstündige Segelfahrt, falls der Wind und die Gezeiten günstig waren. Der Periauger war breit und flachbodig und somit gut für Frachttransporte. Mit seinen Bermuda-Riggs war das kiellose Segelschiff in seichten Gewässern leicht zu manövrieren, es war schnell vor den beständigen Winden im Hafen, und bei Flaute konnte man mit einer Stocherstange staken. Dennoch war es für ein elfjähriges Kind – so alt war der Junge, der einmal der Commodore sein würde, als er die Schule verließ und begann, sich Geld auf dem Wasser zu verdienen – eine beachtliche Leistung, einen Periauger durch die Strömungen der Meerenge zu navigieren.

Im Verlauf der Jahre haben sich fragmentarische Anekdoten über Corneles Kindheit erhalten, allerdings schrieb er sie nicht selbst auf, daher lassen sie sich unmöglich überprüfen. Tatsächlich war der Commodore gerade kurz vor der Grenze zum Analphabeten, und die erhaltenen Beispiele seiner Handschrift sind beinahe unleserlich. Die Geschichten könnten Mythen oder Lügen sein, die Vanderbilt erfand, um seine eigene Legende zu unterlegen, oder von Schreibern wie den nüchternen Reportern der New York Times, die dem wild fluchenden Commodore einen derart engelsgleichen Tod andichteten, erfunden worden sein, um eine Kindheit auszuschmücken, für die es kaum vertrauenswürdige Belege gab.

Am Tag nach seinem Tod berichteten die Zeitungen, eine der eindrücklichsten Erfahrungen seiner frühen Jahre habe er mit sechs Jahren gemacht, als er sich auf einem Pferd im wilden Galopp in der Meeresbrandung mit einem anderen Jungen, der ungefähr zwei Jahre älter war, ein Wettrennen lieferte. Der Historiker T. J. Stiles schreibt in seiner Biografie über Commodore Vanderbilt, es habe sich bei diesem anderen Kind um einen Sklavenjungen der Nachbarn gehandelt. Zwar wurden keine Aufzeichnungen gefunden, die darauf hindeuten, dass die Eltern des jungen Commodore Sklaven besaßen, aber viele niederländische Familien in New York taten das. Stiles weist darauf hin, dass sich 1790 jede dritte Familie auf dem nördlichen Staten Island auf Sklavenarbeit verließ. Die Tribune verstieg sich gar zu der Behauptung, der Junge, mit dem Cornele einst um die Wette galoppiert sei, sei achtzehn Monate vor dem Tod des Commodore an dessen Bett erschienen, und zwar als schwarzer Methodistenprediger »im vorgerückten Alter«, und beide hätten in Erinnerungen an ihre gemeinsamen Kindheitserlebnisse geschwelgt. Diese Anekdote, die typisch für die weiße Sichtweise der Reconstruction-Phase nach dem Bürgerkrieg war, hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht stattgefunden.

Eine weitere oft wiederholte Geschichte ereignete sich vermeintlich, als Cornele zwölf Jahre alt war. Ein Schiff lief bei Sandy Hook auf eine Sandbank, deren Landzunge von New Jersey bis zum Hafen von New York, südöstlich von Staten Island, aus dem Wasser ragte, und sein Vater erhielt den Auftrag, die Fracht zu retten. Diese massive Operation erforderte die Kraft mehrerer Männer, dreier Waggons und einiger Lastkähne. Der zwölfjährige Junge wurde damit beauftragt, die beladenen Waggons von dem gestrandeten Schiff auf der einen Seite der Halbinsel zu den wartenden Booten auf der anderen Seite zu bringen. Als die Lastkähne beladen waren, fuhr Cornelius der Ältere mit ihnen davon und überließ Cornele die Verantwortung, die leeren Waggons und die Transportarbeiter über Land nach Perth Amboy zu bringen, das in einer Entfernung von beinahe 30 Meilen lag. Bei seiner Ankunft in Perth Amboy hatte Cornele fast sein gesamtes Geld für Mahlzeiten für die Arbeiter und Futter für die Zugpferde ausgegeben und hatte nichts mehr übrig, um die Fähre zurück nach Staten Island zu bezahlen. Der Fährschiffer wollte 6 Dollar. Cornele ging zu einer nahe gelegenen Taverne, um sich Geld zu leihen, und ließ ein Pferd als Pfand zurück, mit dem Versprechen, das Darlehen innerhalb von vierundzwanzig Stunden zurückzuzahlen. Er hielt sein Wort.

Die Botschaft dieser Geschichten, ob sie nun wahr sind oder nicht, ist, dass Cornelius Vanderbilt willensstark, dickköpfig, manipulativ und zu beinahe jedem Risiko bereit war, um Geld zu verdienen. Die zweite Geschichte, so argumentiert Stiles, hatte in der Wahrnehmung des jungen Mannes außerdem verankert, dass der Fährschiffer die Freiheit besaß zu verlangen, was immer er wollte.

Außerdem verbarg der junge Cornelius Vanderbilt seine wahren Gefühle. Er schien für seinen Vater eine diffuse Verachtung zu verspüren, wenngleich ihn das nicht davon abhielt, gemeinsam mit ihm das Fährgeschäft zu betreiben. Auf jeden Fall verehrte er seine Mutter, aber die Beziehungen zu seinen Geschwistern waren eher flüchtig. Zum Beispiel ist nichts dazu überliefert, wie er auf den Tod seines Bruders Jacob reagierte, noch wie er sich gefühlt haben mochte, als der folgende Sohn, den Phebe zur Welt brachte, ebenfalls auf den Namen Jacob getauft wurde, um seinen Bruder zu ersetzen. In Cornelius’ Geschichte gibt es kaum Hinweise oder Raum für zarte Empfindungen oder Gefühle. Er wollte Geld. Nicht aus dem Wunsch heraus, wie man meinen könnte, die Lebensumstände seiner Familie zu verbessern, sondern um seiner selbst willen. Geld bedeutete Macht. Geld bedeutete Freiheit. Und das war es, was der junge Mann, der spätere Commodore, suchte.

Mit fünfzehn langweilte es ihn, den Periauger für seinen Vater zu navigieren. Im Mai 1810, auf der Höhe der Napoleonischen Kriege zwischen England und Frankreich, als sich die Vereinigten Staaten intensiv darum bemühten, neutral zu bleiben und dennoch vom Seehandel zu profitieren, erklärte er gegenüber seiner Mutter, er wolle zur See fahren. Phebe ließ sich jedoch nicht täuschen. Sie betrachtete seine Ankündigung als das, was es war: eine Taktik. Ein Artikel im New York Herald, der zur Zeit des Ablebens des Commodore erschien, schilderte, was als Nächstes passierte.

Mit der Andeutung, er werde in New York bleiben, wenn er nur ein eigenes Boot besäße, gelang es Cornelius, Phebe 100 Dollar abzuluchsen (nach heutiger Rechnung rund 2100 Dollar), um ein Boot zu kaufen. Seine Mutter war skeptisch. Sie hatte das Geld, aber sie wusste auch, dass ihr Mann darauf zählte, dass Cornelius ihm auf der Farm und im Fährgeschäft half.

Sie wies auf ein ungefähr drei Hektar großes Feld, das steinig und schwer zu bewirtschaften war. Wenn man der Geschichte Glauben schenken darf, war es der 1. Mai. »Am 27. dieses Monats ist dein Geburtstag«, sagte sie. »Wenn du dieses Feld bis dahin gepflügt, geeggt und Mais darauf gepflanzt hast, sollst du das Geld bekommen.«

Cornelius tat, wie ihm geheißen. Allerdings nicht eigenhändig, vielmehr überzeugte er eine Gruppe weiterer Jungen davon, ihm zu helfen. So wird die Geschichte üblicherweise erzählt. Aber »überzeugen« ist vielleicht das falsche Wort. Anstatt eine Gruppe von Freunden zu überreden, ihm zu helfen, wie ein Tom Sawyer der realen Welt, ist es durchaus möglich, dass Cornele sich einfach Sklavenjungen genommen hat. Das werden wir nie erfahren.

Mit dem Geld seiner Mutter kaufte er im Alter von sechzehn Jahren seinen eigenen Periauger in Port Richmond, Staten Island, und segelte nach Hause. Innerhalb von sechs Monaten hatte er seinen Vater aus dem Fährgeschäft gedrängt und legte in Manhattan in der Nähe des Battery Park an – an derselben Stelle, wo die Staten-Island-Fähre heute andockt.

Cornelius war ein großer, muskulöser Junge mit kräftigen Beinen und dem breiten Rücken eines Ruderers. Er fühlte sich nicht nur wegen der physischen Anforderungen, die das Segeln stellt, und wegen der Herausforderungen von Wind, Wellen und Strömungen zum Wasser hingezogen, sondern auch wegen des Versprechens der Selbstbestimmung. Seinen eigenen Periauger zu segeln bedeutete, dass der junge Cornelius alle Risiken auf sich nahm, aber niemandem rechenschaftspflichtig war und seine Einkünfte nicht teilen musste. Das Fährgeschäft war der perfekte Weg für einen jungen Mann mit zunehmendem Erfolgshunger, der ungeduldig darauf wartete, dass er bekam, was er wollte. Dieses Freiheitsgefühl durchzog die Kais von Staten Island und Manhattan, und Cornelius fühlte sich in seinem Element. Er trank, hurte und scheute keine handfeste Auseinandersetzung. Die Kais waren der Schmelztopf, in dem Cornelius Vanderbilts Drang nach Expansion geweckt wurde. Die älteren Bootsmänner verliehen ihm in diesen Jahren aus Spaß den Spitznamen »Commodore«. Er blieb an ihm haften, und sie sollten nicht lange lachen.

Ein Jahr, nachdem seine Mutter ihm das Darlehen gewährt hatte, zahlte er es zurück. Als die Briten die Ostküste der Vereinigten Staaten blockierten, um 1812 den amerikanischen Handel mit Frankreich zu unterbinden, erkannte der junge Commodore darin sofort eine Chance, viel Geld zu verdienen. Die amerikanischen Schiffe, einschließlich derjenigen, die für den Regional- und Küstenhandel verwendet wurden, lagen in den Häfen fest, und die Güter, die entlang der östlichen Meeresküste verschifft worden waren, mussten nun auf dem Landweg transportiert werden. Cornelius hatte keine Skrupel, mit den Briten zu verhandeln, die den Hafen von New York geschlossen hatten. Er transportierte Nachschub für das britische Militär und brachte Agrarprodukte vom Hudson River zu den hungrigen New Yorkern. Mit dem Geld, das Cornelius damit verdiente, sich auf beiden Seiten der Blockade zu verdingen, konnte er zwei weitere Periauger anschaffen. Außerdem hatte er genug Geld, um heiraten zu können. Im Jahr 1813 vermählte er sich im Alter von neunzehn Jahren mit seiner Cousine Sophia Johnson.