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Gesellschaftskritische Biographie Die Autorin wächst geborgen in einer Großfamilie auf. Nachdem ihr Bruder durch einen tragischen Unfall bereits im Alter von 15 Jahren verstirbt kümmert sich ihre Paten-Tante Anne in vielen Belangen um ihre weitere Erziehung. Der von Geburt an blinde Onkel ruft wegen der zunehmenden Demenz von Tante Anne von sich aus das Familiengericht an, was sich im Nachhinein als sehr unglücklich erweist. Tante und Onkel haben keine Betreuungs-Vollmacht und sind nicht unvermögend. Das verändert anscheinend die richterlich verfügte Betreuungs-Situation. Erst als die Nichte selber die Betreuung übernehmen will zeigen sich in aller Deutlichkeit die Mißstände. Die zuständige Justiz bestellt häufig ohne Rücksprache mit den betroffenen Angehörigen gesetzliche Betreuer und übernimmt in vielen Fällen auch die finanzielle Fürsorge. Jeder sollte deshalb rechtzeitig eine Vorsorge- und Betreuungs-Vollmacht für sich erstellen.
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Vorwort
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
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Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
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Nachwort
Die nachfolgende Geschichte beruht auf Tatsachen.
Den Gedanken, die Ereignisse niederzuschreiben, hatte mein Mann. Er hat mich immer wieder ermutigt und unterstützt, wenn ich zweifelte oder aufhören wollte. Vielen Dank dafür.
Ohne meine Tante Anne jedoch wäre das Buch überhaupt nicht möglich gewesen. Sie musste die Geschehnisse erleben und erleiden. Ich glaube, solange es Menschen gibt, wird es solche oder ähnliche Ereignisse immer wieder geben, genauso wie es sie in der Vergangenheit mit Sicherheit schon vielfach gab.
Keinem Menschen wünscht man die Erlebnisse meiner Tante Anne – speziell nicht das, was sie in ihren letzten Jahren durchmachen musste. Ihr gilt mein größter Respekt, verbunden mit einer tiefen Liebe. Sie musste alles mit verletzter Seele und großer Verwirrtheit erleiden und durchleben. Ich weiß heute nicht, wie es meiner Tante Anne geht und wo sie ist. Manchmal telefoniere ich in Gedanken mit ihr und hoffe, dass es ihr trotz allem einigermaßen gut geht und sie mich vielleicht „hören“ kann. Mein Herz ist heute noch schwer, wenn ich an sie denke.
Ich wünsche mir, dass alte Menschen nicht mehr aus unserer vom Jugendwahn besessenen Welt ausgeblendet werden. Wir alle sollten daran denken, dass jeder von uns alt wird. Wo befindet sich jemand geistig, wenn er beginnt, verwirrt zu werden und diese Verwirrtheit so weit fortschreitet, dass er niemanden mehr erkennt und nichts mehr aus seinem Leben weiß. Was wissen wir von diesem Zustand? Können wir ihn überhaupt begreifen? Keiner von uns weiß, was ihm in dieser Hinsicht bevorsteht. Gott sei Dank.
Beginnen wir mit meiner Geburt.
Offensichtlich gezeugt an einem fröhlichen Faschingstag, musste meine Mutter neun Monate später 36 Stunden lang leiden. An einem trüben Novembertag wollte ich mit meinen Füßen zuerst auf diese schöne und eigenartige Welt plumpsen. Das war unmöglich und für meine Mutter kein leichtes Unterfangen. Zudem war sie damals erst achtzehn Jahre alt. Wir haben's mit entschiedener Hilfe der Hebamme beide irgendwie geschafft. Meine Mutter war danach aber auch sehr angeschlagen. Damalige Bilder bezeugen, dass meine junge Mutter nach der Geburt nicht so gut aussah. Ich durfte sie über fünfzig Jahre an die damalige Steißgeburt erinnern und denke sehr dankbar an unsere gemeinsamen Jahre zurück. In vielen kleinen alltäglichen Situationen vermisse ich sie heute sehr und wünschte mir, dass wir uns gegenseitig noch ein bisschen länger hätten erleben und begleiten dürfen. Ich gäbe viel dafür, sie noch einmal in den Arm nehmen zu dürfen oder ihre Hände zu streicheln und in ihr Gesicht zu sehen.
Zur Freude aller war ich der erste Sprössling und zudem das erste Enkelkind. Wenn ich den Geschichten und Erzählungen Glauben schenken darf, haben mich alle sehr geliebt und geherzt. Vor allen Dingen die Geschwister meiner Mutter, drei Schwestern und vier Brüder, allen voran mein Opa, konnten sich nicht halten, mich zu knuddeln und abzuküssen. Wir lebten damals bei meinen Großeltern in einem Siedlungshaus. Lachend wird heute noch erzählt, dass sie mich in einem wunderschön dekorierten Babykörbchen immer mitten in die Runde stellen mussten, damit ich schlief. In einem ruhigen Zimmer abgestellt, habe ich wohl geschrien, was das Zeug hielt. So war das, und es war wunderschön, zumindest das, was ich aus dieser Zeit weiß. Bis zu ihrem Tod 1996 mit etwas über neunzig Jahren war meine Oma der geliebte Mittelpunkt der Familie. Aber zur Zeit meiner Geburt dachte noch niemand an ihren Tod. Es war eine Zeit, in der es nicht viel gab. 1951 kann man wohl noch als Nachkriegszeit bezeichnen.
Meine Großeltern hatten einen großen Garten, mein Paradies. Dort konnte ich auf Bäume klettern, Obst naschen und Zelte bauen, einfach Kind sein. Aber zuvor muss noch erzählt werden, dass ich auch getauft wurde. Meine Tante Anne war damals zwanzig Jahre alt. Sie und ihr Mann Willi hielten mich über das Taufbecken und übernahmen so mit ganzem Herzen die Patenschaft. Sie hielten mich in all den Jahren wie Eltern, obwohl zwischendurch der Kontakt nicht ganz so eng war. Aber als Kind durfte ich oft zu ihnen nach Hause kommen. Sie verwöhnten mich dann nach Strich und Faden.
Meine Pateneltern wurden zwei Jahre nach meiner Geburt selbst Eltern. Meine Cousine sollte leider ein Einzelkind bleiben. Man kann aber sagen, dass wir zusammen aufwuchsen. Der Familienzusammenhalt war sowieso groß, und wir trafen uns oft bei meiner Oma. Es war für mich immer ein Festtag, wenn wir bei ihr waren. Jahrelang haben sich meine Mutter und meine Tante Berti samt Kindern jeden Mittwoch im Siedlungshäuschen meiner Großeltern getroffen. Oma hatte als erste eine Waschmaschine plus Schleuder. So kamen wir zum Wäschewaschen, zum Essen und Erzählen. Meine Tante Katharina hatte damals gegenüber gewohnt. Sie kam dann auch oft dazu mit ihren Kindern. Das war ein fröhliches Hallo. Vor allem, wenn sich noch meine Patentante mit meiner Cousine dazugesellte. Diese Tage liebte ich und freute mich, nach der Schule mit dem Bus in die Siedlung fahren zu können. Wir hatten alle nicht viel und waren miteinander doch so fröhlich und reich.
An meinen Opa kann ich mich nur dunkel erinnern. Er arbeitete Schicht im Gaswerk. Dadurch war er oft weg, und wenn er zu Hause war, schlief er. Ich erinnere mich gern an die Zeiten, wenn er nach dem Nachtdienst heimkam und mich im Sommer auf den Stufen vor dem Haus zwischen seine Knie nahm und mit einem großen Gartenschlauch den Garten wässerte. Diesen Geruch von Wasser und Erde habe ich heute noch in meiner Nase. Das war Geborgenheit pur. Aber Opa ist früh gestorben, in seinem geliebten Gaswerk. Er erlitt einen Herzinfarkt und war sofort tot. Die Familie um meine Oma herum ist danach nur noch mehr zusammengerückt.
Da war noch mein Onkel Hans mit Familie, der Älteste meiner Onkel. Er lebte im Erdgeschoss des Häuschens und hatte zwei Töchter. Meine Cousinen und ich spielten gerne in dem Garten, bauten Zelte oder besuchten den Hasen- oder Hühnerstall. Ich wünsche jedem Kind eine solche herrliche Zeit, wie ich sie erleben durfte.
Dann ist noch mein Onkel Gerhard zu erwähnen. Er lebte bis zu seinem Tod bei meiner Oma. Er litt unter starken Asthma-Anfällen, die ihn Jahre später, mit 35 Jahren, auch das Leben kosten sollten. Aber damals hat keiner an so etwas gedacht, glücklicherweise. Nur, wenn er diese starke Atemnot hatte, wurde mir schon ganz angst. Manchmal war es so schlimm, dass er seinen Kopf an die Wand schlug, immer und immer wieder, weil er keine Luft bekam. Ich kann mich noch gut an das Entsetzen und die Hilflosigkeit meiner Oma erinnern. Selbst als kleines Kind spürt man diese Gefühle sehr stark, auch wenn nicht viele Worte fallen. Mein Onkel Gerhard hatte mich oft auf seinem Motorrad mitgenommen, wenn es ihm gut ging, und später auch in seinem Lastwagen, wenn ich Ferien hatte und er für die Firma unterwegs war. Meine Ferien in der Siedlung bedeuteten Freiheit und Spaß.
Und dann gab es noch Onkel Günther. Er ist mittlerweile schon lange in Norddeutschland verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und ist selbst mehrfacher Opa. Aber damals wohnte er auch noch im Haus meiner Großeltern. Und schließlich gab es Onkel Klaus, der ebenfalls mit im Siedlungshäuschen wohnte und schon lange mehrfacher Opa ist. Man kann sich vorstellen, dass in dieser Großfamilie immer etwas los war.
So gibt es viele Geschichten, lustige und traurige zu erzählen. Sie ranken sich um gemeinsam erlebte Zeiten und lassen sie immer wieder lebendig werden. Sie führen zu einer unglaublichen Geborgenheit, und man empfindet ganz stark die verzweigten Wurzeln der Familie und des eigenen Lebens.
Ich kann mich an einen Vorfall gut erinnern: Oma schälte Kartoffeln, und ich wollte mich an den großen Esstisch zu den anderen setzen. Sie stand am Spülstein und hatte einen Stuhl hinter sich stehen. Ich nahm den Stuhl und setzte mich gedankenlos zu den anderen. Oma hat das offensichtlich nicht mitbekommen und wollte sich setzen. Das war keine gute Idee, denn der Stuhl war weg, und sie flog der Länge nach hin. Wir waren erst sprachlos, Oma stand auf und schimpfte wie ein Rohrspatz. Aber dann mussten wir alle so lachen, dass wir keine Luft mehr bekamen. Mir tat das nachher sehr leid, denn Oma hatte sich schon ein bisschen wehgetan. Sie war eine schwere Frau, die sich deshalb auch nicht so gut abfangen konnte. Diese Geschichte erzählen wir uns heute noch, und ich mittlerweile auch meinen erwachsenen Kindern. Ich muss heute noch oft darüber lachen. Aber ich denke, Oma lebt dadurch in und mit uns, und wenn sie auf uns herunterblickt, muss sie bestimmt auch über viele Ereignisse schmunzeln, die sich damals in dem Häuschen zutrugen.
Eine andere Geschichte spielte sich in der Weihnachtszeit ab. Oma hatte Plätzchen gebacken wie ein Weltmeister, eine riesengroße Kiste voll. Ich durfte in den Weihnachtsferien wieder ein paar Tage da sein, als mein Onkel Gerhard – er war damals vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt – auf die Idee kam, die Kiste mit den Plätzchen zu suchen. Er wollte ein paar davon probieren. Wer suchet, der findet. Sie stand unter dem Bett meiner Großeltern und duftete verführerisch. Er nahm ein paar davon und gab auch mir welche ab. Zu diesem Zeitpunkt war die Kiste noch voll. Was schmeckten die Plätzchen so gut! Er muss sich danach noch öfter daraus bedient haben, denn am Weihnachtstag wollte Oma einen schönen Teller mit Plätzchen auf den Tisch stellen, wie gesagt, es gab ja nicht viel, und die Kiste war fast leer. Es waren nur noch ein paar Reste und Krümel darin. Jeder kann sich wohl vorstellen, was da los war.
Die jüngste Tochter meiner Großeltern konnte ich leider nicht kennenlernen, da sie viele Jahre vor meiner Geburt an Diphtherie gestorben war. Es gab damals noch keine Möglichkeiten ihr zu helfen, sie muss ganz schlimm erstickt sein.
Meine Großeltern hatten kein leichtes Leben. Sie mussten zwei Kriege erleben. Meine Oma hat bis zu ihrem eigenen Tod drei ihrer Kinder beerdigen müssen. Es ist sehr viel gelebtes Leid, was ich in diesen drei Sätzen versuche auszudrücken. Ich kann mich jedoch nicht erinnern, dass sie jemals geklagt hat. Sie war immer nur für alle da mit ihrer ganzen Liebe und hat uns allen unendlich viel geschenkt.
Der Leser muss das wissen, denn dann kann er das Verhalten meiner Tante Anne später viel besser verstehen. Oma lebte uns allen eine großartige Menschlichkeit und Liebe vor, die nur gab und für sich selbst nichts nahm. Sie lebte die Tage und Vorkommnisse wie sie kamen, ohne zu jammern und zu klagen. Oh, ich weiß noch, wie müde sie oft war. Und ich kann mich an Zeiten erinnern, wo sie im fleckigen Rock immer nur am Herd stand und brutzelte, morgens noch müde, weil die Nacht zu kurz war, und abends noch mehr müde und gähnend, weil sie den ganzen Tag nur für ihre Lieben gewirkt hatte. Opa war wohl auch nicht gerade der charmanteste Ehemann. Auch als Kind spürte ich schon, dass er nicht sehr liebevoll zu ihr war. Aber auch darüber hat sie nie geklagt. Sie kannte keine Ferien und keine Selbstverwirklichung und war der liebste Mensch, den ich in meinem Leben kennen durfte. Wobei ich sagen muss, dass Opa zu mir, seinem ersten Enkelkind, immer nur lieb war. So habe ich ihn in Erinnerung, und das ist gut so.
Meine Tante Anne war die älteste Tochter meiner Großeltern. Meine Mutter und sie und die anderen Geschwister erzählten immer wieder die Geschichte von einem „schönen“ Weihnachtsabend: Alle warteten wohl auf Opa, der Spätdienst hatte. Es war Heiligabend. Meine Mutter und Tante Anne hatten als Mädchen der Familie den Baum zu schmücken. Bescherung gab es aber erst, wenn Opa daheim war, und das war am besagten Heiligabend sehr spät. Opa kam, alle freuten sich, es wurde endlich gemütlich und weihnachtlich. Meine Familie stimmte schließlich Weihnachtslieder an, auch Opa. Er hatte eine tiefe Bassstimme und
